Beiträge

Eine Pflanze als Politikum Baumwolle in Usbekistan

Baumwolle ist in Usbekistan allgegenwärtig. Die Pflanze ziert Brunnen, Hochhäuser, Mauern und das Wappen des zentralasiatischen Landes. 3,5 Millionen Tonnen wurden 2011 geerntet, eine Milliarde Dollar verdient der Staat jährlich mit dem Handel der Malvengewächse. Damit gehört Usbekistan zu den größten Baumwollexporteuren der Welt. Doch zu welchem Preis wird dort geerntet?

Baumwolle ist in Usbekistan Staatsangelegenheit. Bauern müssen die Pflanzen zu festgesetzten Kontingenten anbauen und an den Staat verkaufen. Falls sie sich dem widersetzen, droht ihnen der Verlust ihrer Felder, Strafanzeigen und Verurteilungen. Um eine reibungslose und vor allem preisgünstige Ernte zu garantieren, werden jedes Jahr im Herbst Million Usbeken zur Arbeit in den Baumwollfeldern gezwungen. Einberufen werden Staatsangestellte wie Lehrer, Ärzte oder Krankenschwestern. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. In den Krankenhäusern fehlen Chirurgen für lebenswichtige Operationen, Schulen werden geschlossen und öffentliche Aufgaben nicht wahrgenommen.

Stig Tanzmann (links) und Hugh Williamson bei ihrer Präsentation auf der Bildkorrekturen-Konferenz 2017 (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Vor allem die staatliche Elite profitiert vom Anbau der Baumwolle, sagt Hugh Williamson, Direktor der Abteilung Europa- und Zentralasien bei Human Rights Watch: „Im usbekischen Baumwollgeschäft ist der Staat der mächtigste Akteur. Er hat das System aufgebaut und profitiert davon“.

Lediglich acht Cent verdienen die ArbeiterInnen pro Kilogramm geerntete Baumwolle. „In acht Stunden Arbeit kann man rund 50 bis 60 Kilogramm ernten. Das sind gerade einmal zwei bis drei Dollar pro Tag“, sagt Umida Nayazova vom Usbekischdeutschen Forum für Menschenrechte (UGF). Dieses Geld bleibt jedoch nicht in den Taschen der ArbeiterInnen. Für die Verpflegung während der Ernte müssen sie selbst aufkommen. Die Arbeit auf den Feldern ist außerdem gefährlich. Jährlich fordert die Erntearbeit Todesopfer, wie das UGF auf ihrer Website beschreibt. Unbekannte Chemikalien, prekäre sanitäre Situationen in den Unterbringungen und der Mangel an sauberem Trinkwasser sind einige der Gründe, die das Arbeiten bei der Baumwollernte zur Gefahr machen.

Als Entschädigung erhalten die Zwangsarbeiter umgerechnet zwei bis drei Dollar am Tag./ Quelle: UGF

Bis vor einigen Jahren kam in der usbekischen Baumwollernte auch Kinderarbeit zum Einsatz. Ganze Schulklassen mussten auf den Baumwollfeldern die Erntearbeit verrichten. Erst nach jahrelangem Druck von internationalen Organisationen und Regierungen, stellte die usbekische Regierung die Beschäftigung von Kindern 2012 ein. Laut Niyazova kann von einem Ende der Kinderarbeit jedoch keine Rede sein: „Kinder werden für die Erntearbeit noch immer aus den Schulen geholt“, sagt sie.

Doch wie lässt sich die Situation auf den usbekischen Baumwollfeldern nachhaltig verbessern? Williamson sieht in der Mechanisierung der Ernte eine Chance. Durch den flächendeckenden Einsatz von Maschinen müssten weniger Menschen auf den Feldern arbeiten und daher käme es auch zu weniger Zwangsarbeit. Wirklich beenden könne die Situation aber nur die Abschaffung des politischen Systems, das die Zwangsarbeit unterstützt, so Williamson. Stig Tanzmann von Brot für die Welt sieht nicht nur bei der Regierung Handelsbedarf. Für ihn müssen Abnehmerfirmen und Kunden ihr Einkaufsverhalten überdenken. „Als Abnehmer profitieren auch sie vom usbekischen Baumwollsystem“, sagt er. Schlussendlich sind die Konsumenten durch den Kauf von Kleidung aus usbekischer Baumwolle für die Situation vor Ort mitverantwortlich.

 

„Die Arbeit auf den Feldern abzulehnen war nicht möglich.“ Muyassar Turaeva

Muyassar Turaeva wurde in Usbekistan geboren. Während ihrer Schulzeit musste sie mehrmals als Erntehelferin auf usbekischen Baumwollfeldern arbeiten. Im Interview erzählt sie von langen Arbeitstagen, psychologischem Druck und warum Gemüse eine Hoffnung ist.

Frau Turaeva, wann arbeiteten Sie das erste Mal auf einem Baumwollfeld?

Turaeva: Das erste Mal wurde ich 1990 zur Baumwollernte herangezogen. Damals war ich in der neunten Klasse. Bis zur elften Klasse mussten wir jedes Jahr bei der Ernte helfen.

War die Arbeit auf den Baumwollfeldern freiwillig?

Turaeva: Nein, die Schulen wurden während der Erntezeit geschlossen und alle Kinder ab der neunten Klasse mussten bei der Baumwollernte helfen. Im ländlichen Raum wurden auch jüngere Kinder zur Baumwollernte herangezogen.

War es möglich, sich von der Arbeit auf den Baumwollfeldern befreien zu lassen?

Turaeva: Die Arbeit auf den Feldern abzulehnen war nicht möglich. Die einzige Möglichkeit nicht arbeiten zu müssen war ein ärztliches Attest. Befreit wurde man aber nur, wenn eine schwerwiegende Krankheit vorlag. Einige Ärzte verdienten viel Geld mit dem Verkauf von Attesten. Aber selbst wer von der Ernte befreit wurde, musste häufig andere öffentliche Diente vollrichten und zum Beispiel das Schulhaus reinigen. Die Befreiung von der Baumwollernte hatte aber auch Folgen.

Welche Folgen?

Turaeva: Ich erinnere mich noch an das erste Jahr Baumwollernten. Meine Mutter schaffte es, dass ich nicht zur Ernte musste. Die Zeit danach in der Schule war sehr schwierig. Der psychologische Druck war enorm. Die Direktorin beleidigte und erniedrigte mich vor allen anderen Kindern, weil ich nicht bei der Baumwollernte geholfen hatte. Ich wurde in der Schule isoliert, das ganze Schuljahr über war ich traumatisiert. Im folgenden Jahr wollte ich unbedingt mit zur Ernte.

Jedes Jahr pflücken rund 2,7 Millionen Usbekinnen und Usbeken während der von September bis Mitte November andauernden Erntezeit Baumwolle./ Quelle: UGF

Wann begann die Ernte und wie sah ein Arbeitstag aus?

Turaeva: Die Ernte dauerte vom 4. September bis Mitte November. An Arbeitstagen standen wir um 6.30 Uhr auf. Um acht Uhr mussten wir auf den Feldern sein und bis etwa 17.30 Uhr ernten. Anschließen wurde unsere Baumwolle gewogen und dann begann der Fußmarsch zurück zur Unterkunft, die häufig 40 Minuten weit entfernt war.

Wo waren die SchülerInnen während der Erntezeit untergebracht?

