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Woher kommt meine Kleidung? Nachhaltigkeit in der Modeindustrie - Ein weiter Weg

Nur etwa fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Textilien wurden hier produziert. Stellt sich die Frage: Wo genau kommt mein Lieblingsteil her? Und ist es für den Verbraucher möglich, den Weg seiner Kleidung zurückzuverfolgen?

Vom Rohstoff, zur Verarbeitung und Veredelung und schließlich in die Läden ist es ein weiter Weg. Hinter jedem Kleidungsstück stecken viele einzelne Produktionsschritte, die meist in unterschiedlichen Ländern erfolgen. So kann die Jeans bis zu 20.000km zurücklegen, bevor sie im Kleiderschrank landet. Die Komplexität der Lieferkette macht es jedoch schwierig, den Weg der Kleidung nachzuvollziehen.

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Quelle: Rick Cheadle | CC0 1.0 / pixabay.com
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USA: Anbau und Ernte der Baumwolle

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Türkei: Die Baumwolle wird in Spinnereien zu Garn gesponnen.

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Taiwan: Aus dem Baumwollgarn wird in den Webereien der Jeansstoff hergestellt.

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Polen: Produktion der chemischen Indigofarbe, die zum Einfärben des Jeansstoffes benötigt wird

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Tunesien: Einfärben des Jeansstoffs mit der Indigofarbe

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Bulgarien: Veredelung des Jeansstoffs, sodass dieser weich und knitterarm wird

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China: Hier wird die Jeans zusammengenäht

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Frankreich: Die Jeans bekommt ihren letzten Schliff, indem sie bspw. mit Bimsstein aus Griechenland gewaschen wird, wodurch der „Stone-washed-Effekt“ entsteht.

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Deutschland: Verkauf der fertigen Jeans

Quelle: Rick Cheadle | CC0 1.0 / pixabay.com

Quelle: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26972

Quelle: Public Domain| https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26972

 

Woher stammt das verwendete Material?

Baumwolle gehört zu den weltweit am häufigsten genutzten Rohstoffen in der Textilindustrie. Zu den größten Produzenten für Baumwolle zählen China mit 30 Prozent, Indien mit 20 Prozent und die Vereinigten Staaten mit 15 Prozent des weltweiten Baumwollanbaus.

Wo genau die Baumwolle herkommt, die für ein Kleidungsstück Verwendung fand, wird jedoch nur in Ausnahmefällen angegeben. Nämlich dann, wenn es sich um einen „ökologisch sicheren“ Anbau handelt. Der Blick auf das Etikett gibt dem Verbraucher diesbezüglich also nur selten Auskunft.

Die Produktionsländer der Textilindustrie

„Made in Bangladesch“, „Made in Kambodscha“ oder „Made in China“ – um Verbrauchern möglichst preiswerte Ware zu liefern, führt der Kampf um die günstigsten Produktionskosten die Hersteller in Billiglohnländer, in denen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen vorherrschen.  Ein Großteil der Textilien wird somit im asiatischen Raum produziert.  Doch auch „Made in Europe“ ist kein Garant für faire Arbeitsbedingungen: Besonders in rumänischen, albanischen und türkischen Textilfabriken arbeiten die Menschen für Löhne unterhalb des Existenzminimums. Wer glaubt, nur Anbieter günstiger Textilprodukte lassen ihre Ware in Billiglohnländern herstellen, täuscht sich! Oftmals nutzen Luxusmarken dieselben Textilfabriken wie die Discounter. So garantieren auch hohe Preise oder Markennamen nicht zwangsläufig faire Herstellungsbedingungen.

Als sichere Herkunftsländer können beispielsweise Schweden oder die Niederlande eingestuft werden, wo inzwischen zumindest ein Bruchteil der H&M-Ware hergestellt wird.

Nachgefragt: Wo kommt meine Kleidung her?

Mir war aufgefallen, dass sich auf dem Etikett meines neuen C&A-Kleides lediglich Informationen über die Materialzusammensetzung (v.a. Polyester als die am häufigsten genutzte Kunstfaserart in der Textilverarbeitung) und Pflegehinweise zu finden sind.  Ein Produktionsland ist nicht angegeben. Grund genug sich einmal zu erkundigen!

Ich bei C&A – einem der umsatzstärksten Unternehmen des deutschen Textilhandels – nachgefragt. Dass Verbraucher nur schwer Informationen bezüglich der Produktionsorte der Kleidungsstücke erhalten, erstaunte mich nicht. In den Geschäften selbst wird man zunächst zum Store-Manager geschickt, der keine verlässliche Auskunft geben kann. Mein Gespräch mit dem Leiter einer C&A-Filliale stellt sich als enttäuschend heraus: Nach dem Verweis auf die „allgemein hohen Qualitätsstandards“ folgt lediglich der Tipp, sich auf der Webseite genauere Informationen einzuholen.

„Wear the change“ – Große Versprechen auf den Webseiten und Ungewissheit der Kunden

Die Online-Auftritte der Textilunternehmen strotzen vor Beiträgen zum Thema Nachhaltigkeit. Entsprechende Kampagnen sind geschickt platziert. „Wear the change“ heißt es bei C&A, um für die neue Kollektion zu werben, die durch nachhaltige Materialien wie Bio-Baumwolle oder recycelte Stoffe, einen Wechsel markieren und somit neue Kunden locken soll. Desweiteren findet sich auf der Internetseite von C&A eine Rubrik, die sich dem Thema Nachhaltigkeit widmet. Informationen, wie das Unternehmen faire Produktionsbedingungen und ökologische Nachhaltigkeit fördert, werden hier zur Verfügung gestellt. Ebenso findet sich eine Übersicht über die weltweiten Lieferanten. Es entsteht der Eindruck, dass der Textilriese auf ökologisch und sozial faire Produkte Wert legt und darüber hinaus bemüht ist, die Lieferkette transparent zu gestalten.

Rückschlüsse darüber, wo genau mein Kleid nun herkommt, finden sich auf der Internetseite natürlich nicht. Die letzte Möglichkeit, nähere Informationen zu erhalten, besteht also darin, sich direkt an den Kundenservice zu wenden. Und tatsächlich bekomme ich nach einigen Tagen eine ausführliche Antwort des C&A-Kundenservices.  Jedoch ausschließlich mit den Informationen, die auf der Internetseite präsentiert werden.

Alle Bio-Baumwoll-Produkte sind entweder nach OCS oder GOTS zertifiziert. Aber woher stammt die übrige Baumwolle, die immerhin den größeren Anteil ausmacht? Das bleibt (zumindest für mich) ungewiss.

Der Vermerk, dass die Kennzeichnung  mit einem ‚country of origin‘ generell problematisch ist, da ein Artikel sowohl von unterschiedlichen Lieferanten als auch aus unterschiedlichen Ländern bezogen werden kann, soll mich vertrösten.

Für mich bleibt die Herkunft meines Kleides letztlich unklar.

Kleine Schritte auf einem weiten Weg

Beim Blick auf die Modebranche, wird ersichtlich, dass die Textilunternehmen längst unter Zwang stehen, „faire“ Kampagnen ins Leben zu rufen. So erscheint beispielsweise der neue Katalog des schwedischen Konzerns H&M auf Recycling-Papier und auch bei den Textilien wird mehr und mehr auf nachhaltige Materialen zurückgegriffen. Doch das sind nur kleine Schritte. Und ein Teil der Verantwortung liegt auch bei den Verbrauchern, die durch ihr Kaufverhalten den Markt mitbestimmen!

