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Gleichberechtigung für türkische Journalistinnen – ein weiter Weg Autorin: Theresa Kienlein

Frauen sind in türkischen Redaktionen unterrepräsentiert, in den Chefetagen kommen sie so gut wie nicht vor. Die Kommunikationswissenschaftlerin Gizem Melek hat mit zehn Journalistinnen Interviews über ihren Alltag geführt. Ihre Aussagen illustrieren die wichtigsten Gründe und zahlreiche Beispiele für Diskriminierung und sexuelle Belästigung von Frauen. Für die Zukunft fordert Melek eine bessere Vernetzung von Universitäten und Medienhäusern, ein Umdenken der Gesellschaft und eine starke Bewegung für Frauen und Frauenrechte in der Türkei.

Die türkischen Medien sind eine nahezu reine Männerdomäne

Laut einer Studie zweier türkischer Journalistinnen sind in der Türkei rund 30 Prozent aller Beschäftigten der Medienbranche weiblich. Dabei variiert der Anteil der beschäftigten Frauen je nach Medium und Art der Position, wie die folgende Tabelle zeigt:

Frauenanteile in türkischen Medienunternehmen - Unterschiede innerhalb der Branche. Quelle: Gizem Melek, eig. Darstellung.
Anteil der beschäftigten FrauenAnteil der beschäftigten Frauen in ManagementpositionenAnteil der weiblichen Chefredakteure
Printmedien19 %12 %4 %
Online-Redaktionen der Zeitungen33 %k.A.17 %
Fernsehanstaltenk.A.10 %k.A.
reine Online-Medien38 %28 %31 %

 

Schlüsselt man die Führungspositionen weiter auf die einzelnen Managementaufgaben auf, so fällt der – im Vergleich gesehen – relativ hohe Frauenanteil von 28,7 Prozent bei den Ressortleitern auf. Ist die Geschlechtergerechtigkeit hier auf einem guten Weg? „Leider nein“, erwidert Melek „weiblich besetzte Bereiche sind Zeitschriften und Lifestyle-Magazine. In Ressorts wie Politik oder Wirtschaft findet man so gut wie keine Frauen, sie stecken in Kunst und Kultur, Gesundheit und bei Bildungsthemen fest. Das zeigt wieder eine andere Form von Sexismus.“ Bei den Themen Sport und Wirtschaft sind allerdings öfter weibliche Moderatoren und Nachrichtensprecher zu sehen. Häufig aber nicht aus dem Blickwinkel der Gendergerechtigkeit, sondern als gezielte Marketingmaßnahme für die überwiegend männliche Zielgruppe, führt Meleks Interviewpartnerin A.I, Journalistin seit neun Jahren, aus: „Women presenters are seen only as a visual material“.

Ein weiteres Problem ist die Hauptstadtberichterstattung aus und in Ankara. Um in der Türkei in eine leitende Medienposition zu kommen, ist Erfahrung in der Hauptstadt ein unbedingtes Muss. „Hier sehen wir erschreckende Zahlen“, so Melek weiter, „bei 17 Zeitungen in Ankara gibt es nur eine weibliche Korrespondentin.“

Diskriminierung und sexuelle Belästigung sind Alltag

Journalistinnen in der Türkei werden oft auf ihr Äußeres reduziert: Sie berichteten in den Interviews von Einkaufs- und Stylingstipps, die sie von ihren Vorgesetzten erhalten haben. Einmal habe sie über ein Bootsunglück mit 37 Toten live berichtet, erzählte eine politische Korrespondentin: „Alles, was meine Chefs interessiert hat, war mein Outfit.“ Eine andere Journalistin berichtet von andauernder sexueller Belästigung durch einen Kollegen am Arbeitsplatz. Als sie ihren Chef auf die Vorfälle ansprach, folgten Unverständnis und keine Reaktion. „Die Türkei tut sich schwer mit der Gleichstellung“, so Melek, „Frauen wissen im Berufsalltag oft nicht, wie sie sich abgrenzen sollen.“

Gesetzliche Lage und Einkommensunterschiede

Auch die offizielle Statistik bestätigt die bisher genannten Zahlen: Im Jahr 2013 waren von insgesamt 14415 akkreditierten Journalisten lediglich 23 Prozent weiblich. Die amtliche Statistik täusche aber, erklärt Misket Dikmen, Präsidentin des Verbands Izmirer Journalisten. „Frauen werden seltener von ihren Arbeitgebern offiziell registriert. Gerade in den ländlichen Gebieten arbeiten sie oft auf Aushilfs- und Voluntärsbasis.“ Weniger Sicherheit, geringeres Einkommen und bei Gehaltsverhandlungen verschobene Blickwinkel: Frauen werden oft schlechter bezahlt mit dem Argument, dass sie ja nur das zweite Einkommen im Haushalt liefern, ihr männlicher Kollege bei gleicher Arbeit eine ganze Familie zu versorgen habe, so die Präsidentin weiter.

Schwierige politische Lage und Attacken von Politikern in Sozialen Netzwerken

Das angespannte politische Klima in der Türkei, die Repressionen gegenüber Medienvertretern und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen tragen außerdem dazu bei, dass die berufliche und soziale Situation von Frauen schwieriger wird. Wenn Entlassungswellen drohen, seien es zuerst die Frauen, denen gekündigt wird. Melek hat seit den Gezi-Protesten 2013 ein weiteres Phänomen beobachtet: Immer öfter werden gezielt einzelne Journalistinnen Opfer von Angriffen in den sozialen Netzen. Hochrangige Politiker und Vertreter der Regierungspartei starten einen breiten Shitstorm gegen Einzelne, darunter bekannte Journalistinnen wie Nuray Mert oder Rengin Arslan.

