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Panel 1 (Nachmittag): Baumwollproduktion in Usbekistan

Usbekistan ist ein zentralasiatisches Land, dem in deutschen Medien wenig Bedeutung beigemessen wird. Dabei ist Usbekistan der drittgrößte Baumwollexporteur der Welt und bestimmt damit auch unsere Konsumgewohnheiten. Über die Folgen des exzessiven Baumwollanbaus, insbesondere die Zwangsarbeit, diskutieren Umida Niyazova und Edda Schlager.

 

Umida Niyazova

Umida Niyazova


Umida Niyazova ist eine usbekische Journalistin und Menschenrechtlerin, die im Exil in Berlin lebt und dort die Nichtregierungsorganisation „Uzbek-German Forum for Human Rights (UGF)“ gegründet hat. Hauptschwerpunkt ihrer Arbeit ist es, die Arbeitsbedingungen der Baumwollernte zu verbessern, welche große Teile der Bevölkerung jedes Jahr im Herbst durch Zwangsarbeit verrichten müssen. Ihren Beruf als Journalistin führte sie in Usbekistan selbst von 2000 bis 2009 aus. Bereits über einen gewissen Zeitraum hinweg wurde sie vom usbekischen Staat und dessen Geheimdiensten aufgrund staatsschädigender Tätigkeit überwacht und 2009 schließlich zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Nachdem sich Teile der internationalen Gemeinschaft sowie die deutsche Botschaft für sie eingesetzt hatten, floh sie nach Deutschland.

Das UGF kann verschiedene Erfolge verzeichnen. So gehen etwa das Verbot der Kinderarbeit während der Baumwollernte und die kürzliche Befreiung der Studenten von der Zwangsarbeit auf sie zurück. Außerdem möchte die NGO die Zulieferer und Verbraucher über aktuelle Entwicklungen und Bedingungen der Baumwollernte informieren und ihr Bewusstsein dafür stärken.

Edda Schlager

Edda Schlager


(Quelle: http://eddaschlager.com/ueber-mich/)


Die Journalistin und Auslandskorrespondentin Edda Schlager lebt seit 2005 in Almaty, Kasachstan. Von hier aus bereist sie zentralasiatischen Länder und berichtet aus Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Zweimal war sie außerdem als Journalistin in Afghanistan.

Derzeit ist Edda Schlager Zentralasien-Korrespondentin für n-ost, das Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung, Autorin und Fotografin für deutschsprachige Print- und Onlinemedien wie Berliner Zeitung, Zeit Online, Spiegel Online, Die Presse oder Ost-West-Contact. Als Radio-Journalistin ist sie vor allem für den Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur unterwegs. Zudem betreut sie die Webpräsenz der AHK in Zentralasien.

Pressefreiheit Kenias in Gefahr? Kontroverse Gesetze auf dem Prüfstand Drei unterschiedliche Perspektiven auf zwei Gesetze, die Kenias Medienlandschaft bestimmen. Ein Feature.

Die Verabschiedung zweier Gesetze führte 2013 in Kenia zu Demonstrationen von Journalisten. Expertenmeinungen von Prof. Levy Obonyo und Eric Chinje und einschlägige Mediensichten beleuchten deren Auswirkungen.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, erzählt von einem jungen, namentlich nicht genannten Journalisten, der einen Artikel über die Ölindustrie schreiben möchte. Er recherchiert ausgiebig, macht seine Arbeit laut Chinje sehr gut. Er findet heraus, dass es geheime, beinahe betrügerische Absprachen zwischen einigen Leuten in der Ölindustrie und der Regierung gibt. Der junge Journalist will dem weiter nachgehen. Er erhält nun Anrufe  – aus der Ölindustrie als aus der Regierung. Und zwar genau von den Personen, deren Verhältnis seiner Meinung nach zu eng war. Sein Artikel fand daraufhin ein jähes Ende. Und das ist der Punkt, so Eric Chinje, an dem die Gesetzgebung in einen falschen Bereich greift. So wie diesem jungen Journalisten ergeht es vielen in Kenia – oder?

Bei dem Gesetz, das Chinje anspricht, handelt es sich um den 2013 verabschiedeten Media Council Act (MCA). Auch die gleichzeitig verabschiedete Ergänzung zum Kenya Information and Communication Act (KICA) ist Teil der Diskussion, die sehr umstritten geführt wird. So sieht beispielsweise Professor Levy Obonyo von der Daystar University in Nairobi den MCA als „fairly progressive“ an. Eric Chinje ist der Ansicht, dass die Regierung damit „beyond being fair“ handelte. Das Committee to Protect Journalists (CPJ) nennt den MCA und die Ergänzung des KICA eine „anti-press legislation“, die zur Selbstzensur von Journalisten führen wird. Ein Thema, drei Meinungen – zunächst aber eine kurze Einführung.

Der Media Council Act erklärt

Beim Media Council Act handelt es sich um einen „Act of Parliament to give effect to Article 34(5) of the Constitution“, wie es im offiziellen Gesetzestext lautet. Einfach ausgedrückt bestätigt der Parlamentsbeschluss den Media Council Kenias, den man als das kenianische Äquivalent zum Deutschen Presserat – zumindest im Printbereich – bezeichnen kann. 2004 begann der Rat als eine selbstregulierende Institution, die von Medien-Stakeholdern mit dem Ziel einer unabhängigen Medienregulierung Kenias gegründet wurde. Drei Jahre später transformierte der Media Act von 2007 den Media Council in eine gesetzliche Institution und es entstand eine Art „Hybrid-System“, wie Professor Obonyo es nennt. Der Media Council erhielt nun staatliche Finanzierungsmittel. 2013 wurde dann der Media Council Act offiziell in die Verfassung Kenias aufgenommen und die Media Council Complaint’s Commission gegründet.

Der Media Council: Rolle und Aufgaben

Der nachstehende Link verweist auf die Homepage des Media Councils. Dort ist eine ausführliche Darstellung der Rolle und Aufgaben zu finden, wie sie der Rat selbst präsentiert.

Who we are

Code of Conduct

Der „Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya“ ist das kenianische Pendant zum Deutschen Pressekodex. Anhand von 25 Schagworten gibt er den Journalisten eine korrekte Arbeitsweise vor.

Diese sind unter dem nachstehenden Link in voller Länge nachzulesen:

Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya

  • Accuracy and fairness
  • Independence
  • Integrity
  • Accountability
  • Opportunity to Reply
  • Unnamed Sources
  • Confidentiality
  • Misrepresentation
  • Obscenity, taste and tone in reporting
  • Paying for news and articles
  • Covering ethnic, religious and sectarian conflict
  • Recording interviews and telephone conversations
  • Privacy
  • Intrusion into grief and shock
  • Gender non-discrimination
  • Financial journalism
  • Letters to the editor
  • Protection of children
  • Victims of sexual offences
  • Use of pictures and names
  • Innocent relatives and friends
  • Acts of violence
  • Editor’s responsibilities
  • Advertisements
  • Hate speech 

 

Die Zielsetzungen und das Selbstverständnis des Media Council entsprechen im Sinn denen des Deutschen Presserats. In mindestens einem Punkt unterscheiden sich die beiden aber gravierend. In Deutschland trägt der Presserat den pejorativen Spitznamen „zahnloser Papiertiger“, denn dessen schärfste Sanktion ist eine öffentliche Rüge. Medien sind nicht einmal dazu verpflichtet, diese auch selbst zu veröffentlichen. Beim deutschen Presserat handelt es sich um einen eingetragenen Verein, der die freiwillige Selbstkontrolle gedruckter Medien übernimmt. Anlass der Gründung war es – unter anderem – ein Bundespressegesetz zu vermeiden, also einen „Gegenentwurf zu staatlicher Kontrolle“ zu präsentieren, wie es auf der Internetpräsenz des Presserats heißt.

