Wer kennt schon Belo Monte? Möglichkeiten und Grenzen deutscher Berichterstattung über das Staudammprojekt

18 Jahre lebte Thomas Fatheuer in Brasilien, leitete dort unter anderem das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung. Den Staudammbau in Belo Monte sieht er kritisch – und lobt die deutsche Presseberichterstattung über das gigantische Projekt.

Das Projekt "Belo Monte" - Kurzportrait

Das schätzungsweise 11 Milliarden teure Wasserkraftwerk Belo Monte entsteht derzeit am Rio Xingu, einem Nebenarm des Amazonas, im brasilianischen Regenwald. Um elektrische Energie zu gewinnen, soll der Fluss mithilfe von drei Talsperren zu zwei insgesamt 516 km² großen Stauseen gestaut werden. Nach seiner geplanten Fertigstellung 2015 wird das Kraftwerk mit bis zu 11 Gigawatt das leistungsmäßig drittgrößte der Welt.

Dass diese Leistung faktisch kaum erreicht werden kann, weil der Fluss immer weniger Wasser führt, ist nur eines der Argumente der Staudammgegner. Das Projekt ist auch deshalb höchst umstritten, weil riesige Flächen Regenwald und Ackerland zerstört werden – und Wohnraum für mindestens 20.000 Indigene, die in Folge des Baus und Zwangsumsiedelungen ihre Heimat verlieren. Seit 2011 wurde das Projekt bereits viermal gerichtlich gestoppt.

 

Das Belo-Monte-Staudammprojekt hat verheerende Folgen für indigene Bevölkerung, Umwelt und Klima. Dennoch wird gebaut. Haben die Medien bei der Aufklärung über das durchaus umstrittene Projekt versagt?

In fast allen großen deutschen Medien wurde relativ umfangreich, mit einer überraschenden Vielzahl an Artikeln, berichtet – natürlich aber nicht in Zeitungen wie der Bild. Das, was man realistisch erwarten kann, ist also erfolgt. Das Problem ist in dem Fall nicht die Presse. Die Frage ist eher, wo sind die Grenzen des Ganzen: Trotz dieser Berichterstattung – wer kennt Belo Monte denn? Man sollte da keine übersteigerten Erwartungen haben. Die Berichterstattung kann höchstens ein Bewusstsein erzeugen und aufrechterhalten, dass diese Art von Energiegewinnung grundsätzlich problematisch ist.

Das Foto eines der Belo-Monte-Ingenieure, der von der Machete einer indigenen Protestierenden verletzt wurde, ging um die Welt – obwohl bei der Versammlung selbst kaum Presse vor Ort war. Woher rührt das scheinbar geringe Interesse der brasilianischen Medien an diesem Konflikt im eigenen Land?

Von Sao Paulo ist Belo Monte 3000 Kilometer entfernt und die Realität dort, in Belo Monte, ist von der Realität eines Mittelschichtbürgers in Sao Paulo so weit entfernt wie von unserer. Deshalb gab es ursprünglich ein geringes Interesse. Das hat sich aber geändert. Für mich war es eine positive Überraschung, dass sich auch prominente Brasilianer dagegen gewandt haben, aus Öffentlichkeit und Wissenschaft, nicht nur die üblichen Verdächtigen. Es entstand außerdem eine Diskussion um die Regenwaldzerstörung. Viele haben eingesehen, dass sie ein Problem ist und man sie verringern muss. Durch einen offiziellen Diskurs mit vielen Widersprüchen hat es eine lebendige Debatte gegeben, nicht nur eine einseitige Propaganda. Der Wendepunkt war der Baubeginn und die Proteste der Indigenen, die um ihr Leben kämpfen und deren Rechte auch von der Verfassung anerkannt sind. Je näher der Baubeginn rückte, desto mehr Aufmerksamkeit gab es. Am Anfang war das Thema auch einfach sehr technisch und wenn es dann konkreter wird, gibt es auch mehr Bilder, mehr Wahrnehmbares. Vorher ist es eine bürokratische Planungsphase – das war ja zum Beispiel bei Stuttgart 21 sehr ähnlich.

Trotz aller Berichterstattung und Protesten ist der Damm derzeit in Bau. Welche Rolle spielen Journalisten für den weiteren Verlauf des Projekts oder für mögliche künftige, ähnliche Projekte?

Es ist sehr wichtig, darüber zu berichten, wie dieser Bau mit seinen großen Problemen vonstattengeht, und dass eine Transparenz der Kosten hergestellt wird. Es sollte in der Berichterstattung klar werden, wie hoch der Preis für solche Bauprojekte ist. Die Wasserkraft gilt oft als saubere und nachhaltige Energie. Wenn man näher hinschaut, ist sie jedoch eine hochproblematische Form der Energiegewinnung. Es sollte in der brasilianischen Öffentlichkeit noch einmal klar gemacht werden, dass Staudämme mit ihren ungeheuren sozialen und ökologischen Konsequenzen einen hohen Preis für die Demokratie haben, dass sie nicht ohne Menschenrechtsverletzungen durchführbar sind und dass sie nicht in eine Zeit passen, in der die Erhaltung des Regenwaldes ein hoher Wert ist. Wenn das klar wird, dann ist auch für die Zukunft etwas gewonnen. In Brasilien hat ein solcher Lerneffekt scheinbar schon stattgefunden: Die Öffentlichkeit ist mobilisierter als vor Belo Monte.

Wie können Journalisten derart komplexe Themen überhaupt angemessen einer breiten Öffentlichkeit präsentieren?

Journalisten verwandeln komplexe Themen oft in Stories von Betroffenen. Sie sollten trotzdem auch Basis-Informationen zum Beispiel über das Volumen des Staudammes bereitstellen – es gibt ein Maximalvolumen von 11.000 Megawatt, aber in einem großen Teil des Jahres werden nur 4.000 Megawatt erreicht. Denn die Fakten sind generell oft nicht klar, und deshalb wird immer mit dieser Zahl 11.000 argumentiert. Journalisten, die sich nicht so stark in die Materie einarbeiten, machen das häufig in Form von Interviews oder Befragungen. Es gibt auch kritische Experten in Brasilien. Dank meiner Zeit in der Böllschen Stiftung konnte ich Journalisten zu Kontakten mit ihnen verhelfen.

Warum konnte der Bau trotz dieser hohen Medienaufmerksamkeit und massiven Kritik verschiedenster Seiten dennoch nicht verhindert werden?

Weil ein starker politischer Wille da ist. Ich glaube, dass man das Verhalten der brasilianischen Regierung von außen nicht gut beeinflussen kann. Oft hat eine Einmischung eher einen gegenteiligen Effekt, die Brasilianer mischen sich ja auch nicht in das deutsche Wattenmeer ein. Ich finde es grundsätzlich richtig, dass die Brasilianer selbst entscheiden sollten, ob sie einen Staudamm wollen oder nicht. Aber sie sollen es demokratisch und unter Wahrung der Gesetze und Menschenrechte entscheiden können. So ein Staudamm muss demokratisch ausgehandelt sein – und das ist bei Belo Monte eben nicht passiert. Unsere Rolle ist also auch beschränkt, das muss man sehen. Weder die Presse noch die Aktivisten können so ein Bauwerk unbedingt verhindern, aber sie können den Preis verdeutlichen – und damit vielleicht erreichen, dass nicht alle Großprojekte durchgezogen werden. Man darf die Hoffnung auf Lernprozesse nicht aufgeben.