Turaeva: Als Schulkinder waren wir in Theatern, Sporthallen, Schulen oder Kindergärten untergebracht. Später wohnten wir in privaten Häusern. Bauern räumten zwei Zimmer leer, eins für die Jungs, eins für die Mädchen. Die Küche wurde gemeinsam genutzt. Die Unterkünfte waren umsonst, wir erarbeiteten sie uns mit der geernteten Baumwolle.

Gab es eine Mindestmenge an Baumwolle, die geerntet werden musste?

Turaeva: Ja, wir mussten mindestens 60 Kilogramm ernten. Geld bekamen wir nur, wenn wir mehr als die geforderten 60 Kilo ablieferten. Dann gab es umgerechnet 6 Cent. Heute bekommen die Erntehelfer 55 Cent. Das ist immer noch nicht viel, aber wenigstens eine positive Entwicklung.

Seit 2012 ist Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern in Usbekistan verboten. Wie hat sich die Situation seither verändert?

Turaeva: Die Situation hat sich verbessert. Die Baumwollfabrikanten stellen freiwillige Helfer für die Ernte ein. Der Preis pro geerntetes Kilo Baumwolle wurde angehoben. Ich denke, das ist eine gute Entwicklung, um die Zwangsarbeit zu bekämpfen. Außerdem hat die usbekische Regierung die Anbauflächen für Baumwolle reduziert. Es werden mehr Gemüse und Früchte angebaut. Das reduziert nicht nur den Wasserverbrauch, sondern auch die Zwangsarbeit bei der arbeitsintensiven Baumwollernte.

Was kann Deutschland tun, um die Situation der Erntehelfer in Usbekistan zu verbessern?

Turaeva: Deutschland kann technische Hilfe im Agrarbereich leisten und in den Ausbau der Frucht- und Gemüseanbaus investieren. Das hilft der usbekischen Regierung, die Anbauflächen für Baumwolle weiter zu verkleinern. Das hätte nicht nur eine positive Auswirkung auf die Umwelt, sondern würde auch die Menschenrechtsverletzungen bei der Baumwollernte reduzieren.

Der schöne Schein Wie die internationale Gemeinschaft Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan übersieht

Wie internationale Staaten wegschauen, wenn Menschenrechte verletzt und die Umwelt wegen eines einzigen Rohstoffs zerstört wird: Baumwolle. Was aber sollten sie tun? Hintergründe und Gespräche von Melanie Marks und Zita Zengerling

Tashkent, Usbekistan. Weite Gewänder in satten Farben: Sonnengelb, Purpur, Gold das eine. Türkisgrün bestickt, das andere. Präsentiert von jungen Frauen mit stolzen Mienen auf einer Modenschau in der Hauptstadt. Die exotischen Roben mit ihren Ethno-Stickereien sind das Produkt uralten Handwerks und haben dennoch etwas Zeitloses. Ihre exotische Pracht mag dem westlichen Betrachter bunte Vielfalt verheißen, Reichtum, Freiheit.

Der Schein trügt

Doch das Bild, das sich dem unwissenden Zuschauer in dieser Darbietung zeichnet, trügt. In Wahrheit herrscht in Usbekistan keine Freiheit, sondern das repressive System einer jahrzehntealten Diktatur. Die Menschenrechtslage ist prekär: Im angesehenen Freiheits- Ranking der internationalen NGO „Freedom House“ wird Usbekistan in allen Kategorien als maximal unfrei eingestuft. Internationale Medien, Beobachter und Menschenrechtsaktivisten werden systematisch aus dem Land ausgeschlossen. Im internationalen Vergleich der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ belegt Usbekistan den 169. Rang von 180 Staaten.

Usbekistan ist eines der Schlusslichter weltweit beim Thema Pressefreiheit. Praktisch sind nur staatliche Medien erlaubt (Foto: Edda Schlager, eddaschlager.com).

Zwangsarbeit

Jedes Jahr werden Teile der Bevölkerung von der korrupten Regierung dazu gezwungen, ihre Jobs oder Ausbildungsstellen niederzulegen, um auf den Baumwollfeldern des Landes die Ernte einzuholen. Sie leben in Massenunterkünfte, verdienen einen Hungerlohn, und wird das Tagessoll von rund zehn Kilogramm Baumwolle pro Person nicht erfüllt, drohen die Kündigung, die Kürzung von Sozialleistungen oder Schläge. Dabei schaffen manche Arbeiter kaum mehr als drei Kilogramm am Tag.

Baumwolle, Kinderarbeit in der Nähe von Samarkand, 2005 (Foto: Edda Schlager)

Umweltkatastrophe

Der Aralsee, einmal der viertgrößte Binnensee der Welt, ist durch die Bewässerung der Baumwollplantagen innerhalb von nur 50 Jahren zu 90 Prozent ausgetrocknet. Eine der weitreichendsten Umweltkatastrophen menschlicher Hand. Die resultierende Wasserknappheit verstärkt noch das Leid der Menschen in Usbekistan. „Baumwollanbau ist sehr wasserintensiv. Außerdem ist der Schädlingsbefall enorm, so dass verschiedene Pestizide eingesetzt werden. Es entstehen immer wieder starke Schäden für Menschen, Tiere und Umwelt“, erklärt Stig Tanzmann, Referent für Landwirtschaft bei Brot für die Welt. „Der Baumwollanbau ist häufig eine ökologische Katastrophe.“ Und im usbekischen Fall eine humanitäre noch dazu.

Koloniale Ausbeutung

In Usbekistan ist das gesamte Staatssystem und seine (Export-)Wirtschaft auf einen einzigen schicksalhaften Rohstoff ausgelegt, das Resultat der Kolonialzeit. Um sich von der Baumwollproduktion der feindlichen USA zu emanzipieren, begann Russland nämlich bereits im 19. Jahrhundert mit dem Aufbau eines eigenen Baumwollmarktes in Zentralasien. Und bis heute ist Usbekistan auf die Monowirtschaft mit der Baumwolle angewiesen. Die kolonialen Ausbeutungsmechanismen von damals existieren dabei noch immer. „Man muss sich fragen: Wer profitiert davon?“, erklärt Stig Tanzmann von Brot für die Welt. Heute seien das nicht mehr nur der globale Norden, so der Landwirtschaftsreferent, sondern auch Staaten wie Indien oder China, die strukturschwache Regionen ausbeuteten.

Mädchen auf einer Baumwollplantage (Foto: Edda Schlager)

Globales Desinteresse

Staaten und internationale Organisationen, auch die Europäische Union, verdecken sich aber seit Jahren die Augen vor den Problemen: Ich sehe dich nicht, also siehst du mich auch nicht. Ein Beispiel: Als der damalige Außenminister und OECD-Vorsitzende Frank-Walter Steinmeier im März 2015 Usbekistan besuchte, versäumte er es bei all seinen öffentlichen Auftritten, die beunruhigende Menschenrechtslage im Land zu thematisieren. Entwicklungszusammenarbeit endet oft dort, wo die Nutznießer der Ungleichheit mit eigenen Einschränkungen rechnen müssen.

Die Lösung

Was ist also die Lösung? Was kann, was muss die EU tun? Das erklärt Hugh Williamson. Er war elf Jahre Korrespondent für die Financial Times in Manila und Berlin und arbeitet nun als Referatsleiter Europa und Zentralasien bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Melanie Marks hat mit ihm gesprochen.

Herr Williamson, warum macht die EU so wenig, um die Menschenrechtssituation in Usbekistan zu verbessern?
Die EU würde sagen, sie machen schon sehr viel. Sie haben vielfältige Beziehungen mit Usbekistan: Wirtschaft, Handel, geopolitische Verbindungen, eine Anti-Terrorismus-Koalition und eben auch einen Dialog zur Menschenrechtssituation. Wir bei Human Rights Watch würden uns aber wünschen, dass gerade die Situation der Menschenrechte stärker in den Beziehungen priorisiert wird.

