Beiträge

Albanien – Europas unentdecktes Land

Wer das erste Mal als Tourist nach Albanien reist, ist überrascht: unberührte Traumstrände inmitten eindrucksvoller Landschaften. Das Land setzt immer mehr auf den Tourismus. Dank der Digitalisierung könnte Albanien es schon bald schaffen, seinem Nachbarland Griechenland Konkurrenz zu machen.

Traumziel Albanien

Wilde Flüsse, hohe Berge, weite Täler: Albanien hat alles, was ein florierendes Ferienziel haben sollte. Auch die Touristenzahlen haben das in den vergangenen Monaten bewiesen. (Foto: privat)

Saranda ist eine kleine Stadt im Süden Albaniens. Hier kommen die Fähren aus Griechenland und Italien an. Im Sommer leben hier drei Mal so viele Menschen wie im Winter. Die Stadt profitiert vom Tagestourismus, ist aber längst nicht mehr nur Badeort für Landsleute aus Albanien und dem Kosovo, auch aus den angrenzenden Ländern kommen Besucher. Zunehmend sind unter den Strandbesuchern auch Westeuropäer, auch, wenn sie weit in der Unterzahl bleiben. Die meisten von ihnen sind schon von weitem erkennbar: helle Haare, ungebräunte Haut.

Viele Touristen kommen mit der Fähre von Korfu nach Saranda.

 

Leart vermietet in Saranda ein kleines Apartment. Es besteht aus einem einzigen Raum, mit Küchenzeile, großem Bett, einem kleinen Badezimmer. Keine zehn Minuten zu Fuß sind es von hier zum Stadtstrand von Saranda. Leart holt seine Besucher von der Fähre mit dem Auto ab, bietet noch eine kleine Stadtrundfahrt an, bevor es dann zur Unterkunft geht. Er fährt bis zu den großen Hotels im Osten der Stadt, die sich an der Küste drängen. „200 Euro kostet dort eine Nacht. Das ist unglaublich. So viel Geld!“, sagt er. Für den 26-Jährigen ist es unvorstellbar, diese Summe für eine Übernachtung aufzubringen. Eine Nacht in seinem Airbnb-Apartment kostet für zwei Personen 36 Euro.

Illegale Hotels, Geldwäsche, Mafaistrukturen

Ohne das Internet und die Digitalisierung könnte Leart sein Apartment nicht vermieten. Er profitiert wie viele andere Albaner auch von der noch recht neuen Möglichkeit, kostenlos ein Inserat aufzugeben und via Airbnb Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen. Um ganze 90 Prozent ist die Zahl der Unterkünfte in Albanien nach Angaben des Unternehmens im vergangenen Jahr gewachsen. Über 1300 Inserate gibt es aktuell für das Land.

Schon einmal hat Albaniens Schönheit Spekulanten auf den Plan gerufen. Um das Millennium wurden in Saranda innerhalb kürzester Zeit, meist ungenehmigt und ohne Bauplan, riesige Hotelklötze aus dem Boden gestampft. Die Betonmischer rotierten damals rund um die Uhr, beinahe jeden Tag schien ein neues, pastellfarbenes Feriendomizil aus Beton und Styropor hinzuzukommen. Die touristische Zukunft Albaniens lag damals in den Händen der Mafia. Die Gier nach Geld ließ die Stadt beinahe kollabieren. Die Behörden kamen kaum hinterher, illegale Bauvorhaben zu stoppen. Und wenn doch, rückte das städtische Abrisskommando an. Noch heute säumen etliche Ruinen das Stadtbild in Saranda.

Seit einiger Zeit bemüht sich die Regierung jedoch ernsthaft, die Korruption einzudämmen, die Rechtstaatlichkeit aufrecht zu halten und Investoren anzuziehen. Auch die Infrastruktur wächst rasant. Neben dem 2008 eröffneten Mutter Theresa-International Airport entstanden auch verbesserte Verbindungen in den Kosovo und den Süden des Landes. Albanien versucht den Schatten der Vergangenheit abzulegen und die neuen Möglichkeiten, die Digitalisierung beschert, bestens zu nutzen.

Schön (und) günstig

Albanien ist attraktiv. Die Landschaft ist teilweise noch nahezu unberührt, die Strände nicht akkurat mit Liegestühlen und Schirmen zugekleistert, wie es in manchen Teilen Italiens oder Spaniens der Fall ist. Dafür ist das Wetter mindestens genauso gut und die Südküste bekannt für türkisfarbenes Meer und schöne Strände. Günstiger ist Albanien sowieso. Mit dem Bus von Dhermi an der Südküste in die Hauptstadt Tirana – eine Strecke vergleichbar mit der von München nach Frankfurt am Main – zahlt man gerade einmal etwa 15 Euro. Ein Einheitspreis, der auch in der Hauptreisesaison nicht ansteigt.

