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Digitale Kolonialmächte Die Digitalisierung kann das Leben erleichtern, auch und gerade in sogenannten Entwicklungsländern. Bei aller Euphorie – wir sollten darauf achten, wer darüber bestimmt, wie wir in Zukunft leben. Ein Kommentar von Hannah Knuth, Matthias Bolsinger und Robin Köhler

Erster Annäherungsversuch: Facebook-CEO Mark Zuckerberg und Indiens Premier Narendra Modi (Foto: Narendra Modi, „Facebook CEO Mr. Mark Zuckerberg calls on Shri Modi“, https://www.flickr.com/photos/narendramodiofficial/15541405942)

Februar 2016, Facebook-Investor Marc Andreessen ist außer sich. „Anti- Kolonialismus war für das indische Volk über Jahrzehnte wirtschaftlich katastrophal“, twittert er. Und wird prompt von Facebooks CEO Mark Zuckerberg zurückgepfiffen. Zu spät: Ein Shitstorm brach über Andreessen herein.

Was war passiert?

Indien hatte sich gerade gegen die Einführung von „Free Basics“ entschieden, Facebooks Internet-Service, der vielen Millionen Bürgern mit einer App den kostenlosen Zugang zum Web ermöglicht hätte – allerdings nur zu ausgewählten Seiten. Indiens Telekom-Aufsicht stoppte „Free Basics“ und verwies auf die Netzneutralität: Kein Provider dürfe irgendwelche Inhalte im Netz diskriminieren.

Es war wie so häufig bei der Digitalisierung in sogenannten Entwicklungsländern: Ein mächtiger Konzern mit großen Versprechen trifft auf

eine Bevölkerung mit großen Sorgen. In Indien siegte die Skepsis. Unternehmer wie Andreessen mögen das für dumm und provinziell halten, für albernen Anti-Kolonialismus. Doch sie irren. Das Misstrauen ist berechtigt. Und der Kolonialismus-Vergleich gar nicht so verkehrt.

Denn tatsächlich verhielt sich Facebook wie eine Kolonialmacht: Trat auf wie ein Heiland, sprach von Gleichheit und Freiheit, verschwieg sein Profitinteresse und warf der renitenten Bevölkerung Undankbarkeit vor.

Diese koloniale Attitüde zwingt uns nachzudenken. Vielleicht sollten wir bei der Digitalisierung von einer Entwicklung der zwei Geschwindigkeiten sprechen, von einer alten und einer neuen Digitalisierung. Die alte, die des globalen Nordens, war eine Digitalisierung der gleichmäßigen Schritte. Gesellschaft und Technik entwickelten sich weitgehend parallel. Die führenden Digitalkonzerne und deren Macht wuchsen kontinuierlich. Doch sie sahen sich einer wohlhabenden Bevölkerung gegenüber, die sich mit der Aussicht auf Fortschritt nur schwer erpressen ließ.

Im globalen Süden ist das anders. Bei der neuen Digitalisierung treffen Großkonzerne wie Facebook und Google auf strukturschwache Regionen, die den Unternehmen entweder die Hand reichen – oder über Jahre hinweg der technologischen Entwicklung anderer Staaten hinterherlaufen.

Natürlich, es gibt auch dort eine behutsame Form der Digitalisierung, eine Entwicklung „von unten”. Das mobile Bezahlsystem „M-Pesa“, in Kenia entwickelt, von Vodafone über das Land hinaus verbreitet, ist vielleicht das beste Beispiel dafür: Hunderttausende Menschen können dank „M-Pesa” per Mobiltelefon Geld versenden – der Service erleichtert das Leben, ohne Freiheit zu beschneiden.

Dieses Beispiel darf aber nicht über die Asymmetrien der Digitalisierung hinwegtäuschen. Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Und die in dieser Hinsicht reichen Länder des globalen Südens sollten sich vorsehen, kein zweites Mal zum Rohstofflager des Nordens zu werden.

Die Digitalisierung ist für sich betrachtet weder richtig noch falsch. Aber es gilt darauf zu achten, wer ihre Bedingungen diktiert und wer nicht. Nur so kann verhindert werden, dass digitale Kolonialmächte wachsen.

Indiens Zurückweisung von „Free Basics“ mag anti-koloniale Züge tragen. In jedem Fall war sie ein Zeichen, das über Indien hinaus wirken kann: Wir lassen uns nicht erpressen. Und das ist gut so.

Ein Deutscher unter Indern Wie Christoph Kober es schaffte, sich in der Fremde wohl zu fühlen

Der ganze Bus starrt ihn an. Christoph Kober starrt zurück. Er starrt auf die nackten Füße des Fahrers, dann auf das handtellergroße Loch, das der Rost in den Boden des Busses gefressen hat. Das war vor elf Jahren, auf Christoph Kobers erster Reise ins australische Hinterland. Damals war der angehende Journalist Austausch-Student an einer Universität in Manipal, später wurde er Austausch-Journalist bei der Times of India. „In Indien ist vieles einfacher, vieles chaotischer“, sagt Kober. „Man muss sich in das Land erst einfühlen.“ Wie er das geschafft hat, erzählt er im Interview – mit und ohne Worte.

Wie war der erste Tag in der Redaktion der Times of India?