Warum kaufen wir eigentlich so viel?

Durchschnittlich kaufen die Deutschen zwischen 40 und 70 Kleidungsstücke pro Jahr. Das sind pro Kopf circa zwölf Kilogramm Kleidung jährlich. Damit ist Deutschland zusammen mit den USA und der Schweiz an der Weltspitze des Klamottenkonsums.

Klar, es geht darum, jedem Trend zu folgen. Angetrieben von sozialen Medien, wie Instagram oder den zahlreichen Modeblogs, verbreiten sich die Trends im Eiltempo – und verschwinden ebenso schnell wieder. Um der Nachfrage hinterher zu kommen, bringen große Textilunternehmen, wie H&M oder Zara, im Wochenrhythmus neue Kollektionen auf den Markt.

Das Bedürfnis, jedem Trend zu folgen, hat zur Konsequenz, dass Kurzlebigkeit den Kleiderschrank bestimmt. Doch machen einen die vielen Sachen am Ende glücklicher? Sicher, Mode kann unser Selbstbewusstsein beflügeln.Wer sich in seiner Kleidung wohlfühlt, ist selbstsicherer und strahlt dies meist auch auf Andere aus. Doch machen Kleider wirklich Leute? Fest steht: Leute machen Kleider! Und das leider zumeist für Hungerlöhne unter widrigen Arbeitsbedingungen. Zeit also das Kaufverhalten zumindest zu überdenken…

 

Welche Alternativen gibt es?

Mode sollte nicht zum Wegwerfartikel verkommen. Warum also die Lieblingshose nicht reparieren, wenn eine Naht aufgeht? Oder warum den Pullover, den man nicht mehr mag, nicht einfach tauschen?

Indem man Kleidung auf Online-Plattformen, in Secondhand-Läden oder auf Flohmärkten verkauft, kann aus den Teilen, die ungenutzt im Kleiderschrank liegen, Geld gemacht werden.

Wie können Verbraucher aktiv werden?

Die Clean Clothes Campaign setzt sich seit 1989 für die Rechte der Arbeiter und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der internationalen Textilindustrie ein. Die Organisation fordert Verbraucher auf, nachzufragen, unter welchen Arbeitsbedingungen die Textilien hergestellt wurden. Indem Käufer, die Shopkarte“ der Clean Clothes Campaign im Geschäft abgeben, kann das Interesse an fairen Kleidungsstücken signalisiert und somit Druck auf die Modeunternehmen ausgeübt werden.

Welche Textilsiegel gibt es?

Aus welchem Material ist mein Kleidungsstück? Wie wurden die notwendigen Rohstoffe angebaut und verarbeitet?  Unter welchen Arbeitsbedingungen wurde die Kleidung produziert?

Konsumenten, die auf soziale, ökonomische sowie ökologische Nachhaltigkeit der Kleidungsstücke achten wollen, sehen sich mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. So gibt es eine Reihe von Gütesiegeln, die sich zumeist jedoch nur auf einen Aspekt der Produktion beziehen. Beispielsweise stellen Siegel wie Global Organic Textile Standards (GOTS), EU Ecolabel oder bluesign sicher, dass es sich um kontrollierten ökologischen Anbau handelt und weder Pestizide noch gentechnisch-verarbeitete Pflanzen genutzt wurden. Während das Fair Trade Siegel Baumwolle bezeichnet, die zu fairen Preisen gehandelt wird und somit faire Löhne für Plantagenarbeiter fördert, bietet die Fair Wear Foundation (FWF) ein Zertifikat für soziale gerechte Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken.

Hilfreich, um im Dschungel der Gütesiegel nicht den Überblick zu verlieren, ist der „Label-Check“  der Clean Clothes Campaign sowie der Ratgeber „Textil-Label unter der Detox-Lupe“ von Greenpeace.

 

 

 

 

 

 

 

 

Textilproduktion in Albanien: „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“

Wegen schlechter Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern stehen viele Textilunternehmen in der Kritik. Im Fall von Albanien liegt die Verantwortung allerdings nicht nur bei den Firmen – man muss das Gesamtbild betrachten.

Die Maximilianstraße in München. (Foto: Sylvia Suppé)

Wenn in der Vorweihnachtszeit die Abende länger werden, entfaltet die Maximilianstraße ihre Wirkung erst so richtig. Hell erleuchtete Schaufenster tauchen Münchens Prachtstraße in einen goldenen Schimmer, opulent ausgestattete Dekorationen und viele Ziffern auf den Preisschildern versprechen den Flaneuren: Bei Dolce & Gabbana, Armani oder Versace kauft man nicht einfach nur Kleidung, sondern feingearbeitete Kunst und hochwertige Luxusprodukte. „Made in Italy“, das spricht für sich – möchte man meinen.

Wer die Spur der teuren Kleidungsstücke zurückverfolgt, landet oft in denselben Orten, in denen auch weniger glamouröse Marken wie H&M oder Deichmann produzieren lassen. Es sind keine kleinen Designwerkstätten, sondern Fabriken mit mehreren Hundert Beschäftigten, in denen gearbeitet wird. Und sie befinden sich nicht in Italien, sondern in einem südosteuropäischen Land mit knapp drei Millionen Einwohnern und gut tausend registrierten Textilunternehmen[1]: Albanien.

Der kleine Balkanstaat läuft klassischen Produktionsländern wie China und Bangladesch zunehmend den Rang ab in Sachen Textilarbeit, denn die Vorteile sind offensichtlich: Vor der politischen Öffnung Albaniens in den 1990er Jahren fand der überwiegende Teil der Kleidungsherstellung innerhalb der Grenzen des damals sozialistischen Landes statt. Gut ausgebildete Arbeitskräfte gibt es deshalb heute noch en masse. Ein bewusst niedrig angesetzter Mindestlohn von 22.000 albanischen Lek im Monat, umgerechnet rund 165 €, und politische Stabilität machen das OSZE- und WHO-Mitglied für Investoren zusätzlich attraktiv – gerade für italienische Firmen. Die geografische Nähe (ca. 70 km Luftlinie von Küste zu Küste) und bei den Albanern weitverbreitete Italienischkenntnisse erweisen sich als unschlagbarer Standortvorteil, sodass geschätzt 80 Prozent der jährlich in Albanien gefertigten Kleidungsstücke auf die gegenüberliegende Adriaseite exportiert werden.

„Outward Processing Trade“ und die Folgen

Dass auf den Etiketten dieser Produkte trotzdem „Made in Italy“ prangt, liegt daran, dass sie zwar in Albanien gefertigt, aber nicht komplett hergestellt werden. Hinter „Outward Processing Trade“ oder kurz OPT[2] verbirgt sich ein Produktionssystem, das es europäischen Unternehmen ermöglicht, halbfertig vorproduzierte Teile von Kleidungsstücken ins Ausland zu liefern und dort weiterverarbeiten zu lassen. Der Re-Import ist anschließend zollfrei, sodass arbeitsintensive Schritte legal in lohngünstige Länder ausgelagert werden können, ohne das Label der Inlandsproduktion zu verlieren. „Passive Veredelung“ nennt sich das Verfahren auf Deutsch und ermöglicht bis zu 13-mal höhere Verkaufspreise, während meist weniger als fünf Prozent des Erlöses auf Lohnkosten entfallen. Veredelt werden vor allem Gewinne.