Was bisher nur Landsleute und Besucher aus umliegenden Ländern zu schätzen wussten, hat sich in den vergangenen Jahren durch die digitale Wolke des Internets global verbreitet. Gerade die niedrigen Preise machen das Land vor allem für junge Alternativreisende reizvoll. Ist das Budget klein, die Reiseneugier aber groß, so scheint Albanien die perfekte Adresse für ein paar Tage Tirana oder auch eine Reise entlang der Küste, wenn es länger dauern darf. Der 27-jährige Jonas Rädel aus Leipzig hat Freunde in Albanien und hat das Land schon öfter besucht. 2014 war der Student das erste Mal dort, im Juli dieses Jahres hat er sich erneut auf die Reise gemacht. Was macht für ihn den besonderen Charme aus?

Essensreste, Plastik, Papier: Albanien kämpft gegen wilde Mülldeponien 

Doch nicht alles ist rosig. Und nicht alle Probleme können durch die Digitalisierung gelöst werden. Wo unberührte Strände sind, kommt man ohne Auto auch schlecht hin. Außerdem produzieren viele Touristen auch viel Müll, und den haben die Albaner noch nicht im Griff: Kleine Haufen Plastikflaschen, Tüten mit Essensresten oder Eisstielen finden sich alle paar hundert Meter an den meisten Stränden. Im beliebten und auch überfüllten Saranda sind Mitarbeiter der Gemeinde als Müllsammler unterwegs. In Livadh oder Dhermi aber sind kaum Abfalleimer, dafür immer wieder Müllhaufen zu sehen, erzählt Martin Kerl. Der 26-Jährige war im Sommer 2016 zum ersten Mal in Albanien unterwegs.

Drei Zimmer, Küche, Bad

Doch nicht nur an der Küste, auch in der Hauptstadt Tirana boomt die Vermietung privater Ferienwohnungen. Artan Kristo ist Journalist, mitten im Zentrum Tiranas vermietet er eine Wohnung. Zwei Schlafzimmer, Küchenzeile, zwei Bäder: Hier können viele Menschen unterkommen, und das günstig: Eine Nacht kostet pro Person 14 Euro. Von der Wohnung aus sind die Besucher schnell in der Innenstadt, das Apartment ist sauber und gemütlich. Der 52-Jährige trifft gern verschiedene Menschen, serviert Raki zur Begrüßung, schreibt Kneipentipps auf, fragt nach, wie der Tag seiner Besucher war.

Erst um Juni hat er damit begonnen, das Apartment, das Teil eines großen Hauses ist, indem er auch selbst wohnt, zu vermieten. „In Zukunft möchte ich gerne mehrere freie Zimmer Besuchern zur Verfügung stellen, das jetzige Appartement ist für mich deshalb ein erster Markttest“, sagt der Journalist. Der Test war erfolgreich. Seit er seine Räume vermietet, waren diese nie länger als zehn Tage leer, ehe der nächste Besucherschwung kam. In den sechs Monaten, die er seither Gastgeber ist, hat er bereits 60 Buchungen bestritten – „demnach waren zwischen 150 und 180 Gäste bei mir“, so Artan.

Artan: Irgendwann soll mein Haus für meine Gäste wie ein richtiges Hotel sein. Falls ich später einmal nicht mehr als Journalist arbeiten kann, kann ich so leicht in die Tourismusbranche wechseln.

Australier, Schweizer, Kroaten, Belgier, Deutsche – Menschen aus aller Welt mieten sich für ihren Urlaub bei Artan ein. „Die Leute wählen Airbnb-Appartements zum einen natürlich, um günstig unterzukommen. Vielen ist aber auch die Nähe zu den Einheimischen wichtig – sie wollen das echte albanische Leben kennenlernen“, erzählt der 52-Jährige. Dank des digital verfügbaren Angebots ist das jetzt jederzeit möglich. Die meisten Gäste haben Artan im Sommer besucht, doch auch während der Wintermonate reißt der Besucherstrom nicht ab. „Albanien hat in diesem Jahr einen regelrechten Tourismusboom erlebt“, berichtet Artan. Zwei Gründe, die er dafür nennt: erstens, die albanische Fußballnationalmannschaft hat das Land mit ihrem Erfolg bei der Europameisterschaft bekannter gemacht. Außerdem hätten die Terroranschläge in der Türkei und in Ägypten diesen Ländern den Tourismus geraubt.