Kenianische Journalisten protestieren in Nairobi vor Regierungsgebäuden gegen die neuen Gesetze.

Dies ist des Pudels Kern in der Diskussion um den Media Council Act in Kenia. Dadurch, dass der Code of Conduct – das Pendant zum Pressekodex in Deutschland – im Gesetz verankert wurde, müssen kenianische Journalisten deutlich härtere Sanktionen fürchten als ihre deutschen Kollegen. Sollten sie von einem Tribunal für schuldig befunden werden, eine dieser Regeln zu brechen, müssen die Journalisten mit einer Strafe von bis zu 500.000 kenianischen Schillingen rechnen – Medienunternehmen sogar mit bis zu 20 Millionen (ca. 4.500 Euro respektive 180.000 Euro; Stand Januar 2017). Kenianische Medienhäuser erwirtschafteten jährlich durchschnittlich circa 1,2 Millionen Schilling (knapp 11.000 Euro), so David Ohito, stellvertretender Vorsitzender der Kenya Editor’s Guild, in einem Bericht des CPJ. Fragen nach der Verhältnismäßigkeit der Sanktionen werden so ebenfalls Bestandteil der Diskussion.

„Professionalization of the industry“

Danach gefragt, wie er den Media Council Act von 2013 mit seinen eigenen Worten beschreiben würde, entgegnete Prof. Levy Obonyo dieser sei „fairly progressive“. Denn der MCA – und sein Vorgänger von 2007 – bringe „statutory and non-statutory components together to produce a hybrid system“. Durch die vom Parlament verliehene Macht könnten Menschen zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie von den Vorgaben abwichen. Das Interessante daran sei aber, „that it is driven by the industry itself“, Journalisten also quasi nicht von fachfremden Personen be- und verurteilt würden. Darin sieht er das bereits erwähnte Hybridsystem gestärkt.

Prof. Levy Obonyo während seiner Einführungsrede zur Kenia-Panel-Diskussion der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Die Vorteile des Systems sind Obonyo zufolge, dass viele Fälle, die vorher vor Gericht verhandelt worden wären, nun der Media Council entscheidet. In den Gerichten säßen zwar Rechtsexperten, diese hätten aber oftmals keine Sympathien für die Medien übrig. Daher seien die Urteile in der Vergangenheit oftmals zu harsch ausgefallen. Obonyo fürchtet in diesen Fällen um die Freiheit der Presse. Journalisten verfielen nach derartigen Erfahrungen in eine Angststarre, um nicht ein weiteres Mal dieselben Fehler zu begehen. Diese Angst sei während ihrer journalistischen Arbeit ständig unterschwellig präsent. Obonyo ist der Meinung, dass der Media Council diesbezüglich besonders hilfreich sei. Es wäre weniger einschüchternd vor einen Rat von Kollegen zu treten, als vor Gericht aussagen zu müssen. Zudem würde sich die Regierung nun sogar an den Media Council wenden, um dort ihre Beschwerden vorzutragen, statt Medienleute vorzuladen. Das gebe den Medien die Gelegenheit „to defend itself before a panel that understands what the industry goes through“ – dies sei das progressive Element der Gesetzgebung.

Prof. Obonyo sieht sonst keine großen Veränderungen durch den Media Council Act von 2013. Der Zusatz von 2013 hatte eher einen verwaltungstechnischen Charakter im Hinblick auf die Struktur des Rates. Die grundlegenden Änderungen seien bereits seit 2007 in Kraft. Gebeten, die Thematik mit einem Wort zu erklären, antwortete Obonyo: „Professionalization. Professionalization of the industry.“

„Disturbing but acceptable“

Eric Chinje sieht die Lage bereits etwas kritischer als sein Kollege Obonyo. Es gebe laut Chinje den ständigen Versuch, für Journalisten eine Umwelt zu schaffen, in der sie ihre Möglichkeiten ausschöpfen können. Und genau das wäre es, was der Media Council versucht zu schaffen. Die Regierung habe jedoch andere Anliegen, die eine solche Umwelt freier Meinungsäußerung beeinträchtigen. Daraus resultiere eine ständige Spannung zwischen den beiden Akteuren. Diese nennt Chinje „healthy“, solange sie nicht aus den falschen Gründen angestrebt wird. Im Fall Kenias könne die Spannung aber nicht als gesund bezeichnet werden. Die Regierung „went a little beyond being fair“.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, hielt einen der Keynote-Vorträge auf der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Gleichzeitig sieht er die Journalisten in einer Position, die den Anschein erwecke, sie müsse die Regierung bekämpfen. Beide Akteure sollten aber eigentlich gemeinsame Interessen verfolgen. Sie sollten das beste Interesse des Landes und seiner Bürger verfolgen. Auf die Frage, ob die Regierung bei der Verabschiedung des Media Council Act zu weit gegangen wäre, antwortete Eric Chinje: „Too far maybe not, but the government definitely tried to go farther than it should have, yes.“

Dank dieses Gesetzes herrsche in Kenia unter Journalisten nun ein stärkeres Gefühl der Selbstzensur, als es der Fall sein dürfe. Ein starker Vorwurf. Allerdings relativiert Chinje diese Aussage zumindest in Teilen. Er fügt hinzu, dass das eine einfache Erklärung wäre. Journalisten müssten nun konzentrierter an ihre Arbeit gehen.

You really can no longer be flippant, you have to understand, you have to investigate, you have to research, so that you’re clear about what you’re saying.

Was das Gesetz also auf eine äußerst merkwürdige Art ebenfalls getan hat, den Journalisten eine höhere Verantwortung zu übertragen und – für die Entschlossenen und Hartarbeitenden – die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern.

Allerdings berichtete Chinje im Anschluss von dem zu Beginn erwähnten Journalisten, in dessen Arbeit ein nicht zulässiger Eingriff stattfand. Wenn sich Journalisten in eine Lage gedrängt fühlen, in der sie denken, dass sie vorsichtig sein müssten was sie sagen und schreiben, und sie das von einer bestimmten Qualität ihrer Arbeit abhält, dann sei das ein Problem. Chinje glaube, dass das Gesetz damit seine Befugnisse übersteige. Letztendlich habe das aber guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt. Zwar habe der MCA Einschränkungen mit sich gebracht, Chinje könne aber mit diesen leben. Dennoch meint er, „it would be good if it were revisited“. Eric Chinjes Zusammenfassung lautete: „Disturbing but acceptable“.

„Draconian anti-press legislation“

Was manche Protestanten mit Klebeband vor dem Mund subtil zum Ausdruck bringen möchten, ist auf diesem Spruchband explizit zu lesen.

Die (kenianischen) Pressestimmen sind hierbei aber um einiges deutlicher. Wie bereits erwähnt, sind die Sanktionen bei Nicht-Einhaltung des Code of Conduct mit Recht als unverhältnismäßig anzusehen. Zudem könne den verurteilten Journalisten die Akkreditierung entzogen werden. Hinzu kommen weitere scharfe Vorwürfe von Journalisten an dieses Gesetz: Der Code of Conduct sei „government-dictated“ und das Tribunal, das durch den KICA entstand, „government-regulated“, so das Onlineportal des kenianischen Fernsehsenders Citizen TV. Das Committee to Protect Journalists meint, dass kritische Berichterstattung damit effektiv zum Schweigen gebracht wird. Tom Rhodes, Ost-Afrika-Beauftragter des CPJ, ergänzte, dass Journalisten und Pressekanäle sich so selbstzensieren müssten, um zu überleben.