Ordensschwester Christina leitet eine katholische Ambulanzstation in Shkodra, einer größeren Stadt im Norden Albaniens. Eine ihrer Patientinnen hat sich in einer Textilfabrik an einer 200 Grad heißen Maschine den Handrücken verbrannt. Die tiefe Wunde geht bis auf den Knochen, die Heilung wird lange dauern. Trotzdem drängt sie auf eine baldige Rückkehr zur Arbeit, denn ein langer Ausfall kann sie den Job kosten. 16.000 Lek (ca. 123 €) verdient die Patientin in der Textilfabrik. Nicht viel für Acht-Stunden-Schichten an sechs Tagen in der Woche und deutlich unterhalb des Mindestlohns. Trotzdem kann sie auf dieses Einkommen nicht verzichten.

Wenn der Lohn nicht für die Miete reicht

Wie schwierig die Situation für die meist weiblichen Angestellten in Albaniens Textilfabriken ist, zeigen Berichte der „Clean Clothes Campaign“ (CCC). Seit 1989 kämpft die Nichtregierungsorganisation für mehr Rechte und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit. Ihre Untersuchungen zeigen, dass neben weiteren Arbeitsrechtsverletzungen (Arbeitszeiten, Arbeitsschutz, Krankheitsfall) etwa die Hälfte der Arbeiterinnen in Albanien weniger als den gesetzlich festgelegten Mindestlohn verdient. Laut Zahlen der zivilgesellschaftlichen Organisation „Coherent Development Albania“ (CoDe) sind Überstunden die Regel, meistens werden sie nicht vorschriftsmäßig vergütet. Schwester Christina berichtet zudem von Fällen, in denen selbst diejenigen Arbeitgeber, die sich offiziell an gesetzliche Regelungen halten und Abgaben sowie Löhne überweisen, Teile des Gehalts in bar wieder einfordern – sonst würde den Angestellten gekündigt.

Dr. Monika Kleck. (Foto: Sylvia Suppé)

Dr. Monika Kleck hat lange für die kirchliche Organisation Renovabis gearbeitet und Hilfsprojekte in Albanien koordiniert. Mehrmals im Jahr reiste sie selbst ins Land, um sich vor Ort persönlich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Ihre Beobachtungen bestätigen die Ergebnisse des CCC-Berichts: „In Sachen Lebenshaltungskosten ist es so, dass die Leute oft in einem Haus wohnen, das ihnen gehört – weil man von dem, was sie verdienen, kaum die Miete zahlen könnte“. Berechnungen der „Clean Clothes Campaign“ gehen davon aus, dass der Mindestlohn nur etwa ein Viertel des Existenzminimums einer durchschnittlichen Familie abdeckt. Zugleich versuchen die Familien sich ihre wahre Situation nicht anmerken zu lassen. „Die Häuser sind meistens schnell hochgezogen, sie sehen auf den ersten Blick groß und protzig aus, aber innen ist so gut wie nichts drin“, so Dr. Kleck. Obst und Gemüse bauen die Männer im eigenen Garten an, weil die Lebensmittelpreise zu hoch sind – reguläre Arbeit finden gerade sie oft nicht. „Sich um die Kinder kümmern, im Café sitzen, Backgammon spielen, das sind die positiven Fälle. Es gibt auch genug Männer, die trinken“. Den Lebensunterhalt verdienen die Frauen in den Fabriken.

Bildkorrekturen: Veränderung oder Verdrängung?

Albanien als Thema der Bildkorrekturen-Konferenz
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig diskutieren jedes Jahr Studierende, Journalist*innen sowie Fachleute über entwicklungspolitische Themen. Die Vorschläge der Expert*innen zeigen eine Vielzahl von Möglichkeiten auf, wie sich die Situation der albanischen Fabrikarbeiterinnen verbessern ließe. Sie reichen von mehr medialer Aufmerksamkeit für das Thema über Forderungen nach besseren Bildungsangeboten und wirksamerer gewerkschaftlicher Organisation der Angestellten bis hin zu stärkerem Druck auf supranationaler Ebene. Aus westlicher Perspektive klingen diese Vorschläge sinnvoll – ob sie allerdings erfolgsversprechend sind, wirkt zweifelhaft, wenn man sich mit den Menschen außerhalb der wissenschaftlich fokussierten NGO-Filterblase unterhält.

Sowohl Ordensschwester Christina als auch Dr. Kleck sehen die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken als offenes Geheimnis an, von dem die Menschen in Albanien wissen, über das aber nicht gesprochen wird. Gewerkschaften existieren, deren Führer pflegen jedoch enge Beziehungen zu Politik und Wirtschaft. Ihre Interessen liegen laut Berichten oftmals eher auf dem eigenen finanziellen Vorteil als auf dem Schutz der Arbeiterinnen. Denn: „Es gibt Gesetze und es wird kontrolliert, aber die Kontrolleure sind bestechlich. Diese Schattenwirtschaft gibt es definitiv“. Ähnlich sieht es in einem weiteren Geschäftsbereich Albaniens aus, in dem nur selten der Mindestlohn gezahlt wird: den Callcentern. Dr. Kleck hat gesellschaftliche Projekte in vielfältigen Bereichen betreut und auch mit jungen Menschen zusammengearbeitet, die oftmals gut ausgebildet sind: „In den Callcentern, die haben alle studiert. Aber die haben alle viele Bewerbungen geschrieben und keine Arbeit in ihrem Bereich bekommen“. Gute Bildung allein scheint demnach nicht vor unterbezahlter Arbeit zu schützen. „Wenn man in diesen Nähfabriken 200 bis 300 Euro bekommt, ist das miserabel. Wenn man aber weiß, dass auch ein Lehrer nicht mehr als 400, 500 Euro hat, relativiert sich das etwas“, so Dr. Kleck.

Politologin Artemisa Ljarja war eine der Expertinnen auf der Konferenz.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Spricht man die Konferenzteilnehmer auf diese Themen an, winken sie nur resigniert ab: Korruption und Politikversagen seien keine guten Gesprächsthemen – sie werden eher als unveränderliche Komponente hingenommen. Die Stimmung changierte zwischen Frustration und Verdrängung.

Die albanische Landflucht ab den 1990er Jahren

Schulen, Straßen, Brücken:
verwahrloste Infrastruktur in Albaniens Bergregionen
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Die Migrationsbewegungen innerhalb Albaniens, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, legen allerdings nahe, dass die momentane Situation auf dem Arbeitsmarkt gewollt ist: „Um das Jahr 2000 herum oder auch schon seit den 90er Jahre sind sehr viele Leute, die früher in den Bergen lebten, in die Ebene gezogen sind, also in die Küstenregionen. Das liegt daran, dass der Staat die Berge systematisch vernachlässigt hat“, meint Dr. Kleck. Schulen, Krankenhäuser, sogar Straßen und Brücken wurden kaum noch instand gehalten, die Bewohner dadurch zum Verlassen der Region geradezu gezwungen.

