Beiträge

Stimmen zur Konferenz

Du bist, was Du isst – aber was Du trägst ist egal? Im Gegensatz zur Lebensmittelindustrie ist Nachhaltigkeit in der Textil- und Modebranche immer noch immer noch ein Randgruppenthema. 2016 haben Textilien im fairen Handel nur sechs Prozent des Umsatzes ausgemacht, Kaffee, Lebensmittel und Südfrüchte hingegen insgesamt 82 Prozent. Wie stehen die Teilnehmer*Innen der Bildkorrekturen 2017 zum Thema Fair Fahion? Inga Mohwinkel und Pia Schönfeld haben Einstellungen, Erwartungen und Bildkorrekturen eingefangen.

 

Kleidung aus dem Container

Textilrecycler Martin Wittmann (M.) diskutiert mit Designerin Juliet Namujju (l.) und Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute. (Quelle: Engagement Global/Bodo Tiedemann).

Man begegnet ihnen in den kuriosen Meldungen, wenn die Feuerwehr Eingeschlossene befreien muss. Doch Altkleider-Container stehen für ein Geschäftsmodell, von dem niemand wirklich weiß, ob es überhaupt richtig ist.

Es sind wohl die liebsten Container der Deutschen gleich nach den Altglas-Sammelbehältern: Altkleider-Container. Am Bahnhof, auf dem Supermarkt-Parkplatz, am kleinen Wertstoffhof – kaum eine Gemeinde in Deutschland ist ohne die metallenen Sammelboxen für gebrauchte Textilien. Die nackten Zahlen sind erst einmal beeindruckend: 800 000 bis eine Million Tonnen an Altkleidern werden in Deutschland jedes Jahr in solche Container geworfen, darin sind sich alle Schätzungen einig. Das heißt, jeder Deutsche lässt im Schnitt zehn bis zwölf Kilo jährlich im dunklen Schlitz verschwinden. Als Spende. Geld bekommt er dafür keines.

Die Altkleider-Branche

Für rund 5000 solcher Kleidercontainer ist Martin Wittmann in letzter Instanz zuständig. Er ist Geschäftsführer einer Firma aus Niederbayern. Das Geschäftsmodell: Die Container werden aufgestellt und entleert, die Textilien weiterverkauft. In Deutschland gehört die Lorenz Wittmann GmbH zu den Top 5 in der Branche. Außerdem ist Martin Wittmann der oberste Repräsentant der Branche, im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung ist er Vizepräsident, als Vorsitzender des Fachverbandes Textilrecycling spricht er für 130 Firmen. Sein eigenes Unternehmen sammelt die Klamotten und verkauft sie dann an große Sortierunternehmen, welche die Ware aufteilen. Circa die Hälfte der Sammlungen wird tatsächlich wieder getragen, besonders gut erhaltene Stücke gehen an Secondhand-Läden in wohlhabende europäische Länder. Der weitaus größere Teil wird aber nach Osteuropa, den Mittleren Osten und Afrika verkauft. Die zweite Hälfte einer Altkleider-Sammlung wird größtenteils ebenfalls wiederverwertet, aber sie landet nicht im Schrank: Putzlappen und Dämmmaterialien für die Industrie entstehen aus diesem Recycling-Prozess. Zehn Prozent der Sammlungen werden letztendlich entsorgt, sie haben zu schlechte Qualität um noch einmal verarbeitet zu werden.

Neben kommerziellen Unternehmen fungieren auch Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder die Johanniter oft als Aufsteller von Altkleider-Containern, in der öffentlichen Wahrnehmung sind sie allerdings stärker vertreten, als sie tatsächlich sind. Sie verwenden die Erlöse aus dem Verkauf der Kleider für ihre Arbeit. „Deine Spende hilft uns, zu helfen“, solche oder ähnliche Slogans stehen auf den Containern. Damit kann man ja eigentlich nichts falsch machen, dürfte sich der sozial- und umweltbewusste Bürger denken, wenn er seine alte Winterjacke im Container entsorgt. Sie wird recycelt und im besten Fall hat man auch noch eine milde Gabe gespendet. Er liefert den Rohstoff für eine ganze Branche kostenlos. Klappe auf, Klamotten einwerfen, gutes Gewissen garantiert. Aber ist es wirklich so einfach?

Job-Vernichtung durch Altkleider? – „Das ist einfach nicht wahr.“

Das Narrativ in den Medien zeichnete im Gegensatz dazu vor allem in den 90er-Jahren ein sehr negatives Bild. Damals stieg die Zahl der Altkleider-Container stark an. Auch die Firma von Martin Wittmann wechselte in dieser Zeit auf das Geschäftsmodell, zuvor war das Unternehmen vor allem im Entsorgungsbereich tätig. Früher gingen die Deutschen anders mit ihren Altkleidern um, erklärt Wittmann. Die Entsorgung zur Wiederverwertung lief über Straßensammlungen in den Kommunen. Sportverein oder die Kirchengemeinde holten die Kleidersäcke ab. Doch wie so vieles, hat sich die Altkleider-Verwertung nun zunehmend individualisiert. Doch was für den europäischen Konsumenten vielleicht bequemer wurde, wurde gleichzeitig scharf kritisiert: Die Altkleider aus Europa würden vor allem in Afrika die dortige heimische Textilindustrie vernichten. Die dortige Bevölkerung greife lieber auf billige Klamotten aus zweiter Hand zurück, deswegen kollabiere dieser wichtige Wirtschaftszweig.

Es ist eine Kritik, die schwierig zu überprüfen ist. Wirklich verlässliche Zahlen sind schwer zu recherchieren. Fakt ist, viele Menschen in den ärmeren afrikanischen Ländern tragen importierte Kleidung. Fakt ist auch, die Kritik ist immer noch in den Köpfen der Menschen präsent und wird auch immer noch vorgetragen. Auch auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig zum Thema „Fashion & Development“ ist sie ein zentraler Punkt, um den eine Diskussion zum Thema Recycling kreist. Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute, sagt etwa, in Kenia seien von ehemals 500 000 Arbeitsplätzen in der Textil-Industrie nur noch zehn Prozent übrig.

Die Kritik sei veraltet, monieren andere Experten und die Container-Branche selbst. Mittlerweile seien nicht die gebrauchten europäischen Kleider, sondern spottbillige asiatische Neuware das Problem für die Textilindustrie in Afrika. Viele Berichte und Geschichten über die Thematik betonen mittlerweile die positiven Aspekte der Containerladungen, welche in Richtung Süden gehen. Auch Martin Wittmann, der in der Diskussion zwangsläufig in die Rolle des Verteidigers gedrängt wird, sagt zum Niedergang der afrikanischen Kleiderproduktion: „Wir hören oft, dass wir daran schuld seien. Das ist einfach nicht wahr.“ Statt den Verlust von Jobs zu verursachen, generiere man mit den Altkleidern neue Arbeitsplätze: Kleinhändler, welche Kleidung an- und verkaufen oder die Weiterverarbeitung der Altkleider sind die Beispiele, welche oft genannt werden.

Kommunalisierung und Trittbrettfahrer

Unabhängig von den Auswirkungen in anderen Teilen der Erde: Die gesamte Branche der Altkleider-Container wächst. Vor allem die Kommunen haben das Geschäft für sich entdeckt. Sie wollen nicht mehr nur Aufstellungsgenehmigungen ausgeben, sie mischen mittlerweile selbst mit. Die Stadt München betreibt zum Beispiel seit 2012 in Eigenregie ein kommunales Sammelsystem. Wobei „Eigenregie“ nicht ganz den Kern trifft: Die Arbeit selbst, das Ausleeren und Verwerten übernimmt ein Vertragspartner, ein kommerzielles Unternehmen. Die bayerische Landeshauptstadt schielt vor allem auf den finanziellen Aspekt. 4500 Tonnen Altkleider pro Jahr sollen zusammenkommen, pro Tonne rechnet man mit 350 Euro Erlös – macht gut 1,5 Millionen Euro für das Stadtsäckel pro Jahr laut Rechnung für 2017. Der Trend zur „Kommunalisierung“ werde sich fortsetzen, erwartet Martin Wittmann. Denn die Behörden von Gemeinden, Städten und Landkreisen haben eben entdeckt, dass sich mit diesem System Geld verdienen lässt. Und sie haben einen entscheidenden Vorteil auf ihrer Seite. Sie vergeben die Genehmigungen für das Aufstellen der Container auf öffentlichem Grund. Bei kommerziellen Unternehmen können sie eine solche verweigern. Schließt die öffentliche Hand einen Vertrag mit einem bestimmten Unternehmen, dann kann dieses natürlich bevorzugt werden. Die Firma von Martin Wittmann hat zum Beispiel seit 2009 einen Vertrag mit dem Landkreis Erding. Altkleider-Container im Erdinger Land sind demzufolge fest in Wittmann-Hand. Ein Umstand, den vor allem die Hilfsorganisationen beklagen. Waren sie früher weit vertreten, so haben sie jetzt im Landkreis Erding fast keine Container mehr stehen, nur noch auf ihren Privatgrundstücken.

Wo Geld zu holen ist, da sind auch die schwarzen Schafe nicht weit. Container, die einfach ohne Genehmigung aufgestellt werden, in der Hoffnung, dass die normalen Bürger den Unterschied nicht bemerken. Für die seriösen Unternehmen ein „Thema, das uns schwer belastet“, wie Martin Wittmann sagt. Allein eine einzige kriminelle Organisation habe 15 bis 20 000 Altkleider-Container in Deutschland platziert, sagt Wittmann. Erkennen könne man die illegal aufgestellten Container daran, dass keinerlei Kontaktdaten oder Firmennamen aufgebracht seien.