„Der Tag hat erst um 15 Uhr begonnen. Ich wurde sehr freundlich und warm empfangen. Vor 17 Uhr trifft man in der Redaktion aber normalerweise niemanden, denn alle sind tagsüber auf Recherche unterwegs. Dafür geht man erst um 23 Uhr nach Hause. Das Produkt, das dabei am Ende herauskommt, fand ich optisch furchtbar. Das Layout war wahrscheinlich der größte Kulturschock: Sehr wenig Platz, sehr viele Geschichten auf einer Seite. Die Geschichten wiederum sind total zielgruppenorientiert. Der Zeitungsmarkt in Indien ist genauso fragmentiert wie die indische Gesellschaft. Die Times of India ist zum Beispiel für ein gebildetes Publikum und für Leute im Ausland. Die Lebensrealität der Landbevölkerung kommt darin gar nicht vor – höchstens bei Skandalgeschichten, wenn sich zum Beispiel jemand umbringt. Solche Themen, Geschichten über Dörfer und Bauern, übernehmen die regionalen Zeitungen.“

 

Wie sehen die Blicke aus, die Ihnen in Indien auf der Straße begegnen?

„In Indien gibt es zwei Extreme. Es gibt offene Leute, die das Fremde begeistert annehmen, aber genauso viele fremdenfeindliche Menschen. Als Journalist hat das Vor- und Nachteile. Manchmal sind wir sehr leicht ins Gespräch gekommen, weil die Leute mir gerne ihre Meinung mitteilen wollten – oft auch ungefragt. Die finden das natürlich beeindruckend, wenn man 8000 Kilometer weit geflogen ist, um in einem kleinen indischen Dorf jemanden zu interviewen. Manchmal war es für mich als Europäer also sogar leichter. Der Nachteil ist, dass man auffällt wie ein bunter Hund – und zwar wirklich immer. Einfach mal eine Szene beobachten, das geht nicht.“

 

Wie kommen Sie bei indischen Schwiegermüttern an?

„Mit der anderen Hautfarbe und der entfernten Herkunft geht in der indischen Gesellschaft eine gewisse Faszination einher. Wer aus dem Westen kommt, wird vor allem als Sinnbild für Reichtum gesehen – egal ob das jetzt stimmt oder nicht. Deshalb zahlen Europäer bei Rikschafahrten gerne mal den dreifachen Preis. Damit muss man sich abfinden. Es sind ja auch nur kleine Beträge, 50 Cent.“ 

 

Wie sieht es in Indien mit der Pressefreiheit aus?

„Ich denke, dass da die Digitalisierung eine große Chance für Indien ist. Es gibt viele Online-Medien, die als Korrektiv gegen die etablierten Zeitungen wirken und sich in die Berichterstattung einschalten.“ 

 

Wie finden Sie Bollywood-Filme?

 

“Habe ich etwas Falsches gesagt?” Der indische Blogger und Journalist Sanjay Kumar kämpft mit seiner Arbeit für Meinungsvielfalt in Indien und gegen den Kurs der neuen Regierung. Im Interview spricht er mit Erik Häußler, Johanna Sagmeister und Marlene Thiele über Journalismus in Indien, Denkverbote und Twitter-Trolle.

Sanjay Kumar, Sie arbeiten seit 20 Jahren als Journalist in Indien und wurden dort auch ausgebildet, inzwischen arbeiten Sie aber hauptsächlich für die ARD und andere nicht-indische Medien vor Ort. Wie kommt das?

Kumar: In der Vergangenheit wurden unbequeme Wahrheiten unterdrückt und Journalisten haben ihre Jobs verloren. Das hat dazu geführt, dass die meisten indischen Medien einseitig berichten. Wir müssen aber auch die andere Seite erzählen. Deshalb wird die Rolle von internationalen Medien wichtiger, weil sie dieses einseitige Bild der hiesigen Medien erweitern.

Twitter-Interview mit Sanjay Kumar: Was ist der größte Unterschied zwischen indischem und deutschem Journalismus? “Ich glaube, es kommt darauf an, was für eine Art Journalismus man praktiziert. Liberaler Journalismus wird in Indien belagert, jedoch nicht in Deutschland.”

 

Warum berichten indische Medien nicht ausgewogen? 

Kumar: Schauen wir uns beispielsweise den indisch-pakistanischen Konflikt an. Traditionsgemäß gab es schon immer nur eine Erzählweise. Es wurde die Haltung der Regierung übernommen – und das ist eine sehr nationalistische. Dabei haben die Medien ihre eigentliche Rolle vergessen: die Menschen aufzuklären und verschiedene Realitäten und Wahrheiten wiederzugeben. Und aktuell wird durch die neue hindu-nationalistische Regierung unter Narendra Modi versucht, indische Muslime noch stärker auszuschließen. Dagegen wehre ich mich. Ich kämpfe dafür, wieder eine größere Liberalisierung zu erreichen.

Was bedeutet Twitter für Sie als Journalist? “Durch Twitter halte ich mich auf dem aktuellen Stand der Dinge und bleibe informiert und werde alarmiert wenn sich Situationen entwickeln. Für mich ist es gleichzeitig auch eine Kriegszone, in der ich Rechtsextreme konfrontiere.”

 

Wer ist Sanjay Kumar? Der 46-jährige Journalist stammt aus der ostindischen Stadt Mokama. In Delhi hat er Englische Literatur und Linguistik studiert und in Chennai die Journalistenschule besucht. Seit über acht Jahren arbeitet er nun als TV-Produzent für das ARD-Studio in Delhi und schreibt seit sechs Jahren für die pakistanischen Zeitungen Express Tribune und Dawn. Das ganze Porträt lest ihr hier.

Wieso sind gerade soziale Medien dafür ein gutes Mittel?

Kumar: Ich bin jetzt seit rund sechs Jahren auf Twitter aktiv und nutze es immer häufiger. Es bietet mir eine neue Möglichkeit, mich auszudrücken und mich mit anderen auszutauschen. Gerade deshalb, weil ich auf Twitter ein anderes Publikum erreiche. In meinem Fall sind das viele Follower aus Pakistan, weil ich für das pakistanische Online-Medium “The Diplomat” schreibe. Dafür ernte ich dann wiederum viele Hasskommentare. Es wird mir vorgeworfen, ich sei ein Agent der pakistanischen Regierung und werde für deren Zwecke missbraucht.