Gendergerechte Sprache in der Praxis und die Ellbogenmentalität unter Kollegen

Auch im Redaktions- und Arbeitsalltag herrscht ein angespanntes Klima. „Wenn mir als Redakteurin genderdiskriminierende Sprache auffällt, kann ich sie verbessern“, so eine Medienvertreterin, „wenn ich andere auf die Diskriminierungen in ihren Texten hinweise, werde ich meist lächerlich gemacht.“ Eine andere Journalistin, die seit 18 Jahren als politische Korrespondentin arbeitet, berichtet, sie habe Panikattacken, seit sie bei einer Parteiveranstaltung körperlich heftig in der Menge gedrückt und gequetscht worden sei.

Forderungen für die Zukunft

Gendergerechtigkeit und gendergerechte Sprache sind Bestandteil der journalistischen Ausbildung an den Universitäten. Gizem Melek fordert eine Weiterführung der Inhalte und die bessere Vernetzung von Hochschulen und Medieninstitutionen. Außerdem bräuchten Frauen und Frauenrechte mehr Aufmerksamkeit und eine starke, breite Bewegung in der Türkei. Die Gesellschaft müsse umdenken, die Diskriminierungen und Repressionen Frauen gegenüber müssten beendet werden.

Porträt der Wissenschaftlerin Dr. Gizem Melek.

Dr. Gizem Melek

Dr. Gizem Melek ist eine türkische Kommunikationswissenschaftlerin, die seit 2011 an der Yasar Universität in Izmir (Türkei) am Institut für Radio, Fernsehen und Kino lehrt und forscht. Nach Stationen an der Universität Westminster in London und der Ägäis Universität in Izmir hat sie 2015 ihre Promotion mit dem Titel „A Study on Hürriyet and Twitter within the Framework of Intermedia Agenda-Setting“ abgeschlossen. Neben der akademischen Arbeit hat sie sechs Jahre Erfahrung im Journalismus, unter anderem als Korrespondentin des türkischen Fernsehsenders NTV und des Londoner Fernsehens ITV. Aktuell beschäftigt sie sich vor allen mit den Themenschwerpunkten Social Media im Bezug auf Twitter und Agenda-Setting sowie mit Fragen der Medienfreiheit und Medienethik.

Dr. Gizem Melek auf Twitter folgen: @Gizem_Melek

 

Mehr zu Thema Gender und Media in der Türkei:

 

Der deutsche Blick auf die Türkei Autor: Yannic Kollum

Sich selbst ein Bild zu machen wäre natürlich die beste Variante. Da dies aber nur in den wenigsten Fällen möglich ist, greift man in der Regel auf Medien zurück. Zwar wird der Blick auf andere Länder dadurch gefiltert, doch erhält man durch die Perspektiven und die Expertise der Berichterstatter auch Informationen, die einem selbst verwehrt geblieben wären. Luisa Seeling, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Bereich Außenpolitik, beantwortet einige Fragen zum Thema Gender in der Türkei sowie zur deutschen Berichterstattung.

 

Berichtet eine Frau anders über die Türkei als ein Mann?

Ich glaube nicht, dass das Geschlecht hierbei eine Rolle spielt. Vor ein paar Monaten hat ein SZ-Kollege einen Text über die Proteste nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan und über das Gewaltproblem in der Türkei geschrieben. Es war ein guter Text, und wenn der Name des Autors nicht über dem Artikel gestanden hätte, wäre wohl nicht spürbar gewesen, dass da ein Mann schreibt.

Welche Rolle spielen Gender-Themen in der Berichterstattung?

Die Medien berichten immer mal wieder über „Frauen in der Türkei“, aber – etwas salopp ausgedrückt – meist entweder als Ausnahme oder als Opfer. Wenn eine Türkin einen einflussreichen politischen Posten bekleidet, schreiben wir darüber, weil wir es überraschend finden. Und wenn es ein brutales Verbrechen gibt, wenn es also um Gewalt gegen Frauen geht, berichten wir auch, wie über den Mord an Özgecan Aslan. Das ist auch richtig so, weil wir Missstände thematisieren müssen. Trotzdem wäre natürlich schön, wenn es irgendwann keiner besonderen Erwähnung mehr bedürfte, dass eine Frau Ministerin, Bürgermeisterin oder Konzernchefin wird. Ich finde außerdem, dass wir uns noch mehr mit alltäglichen Gesellschaftsthemen befassen könnten: Wie organisieren türkische Paare die Kinderbetreuung? Welche Angebote der Familienplanung gibt es? Was bedeutet es in der Türkei, wenn die Großeltern oder Urgroßeltern pflegebedürftig werden? Denn all das betrifft ja ganz unmittelbar das Leben der Frauen.

Viele Menschen haben ein Bild im Kopf von türkischen Frauen, die sich unterordnen. Woher kommt das?