Wie?

Die EU sollte viel strategischer und nachdrücklicher vorgehen. Zum Beispiel könnten wirtschaftliche Hilfen damit verknüpft werden, dass sich die Menschenrechtssituation verbessert. Damit meine ich: Die Zwangsarbeit in der Baumwollproduktion beenden, freie Medien zu-, politische Häftlinge freilassen und ihnen Anwalt und einen freien Prozess garantieren. All das ist nicht der Fall und die EU sollte das nicht akzeptieren. Schließlich untergräbt sie damit ihre eigenen Werte. Und sie muss es auch nicht akzeptieren. Usbekistan möchte die Beziehungen zu der EU vertiefen. Die Union hat also mehr Verhandlungsspielraum als sie denkt.

2005 hat der alte Präsident Islam Karimov in Moskau einen militärischen Beistandspakt mit Russland unterzeichnet. Darin heißt es „Russland bleibt unser treuester Verbündeter. Und auch wirtschaftlich hat Usbekistan mit Russland und China zwei mächtige Handelspartner. Warum möchte Usbekistan die Verbindungen zu der EU überhaupt vertiefen?

Usbekistan hat zwar Verbindungen zu Russland und China, aber die Regierung hat immer auch versucht, sich nicht von den beiden Staaten abhängig zu machen. Die Europäische Union bietet Usbekistan potenzielle Investments, Wirtschaftshilfen. Vor allem aber gewinnt das Land an Anerkennung durch engere Verbindungen mit der EU. Usbekistan möchte nicht mehr als rückständiges Land wahrgenommen werden. Die Regierung will auch in internationalen Organisationen akzeptiert und anerkannt werden. Das erreichen sie mehr durch Beziehungen zu der EU als durch Beziehungen zu China und Russland.

Wenn es ihnen aber so wichtig ist, die Beziehungen zur EU zu verbessern, warum agiert die usbekische Regierung dann nicht nach europäischen Maßstäben?

Sie haben vor zwölf Monaten damit angefangen. Das soll jetzt nicht falsch verstanden werden. Natürlich ist die Situation in Usbekistan noch immer prekär. Aber der neue Präsident, Shavkat Mirziyoyev, versucht, das Land zu liberalisieren. Er hat eine beispielsweise Telefonhotline eingerichtet, die die Bevölkerung bei Problemen anrufen kann. 16 politische Gefangene wurden frei gelassen. Natürlich: Es sind nur 16 von 1000 Häftlingen. Dennoch bemerken wir bei Human Rights Watch, dass sich etwas in dem Land tut.

Die Kritiker von Mirziyoyev sagen, dass sei nur eine Strategie, um seine Position zu festigen.

Das ist eine wichtige Frage, ja. Und das ist möglich. Aber wir versuchen den Fortschritt daran zu messen, was gerade tatsächlich passiert. Durch Realität, nicht Rhetorik oder Debatten. Und der neue Präsident bietet der EU gerade eine Möglichkeit, aktiv zu werden. Die sollte die EU nun auch in ihrem eigenen Interesse nutzen.

Welche Interessen hat die EU in Usbekistan?

Das ist ein komplizierter Mix. Zum einen ist Usbekistan wichtig für die geopolitische Stabilität in Zentralasien. Afghanistan ist ein Nachbarland und bis Ende 2015 hatte die Bundeswehr für ihren Afghanistan-Einsatz sogar Truppen in Usbekistan stationiert. Hinzu kommen die gemeinsamen Projekte zur Bekämpfung von Terrorismus. Aber zum anderen hat auch die EU wirtschaftliche Interessen. Usbekistan hat neben Baumwolle noch viele weitere Rohstoffe: Erdgas, Erdöl, auch Gold. Von einem freien Markt und transparenten Handelsbedingungen profitiert auch die EU.

Warum werden diese Rohstoffe noch kaum erschlossen und vertrieben?

Das müssten Sie die Amtsinhaber in Usbekistan fragen (lacht). Sie versuchen schon, sich von der Baumwollindustrie etwas zu lösen, bauen auf Baumwollfeldern stattdessen Getreide an. Aber, um andere Sektoren wirklich aufzubauen sind internationale Investitionen notwendig.

Also müssten Anreize für die Wirtschaft geschaffen werden, in Usbekistan zu investieren?

Ja. Die ökonomischen Bedingungen sind wirklich schlecht. Es ist nahezu unmöglich, als ausländisches Unternehmen in Usbekistan zu agieren. Um eine Zulassung zu erhalten, muss ein Bestechungsgeld an die Behörden gezahlt werden, man braucht Verbindungen zur regierenden Elite. Und es war bis vor kurzem noch sehr schwer, verdientes Geld wieder aus Usbekistan herauszukriegen, weil es nicht umtauschbar war. Das sind alles Verhältnisse, in denen Unternehmen nicht gerne agieren. Sie wollen Transparenz.

Wie wichtig ist die Wirtschaft, um soziale Standards zu verbessern?

Sehr wichtig. Ökonomische und soziale Entwicklungen sind eng miteinander verbunden: Zugang zu Strom und sicherer Unterkunft und Entstehung neuer Jobs. Aber in Usbekistan müsste auch das System verändert werden. Es darf nicht mehr nur alles in der Hand von einigen wenigen landen. Eine wirtschaftliche Reform würde Usbekistan sehr weit nach vorne bringen.

Vertuschte Zwangsarbeit

Jeden Herbst werden alle Usbekinnen und Usbeken zur Baumwollernte gezwungen. Freie Berichterstattung über die Missstände ist aufgrund des repressiven Regimes kaum möglich. Nach dem Tod des alten Präsidenten gab es Ausblick auf Besserung – doch zu viele Akteure profitieren von der Zwangsarbeit.

Der ehem. usbekische Präsident Islan Karimov (1938-2016). (Quelle: kremlin.ru, CC 4.0)

Als am 2. September 2016 die Nachricht von Islam Karimovs Tod die Runde machte, herrschte fast so etwas wie Aufbruchstimmung in Usbekistan. Karimov hatte die ehemalige Sowjetrepublik in Zentralasien während seiner 25-jährigen Präsidentschaft in eine der schlimmsten Diktaturen weltweit verwandelt. Als das Regime den bisherigen Premierminister Shavkat Mirziyoyev als Nachfolger Karimovs präsentierte, waren die Dissidenten in Land nach anfänglicher Skepsis sogar optimistisch, dass er entscheidende Reformen zur Liberalisierung Usbekistans anstoßen würde.

Schon vor den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2016 sendete das Regime erste Zeichen der Entspannung. Im November entließ der Staat Samandar Kukanov, einen der weltweit am längsten eingeschlossenen politischen Gefangenen, nach 23 Jahren aus der Haft. Auch nach der formellen Wahl Mirziyoyevs zum Präsidenten signalisierte das Regime den Willen zu Reformen und setzte Anfang 2017 den 18 Jahre lang inhaftierten Journalisten Muhammad Bekschanow auf freien Fuß. Doch hinter der vermeintlichen Entspannung steckte ein anderer Plan: Das Aufpolieren des usbekischen Images in der Welt, um ausländische Investoren anzulocken. Denn unter dem neuen Präsidenten wurde die ökonomische Fortentwicklung zur wichtigsten Priorität in Usbekistan.