Von wem kommen diese Anfeindungen?

Kumar: Viele meiner indischen Follower sind vom rechten Flügel, die auch bei uns die Foren im Internet dominieren. Es gibt viele Trolle. Gerade wenn es um den indisch-pakistanischen Konflikt geht, herrscht eine gewalttätige Sprache. Sie wollen im Grunde, dass ich Selbstzensur betreibe, aber das werde ich sicher nicht. Viele meiner Kollegen hingegen tun es. Der freie Raum für Journalisten schrumpft.

Wie gehen Sie mit den Kommentaren um?

Kumar: Nach meinem letzten kritischen Bericht bekam ich 5000 hasserfüllte Kommentare – das ging eine Woche lang so, ununterbrochen. Das war zu einer Zeit, als der Konflikt sehr angespannt war. Ich antworte nicht auf die Kommentare, aber ich lösche sie auch nicht. Mir sind die egal.

Wer sind ihre Twitter Follower? “Meine Twitter Follower sind Intellektuelle, Gegner und Freunde. Meine Gegner sind beleidigend und intolerant.”

 

Lassen Sie die Reaktionen wirklich so kalt? Haben Sie keine Angst, dass Sie auch außerhalb des Internets angegriffen werden?

Kumar: Naja, als es so schlimm war, dachte ich morgens vor dem Joggen schon, ob ich heute nicht besser eine andere Route laufe. Gerade wenn so viel kommentiert wird und selbst enge Freunde sagen: „Schande über dich”, fühle ich mich nicht nur professionell, sondern auch persönlich angegriffen und frage mich: Habe ich etwas Falsches gesagt?

Wie schaffen Sie es dann, sich nicht entmutigen zu lassen?

Kumar: Ich sage mir dann immer wieder, dass alle, die regierungskritisch berichten, von Trollen betroffen sind. Manchmal werde ich ja sogar selbst zum Troll. lacht

Wen konfrontieren Sie, wenn sie selbst zum Troll werden?

Kumar: Ich konfrontiere berühmte Meinungsmacher auf Facebook und sage ihnen, dass sie ihren Pflichten als aufklärender Journalist nicht gerecht werden. Viele Menschen lesen deren Artikel, mit welchen sie dem rechten Flügel in die Hände spielen. Ich sage ihnen, dass sie ehrlich sein sollen und es als studierte Menschen und Intellektuelle doch eigentlich besser wissen müssen. Ich fordere Sie auf Facebook und Twitter heraus, indem ich sage: Nein, du liegst falsch.

 

Wie wird sich Indien digital entwickeln? “Digitale Medien werden größer. Beobachten sollte man, welchen Einfluss digitale Medien auf den politischen Diskurs haben. Wird es zum Gefangenen der Rechten?

 

Wie werden sich die digitalen Medien in Zukunft auf den politischen Diskurs auswirken?

Kumar: Im Moment ist das Vertrauen in Zeitungen noch größer als das in die Meinungen im Netz. Aber den Leuten fällt es zunehmend schwerer, sich blind auf die traditionellen Medien zu verlassen. Im Internet erhält man nur Vertrauen, wenn man als unparteiisch gilt und nicht mit einer bestimmten Partei in Verbindung gebracht wird. Ich werde zum Beispiel nicht mit einer bestimmten politischen Partei assoziiert, sondern mit einem Standpunkt. Ich glaube, dass das liberale, säkulare Indien im Interesse der Menschen dieses Landes ist. Aber wir müssen aufpassen, dass das Internet nicht zum Gefangenen der Rechtsextremen wird.

 

Was ist ein Inder ohne Smartphone? “Ohne Smartphone ist man weniger privilegiert, am Rand des politischen Diskurses und unberührt von rechter Propaganda. Aber auch nicht Teil eines neuen politischen Diskurses.”

 

Hilft Digitalisierung dabei, dem Volk eine Stimme zu geben oder unterdrückt es Stimmen? 

Kumar: Ich denke, dass beides der Fall ist. Natürlich kann ich meine Meinung sagen und damit auch viele Menschen erreichen. Gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, dass hierzulande rechte Stimmen das Internet dominieren und andere unterdrücken. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass viele Inder im Alltag immer noch um ihre Lebensgrundlage kämpfen. Für sie hat die Digitalisierung nicht oberste Priorität. Es wird daher noch eine lange Zeit dauern, bis alle Menschen in Indien an das Internet angeschlossen sind und an der Digitalisierung teilhaben können.

Fünf Dinge, die Indien besser kann als Deutschland

Die Nachrichten über Indien, die bei uns hängen bleiben, bedienen oft Vorurteile: Bollywood, Techies und Massenvergewaltigungen. Zeit, ein paar neue Seiten zu zeigen – von denen wir vielleicht auch noch was lernen können. Jürgen Webermann, ARD-Korrespondent für Indien, verrät uns fünf Dinge, die seiner Meinung nach in Indien besser laufen als in Deutschland:

Online gegen das System „Indien ist multikulturell, multiethnisch und multireligiös“ - mit dieser Meinung steht Sanjay Kumar zunehmend alleine da. Die rechtskonservative Regierung unter Narendra Modi verwandelt sein Land immer mehr in einen Hindu-Staat. Der gelernte Fernsehjournalist kämpft dagegen: Was in den traditionellen Medien nicht mehr geschrieben werden kann, schreibt er in seinem Blog, in internationalen oder pakistanischen Online-Magazinen und auf Twitter.