Ich persönlich habe dieses Bild nicht. Dafür kenne ich zu viele Frauen in der Türkei, die tolle Karrieren machen, die sich für ihre Rechte einsetzen und den Mund aufmachen, wenn ihnen etwas nicht passt. Wenn Recep Tayyip Erdoğan Frauen dazu auffordert, mindestens drei Kinder zu bekommen, oder das Abtreibungsrecht verschärfen will, gehen Tausende auf die Straße, um zu protestieren. Ich kenne übrigens auch türkische Männer, die ihre Frauen unterstützen und stolz auf deren Karriere sind.

Man kann also nicht pauschal sagen, dass sich Frauen in der Türkei unterordnen. Trotzdem sind natürlich die patriarchalischen Strukturen allgegenwärtig, es gibt ein großes Gleichberechtigungsproblem. In der Politik und allgemein auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen unterrepräsentiert. Die AKP-Regierung zeigt wenig Interesse daran, das zu ändern. Sie vertritt ein konservatives Frauenbild, Frauen sollen sittsam, folgsam, mütterlich sein. Hinzu kommt ein massives Gewaltproblem – häusliche Gewalt, immer wieder auch furchtbare Morde. Das allerdings ist nicht erst mit der AKP über die Türkei gekommen. Dieses Problem ist viel älter, da haben auch frühere, säkular-kemalistische Regierungen versagt.

Ist Gewalt gegen Frauen eine Frage des sozialen Milieus?

Auch, ja. Frauen in den ärmeren, bildungsferneren Schichten sind oft schlechter ausgebildet, sie haben keinen Beruf, sind ökonomisch abhängig – ihnen fehlt oft das Handwerkzeug, um sich gegen das patriarchalische System zur Wehr zu setzen. Trotzdem muss man aufpassen, dass man nicht die einfache Gleichung aufmacht: südostanatolisch und fromm – also frauenfeindlich. Geschlechterkonservative Positionen gibt es in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus, nicht nur im ländlichen Südosten. Hinzu kommt, dass die Frauenbewegung in sich gespalten ist: Stramm säkular-kemalistische Frauenrechtlerinnen haben für Kopftuchträgerinnen oft nur Verachtung übrig. Diese Spaltung schwächt die türkische Frauenbewegung.

Kann ein deutscher Journalist mit seiner westlich-liberalen Brille überhaupt die Gender-Situation in der Türkei objektiv abbilden?

Objektiv ist man nie. Jeder hat einen kulturellen Kontext und eine eingefärbte Sicht auf die Dinge. Das ist normal, unvermeidbar und, solange man sich dessen bewusst ist, auch erlaubt. Ich finde auch nicht, dass man sich von demokratischen Maßstäben verabschieden sollte, nur weil man über ein Land schreibt, in dem Politik anders funktioniert als in unseren liberalen europäischen Demokratien. Der Rest ist journalistisches Handwerk: Nachricht und Meinung trennen, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lassen.

Das eigentliche Problem, das Sie mit der Frage ansprechen, ist das des Zugangs. Als ausländischer Journalist hat man in der Regel viele liberale, progressive Freunde und Ansprechpartner, sie leben in Istanbul oder Izmir, arbeiten an der Uni, in der Werbebranche, in den Medien, sind meist nicht übermäßig religiös. Oft wählen sie die Mitte-Links-Partei CHP; AKP-Wähler oder Anhänger der nationalistischen MHP sind in den Freundeskreisen ausländischer Journalisten deutlich seltener. Es ist manchmal schwierig, aus dieser Blase herauszukommen und sich Zugang zu anderen Teilen der Gesellschaft zu verschaffen. Wenn das nicht gelingt, denkt man irgendwann, das ganze Land bestehe aus Erdoğan-Kritikern – und wundert sich sehr, wenn die AKP dann doch die Wahl haushoch gewinnt. Ich finde aber, dass die meisten deutschen Kollegen, die aus der Türkei berichten, sehr ausgewogen und differenziert arbeiten.

Gibt es in Teilen der türkischen Gesellschaft Vorbehalte gegenüber der Berichterstattung westlicher Journalisten – vor allem, wenn es um Gender-Themen geht? Erschwert das die Recherche?

Ich habe in dieser Richtung noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es nicht auf große Begeisterung stößt, wenn man einem konservativen Familienoberhaupt Vorträge darüber hält, wie er seine Frau zu behandeln hat. Ein bisschen Fingerspitzengefühl ist bei der Recherche sicher hilfreich.

Generell ist mein Eindruck, dass sich vor allem AKP-Leute von westlichen Journalisten missverstanden und ungerecht behandelt fühlen, weil die Berichterstattung über die AKP in den vergangenen Jahren immer kritischer geworden ist. Zu Recht, wie ich finde; die türkische Regierung schränkt die demokratischen Freiheiten immer hemmungsloser ein. Darüber muss man schreiben.

Spielt das Thema Geschlechtergleichheit in der Türkei zurzeit überhaupt eine Rolle in den Medien angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen?

In der Tat steht das Thema im Moment nicht ganz oben auf der Agenda. Einfach deshalb, weil in der Türkei in den vergangenen Monaten so wahnsinnig viel passiert ist: Der Konflikt des türkischen Staats mit den Kurden ist wieder ausgebrochen, die Friedensgespräche sind beendet worden. Es gab blutige Anschläge, die Situation an der syrischen Grenze ist angespannt, das Elend der Flüchtlinge nimmt zu; und dann gab es auch noch zwei Parlamentswahlen in diesem Jahr mit extrem polarisierten Wahlkämpfen.