Neben der illegalen Konkurrenz springt nun aber auch der Einzelhandel auf das Thema Altkleider an. Große Modeketten, H & M ist das bekannteste Beispiel, stellen Sammelboxen in ihren Filialen auf. Die Kunden können ihre gebrauchten Klamotten dort zurückgeben. Martin Wittmann sieht darin eher ein Marketinginstrument, und er ist beileibe nicht der einzige Experte, der dahinter Greenwashing vermutet. Wirkliche Nebenbuhler für seine Branche sieht er hier aber nicht heranwachsen: „Wir sind der Meinung, dass das nicht den großen Erfolg haben wird.“ Die großen Mengen würden weiterhin über Container abgewickelt. Grund: Kein Kunde habe große Lust, mit einem Altkleidersack in die Innenstadt-Filialen der Modehäuser zu fahren.

Recyling oder Konsumreduzierung?

Für jeden, der die Container weiterhin nutzt, bleibt trotzdem die Ungewissheit: Wie viel Gutes tue ich damit? Unabhängig von der moralischen Frage fordern mittlerweile viele Experten ein Umdenken beim Konsum von Kleidung: Entscheidend sei gar nicht, ob man recycelt oder nicht, schädlich sei vor allem die schiere Menge an Klamotten, die der globale Norden konsumiert. „Wir sollten lieber die gesamte Produktion, von der Recycling ein Teil ist, verringern“, sagt zum Beispiel der prominente Designer Ed van Hinte auf der Bildkorrekturen-Konferenz. Es ist die Frage nach dem Guten im Schlechten. Wenn die Kleidung sowieso vorhanden ist, dann ist es per se wohl besser, sie zu spenden, als sie zu entsorgen. Für Martin Wittmann ist das Motto vom „Weniger konsumieren“ aber auch kein Widerspruch zur Geschäftsphilosophie seiner Branche. „Lieber mehr Klasse als Masse“ habe er bei seinen Altkleider-Sammlungen, erklärt er. Ein Grund dafür ist, dass die Fasergemische von Billigkleidung schwieriger zu recyclen sind. Außerdem ist minderwertige Ware natürlich kurzlebiger, das bedeutet, mehr Müll landet in den Containern. „Fast Fashion führt zu einem Qualitätsabfall“, sagt Wittmann.

Brauch ich das? – Raus aus der Verbraucherfalle Von Viktoria Hausmann

Jede Frau kennt dieses Problem. Wir stehen vor einem Schrank voller Sachen und haben nichts anzuziehen. Immer! Kaum muss Frau zu einem bestimmten Anlass — sei es ein Date, die Hochzeit der besten Freundin oder eine wichtige mündliche Prüfung — findet sich einfach nicht das Richtige im Schrank. Das Outfit, das wir im Kopf haben, mit dem wir Eindruck machen wollen, fehlt. Es ist entweder alles gerade zu eng. Aus der Mode. Schon kaputt. Oder wir haben einfach dieses eine bestimmte Teil nicht! Dieses It-Piece, dass jetzt gerade alle haben!
Abhilfe ist schnell gefunden: Einfach zur Lieblingsmodekette oder gleich im Internet bestellen. Kostet ja fast nix! Und schon hat sie wieder zugeschnappt. Die Verbraucherfalle! Häufig merken wir das erst, wenn der Schrank so dermaßen überquillt, dass man ihn nicht mehr zukriegt. Dann heißt es ausmisten, aber auch das ist ein fest einkalkuliertes Manko der Modeindustrie. Wir spenden längst so viele Altkleider an Dritte Welt Länder, wie Uganda, dass sie dort teilweise ungenutzt auf Müllkippen enden und den lokalen Textilmarkt zerstören. Echte Fashion Crimes sind nämlich nicht Socken in Sandalen, sondern Ausbeutung und Umweltverschmutzung!

„20 Prozent aller neu produzierten Kleidungsstücke werden gar nicht verkauft, sondern sofort weggeworfen,“ erklärt Friederike von Wedel-Parlow. Sie war Professorin für den internationalen Studiengang „Sustainabilty and Fashion“ an der ESMOD in Berlin und hat das Beneficial Design Institute gegründet. Sie berät nachhaltige Modefirmen und ist Befürworterin des Cradle-to-Cradle-Prinzips – einer Produktionsform bei der Neues aus Altem recycelt wird. Das Ziel von Cradle-to-Cradle ist ein geschlossener Kreislauf aus wiederverwertbaren Nährstoffen. Dadurch soll Abfall praktisch auf Null reduziert werden. Noch gibt es jedoch wenig Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Sie ist die Industrie mit der zweitgrößten Umweltverschmutzung der Welt. Nur geschlagen von der Ölindustrie! Sie verschwendet Unmengen an Wasser um Kleidung herzustellen und veredelt Textilien mit Chemikalien, die zum Großteil in der EU verboten sind. Das kritisiert auch die Journalistin Carolin Wahnbaeck, die häufig über die Zustände in Textilfabriken berichtet: „H&M verbrennt haufenweise Kleidung mit kleinen Fehlern. Und zwar direkt in den Fabrikhöfen in Bangladesch. Da hängen sogar schon teilweise die Preisschilder dran. Sie wissen einfach, das wird nicht verkauft und zünden es deswegen an!“

Recycling? Upcycling? Nachhaltig Kleiden – Friederike von Wedel-Parlow (Dritte v. links) im Gespräch mit Martin Wittmann (Wittmann Textil-Recycling) und Julie Keiza (Kimuli Fashion) bei der Bildkorrekturen 2017 (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Davon kriegt der Otto-Normalverbraucher allerdings nur wenig mit. Billigteile, die schnell out und ebenso schnell kaputt sind, wandern dann auch gleich in den Müll: „Viele sagen, das war so billig, das wasch ich nicht mal. Stattdessen werfen sie es nach einmal tragen weg,“ kritisiert von Wedel-Parlow: „Verbraucher müssen wieder verstehen, dass Kleidung einen echten Wert hat! Wir müssen zurück zu den Wurzeln. Noch vor zwei, drei Generationen haben die Menschen viele ihrer Kleidungsstücke selbst hergestellt. Sie ein Leben lang getragen und manchmal sogar an ihre Kinder weitergegeben.“

Die wichtigste Verbraucherregel ist also „Use what you have“. Am besten man trägt Kleidung, die man schon hat bis sie kaputt geht. Bei Lieblingsteilen gelingt das Vielen von uns auch, wenn sie schon löchrig und fusslig sind. Viele Modemagazine und Fashionblogger geben mittlerweile Tipps, wie man seine Lieblingsteile oder einfache Basics immer so kombinieren kann, dass es gar nicht groß auffällt, dass man sie ständig trägt. Andere wie die US-Fashionbloggerin Sheena zeigen anhand eines Kleidungsstücks —einer Art Alltags-Uniform — wie man seinen individuellen Stil prägt. Vorbilder sind erfolgreiche Unternehmer, wie Steve Jobs, Marc Zuckerberg und Vera Wang, die immer die gleichen Outfits tragen, weil man so unnötige Entscheidungen vermeidet und das Gehirn somit angeblich kreativer und effizienter arbeiten kann.
Ein ähnlicher Trend ist die sogenannte Capsule Wardrobe. Ein funktioneller, optimal kombinierbarer aber minimalistischer Kleider-Mix. Die französische Modedesignerin Justine Leconte gibt auf ihrem YouTube-Chanel tiefere in Einblicke in die Materie.

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=0ur13KvWoWE[/embedyt]

Sehr sehenswert: Justine Lecontes Video über die Fast Fashion Trap (Quelle: YouTube Justine Leconte officiel, © Justine Leconte)

In einem reduzierten Kleiderschrank entsteht mehr Überblick. Man kann sich zum Beispiel eine Sommer- und eine Winterkapsel bauen und fünf Lieblingsjeans, drei Röcke und ein Dutzend Oberteile kombinieren, die man sowieso am liebsten trägt. Ungeliebte Sachen werden aussortiert, getauscht oder gespendet. Für Unterwäsche, Sportsachen oder Abendkleider kann man extra Kapseln bauen. Außerdem kann man sie beliebig mit Schuhen oder Accessoires ergänzen. Blogger und Stylisten aus den USA schwören auf eine Kapsel aus nur 37 Teilen.