Dort heißt Sanjay Kumar @destinydefier und beschreibt sich als “ein in Neu-Delhi lebender Journalist, spezialisiert auf nationale und internationale Politik, außerdem ein sehr aktiver Blogger und Kolumnist”. Er teilt Artikel rund um Populismus, schreibt auf 140 Zeichen kritische Kommentare zur aktuellen Politik und postet Reisefotos mit seiner Frau – mal in Leipzig, mal in Boston. @destinydefier vereint den professionellen und den privaten Sanjay Kumar – er findet, man könne das nicht trennen, schließlich vertrete man seine Meinung ja immer, auch nach Feierabend. Den Twitter-Account hat Sanjay Kumar seit 2009, doch das ist nicht sein einziges Medium: Seit mehr als zwölf Jahren arbeitet er nun schon als Journalist, vorrangig fürs Fernsehen und für Online-Magazine.

Nur mit Passion kannst du in diesem Beruf bestehen“

Auf den ersten Blick wirkt Kumar nicht wie einer, der gegen das System kämpft. Der kleine, etwas rundliche Mann besitzt sehr viel indische Höflichkeit, die man leicht als Schüchternheit missverstehen kann. Geboren wurde er 1970 als ältester Sohn einer einfachen Familie in “einer sehr kleinen Stadt”, wie Kumar erzählt. „Mokama hatte vielleicht 30.000 bis 50.000 Einwohner und ein paar Dörfer drumherum.“ Heute hat die ostindische Stadt mit rund 100.000 Einwohnern bereits Großstadtniveau, der indische Maßstab ist aber ein anderer. Mokama liegt mitten in Bihar, Indiens ärmsten und instabilsten Bundesstaat. Wie die meisten Leute dort sind auch Kumars Eltern Bauern und Händler, einfache Leute aus der zweitniedrigsten Kaste, die neben ihm noch vier weitere Kinder versorgen mussten. Sie schickten Sanjay Kumar ab der zehnten Klasse auf die höhere Schule einer größeren Stadt, wo er das erste Mal mit der englischen Sprache konfrontiert wurde: „Meine neuen Freunde kamen alle von englischen Schulen und hatten eine Art eigene Community, zu der ich nicht so richtig dazu gehörte. Ich wusste, ohne Englisch wird das nichts, deshalb habe ich mich hingesetzt und gepaukt.“ In Kumars Schule gab es keine Englischkurse, also hat er sich mit dem Radio ausgeholfen und die englischen Nachrichten mit denen auf Hindi verglichen. „Ich habe jeden Tag zehn bis 15 Wörter gelernt. Nach zwei Jahren habe ich dann englische Bücher gelesen und schließlich sogar englische Literatur studiert.“ Der Zugang zur englischen Sprache eröffnete Kumar auch den Zugang zur Welt: Er war hungrig nach Wissen, las sich ein in Geschichte und Weltpolitik und begann einzelne Dinge aufzuschreiben. Die journalistische Arbeit wurde zu Sanjay Kumars Leidenschaft. Also folgte auf seine zwei Masterabschlüsse noch eine Journalistenschule und dann der typische Karriereweg eines Nachwuchsjournalisten: Praktikum bei einem Fernsehsender in Mumbai, der erste Job in Delhi, die Bezahlung eher unterirdisch, die Begeisterung für den Beruf dafür umso größer. Beim Journalismus ist Geld eher eine Nebensache, findet Kumar: „Wirklich wichtig ist die Leidenschaft. Nur mit Passion kannst du in diesem Beruf bestehen.“

Für die Wahrheit sieht es in Indien schlecht aus

Passion für Menschen, Kulturen und natürlich für die Wahrheit. Für letztere sieht es in Indien schlecht aus, findet Sanjay Kumar, gerade mit der Berichterstattung über den pakistanisch-indischen Konflikt ist er mehr als unzufrieden: „Die traditionellen indischen Medien haben eine sehr einseitige Sicht auf die Welt und folgen damit ganz der politischen Leitlinie. Schuld sind immer Pakistan und die Muslime. Die Leute lesen und hören diese Sichtweise nun schon seit Generationen und haben sie für sich übernommen. Das ist ein großes Problem.“

Um sich nicht an diese Maschinerie anpassen zu müssen, flüchtete Kumar in die internationalen Medien und berichtet nun seit acht Jahren als Produzent für die ARD aus Indien. Dazu kamen Artikel für The Diplomat, einem internationalen Online-Magazin mit Fokus auf den asiatischen Raum.

Kumar sieht Indien in den Nationalismus rutschen

Vor zweieinhalb Jahren wurde Narendra Modi zu Indiens neuen Premierminister gewählt, und seitdem sieht Kumar das Land immer mehr in den Nationalismus abrutschen. Kumar glaubt, dass Modis Partei, die rechtskonservative, hindu-nationalistische Bharantiya Janata Party (BJP) Indien zu einem reinen Hindu-Staat machen will, in dem Minderheiten nichts zu sagen haben. „Es passiert bereits viel. Zum Beispiel mischt sich Modi in die eigentlichen freien Institutionen des Landes ein, wie in Schulen, Universitäten oder eben in die Medien”, erklärt der Journalist. „Vor allem werden Minderheiten unterdrückt.” Im indischen Bundesstaat Maharashtra wurde Anfang des Jahres unter Geldstrafe verboten, Rinder zu schlachten oder zu verzehren. Der Beschluss soll aufs ganze Land ausgeweitet werden, obwohl 20% der Bevölkerung nicht hinduistisch glauben und das Fleisch somit durchaus essen dürfen.

Anfang November hat Präsident Modi überraschend die wichtigsten Geldscheine des Landes für wertlos erklären lassen. Sie lassen sich zwar in gültiges Geld eintauschen, dazu braucht man aber Zugang zu einer Bank, muss dort stunden- oder tagelang in der Schlange verharren und schließlich in der Lage sein, die nötigen Formulare zu lesen und auszufüllen. Vor allem ärmere Schichten leiden darunter. Manchen haben Hunger und Kälte bereits das Leben gekostet.