Ist die Pressefreiheit unter diesen Umständen noch gewährleistet?

Eine klare Antwort auf diese Frage ist nur schwer möglich. Wie Prof. Obonyo schilderte, haben die Gesetze auch Vorteile. Diese sind allerdings nur gegeben, solange der Media Council unabhängig von der Regierung handeln kann. Sobald das regierungsnahe Tribunal die Bearbeitung der Rechtsverletzungen übernimmt, wird es für kenianische Journalisten gefährlich. Bereits die Angst vor derartigen Überschreitungen kann zu Lähmungen in ihrer Arbeit führen. Dennoch meint Eric Chinje, dass die Gesetze guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt hätten.

Das größte Problem der Gesetzgebungen ist es einen Pressekodex im Gesetz zu verankern. Der Deutsche Presserat kann für seine „Machtlosigkeit“ geschmäht werden. Allerdings darf die Presse – wie im Fall Kenias – nicht durch die Regierung beeinträchtigt werden. Entscheiden aber Regierungsorgane wie das Communications and Multimedia Appeals Tribunal in Kenia über die Rechtmäßigkeit journalistischer Handlungen, dann ist das ein unzulässiger Einschnitt in die Pressefreiheit. Victor Briwe – Deputy Chief Executive des Media Council – sieht es ähnlich: „The code of ethics is our problem. It shouldn’t be part of the law.“ Und wenn Journalisten aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung ihrer Arbeit nicht in der nötigen Qualität nachgehen können, ist das wie Eric Chinje sagt ein großes Problem. Besonders Fälle wie die des jungen Journalisten aus Chinjes Erzählung dürfen nicht stattfinden.

World Café @ Bildkorrekturen Verschiedene Kulturen, ein Kernthema und viel Diskussionsbereitschaft

  • Mehr als 20 verschiedene Kulturen trafen im World Café aufeinander, um sich näher kennenzulernen und sich über ein Thema auszutauschen: Digitalization & Development – das diesjährige Thema der Bildkorrekturen.

  • In der ersten Runde hatten die Studierenden die Möglichkeit sich näher kennenzulernen. Sie unterhielten sich über ihre Lieblingsthemen, über die sie den ganzen Tag sprechen könnten, über Songs, die auf keiner guten Party fehlen dürfen und auch über ihre Aufgaben auf der Tagung.

  • In der zweiten Runde kam das Thema der Tagung „Digitalization & Development“ wortwörtlich auf den Diskussionstisch. Die Studierenden tauschten persönliche Erfahrungen im Zusammenhang mit Cyberbullying aus und diskutierten über Themen wie Überwachung und Zensur im digitalen Zeitalter.

  • Das Thema Digitalisierung wurde von den Studierenden durchaus kritisch beleuchtet. Auch Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen und deren Einfluss auf unser Leben brachten die Studierenden zum Ausdruck. Besonders oft war vom Facebook-Algorithmus und der damit einhergehenden Filter Bubble die Rede.

  • Oft stellten die Teilnehmer kulturelle und gesetzliche Unterschiede zwischen ihren Ländern fest, insbesondere wenn es um das Thema Pressefreiheit ging. Eine Studentin der DWAK berichtete zum Beispiel vom Problem der „Selbstzensur“ in ihrem Heimatland Kolumbien.

  • An einem anderen Tisch werden lockerere Töne angeschlagen. Es geht um die Frage, was man am meisten vermissen würde, wenn man eine Woche lang vom Internet getrennt wäre. Daraufhin Prof. Dr. Markus Behmer (Universität Bamberg): „Ein Tage ohne Internet wäre großartig – keine E-Mails. Aber schon nach einem Tag würde ich es vermissen. Insbesondere die SMS und E-Mails von meinen Töchtern.“

  • Neben Themen der Digitalisierung tauschten sich die Studenten auch über ihre zukünftige Rolle als Journalisten aus.

  • Die Moderation des World Cafés übernahmen die Bamberger Studierenden…

  • … und machten in ihrer Doppelrolle als Teilnehmer und Moderator ihre ganz eigenen Erfahrungen: „Es war ziemlich viel was auf einen eingeprasselt ist in dem Moment. Es war aber auch interessant, weil ich an meinem Tisch sehr viele unterschiedliche Leute hatte: Menschen aus verschiedenen Ländern, Unis und Institutionen und sogar eine syrische Journalistin im Exil. Das fand ich super.“ (Theresa Hoffmann, Universität Bamberg)

  • Natürlich hatten auch die Referenten (Eric Chinje aus Kenia, rechts) Spaß daran, sich am internationalen Austausch zu beteiligen.

  • Sarah Schneidereit, (Universität Leipzig, links) zieht ihr Fazit: „Was ich total spannend fand war, dass man sich auch über die Mediennutzung unterhalten hat. Man merkt, dass die Leute, die nicht aus Deutschland kommen, die Medien zum Teil anders nutzen und auch die Dinge ein bisschen anders sehen als wir hier und dementsprechend auch die Konferenz vielleicht ein bisschen anders für sich nutzen.“

  • Auch Nadia Issufo (rechts im Bild) hat das World Café gefallen: “I liked it because it was a good opportunity to share with others some experience about the new platforms, the social media. I think at the end we have the same opinions about digitalization, about how to use the platforms, the social media.”

“Habe ich etwas Falsches gesagt?” Der indische Blogger und Journalist Sanjay Kumar kämpft mit seiner Arbeit für Meinungsvielfalt in Indien und gegen den Kurs der neuen Regierung. Im Interview spricht er mit Erik Häußler, Johanna Sagmeister und Marlene Thiele über Journalismus in Indien, Denkverbote und Twitter-Trolle.

Sanjay Kumar, Sie arbeiten seit 20 Jahren als Journalist in Indien und wurden dort auch ausgebildet, inzwischen arbeiten Sie aber hauptsächlich für die ARD und andere nicht-indische Medien vor Ort. Wie kommt das?

Kumar: In der Vergangenheit wurden unbequeme Wahrheiten unterdrückt und Journalisten haben ihre Jobs verloren. Das hat dazu geführt, dass die meisten indischen Medien einseitig berichten. Wir müssen aber auch die andere Seite erzählen. Deshalb wird die Rolle von internationalen Medien wichtiger, weil sie dieses einseitige Bild der hiesigen Medien erweitern.

Twitter-Interview mit Sanjay Kumar: Was ist der größte Unterschied zwischen indischem und deutschem Journalismus? “Ich glaube, es kommt darauf an, was für eine Art Journalismus man praktiziert. Liberaler Journalismus wird in Indien belagert, jedoch nicht in Deutschland.”

 

Warum berichten indische Medien nicht ausgewogen? 

Kumar: Schauen wir uns beispielsweise den indisch-pakistanischen Konflikt an. Traditionsgemäß gab es schon immer nur eine Erzählweise. Es wurde die Haltung der Regierung übernommen – und das ist eine sehr nationalistische. Dabei haben die Medien ihre eigentliche Rolle vergessen: die Menschen aufzuklären und verschiedene Realitäten und Wahrheiten wiederzugeben. Und aktuell wird durch die neue hindu-nationalistische Regierung unter Narendra Modi versucht, indische Muslime noch stärker auszuschließen. Dagegen wehre ich mich. Ich kämpfe dafür, wieder eine größere Liberalisierung zu erreichen.

Was bedeutet Twitter für Sie als Journalist? “Durch Twitter halte ich mich auf dem aktuellen Stand der Dinge und bleibe informiert und werde alarmiert wenn sich Situationen entwickeln. Für mich ist es gleichzeitig auch eine Kriegszone, in der ich Rechtsextreme konfrontiere.”

