Vom Analphabetismus zum Bildungsboom? Aufschwung der (digitalen) Bildung in Kenia

Analphabetismus und Bildung in Kenia – Alte Kreiden und überfüllte Klassenräume? Ein genauerer Blick darauf, wie es heute um Schule und Ausbildung in dem afrikanischen Land steht.

Viele von uns checken nach dem Aufstehen als erstes das Smartphone. Was gibt es Neues in der Welt? Hat man eine neue Whatsapp-Nachricht von einem Freund? Fällt die erste Vorlesung vielleicht aus? Welche Busverbindung ist die schnellste wenn es regnet und man nun doch nicht mit dem Fahrrad fahren möchte? Für viele von uns ist das ganz selbstverständlich.

Aber was, wenn man nichts davon verstehen kann?

Die Quote der Analphabeten in Deutschland ist höher als vermutet: Laut einer Studie aus dem Jahr 2011, die vom Bundeministerium für Bildung und Forschung durchgeführt wurde, sind etwa 14 Prozent der deutschen Bevölkerung sogenannte funktionale Analphabeten. Das heißt, dass die schriftsprachliche Kompetenz dieser Erwachsenen niedriger ist, als es minimal erforderlich ist, um den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Laut derselben Studie betrifft Analphabetismus im engeren Sinne jedoch nur etwa vier Prozent der deutschen Bevölkerung.

Ein Blick auf andere Länder zeigt, vielerorts ist die Lage noch schlechter. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung in Kenia sind Analphabeten. Unterschiede sind hier auch zwischen den Geschlechtern auszumachen. Im Jahre 2015 wurde festgehalten, dass 74 Prozent der Frauen lesen und schreiben können. Das heißt ein Viertel der weiblichen kenianischen Bevölkerung ist darauf angewiesen, dass ihnen jemand Texte vorliest, oder dass sie ganz einfach ohne Schrift auskommen müssen. Einkaufslisten? Im Gedächtnis. Die Nachrichten? Bekommt man zum Beispiel von den Nachbarn oder aus dem Radio. Das Radio ist aufgrund der in manchen Gebieten wenig ausgebauten Infrastruktur sowieso das wichtigste Informationsinstrument für die kenianische Bevölkerung. Dieses ist auch das einzige Medium, das sich ohne jegliche Schreib- oder Lesekompetenz problemlos nutzen lässt.

Kenia hat dieses Problem jedoch schon erkannt und vor einigen Jahren eine Schulreform durchgeführt, die die Lage bereits deutlich verbessert hat.

Bildungssystem 8-4-4

Seit der Bildungsreform in den 2000er-Jahren steigt die Zahl der Schüler, die im Anschluss an die Schule Universitäten besuchen rasant an und man kann von einem regelrechten „Hochschul-Bildungsboom“ sprechen. Der Aufschwung beginnt in der rechtlich verankerten „freien und umfassenden Grundschulbildung“, die in staatlichen Kindergärten, Vorschulen und Grundschulen umgesetzt werden soll.

Allgemein ist das Bildungssystem in Kenia nach dem 8-4-4 Prinzip aufgebaut: Acht Jahre Grund- bzw. Gesamtschule (Primary School), vier Jahre weiterführende Schule (Secondary School), vier Jahre Universität oder eine andere Hochschule. Die weiterführenden Schulen können dabei staatlich oder privat geführt sein. Eine weitere Möglichkeit bieten Harambee-Schulen, die keinerlei Zuschüsse seitens der Regierung erhalten.

Aufgrund der häufig schlechten Ausstattung der Schulen müssen die Kinder oft auf Privatschulen ausweichen, um qualitativ hochwertige Bildung zu erhalten. Jedoch muss für Privatschulen, weiterführende Schulen sowie Universitäten Schulgeld bezahlt werden. In vielen Fällen sind die Kosten zu hoch und die Kinder werden nur teilweise oder gar nicht zur Schule geschickt. Ein Teufelskreis aus Armut und Analphabetentum kann entstehen.

Trotz der Widrigkeiten gibt es auch Chancen. Dazu soll die Bildungsreform beitragen: Die Primary und Secondary School bietet neben dem üblichen Fächerspektrum auch technische Grundkurse an. Damit soll sichergestellt werden, dass sich die Schüler auch ohne Besuch einer Universität oder Hochschule beruflich weiterbilden können. Allerdings werden erst auf dieser „späten“ Bildungsstufe auch ausführlichere Kurse mit IT-Bezug angeboten. Viele haben demnach vorher kaum Zugriff auf die digitale Welt.

Digitale Schule auf Rädern

Ohne Abschluss hat man in Deutschland kaum Chancen auf gute Jobs. Warum sollte das in Kenia anders sein? –  Um mehr Chancen zu schaffen und allgemein die „digitale Ausbildung“ der Kenianer zu verbessern gibt es die digitale Schule auf Rädern – den Free Digital Education Bus der Craft Silicon Foundation. Da sich viele nicht einmal ein Busticket leisten können, kommt auf diese Weise der Unterricht zu den Schülern und ist kostenfrei. Der Bus ist mit 32 Computern ausgestattet, die mit Solarenergie betrieben werden. Interessierte können hier unter anderem lernen, wie man surft, Tabellen oder Businesspläne erstellt, scannt und druckt. Anfang September 2016 haben bereits etwa 8000 junge Menschen den Computerbus genutzt und so ihre ersten Schritte in die digitale Welt gemacht. Und die Arbeit trägt Früchte, wie man am Beispiel von Ali Noor sieht: Nach sechswöchigem Basis-Kurs in der digitalen Schule auf Rädern und einem anschließendem sechsmonatigen Graphik-Design Kurs, war er in der Lage sich selbstständig zu machen:

„After graduating with web design and graphic design skills, I started my own business of printing T-shirts and designs on coffee mugs, and brochures’’.

Der Free Digital Education Bus: Die Schüler bekommen Hilfestellung, helfen sich gegenseitig und dürfen sich am Ende über ein Zertifikat freuen.

 

Craft Silicon Foundation

Die Craft Silicon Foundation wurde 2009 gegründet und ist eine non-profit Organisation, die dazu beitragen möchte den digital divideDer Begriff beschreibt Unterschiede im Zugang zu und der Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie, insbesondere dem Internet, zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen aufgrund von technischen und sozioökonomischen Faktoren. Er bezieht sich sowohl auf regionale, nationale als auch internationale Unterschiede. zu überbrücken. Dazu bietet sie kostenlose Trainings für die Verbesserung der digitalen Ausbildung der 18-25 Jährigen in Nairobi (hauptsächlich in dem Slums Kawangware, Kibera, Mathare und Waruku) an. Mit dem mobilen Computerbus ermöglicht die Foundation Zugang zum Internet und lehrt allgemein Kompetenzen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik. Außerdem gibt es komplette Kursprogramme, die mit Examen abgeschlossen und zertifiziert werden können.

Mit ihren Aktivitäten möchte die Craft Silicon Foundation die sozio-ökonomische Entwicklung in Kenia vorantreiben.

 

Die Bildungsreform, der damit verbundene Boom und die bisherigen Erfolge des mobilen Computerbusses illustrieren, dass es durchaus einen Ausweg aus dem Teufelskreis Armut und Analphabetentum geben kann und sich Kenia im digitalen Aufschwung befindet.