Das schwierige Leben der Bergbewohner, hier nahe Fushë-Arrëz.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

„Ich muss wirklich sagen, es ist absolut schwierig in der Bergregion zu überleben“. Hinzu kommt, dass unter den Bewohnern immer wieder Gerüchte lanciert worden sind, der Staat würde Umsiedlern in die Küstenregionen kostenlos Land zur Verfügung stellen. Die Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung auf Besserung trieb viele Menschen in die Städte, wo auch die Textilfabriken angesiedelt sind.

„Das hat dazu geführt, dass in den größeren Städten, Tirana, Durrës, aber auch Lezha, Shkodra richtige Siedlungen neu entstanden sind von diesen Familien, die aus den Bergen dorthin gezogen sind“, so Dr. Kleck weiter. „Und diese Siedlungen sind meist sehr, sehr ärmlich“. Sie kommen den Vorstellungen von Slums in Asien oder Afrika sehr nahe.

Siedlungen am Rand Albaniens großer Städte, hier in Shkodra. (Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Slumartige Verhältnisse in Europa.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Finanzielle Abhängigkeit als Mittel

Neben hoher Arbeitslosigkeit erzeugt vor allem das Gesundheitssystem finanzielle Abhängigkeit, der Krankenhausalltag von Ordensschwester Christina zeigt das sehr deutlich: Eine ihrer Patientinnen wurde bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. „Drei Wochen lag sie im Militärhospital und die haben sie einfach liegen gelassen. Jeden Tag musste die Familie Verbandszeug und Antibiotika selbst in der Apotheke kaufen. Dann wurde sie nach Hause geschickt – jetzt ist die Familie pleite“. Dr. Kleck bezeichnet das öffentliche Gesundheitssystem sogar als kollabiert: „Wenn man in die Krankenhäuser geht, dann sagen die Ärzte meistens: ‚Ich hab da und da meine Privatklinik‘. Nur dort wird man ordentlich behandelt und zahlt dann auch ganz ordentlich“.

Dass in Albanien rund 150.000 Menschen und damit fast die Hälfte aller im produzierenden Gewerbe Tätigen in der Textilindustrie arbeiten, liegt also mit daran, dass von verschiedenen Seiten diesem System zugearbeitet wird. Es gibt kaum Arbeitsplätze für Gutausgebildete, dafür eine umso größere Zahl an Arbeitsuchenden. Deren Lage wird durch das Überangebot zusätzlich prekär – alle sind ersetzbar. Wohlfahrtsstaatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe wird selten ausgezahlt und reicht kaum zum Leben. So bleibt denjenigen, die zum Arbeiten nicht ins Ausland gehen wollen oder können, oft nur der Weg in einen der Billiglohnsektoren. So schlecht die Stellen auch bezahlt sein mögen und so widrig die Arbeitsbedingungen, vielen Menschen in Albanien sichern sie das Überleben. Schwester Christina berichtet von einer weiteren Patientin: Sie „arbeitet seit 15 Jahren in einer Schuhfabrik. Sie suchte mit einer Verletzung am Auge bei uns nach Hilfe. Sie verdient lediglich 13.000 Lek plus Versicherung, trotzdem bat sie mich, alles fest zu verbinden, damit der Staub in der Fabrik nicht in die Wunde kommen konnte“. Die eigene Gesundheit muss zurückstehen, die Arbeit geht vor – bei einem Gehalt von unter 100 Euro.

Erfolg auf dem Rücken der einfachen Leute

Ungewöhnlich deutlich sprach US-Botschafter Donald Lu das Zusammenkommen von Vetternwirtschaft, Korruption und Justizversagen in Albanien an. Bei einer Festrede vor einigen Monaten erhob er schwere Vorwürfe – und niemand widersprach ihm. Zu offensichtlich sind die Anzeichen.

Dr. Klecks Fazit fällt ähnlich deutlich aus: „In Albanien kommt viel zusammen: Eine korrupte Regierung, ein dysfunktionales Staatssystem, ein fast zusammengefallenes Gesundheitssystem, fehlende Arbeitsplätze“. Gerne wird dieser größere Rahmen ausgeblendet und die Verantwortung für die Situation der Textilarbeiterinnen den Fabrikbesitzern und Modekonzernen zugeschoben – zu Recht, denn sie sind es, die ihre Angestellten schlecht bezahlen und unter gefährlichen Bedingungen arbeiten lassen. Doch zugleich gehen wirtschaftliche Akteure nur soweit, wie ein Staat sie lässt. Albaniens Politik der letzten Jahrzehnte scheint darauf ausgelegt zu sein, die gegenwärtige Situation erst erschaffen zu haben: Billige Arbeitskräfte in großer Zahl, die für das eigene Überleben nahezu alles machen – der Nährboden für schnelles Wirtschaftswachstum. Die Produktionsbedingungen erscheinen so weniger als Ursache und eher als ein Symptom für die Gesamtsituation im Land.

Schaut man auf die nackten Zahlen, kann man im Falle Albaniens von einer Erfolgsgeschichte sprechen: Das kleine Balkanland glänzt mit wirtschaftlichen Wachstumsraten, die meist doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt liegen – allerdings zum Preis der schlechtesten Arbeitsbedingungen und des höchsten Armutsrisikos auf dem Kontinent.[3] „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“, meint deshalb Dr. Kleck.

Überleben ohne Leben

Für die Beschäftigten der Textilindustrie reicht es oft zum Überleben – nicht jedoch zum Leben: „Für Lebensmittel oder Kleidung, da gibt es Märkte, die das ganz billig verkaufen, aber der Preis im Geschäft ist ein anderer. Hygieneartikel sind teilweise teurer als in München“, so Dr. Kleck. CoDe Albania kommt zu dem Schluss, dass die Fabrikarbeiterinnen und ihre Familien deshalb nicht nur in den Unternehmen ausgebeutet werden, sondern auch sozial exkludiert werden. „Ein würdevolles Leben als Mitglieder der Gesellschaft ist damit nicht möglich“. Was in Deutschland in Artikel 1 des Grundgesetzes steht, wird in Albanien geschäftlichen Interessen geopfert.

Der Sprung zurück auf die Maximilianstraße könnte größer nicht sein: Wer sich das erhabene Gefühl des weihnachtlichen Schaufensterbummels in Zukunft nicht nehmen lassen will, muss sich nicht mitschuldig fühlen. Im Hinterkopf behalten sollte man aber, dass nur ein Bruchteil des Kaufpreises der sündhaft teuren Schuhe den Lohn der albanischen Arbeiterinnen ausmacht, während das Gros die Geschäftsbilanzen der Modekonzerne schmückt.

 

[1] Zahlen von INSTAT (Republic of Albania Institute of Statistic) aus dem Jahr 2015

[2] European Commission: Taxation and Customs Union

[3] Clean Clothes Campaign: Country Profile – Albania

„Zusammengeschlagen und entlassen“

Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie sind vielerorts prekär und undurchsichtig. Bettina Musiolek, von der „Clean Clothes Campaign“, weist seit Jahren darauf hin. Im Interview erklärt sie, warum die Berichterstattung der Medien nicht immer hilfreich ist. Und sogar gefährlich sein kann.

