Wo die Wolle wächst

Ein Bericht aus dem Usbekistan-Panel von Franziska Kleinschrodt

Baumwolle und Usbekistan – das würden wohl die wenigsten miteinander in Verbindung setzen. Dabei würde ein Blick in den Kleiderschrank genügen, um einen ersten Anhaltspunkt zu bekommen. Denn tatsächlich ist Usbekistan drittgrößter Baumwollexporteur der Welt und somit eng mit der Fashion-Industrie verknüpft. Eine Leistung, für die ein Großteil der Bevölkerung des Landes viele Opfer bringen muss.

Fünf Experten berichten über das nach außen verschlossene Land und lassen hinter die Fassade blicken:
Hugh Williamson

(Foto: Engagement Global/Bodo Tiedemann)


Hugh Williamson, derzeit Direktor der Abteilung Europa und Zentralasien von „Human Rights Watch„, beschäftigt sich in seiner Arbeit mit Menschenrechten und in Zusammenarbeit mit verschiedenen NGOs auch mit Arbeitsrechten.

Stig Tanzmann

 (Foto: Engagement Global/Bodo Tiedemann)


Stig Tanzmann arbeitet seit 2010 für das Hilfswerk „Brot für die Welt„. Als Referent für Landwirtschaft, hat er sich die Südwirkung von Agrarpolitiken der Staaten des globalen Nordens zum Fokus genommen.

Muyassar Turaeva

Foto: Muyassoar Turaeva)


In Usbekistan geboren und aufgewachsen, weiß Muyassar Turaeva am besten über die schwierige dortige Lage Bescheid. Seit 2014 ist sie Sprecherin der NGO „Sagart“ in Leipzig.

Umida Niyazova

 
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)


Umida Niyazova ist derzeit Direktorin der NGO “ Uzbek-German Forum for Human Rights (UGF)“, mit Sitz in Berlin. Wegen ihrer kritischen journalistischen Arbeit, wurde sie in ihrem Heimatland Usbekistan zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

Edda Schlager

 (Foto: Engagement Global/Bodo Tiedemann)


Edda Schlager, in Almaty in Kasachstan lebend, arbeitet sie als freie Journalistin mit vielen deutschen Medienhäusern zusammen. Ihre Artikel, mit Themenschwerpunkt Zentralasien, veröffentlicht sie außerdem auf ihrem Blog „eddaschlager.com„. Derzeit fungiert sie zudem als einzige deutsche Korrespondentin für dieser Region.

Baumwollproduktion unter staatlicher KontrolleAls Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, die ihre Kommunikation im Internet auf Beiträge beschränkt, die auf emotionale Provokation anderer Gesprächsteilnehmer zielt. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen Teilnehmer zu erreichen.

Zu Beginn berichtet Williamson, dass die Baumwolle zu den größten Exportgütern Usbekistans zählt und somit auch zu den wichtigsten Einnahmequellen des Landes – so wichtig, dass die Produktion streng staatlich organisiert und kontrolliert wird. Die Regierung zwingt dabei jedes Jahr knapp drei Millionen Landsleute systematisch zur Baumwollernte. Ob Arzt, Lehrer, Angestellter von Behörden, Student oder Schüler, das spielt keine Rolle. Für die Ernte muss jeder Usbeke seinen unfreiwilligen Tribut zahlen. Das Land billigt damit nicht nur Kinderarbeit, es verstößt gegen jegliche Menschen- und Arbeitsrechte, die wir als EU-Bürger kennen.
Diese Art der Baumwollproduktion wurde vor allem unter der autoritären Führung durch Präsident Islom Karimow von 1991 bis 2016 durchgeführt und gefördert. Durch die repressive Führung des Landes hatten internationale Akteure kaum Einblick, geschweige denn Einfluss auf das Land. Mit der neuen Regierung unter Präsident Shavkat Mirziyoyev scheint sich das Land jedoch wenigstens wirtschaftlich zu öffnen. Gleichzeitig erhöht sich damit der Druck auf Mirziyoyev seine versprochenen Reformen hinsichtlich der Standards von Menschen- und Arbeitsrechten im Land umzusetzen, da Investoren des Landes ansonsten die Gelder streichen. Diese wollen nicht in Verbindung mit Kinder- oder Zwangsarbeit gebracht werden. Es haben sich außerdem verschiedene internationale Kleidungsunternehmen zusammengeschlossen, die die beschriebene Kinder- und Zwangsarbeit nicht mehr unterstützen und dulden möchten. In geschlossener Form, soll ebenfalls Druck zum Handeln auf die Regierung ausgeübt werden.

Nun fragt man sich, wie es überhaupt so weit kommen konnte und wie so ein System fortbestehen kann? Hierzu gibt uns Stig Tanzmann in seinem Vortrag einen Einblick.

Hintergründe – wie kam es dazu?

Geschichte

Die Baumwollproduktion Usbekistans ist bis auf die Zeit des russischen Zarenreichs zurückzuführen, erklärt Stig Tanzmann. Zur strategischen Reduzierung von Baumwollimporten wurde Usbekistan als Land kolonialisiert. Sowohl die nachfolgende Sowjetunion, als auch nach der Unabhängigkeit im Jahre 1991, wurde dieses System fortgeführt.
Für Usbekistan bedeutet dies systematische Ausbeute von Mensch und Natur sowie konsequente Abhängigkeit von der Baumwollindustrie.