Trotzdem: Immer dann, wenn etwas geschieht, etwa der Mord an der Studentin im Frühjahr 2015, werden die Frauen – und auch einige Männer – wahnsinnig wütend. Dann kocht eine richtige Welle hoch, es gibt Demonstrationen und es wird sehr viel berichtet, in türkischen Medien und im Ausland. Anders als früher diskutiert die Öffentlichkeit über die Situation von Frauen, das ist ein Fortschritt. Ich habe also durchaus den Eindruck, dass sich etwas tut. Das Bewusstsein für die Probleme ist größer geworden. Doch der Kampf für Frauenrechte und gegen die Gewalt bleibt mühsam, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eine konservative Gegenbewegung gibt. Wie sich die Situation von Frauen in den nächsten Jahren entwickelt, wird ganz stark davon abhängen, wie sich die türkische Demokratie insgesamt entwickelt. Zurzeit sieht es nicht gerade rosig aus.

 

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

 

Luisa Seeling

Luisa Seeling ist Journalistin der Süddeutschen Zeitung im Ressort Außenpolitik und beschäftigt sich überwiegend mit dem Themenkomplex Türkei. Im Laufe ihres Studiums, das einen Bachelorabschluss in Europäischen Studien an der Universität Maastricht sowie einen Masterabschluss in Internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin umfasste, entwickelte sich bei ihr der Gedanke, als Journalistin tätig zu werden. Ein Auslandssemester an der Doğuş Universität in Istanbul, das sie im Rahmen ihres Bachelorstudiums absolvierte, weckte ihr Interesse an der im gesellschaftlichen Wandel begriffenen Türkei. Nach diversen journalistischen Tätigkeiten wurde sie 2012 Stipendiatin des Johannes-Rau-Stipendiums der Internationalen Journalisten Programme (IJP), wodurch sie zwei Monate bei der türkischen liberalen Tageszeitung Radikal Gazetesi in Istanbul verbrachte. Sie machte Erfahrungen als Auslandskorrespondentin und konnte durch Recherchen vor Ort (*) ihre Türkei-Expertise noch weiter vertiefen. Ihre Laufbahn bei der SZ begann Luisa Seeling 2013 mit einem Volontariat, Mitte 2015 wurde sie feste Mitarbeiterin der außenpolitischen Redaktion mit dem Schwerpunkt türkische Politik und Gesellschaft.

* Die Ergebnisse ihrer Recherchen in Istanbul finden sich beispielsweise in dem gemeinsam mit Özlem Topçu geschriebenen Text „Verachtung von gestern“ wieder, der 2013 in der ZEIT veröffentlicht wurde.

Internationale Journalisten Programme & Stipendien

An der Wurzel der Korrektur von Bildern steht das Begegnen – egal ob persönlich oder seitens des Berichterstatters. Exakt jener Notwendigkeit, die zu einer besseren Auslandsberichterstattung in Deutschland führen soll, hat sich Internationale Journalisten Programme e.V. verschrieben.

Jedes Jahr bieten die IJP jungen, aufstrebenden Journalisten die Möglichkeit, an internationalen Austauschprogrammen von Medien und Meinungsmachern teilzunehmen. Im Rahmen von journalistischen Stipendien ermöglicht der gemeinnützige Verein die professionelle Begegnung mit anderen Kulturen in weltweit über 40 Staaten, wie beispielsweise der Türkei oder Nationen im südlichen Afrika. Den Teilnehmern eröffnet sich die Gelegenheit, vor Ort ausgiebige Recherchen durchzuführen bzw. allgemein die Kenntnis über Kultur und Land sowie das eigene Netzwerk um internationale Kontakte zu erweitern. Über einen Zeitraum von zwei Monaten arbeiten die Stipendiaten sowohl als Gastredakteure in den ausländischen Redaktionen als auch als Korrespondenten für die jeweiligen Heimatmedien. Der Austausch erfolgt dabei bilateral; geht etwa eine deutsche Stipendiatin in die Türkei, so kommt eine Kollegin oder ein Kollege von dort zu einem deutschen Medium.

Weitere Informationen unter:
http://www.ijp.org/ – Offizielle Homepage der Internationale Journalisten Programme e.V.

Medienalltag in der Türkei: Genderaspekte und Pressefreiheit Autoren: Yannic Kollum, Theresa Kienlein

‚Frauen tragen Kopftuch, haben nichts zu sagen und haben keine gesellschaftlich relevanten Funktionen‘. So kann man das Stereotyp überspitzt auf den Punkt bringen, wenn man sich mit der Außensicht von Gendergerechtigkeit in der Türkei beschäftigt. Ebenso verhält es sich, versucht man, die Rolle von Frauen im türkischen Mediensystem zu benennen. Die vier Türkei-Expertinnen der Bildkorrekturen 2015 räumen mit einigen Vorurteilen auf, bestärken andere und zeigen vor allem ein komplexes Gesamtbild der Rolle der Frauen im türkischen Mediensystem. Ein Bild, das sich am Ende eher auf diese beiden Kernsätze reduzieren lässt: „Journalism in Turkey is a hard job and women have even more problems“, so Dr. Gizem Melek und Sevgi Akarçeşme ergänzt: „At the moment it’s almost luxury to talk about gender issues in Turkish media system.“

Eine türkische Chefredakteurin – theoretisch ja, praktisch auch?