Sanjay Kumar lässt solche Entwicklungen nicht unkommentiert. In The Diplomat schreibt er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Vor fünf Jahren sind auch pakistanische Redakteure auf seine Artikel aufmerksam geworden und nun arbeitet Sanjay Kumar mehrmals im Monat auch für The Express Tribune, eine internationale pakistanische Zeitung, die mit der New York Times kooperiert, ebenso wie für die pakistanische Tageszeitung Dawn.

„Du bist eine Schande, Sanjay. Du hast dich an Pakistan verkauft.“ – es gibt natürlich Kritik, auch von Freunden. Viele Kollegen haben sich notgedrungen an das System angepasst, aber für Sanjay Kumar kommt Selbstzensur nicht infrage. Vor physischer Gewalt fürchtet er sich nicht, aber er weiß, dass die Regierung viele andere Mittel hätte, um ihn unter Druck zu setzen. Sanjay Kumar drückt sich diplomatisch aus. Er sagt nicht, dass er bei Lohnzahlungen aus Pakistan womöglich wegen Landesverrat angeklagt würde, sondern, dass er auf Geld verzichtet, weil dadurch “Schwierigkeiten” entstünden.

Meine Meinung wird gehört“

Kumar schreibt also aus reinem Idealismus – und, um eine Stimme zu haben in einem Indien, dass sich mit der wachsenden Digitalisierung langsam verändert:

„Durch das Internet erreiche ich viele Menschen – manche davon nutzen auch traditionelle indische Medien, andere informieren sich tatsächlich ausschließlich online.” Sanjay Kumar schreibt zwar für internationale und pakistanische Online-Zeitungen, Inder lesen und kommentieren diese Texte aber auch. Oft haben seine Artikel über hundert Kommentare, mal von Pakistani, mal von Indern, mal zustimmend, mal dagegen. „Ich ändere momentan zwar nicht wirklich die Situation, aber meine Meinung wird gehört. Und ich kann in den Kommentarspalten meiner Artikel die Leute zusammenbringen, sodass sie endlich mal wirklich miteinander diskutieren.“

 

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“ – Sanjay Kumar im Interview

„Die Deutschen wollen immer über Probleme reden“ Worauf Inder und Deutsche bei der Zusammenarbeit achten müssen

Deutsch-indische Wirtschaftsbeziehungen haben eine lange Tradition. Große deutsche Unternehmen wie Siemens oder Bosch sitzen seit rund 100 Jahren in Indien. Dennoch erwirtschaften sie nur einen Bruchteil ihres Umsatzes auf dem Subkontinent. Wir haben mit Murali Nair von der Bertelsmann-Stiftung gesprochen und gefragt, warum die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern noch immer so schleppend vorangehen. In seinen Augen müssen deutsche und indische Unternehmen auf die folgenden vier Aspekte achten, um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Indien zu verbessern.

Unterschiedliche Mentalitäten

„Die Deutschen warten, bis alles perfekt ist. Doch dann ist schon alles vorbei. In Indien ist es sehr dynamisch und es herrscht viel Chaos. Damit muss man leben können. Wenn man diese Geduld hat, verdient man auch ordentlich.

Das Chaos in Indien ist aber auch ein Problem: Man ist immer im Krisenmanagement. Inder fangen an zu arbeiten und denken dann erst nach. Als ich bei einem großen deutschen Unternehmen gearbeitet habe, war ich in einer Abteilung, in der auch Software für Audiosysteme für Autos geschrieben wurde. Dort ist jemandem ein Fehler unterlaufen: Das Audiosystem war immer an, selbst wenn der Motor aus war. Dann sind ein paar tausend neue Autos mit einem Schiff nach Algerien gebracht worden. Als die Ladung ankam, war bei allen Autos die Batterie leer. Wie sollte man diese Autos vom Schiff bekommen? In Indien muss man ständig alles kontrollieren. Denn die Kommunikation in Indien ist ganz anders als in Deutschland. Niemand will über Probleme reden. Die Deutschen wollen immer über Probleme reden.“

Kreativität geht über alles

„In Indien muss man kreativ sein – im Guten wie im Schlechten. Nur so findet man einen Weg. Dadurch denken Inder aber auch sehr, sehr kurzfristig. Für Inder bedeutet langfristige Planung drei Jahre. Wenn ich Mitte November bei Indern anrufe, um einen Termin für Februar zu vereinbaren, lachen sie. Sie können sich einfach keinen Termin für später als zwei Wochen vorstellen.

Doch dafür wissen die Inder sich auch immer mit Kreativität zu behelfen. Ein Beispiel: Ein Unternehmen aus Krefeld verkauft Restmetall in Indien. Dafür werden die Lkws, die das Metall transportieren, zweimal gewogen. Einmal mit der Ladung und einmal, nachdem der Laster geleert wurde. Die Differenz macht dann die Menge des Metalls aus, die bezahlt werden muss. Was die Inder machen: Beim Hereinfahren, sitzen zwei Leute im Lkw, die mitgewogen werden. Wenn der Laster das zweite Mal gewogen wird, steigen sie aus. Damit haben sie vielleicht 100 Kilo herausgeschlagen. Das hat zehn Jahre lang niemand bemerkt. Stellen sie sich vor, wie viel tausend Euro das Unternehmen dadurch verloren hat. Das sind Kleinigkeiten und das muss man entspannt sehen. In Indien passiert so was.“

Das indische Menschenbild

„Wir haben viel Humankapital und sind sehr matheorientiert. Wir sind sehr gute Theoretiker, aber wir können keine Maschinen reparieren. Ein anderer wichtiger Punkt ist, dass wir nicht mit unseren Händen arbeiten wollen. Das hat auch mit dem Kastensystem zu tun. Wer nur mit seinem Gehirn arbeitet, eine Software entwickelt oder eine mathematische Formel entwickelt, ist sehr hoch angesehen. Aber an einer Maschine zu schrauben, gilt als sehr schmutzig. Viele wären lieber arbeitslos, als „schmutzige“ Arbeit zu machen.“

Slums: Wirtschaftsnetzwerk statt Zentrum der Armut

„In Indien haben viele Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser und Sanitäranlagen, aber sie alle haben einen Satellitenempfang und einen Fernseher. Der Fernseher ist wichtiger als viele andere Dinge. Der Stellenwert von Medienkonsum ist viel höher als viele Grundsorgen. Eigentlich würde man Slumbewohner als arm kategorisieren. Aber wenn man sich ihr Konsumverhalten ansieht, sind sie wie die Mittelschicht.