 

Frau Musiolek, in den Studien der „Clean Clothes Campaign“ wird immer wieder auf die prekären Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie hingewiesen. Warum findet sich dazu nur wenig in der Medienlandschaft?

Weil das kritische Hinterfragen der Konsumwelt für Zeitungen und Sender zuweilen nicht opportun ist. Und weil investigative Berichterstattung über Arbeitsbedingungen alles andere als einfach ist. Wir wissen das aus unseren jahrelangen Erfahrungen mit empirischen Studien über die weltweiten Arbeitsbedingungen.

Wo sehen Sie Schwierigkeiten?

Wir müssen bei unseren Untersuchungen sicherstellen, dass die ArbeiterInnen keine negativen Konsequenzen zu befürchten haben, wenn sie mit uns sprechen. Dasselbe gilt natürlich auch für journalistische Recherchen: Die Beschäftigten werden nur sprechen, wenn sie sicher sein können, dass alles anonym ist.

Warum ist das so wichtig?

Die ArbeiterInnen haben große Angst ihren Job zu verlieren oder andere Repressionen zu erleiden. Für wissenschaftliche Recherchen ist Anonymität kein Problem. Medien leben aber von Gesichtern und O-Tönen. Trotz Anonymität spannend zu berichten ist dann eine große Kunst.

Wie wird den ArbeiterInnen konkret gedroht?

Mit Arbeitsplatzverlust. In der Ukraine hatten wir den Fall, dass sämtliche Beschäftigte unterschreiben mussten, dass sie mit niemandem außerhalb der Fabrik über die Arbeitsbedingungen reden. Für eine Arbeiterin ist es eine riesen Hürde, trotzdem interviewt zu werden. Im Übrigen ist das eine ganz klare Verletzung der Redefreiheit und des Rechts auf freie Meinungsäußerung.

Aber keine Drohung.

Die ArbeiterInnen werden extrem eingeschüchtert. In diesen Ländern ist es ein Politikum offen über die Arbeitsbedingungen zu reden. Die Branche ist einfach zu wichtig für diese Länder.

Können Sie ein Beispiel für die Einschüchterungsversuche nennen?

Vor ein paar Jahren hatten wir leider den Fall, dass die ARD einen Bericht über H&M gemacht hat. Sie haben in Bangladeschs Slums Näherinnen interviewt. Darin wurden die ArbeiterInnen aber nicht anonymisiert. Sie wurden am nächsten Tag von Schergen des Fabrikbesitzers zusammengeschlagen und ein paar Tage später entlassen.

Für die ArbeiterInnen hatte die Berichterstattung also drastische Folgen.

Deshalb nennen wir in unseren Studien weder die Namen der ArbeiterInnen noch der Fabriken. Das ist für JournalistInnen extrem irritierend, weil sie Öffentlichkeit herstellen möchten.

Das ist der Job von JournalistInnen.

JournalistInnen verstehen naturgemäß nur schwer, dass Öffentlichkeit nicht immer hilft und manchmal sogar kontraproduktiv ist. JournalistInnen kommen und gehen, wir wollen bleiben.

Wann kann Berichterstattung kontraproduktiv sein?

Nach einer Deichmann-Recherche in Mazedonien nahm der Druck auf die ArbeiterInnen zu, nachdem sich Deichmann einmischte.

Ist es nicht gut, wenn sich die Hersteller persönlich engagieren?

Doch, eigentlich verlangen wir auch genau das von den Markenfirmen: Vor Ort engagieren und mit den Zulieferern gemeinsam die Bedingungen verbessern. Aber Deichmann ist völlig naiv aufgetreten. Der Lieferant hat daraufhin einfach den Druck auf die ArbeiterInnen erhöht.

Was wäre die richtige Herangehensweise gewesen?

Deichmann hätte auf einer Betriebsversammlung in der Fabrik auf mazedonisch klarmachen können, dass sie sich als Marke für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzen werden. Und dass die ArbeiterInnen jederzeit frei sind, ihre Meinung irgendwem gegenüber äußern zu dürfen. Aber Deichmann ist in Sachen menschenrechtlicher Unternehmensverantwortung Anfänger.

Gibt es vor Ort JournalistInnen, die sich mit diesen Themen beschäftigen?

Leider gibt es in Südosteuropa keine unabhängige und freie Presse. Die JournalistInnen müssen sehen, wie sie sich finanzieren. Und niemand bezahlt JournalistInnen, um über Arbeitsbedingungen in Albanien zu recherchieren und darüber kritisch zu veröffentlichen. Leider ist die Berichterstattung sehr häufig Hofberichterstattung von irgendwelchen Regierungen, die dafür bezahlen.

Würde es Sinn machen, gemeinsam mit JournalistInnen zu reisen?

Das haben wir schon gemacht. Grundsätzlich fahre ich mit, wenn ich merke, dass die JournalistInnen nicht so professionell sind und die Gefahren und Probleme nicht kennen. Ich will sicherstellen, dass für den Schutz der ArbeiterInnen gesorgt ist. Das hat für uns die höchste Priorität.

Und wie nehmen es JournalistInnen auf, wenn sie eine „Aufpasserin“ mit dabei haben?

Ich erkläre ihnen, dass bestimmte Gefahren bestehen, Standards eingehalten werden müssen und ich deshalb gerne mitfahren würde. Das akzeptieren sie dann auch meistens.

Hinter den Läden liegen die Lager Dass man mit dem Kauf billiger Kleidung prekäre Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzung in Ländern des globalen Südens mit verantwortet, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass eine Shoppingtour bei H&M, Zara und Co. auch fragwürdige Arbeitsbedingungen in Deutschland unterstützt.

Spätestens seit dem Einsturz des Fabrikgebäudes in Bangladesch vor vier Jahren denken viele bei dem Stichwort „billige Kleidung“ an überfüllte Textilfabriken, mit Färbemitteln verschmutzte Flüsse und Kinderarbeit. Wird
über faire Arbeit in der Textilindustrie diskutiert, haben alle diese Bilder aus dem globalen Süden im Kopf. Doch auch in Deutschland schafft die Modebranche vereinzelt unhaltbare Arbeitsbedingungen. Im Herbst 2017 warf Zeit Online einen Blick auf die prekären Arbeitszeitmodelle für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Filialen von H&M. Auch der kritische Blick in die Lager, die den Filialen im Produktionszyklus vorgeschaltet sind, lohnt sich: es berichtet eine ehemalige Lagerhelferin. Katja (Name geändert) ist 26 Jahre alt und studiert in Berlin. Sie drückt sich im Gespräch sehr bedacht aus, dennoch hört man ihre Empörung über das, was geschehen ist, heraus.