 

Wer ist Sanjay Kumar? Der 46-jährige Journalist stammt aus der ostindischen Stadt Mokama. In Delhi hat er Englische Literatur und Linguistik studiert und in Chennai die Journalistenschule besucht. Seit über acht Jahren arbeitet er nun als TV-Produzent für das ARD-Studio in Delhi und schreibt seit sechs Jahren für die pakistanischen Zeitungen Express Tribune und Dawn. Das ganze Porträt lest ihr hier.

Wieso sind gerade soziale Medien dafür ein gutes Mittel?

Kumar: Ich bin jetzt seit rund sechs Jahren auf Twitter aktiv und nutze es immer häufiger. Es bietet mir eine neue Möglichkeit, mich auszudrücken und mich mit anderen auszutauschen. Gerade deshalb, weil ich auf Twitter ein anderes Publikum erreiche. In meinem Fall sind das viele Follower aus Pakistan, weil ich für das pakistanische Online-Medium “The Diplomat” schreibe. Dafür ernte ich dann wiederum viele Hasskommentare. Es wird mir vorgeworfen, ich sei ein Agent der pakistanischen Regierung und werde für deren Zwecke missbraucht.

Von wem kommen diese Anfeindungen?

Kumar: Viele meiner indischen Follower sind vom rechten Flügel, die auch bei uns die Foren im Internet dominieren. Es gibt viele Trolle. Gerade wenn es um den indisch-pakistanischen Konflikt geht, herrscht eine gewalttätige Sprache. Sie wollen im Grunde, dass ich Selbstzensur betreibe, aber das werde ich sicher nicht. Viele meiner Kollegen hingegen tun es. Der freie Raum für Journalisten schrumpft.

Wie gehen Sie mit den Kommentaren um?

Kumar: Nach meinem letzten kritischen Bericht bekam ich 5000 hasserfüllte Kommentare – das ging eine Woche lang so, ununterbrochen. Das war zu einer Zeit, als der Konflikt sehr angespannt war. Ich antworte nicht auf die Kommentare, aber ich lösche sie auch nicht. Mir sind die egal.

Wer sind ihre Twitter Follower? “Meine Twitter Follower sind Intellektuelle, Gegner und Freunde. Meine Gegner sind beleidigend und intolerant.”

 

Lassen Sie die Reaktionen wirklich so kalt? Haben Sie keine Angst, dass Sie auch außerhalb des Internets angegriffen werden?

Kumar: Naja, als es so schlimm war, dachte ich morgens vor dem Joggen schon, ob ich heute nicht besser eine andere Route laufe. Gerade wenn so viel kommentiert wird und selbst enge Freunde sagen: „Schande über dich”, fühle ich mich nicht nur professionell, sondern auch persönlich angegriffen und frage mich: Habe ich etwas Falsches gesagt?

Wie schaffen Sie es dann, sich nicht entmutigen zu lassen?

Kumar: Ich sage mir dann immer wieder, dass alle, die regierungskritisch berichten, von Trollen betroffen sind. Manchmal werde ich ja sogar selbst zum Troll. lacht

Wen konfrontieren Sie, wenn sie selbst zum Troll werden?

Kumar: Ich konfrontiere berühmte Meinungsmacher auf Facebook und sage ihnen, dass sie ihren Pflichten als aufklärender Journalist nicht gerecht werden. Viele Menschen lesen deren Artikel, mit welchen sie dem rechten Flügel in die Hände spielen. Ich sage ihnen, dass sie ehrlich sein sollen und es als studierte Menschen und Intellektuelle doch eigentlich besser wissen müssen. Ich fordere Sie auf Facebook und Twitter heraus, indem ich sage: Nein, du liegst falsch.

 

Wie wird sich Indien digital entwickeln? “Digitale Medien werden größer. Beobachten sollte man, welchen Einfluss digitale Medien auf den politischen Diskurs haben. Wird es zum Gefangenen der Rechten?

 

Wie werden sich die digitalen Medien in Zukunft auf den politischen Diskurs auswirken?

Kumar: Im Moment ist das Vertrauen in Zeitungen noch größer als das in die Meinungen im Netz. Aber den Leuten fällt es zunehmend schwerer, sich blind auf die traditionellen Medien zu verlassen. Im Internet erhält man nur Vertrauen, wenn man als unparteiisch gilt und nicht mit einer bestimmten Partei in Verbindung gebracht wird. Ich werde zum Beispiel nicht mit einer bestimmten politischen Partei assoziiert, sondern mit einem Standpunkt. Ich glaube, dass das liberale, säkulare Indien im Interesse der Menschen dieses Landes ist. Aber wir müssen aufpassen, dass das Internet nicht zum Gefangenen der Rechtsextremen wird.

 

Was ist ein Inder ohne Smartphone? “Ohne Smartphone ist man weniger privilegiert, am Rand des politischen Diskurses und unberührt von rechter Propaganda. Aber auch nicht Teil eines neuen politischen Diskurses.”

 

Hilft Digitalisierung dabei, dem Volk eine Stimme zu geben oder unterdrückt es Stimmen? 

Kumar: Ich denke, dass beides der Fall ist. Natürlich kann ich meine Meinung sagen und damit auch viele Menschen erreichen. Gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, dass hierzulande rechte Stimmen das Internet dominieren und andere unterdrücken. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass viele Inder im Alltag immer noch um ihre Lebensgrundlage kämpfen. Für sie hat die Digitalisierung nicht oberste Priorität. Es wird daher noch eine lange Zeit dauern, bis alle Menschen in Indien an das Internet angeschlossen sind und an der Digitalisierung teilhaben können.

Online gegen das System „Indien ist multikulturell, multiethnisch und multireligiös“ - mit dieser Meinung steht Sanjay Kumar zunehmend alleine da. Die rechtskonservative Regierung unter Narendra Modi verwandelt sein Land immer mehr in einen Hindu-Staat. Der gelernte Fernsehjournalist kämpft dagegen: Was in den traditionellen Medien nicht mehr geschrieben werden kann, schreibt er in seinem Blog, in internationalen oder pakistanischen Online-Magazinen und auf Twitter.

Dort heißt Sanjay Kumar @destinydefier und beschreibt sich als “ein in Neu-Delhi lebender Journalist, spezialisiert auf nationale und internationale Politik, außerdem ein sehr aktiver Blogger und Kolumnist”. Er teilt Artikel rund um Populismus, schreibt auf 140 Zeichen kritische Kommentare zur aktuellen Politik und postet Reisefotos mit seiner Frau – mal in Leipzig, mal in Boston. @destinydefier vereint den professionellen und den privaten Sanjay Kumar – er findet, man könne das nicht trennen, schließlich vertrete man seine Meinung ja immer, auch nach Feierabend. Den Twitter-Account hat Sanjay Kumar seit 2009, doch das ist nicht sein einziges Medium: Seit mehr als zwölf Jahren arbeitet er nun schon als Journalist, vorrangig fürs Fernsehen und für Online-Magazine.