Der größte Slum in Asien ist in Mumbai, Dharavi. Dieser Slum hat einen Umsatz von einigen hundert Millionen Dollar. Denn dort drin sind zum Beispiel kleine Textil- oder Lederfirmen und Technikfirmen. Die Leute sehen nicht wie Techniker aus, aber sie können das iPhone jailbreaken. Im Slum passiert viel. Das ist keine Charity. Menschen leben davon, deswegen wollen sie dort auch nicht weg. Sie würden nicht nur ihr soziales Netzwerk, sondern auch ihr Wirtschafts-Netzwerk verlieren. Daran ändert auch die Digitalisierung nichts.“

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Murali Nair ist Senior Project Manager bei der Bertelsmann Stiftung. Dort ist er im Deutschland-Asien-Programm tätig. Sein Fokus liegt auf indischen Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklungen. Erfahre hier, was Murali Nair zum Smart-Cities-Projekt in Indien zu sagen hat. Denn in Indien sollen rund 100 vernetzte Städte entstehen. Ärger kündigt sich bereits an…

 

Weit weg vom Netz und einer sexuellen Revolution Wie die Digitalisierung Indiens Stadt- und Landbevölkerung weiter spaltet

Indien ist das Land der Kontraste: Während die Mittelschicht in den Städten online shoppt oder Datingportale nutzt, ist die Mehrheit der Bevölkerung vom Internet ausgeschlossen und kämpft ums Überleben. Jürgen Webermann, ARD-Korrespondent in Delhi, zeigt, warum in Sachen Digitalisierung noch viel zu tun ist.

Neu-Delhi im Februar 2009. (Foto: Christian Haugen, CC BY 3.0 DE)

Vom fein bestickten gelben Sari bis zum neuen Mittelklassewagen: Die urbane Mittelschicht Indiens liebt es, online zu shoppen. 2009 erlebte das Land einen digitalen Boom. Für Smartphone- und Social-Media-Anbieter ist Indien derzeit einer der am stärksten wachsenden Märkte weltweit. 375 Millionen der 1,3 Milliarden Einwohner sind heute online. Bis Ende dieses Jahrzehnts soll sich die Zahl auf eine halbe Milliarde erhöhen. Gleichzeitig ist Indien aber auch der Rekordhalter bei den Offlinern, der sogenannten „unconnected billion“. Eine Milliarde Menschen, vor allem die Landbevölkerung, bleibt außen vor. Wer Glück hat, lebt in einem Dorf mit Cybercafé und kann sich, solang der Strom nicht ausfällt, mit dem Word Wide Web vertraut machen. Doch die Zukunftsvisionen von Premierminister Narendra Modi gehen viel weiter: Bereits im September 2015 hat er angekündigt, über Glasfaserkabel innerhalb von fünf Jahren alle ländlichen Regionen mit Internet zu versorgen. Das bedeutet, in 600.000 Dörfern Kabel zu verlegen; Zum Vergleich: In Deutschland gibt es gerade einmal 15.000 Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern und auch hierzulande läuft der Ersatz der DSL-Verbindungen durch schnelles Glasfasernetz sehr schleppend. Während in Japan bereits 73 Prozent der Haushalte mit High-Speed-Internet surfen, sind in Deutschland laut OECD nur 1,3 Prozent der Haushalte schon mit Glasfaseranschluss ausgestattet.

 

 Verpasste Chance: Digitalisierung könnte die Armut auf dem Land bekämpfen

 Die großspurigen Versprechungen von Modi verfolgt der deutsche Journalist Jürgen Webermann mit Skepsis. Seit knapp vier Jahren ist er Indien-Korrespondent der ARD und beobachtet die indische Netzwelt. Für seine Recherchen ist er auch häufig in den ländlichen Regionen unterwegs. Hier leben fast 70 Prozent der Inder. „Es gibt tolle Ideen, wie man die Leute auf dem Land ins Internet bringen kann, aber die müssten eben auch umgesetzt werden und an der Umsetzung hakt es in Indien eigentlich immer“, sagt der Radioreporter. Dabei könne die Digitalisierung auf dem Land das Leben nicht nur modernisieren, sondern existenzielle Probleme lösen. Erst in diesem Jahr belegte Indien Platz 97 von 118 des Welthungerindex. Unter den asiatischen Ländern stufte die Welthungerhilfe nur Afghanistan, Pakistan, Nordkorea und Osttimor schlechter ein. „Die Digitalisierung könnte auf dem Land eine riesige Chance sein, wenn man es mit satellitengestütztem Internet schaffen würde, mobile Bankstationen einzurichten“, sagt Jürgen Webermann. So könne man endlich sichergehen, dass Bedürftige auf dem Land staatliche Subventionen direkt auf ihr Konto bekommen, ohne das Mittelsmänner in den Behörden vorher etwas abzwacken. Laut Webermann verfügt nur jedes vierte Dorf in Indien über eine Bank im Umkreis von weniger als fünf Kilometern.