Von Herbst 2016 bis Frühjahr 2017 arbeitete sie für das Lagerunternehmen ILA Solution. „Ich brauchte damals schnell Geld und hatte keine Zeit für das Jobcenter-Prozedere“, erzählt sie und fast klingt es, als müsste sie sich für die Wahl ihres Nebenjobs rechtfertigen. Von einem Bekannten hatte sie gehört, dass ILA Solution immer auf der Suche nach Mitarbeitern sei. Die Hamburger Firma organisiert für verschiedene Modefirmen all das, was zur Vorbereitung der Waren dazugehört: Lagerung, Etikettierung und den Transfer in die Filialen. Katja bewarb sich beim Standort in Berlin, wurde direkt nach dem Probearbeiten fest in den Arbeitsplan eingetragen und hängte kurze Zeit später Kleider für das Modelabel Zara auf Bügel. Doch bald fielen ihr Dinge auf, die sie belasteten. “Ich habe gehört, wie meine Kollegen sich darüber unterhalten haben, dass sie ihr Gehalt nicht in der richtigen Höhe oder deutlich zu spät ausgezahlt bekommen. Eine Teamleiterin hat erzählt, dass sie trotz Vollzeitarbeit immer nur 400 Euro überwiesen bekommt“.

„Nur die Besten wurden eingetragen“

Zudem setzte ILA Solution Katja flexibel ein, obwohl in ihrem Vertrag eine feste Zahl von 30 Wochenstunden stand. „In weniger verkaufsstarken Zeiten kam es vor, dass Angestellte nach wenigen Stunden Arbeit wieder nach Hause geschickt wurden“, erzählt Katja. Andere Angestellte seien wiederum reihenweise nicht in den Arbeitsplan eingetragen worden, um sie für individuelles Verhalten abzustrafen – „nur die Besten wurden eingetragen“, fügt Katja hinzu. Für die Betroffenen bedeutete dies teils wochenlange Lohnausfälle, denn bezahlt wurden nur die Stunden, die auch tatsächlich gearbeitet wurden, nicht die, die im Vertrag zugesichert worden waren. Die von Katja geschilderten Arbeitsbedingungen erinnern stark an ein Arbeitsmodell, das als Arbeit auf Abruf bekannt ist. Hier werden Beschäftigte von ihrem Arbeitgeber je nach Bedarf eingesetzt. Grundlage dieser Praxis ist das Teilzeit- und Befristungsgesetz, das 2001 eingeführt wurde, um den deutschen Arbeitsmarkt flexibler zu machen. Laut § 12 können „Arbeitgeber und Arbeitnehmer […] vereinbaren, dass der Arbeitnehmer seine Arbeitsleistung entsprechend dem
Arbeitsanfall zu erbringen hat“. Für die Arbeitnehmer bedeutet das Unsicherheit, denn sie können nicht mit einem festen Gehalt rechnen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisiert diese Regelung und bezeichnet sie als
eine „atypische und in vielen Fällen prekäre Form der Beschäftigung […], die mit vielen Risiken für die Beschäftigten behaftet ist“.

Die gesamte Organisation der etwa 80 Mitarbeiter wurde über eine WhatsApp-Gruppe abgewickelt. “Von alltäglichen Fragen bis hin zu persönlichen Abmahnungen, Kündigungsandrohungen und sogar Kündigungen wurde dort alles von allen mitgelesen”, erzählt Katja. Viele Angestellte posteten dort ihre Krankschreibungen mitsamt dem Diagnosekürzel und ihrer privaten Anschrift. Dass das weder nötig noch rechtens war, wurde durch die Vorgesetzten nicht
aufgeklärt.

Über die misslichen Bedingungen wussten Katja zufolge alle Mitarbeiter Bescheid – zu einem gemeinsamen Protest gegen das Unternehmen kam es jedoch nicht. „Die Arbeitssituation war eigentlich immer an der Grenze zu nicht
schlimm genug, um dagegen gemeinsam vorzugehen”, sagt Katja. “Man muss bedenken, dass die Leute, die dort arbeiten, das Geld gerade dringend brauchen. Viele von ihnen kommen außerdem nicht aus Deutschland und sprechen kaum Deutsch.” Das habe es zusätzlich erschwert, sich zusammenzuschließen. Als Katja sich dann doch einmal bei einem ihrer Chefs wegen sexueller Belästigung durch einen Teamleiter beschwerte, musste sie feststellen, dass es für den Umgang damit keine interne Regelung gab: “Ich war schon die Dritte oder Vierte, die sich beschwert hat. Aber es wurde keinerlei weitere Reaktion eingeleitet.” Katja selbst trat schließlich der Gewerkschaft Verdi bei, um Zugang zu einer Rechtsberatung zu haben. “Die kriegt man aber nicht sofort”, weiß sie nun.

„Als Kaufleute gilt für uns
ein Händedruck genauso viel
wie ein unterzeichneter Vertrag.“

Weil Katja Spanisch und Englisch spricht, wurde sie schon nach sechs Wochen von dem Lagerverantwortlichen gefragt, ob sie Interesse hätte als Teamleiterin zu arbeiten. Statt 8,50 Euro sollte sie von nun an 10 Euro pro Stunde erhalten. Dafür bestand ihre Arbeit nicht mehr nur aus Klamotten falten und sortieren, sondern auch daraus, den Kontakt zu der Zentrale der Modefirma Zara zu führen, Buchungen vorzunehmen und Aufgaben zu verteilen. “Nach ein paar Wochen habe ich auf der Gehaltsabrechnung gesehen, dass ich nicht mehr Geld bekommen habe als vorher,” erzählt Katja. Als sie sich beschwerte, wurde ihr erwidert, dass der Lagerverantwortliche, der sie befördert hatte, dazu nicht befugt gewesen wäre. ILA Solution wirbt auf ihrer Internetseite mit dem Slogan „Als Kaufleute gilt für uns ein Händedruck genauso viel wie ein unterzeichneter Vertrag“ – in Katjas Fall grenzt das an tragische Ironie. Zu der Frage, ob Katjas Erfahrungen am Standort in Berlin ein Einzelfall waren, wollte sich ILA Solution nicht äußern.

Keine weißen Westen Erst jetzt gibt sich das Textilbündnis verbindliche Ziele – warum dauert das so lange?

„Ich wünsche Ihnen fair produzierte Kleidung unterm Weihnachtsbaum“, sagt Bernhard Felmberg zum Abschied. Dass das in Deutschland momentan die Ausnahme ist, weiß er selbst. Felmberg sitzt für das Entwicklungsministerium im Textilbündnis, einem Zusammenschluss von Bundesregierung, Zivilgesellschaft und Unternehmen des deutschen Textilmarkts, darunter Größen wie H&M, Esprit, Aldi, Lidl und Tchibo. Es soll die ökologischen und sozialen Bedingungen in der Textilwirtschaft verbessern und für mehr faire Kleidung unterm Baum und im Schrank sorgen.

Nun, drei Jahre nach seiner Gründung, hat das Textilbündnis zum ersten Mal verbindliche Zeit- und Mengenziele für alle Mitglieder beschlossen. Bislang gaben sich die Teilnehmer, die zusammen immerhin die Hälfte des deutschen Textilmarkts abdecken, lediglich individuelle Ziele.

Von 2018 bis 2020 sollen sie besonders an drei Bereichen arbeiten: dem Chemikalieneinsatz, den Sozialstandards und der Verwendung von Naturfasern. So müssen zertifizierte Chemikalien benutzt, Abwässer besser geklärt, ein Prozess zum Umgang mit Kinder- oder Zwangsarbeit etabliert und der Anteil an nachhaltiger und Bio-Baumwolle erhöht werden. Auch müssen sie Produzenten und Geschäftspartner systematisch erfassen – ob die Liste auch veröffentlicht wird, bleibt aber den Mitgliedern überlassen.