Nur mit Passion kannst du in diesem Beruf bestehen“

Auf den ersten Blick wirkt Kumar nicht wie einer, der gegen das System kämpft. Der kleine, etwas rundliche Mann besitzt sehr viel indische Höflichkeit, die man leicht als Schüchternheit missverstehen kann. Geboren wurde er 1970 als ältester Sohn einer einfachen Familie in “einer sehr kleinen Stadt”, wie Kumar erzählt. „Mokama hatte vielleicht 30.000 bis 50.000 Einwohner und ein paar Dörfer drumherum.“ Heute hat die ostindische Stadt mit rund 100.000 Einwohnern bereits Großstadtniveau, der indische Maßstab ist aber ein anderer. Mokama liegt mitten in Bihar, Indiens ärmsten und instabilsten Bundesstaat. Wie die meisten Leute dort sind auch Kumars Eltern Bauern und Händler, einfache Leute aus der zweitniedrigsten Kaste, die neben ihm noch vier weitere Kinder versorgen mussten. Sie schickten Sanjay Kumar ab der zehnten Klasse auf die höhere Schule einer größeren Stadt, wo er das erste Mal mit der englischen Sprache konfrontiert wurde: „Meine neuen Freunde kamen alle von englischen Schulen und hatten eine Art eigene Community, zu der ich nicht so richtig dazu gehörte. Ich wusste, ohne Englisch wird das nichts, deshalb habe ich mich hingesetzt und gepaukt.“ In Kumars Schule gab es keine Englischkurse, also hat er sich mit dem Radio ausgeholfen und die englischen Nachrichten mit denen auf Hindi verglichen. „Ich habe jeden Tag zehn bis 15 Wörter gelernt. Nach zwei Jahren habe ich dann englische Bücher gelesen und schließlich sogar englische Literatur studiert.“ Der Zugang zur englischen Sprache eröffnete Kumar auch den Zugang zur Welt: Er war hungrig nach Wissen, las sich ein in Geschichte und Weltpolitik und begann einzelne Dinge aufzuschreiben. Die journalistische Arbeit wurde zu Sanjay Kumars Leidenschaft. Also folgte auf seine zwei Masterabschlüsse noch eine Journalistenschule und dann der typische Karriereweg eines Nachwuchsjournalisten: Praktikum bei einem Fernsehsender in Mumbai, der erste Job in Delhi, die Bezahlung eher unterirdisch, die Begeisterung für den Beruf dafür umso größer. Beim Journalismus ist Geld eher eine Nebensache, findet Kumar: „Wirklich wichtig ist die Leidenschaft. Nur mit Passion kannst du in diesem Beruf bestehen.“

Für die Wahrheit sieht es in Indien schlecht aus

Passion für Menschen, Kulturen und natürlich für die Wahrheit. Für letztere sieht es in Indien schlecht aus, findet Sanjay Kumar, gerade mit der Berichterstattung über den pakistanisch-indischen Konflikt ist er mehr als unzufrieden: „Die traditionellen indischen Medien haben eine sehr einseitige Sicht auf die Welt und folgen damit ganz der politischen Leitlinie. Schuld sind immer Pakistan und die Muslime. Die Leute lesen und hören diese Sichtweise nun schon seit Generationen und haben sie für sich übernommen. Das ist ein großes Problem.“

Um sich nicht an diese Maschinerie anpassen zu müssen, flüchtete Kumar in die internationalen Medien und berichtet nun seit acht Jahren als Produzent für die ARD aus Indien. Dazu kamen Artikel für The Diplomat, einem internationalen Online-Magazin mit Fokus auf den asiatischen Raum.

Kumar sieht Indien in den Nationalismus rutschen

Vor zweieinhalb Jahren wurde Narendra Modi zu Indiens neuen Premierminister gewählt, und seitdem sieht Kumar das Land immer mehr in den Nationalismus abrutschen. Kumar glaubt, dass Modis Partei, die rechtskonservative, hindu-nationalistische Bharantiya Janata Party (BJP) Indien zu einem reinen Hindu-Staat machen will, in dem Minderheiten nichts zu sagen haben. „Es passiert bereits viel. Zum Beispiel mischt sich Modi in die eigentlichen freien Institutionen des Landes ein, wie in Schulen, Universitäten oder eben in die Medien”, erklärt der Journalist. „Vor allem werden Minderheiten unterdrückt.” Im indischen Bundesstaat Maharashtra wurde Anfang des Jahres unter Geldstrafe verboten, Rinder zu schlachten oder zu verzehren. Der Beschluss soll aufs ganze Land ausgeweitet werden, obwohl 20% der Bevölkerung nicht hinduistisch glauben und das Fleisch somit durchaus essen dürfen.

Anfang November hat Präsident Modi überraschend die wichtigsten Geldscheine des Landes für wertlos erklären lassen. Sie lassen sich zwar in gültiges Geld eintauschen, dazu braucht man aber Zugang zu einer Bank, muss dort stunden- oder tagelang in der Schlange verharren und schließlich in der Lage sein, die nötigen Formulare zu lesen und auszufüllen. Vor allem ärmere Schichten leiden darunter. Manchen haben Hunger und Kälte bereits das Leben gekostet.

Sanjay Kumar lässt solche Entwicklungen nicht unkommentiert. In The Diplomat schreibt er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Vor fünf Jahren sind auch pakistanische Redakteure auf seine Artikel aufmerksam geworden und nun arbeitet Sanjay Kumar mehrmals im Monat auch für The Express Tribune, eine internationale pakistanische Zeitung, die mit der New York Times kooperiert, ebenso wie für die pakistanische Tageszeitung Dawn.

„Du bist eine Schande, Sanjay. Du hast dich an Pakistan verkauft.“ – es gibt natürlich Kritik, auch von Freunden. Viele Kollegen haben sich notgedrungen an das System angepasst, aber für Sanjay Kumar kommt Selbstzensur nicht infrage. Vor physischer Gewalt fürchtet er sich nicht, aber er weiß, dass die Regierung viele andere Mittel hätte, um ihn unter Druck zu setzen. Sanjay Kumar drückt sich diplomatisch aus. Er sagt nicht, dass er bei Lohnzahlungen aus Pakistan womöglich wegen Landesverrat angeklagt würde, sondern, dass er auf Geld verzichtet, weil dadurch “Schwierigkeiten” entstünden.

Meine Meinung wird gehört“

Kumar schreibt also aus reinem Idealismus – und, um eine Stimme zu haben in einem Indien, dass sich mit der wachsenden Digitalisierung langsam verändert:

„Durch das Internet erreiche ich viele Menschen – manche davon nutzen auch traditionelle indische Medien, andere informieren sich tatsächlich ausschließlich online.” Sanjay Kumar schreibt zwar für internationale und pakistanische Online-Zeitungen, Inder lesen und kommentieren diese Texte aber auch. Oft haben seine Artikel über hundert Kommentare, mal von Pakistani, mal von Indern, mal zustimmend, mal dagegen. „Ich ändere momentan zwar nicht wirklich die Situation, aber meine Meinung wird gehört. Und ich kann in den Kommentarspalten meiner Artikel die Leute zusammenbringen, sodass sie endlich mal wirklich miteinander diskutieren.“

 

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“ – Sanjay Kumar im Interview

Wenn die Kuh mit auf’s Bild muss Klischees über Indien in den Medien - und wie sie sich überwinden lassen

Indien ist vielfältig, dennoch verbreiten Medien über das Land häufig Klischees. Deutsche Journalisten wollen gegensteuern, indem sie über mehr berichten als nur über Gewalt und Armut. Dafür benötigen sie WhatsApp und einige Dolmetscher.

Jürgen Webermann berichtet für die ARD seit 2013 aus Indien (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)

Wenn dem indischen Außenministerium etwas besonders wichtig ist, dauert es nicht lange, bis auf Jürgen Webermanns Handy ein WhatsApp-Chat aufploppt. Webermann schaut dann auf sein Display und öffnet die Nachricht vom Minister-Sprecher, ohne sich darüber zu wundern, wer ihm da schreibt. Längst hat sich der Indien-Korrespondent daran gewöhnt, wie in Indien politische PR gemacht wird: mit Social Media statt mit drögen Pressemitteilungen.