„Uzbekistan’s government continued to show a blatant disregard for constitutional provisions, leaving freedom of expression and freedom of the press virtually nonexistent in the country.“

— (Freedom House: Freedom of the Press 2016)

Freiheit der Presse mit Füßen getreten

Schnell stellte sich heraus: Eine nachhaltige Verbesserung der Menschenrechtssituation scheint kaum im Interesse des Regimes zu liegen. Diese Erfahrung musste Edda Schlager Ende 2016 machen. Als einzige deutsche Journalistin, die aus Zentralasien berichtet, reiste sie vor den Präsidentschaftswahlen mit einem Touristenvisum nach Usbekistan, um die Stimmung im Land zu einzufangen. Am 10. November wurde sie von Sicherheitskräften festgenommen und verhört – noch am selben Tag kam sie vor Gericht und wurde aus dem Land geworfen und mit einem dreijährigen Einreiseverbot belegt.

Edda Schlagers eintägige Verhaftung ist ein beispielhafter Fall, der die Einschränkung der Pressefreiheit in Usbekistan dokumentiert. Auch wenn die usbekische Verfassung eigentlich Meinungs- und Pressefreiheit unterstützt, ist eine freie Berichterstattung aus und in Usbekistan in der Praxis nicht möglich. Polizeikräfte an jeder Ecke bestimmen das Stadtbild in Usbekistan, offen mit einem Mikrofon durch die Straßen zu laufen ist nicht möglich. Wenn Journalisten oder Menschenrechtler doch erwischt werden, so drohen ihnen nicht nur Repressalien in Form von Lizenzentzug oder Jobverlust – auch Folter ist in den usbekischen Gefängnissen an der Tagesordnung.

Das Regime tut alles dafür, seine Bürgerinnen und Bürger nur mit den Informationen der Staats-propaganda zu füttern. Medien müssen sich beim Staat registrieren und erhalten nur in den seltensten Fällen eine Lizenz. Seit der Niederschlagung der Proteste in Andijan 2005 können auch ausländische Journalisten und Medienhäuser ihrer Arbeit kaum noch nachkommen. Darüber hinaus kontrolliert das staatliche Telekom-munikationsunternehmen sämt-liche Internet-Services und blockiert für die Bürgerinnen und Bürger den Zugang zu missliebigen Seiten von Medien oder Menschenrechtsorganisationen. Im Pressefreiheits-Ranking der Nichtregierungs-organisation Freedom House steht Usbekistan auf dem drittletzten Platz – nur Nordkorea und Turkmenistan missachten die Freiheit der Medien noch stärker.

Zwangsarbeit bei der Baumwollernte

Frau bei der Ernte in Usbekistan 2015 (© Simon Buxton/Anti-Slavery)

Aus Sicht des Regimes gibt es genug Gründe, die Arbeit von Journalisten einzuschränken. Jeden Herbst werden alle Bürgerinnen und Bürger des Landes zur minimal bezahlten Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern einberufen. Während der Ernte verebbt das öffentliche Leben, selbst essenzielle Ein-richtungen wie Krankenhäuser oder Schulen stehen weitgehend still. Für die Regierung ist das ein riesiges Geschäft: Als weltweit fünftgrößter Exporteur von Baumwolle verdient das Regime laut Angaben von Human Rights Watch und dem usbekisch-deutschen Forum für Menschenrechte (UGF) jährlich über eine Milliarde Dollar, die in eine schwarze Staatskasse wandern.

Und so scheint das Regime empfindlich zu reagieren, wenn man ihm mit finanziellen Einbußen droht. Als Human Rights Watch und das UGF 2017 berichteten, dass Weltbank-Projekte im Land in Verbindung mit Zwangsarbeit standen, intervenierte der Chef der Finanzinstitution Jim Yong Kim beim usbekischen Präsident Mirziyoyev. Die Folge: die Situation besserte sich zumindest kurzzeitig – das System der Zwangsarbeit besteht aber weiterhin. So kommt es bei der Verbesserung der Menschenrechtslage in Usbekistan vielleicht auch auf die internationale Gemeinschaft an. Denn der Reformdruck von innen ist nur schwach ausgeprägt. Trotz des Wechsels an der Spitze Usbekistans profitieren zu viele Akteure von diesem auf Ausbeutung und Überwachung basierenden System. Wenn die Menschenrechtslage in Usbekistan nachhaltig verbessert werden soll, kommt es wie im Falle der Weltbank vor allem auf die internationale Gemeinschaft und Menschenrechtsgruppen an. Denn der Tod des Diktators 2016 hat das usbekische Regime nicht grundlegend verändert. Doch der Optimismus von damals scheint noch nicht komplett verflogen: „Es haben sich ein paar Türen geöffnet”, meint Edda Schlager. „Man muss sie nur noch durchqueren.“

„Cotton is mandatory for everyone. The government gave the orders [to pick] and you will not go against those orders. If I refuse, they will fire me… We could lose the bread we eat.“

Lehrer aus dem Turtkul-Distrikt in Karakalpakstan, lt. Human Rights Watch & UGF („We can’t refuse to pick cotton“, 2017)

„Ich wusste zu viel, um zu schweigen“ Pressefreiheit in Usbekistan: Reporter zwischen Aktivismus und Journalismus

Verfolgt, verhaftet, gefoltert – Journalist sein in einer Diktatur bedeutet meist für die Wahrheit zu kämpfen. Ist es dennoch möglich eine Grenze zum Aktivismus zu ziehen? Einblicke in das Leben der usbekischen Journalistin Umida Niyazova.

Dezember 2006. Es ist Winter in Taschkent in Usbekistan. Umida Niyazova steigt aus dem Flugzeug, die Sicherheitsleute erwarten sie bereits. Auf ihrem Laptop werden sie den Report über das Massaker von Andischan finden. Niyazova weiß, was das für ihr Leben bedeutet. Sie weiß, was die Regierung in Usbekistan mit Regimekritikern macht. Denn sie hat über die Gräueltaten berichtet.

Die 42-jährige Usbekin ist Journalistin. Eine schmale Frau mit Bob, dunklen Augen, weichen Gesichtszügen. Im Gespräch über ihre Arbeit blickt sie gefasst in die Augen ihres Gegenübers.

In einem Land, in dem es keine freie Presse gibt und die Arbeit von Journalisten nicht geschützt sondern verurteilt wird, sei es schwer zwischen Aktivismus und Journalismus zu unterscheiden, sagt Niyazova. „Es ist schwer objektiv zu bleiben, wenn du selbst Teil des Verbrechens wirst, über das du gerade noch berichtet hast.“

Umida Niyazova wurde in Usbekistan wegen ihrer journalistischen Arbeit zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Im Dezember 2006, auf dem Flughafen in Taschkent, kommt Umida Niyazova zum ersten Mal selbst in Berührung mit dem usbekischen Sicherheitsapparat. Damals ließ man sie nach siebenstündiger Befragung und der Beschlagnahmung ihres Laptops gehen. Doch ein halbes Jahr später landet sie vor Gericht – beschuldigt, Propaganda für religiöse Extremisten zu betreiben. Sie stelle eine „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ dar, heißt es in dem Gerichtsurteil vom 1. Mai 2007.

Von der Übersetzerin zur Menschenrechtlerin

Niyazova sprach mit Opfern und Zeugen des Massakers von Andischan, bei dem 2005 Hunderte Regierungsgegner von Sicherheitskräften erschossen wurden – angeblich, weil sie einen islamistischen Aufstand planten. Die Wahrheit kennt niemand, denn die Regierung unterbindet bis heute eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle. Auch die EU kommt mit ihrer Forderung nach einer internationalen Untersuchungskommission nicht weiter.