Das sind gute Alternativen in einer Welt, die uns vorgaukelt, dass wir ständig neue Kleider brauchen. Soll man also mehr mit dem Kopf kaufen? Gut überlegen, was man braucht und nur etwas fair Produziertes nehmen? „Mode ist etwas sehr Emotionales,“ sagte Carolin Wahnbaeck: „Man kauft etwas, weil man es mag! Das Bauchgefühl der Leute muss überzeugt werden, weil sie nicht mit dem Kopf konsumieren.“ Wahnbaeck ist ein großer Fan von Tauschmärkten und qualitativ hochwertigen Sachen: „Ich habe auch Outfits von vor zehn Jahren, die ich wahnsinnig gerne trage. Die dreckigsten Kleidungstücke, die man hat, sind immer die Allerneusten! Da sind noch alle Chemikalien drin!“ Kleidertauschen sieht sie als gute Alternative zu Sales: „Es ist viel besser als neue Kleider zu kaufen. Je klassischer ein Kleidungsstück ist, umso länger wird es einem bleiben. Wer jedem Trend hinterherläuft, wird nie eine nachhaltige Garderobe haben.“

„Wir brauchen einen Fair Fashion H&M auf jeder Shopping-Meile!“ Carolin Wahnback (Rechts im Bild) ist für ein Umdenken der Verbraucher (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Ein eigener Stil ist also besser, als jeden Trend mitzumachen! Schließlich steht nicht jedem alles! Menschen, die etwas rund sind, keine Taille haben oder ein anderes nicht genormtes Körpermerkmal, wie zu kurze Beine oder ein breites Kreuz, tun sich oft schwer in die typischen Trends zu passen. Die Massenware ist nämlich so geschnitten, dass sie vor allem an Models und Kleiderpuppen gut aussieht. Dieses Schnittmuster bleibt bei allen Größen gleich. Sie tut also nichts dafür individuellen Körpern zu schmeicheln. Ähnlich ist es mit dem Hautton. Nicht jedem stehen Pastell- oder Neonfarben. Im schlimmsten Fall sieht man durch die falsche Farbe alt oder unscheinbar aus, aber das ist nichts gegen die Folgen, die der ständige Modekaufrausch auf die Umwelt und die ausgebeuteten Arbeiterinnen hat. Man sollte sich also öfter fragen, ob man wirklich etwas Neues braucht! Der große Fashion Trend 2018 ist übrigens Ugly Chic. Rosa Crocs mit Plateausohlen und Glitzersteinchen? Da kann man getrost passen!

Zementsack meets Fashion: Von der Baustelle auf die Kleiderstange

Wenn Juliet Namujju nicht auf dem Laufsteg zu sehen ist, läuft sie durch Ugandas Hauptstadt Kampala und sammelt Müll ein. Daraus näht sie mit tauben und gelähmten Menschen neue Kleider. Mit ihrem Label Kimuli Fashion möchte sie sich weltweit für nachhaltige Mode einsetzen.

Sie ist eine echte Fashionista aus Uganda: Juliet Namujju. Die 21-Jährige präsentiert auf ihrer Modenschau auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig nachhaltige Mode: Hippe elektronische Musik tönt aus den Boxen, während die Fashiondesignerin mit strahlendem Lächeln zwischen ihren Models hindurchläuft. Die Kleider in warmen Farben erinnern an afrikanische Mode – erst beim genaueren Betrachten fällt auf, dass in Jacken und Röcken auch alte Zementsäcke eingearbeitet sind.

Juliets Label Kimuli Fashion ist eines von wenigen ugandischen Labels, die auf Upcycling – das Wiederverwerten von Materialien – setzen. Und eines von wenigen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen: in ihrem Unternehmen sind es drei von sechs Mitarbeitern.

Aus alt mach neu: Upcycling in der Puppenstube

Juliet erzählt, dass es in Uganda nicht schwierig sei, ein Fashionlabel zu gründen. In ihrem Land gebe es eine große Modeindustrie. Aber bis sie ihren ersten Shop vor zwei Jahren eröffnen konnte, war es ein langer Weg. Juliets Eltern starben, als sie noch ein Kind war, daher wuchs sie bei ihrer Großmutter auf. „Meine Oma war für mich eine große Inspiration“, sagt sie. „Wir hatten kein Geld, um neue Anziehsachen für meine Puppen zu kaufen. Aber meine Oma war Schneiderin und brachte mir schon früh das Nähen bei. Also fing ich an, aus ihren übrig gebliebenen Stoffresten Kleider für meine Puppen zu nähen.“ Juliet kam das erste Mal mit Upcycling in Kontakt und entdeckte ihre Leidenschaft für Mode.

Hier spricht die Designerin über ihre Mode:

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=oTx6smeK3ow[/embedyt]

 

Für viele Ugander sei Upcycling ein Tabuthema: „Die meisten denken, es sei nur eine sinnlose Spielerei und Zeitverschwendung“, erzählt Juliet. „Sie sehen in meinen Klamotten nur Müll. Das sei keine Mode, sagen sie.“

Juliet wuchs in Kampala auf, der Hauptstadt Ugandas. Hier fallen rund 1200 bis 1500 Tonnen Müll täglich an, aber nur etwa 40 Prozent der Abfälle werden eingesammelt. „Wenn du nach Kampala kommst, denkst du sofort: Was ist das für eine Stadt?!“, so Juliet. „Überall liegen Plastikflaschen und Verpackungen herum.“

Umweltbewusstsein und Inklusion: Der Bevölkerung die Augen öffnen

Juliet läuft deswegen mit den Bewohnern Kampalas durch die Straßen und sammelt achtlos weggeworfene Zementsäcke und Tetra Paks ein. Sie möchte die Bevölkerung sensibilisieren – den Menschen zeigen, dass man Müll auch auf eine kreative Art und Weise wiederverwerten kann. Vielleicht würde sich dann auch das Bild von Upcycling-Mode in Uganda ändern, hofft die 21-Jährige. Bisher schätzt Namujju, dass etwa 80 Prozent ihrer Kunden Touristen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass dies aber auch an den Preisen liegt: Umgerechnet 75 Euro kostet beispielsweise eine Regenjacke aus Zementsack. Etwas preiswerter sind hingegen Etuis, Armbänder und Ketten: Sie kosten meist weniger als zehn Euro. Jedoch verdient ein Ugander durchschnittlich nur etwa 45 Euro im Monat.

Die Hälfte ihrer Einnahmen kommen aber Menschen mit Behinderungen zugute. Die andere Hälfte werde zur Deckung der Produktionskosten benötigt. Diese waren vor allem zu Beginn sehr hoch, da Juliet spezielle Nähmaschinen anschaffen musste, die an die Bedürfnisse ihrer behinderten Mitarbeiterinnen angepasst sind. Um besser mit ihren tauben Kolleginnen kommunizieren zu können, lernte Juliet in zusätzlichen Kursen die Gebärdensprache.

Weitere Bilder von Juliet

 

„Es war, als würden sie sich selbst hassen.“

„Die Arbeit mit behinderten Menschen liegt mir sehr am Herzen“, sagt Juliet. „Als ich noch sehr klein war, verlor mein Vater bei einem Autounfall beide Beine. Er konnte nicht mehr arbeiten und wurde wegen seiner Behinderung diskriminiert. Er wurde immer pessimistischer und verlor seinen Lebenswillen. Kurze Zeit später starb er.“ Das sei in Uganda keine Seltenheit: Behinderte Menschen würden oft diskriminiert und ihre Behinderung als eine Strafe Gottes angesehen. Teilweise sollen sie sogar von ihren eigenen Verwandten weggesperrt, vor der Öffentlichkeit versteckt oder aus der Familie verstoßen werden. „Behinderte Menschen glauben oft nicht mehr an sich selbst und ihre Fähigkeiten“, sagt Juliet. Zu dieser Erkenntnis gelangte sie, als sie vor wenigen Monaten versuchte, Teilnehmer für einen Näh-Workshop zu gewinnen. Sie zog durch die Dörfer und versuchte, die Menschen direkt anzusprechen. Der Workshop war für Menschen mit Behinderung kostenlos, trotzdem meldete sich kaum jemand an. Erst nach stundenlangem, tagelangem Überzeugen“, so Juliet. „Es war, als würden sie sich selbst hassen. Als würden sie lieber allein sein in ihren Dörfern und niemanden sehen wollen.“

Expandieren und weltweit ein Zeichen setzen

„Ich möchte die Augen der Leute für Menschen mit Behinderungen öffnen – in Uganda und auf der ganzen Welt“, sagt Juliet. „Damit diese Menschen nicht mehr als andersartig angesehen, sondern als ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft akzeptiert werden.“ Ihr Traum sei es, noch viel mehr Menschen mit Behinderung zu beschäftigen und in weitere Länder zu expandieren. Dabei hat sie sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mehr als 3.000 Menschen möchte sie in Afrika zu einem neuen Lebenswillen verhelfen, indem sie ihnen einen Arbeitsplatz anbietet. Derzeit verkaufe sie ihre Mode in Uganda, Deutschland und Polen. Zukünftig möchte sie auch Märkte in Österreich oder sogar den USA erschließen. Um nicht nur auf dem Bildkorrekturen-Laufsteg ein Zeichen zu setzen, sondern auf der ganzen Welt.

 

CSR – gerechte, grüne Mode? Die Modeindustrie ist eine der umweltschädlichsten Branchen und die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind oft katastrophal. Das steht in einem starken Gegensatz zu dem Nachhaltigkeitstrend, der gerade durch die Branche geht. Transparenz soll die neue CSR-Berichtspflicht bringen.

Quelle: https://www.hessnatur.com/corporate/bildarchiv/stores/

Quelle: http://www.kik-textilien.com/unternehmen/presse/informationsmaterial/bildmaterial/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Öko- vs. Billig-Mode? Wie gerecht und grün die beiden deutschen Textilunternehmen sind, kann man in ihren CSR-Berichten nachlesen.

Weiterlesen

„Nachhaltige Mode darf nicht nachhaltig aussehen“

Slow, ökologisch, fair: Wenn es um fair produzierte Mode geht, haben viele Konsumenten noch immer das Bild von langweiligen Öko-Kleidern im Kopf. Designerin Friederike von Wedel-Parlow und Bloggerin Antonia Wille von amazed erklären, warum nachhaltige Modeunternehmen im Blogger- und Influencergeschäft hinterherhinken.