Politik

Auch tragen handelsverzehrende Agrarsubventionen der baumwollproduzierenden Länder einen Teil zu der entwürdigenden Lage in Usbekistan bei. Beispielsweise zahlt die USA als größter Baumwollproduzent jährlich zwischen 2 bis 3 Milliarden US-Dollar an die eigene Baumwollindustrie. Diese können ihre Ware dadurch billig am Weltmarkt anbieten. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss auch Usbekistan bei diesen billigen Preisen mitziehen, damit die eigene Baumwolle verkauft werden kann. Daher fordern Usbekistan und weitere Länder von der WTODie Welthandelsorganisation (WTO) ist die einzige internationale Organisation, die sich mit den Handelsregeln zwischen den Nationen befasst. Ziel ist es, Produzenten von Waren und Dienstleistungen, Exporteuren und Importeuren dabei zu helfen, ihr Geschäft zu betreiben. eine drastische Reduktion (90 Prozent) der Baumwollsubventionen weltweit. Diese Forderung ist mittlerweile in der Agenda 2030 verankert. Das Ganze hat jedoch auch viele Gegner – ganz vorne mit dabei ist zum Beispiel Deutschland, das, wie viele weitere Länder, die eigenen Agrarsubventionen weiterhin beibehalten möchte.

Baumwollarbeit – Sklavenarbeit?

Als Einwohnerin von Usbekistan, musste auch Muyassar Tuareva ihren Sold als Baumwollpflückerin erfüllen. In ihrem Vortrag gewährt sie uns einen Einblick zum Ablauf der Ernte. Dabei spricht sie nicht einmal mehr von Zwangsarbeit – sie nennt es Sklavenarbeit:
Die Erntearbeiten beginnen jedes Jahr im September und enden im November. Für ein Kilogramm Baumwolle erhält ein Sklave umgerechnet 0,06 US-Dollar. Von diesem „Gehalt“ müssen sich die Sklaven Essen, Medikamente, Transporte zu den Feldern sowie Transporte nach Hause, um eine Dusche nehmen zu können, kaufen. Falls die erbrachte Menge der Ernte eines Tages nicht den Vorschriften entspricht (60 Kilogramm pro Person), kann man sogar Baumwolle von besonders ambitionierten Pflückern abkaufen. Die Erntearbeiter werden meistens in sehr schlechten Unterkünften untergebracht, wo es kalt und nass ist. Dadurch breiten sich Krankheiten schnell aus. Auch die Verpflegung von Nahrung und Wasser ist miserabel. Bei Verweigerung der Arbeit auf den Feldern, droht einem der Jobverlust oder man wird als Student von der Universität ausgeschlossen. Zudem ist man verbalen Beleidigungen und psychischem Druck ausgesetzt und auch physische Gewalt kommt vor.
Etwas Gutes kann Tuareva dem Ganzen aber doch abgewinnen, denn für viele junge Usbeken ist dies das erste Mal, dass sie von zu Hause weg sind und auf fremde, neue Leute ihres Alters treffen. Dies lässt ein Gefühl der Freiheit entstehen.

Bisher gibt es nicht viele Menschen, die über ihre Erfahrungen bei der Baumwollernte in den Medien berichten. Oft überwiegt die Angst vor der Regierung. Die wenigen, die es doch wagen, gehen ein hohes persönliches Risiko ein – so auch die vierte Sprecherin des Panels, Journalistin Umida Niyazova.

Wo bleibt Usbekistan in den Medien?

Man könnte nun meinen, dass die beschriebenen Missstände doch mindestens einen Medienskandal in der Vergangenheit Wert gewesen wären. Wie jedoch schon zu Anfangs festgestellt, haben die meisten Deutschen kaum eine Vorstellung von Usbekistan. Und das hat einen ganz einfachen Grund: in Deutschland wird kaum über das Land berichtet. Die Redaktionen gehen davon aus, dass in der Bevölkerung kein Interesse an einer Berichterstattung besteht. Weitere Gründe für die schlechte Medienpräsenz sind der Regierung Usbekistans zuzuschreiben. Diese ist natürlich nicht gerade daran interessiert, dass die Missstände des eigenen Landes und die Menschenrechtverletzungen in den Medien präsentiert werden. Hierbei greift die Regierung zu drastischen Maßnahmen und lässt politisch kritische Journalisten verfolgen, was auch schon Umida Niyazova am eigenen Leib erfahren musste. Wegen ihrer aufklärerischen journalistischen Arbeit verbrachte sie sechs Jahr im Gefängnis. Auch ausländische Journalisten haben es schwer. So erzählt Edda Schlager, Deutschlands einzige Expertin in Sachen Usbekistan, dass sie letztes Jahr des Landes verwiesen, als sie politische Stimmen zu den Präsidentschaftswahlen eingefangen hat.

Und nun?

Letztendlich lässt sich feststellen, dass die Menschen in Usbekistan bisher hauptsächlich allein gelassen wurden mit ihrer Situation. Zum einen ist die Politik eigentlich nicht ernsthaft daran interessiert, etwas an der beschriebenen, desaströsen Lage zu verändern, zum anderen wird dieses Thema weiterhin größtenteils von den Massenmedien ignoriert. So bleibt es mal wieder an uns hängen, den Konsumenten und Endverbrauchern der Baumwollprodukte, ein Zeichen durch unser aktives Konsumverhalten zu setzen und in eine richtige, verändernde Richtung zu weisen. Wie schon Stig Tanzmann zum Abschluss seines Vortrags meinte:

„We are not only consumers, we are voters, we are right holders.“

(Foto: Engagement Global/Bodo Tiedemann)