Bereits vor zwei Jahren bekamen indische Journalisten zu spüren, was es heißt, wenn Spitzenpolitiker lieber twittern als mit ihnen zu reden: Nach seiner Wahl im Mai 2014 ließ sich Premierminister Narendra Modi zunächst mehrere Monate Zeit, bis er den Zeitungen des Landes Interviews gab. Erst als die Presseleute diese Praxis öffentlich monierten, sprach der Premier mit ihnen. Denn ähnlich wie Donald Trump liebt es Modi, der auf Twitter 26 Millionen Follower hat, seine Statements und Vorhaben direkt in den sozialen Medien zu verbreiten. Dort erreicht er seine Wähler schneller als beim Gespräch mit einem Reporter, und zudem hat er selbst die Hoheit darüber, wie die Informationen beim Publikum ankommen. Das Nachsehen haben die klassischen Medien, sie bangen um die Exklusivität ihrer Stories.

 

Korrespondent für ein Viertel der Weltbevölkerung

Darüber, wie er an gute Stories kommt, muss sich Jürgen Webermann meist keine Sorgen machen. Im Gegenteil: Für die ARD berichtet er seit 2013 als Hörfunk-Korrespondent über ein gewaltiges Territorium: ganz Südasien, darunter Indien und Afghanistan; eine Region, in der fast zwei Milliarden Menschen leben – ein Viertel der Weltbevölkerung. Geschichten gibt es für Webermann dort immer und überall. Gleichzeitig fordert ihn die Größe der Region heraus: Ständig besteht das Risiko, Bedeutsames zu verpassen, Stereotype abzubilden oder ganze Bevölkerungsgruppen zu stigmatisieren, etwa jene Millionen Menschen, die in den noch immer bitterarmen ländlichen Gegenden von Indien leben.

Nur etwa zehn deutschsprachige Journalisten berichten regelmäßig aus Indien, darunter Reporter für die Neue Zürcher Zeitung, die Zeit, das ZDF oder für die Deutsche Welle (DW). Für die DW, den deutschen Auslandssender, hat auch Christoph Kober eine Zeit lang in Indien gearbeitet, sein Schwerpunkt sind Wirtschaftsthemen. Die Indien-Klischees, die ihm immer wieder begegnen, ermüden ihn: “Man könnte flapsig sagen: In jedem Beitrag des ZDF über Indien läuft irgendwann eine Kuh durchs Bild, weil die Leute das von Indien erwarten.” Das, was Journalisten wie Jürgen Webermann und Christoph Kober tun, beeinflusst das Bild der Deutschen von Indien maßgeblich. Allein 60 Radiosender strahlen Webermanns Beiträge aus, darunter der Deutschlandfunk und sämtliche Sender der ARD. Was Webermann sagt, das hören Millionen. Und was er kommentiert, formt deren Meinungen über ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Deshalb möchte er nuancieren und einordnen, so gut es geht.

 

Rassistische Stereotype bringen Quote

„Wird in Indien eine Touristin vergewaltigt, springen wir nicht gleich auf das Thema auf“, sagt Webermann. In Europa werde ja auch nicht jede Vergewaltigung einer Touristin in den Medien hochgejazzt. Das Problem dabei: Geschichten aus Indien über solche Vorfälle funktionieren gut in Deutschland, so Webermann. Sie bringen Klicks und Quote. „Auch weil sie rassistische Stereotype bedienen, von dunkelhäutigen Männern, die wie Tiere über Frauen herfallen. Dagegen wehren wir uns.“ Ignorieren will Webermann Themen wie Vergewaltigungen aber auch nicht. Wichtig sei es, einen Kontext zu schaffen.

Zum Jahrestag der Gruppenvergewaltigung, bei der 2012 sechs Männer in Neu-Delhi eine junge Frau misshandelt haben, bieten Webermann und seine Kollegen etwa eine Reportage-Serie an, in der die unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft abgebildet werden. Dabei geht es nicht nur um Frauen, die schwere körperliche Gewalt erleben, sondern auch um solche, die beruflich erfolgreich sind, aber an Glasdecken stoßen. „Und das sind Probleme, die es auch bei uns im Westen gibt”, sagt Webermann.

Mit Vorurteilen über seine Landsleute wird auch der indische Kommunikationswissenschaftler Jacob Puthenparambil konfrontiert, der derzeit an der TU Dresden promoviert. Besonders häufig bekommt der 37-Jährige zwei Fragen gestellt: Ernährt sich wirklich jeder Inder vegetarisch? Und sind eigentlich alle Inder IT-Experten? Sicher, es sind Vorurteile der harmloseren Art, aber auch sie werden von den Medien vermittelt, findet Puthenparambil, der in London studierte und in Singapur eine PR-Agentur leitet. Um sich über Deutschland und über das Bild der Deutschen über Indien zu informieren, verfolgt er die englische Ausgabe von Spiegel Online oder die Deutsche Welle. Problematisch ist laut Jacob Puthenparambil die Tatsache, dass sich westliche Journalisten hauptsächlich in den zwei indischen Metropolen Neu-Delhi und Mumbai aufhalten. Dort seien Armut, Hunger und Korruption aber nicht so ausgeprägt wie auf dem Land. “Neu-Delhi und Mumbai sind aber nicht Indien”, sagt Puthenparambil. „Das ist genauso falsch, wie von New York oder San Francisco auf die gesamte USA zu schließen.“

ARD-Korrespondent Jürgen Webermann kennt diese Bedenken, auch sein Studio befindet sich mitten in Neu-Delhi und somit in einem der wenigen, modernen, digitalisierten Zentren Indiens. Verlässt er für Reportagen die Stadt, wird die Arbeit komplizierter für ihn. Etwa wenn es nicht mehr reicht, nur auf Englisch miteinander zu sprechen. „Das ist ein großes Hindernis“, sagt Webermann. „Wenn ich mit Leuten Hindi spreche, helfen mir zwei indische Producer beim Übersetzen. Schwieriger wird es, wenn es für eine Reportage über Hunger nach Maharashtra geht, wo Marati gesprochen wird. Dann brauche ich auch noch jemanden, der von Marati auf Hindu und dann wiederum ins Englische übersetzt. Vieles kann dadurch verloren gehen.“

 

Ist das Publikum nicht offen für Differenzierungen?

Was verloren gehen kann, wenn eine Nachricht nicht vollständig wiedergegeben wird, hat Webermann auch im November 2013 erfahren, als er sich dazu entschlossen hat, nach Bangalore zu reisen. Der Grund: Erstmals gelang es Indien, eine Rakete zum Mars zu schicken. Die Mission war von geringer wissenschaftlicher Relevanz, das Budget lag mit 60 Millionen US-Dollar unter dem eines Hollywood-Films. Aber Indien jubelte. Indes ergoss sich in den Kommentarspalten der ARD-Websites der Hohn. Warum nur, fragten dort viele, leistet es sich ein armes Land mit so viel Hunger eine Rakete ins All zu schießen? Webermann hatte zunächst eine ähnliche Einschätzung wie die Kommentatoren, aber anstatt weiter zu spekulieren, reiste er zur indischen Weltraumagentur, ins 2.000 Kilometer südlich gelegenen Bangalore, um einen zweiten Bericht zu erstellen. „Was ich dort vorfand, war der Muff einer 80er-Jahre-Behörde in Deutschland, es roch nach Bohnerwachs, nach Spießigkeit und es war alles andere als schick“, sagt Webermann. Statt auf Patriotismus und Pathos fokussierten sich die Forscher auf das Wesentliche. Ohnehin war das primäre Ziel nicht die Marslandung, sondern eine Rekrutierungskampagne: Dank der Aufmerksamkeit für die Mars-Mission hätten sich sofort 200.000 College-Absolventen um einen Job beworben, die sonst wohl zu besser zahlenden Firmen gegangen wären. Mit den jungen Fachleuten sei es wiederum möglich, an wichtigen Verbesserungen zu forschen, die allen Indern zugutekommen, etwa an Satelliten, die genauere Wettervorhersagen oder Internet für entfernte Regionen ermöglichen.