Die Ziele sind zunächst bemerkenswert, denn kein deutsches Unternehmen muss Teil des Textilbündnisses sein, das 2014 von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ins Leben gerufen wurde. Er gründete es als Reaktion auf den Einsturz einer Kleiderfabrik in Bangladesch 2013, in der auch deutsche Firmen hatten produzieren lassen. Mehr als 1.100 Menschen starben damals, über 2.400 wurden verletzt. Seitdem setzt er auf die Freiwilligkeit der Branche statt auf harte Vorgaben. Allen Beteiligten ist aber klar: Sollte das Bündnis keine ausreichenden Erfolge erzielen, könnten Gesetze folgen. Kritikern gehen die Ambitionen schon jetzt nicht weit genug und es dauert ihnen zu lange. „Wir brauchen ein Gesetz! Die Bundesregierung ist in der Pflicht dafür zu sorgen, dass deutsche Unternehmen in ihren Lieferketten Menschen- und Arbeitsrechte achten“, forderte kürzlich eine Vertreterin von Brot für die Welt auf der Konferenz „Fashion and Development“ in Leipzig.

Die Kleiderstange hängt voll, doch ist die Auswahl nachhaltig?

Wer verstehen will, weshalb es im Textilbündnis so langsam vorangeht, muss sich die Beteiligten genauer ansehen. Auf den Bündnistreffen kommen Vorreiter für Nachhaltigkeit wie hessnatur und Vaude mit Größen des günstigen Segments wie NKD, KiK und Primark zusammen. 99 Unternehmen mit unterschiedlichen Kunden und Nachhaltigkeitsstrategien treffen aufeinander. Die einen bremsen, den anderen geht es nicht schnell genug. Das aktuelle Papier ist der größtmögliche Konsens von sehr unterschiedlichen Interessen.

So verwundert es auch kaum, dass sich das Textilbündnis noch immer vor klaren Aussagen bei zentralen Fragen drückt, etwa bei der Bezahlung der Textilarbeiter in den Fabriken. Mitglieder müssen laut den neuen Zielvorgaben jährlich lediglich an einer einzigen schwammigen „Maßnahme mitarbeiten, die darauf abzielt, Beschäftigten in Produktionsländern existenzsichernde Löhne zu zahlen.“ Damit verdienen Arbeiter jedoch nicht zwangsläufig mehr Geld. Felmberg vom Entwicklungsministerium räumt ein: „Das Thema existenzsichernde Löhne möchten wir 2018 noch stärker behandeln.“ Das Textilbündnis wird vom Entwicklungsministerium aktuell nur bis Ende 2018 finanziert, doch Felmberg ist zuversichtlich, dass es unabhängig von der künftigen Regierungskoalition fortgeführt wird. „Es ist das größte Multistakeholder-Bündnis weltweit. Tiefgreifende Entwicklungen brauchen ihre Zeit“, sagt er.

Dahinter steckt die Hoffnung, dass sich auf dem Textilmarkt vollziehen könnte, was schon bei Lebensmitteln eingesetzt hat: Ein breiteres Angebot an nachhaltigen Produkten, auch in Discountern, und das wachsende Kundeninteresse dafür. Die Branche kämpft auch mit der Transparenz: Derzeit lassen sich die vielen Arbeitsschritte von der Baumwollernte hin zum fertigen T-Shirt kaum nachvollziehen. Bis es in einem deutschen Geschäft liegt, muss die Baumwolle gepflückt, zu Fäden verarbeitet, gefärbt und gewebt werden, anschließend genäht, verschickt und verkauft. Bei chemischen Fasern ist die Kette ähnlich lang, mit vielen Möglichkeiten für Regelverletzungen.

Als nächsten Schritt peilt das Textilbündnis die internationale Vernetzung an, denn noch ist es ein nationaler Zusammenschluss. Ob das Unternehmen dazu bewegt, freiwillig existenzsichernde Löhne zu zahlen, bleibt fraglich. Das tun häufig nicht einmal die Vorreiter – es gilt als zu großer Wettbewerbsnachteil. Und so könnte es noch dauern, bis unterm Weihnachtsbaum faire, bezahlbare Kleidung liegt.

Fotos: Julia Klaus

Albanien – Billige Modeproduktion vor Europas Haustür

Aufnahmen aus einer albanischen Modefabrik

Näherinnen in einer albanischen Modefabrik (Quelle: Erjona Rusi)

Die albanische Journalistin Erjona Rusi steht wieder an einer Bushaltestelle, irgendwo am Stadtrand von Tirana. Für eine Recherche versucht sie, mit Näherinnen einer Textilfabrik ins Gespräch zu kommen. Nach Ende der Schicht verlassen sie in Scharen das Gebäude und fahren mit dem Bus nach Hause. „Ich gehe nicht direkt zur Fabrik, dort würden die Frauen nie offen mit mir sprechen“, sagt Rusi.

In Albanien, am Rande Europas, wird fleißig für den europäischen Markt produziert. Die Textilbranche ist neben der Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftssektor des Landes. 20 Prozent der Bevölkerung sind hier beschäftigt. Wenn die T-Shirts und Schuhe in den Fashionboutiquen Westeuropas landen, steht dann oft „Made in EU“ darauf. Ein Label, das zunächst nach guten Arbeitsbedingungen für die Näherinnen und fairen Löhnen klingt. Doch die Realität in den Fabriken sieht oft anders aus.

Das hat Bettina Musiolek für die Studie Labour on a Shoestring herausgefunden. Sie leitet das   EineWeltBüro in Sachsen und ist Mitbegründerin der deutschen Clean Clothes Campaign, welche sich unter anderem für bessere Arbeits- und Produktionsbedingungen in der osteuropäischen Textilindustrie engagiert. In den Fabriken herrschen oft unzumutbare Arbeitsbedingungen. Dicht gedrängt sitzen die Arbeiterinnen an den Nähmaschinen. Die Luft ist stickig; im Sommer ist es oft unerträglich heiß, im Winter fehlen die Heizungen. Meist tragen die Näherinnen keine Handschuhe oder Atemmasken. Die würden zwar vor den Chemikalien schützen, sie aber erheblich bei der Arbeit behindern. Viele Frauen leiden daher unter Kopfschmerzen, Allergien oder Hautproblemen. All das haben Erjona Rusi und das Team von Bettina Musiolek in persönlichen Gesprächen mit den Näherinnen erfahren.


Von der Arbeit unter diesen harten Bedingungen können viele Näherinnen noch nicht einmal leben. Der Mindestlohn ist in Albanien mit 140 Euro Netto im Monat an sich schon niedrig und deckt laut der Studie Labour on a Shoestring nur 24 Prozent des Bedarfs einer vierköpfigen Familie. Aber in vielen Fällen erhalten die Arbeiterinnen nicht einmal diesen. Der Verdienst einer albanischen Näherin liegt somit im Schnitt unter dem einer chinesischen. Neben der Arbeit in der Fabrik bewirtschaften deshalb viele noch ein eigenes Feld, auf dem sie Gemüse für den Eigenbedarf anbauen.