Zudem mangelt es der Landbevölkerung an einem qualifizierten Bildungsangebot; nicht einmal Englisch- und Matheunterricht für jedes Kind ist garantiert. Der Korrespondent kennt die Bürgermeisterin eines Dorfes in Rajasthan, für dessen Schule sich nur ein Lehrer für Sanskrit und indische Geschichte finden ließ. Ohne diese Grundlagen heißt das für die Schulabsolventen: keine Chance auf einen Job in der florierenden Start-Up-Szene in Bangalore oder Neu-Delhi. Viele junge Inder zieht es trotzdem in die Städte, obwohl es außerhalb des informellen Sektors für sie dort meist keine Anstellung gibt. Jürgen Webermann ist der Auffassung, dass sich die große Lücke zwischen Stadt und Land in den kommenden Jahren sogar noch verstärkt: „Die Digitalisierung treibt die Transformation in den Städten deutlich voran und die Leute auf dem Land werden immer weiter abgehängt.“ Diese Spaltung, in Fachkreisen „Digital Devide“ genannt, fällt Webermann besonders dann auf, wenn er von seinen Recherchen wieder zurück nach Neu-Delhi kommt. Neben Startup-Büros und Onlineshops habe sich eine Ausgehkultur entwickelt, die er vorher so nicht erlebt hat.

 

Im Netz werden traditionelle Gesellschaftsmuster auf die Probe gestellt

Im Kontrast zu diesen neuen Freiheiten ist die arrangierte Ehe auch in indischen Städten noch weit verbreitet. Doch seit einiger Zeit bekommen Eltern in der Männerwahl für ihre Töchter Konkurrenz. Über 1500 Rating-Apps und Websites stehen in Indien zur Auswahl. „Es geht gar nicht unbedingt darum, jemanden abzuschleppen, sondern erstmal überhaupt Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen“, so Webermann. In Konkurrenz zum kalifornischen „Tinder“ stehen indischen Heiratsportale wie „shaadi“ und „bharat matrimony“, die von ihren Nutzern auch Religion und Kaste abfragen. Auch wenn manchmal doch noch die Familie mit hinter den Bildschirmen sitzen dürfte, kann sich Jürgen Webermann vorstellen, dass der Anteil an ‚Love Marriages’ durch die Verbreitung solcher Apps steigt. Denn anders als Bollywood suggeriert, sind nach einer Studie der Universität in Chicago 2007 nur fünf Prozent der indischen Ehen Liebes-Heiraten. Doch steckt die Tradition der arrangierten Ehe schon mitten im Umbruch? Im Netz beobachtet Webermann neben den Dating-Sites eine Fülle an Kleinanzeigen in Foren: von Frauen, die versuchen auf diese Weise ausländische Geschäftsmänner aufzuspüren, bis zu indischen Pärchen, die einen dritten Spielpartner für sexuelle Abenteuer suchen. „Das fand ich total abgefahren, weil Sex in der indischen Gesellschaft normalerweise wirklich noch ein Tabuthema ist“, erklärt der Journalist.

Die vielfältigen Kontaktmöglichkeiten im Internet kommen auch Homosexuellen in Indien zugute – und das obwohl Homosexualität immer noch unter Strafe steht. Erst 2013 wurde das Gesetz, das homosexuelle Praktiken als illegal einstuft, vom indischen Supreme Court bestätigt. Doch weder im Alltag und schon gar nicht im Netz scheint das antiquierte Gesetz noch zu greifen, jedenfalls finden sich in den Anzeigeforen auch viele Gesuche nach gleichgeschlechtlichen Partnern. „Ich glaube, in den Foren kann man recht leicht Leute finden, mit denen man seine Homosexualität ausleben kann. Freunde von uns, die homosexuell sind, machen das auch so“, sagt Webermann. Die Angst, dass gleichgeschlechtliche Liebschaften übers Netz auffliegen könnten, sei unbegründet, denn der Staat sei so ineffektiv, da blieben keine Kapazitäten für eine Art Gesinnungspolizei, die das Internet durchstreift. Langfristig glaubt der Indien-Korrespondent, habe die Digitalisierung das Potential, das Verbot von Homosexualität zu kippen. Der Wandel wirkt für ihn immer deutlicher wie eine kleine sexuelle Revolution.

 

In indischen Dörfern fehlt es noch an den Basics

 Von all dem bekommen die Inder auf dem Land nichts mit. „Während wir in der Stadt schon manchmal im 21. Jahrhundert angekommen sind, stecken die ländlichen Regionen noch im Mittelalter“, formuliert Webermann. Ein drastisches Urteil, das aber auch der indische Journalist und Blogger Sanjay Kumar stützt: “Internet ist wohl das letzte Problem von jemandem, der um drei Mahlzeiten am Tag kämpfen muss.”

Dass Bildung und Existenzsicherung Vorrang haben, wissen auch eine Hand voll Initiativen, die sich der „unconnected billion“ zuwenden und mit rudimentären, digitalen Angeboten versuchen, zu helfen. Das sind Dienste wie „vahan“, bei dem ein Lehrer, hunderte Kilometer entfernt, seine Schüler anruft und via Handy-Dialog Englisch-Nachhilfestunden gibt. Die „Whole in the Wall“-Initiative dagegen hat es sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche spielerisch an das Internet heranzuführen und installiert internetfähige Rechner in Wänden von öffentlichen Gebäuden, die zur freien Verfügung stehen. Auch erste wackelige Versuche mit Telemedizin über Cybercafés zeigen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, als allein darauf zu hoffen, dass Narendra Modi bis 2020 sein Versprechen einhält.