Doch bereits während des Höhepunkts der Repressionspolitik unter Machthaber Islam Karimov 1999 schloss sich die Reporterin der NGO „Internews Network“ an. Sie habe auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen wollen und wurde so auch zur Aktivistin. Ein russischer Aktivist bat sie damals, usbekische Gerichtsurteile zu übersetzen. Im ganzen Land wurden zu dieser Zeit Terroranschläge verübt, tausende Menschen als Islamisten verdächtigt und ohne Beweise festgenommen.

In autoritären Systemen vermischen sich Journalismus und Aktivismus häufig

Für ihre Arbeit als Journalistin wurde Niyazova im Jahr 2007 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Aktuell sitzen zehn Reporter in Usbekistan im Gefängnis. Das Land steht auf Platz 169 der Rangliste der Pressefreiheit, hinter der Türkei und vor Nordkorea. Das ermittelte die NGO Reporter ohne Grenzen für das Jahr 2017. Folter und willkürliche Verhaftungen sind noch immer Teil des Justizsystems. Die Organisation dokumentiert Zensur und Verstöße gegen die Presse- und Informationsfreiheit weltweit.

Doch was hat das mit der Vermischung von Aktivismus und Journalismus zu tun? Ein Journalist beobachtet und beschreibt, ein Aktivist kämpft und will überzeugen. In autoritären Systemen verwischen die Grenzen jedoch am häufigsten, bestätigt Christoph Dreyer von Reporter ohne Grenzen. In einem Land wie Usbekistan bestimme schließlich die Regierung, welche Sichtweise zugelassen ist, erklärt er. „Sie versucht die öffentliche Meinung gleichzuschalten. Alle, die sich nicht in das System einfügen, übernehmen eine Oppositionsrolle. Journalisten wie Aktivisten.“

Dreyer betont wie wichtig die Unterscheidung ist: „Anders als Aktivisten, dürfen sich Journalisten nicht zum Sprachrohr einer Sache machen. Sonst werden sie unglaubwürdig.“ Das müssten vor allem Journalisten in Diktaturen verstehen. Denn nur wer als Journalist objektiv bleibt, könne beispielsweise auch auf die Unterstützung von ausländischen Medien und Organisationen hoffen.

Ausländische Journalisten bekommen nur schwer ein Visum

Doch um überhaupt an Informationen zu gelangen, müssen Journalisten in Usbekistan Grenzen überschreiten. Und auch für internationale Medien ist die Recherche über Menschenrechtsverletzungen in dem zentralasiatischen Land sehr schwer. Die deutsche Journalistin Edda Schlager hat das am eigenen Leib gespürt: „Sobald man aus dem System staatlich gelenkter Medien herausfällt, ist man ein verdächtiges Objekt. Man bekommt sozusagen ein Etikett von den Strafverfolgungsbehörden aufgeklebt. Die stellen sich die Frage nach Journalismus oder Aktivismus gar nicht.“

Edda Schlager ist aktuell die einzige freie deutsche Journalistin in Zentralasien. (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Schlager lebt seit über zehn Jahren in Zentralasien, ist eine der einzigen Korrespondentinnen in diesem Gebiet. Sie berichtete bereits mehrfach über Usbekistan und wurde dort 2016 sogar festgenommen, weil sie nach dem Tod Karimovs kurzfristig mit einem Touristenvisum statt eines Journalistenvisums einreiste.

Schlager distanziert sich zwar klar von aktivistisch motivierter Berichterstattung. Doch auf offiziellem Wege ein Journalistenvisum zu bekommen, sei für westliche Reporter nahezu unmöglich, sagt sie: „Die Auflagen sind hoch und wer aus Usbekistan berichten will, muss sich Monate zuvor um eine Akkreditierung bewerben.“ Themen wie Zwangsarbeit, Menschenrechtsverletzungen und die Arbeit des Polizei- und Geheimdienstapparates seien tabu.

Das wusste auch Umida Niyazova. „Anfangs sollte ich nur Gerichtsurteile übersetzen. Doch irgendwann wusste ich zu viel, um zu schweigen“, sagt sie. „Ich bin Journalistin geworden, weil ich etwas verändern wollte“.

Engagierten Journalismus gibt es auch in Deutschland

Diesen Satz würden wohl auch Journalisten aus demokratischen Staaten unterschreiben. Denn auch dort habe es schon immer Reporter gegeben, die sich für bestimmte Themen besonders stark interessieren und auf ein bestimmtes Problem hinweisen möchten, erklärt Christoph Dreyer. „Vor allem in Zeiten von Populismus und pauschaler Medienkritik wurde auch in Deutschland ein Denkprozess hin zum engagierten Journalismus angestoßen“, so Dreyer. Dennoch dürfe sich dieser nie in eine politische Schublade stecken lassen.

Umida Niyazova ist heute nur noch Aktivistin. Auf internationalen Druck hin wurde ihre Haftstrafe nach einer Woche in eine Bewährungsstrafe umgewandelt, doch dafür musste sie einen Deal eingehen: Die Regierung forderte ein „Reuebekenntnis“, außerdem darf Niyazova seit diesem Zeitpunkt nicht mehr als Journalistin in Usbekistan arbeiten. Ein Triumph der Machthaber?

Niyazova fand Exil in Berlin, 2010 gründete sie dort das „Uzbek-German Forum for Human Rights“ (Usbekisch-deutsches Forum für Menschenrechte) und versucht nun aus der Ferne Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan aufzudecken, Journalisten wie Edda Schlager mit Informationen und Kontakten vor Ort zu versorgen.

Ein verkürztes Bild

In Deutschland gibt es kaum Interesse an Usbekistan. Dabei hat das Land in Zentralasien sehr wohl eine Bedeutung für die Bundesrepublik. Ist das Ignoranz oder Unwissen? Eine Spurensuche in Politik und Medien.

Usbekistan gehört zu den Ländern, von denen die meisten Menschen in Deutschland eigentlich gar kein Bild haben. Wer sich etwas auskennt, denkt vielleicht an den austrocknenden Aralsee, oder weiß, dass in Usbekistan einst die Seidenstraße verlief. Aber egal ob Usbekistan, Tadschikistan oder Turkmenistan: Länder mit der Endung „-stan” bilden aus deutscher Sicht einen ziemlich weißen Fleck auf der Landkarte. Stellvertretend für die gesamte Region Zentralasien liegt Usbekistan so weit abseits jeglicher öffentlicher Wahrnehmung, dass selbst eine Google-Suche nach dem Land in etwa so viele Ergebnisse liefert, wie die Suche nach einer beliebigen deutschen Kleinstadt.

Dabei ist es nicht so, dass in dem Land nichts Interessantes passieren würde. Als Teil der Sowjetunion wurde Usbekistan einst eine wichtige Rolle zugewiesen: der Baumwollanbau für das ganze Reich. Trotz der schwierigen Bedingungen in dem von Wüsten geprägten Land, ist Usbekistan bis heute einer der weltweit größten Exporteure für Baumwolle.

Obwohl sich usbekische Baumwolle in den allermeisten deutschen Kleiderschränken finden dürfte, ist wohl den wenigsten bekannt, dass diese Baumwolle jedes Jahr von tausenden usbekischen Zwangsarbeitern geerntet wird. Egal ob Lehrer, Anwälte, Ärzte, Senioren, oder (zumindest offiziell) bis vor kurzem auch Kinder: Jeden Herbst müssen unzählige Usbeken ihre Heimat und Arbeitsstellen für die Ernte verlassen, um unter schweren Bedingungen und hohem Druck Baumwolle für das Vaterland zu ernten.