Antonia Wille präsentiert bei amazed ein Fair Fashion T-Shirt von Reformation mit einem Blazer der High-Speed Marke Mango. Foto: Antonia Wille / amazed.com

„Für 2018 nehmen wir uns vor, noch öfter auch unter dem Jahr an unsere Mitmenschen zu denken, Hilfe anzubieten und vor allen Dingen auch unseren Modekonsum weiter zu reduzieren und mit Bedacht zu kaufen. Das funktioniert nicht immer, aber immer öfter – und wie ihr wisst: Jeder kleine Schritt zählt!“

Diese Gedanken macht sich Antonia Wille, eine der drei Gründerinnen des erfolgreichen Münchner Modeblogs amazed in einem Instagram-Post kurz vor Neujahr. „Wir stellen immer mal wieder faire Labels vor, um unsere User zu sensibilisieren und um sie auf coole, faire Labels aufmerksam zu machen“. Einzelne Fair Fashion Teile von kleinen Münchner Labels oder von bekannten Firmen wie hessnatur kombinieren die Bloggerinnen mit Fast Fashion Stücken in Outfit-Postings. Dabei sind die Autorinnen von amazed immer wieder erstaunt über die Resonanz der Leser: „Faire Labels kommen extrem gut an. Die Leser sind froh, wenn man ihnen faire Sachen an die Hand gibt. Vor allem, wenn man ihnen gute Alternativen im Basic-Bereich wie T-Shirts und Pullover zeigt. Gerade bei diesen Teilen sind die Leute dann bereit, Geld auszugeben.“

Die Vermittlung eines bewussten Konsumverhaltens ist auch die Agenda von Friederike von Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Instituts und ehemalige Professorin des Studiengangs „Sustainability in Fashion“ an der Esmod Berlin. In Zusammenarbeit mit FEMNET e.V. und mit der finanziellen Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit gab sie im April letzten Jahres den Fair Fashion Guide heraus, einen ästhetisch anspruchsvollen Guide für fair produzierte Mode. „Wir wollten versuchen, die Leute genau da abzuholen, wo sie sind, also Fashion-Konsumenten mit ihren Lese- und Sehgewohnheiten. Wir wollten sie herübertragen in das Feld der Fair Fashion“, sagt von Wedel-Parlow, die für ihren Guide viel positives Feedback bekommen hat.

„Die Schnitte sehen oft aus wie von 1980“

Auch die Münchner Bloggerin Antonia Wille ist sich sicher: Es gibt eine große Nachfrage an fairer Mode. Für amazed würde es sich anbieten, öfter mit fairen Labels zu kooperieren. Allerdings tut sich das Blog-Unternehmen schwer, geeignete Partner zu finden. „Das große Problem ist, dass nachhaltige Mode oftmals nach Nachhaltigkeit aussieht.“ Meist seien nur wenige einzelne Teile aus Kollektionen passend für Blogeinträge. „Die Sachen dürfen nicht nach „öko“ oder Schnitten von 1980 aussehen. Ich verstehe es oftmals nicht, dass sich niemand von den fairen Labels einen Designer von Inditex oder H&M ins Haus holt.“

http:// www.fairfashionguide.de/ #section2

Der Fair Fashion Guide von Friederike von Wedel-Parlow gibt Tipps für bewusstes Shopping und stellt nachhaltige Labels vor. Foto: Regina Steffens

Designer sind teuer, das Budget fairer Labels oft gering. Modern und aufwendig geschnittene nachhaltige Mode hat deshalb oftmals ihren Preis. „Eine schöne, faire Jeans eines kleinen Labels kostet gerne mal 500 Euro. Die kann ich unseren Lesern nicht vorstellen, denn die kann sich kaum wer leisten.“ An Geld fehlt es nachhaltigen Modeunternehmen auch oft für Marketing. „Viele nachhaltige Labels stecken ihr Geld lieber in faire Löhne, Entwicklungsarbeit, gute Materialien und Transparenz, als in teure Kooperationen mit Influencern“, meint von Wedel-Parlow.

Für die Modefrau Wille ist jedoch ein niedriges Budget keine Ausrede. Gerade in Sozialen Netzwerken, die man günstig bespielen kann, lägen nachhaltige Marken zurück. „Die Kanäle sind oft sehr öko-angehaucht, sehr bunt, wenig ästhetisiert, wenig von dem, wonach Mode-Menschen heute eben auswählen. Da versagen die Labels.“

Die Story steckt im Produkt

Doch gerade hier erkennt die Bloggerin eine Chance: Haben kleine Marken verstanden, wie Ästhetik heute funktioniert und sie dem Kunden nicht bloß ein Produkt, sondern auch einen Lifestyle verkaufen, steigen Followerzahlen und Verkäufe enorm an. „Ich glaube, es würde funktionieren, wenn man zeigen könnte wie toll und schön Fair Fashion ist, welche Konzepte und Stories dahinter stecken. Bei nachhaltig produzierter Kleidung muss man sich keine Story ausdenken. Sie steckt im Produkt“, meint auch von Wedel-Parlow.

Den Vorteil gegenüber Fast Fashion Marken, dem Konsumenten ein gutes Gefühl durch nachhaltige, fairen Produktion zu geben, haben kleine Marken, fern von Armed Angels und hessnatur, bis jetzt allerdings wenig ausgenutzt. „Es würde viele Leute vielleicht sogar stolz machen, faire Mode zu tragen“, vermutet Wille.

Influencer wollen sich mit dem guten Image nachhaltiger Mode identifizieren

Hier knüpft sich für kleine Labels eine zweite Chance an: Influencer und Blogger ins Boot  holen. Auch dabei ist für Wille das Budget-Problem keine Entschuldigung. „Es gibt immer mehr Blogger, die sich über bewusstes Leben und faire Mode Gedanken machen und wissen, dass es ihre Abonnenten interessiert.“ Eine Kooperation mit nachhaltigen Modemarken färbt auch auf den Charakter eines Blogs oder Instagram-Kanals ab: „So eine Zusammenarbeit kann total richtungsweisend sein“, weiß das amazed-Team. „Es ist ja auch Imagebildung für uns.“

Deshalb würden viele Blogger auch ohne Bezahlung mit kleinen Marken kooperieren. Auch, wenn Blogs wie amazed zu unbezahlten Partnerschaften bereit sind, wünschen sie sich einen Partner, der den gleichen Stil fährt wie sie selbst. Ästhetik und einen coolen Lifestyle sind das, was Influencer und Blogger wollen – und faire Labels brauchen.

 

Textilproduktion in Albanien: „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“

Wegen schlechter Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern stehen viele Textilunternehmen in der Kritik. Im Fall von Albanien liegt die Verantwortung allerdings nicht nur bei den Firmen – man muss das Gesamtbild betrachten.

Die Maximilianstraße in München. (Foto: Sylvia Suppé)

Wenn in der Vorweihnachtszeit die Abende länger werden, entfaltet die Maximilianstraße ihre Wirkung erst so richtig. Hell erleuchtete Schaufenster tauchen Münchens Prachtstraße in einen goldenen Schimmer, opulent ausgestattete Dekorationen und viele Ziffern auf den Preisschildern versprechen den Flaneuren: Bei Dolce & Gabbana, Armani oder Versace kauft man nicht einfach nur Kleidung, sondern feingearbeitete Kunst und hochwertige Luxusprodukte. „Made in Italy“, das spricht für sich – möchte man meinen.

Wer die Spur der teuren Kleidungsstücke zurückverfolgt, landet oft in denselben Orten, in denen auch weniger glamouröse Marken wie H&M oder Deichmann produzieren lassen. Es sind keine kleinen Designwerkstätten, sondern Fabriken mit mehreren Hundert Beschäftigten, in denen gearbeitet wird. Und sie befinden sich nicht in Italien, sondern in einem südosteuropäischen Land mit knapp drei Millionen Einwohnern und gut tausend registrierten Textilunternehmen[1]: Albanien.

Der kleine Balkanstaat läuft klassischen Produktionsländern wie China und Bangladesch zunehmend den Rang ab in Sachen Textilarbeit, denn die Vorteile sind offensichtlich: Vor der politischen Öffnung Albaniens in den 1990er Jahren fand der überwiegende Teil der Kleidungsherstellung innerhalb der Grenzen des damals sozialistischen Landes statt. Gut ausgebildete Arbeitskräfte gibt es deshalb heute noch en masse. Ein bewusst niedrig angesetzter Mindestlohn von 22.000 albanischen Lek im Monat, umgerechnet rund 165 €, und politische Stabilität machen das OSZE- und WHO-Mitglied für Investoren zusätzlich attraktiv – gerade für italienische Firmen. Die geografische Nähe (ca. 70 km Luftlinie von Küste zu Küste) und bei den Albanern weitverbreitete Italienischkenntnisse erweisen sich als unschlagbarer Standortvorteil, sodass geschätzt 80 Prozent der jährlich in Albanien gefertigten Kleidungsstücke auf die gegenüberliegende Adriaseite exportiert werden.