Theoretisch gibt es Arbeitsschutzgesetze für Journalisten, Gesetze zur Medienfreiheit und Bestimmungen zum Schutz vor Geschlechterdiskriminierung. In der Realität sind rund 70 Prozent der Journalisten männlich, in den Management-Positionen der Medienanstalten und privaten Mediendienstleister über 90 Prozent. In der Theorie werden alle Journalisten laut Gesetz Nr. 212 registriert, fallen so beispielsweise unter Arbeitsschutzregelungen. In der Praxis werden weniger Frauen als Männer unter diesem Gesetz akkreditiert und arbeiten – gemessen an ihren männlichen Kollegen – überdurchschnittlich häufig in prekären Arbeitsverhältnissen.

Bewegung in der türkischen Öffentlichkeit?

Auf Fragen nach organisierten Bewegungen zur Stärkung der Rechte der Frauen, aktuellen gesellschaftlichen Debatten oder dem Bild der Frau in den Medien selbst fanden Melek und ihre deutsche Kollegin, Dr. Elinor Morack ebenso deutliche Worte. Es gibt im ganzen Land immer wieder Gruppen von Frauen und Männern, die sich für Gleichberechtigung und eine Verbesserung der aktuellen Situation stark machen, allerdings ist die Berichterstattung bisher auf wenige Leuchtturmprojekte, wie das Engagement von Frauen rund um die Gezi-Proteste 2013, beschränkt. Eine breitere Berichterstattung finde im Moment (noch) nicht statt, so sind sich die Expertinnen einig. Außerdem werden an Frauen und Männer unterschiedliche moralische Maßstäbe angelegt, beispielsweise unterscheidet sich die Berichterstattung über Gewaltverbrechen in der moralischen Bewertung erheblich, je nachdem, ob die Täter männlich oder weiblich sind. Weitere Probleme sind TV-Serien und andere populäre Formate, die ein überholtes Frauenbild vermitteln, sowie die Tatsache, dass Frauen in der Medienberichterstattung kaum als selbständig Handelnde vorkommen und so zu reinen Objekten degradiert werden.

Kritische Sicht auf die Regierungspartei

Von den Referentinnen besonders kritisch betrachtet wird die Rolle der Regierungspartei in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte um die Rolle der Frau und die der freien Presse. Öffentlich rufen Mitglieder der AKP zu Shitstorms gegen unbequeme Journalisten auf und es bleibt auch nicht nur bei Drohungen. „Journalism is not only being targeted, it is being killed in Turkey“, kommentiert Akarçeşme. Authentischer könnte eine derartige Aussage kaum sein, zieht man in Betracht, dass Sevgi Akarçeşme selbst mit einer vom türkischen Premierminister eingereichten Klage konfrontiert sieht. In Deutschland könne sie frei reden, betont Akarçeşme, was sie jedoch bei der Rückkehr in die Türkei erwarte, bleibe abzuwarten (s. NACHTRAG). Längst ist sie nicht die Einzige, die mit diesem Klima der Angst zurechtkommen muss – gegenüber Anschuldigungen unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung, die regelmäßig zu Redaktionsdurchsuchungen, -räumungen sowie zu Verhaftungen führen, sind kritische Medienmacher egal welchen Geschlechts nahezu wehrlos.

Pressefreiheit als Grundlage hat Priorität

Angesichts derartiger Aussagen ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich die mediale Aufmerksamkeit auf andere Probleme als die Rolle der Frau gerichtet ist. Sicher schwele das Genderthema im Untergrund und blinke in der Medienberichterstattung hier und dort auf, erklärt die SZ-Redakteurin Luisa Seeling, dennoch stehe Geschlechtergleichheit anhand einer Vielzahl anderweitiger gesellschaftlicher Entwicklungen gerade nicht an der Spitze der Medienagenda. Die Pressefreiheit und ihre Bedrohung sind als Problematik derart grundlegend, dass das Genderthema in den Hintergrund rückt – dies selbst auf einer Tagung, die sich explizit diesem Gegenstand verschrieben hat.

 

----- NACHTRAG -----
Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Dramatische Entwicklung: Journalistin und Türkei-Panelistin Sevgi Akarçeşme von Gericht wegen angeblicher Beleidigung des türkischen Premierministers verurteilt

Bereits auf der Tagung hatte Frau Sevgi Akarçeşme Bedenken, über das, was sie zurück in der Türkei erwartet, mitgeteilt. Knapp zwei Wochen nach den Bildkorrekturen in Leipzig vom 26. bis 28.11.2015 wurde sie in der Türkei zu einem Jahr und fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Vorgeblich habe sie den türkischen Premierministers über Twitter beleidigt, wobei sich die Argumentation der Klägerschaft auf einen von einem anderen Twitter-Nutzer verfassten Kommentar unter Akarçeşmes kritischem Tweet bezieht, mit dessen Urheberschaft sie nichts zu tun hat. Während Akarçesme Davutoğlu beschuldigt, die Pressefreiheit zu eliminieren, betitelt der Folgetweet den Premier mit dem Wort „Liar“, was als Aufhänger für die Klage verwendet wird. Die Haftstrafe ist unter Strafaussetzung auf fünf Jahre ausgesetzt. Dies bedeutet, dass sie bei guter Haltung bzw. nicht eintretender Wiederholung des Klagegrundes einerseits zwar die Haftstrafe umgehen kann, andererseits jedoch in ihrer journalistischen Arbeit in dieser Zeit überaus vorsichtig – um nicht zu sagen ‚zahm‘ – sein muss. So wird ihr durch das Urteil praktisch ein publizistischer Maulkorb umgehängt.