Nun gehört es aber zu den Paradoxien der Mediengesellschaft, dass nuancierte Berichte zwar leicht zu finden sind, das Publikum diese aber nicht unbedingt mit großer Aufmerksamkeit würdigt. So auch bei Webermanns zweiter Geschichte über die Weltraumagentur. “Das Interesse war wirklich gering“, sagt er. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass das Publikum offen war für diese Differenzierung.“ Was aber sollen deutsche Medien tun, wenn aufgewärmte Klischees stets besser funktionieren als Differenzierung? Jacob Puthenparambil gibt einen pragmatischen Rat, von dem die deutschen Zuschauer nur wenig hätten: „Die Medien sollten ihr Publikum vergrößern und mehr auf Englisch berichten“, empfiehlt der indische Kommunikationswissenschaftler. “Schon jetzt sprechen Millionen Inder Englisch. Die wollen wissen, wie der Westen über sie denkt.” Und Millionen Inder, die Jahr für Jahr ins Internet kommen, haben erstmals die Möglichkeit dazu.

Jürgen Webermann spricht über den Digital Divide (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)

Dr. Hamidis Mission Wissenschaftliche Betrachtung einer Heimat

Dr. Hamidi spricht langsam und deutlich. Er wirkt unaufgeregt, geht nicht hin und her, referiert im nüchternen Ton. Hamidi bedeutet sein Thema viel, denn es hat viel mit seiner persönlichen Geschichte zu tun. Auf der Bildkorrekturen Konferenz beschreibt Hamidi im Afghanistan-Panel die wissenschaftliche Sicht auf sein Land. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich „Historische und Systematische Kommunikationswissenschaft“ an der Universität Leipzig. Ursprünglich sollte seine Biographie eine andere werden. Medizin studieren sollte er, so der Wunsch seiner Eltern, als er sein Abitur in Afghanistan abschloss. Eine rationale Entscheidung. Eine vielversprechende Profession in dem durch Unruhen gezeichnetem Land.

Vom Bürgerkrieg nach Deutschland

Als eines von acht Kindern erlebte Kefa Hamidi seine Jugend in der islamischen Republik. „Heute“, so Hamidi, „habe ich meine Familie hier“. Mit Frau und Kindern lebt er in Leipzig. Geprägt und sozialisiert wurde Hamidi jedoch in einer anderen Kultur, fern ab der deutschen. Mit 18 Jahren musste sich Hamidi dieser Herausforderung stellen. Sein Land und seine afghanische Familie verlassen. Der Ausbruch des Bürgerkrieges bewegte ihn dazu, in Deutschland politisches Asyl zu beantragen. Doch Dr. Hamidi ließ nicht alles in Afghanistan zurück. Der Wunsch, zu studieren und sich weiterzubilden war ein ständiger Begleiter.

Kommunikationswissenschaft, ein Zufall.

Vier Jahre lang musste Hamidi sein Ziel zurückstellen, denn während er in Deutschland auf die Bewilligung seines politischen Asyls wartete, durfte er weder studieren, noch arbeiten. „Ich habe die gleichen Erfahrungen gemacht, die auch alle Flüchtlinge hier machen“, resümiert er. Mit viel Unterstützung und Geduld kam 1996 schließlich die gute Nachricht, das gute Gefühl. Hamidi durfte bleiben und das Flüchtlingsheim verlassen, um endlich zu studieren. Als seine größte Herausforderung sieht er heute jedoch nicht sein Studium. Nein, nicht einmal den Umweg von einem abgebrochenen Jurastudium, über ein Doppelstudium der Medienwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache bis hin zum Abschluss in Kommunikationswissenschaft im Jahr 2006. „Die größte Herausforderung war“, so Hamidi, „sich hier zu integrieren“. Sich zu beweisen und mehr zu leisten als der Durchschnitt. Besser zu sein als die anderen. Ein Streben, das durch den Wunsch nach Akzeptanz in der Gesellschaft geprägt wurde. Akzeptanz ist für Hamidi nicht gleichbedeutend mit Leistungsorientierung. Es bedeutet für ihn, sich nach 18 Jahren Sozialisation in Afghanistan, in einer neuen Umgebung, einem neuen Sozialisationskontext, zurechtfinden zu können. Das hat er geschafft. „Ich denke auf Deutsch“, sagt er. Das sage wohl alles.

Zwischen Information und Mission

Ganz zurückgelassen hat er seine Heimat aber nie. In der Magisterarbeit greift er seine Wurzeln in einem völlig neuen Kontext auf: Aus der Sicht der Wissenschaft. „Was in Afghanistan um 2005/2006 geschehen ist war ein weltweites Thema. Ein wichtiges Ereignis in der Weltpolitik. Diese Diskussion hat auch mich geprägt“, erklärt er. Jene Veränderungen wurden anschließend auch Schwerpunkt seiner Doktorarbeit. Unter dem Titel „Zwischen Information und Mission“ erforschte Hamidi berufliche Einstellungen und Leistungen von Journalisten in Afghanistan: Sie verstehen sich einerseits als Informationsvermittler, wie deutsche Journalisten auch. Andererseits sind sie geprägt von ihrer Mission etwas Positives zu bewirken, indem sie etwa Missstände thematisieren um zur Demokratisierung der Gesellschaft beizutragen, statt aus Angst zu schweigen.

Information und Mission: Der Titel seiner Doktorarbeit ist ebenfalls eng verbunden mit Hamidis persönlicher Geschichte. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leipzig steht er heute vor einer ähnlichen Zweiteilung. Er will einerseits die rasanten Entwicklungen in Afghanistan aus wissenschaftlicher Sicht reflektieren, andererseits die Außensicht auf sein früheres Heimatland korrigieren. „Die Berichterstattung über Afghanistan ist allzu oft schwarz-weiß.“ Es gebe in der Sicht von außen nur Gut und Böse. „Es könnte eine Aufgabe sein, das Facettenreichtum zu erklären“, findet er. Denn das Selbstverständnis der afghanischen Journalisten weicht kaum von dem der europäischen Kollegen ab. Ihr Beitrag zur Demokratie wird dennoch häufig unterschätzt.

Machen müssen sie es selbst“

Hamidi blickt optimistisch auf Afghanistan und seinen Weg zur Demokratisierung nach dem Taliban-Regime: „Ich sehe, dass sich viel in dem Land geändert hat, seit ich es verlassen habe. Trotz aller Probleme glaube ich, dass das Land es schaffen wird.“ Wie auch Dr. Hamidi, muss Afghanistan seinen Weg bestreiten, seine Prüfung bestehen. Unterstützung von außen wie den deutschen Bundeswehr-Einsatz hält er dabei für notwendig. Doch die politische Stabilisierung des Landes kann nicht allein durch fremde Hilfe geschehen. Für Hamidi bleibt eine Voraussetzung unabdingbar: „Machen müssen die Afghanen es selbst.“

Gleichberechtigung für türkische Journalistinnen – ein weiter Weg Autorin: Theresa Kienlein

Frauen sind in türkischen Redaktionen unterrepräsentiert, in den Chefetagen kommen sie so gut wie nicht vor. Die Kommunikationswissenschaftlerin Gizem Melek hat mit zehn Journalistinnen Interviews über ihren Alltag geführt. Ihre Aussagen illustrieren die wichtigsten Gründe und zahlreiche Beispiele für Diskriminierung und sexuelle Belästigung von Frauen. Für die Zukunft fordert Melek eine bessere Vernetzung von Universitäten und Medienhäusern, ein Umdenken der Gesellschaft und eine starke Bewegung für Frauen und Frauenrechte in der Türkei.