„Outward Processing Trade“ und die Folgen

Dass auf den Etiketten dieser Produkte trotzdem „Made in Italy“ prangt, liegt daran, dass sie zwar in Albanien gefertigt, aber nicht komplett hergestellt werden. Hinter „Outward Processing Trade“ oder kurz OPT[2] verbirgt sich ein Produktionssystem, das es europäischen Unternehmen ermöglicht, halbfertig vorproduzierte Teile von Kleidungsstücken ins Ausland zu liefern und dort weiterverarbeiten zu lassen. Der Re-Import ist anschließend zollfrei, sodass arbeitsintensive Schritte legal in lohngünstige Länder ausgelagert werden können, ohne das Label der Inlandsproduktion zu verlieren. „Passive Veredelung“ nennt sich das Verfahren auf Deutsch und ermöglicht bis zu 13-mal höhere Verkaufspreise, während meist weniger als fünf Prozent des Erlöses auf Lohnkosten entfallen. Veredelt werden vor allem Gewinne.

Ordensschwester Christina leitet eine katholische Ambulanzstation in Shkodra, einer größeren Stadt im Norden Albaniens. Eine ihrer Patientinnen hat sich in einer Textilfabrik an einer 200 Grad heißen Maschine den Handrücken verbrannt. Die tiefe Wunde geht bis auf den Knochen, die Heilung wird lange dauern. Trotzdem drängt sie auf eine baldige Rückkehr zur Arbeit, denn ein langer Ausfall kann sie den Job kosten. 16.000 Lek (ca. 123 €) verdient die Patientin in der Textilfabrik. Nicht viel für Acht-Stunden-Schichten an sechs Tagen in der Woche und deutlich unterhalb des Mindestlohns. Trotzdem kann sie auf dieses Einkommen nicht verzichten.

Wenn der Lohn nicht für die Miete reicht

Wie schwierig die Situation für die meist weiblichen Angestellten in Albaniens Textilfabriken ist, zeigen Berichte der „Clean Clothes Campaign“ (CCC). Seit 1989 kämpft die Nichtregierungsorganisation für mehr Rechte und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit. Ihre Untersuchungen zeigen, dass neben weiteren Arbeitsrechtsverletzungen (Arbeitszeiten, Arbeitsschutz, Krankheitsfall) etwa die Hälfte der Arbeiterinnen in Albanien weniger als den gesetzlich festgelegten Mindestlohn verdient. Laut Zahlen der zivilgesellschaftlichen Organisation „Coherent Development Albania“ (CoDe) sind Überstunden die Regel, meistens werden sie nicht vorschriftsmäßig vergütet. Schwester Christina berichtet zudem von Fällen, in denen selbst diejenigen Arbeitgeber, die sich offiziell an gesetzliche Regelungen halten und Abgaben sowie Löhne überweisen, Teile des Gehalts in bar wieder einfordern – sonst würde den Angestellten gekündigt.

Dr. Monika Kleck. (Foto: Sylvia Suppé)

Dr. Monika Kleck hat lange für die kirchliche Organisation Renovabis gearbeitet und Hilfsprojekte in Albanien koordiniert. Mehrmals im Jahr reiste sie selbst ins Land, um sich vor Ort persönlich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Ihre Beobachtungen bestätigen die Ergebnisse des CCC-Berichts: „In Sachen Lebenshaltungskosten ist es so, dass die Leute oft in einem Haus wohnen, das ihnen gehört – weil man von dem, was sie verdienen, kaum die Miete zahlen könnte“. Berechnungen der „Clean Clothes Campaign“ gehen davon aus, dass der Mindestlohn nur etwa ein Viertel des Existenzminimums einer durchschnittlichen Familie abdeckt. Zugleich versuchen die Familien sich ihre wahre Situation nicht anmerken zu lassen. „Die Häuser sind meistens schnell hochgezogen, sie sehen auf den ersten Blick groß und protzig aus, aber innen ist so gut wie nichts drin“, so Dr. Kleck. Obst und Gemüse bauen die Männer im eigenen Garten an, weil die Lebensmittelpreise zu hoch sind – reguläre Arbeit finden gerade sie oft nicht. „Sich um die Kinder kümmern, im Café sitzen, Backgammon spielen, das sind die positiven Fälle. Es gibt auch genug Männer, die trinken“. Den Lebensunterhalt verdienen die Frauen in den Fabriken.

Bildkorrekturen: Veränderung oder Verdrängung?

Albanien als Thema der Bildkorrekturen-Konferenz
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig diskutieren jedes Jahr Studierende, Journalist*innen sowie Fachleute über entwicklungspolitische Themen. Die Vorschläge der Expert*innen zeigen eine Vielzahl von Möglichkeiten auf, wie sich die Situation der albanischen Fabrikarbeiterinnen verbessern ließe. Sie reichen von mehr medialer Aufmerksamkeit für das Thema über Forderungen nach besseren Bildungsangeboten und wirksamerer gewerkschaftlicher Organisation der Angestellten bis hin zu stärkerem Druck auf supranationaler Ebene. Aus westlicher Perspektive klingen diese Vorschläge sinnvoll – ob sie allerdings erfolgsversprechend sind, wirkt zweifelhaft, wenn man sich mit den Menschen außerhalb der wissenschaftlich fokussierten NGO-Filterblase unterhält.

Sowohl Ordensschwester Christina als auch Dr. Kleck sehen die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken als offenes Geheimnis an, von dem die Menschen in Albanien wissen, über das aber nicht gesprochen wird. Gewerkschaften existieren, deren Führer pflegen jedoch enge Beziehungen zu Politik und Wirtschaft. Ihre Interessen liegen laut Berichten oftmals eher auf dem eigenen finanziellen Vorteil als auf dem Schutz der Arbeiterinnen. Denn: „Es gibt Gesetze und es wird kontrolliert, aber die Kontrolleure sind bestechlich. Diese Schattenwirtschaft gibt es definitiv“. Ähnlich sieht es in einem weiteren Geschäftsbereich Albaniens aus, in dem nur selten der Mindestlohn gezahlt wird: den Callcentern. Dr. Kleck hat gesellschaftliche Projekte in vielfältigen Bereichen betreut und auch mit jungen Menschen zusammengearbeitet, die oftmals gut ausgebildet sind: „In den Callcentern, die haben alle studiert. Aber die haben alle viele Bewerbungen geschrieben und keine Arbeit in ihrem Bereich bekommen“. Gute Bildung allein scheint demnach nicht vor unterbezahlter Arbeit zu schützen. „Wenn man in diesen Nähfabriken 200 bis 300 Euro bekommt, ist das miserabel. Wenn man aber weiß, dass auch ein Lehrer nicht mehr als 400, 500 Euro hat, relativiert sich das etwas“, so Dr. Kleck.

Politologin Artemisa Ljarja war eine der Expertinnen auf der Konferenz.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Spricht man die Konferenzteilnehmer auf diese Themen an, winken sie nur resigniert ab: Korruption und Politikversagen seien keine guten Gesprächsthemen – sie werden eher als unveränderliche Komponente hingenommen. Die Stimmung changierte zwischen Frustration und Verdrängung.

Die albanische Landflucht ab den 1990er Jahren

Schulen, Straßen, Brücken:
verwahrloste Infrastruktur in Albaniens Bergregionen
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Die Migrationsbewegungen innerhalb Albaniens, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, legen allerdings nahe, dass die momentane Situation auf dem Arbeitsmarkt gewollt ist: „Um das Jahr 2000 herum oder auch schon seit den 90er Jahre sind sehr viele Leute, die früher in den Bergen lebten, in die Ebene gezogen sind, also in die Küstenregionen. Das liegt daran, dass der Staat die Berge systematisch vernachlässigt hat“, meint Dr. Kleck. Schulen, Krankenhäuser, sogar Straßen und Brücken wurden kaum noch instand gehalten, die Bewohner dadurch zum Verlassen der Region geradezu gezwungen.

Das schwierige Leben der Bergbewohner, hier nahe Fushë-Arrëz.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

„Ich muss wirklich sagen, es ist absolut schwierig in der Bergregion zu überleben“. Hinzu kommt, dass unter den Bewohnern immer wieder Gerüchte lanciert worden sind, der Staat würde Umsiedlern in die Küstenregionen kostenlos Land zur Verfügung stellen. Die Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung auf Besserung trieb viele Menschen in die Städte, wo auch die Textilfabriken angesiedelt sind.

„Das hat dazu geführt, dass in den größeren Städten, Tirana, Durrës, aber auch Lezha, Shkodra richtige Siedlungen neu entstanden sind von diesen Familien, die aus den Bergen dorthin gezogen sind“, so Dr. Kleck weiter. „Und diese Siedlungen sind meist sehr, sehr ärmlich“. Sie kommen den Vorstellungen von Slums in Asien oder Afrika sehr nahe.

Siedlungen am Rand Albaniens großer Städte, hier in Shkodra. (Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Slumartige Verhältnisse in Europa.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Finanzielle Abhängigkeit als Mittel

Neben hoher Arbeitslosigkeit erzeugt vor allem das Gesundheitssystem finanzielle Abhängigkeit, der Krankenhausalltag von Ordensschwester Christina zeigt das sehr deutlich: Eine ihrer Patientinnen wurde bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. „Drei Wochen lag sie im Militärhospital und die haben sie einfach liegen gelassen. Jeden Tag musste die Familie Verbandszeug und Antibiotika selbst in der Apotheke kaufen. Dann wurde sie nach Hause geschickt – jetzt ist die Familie pleite“. Dr. Kleck bezeichnet das öffentliche Gesundheitssystem sogar als kollabiert: „Wenn man in die Krankenhäuser geht, dann sagen die Ärzte meistens: ‚Ich hab da und da meine Privatklinik‘. Nur dort wird man ordentlich behandelt und zahlt dann auch ganz ordentlich“.