Angesichts dieser tragischen Entwicklung wünschen wir Frau Akarçeşme viel Kraft und Standhaftigkeit – auf dass ihr Engagement und ihre kritische Haltung in der Zukunft nicht erneut gegen sie verwendet werden.

Artikel zur Verurteilung unter: http://www.todayszaman.com/national_todays-zaman-journalists-given-suspended-jail-sentences-for-insulting-pm_406558.html

 

Die Rolle der Frauen in der Türkei Die Türkei: Ein Land zwischen Modernisierung und Tradition. Die Turkologin Ellinor Morack spricht über Widersprüche und die ambivalente Rolle der Frau in der Türkei.

Die AKP, seit 2002 an der Regierung, hat dem Land mit einem Wirtschaftsaufschwung einen noch nie dagewesenen Wohlstand beschert. In den vergangenen Jahren hat sich die Türkei zu einer stabilen und prosperierenden Wirtschaftsnation entwickelt. Das Land am Bosporus steht auf Platz 18 der Rangliste der größten Ökonomien und ist auch Teil der G20. Debatten um Meinungsfreiheit und über den Schutz von Minderheiten sind jedoch auch Teil des Landes. Nach anfänglichen Fortschritten, wie dem gesetzlich festgeschriebenen Schutz von Minderheiten, wird die Kritik an Präsident Recep Tayyip Erdogan immer lauter.

Die Stellung der Frau und die Geschlechterverhältnisse in der Türkei sind von großen Widersprüchen und Ungleichheiten gekennzeichnet. Dabei führte schon Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk zahlreiche gleichstellende Maßnahmen durch: das Wahlrecht für Frauen führte die Türkei 1934 ein, vor Frankreich und Italien. Trotz diesen frühen Bestrebungen und der heute rechtlich existenten Gleichberechtigung, sieht die gesellschaftliche Realität anders aus: Im aktuellen Gender Gap Report 2015 des World Economic Forums rangiert die Türkei auf Platz 130 von 145. Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist eines der am weitesten verbreiteten Probleme. Fast 300 Frauen wurden 2014 in der Türkei von Männern ermordet, allein im Januar 2015 waren es bereits 27 Morde. Das sind etwa doppelt so viele Frauenmorde wie in Deutschland im gleichen Zeitraum, bei einer etwas kleineren Bevölkerung. Nach einer Studie der Istanbuler Sabancı-Universität haben 42 Prozent aller Frauen über 15 Jahren, das sind in etwa elf Millionen Frauen, in ihrem Leben häusliche Gewalt physischer oder sexueller Natur erfahren.

Ellinor Morack (Universität Bamberg, links), Ebru Tasdemir (Mitte), Dr. Gizem Melek (Yasar Universität Izmir, rechts)

Ellinor Morack (Universität Bamberg, links), Ebru Tasdemir (Mitte), Dr. Gizem Melek (Yasar Universität Izmir, rechts)

Was sind die Ursachen für diese alarmierenden Zahlen?

Ellinor Morack, akademische Rätin am Lehrstuhl für Turkologie an der Universität Bamberg, führt als einen Grund die genaueren Statistiken an: Anzeigen werden eher aufgenommen, es werde eher ermittelt und weniger vertuscht. Zudem ist für die Expertin die Urbanisierung ein weiterer Grund für die zunehmende Gewalt an Frauen. Die meisten Leute leben heutzutage in großen Apartment-Blocks, wo im Gegensatz zu dem früher eher dörflichen und gemeinschaftlichen Zusammenleben oftmals kein Kontakt zu den Nachbarn vorhanden ist. Bei Vorfällen von häuslicher Gewalt sei die Chance daher geringer, dass Nachbarn eingreifen oder dass Frauen zu Nachbarn flüchten. Gegenseitiger Schutz und Solidarität würden nicht mehr so gut funktionieren.

Als weiteren Grund nennt Morack die schnelle wirtschaftliche Entwicklung, die unter der AKP-Regierung stattgefunden hat und die zu einem Wertewandel geführt habe. Arme Menschen wurden in der Türkei früher kaum stigmatisiert, sondern durch solidarische Netzwerke aufgefangen. Dieses füreinader Einstehen nehme ab, zugleich werde Armut zunehmend als Stigma wahrgenommen. Zahlreiche Studien weltweit belegen, dass die Arbeitslosigkeit des Mannes ein wesentlicher Risikofaktor für Frauenmorde ist.