“Etwas besser als Nordkorea”

Für die Repressivität des Staates gibt es für die usbekische Menschenrechts-Aktivistin Umida Niyazova nur wenige vergleichbare Länder auf der Welt: „Usbekistan ist der klassische autoritäre Staat. Etwas besser als Nordkorea, aber schlechter als die Türkei oder Russland.” Anders als bei diesen Ländern gibt es allerdings in Deutschland und anderswo kaum Aufmerksamkeit für die Situation in Usbekistan. Schließlich droht hier niemand mit Atombomben und im Vergleich zu Ländern wie Afghanistan oder Pakistan wirkt Usbekistan von außen ruhig und stabil.

Umida Niyazova wurde in Usbekistan wegen ihrer journalistischen Arbeit zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Grund für die prekäre Menschenrechtssituation und Isolation in Usbekistan war lange der autoritäre Staatspräsident Islom Karimov, der schon zu Sowjetzeiten in der Führung des Landes war und seit der Unabhängigkeit 25 Jahre bis zu seinem Tod 2016 regierte. Unter ihm wurden unzählige Menschen gefoltert, zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und die usbekische Presse unterdrückt. Einen traurigen Höhepunkt fand die Härte im Umgang mit unbequemen Kritikern 2005 bei dem Massaker in Andischan. Das usbekische Militär tötete damals hunderte unbewaffnete Menschen bei einer Protestdemonstration. Ein Ereignis, das bis heute weder auf Europäischer Ebene noch von der deutschen oder US-amerikanischen Regierung öffentlich thematisiert wird.

Dabei hätte gerade Deutschland gute Möglichkeiten durch öffentliche Kritik etwas zu bewirken. Und zwar nicht nur, was die weltweite Aufmerksamkeit angeht, meint die Vorsitzende des Usbekisch-Deutschen Forums für Menschenrechte Umida Niyazova. Deutschland hat gute Beziehungen zu Usbekistan und wird – anders als Amerika – innerhalb des Landes ernst genommen.

Deutschland nutzt seinen Einfluss nicht

Schließlich halfen deutsche Bemühungen auch Umida Niyazova selbst, als sie 2007 in Usbekistan wegen ihrer Arbeit als Menschenrechts-Aktivistin und Journalistin zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Nach wenigen Wochen wurde sie freigelassen und konnte Asyl in Deutschland beantragen. Obwohl sie für diese Bemühungen dankbar ist, kritisiert Niyazova: „In Sachen Menschenrechtsverletzungen macht Deutschland keinen Gebrauch von seinem Einfluss in der Region. Es gibt fast keine öffentliche Kritik”.

Sie vermutet, dass die Bundesregierung versucht, die konstruktiven Gespräche aufrechtzuerhalten, um so hinter verschlossenen Türen in Fällen wie ihren eingreifen zu können. Doch ändern wird sich auf diese Weise wohl nichts, meint Niyazova. „Das wurde viele Jahre versucht. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, ein wenig kritischer sein”. Denn obwohl der neue Präsident Shavkat Mirziyoyev zuletzt Hoffnungen auf einen politischen Wandel weckte, lassen jüngste Verhaftungen von Journalisten und Homosexuellen Zweifel an einer Verbesserung der Menschenrechte in Usbekistan aufkommen.

Desinteresse in deutschen Medienhäusern

Aber Usbekistan wird nicht nur auf politischer Ebene vernachlässigt. Auch in den deutschen Medien ist das Land unterrepräsentiert. Aktuell gibt es genau eine freie deutsche Journalistin, die aus Zentralasien berichtet. Edda Schlager ist eine Frau mit kurzen blonden Haaren und einer sehr direkten Art. Genau diese Art braucht die Quereinsteigerin für ihren Job. Edda Schlager schlägt sich mittlerweile seit zwölf Jahren durch die Länder mit dem „– stan” am Ende und ist dabei zum großen Teil auf sich selbst gestellt. Bevor sie in die Gegend reiste und begann dort zu leben, hatte auch sie wenig Ahnung, was sie erwarten würde. „Ich wusste nicht mal, wo Usbekistan liegt, bevor ich hinging.“ Es war jedoch nicht nur Neugierde, die sie in die Ferne trieb, auch ein wenig Pragmatismus steckte dahinter. Zu Beginn dachte Edda Schlager, es wäre sicher ein Leichtes Themen aus Zentralasien an deutschsprachige Medien zu verkaufen, da es hier doch kaum freie Korrespondenten gäbe.

Edda Schlager ist aktuell die einzige freie deutsche Journalistin in Zentralasien. (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Doch relativ schnell erkannte die Journalistin, dass ihre Vorstellung nicht der Realität entsprach. Das Interesse an Themen aus Usbekistan geht in deutschen Redaktionen gegen Null. Edda Schlager steht zwar in gutem Kontakt mit vielen Zeitungsredaktionen, doch oftmals gibt es auf ihre Vorschläge wenig positive Reaktion. „Wenn ich dann einmal ein Thema durch gekriegt habe, dann weiß ich, dass ich die nächsten drei Monaten mich nicht mehr melden muss.“

Im Schatten von Russland und der Ukraine

Natürlich haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten Zentralasien durch Korrespondenten abgedeckt. Sie arbeiten kaum mit freien Journalisten zusammen. Doch die Korrespondenten der ARD und des ZDF finden wenig Zeit für Themen aus Usbekistan und seinen Nachbarländern. Sie haben ihren Hauptsitz in Moskau und sind für Russland, die Ukraine, Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Moldawien und ganz Zentralasien zuständig. Bei einem Team von drei Leuten im Fernseh-Korrespondenzbüro der ARD, bleiben da zahlreiche Themen auf der Strecke. Dessen ist sich auch Golineh Atai bewusst, die seit fünf Jahren in dem ARD-Büro arbeitet: „Gerade in den Krisenjahren von 2013 bis 2016 ist vieles vernachlässigt worden. Da haben wir fast ausschließlich über Russland und die Ukraine berichtet.“ Auch aktuell steht Zentralasien nicht auf Platz 1 der Prioritätenliste. Viele gesellschaftliche Themen aus Russland werden nun von der Redaktion aufgearbeitet. Beispielsweise der Alltag von Frauen im Land oder die Surfkultur an den Stränden. Der Reiz ist groß für deutsche Redaktionen über Russland zu berichten.

Golineh Atai und ihre Kollegen würden jedoch auch gerne mehr Berichterstattung zu Themen aus Zentralasien machen. Ereignisse wie Wahlen in Kirgistan schreiben sie immer in ihren Wochenausblick, der an die Redaktionen in Deutschland geht. Doch sie haben ähnliche Probleme wie Edda Schlager. Themen aus Zentralasien sind kaum gewünscht. „Für unsere Kollegen in Deutschland ist das terra incognita.“ Golineh Atai beschreibt, dass die Redakteure kaum wissen, welche Bedeutung die Länder für Deutschland haben.

Die ARD-Korrespondenten in Moskau waren zuletzt vor zwölf Jahren in Usbekistan selbst. Dabei spielt jedoch nicht nur das geringe Interesse deutscher Redaktionen eine Rolle, sondern auch die repressive Politik der usbekischen Regierung. Nach dem Massaker in Andischan wurden kaum noch ausländische Journalisten in das Land gelassen. Zu groß war die Angst, dass diese etwas über die Hintergründe ermitteln könnten. Die Auflagen waren streng und sind es immer noch.