Dass in Albanien rund 150.000 Menschen und damit fast die Hälfte aller im produzierenden Gewerbe Tätigen in der Textilindustrie arbeiten, liegt also mit daran, dass von verschiedenen Seiten diesem System zugearbeitet wird. Es gibt kaum Arbeitsplätze für Gutausgebildete, dafür eine umso größere Zahl an Arbeitsuchenden. Deren Lage wird durch das Überangebot zusätzlich prekär – alle sind ersetzbar. Wohlfahrtsstaatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe wird selten ausgezahlt und reicht kaum zum Leben. So bleibt denjenigen, die zum Arbeiten nicht ins Ausland gehen wollen oder können, oft nur der Weg in einen der Billiglohnsektoren. So schlecht die Stellen auch bezahlt sein mögen und so widrig die Arbeitsbedingungen, vielen Menschen in Albanien sichern sie das Überleben. Schwester Christina berichtet von einer weiteren Patientin: Sie „arbeitet seit 15 Jahren in einer Schuhfabrik. Sie suchte mit einer Verletzung am Auge bei uns nach Hilfe. Sie verdient lediglich 13.000 Lek plus Versicherung, trotzdem bat sie mich, alles fest zu verbinden, damit der Staub in der Fabrik nicht in die Wunde kommen konnte“. Die eigene Gesundheit muss zurückstehen, die Arbeit geht vor – bei einem Gehalt von unter 100 Euro.

Erfolg auf dem Rücken der einfachen Leute

Ungewöhnlich deutlich sprach US-Botschafter Donald Lu das Zusammenkommen von Vetternwirtschaft, Korruption und Justizversagen in Albanien an. Bei einer Festrede vor einigen Monaten erhob er schwere Vorwürfe – und niemand widersprach ihm. Zu offensichtlich sind die Anzeichen.

Dr. Klecks Fazit fällt ähnlich deutlich aus: „In Albanien kommt viel zusammen: Eine korrupte Regierung, ein dysfunktionales Staatssystem, ein fast zusammengefallenes Gesundheitssystem, fehlende Arbeitsplätze“. Gerne wird dieser größere Rahmen ausgeblendet und die Verantwortung für die Situation der Textilarbeiterinnen den Fabrikbesitzern und Modekonzernen zugeschoben – zu Recht, denn sie sind es, die ihre Angestellten schlecht bezahlen und unter gefährlichen Bedingungen arbeiten lassen. Doch zugleich gehen wirtschaftliche Akteure nur soweit, wie ein Staat sie lässt. Albaniens Politik der letzten Jahrzehnte scheint darauf ausgelegt zu sein, die gegenwärtige Situation erst erschaffen zu haben: Billige Arbeitskräfte in großer Zahl, die für das eigene Überleben nahezu alles machen – der Nährboden für schnelles Wirtschaftswachstum. Die Produktionsbedingungen erscheinen so weniger als Ursache und eher als ein Symptom für die Gesamtsituation im Land.

Schaut man auf die nackten Zahlen, kann man im Falle Albaniens von einer Erfolgsgeschichte sprechen: Das kleine Balkanland glänzt mit wirtschaftlichen Wachstumsraten, die meist doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt liegen – allerdings zum Preis der schlechtesten Arbeitsbedingungen und des höchsten Armutsrisikos auf dem Kontinent.[3] „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“, meint deshalb Dr. Kleck.

Überleben ohne Leben

Für die Beschäftigten der Textilindustrie reicht es oft zum Überleben – nicht jedoch zum Leben: „Für Lebensmittel oder Kleidung, da gibt es Märkte, die das ganz billig verkaufen, aber der Preis im Geschäft ist ein anderer. Hygieneartikel sind teilweise teurer als in München“, so Dr. Kleck. CoDe Albania kommt zu dem Schluss, dass die Fabrikarbeiterinnen und ihre Familien deshalb nicht nur in den Unternehmen ausgebeutet werden, sondern auch sozial exkludiert werden. „Ein würdevolles Leben als Mitglieder der Gesellschaft ist damit nicht möglich“. Was in Deutschland in Artikel 1 des Grundgesetzes steht, wird in Albanien geschäftlichen Interessen geopfert.

Der Sprung zurück auf die Maximilianstraße könnte größer nicht sein: Wer sich das erhabene Gefühl des weihnachtlichen Schaufensterbummels in Zukunft nicht nehmen lassen will, muss sich nicht mitschuldig fühlen. Im Hinterkopf behalten sollte man aber, dass nur ein Bruchteil des Kaufpreises der sündhaft teuren Schuhe den Lohn der albanischen Arbeiterinnen ausmacht, während das Gros die Geschäftsbilanzen der Modekonzerne schmückt.

 

[1] Zahlen von INSTAT (Republic of Albania Institute of Statistic) aus dem Jahr 2015

[2] European Commission: Taxation and Customs Union

[3] Clean Clothes Campaign: Country Profile – Albania

Virtuelle Kleidung: Identität ohne Material?

Outfits helfen Menschen ihre Identität auszudrücken. Das ist ein Grund, warum viele Kleiderschränke überquellen. Doch der Materialverbrauch schadet der Umwelt. Virtuelle Kleidung könnte eine Alternative sein.

95 Kleidungsstücke hängen bei den Deutschen im Durchschnitt im Schrank. Jedes fünfte davon trägt er so gut wie nie. Trotzdem hat er es gekauft. Diskutiert man über die Kleidungsindustrie, kommt man immer wieder auf die Konsumenten und auf folgende Fragen: Wie bekommt man die Menschen dazu, weniger Kleidung zu kaufen? Kann der einzelne überhaupt etwas ausrichten? Wie holt man diejenigen ins Boot, die bisher nicht auf den ökologischen Fußabdruck achten oder das vielleicht gar nicht möchten? Im Gespräch mit Ed van Hinte erscheint ein Aspekt besonders wichtig. „Kleidung ist eng verbunden mit Identität“, sagt der niederländische Konsumkritiker.

Katharina Mau: Wenn Kleidung so wichtig ist für die eigene Identität, wie kann man dennoch Menschen dazu bringen, weniger zu kaufen?

Ed van Hinte: Das ist sehr schwer. Man kann es mit dem Rauchen vergleichen, das hat auch mit Identität zu tun. Mit 14 Jahren raucht man seine erste Zigarette, weil man cool sein möchte. In Nordwesteuropa ist Rauchen inzwischen fast schon zum Tabu geworden, das war aber ein langer Prozess.

Ed van Hinte (66) Foto: Katharina Mau

Beim übermäßigen Kleiderkonsum sind wir noch lange nicht so weit.

Nein, was das Kaufen angeht, sind wir gefangen in einem System, in dem immer mehr und günstiger produziert werden soll. Wenn man sich in den Geschäften umsieht, wird man ständig damit konfrontiert, wie man sich selbst wahrnehmen und darstellen möchte.

Wie können wir aus diesem System ausbrechen?

Ich denke, wir müssen die Verknüpfung mit der Identität nutzen.

Wie das?

Man muss die Intuition der Menschen erreichen. Es ist gut, wenn ihnen die Probleme in der Modeindustrie bewusst sind, aber das reicht nicht aus. Man muss einen Weg finden, ihnen nichts zu verkaufen, sodass sie sich gut dabei fühlen.

Wie könnte das aussehen?

Virtuelle Kleidung könnte ein Weg sein. Bei Snapchat gibt es schon jetzt Filter, um das eigene Gesicht zu verändern. Das ist Identität ohne Material.

Dieses Szenario ist keines, was innerhalb der nächsten fünf Jahre realistisch sein wird. Das betont auch Ed van Hinte. Und gleichzeitig sagt er: „Man muss auch radikale Gedanken zulassen und sehen, wie weit man damit kommt.“ Van Hinte zeigt ein Video. Es ist eine provokative Zukunftsvision mit Augmented Reality, die der japanische Designer Keiichi Matsuda entworfen hat.

Das Video macht deutlich, wie eine immaterielle Identität aussehen könnte. Man kann in dieser virtuellen Welt Punkte sammeln. Es ist ein Spiel, das den Menschen permanent begleitet, bis er die Brille absetzt. In einer solchen Welt scheint es durchaus möglich, dass wir uns nicht mehr über unsere Kleidung am Körper identifizieren. Virtuelle Kleidung, die unsere Avatare tragen, könnte eine größere Bedeutung haben.

Dieses Szenario ist weit entfernt, Augmented Reality im Alltag hat sich aber schon einmal massenhaft durchgesetzt. Das Smartphone-Spiel Pokémon Go löste im Juli 2016 einen großen Hype aus. Täglich konnte man in den Straßen Menschen sehen, die in der realen Welt über den Smartphone-Bildschirm nach virtuellen Pokémon suchten.

Auch das Zuhause der Zukunft könnte eine virtuelle Identität stützen. Forscher der Universität Bielefeld haben eine Wohnung entwickelt, die den Menschen im Alltag unterstützt – mithilfe moderner Technik. In dieser intelligenten Wohnung gibt es einen Spiegel, der die eigene Kleidung, die man trägt, in anderen Farben anzeigen kann. Würden Online-Shops 3D-Modelle ihrer Kleidungsstücke zur Verfügung stellen, könnte man diese im Spiegel am eigenen Körper ansehen.