Die türkischen Medien sind eine nahezu reine Männerdomäne

Laut einer Studie zweier türkischer Journalistinnen sind in der Türkei rund 30 Prozent aller Beschäftigten der Medienbranche weiblich. Dabei variiert der Anteil der beschäftigten Frauen je nach Medium und Art der Position, wie die folgende Tabelle zeigt:

Frauenanteile in türkischen Medienunternehmen - Unterschiede innerhalb der Branche. Quelle: Gizem Melek, eig. Darstellung.
Anteil der beschäftigten FrauenAnteil der beschäftigten Frauen in ManagementpositionenAnteil der weiblichen Chefredakteure
Printmedien19 %12 %4 %
Online-Redaktionen der Zeitungen33 %k.A.17 %
Fernsehanstaltenk.A.10 %k.A.
reine Online-Medien38 %28 %31 %

 

Schlüsselt man die Führungspositionen weiter auf die einzelnen Managementaufgaben auf, so fällt der – im Vergleich gesehen – relativ hohe Frauenanteil von 28,7 Prozent bei den Ressortleitern auf. Ist die Geschlechtergerechtigkeit hier auf einem guten Weg? „Leider nein“, erwidert Melek „weiblich besetzte Bereiche sind Zeitschriften und Lifestyle-Magazine. In Ressorts wie Politik oder Wirtschaft findet man so gut wie keine Frauen, sie stecken in Kunst und Kultur, Gesundheit und bei Bildungsthemen fest. Das zeigt wieder eine andere Form von Sexismus.“ Bei den Themen Sport und Wirtschaft sind allerdings öfter weibliche Moderatoren und Nachrichtensprecher zu sehen. Häufig aber nicht aus dem Blickwinkel der Gendergerechtigkeit, sondern als gezielte Marketingmaßnahme für die überwiegend männliche Zielgruppe, führt Meleks Interviewpartnerin A.I, Journalistin seit neun Jahren, aus: „Women presenters are seen only as a visual material“.

Ein weiteres Problem ist die Hauptstadtberichterstattung aus und in Ankara. Um in der Türkei in eine leitende Medienposition zu kommen, ist Erfahrung in der Hauptstadt ein unbedingtes Muss. „Hier sehen wir erschreckende Zahlen“, so Melek weiter, „bei 17 Zeitungen in Ankara gibt es nur eine weibliche Korrespondentin.“

Diskriminierung und sexuelle Belästigung sind Alltag

Journalistinnen in der Türkei werden oft auf ihr Äußeres reduziert: Sie berichteten in den Interviews von Einkaufs- und Stylingstipps, die sie von ihren Vorgesetzten erhalten haben. Einmal habe sie über ein Bootsunglück mit 37 Toten live berichtet, erzählte eine politische Korrespondentin: „Alles, was meine Chefs interessiert hat, war mein Outfit.“ Eine andere Journalistin berichtet von andauernder sexueller Belästigung durch einen Kollegen am Arbeitsplatz. Als sie ihren Chef auf die Vorfälle ansprach, folgten Unverständnis und keine Reaktion. „Die Türkei tut sich schwer mit der Gleichstellung“, so Melek, „Frauen wissen im Berufsalltag oft nicht, wie sie sich abgrenzen sollen.“

Gesetzliche Lage und Einkommensunterschiede

Auch die offizielle Statistik bestätigt die bisher genannten Zahlen: Im Jahr 2013 waren von insgesamt 14415 akkreditierten Journalisten lediglich 23 Prozent weiblich. Die amtliche Statistik täusche aber, erklärt Misket Dikmen, Präsidentin des Verbands Izmirer Journalisten. „Frauen werden seltener von ihren Arbeitgebern offiziell registriert. Gerade in den ländlichen Gebieten arbeiten sie oft auf Aushilfs- und Voluntärsbasis.“ Weniger Sicherheit, geringeres Einkommen und bei Gehaltsverhandlungen verschobene Blickwinkel: Frauen werden oft schlechter bezahlt mit dem Argument, dass sie ja nur das zweite Einkommen im Haushalt liefern, ihr männlicher Kollege bei gleicher Arbeit eine ganze Familie zu versorgen habe, so die Präsidentin weiter.

Schwierige politische Lage und Attacken von Politikern in Sozialen Netzwerken

Das angespannte politische Klima in der Türkei, die Repressionen gegenüber Medienvertretern und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen tragen außerdem dazu bei, dass die berufliche und soziale Situation von Frauen schwieriger wird. Wenn Entlassungswellen drohen, seien es zuerst die Frauen, denen gekündigt wird. Melek hat seit den Gezi-Protesten 2013 ein weiteres Phänomen beobachtet: Immer öfter werden gezielt einzelne Journalistinnen Opfer von Angriffen in den sozialen Netzen. Hochrangige Politiker und Vertreter der Regierungspartei starten einen breiten Shitstorm gegen Einzelne, darunter bekannte Journalistinnen wie Nuray Mert oder Rengin Arslan.

Gendergerechte Sprache in der Praxis und die Ellbogenmentalität unter Kollegen

Auch im Redaktions- und Arbeitsalltag herrscht ein angespanntes Klima. „Wenn mir als Redakteurin genderdiskriminierende Sprache auffällt, kann ich sie verbessern“, so eine Medienvertreterin, „wenn ich andere auf die Diskriminierungen in ihren Texten hinweise, werde ich meist lächerlich gemacht.“ Eine andere Journalistin, die seit 18 Jahren als politische Korrespondentin arbeitet, berichtet, sie habe Panikattacken, seit sie bei einer Parteiveranstaltung körperlich heftig in der Menge gedrückt und gequetscht worden sei.

Forderungen für die Zukunft

Gendergerechtigkeit und gendergerechte Sprache sind Bestandteil der journalistischen Ausbildung an den Universitäten. Gizem Melek fordert eine Weiterführung der Inhalte und die bessere Vernetzung von Hochschulen und Medieninstitutionen. Außerdem bräuchten Frauen und Frauenrechte mehr Aufmerksamkeit und eine starke, breite Bewegung in der Türkei. Die Gesellschaft müsse umdenken, die Diskriminierungen und Repressionen Frauen gegenüber müssten beendet werden.

Porträt der Wissenschaftlerin Dr. Gizem Melek.

Dr. Gizem Melek

Dr. Gizem Melek ist eine türkische Kommunikationswissenschaftlerin, die seit 2011 an der Yasar Universität in Izmir (Türkei) am Institut für Radio, Fernsehen und Kino lehrt und forscht. Nach Stationen an der Universität Westminster in London und der Ägäis Universität in Izmir hat sie 2015 ihre Promotion mit dem Titel „A Study on Hürriyet and Twitter within the Framework of Intermedia Agenda-Setting“ abgeschlossen. Neben der akademischen Arbeit hat sie sechs Jahre Erfahrung im Journalismus, unter anderem als Korrespondentin des türkischen Fernsehsenders NTV und des Londoner Fernsehens ITV. Aktuell beschäftigt sie sich vor allen mit den Themenschwerpunkten Social Media im Bezug auf Twitter und Agenda-Setting sowie mit Fragen der Medienfreiheit und Medienethik.

Dr. Gizem Melek auf Twitter folgen: @Gizem_Melek

 

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