Artan verdient gut daran, sein Haus mit Gästen zu teilen. Das Geld, das er durch die Vermietungen einnimmt, investiert er in den Ausbau seines Zimmers. Die Räume sollen so immer gemütlicher und praktischer werden. Genauso wichtig wie das Geld ist Artan aber das persönliche Feedback der Gäste: „Es ist einfach fantastisch, wenn man nette Menschen trifft und diese mich nach ihrer Abreise mit lieben Worten belohnen.“

Geldstrafen bis zu 100.000 Euro für private Vermietungen in Berlin

Die Gastgeber und auch die anbietenden Plattformen verdienen meist sehr gut. Das passt nicht immer allen und hat mitunter sogar weitreichende Folgen. In manchen Ländern ist Airbnb längst problematisch geworden. In Deutschland beispielsweise geht die Stadt Berlin mittlerweile mit einem Gesetz gegen solche Plattformen vor. Seit 1. Mai dieses Jahres ist es demnach illegal, Wohnung privat zu vermieten. Durch das sogenannte Zweckentfremdungsgesetz macht sich jeder strafbar, der eine Wohnung anders nutzt als zum dauerhaften Wohnen. Wer trotzdem vermietet, riskiert Geldstrafen bis zu 100.000 Euro.

Berlin geht damit im weltweiten Vergleich mit am schärfsten gegen Übernachtungsportale wie Airbnb und Wimdu vor. Und das nicht ohne Grund: Laut einer Studie des Immobilienentwicklers GBI will jeder elfte Hauptstadttourist in Deutschland lieber in bei Privatleuten unterkommen als im Hotel. Man will eben mittendrin sein, im Kiez, unter echten Berlinern. Die Suchenden sorgen so jedoch dafür, dass der ohnehin schon angespannte Wohnungsmarkt so noch stärker ins Wanken gerät. Mittlerweile ist die Situation dermaßen angespannt, dass nur noch so gut wie für jeden zwölften Ein-Personen-Haushalt eine Einzimmerwohnung verfügbar ist. In besonders beliebten Bezirken wie Kreuzberg oder Mitte sind die einzigen Immobilien, die noch frei sind, private Ferienunterkünfte.

Auch in Paris kämpft die Stadt mit dem professionellen Betreiben privater Ferienunterkünfte. Allein Airbnb besitzt in der französischen Metropole mehr als 40.000 aktive Anbieter. Auch hier möchte die Regierung nun gegen die Privatvermietungen vorgehen. Albanien blieb von solchen Problemen bisher noch unberührt, Touristen sind willkommen.

Albanien will Griechenland die Touristen ablocken

Nach Krisen und Kriegen hatte Albanien lange Zeit international mit einem ausgesprochenen Negativimage zu kämpfen. Dem versucht sich das Land nun endgültig zu entsagen. War die Küstenstadt Saranda zu kommunistischen Zeiten noch komplett abgeschottet, hat sich gerade hier mit der Öffnung des Landes hin in Richtung Westen im Tourismussektor Entscheidendes getan.

Um mit der angrenzenden griechischen Urlaubsinsel Korfu konkurrieren zu können, soll Saranda nun sogar einen eigenen Flughafen bekommen. Viele Touristen kämen von Korfu aus auf das albanische Festland, sagt Aristotel Bita. Er ist der behördliche Tourismusbeauftragte von Saranda. In Zukunft solle das jedoch umgekehrt laufen:

„Die Touristen sollen hier bei uns in Saranda landen, um dann von hier aus Griechenland wie etwa die Insel Korfu zu besuchen, denn Albanien ist insgesamt viel günstiger für die Touristen. Das sind unsere strategischen Pläne für den Tourismus in Albanien.“

Das Potenzial der albanische Riviera ist riesig. 362 Kilometer atemberaubende, unverdorbene Küste säumen das Bild an der Adria und am Ionischen Meer. Im Landesinneren eignen sich zerklüftete Berglandschaften zum Wandern und für Abenteuersportler. Man findet Landstriche voller griechischer, römischer und byzantinischer Überreste. Und mit mehr als 190 Sonnenstunden im Jahr hat Albanien sogar das gleiche Klima wie St. Tropez.

Nun muss das Land es nur noch schaffen, den Segen des Tourismus anzunehmen und ihn bestmöglich auszuschöpfen, um Albanien wirtschaftlich nach vorne zu bringen. Es gilt, den schlechten Ruf aus vergangenen korrupten und kriminellen Tagen abzustreifen, Erfahrungen im neuen Aufschwung zu sammeln und diese für Land und Leute bestmöglich umzusetzen.

Travel Tales: The Changing Face of Tourism

Youth hostels and luxury hotels, globetrotters and campers: Few branches are as diverse as global tourism. But who profits from all that travelmania, and what does it do to the locals who live where others go on vacation? This International Media studies-publication presents travel tales from different perspectives

Jugendherbergen und Luxushotels, Globetrotter oder Dauercamper – kaum eine Branche ist so vielfältig wie der globale Tourismus. Lesen Sie das Magazin der International Media Studies zur Frage: Wohin geht die Reise?

Weiterlesen