Wenn viele Menschen einen solchen Spiegel zu Hause hätten, scheint der Gedanke, Kleidung wie Snapchat-Filter anzuziehen, nicht mehr so fern. Und wer jederzeit virtuell neue Kleidungsstücke anprobieren kann, beschränkt sich in der realen Welt vielleicht auf eine kleine Garderobe. Zumindest würde die Zahl der Fehlkäufe beim Online Shopping wohl deutlich sinken. Da dieses Szenario für die breite Bevölkerung aber in der Zukunft spielt, lohnt es sich, noch einmal an die Gegenwart zu denken.

Katharina Mau: Welche Möglichkeiten gibt es schon jetzt, die Menschen dazu zu bringen, weniger zu kaufen?

Ed van Hinte: Eine Möglichkeit wäre, etwas zu tun, anstatt etwas zu kaufen. Viele Menschen gehen gerne shoppen, aber dabei geht es gar nicht um das Kaufen an sich, sondern um die Befriedigung, die sie dabei bekommen.

Wie könnte man diese Befriedigung stattdessen erreichen?

Es könnte zum Beispiel einen Shop geben, in dem man sich Kleidung für ein Foto oder ein Video anziehen kann. Die Kleidung gibt man danach wieder ab, aber man hat temporär seine Identität geändert und das Foto oder das Video bleibt.

Beim Gedanken an Instagram erscheint auch das nicht unrealistisch. Es gibt viele Fotos, die nicht aus dem Moment heraus entstehen. Menschen rennen zwanzig Mal mit ausgebreiteten Armen ins Meer. Danach veröffentlichen sie das eine Foto, das transportiert, was sie ausdrücken wollten. Auch hier geht es darum, eine virtuelle Identität zu kreieren. Warum also nicht in ein Geschäft gehen und sich die Kleidung ausborgen, die man sowieso nur für ein bestimmtes Foto getragen hätte?

Bei der App Musical.ly, die vor allem unter Jugendlichen beliebt ist, bringen Nutzer ihre Identität über Videos zum Ausdruck. Anfangs kreierten die Jugendlichen vor allem eigene Musikvideos, inzwischen gibt es auch Clips in vielen anderen Bereichen. Wer sich die Videos von Lisa und Lena ansieht, zwei der erfolgreichsten deutschen Influencerinnen auf Musical.ly, sieht sie ständig in neuen Klamotten. Je nach Art der Musik unterstreicht auch die Kleidung ihre Performance. Es ist durchaus denkbar, zum Beispiel in neuen Netzwerkformaten, die reale Kleidung durch virtuelle zu ersetzen.

Vielleicht hätten wir dann im Durchschnitt nur noch 34 Kleidungsstücke im Schrank. Diese Zahl tragen die Deutschen regelmäßig, also mindestens einmal alle drei Wochen. Das virtuelle Ich könnte trotzdem jeden Tag ein neues Kleid oder einen extravaganten Hut tragen.

Quelle Titelbild: Link zum Originalbild: “Real” | Urheber laut Plattform: Maya Reyes | Veröffentlicht auf: Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 2.0 

Hinter den Läden liegen die Lager Dass man mit dem Kauf billiger Kleidung prekäre Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzung in Ländern des globalen Südens mit verantwortet, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass eine Shoppingtour bei H&M, Zara und Co. auch fragwürdige Arbeitsbedingungen in Deutschland unterstützt.

Spätestens seit dem Einsturz des Fabrikgebäudes in Bangladesch vor vier Jahren denken viele bei dem Stichwort „billige Kleidung“ an überfüllte Textilfabriken, mit Färbemitteln verschmutzte Flüsse und Kinderarbeit. Wird
über faire Arbeit in der Textilindustrie diskutiert, haben alle diese Bilder aus dem globalen Süden im Kopf. Doch auch in Deutschland schafft die Modebranche vereinzelt unhaltbare Arbeitsbedingungen. Im Herbst 2017 warf Zeit Online einen Blick auf die prekären Arbeitszeitmodelle für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Filialen von H&M. Auch der kritische Blick in die Lager, die den Filialen im Produktionszyklus vorgeschaltet sind, lohnt sich: es berichtet eine ehemalige Lagerhelferin. Katja (Name geändert) ist 26 Jahre alt und studiert in Berlin. Sie drückt sich im Gespräch sehr bedacht aus, dennoch hört man ihre Empörung über das, was geschehen ist, heraus.

Von Herbst 2016 bis Frühjahr 2017 arbeitete sie für das Lagerunternehmen ILA Solution. „Ich brauchte damals schnell Geld und hatte keine Zeit für das Jobcenter-Prozedere“, erzählt sie und fast klingt es, als müsste sie sich für die Wahl ihres Nebenjobs rechtfertigen. Von einem Bekannten hatte sie gehört, dass ILA Solution immer auf der Suche nach Mitarbeitern sei. Die Hamburger Firma organisiert für verschiedene Modefirmen all das, was zur Vorbereitung der Waren dazugehört: Lagerung, Etikettierung und den Transfer in die Filialen. Katja bewarb sich beim Standort in Berlin, wurde direkt nach dem Probearbeiten fest in den Arbeitsplan eingetragen und hängte kurze Zeit später Kleider für das Modelabel Zara auf Bügel. Doch bald fielen ihr Dinge auf, die sie belasteten. “Ich habe gehört, wie meine Kollegen sich darüber unterhalten haben, dass sie ihr Gehalt nicht in der richtigen Höhe oder deutlich zu spät ausgezahlt bekommen. Eine Teamleiterin hat erzählt, dass sie trotz Vollzeitarbeit immer nur 400 Euro überwiesen bekommt“.

„Nur die Besten wurden eingetragen“

Zudem setzte ILA Solution Katja flexibel ein, obwohl in ihrem Vertrag eine feste Zahl von 30 Wochenstunden stand. „In weniger verkaufsstarken Zeiten kam es vor, dass Angestellte nach wenigen Stunden Arbeit wieder nach Hause geschickt wurden“, erzählt Katja. Andere Angestellte seien wiederum reihenweise nicht in den Arbeitsplan eingetragen worden, um sie für individuelles Verhalten abzustrafen – „nur die Besten wurden eingetragen“, fügt Katja hinzu. Für die Betroffenen bedeutete dies teils wochenlange Lohnausfälle, denn bezahlt wurden nur die Stunden, die auch tatsächlich gearbeitet wurden, nicht die, die im Vertrag zugesichert worden waren. Die von Katja geschilderten Arbeitsbedingungen erinnern stark an ein Arbeitsmodell, das als Arbeit auf Abruf bekannt ist. Hier werden Beschäftigte von ihrem Arbeitgeber je nach Bedarf eingesetzt. Grundlage dieser Praxis ist das Teilzeit- und Befristungsgesetz, das 2001 eingeführt wurde, um den deutschen Arbeitsmarkt flexibler zu machen. Laut § 12 können „Arbeitgeber und Arbeitnehmer […] vereinbaren, dass der Arbeitnehmer seine Arbeitsleistung entsprechend dem
Arbeitsanfall zu erbringen hat“. Für die Arbeitnehmer bedeutet das Unsicherheit, denn sie können nicht mit einem festen Gehalt rechnen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisiert diese Regelung und bezeichnet sie als
eine „atypische und in vielen Fällen prekäre Form der Beschäftigung […], die mit vielen Risiken für die Beschäftigten behaftet ist“.

Die gesamte Organisation der etwa 80 Mitarbeiter wurde über eine WhatsApp-Gruppe abgewickelt. “Von alltäglichen Fragen bis hin zu persönlichen Abmahnungen, Kündigungsandrohungen und sogar Kündigungen wurde dort alles von allen mitgelesen”, erzählt Katja. Viele Angestellte posteten dort ihre Krankschreibungen mitsamt dem Diagnosekürzel und ihrer privaten Anschrift. Dass das weder nötig noch rechtens war, wurde durch die Vorgesetzten nicht
aufgeklärt.

Über die misslichen Bedingungen wussten Katja zufolge alle Mitarbeiter Bescheid – zu einem gemeinsamen Protest gegen das Unternehmen kam es jedoch nicht. „Die Arbeitssituation war eigentlich immer an der Grenze zu nicht
schlimm genug, um dagegen gemeinsam vorzugehen”, sagt Katja. “Man muss bedenken, dass die Leute, die dort arbeiten, das Geld gerade dringend brauchen. Viele von ihnen kommen außerdem nicht aus Deutschland und sprechen kaum Deutsch.” Das habe es zusätzlich erschwert, sich zusammenzuschließen. Als Katja sich dann doch einmal bei einem ihrer Chefs wegen sexueller Belästigung durch einen Teamleiter beschwerte, musste sie feststellen, dass es für den Umgang damit keine interne Regelung gab: “Ich war schon die Dritte oder Vierte, die sich beschwert hat. Aber es wurde keinerlei weitere Reaktion eingeleitet.” Katja selbst trat schließlich der Gewerkschaft Verdi bei, um Zugang zu einer Rechtsberatung zu haben. “Die kriegt man aber nicht sofort”, weiß sie nun.