Die Türkei hat seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges im März 2011 rund 2,2 Millionen Syrern Zuflucht gewährt. Dazu kommen Kämpfe im Kurdengebiet zwischen PKK-Rebellen und der türkischen Armee mit immer mehr Opfern. Unliebsame Berichterstattung wird seitens der Regierung versucht zu vermeiden. Die Zahl unabhängiger und offen regierungskritischer Zeitungen und Fernsehsender wird immer kleiner und die Regierung geht immer härter gegen Oppositionelle und Kritiker vor. Diese Konflikte und die Spaltung zwischen sehr religiösen und sehr westlich-säkular orientierten Menschen erschwert laut Ellinor Morack die demokratische Meinungsfindung erheblich. Massive Konflikte zwischen Regierung und Kritikern seien daher vorprogrammiert. Gesellschaftlicher Wandel hänge jedoch davon ab, dass es zivilgesesellschaftliches Engagement gibt. Betroffene Personen müssen etwas gegen Diskriminierung tun und auch andere mobilisieren. Auch in Deutschland sind viele Verbesserungen nur auf massiven Druck der Frauenbewegungen vorgenommen worden.

Proteste nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan, Taksim, Istanbul. Von VOA (Voice of America) [Public domain], via Wikimedia Commons

Zuletzt brachte der grausame Mord an der Studentin Özgecan Aslan tausende Menschen auf die Straße, die öffentlich gegen Gewalt und alltäglichen Sexismus demonstrierten. Unter den Hashtags #Sendeanlat („Erzähle deine Geschichte“) und #OezgecanAslan schilderten Mädchen und Frauen von ihren eigenen Gewalterfahrungen. Aussagen von Erdogan, Frauenbewegungen haben nichts mit der türkischen Kultur zu schaffen und Gleichstellung sei unnatürlich machen die zunehmende Polarisierung deutlich und lassen Zweifel aufkommen, ob ein ernsthafter Kulturwandel in der Türkei in naher Zukunft möglich ist.

 

 

Turkologie

Die Turkologie ist ein Fach mit philologischen Wurzeln, das sich mit der Erforschung der Turksprachen, der turksprachigen Literatur und darüber hinaus der Geschichte und Kultur der turksprachigen Völker befasst.

Die Bamberger Turkologie ist historisch ausgerichtet und erforscht vorwiegend die Geschichte des Osmanischen Reiches sowie der modernen Türkei im 19. und 20. Jahrhundert.

Ellinor Morack

Ellinor Morack ist seit 2015 Akademische Rätin am Lehrstuhl für Turkologie an der Universität Bamberg. Nach ihrem Studium an der Freien Universität Berlin forschte sie von 2013 bis 2015 an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Frauen in der Türkei: Ein historischer Abris
  • 1908 wurde der erste türkische Frauenverein „Osmanische Wohlfahrtsorganisation der Frauen“ von Istanbuler Frauen gegründet.
  • In den 1920er-Jahren führte Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938) ein Modernisierungsprojekt mit zwei wichtigen Ziele durch: die Anpassung des politischen, ökonomischen und sozialen Lebens an westliche Standards und die Verbannung des Islams aus dem öffentlichen Raum.
  • Ein wichtiger Bestandteil dieses Modernisierungsprojekts war die Aufwertung der Stellung der Frau. Seit 1913 gilt die allgemeine Schulpflicht auch für Mädchen.
  • 1926 trat ein modernes säkulares Zivilrechtsbuch – nach Schweizer Vorbild – in Kraft, welches das islamische Gesetz der Scharia Dieses Zivilgesetzbuch verbot die Polygamie, etablierte die Zivilehe als Norm und erkannte den Frauen das Scheidungsrecht sowie Vormundschaft für die Kinder zu.
  • 1930 wurde Frauen das Wahlrecht in Lokalwahlen zugestanden.
  • Im Dezember 1934 führte das türkische Parlament das aktive und passive Wahlrecht für Frauen auf nationaler Ebene ein.
  • In den 1960er und 70er Jahren entstanden in der Türkei Studentenbewegungen, die sich u.a. mit der Benachteiligung der Frauen im öffentlichen sowie im privaten Bereich auseinandersetzten.
  • Etablierung von Frauenorganisationen in den 1980er Jahren und Reformierung einiger Gesetze bezüglich der Gleichstellung, wie etwa die Abschaffung der Arbeitserlaubnis durch den Ehemann.
  • Massendemonstration 1987 in Istanbul gegen häusliche Gewalt. Die Demonstration gilt als erste offene demokratische Opposition während der vom Militär dominierten türkischen Politik der 1980er-Jahre.
  • Wahl von Tansu Çiller von der konservativen DYP (Doğru Yol Partisi, türkisch für: Partei des Rechten Weges) zu ersten Ministerpräsidentin der Türkischen Republik 1993.
  • Umsetzung des Gesetzes über den Schutz von Kindern und Frauen vor häuslicher Gewalt im Jahr 1998.
  • Durch die Reformierung des Familienrechts im Jahr 2001 wurde die juristisch festgelegte Rolle des Mannes als Familienoberhaupt aufgehoben.
  • Reformen im Arbeitsrecht und die Schaffung von Familiengerichten im Jahr 2003. Durch Frauenrechtsorganisationen, und auch durch internationalen Drucks seitens der Vereinten Nationen und der EU, wurde die Gleichberechtigung als konkrete Zielsetzung in der Politik formuliert.

Von Pressefreiheit und Gender in der Türkei – eine Momentaufnahme Erfahrungen einer türkischen Journalistin

Angesichts der aktuellen Lage türkischer Medien, ist die Diskussion über Genderthemen fast Luxus. Diesen Zustand verdeutlicht die Journalistin Sevgi Akarçeşme.