Eine bessere Zukunft in Sicht?

Erst diesen Sommer wollte Golineh Atai mit einem Fernsehteam nach Usbekistan reisen, um einen Beitrag über Land- und Wasserwirtschaft dort zu berichten. Sie hatten viel Geld und Zeit investiert und es schließlich auch geschafft ein Visum zu bekommen. Dennoch wurde die Reise letztendlich abgesagt. „Die Befürchtungen waren einfach zu groß, dass wir vor Ort nicht viel machen können.“ Im nächsten Jahr soll nun ein weiterer Anlauf gestartet werden. Hier wird ein weiterer großer Punkt, warum die Berichterstattung aus Usbekistan so schwierig ist, klar. Die Planungsunsicherheit ist sowohl für freie Journalisten wie Edda Schlager, als auch Korrespondenten wie Golineh Atai ein Problem.

Beide Journalistinnen würden sich jedoch mehr Aufmerksamkeit und Engagement für Usbekistan wünschen. „Usbekistan hat sehr wohl eine Bedeutung für Deutschland“, sagt Golineh Atai. „Besonders in der Wasser-Diplomatie, aber auch Extremismus, der in Zentralasien entsteht, könnte die nächsten Jahre noch ein großes Thema werden.“ Umida Niyazova hat noch ein anderes Anliegen. Sie möchte ein breiteres Bild mit mehr gesellschaftlichen Themen aus ihrem Heimatland, wie beispielsweise der häufig vorkommenden häuslichen Gewalt. So würde eventuell nicht nur das Interesse bei den deutschen Bürgern, sondern ebenso in der deutschen Politik wachsen. Auch Edda Schlager hofft auf mehr Vielfalt bei den Themen aus Usbekistan in deutschen Medien. „Es ist kein falsches Bild von Usbekistan in den deutschen Medien, aber ein verkürztes.“

Der Preis des „weißen Goldes“ Umida Niyazova lebt mittlerweile seit zehn Jahren in Berlin. Zehn Jahre, in denen sie Usbekistan nicht mehr gesehen hat. In ihrer Heimat hat sich die 42-jährige Journalistin für Bürgerrechte stark gemacht und den staatlichen Baumwollanbau kritisiert. Lehrer, Ärzte, Studenten – Hunderttausende werden alljährlich zum Baumwollpflücken auf die Felder geschickt. Damit sich endlich etwas ändert, führt Niyazova ihren Kampf von Berlin aus weiter.

Im Dezember 2006 wird Umida Niyazovas Laptop bei ihrer Ankunft am Flughafen von Taschkent konfisziert. Die usbekische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin ist auf dem Heimweg von einer Fortbildung in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Auf ihrem Laptop findet die Polizei Recherchematerial zum Andischan-Massaker  sowie einen unfertigen Artikel über die älteste Tochter von Islom Karimov, der Usbekistan von 1991 bis zu seinem Tod im September 2016 mit harter Hand regiert. Der Inhalt von Niyazovas Laptop wird als Gefahr für die öffentliche Sicherheit eingestuft. Sie kommt vor Gericht – Anklage: Propaganda für religiösen Extremismus. Umida Niyazova wird zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Journalistin und Menschenrechtlerin Umida Niyazova/ Quelle: UGF

Elf Jahre später sitzt die heute 42-Jährige im Konferenzraum der Berliner Zentrale von Human Rights Watch Deutschland, mit Blick auf den Hackeschen Markt. Der Menschenrechtsorganisation habe sie es zu verdanken, dass es ihr damals besser erging als anderen Inhaftierten, von denen viele gefoltert wurden. Aber dank des Einsatzes von Human Rights Watch hätten auch die deutsche Bundesregierung und die Europäische Union in ihrem Fall Druck auf das usbekische Regime ausgeübt. Niyazova kommt schließlich nach vier Monaten frei. Sie wird jedoch weiterhin überwacht und darf Taschkent nicht verlassen.

Als Niyazova verhaftet wird, ist sie in Usbekistan keine Unbekannte. Seit den späten 1990er Jahren deckt die studierte Elektroingenieurin Korruption und Machtmissbrauch im Umfeld des Langzeitpräsidenten Karimov auf und kämpft gegen die Verletzung von Menschenrechten in ihrem Heimatland – als Journalistin bei Internews sowie als Aktivistin mit den Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Freedom House. Ein Fokus ihrer Arbeit richtet sich dabei auf den staatlich kontrollierten Baumwollanabau. Der Textil-Rohstoff ist eine der wichtigsten Einnahmequellen Usbekistans, der zentralasiatische Staat der fünftgrößte Baumwollexporteur der Welt. Fast die Hälfte seiner Fläche ist von Baumwollfeldern bedeckt.

Jedes Jahr pflücken rund 2,7 Millionen Usbekinnen und Usbeken während der von September bis Mitte November andauernden Erntezeit das „weiße Gold“. Ein Drittel von ihnen tut dies unter Zwang: Angestellte des öffentlichen Sektors wie Ärzte und Lehrer sowie bis vor kurzem auch Studenten werden für die Erntearbeit von den Kliniken, Schulen und Universitäten in Bussen zu den Feldern gefahren. Dort pflücken sie zehn Tage oder – im Falle der Studenten – zweieinhalb Monate lang Baumwolle, acht bis zehn Stunden am Tag. Entschädigung: sechs bis acht US-Cents pro Kilogramm Baumwolle, beziehungsweise zwei bis drei Dollar am Tag. Davon müssen sie den Transport, ihr Essen sowie ihre zumeist prekären Unterkünfte bezahlen.

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=bGL7vLYooAA[/embedyt]

Die Arbeiter werden in Bussen zu den Baumwollfeldern gefahren. Quelle: UGF

Die Bedeutung der Baumwolle in Usbekistan reicht weit zurück, in die Zeit, als das Land eine Teilrepublik der Sowjetunion war. Seit den 1920er Jahren wurde ihr Anbau systematisch gefördert. Davon zeugt auch der heutige Zustand des Aralsees, den sich Usbekistan mit seinem Nachbarn Kasachstan teilt. Da das Wasser des Sees in Kanälen zu den Baumwollfeldern umgeleitet wurde, ist das einst viertgrößte Binnengewässer der Erde heute in weiten Teilen nur noch eine Salzwüste.

Die Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern hat ihre Wurzeln ebenfalls in der sowjetischen Ära. Umida Niyazova erinnert sich noch heute an den Moment, als ihre Mutter, eine Lehrerin, zur Ernte gerufen wurde:

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=3w2jDjyu9Uc[/embedyt]

Umida Niyazova erzählt im Büro von Human Rights Watch von ihrer ersten Erinnerung an die Zwangsarbeit.