Heute war Erjona Rusi nicht erfolgreich – keine der Arbeiterinnen wollte mit ihr sprechen. Viele von ihnen sind eingeschüchtert und wollen in der Öffentlichkeit nicht von ihrer Situation erzählen. Denn gerade Frauen sind auf die Jobs in den Textilfabriken angewiesen. Für sie gibt es in vielen Gegenden kaum Alternativen – die Arbeitslosigkeit in Albanien liegt bei etwa 15 Prozent.

 

Made in EU


ist ursprünglich eine Herkunftsbezeichnung für Produkte aus der Europäischen Union gewesen, die 2003 von der EU-Kommission vorgeschlagen wurde. 2014 war geplant, das Label verpflichtend für alle EU-Länder zu etablieren. Doch die Richtlinie wurde unter anderem von Deutschland blockiert, sodass es nicht zur einheitlichen Belabelung kam. Derzeit können europäische Unternehmen auf freiwilliger Basis und anstelle einer expliziten Länderkennzeichnung, ihre Produkte auch mit dem EU-Siegel auszeichnen.

 


Albanien ist kein Mitgliedsstaat der EU, sondern seit 2014 lediglich ein Beitrittskandidat. Trotzdem wird innerhalb Albaniens oft für europäische Modeunternehmen produziert.

 „Solange Albanien nicht volles Mitglied der EU ist, können Produkte oder Waren, die dort hergestellt werden, nicht mit „Made in EU“ gekennzeichnet werden“, sagt Alceo Smerilli,  Pressesprecher der Europäischen Kommission für Europäische Nachbarschaftspolitik und EU-Beitrittsverhandlungen.

 

Diese eigentlich klare Regelung umgehen jedoch viele internationale Textilunternehmen. Sie produzieren in mehreren Ländern und verschleiern durch vielschichtige, oft intransparente Prozesse wo und wie sie Klamotten für den europäischen Markt produzieren. Unternehmen gehen dabei oft folgendermaßen vor:

„Viele der Unternehmen lagern einen Teil der Produktion beispielsweise nach Albanien aus. Oft wird nur der letzte Fertigungsschritt in einem EU-Land gemacht – beispielsweise in Italien“, sagt Bettina Musiolek.

 

 

Auf diese Weise werde eine Kennzeichnung mit „Made in EU“ oder auch „Made in Italy“ möglich, so Musiolek. Ein Unternehmen, von dem sie vermutet, dass es so arbeitet, ist beispielsweise Zalando. Auf mehrere Anfragen reagierte das Unternehmen allerdings nicht.

Die komplexen Lieferketten haben vor allem für die albanischen Näherinnen negative Auswirkungen, wie Musiolek im Video erklärt:

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Trotz der schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken ist Albanien auf die Textilbranche angewiesen. Das liegt auch an der historischen Bedeutung des Sektors: Industrie wurde zu kommunistischen Zeiten massiv ausgebaut, so Dr. Dhimiter Doka von der Universität Tirana. „Unter dem Motto ‘mit aller Kraft für Albanien’ spielte die Textilindustrie eine große Rolle für das Land“, so Doka. Gelenkt wurde alles vom Staat, die Arbeiterinnen wurden nicht besser oder schlechter bezahlt als in anderen Industriezweigen. Von Generation zu Generation wurde das Know-How weitergegeben.

Als 1990 in Albanien der Kommunismus zusammenbrach, wandelte sich auch die Wirtschaft tiefgreifend. Ein riesiger, aber veralteter Textilbereich stand einer geringen Nachfrage entgegen. Mitte der 90er Jahre bricht die Textilproduktion vollends zusammen und erholt sich erst zu Beginn der 2000er Jahre. An das Lohnniveau aus Kommunismus-Zeiten können die neu strukturierten Wirtschaftszweige allerdings nicht anknüpfen.

In eine ehemalige Fabrik wurden neue Wohnungen gebaut.

Im ehemaligen Textilkombinat Josef Stalin wohnen heute Menschen. (Quelle: Jana Lapper)

Heute arbeitet immer noch ein großer Teil der Bevölkerung im Textilsektor. Verlieren wollen die Albanerinnen ihre Jobs unter keinen Umständen, betont die albanische Journalistin Erjona Rusi auf der Bildkorrekturen-Konferenz im November. Zum einen fände man aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage kaum Jobs, zum anderen sei der Textilbereich für viele Arbeiterinnen trotz der schlechten Arbeitsbedingungen nach wie vor die einzige Option. Deshalb wolle keiner, dass sich die ausländische Textilindustrie zurückzieht, lediglich die Bedingungen sollen sich für die Arbeitenden zum Positiven verändern.

Damit das geschehen kann, muss sich jedoch auf vielen Ebenen etwas verändern, weiß Bettina Musiolek. Sie sieht die größte Verantwortung bei den Unternehmen. Diese müssten für bessere Arbeitsbedingungen und fairere Löhne sorgen. Aber auch Verbraucher sollten anfangen, in den Modegeschäften nachzufragen, woher die Kleidung komme.

Die EU schiebt indes die Verantwortung von sich: Staaten, die Mitglied der EU werden wollen, seien verpflichtet ihre Rechtsvorschriften an die der EU anzugleichen, so Smerilli. Doch auf politischer Landesebene werden oft keine Entscheidungen getroffen, um potentielle Industriepartner nicht abzuschrecken.

Fest steht: Alle Akteure sind mitverantwortlich für die derzeitige Situation in den Textilfabriken Albaniens. Nur bei den Leidtragenden lässt sich eine klare Feststellung machen – das sind die albanischen Näherinnen.

 

Von Denis Gießler, Jana Lapper und Marie Ludwig

Panel 3 (Nachmittag): Der Mythos „Made in Europe“

Albanien ist genauso günstig wie China, aber liegt direkt vor unserer Haustür – so wirbt die italienische Wirtschaft für den Standort Albanien. Das läuft unter dem Label „Made in Europe“. Konsumenten glauben, dass sie faire und ökologische Mode kaufen – und werden damit in die Irre geführt. Drei Expertinnen wissen, dass die albanischen Näherinnen die Leidtragenden sind.

Ornela Liperi


Ornela Liperi ist Chefredakteurin von Monitor, das einzig wöchentlich erscheinende Wirtschaftsmagazin in Albanien. 1997 machte sie ihren Abschluss in Marketing an der Wirtschaftsfakultät in Tirana. Sie hat zahlreiche Paper, Studien und Artikel veröffentlicht, die sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung und Integration in Albanien beschäftigen.

Edith Dietrich


Edith Dietrich studierte Slawistik und Soziologie und dreht seit 1997 Filme zu wirtschaftlichen Themen für den WDR und die ARD. Sie ist Dozentin an der HMKW University in Köln und lehrt an der Deutschen Welle Akademie. Bei ihren Recherchen hat sie exklusive Einblicke in die globale Modeindustrie gewonnen.

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Erjona Rusi

Erjona Rusi ist eine albanische Journalistin, die seit mehr als 16 Jahren für verschiedene Medien arbeitet. Derzeit arbeitet sie im Team des Nachmittagsprogramms für die albanische öffentliche Sendeanstalt. Als Korrespondentin arbeitete sie mit dem Balkan Investigative Reporting Network, dem Guardian und dem österreichischen Magazin Datum zusammen.