Ihre Miene ist ernst. Ihr Blick fest in die Kamera gerichtet. Ihre Mimik verleiht der Botschaft Nachdruck. Free Media cannot be silenced steht in weißen Großbuchstaben auf dem rot hinterlegten Plakat, das Sevgi Akarçeşme vor sich in die Höhe hält. Harte und ernüchternde Worte einer Journalistin aus der Türkei, einem Land, das unserem geographisch nahe, aber gesellschaftlich derzeit ferner nicht sein könnte. „Wir als Medienschaffende werden im Moment in der Türkei förmlich erstickt“, zieht die Journalistin ihr Fazit.

Schnell beleidigt

Pressefreiheit ist derzeit ein schwieriges Terrain in der Türkei. Unter dem Vorwand der Terrorgesetzgebung kann jeder, der sich regierungskritisch äußert, verhaftet werden. Aufgrund ihrer Multiplikatorfunktion fallen Journalisten häufiger als Zielscheibe ins Visier der Polizei, insbesondere Frauen. „Journalistinnen werden immer öfter gezielt angegriffen, da sie als verletzlich und schwach gelten“, erklärt Sevgi Akarçeşme. Gleichzeitig erinnert sie sich an die Redaktionsdurchsuchung vom 14. Dezember 2014, die erste von zweien innerhalb eines Jahres:

„Es war einer der denkwürdigsten Momente während meiner bisherigen Tätigkeit. Wir warteten die ganze Nacht lang in der Redaktion. Wir warteten auf die Polizei. Als sie endlich da war, standen Hunderte Menschen draußen vor der Redaktion, vielleicht waren es um die Tausend. Wir protestierten friedlich. Sie nahmen unseren Chefredakteur fest.“

Ein Jahr später sitzt sie selbst auf der Anklageband. Der Vorwurf lautet Beleidung des Ministerpräsidenten Davutoğlu. Ein Nutzer hatte sich unter ihrem Tweet abfällig über diesen geäußert. De facto eine Verurteilung aufgrund des Kommentars eines Dritten. Ein Jahr und fünf Monate auf Bewährung lautet die Strafe. Begeht sie dasselbe Vergehen innerhalb der nächsten fünf Jahre erneut, tritt die Strafe in Kraft.

Quelle: Twitter / @SevgiAkarcesme

 

Twitter als Ventil der Gesellschaft

In der Türkei gehört es zum journalistischen Handwerkszeug, regelmäßig auch in den sozialen Medien zu publizieren. Fast 110.000 Menschen folgen den Aktivitäten von Sevgi Akarçeşme auf Twitter. „Die sozialen Medien sind das einzige Milieu, in dem die Menschen ungefilterte Informationen erhalten. „Wenn man mutig genug ist, sich regierungskritisch zu äußern, fangen Menschen an, Dir zu folgen“, berichtet sie auf der Tagung.

 

 

 

„Manchmal bin ich es leid und möchte am liebsten aufgeben. Das ist natürlich nur meine innere Stimme. Dann wiederum denke ich, dass jede Nachricht, die ich schreibe oder mit meinen Followern teile, eine Veränderung in der Gesellschaft bewirken kann. Wir sollten nicht aufgeben.“

Sevgi Akarçeşme ist eine Frau auf der Überholspur. Eine derjenigen, die Erfolg nicht vom Geschlecht abhängig machen. Das zeigt ihre jüngste Ernennung zur Chefredakteurin der englischsprachigen Ausgabe Zaman Today. Sie lässt auf einen positiven Schritt in der patriarchal geprägten türkischen Gesellschaft hoffen.

Über Sevgi Akarçeşme

Sevgi Akarçeşme ist 1979 in Istanbul geboren und stammt aus einer religiös-traditionellen Familie. Sie studierte Politikwissenschaft, Öffentliche Verwaltung und Internationale Beziehungen in Ankara und Istanbul sowie in den USA. Dort arbeitete sie mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Temple University und bei einem Think Tank, bevor sie im April 2008 in die Türkei zurückkehrte, um u.a. für die türkische Regierung tätig zu werden. Seit Juli 2012 arbeitet Sevgi Akarçeşme als Redakteurin für Zaman, die auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei, und Today’s Zaman, deren englischsprachige Ausgabe. Mitte Dezember 2015 wurde sie zur Chefredakteurin von Today’s Zaman befördert.

Ein kurzer Blick auf die türkische Medienlandschaft

Die Medienlandschaft ist wirtschaftlich stark konzentriert und mit anderen wirtschaftlichen Interessen in großen Holdings verbunden. Diese Verflechtung birgt Gefahren für die Pressefreiheit, da die Unternehmen wegen Aufträgen bemüht sind gute Beziehungen zu Regierungsstellen zu pflegen. Das Fernsehen ist oft staatlich gelenkt und gibt Informationen gar nicht, verfälscht oder regierungskonform wider.

Die fünf auflagenstärksten türkischen Tageszeitungen und deren politisch-ideologische Ausrichtung sind (Stand Januar 2016):

  • Zaman (1.1017.757, religiös-konservativ, regierungskritisch)
  • Posta (442.852, Boulevardzeitung)
  • Hürriyet (379.865, liberal-konservativ, regierungskritisch)
  • Sabah (345.943, mitte-rechts, regierungsnah)
  • Sözcü (345.126, kemalistisch, regierungsfern)