Auch Niyazova selbst musste als Studentin Baumwolle pflücken. Doch, sagt sie, zu Sowjetzeiten sei die Arbeit erträglicher gewesen. Die Zwangsarbeiter seien besser bezahlt worden und das zu pflückende Soll pro Arbeiter sei niedriger gewesen. Bis heute bestimmt die usbekische Regierung in einem Jahresplan, wie viel Baumwolle geerntet werden muss. Für 2017 sah sie einen Mindestertrag von 3,5 Millionen Tonnen vor. Diese Landesquote wird auf die Regionen heruntergerechnet. Deren Vorsitzende legen fest, wie viel Baumwolle jede ihnen unterstehende, öffentliche Institution zu ernten hat. Letztere, also beispielsweise Schulen oder Krankenhäuser, müssen dann anhand der vorgegebenen Quoten bestimmen, wie viele ihrer Angestellten auf die Felder geschickt werden und welchen Ernteertrag jeder Einzelne von ihnen zu erbringen hat. Zu Sowjetzeiten fiel diese Pro-Kopf-Quote geringer aus als heute, da für die Baumwollernte vor allem Maschinen eingesetzt wurden. Seit der Unabhängigkeit Usbekistans Anfang der 1990er Jahre hat sich das geändert: Heute wird zu 90 Prozent von Hand gepflückt, da die so geerntete Baumwolle von höherer Qualität ist. Denn Maschinen grasen alles ab, auch Ungeziefer und verunreinigte Blüten, während Handpflücker nur das pure, „weiße Gold“ ernten.

Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis im Mai 2007 wird es für Umida Niyazova zunehmend schwierig, ihre Arbeit als Journalistin und Menschenrechtsaktivistin fortzuführen: Sie darf ihre Wohnung zwischen 10 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht verlassen und wird vom usbekischen Geheimdienst noch stärker und offensichtlicher überwacht als zuvor. Wieder erhält sie Hilfe von Human Rights Watch. Am Ende setzt sich die Europäische Union dafür ein, dass Niyazova im Herbst 2008 mit ihrem damals dreijährigen Sohn ausreisen kann. Ihr Ehemann hat das Land bereits früher verlassen. Heute arbeitet er als Journalist für Radio Free Europe in Prag und fährt jedes Wochenende zu seiner Familie nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt arbeitet Umida Niyazova nach ihrer Ankunft zunächst für Human Rights Watch. 2009 gründet sie mit anderen usbekischen Exilanten das Uzbek-German Forum for Human Rights UGF. Von ihrer neuen Heimat aus kämpft sie weiter gegen die Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan.

Mit einer weiteren festangestellten Mitarbeiterin sowie Teilzeit-Angestellten koordiniert Umida Niyazova von Berlin aus die Arbeit des UGF. Sie schreibt über die Menschenrechtslage in Usbekistan, arbeitet mit anderen NGOs zusammen und versucht, für ihre Anliegen Gehör bei europäischen Politikern zu finden. In Usbekistan ist für Niyazova und ihr Team ein Netz von Informanten auf den Baumwollfeldern unterwegs. Sie sprechen mit den Zwangsarbeitern und schreiben Berichte über die aktuelle Lage im Land. Mit ihren Informanten kommuniziert Umida Niyazova über geheime Kanäle, zu denen sie nichts Näheres sagen will, um ihre Leute vor Ort nicht zu gefährden. Dank diesen gelangen in Niyazovas Berliner Büro Informationen, welche die immer noch verheerende Menschenrechtssituation in Usbekistan beleuchten. Ein Beispiel dafür ist die Mitschrift der demütigenden Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent, die Radio Free Europe Anfang November zugespielt wurde.

Mitschrift der Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent

Mitschrift der Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent/      Quelle: UGF

All dies mag nicht zu aktuellen Bildern aus Usbekistan passen: Im Land herrscht Aufbruchsstimmung. Nach dem Tod Islom Karimovs Ende vergangenen Jahres ist mit Shavkat Mirziyoyev ein neuer Mann an die Spitze Usbekistans getreten. Mirziyoyev war zwar unter Karimov Premierminister und ist genauso Teil der alteingesessenen usbekischen Machtelite wie sein Vorgänger, doch bei vielen im Land weckt er die Hoffnung auf bessere Zeiten. Umida Niyazova bestätigt, dass sich unter Mirziyoyev eine Öffnung des Landes abzeichnet. Aber sie warnt, dass sich diese – ähnlich wie in China oder Russland – auf die wirtschaftliche Liberalisierung beschränken werde und das autoritäre, auf Repression seiner Bürger setzende System erhalten bleibe.

Umida Niyazova bleibt skeptisch, obwohl sie und das Uzbek-German Forum erst kürzlich einen Erfolg im Kampf für die Menschenrechte in Usbekistan verzeichnen konnten. Im Rahmen der UN-Generalversammlung nahm der Präsident der Weltbank, Jim Yong Kim, Shavkat Mirziyoyev zur Seite. Über den Inhalt ihres Gesprächs ist nichts Näheres bekannt, aber kurz darauf kündigte der neue usbekische Staatspräsident an, dass die derzeit rund 200.000 zur Zwangsarbeit verpflichteten Studenten die Baumwollfelder umgehend verlassen dürften. Dass der Weltbank-Chef seinen Einfluss geltend gemacht hat, dürfte nicht zuletzt dem Report zur Zwangsarbeit in Usbekistan geschuldet sein, den das UGF und Human Rights Watch gemeinsam veröffentlicht haben. Darin klagen sie die Weltbank an, in Usbekistan Entwicklungs-Projekte zu finanzieren, die auf Zwangsarbeit setzen.

Trotz dieser anscheinend positiven Entwicklung kann sich Umida Niyazova auch hier nicht richtig freuen, denn die Studenten würden einfach durch andere Zwangsarbeiter ersetzt. Zudem koste es nun mehr, sich von der Feldarbeit frei zu kaufen. Wer keine Zwangsarbeit leisten will oder aufgrund einer Krankheit nicht kann, muss einen Ersatz für sich finden und bezahlen. Andernfalls drohen Sanktionen; beispielsweise werden soziale Leistungen gekürzt. Private Unternehmen sind von der Regierung ebenfalls dazu verpflichtet, Arbeiter für die Baumwollernte anzustellen. Und die Preise für solche Leiharbeiter sind seit Ende September gestiegen, sagt Niyazova: Eine Lehrerin beispielsweise müsse nun nicht nur ihren eigenen Arbeitsausfall, sondern auch den eines Studenten bezahlen.

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=Mav6hzeJi44[/embedyt]

Im Herbst auf den Baumwollfeldern Usbekistans. Quelle: UGF

Die aktuelle Situation erinnere sie an 2014, als die usbekische Regierung – ebenfalls unter internationalem Druck – die Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern offiziell abschaffte. Davor mussten auch Kinder ab neun oder zehn Jahren ihren Erntedienst leisten. Doch seit sie davon befreit sind, werden mehr Erwachsene zur Zwangsarbeit verpflichtet, darunter viele Lehrer, die während der Erntezeit an den Schulen fehlen. Und es gebe inzwischen auch Hinweise dafür, dass trotz staatlichen Verbots in gewissen Regionen weiterhin Kinder zur Arbeit auf den Baumwollfeldern gezwungen werden:

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=NGM-wlQjhWE[/embedyt]

Umida Niyazova erklärt in Berlin, weshalb trotz offiziellen Verbots teilweise immer noch Kinder auf den Feldern arbeiten müssen.

Die Arbeit von Umida Niyazova und des Uzbek-German Forums für die Durchsetzung der Menschenrechte in Usbekistan ist also noch lange nicht beendet. Aber trotz allem schöpft auch sie nach der Intervention der Weltbank Hoffnung, dass grundlegende Veränderungen in ihrem Heimatland möglich sind.

Gerne würde sie nach Usbekistan, zu ihren Eltern und Geschwistern, zurückkehren. Doch Umida Niyazova macht sich wenig Hoffnung, dass das bald möglich sein wird, da sie immer noch als einer der größten Staatsfeinde gelte und erst kürzlich ein mit ihr befreundeter Blogger und ein regimekritischer Schriftsteller verhaftet worden seien.