„Als Kaufleute gilt für uns
ein Händedruck genauso viel
wie ein unterzeichneter Vertrag.“

Weil Katja Spanisch und Englisch spricht, wurde sie schon nach sechs Wochen von dem Lagerverantwortlichen gefragt, ob sie Interesse hätte als Teamleiterin zu arbeiten. Statt 8,50 Euro sollte sie von nun an 10 Euro pro Stunde erhalten. Dafür bestand ihre Arbeit nicht mehr nur aus Klamotten falten und sortieren, sondern auch daraus, den Kontakt zu der Zentrale der Modefirma Zara zu führen, Buchungen vorzunehmen und Aufgaben zu verteilen. “Nach ein paar Wochen habe ich auf der Gehaltsabrechnung gesehen, dass ich nicht mehr Geld bekommen habe als vorher,” erzählt Katja. Als sie sich beschwerte, wurde ihr erwidert, dass der Lagerverantwortliche, der sie befördert hatte, dazu nicht befugt gewesen wäre. ILA Solution wirbt auf ihrer Internetseite mit dem Slogan „Als Kaufleute gilt für uns ein Händedruck genauso viel wie ein unterzeichneter Vertrag“ – in Katjas Fall grenzt das an tragische Ironie. Zu der Frage, ob Katjas Erfahrungen am Standort in Berlin ein Einzelfall waren, wollte sich ILA Solution nicht äußern.

Albanien – Billige Modeproduktion vor Europas Haustür

Aufnahmen aus einer albanischen Modefabrik

Näherinnen in einer albanischen Modefabrik (Quelle: Erjona Rusi)

Die albanische Journalistin Erjona Rusi steht wieder an einer Bushaltestelle, irgendwo am Stadtrand von Tirana. Für eine Recherche versucht sie, mit Näherinnen einer Textilfabrik ins Gespräch zu kommen. Nach Ende der Schicht verlassen sie in Scharen das Gebäude und fahren mit dem Bus nach Hause. „Ich gehe nicht direkt zur Fabrik, dort würden die Frauen nie offen mit mir sprechen“, sagt Rusi.

In Albanien, am Rande Europas, wird fleißig für den europäischen Markt produziert. Die Textilbranche ist neben der Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftssektor des Landes. 20 Prozent der Bevölkerung sind hier beschäftigt. Wenn die T-Shirts und Schuhe in den Fashionboutiquen Westeuropas landen, steht dann oft „Made in EU“ darauf. Ein Label, das zunächst nach guten Arbeitsbedingungen für die Näherinnen und fairen Löhnen klingt. Doch die Realität in den Fabriken sieht oft anders aus.

Das hat Bettina Musiolek für die Studie Labour on a Shoestring herausgefunden. Sie leitet das   EineWeltBüro in Sachsen und ist Mitbegründerin der deutschen Clean Clothes Campaign, welche sich unter anderem für bessere Arbeits- und Produktionsbedingungen in der osteuropäischen Textilindustrie engagiert. In den Fabriken herrschen oft unzumutbare Arbeitsbedingungen. Dicht gedrängt sitzen die Arbeiterinnen an den Nähmaschinen. Die Luft ist stickig; im Sommer ist es oft unerträglich heiß, im Winter fehlen die Heizungen. Meist tragen die Näherinnen keine Handschuhe oder Atemmasken. Die würden zwar vor den Chemikalien schützen, sie aber erheblich bei der Arbeit behindern. Viele Frauen leiden daher unter Kopfschmerzen, Allergien oder Hautproblemen. All das haben Erjona Rusi und das Team von Bettina Musiolek in persönlichen Gesprächen mit den Näherinnen erfahren.


Von der Arbeit unter diesen harten Bedingungen können viele Näherinnen noch nicht einmal leben. Der Mindestlohn ist in Albanien mit 140 Euro Netto im Monat an sich schon niedrig und deckt laut der Studie Labour on a Shoestring nur 24 Prozent des Bedarfs einer vierköpfigen Familie. Aber in vielen Fällen erhalten die Arbeiterinnen nicht einmal diesen. Der Verdienst einer albanischen Näherin liegt somit im Schnitt unter dem einer chinesischen. Neben der Arbeit in der Fabrik bewirtschaften deshalb viele noch ein eigenes Feld, auf dem sie Gemüse für den Eigenbedarf anbauen.

Heute war Erjona Rusi nicht erfolgreich – keine der Arbeiterinnen wollte mit ihr sprechen. Viele von ihnen sind eingeschüchtert und wollen in der Öffentlichkeit nicht von ihrer Situation erzählen. Denn gerade Frauen sind auf die Jobs in den Textilfabriken angewiesen. Für sie gibt es in vielen Gegenden kaum Alternativen – die Arbeitslosigkeit in Albanien liegt bei etwa 15 Prozent.

 

Made in EU


ist ursprünglich eine Herkunftsbezeichnung für Produkte aus der Europäischen Union gewesen, die 2003 von der EU-Kommission vorgeschlagen wurde. 2014 war geplant, das Label verpflichtend für alle EU-Länder zu etablieren. Doch die Richtlinie wurde unter anderem von Deutschland blockiert, sodass es nicht zur einheitlichen Belabelung kam. Derzeit können europäische Unternehmen auf freiwilliger Basis und anstelle einer expliziten Länderkennzeichnung, ihre Produkte auch mit dem EU-Siegel auszeichnen.

 


Albanien ist kein Mitgliedsstaat der EU, sondern seit 2014 lediglich ein Beitrittskandidat. Trotzdem wird innerhalb Albaniens oft für europäische Modeunternehmen produziert.

 „Solange Albanien nicht volles Mitglied der EU ist, können Produkte oder Waren, die dort hergestellt werden, nicht mit „Made in EU“ gekennzeichnet werden“, sagt Alceo Smerilli,  Pressesprecher der Europäischen Kommission für Europäische Nachbarschaftspolitik und EU-Beitrittsverhandlungen.

 

Diese eigentlich klare Regelung umgehen jedoch viele internationale Textilunternehmen. Sie produzieren in mehreren Ländern und verschleiern durch vielschichtige, oft intransparente Prozesse wo und wie sie Klamotten für den europäischen Markt produzieren. Unternehmen gehen dabei oft folgendermaßen vor:

„Viele der Unternehmen lagern einen Teil der Produktion beispielsweise nach Albanien aus. Oft wird nur der letzte Fertigungsschritt in einem EU-Land gemacht – beispielsweise in Italien“, sagt Bettina Musiolek.

 

 

Auf diese Weise werde eine Kennzeichnung mit „Made in EU“ oder auch „Made in Italy“ möglich, so Musiolek. Ein Unternehmen, von dem sie vermutet, dass es so arbeitet, ist beispielsweise Zalando. Auf mehrere Anfragen reagierte das Unternehmen allerdings nicht.

Die komplexen Lieferketten haben vor allem für die albanischen Näherinnen negative Auswirkungen, wie Musiolek im Video erklärt:

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=p–ireBp8pQ[/embedyt]

 

Trotz der schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken ist Albanien auf die Textilbranche angewiesen. Das liegt auch an der historischen Bedeutung des Sektors: Industrie wurde zu kommunistischen Zeiten massiv ausgebaut, so Dr. Dhimiter Doka von der Universität Tirana. „Unter dem Motto ‘mit aller Kraft für Albanien’ spielte die Textilindustrie eine große Rolle für das Land“, so Doka. Gelenkt wurde alles vom Staat, die Arbeiterinnen wurden nicht besser oder schlechter bezahlt als in anderen Industriezweigen. Von Generation zu Generation wurde das Know-How weitergegeben.

Als 1990 in Albanien der Kommunismus zusammenbrach, wandelte sich auch die Wirtschaft tiefgreifend. Ein riesiger, aber veralteter Textilbereich stand einer geringen Nachfrage entgegen. Mitte der 90er Jahre bricht die Textilproduktion vollends zusammen und erholt sich erst zu Beginn der 2000er Jahre. An das Lohnniveau aus Kommunismus-Zeiten können die neu strukturierten Wirtschaftszweige allerdings nicht anknüpfen.

In eine ehemalige Fabrik wurden neue Wohnungen gebaut.

Im ehemaligen Textilkombinat Josef Stalin wohnen heute Menschen. (Quelle: Jana Lapper)

Heute arbeitet immer noch ein großer Teil der Bevölkerung im Textilsektor. Verlieren wollen die Albanerinnen ihre Jobs unter keinen Umständen, betont die albanische Journalistin Erjona Rusi auf der Bildkorrekturen-Konferenz im November. Zum einen fände man aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage kaum Jobs, zum anderen sei der Textilbereich für viele Arbeiterinnen trotz der schlechten Arbeitsbedingungen nach wie vor die einzige Option. Deshalb wolle keiner, dass sich die ausländische Textilindustrie zurückzieht, lediglich die Bedingungen sollen sich für die Arbeitenden zum Positiven verändern.

Damit das geschehen kann, muss sich jedoch auf vielen Ebenen etwas verändern, weiß Bettina Musiolek. Sie sieht die größte Verantwortung bei den Unternehmen. Diese müssten für bessere Arbeitsbedingungen und fairere Löhne sorgen. Aber auch Verbraucher sollten anfangen, in den Modegeschäften nachzufragen, woher die Kleidung komme.

Die EU schiebt indes die Verantwortung von sich: Staaten, die Mitglied der EU werden wollen, seien verpflichtet ihre Rechtsvorschriften an die der EU anzugleichen, so Smerilli. Doch auf politischer Landesebene werden oft keine Entscheidungen getroffen, um potentielle Industriepartner nicht abzuschrecken.

Fest steht: Alle Akteure sind mitverantwortlich für die derzeitige Situation in den Textilfabriken Albaniens. Nur bei den Leidtragenden lässt sich eine klare Feststellung machen – das sind die albanischen Näherinnen.

 

Von Denis Gießler, Jana Lapper und Marie Ludwig