In einem deutschen Artikel über Inden darf die Kuh natürlich nicht fehlen: Hier vor der Werbung für ein Internetcafé – in Indiens’ ländlichen Gebieten meist der einzige Zugang zum Netz. (Foto: Vincent Desjardins, CC BY 3.0 DE)

 

Wenn die Kuh mit auf’s Bild muss Klischees über Indien in den Medien - und wie sie sich überwinden lassen

Indien ist vielfältig, dennoch verbreiten Medien über das Land häufig Klischees. Deutsche Journalisten wollen gegensteuern, indem sie über mehr berichten als nur über Gewalt und Armut. Dafür benötigen sie WhatsApp und einige Dolmetscher.

Jürgen Webermann berichtet für die ARD seit 2013 aus Indien (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)

Wenn dem indischen Außenministerium etwas besonders wichtig ist, dauert es nicht lange, bis auf Jürgen Webermanns Handy ein WhatsApp-Chat aufploppt. Webermann schaut dann auf sein Display und öffnet die Nachricht vom Minister-Sprecher, ohne sich darüber zu wundern, wer ihm da schreibt. Längst hat sich der Indien-Korrespondent daran gewöhnt, wie in Indien politische PR gemacht wird: mit Social Media statt mit drögen Pressemitteilungen.

Bereits vor zwei Jahren bekamen indische Journalisten zu spüren, was es heißt, wenn Spitzenpolitiker lieber twittern als mit ihnen zu reden: Nach seiner Wahl im Mai 2014 ließ sich Premierminister Narendra Modi zunächst mehrere Monate Zeit, bis er den Zeitungen des Landes Interviews gab. Erst als die Presseleute diese Praxis öffentlich monierten, sprach der Premier mit ihnen. Denn ähnlich wie Donald Trump liebt es Modi, der auf Twitter 26 Millionen Follower hat, seine Statements und Vorhaben direkt in den sozialen Medien zu verbreiten. Dort erreicht er seine Wähler schneller als beim Gespräch mit einem Reporter, und zudem hat er selbst die Hoheit darüber, wie die Informationen beim Publikum ankommen. Das Nachsehen haben die klassischen Medien, sie bangen um die Exklusivität ihrer Stories.

 

Korrespondent für ein Viertel der Weltbevölkerung

Darüber, wie er an gute Stories kommt, muss sich Jürgen Webermann meist keine Sorgen machen. Im Gegenteil: Für die ARD berichtet er seit 2013 als Hörfunk-Korrespondent über ein gewaltiges Territorium: ganz Südasien, darunter Indien und Afghanistan; eine Region, in der fast zwei Milliarden Menschen leben – ein Viertel der Weltbevölkerung. Geschichten gibt es für Webermann dort immer und überall. Gleichzeitig fordert ihn die Größe der Region heraus: Ständig besteht das Risiko, Bedeutsames zu verpassen, Stereotype abzubilden oder ganze Bevölkerungsgruppen zu stigmatisieren, etwa jene Millionen Menschen, die in den noch immer bitterarmen ländlichen Gegenden von Indien leben.

Nur etwa zehn deutschsprachige Journalisten berichten regelmäßig aus Indien, darunter Reporter für die Neue Zürcher Zeitung, die Zeit, das ZDF oder für die Deutsche Welle (DW). Für die DW, den deutschen Auslandssender, hat auch Christoph Kober eine Zeit lang in Indien gearbeitet, sein Schwerpunkt sind Wirtschaftsthemen. Die Indien-Klischees, die ihm immer wieder begegnen, ermüden ihn: “Man könnte flapsig sagen: In jedem Beitrag des ZDF über Indien läuft irgendwann eine Kuh durchs Bild, weil die Leute das von Indien erwarten.” Das, was Journalisten wie Jürgen Webermann und Christoph Kober tun, beeinflusst das Bild der Deutschen von Indien maßgeblich. Allein 60 Radiosender strahlen Webermanns Beiträge aus, darunter der Deutschlandfunk und sämtliche Sender der ARD. Was Webermann sagt, das hören Millionen. Und was er kommentiert, formt deren Meinungen über ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Deshalb möchte er nuancieren und einordnen, so gut es geht.

 

Rassistische Stereotype bringen Quote

„Wird in Indien eine Touristin vergewaltigt, springen wir nicht gleich auf das Thema auf“, sagt Webermann. In Europa werde ja auch nicht jede Vergewaltigung einer Touristin in den Medien hochgejazzt. Das Problem dabei: Geschichten aus Indien über solche Vorfälle funktionieren gut in Deutschland, so Webermann. Sie bringen Klicks und Quote. „Auch weil sie rassistische Stereotype bedienen, von dunkelhäutigen Männern, die wie Tiere über Frauen herfallen. Dagegen wehren wir uns.“ Ignorieren will Webermann Themen wie Vergewaltigungen aber auch nicht. Wichtig sei es, einen Kontext zu schaffen.

Zum Jahrestag der Gruppenvergewaltigung, bei der 2012 sechs Männer in Neu-Delhi eine junge Frau misshandelt haben, bieten Webermann und seine Kollegen etwa eine Reportage-Serie an, in der die unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft abgebildet werden. Dabei geht es nicht nur um Frauen, die schwere körperliche Gewalt erleben, sondern auch um solche, die beruflich erfolgreich sind, aber an Glasdecken stoßen. „Und das sind Probleme, die es auch bei uns im Westen gibt”, sagt Webermann.

Mit Vorurteilen über seine Landsleute wird auch der indische Kommunikationswissenschaftler Jacob Puthenparambil konfrontiert, der derzeit an der TU Dresden promoviert. Besonders häufig bekommt der 37-Jährige zwei Fragen gestellt: Ernährt sich wirklich jeder Inder vegetarisch? Und sind eigentlich alle Inder IT-Experten? Sicher, es sind Vorurteile der harmloseren Art, aber auch sie werden von den Medien vermittelt, findet Puthenparambil, der in London studierte und in Singapur eine PR-Agentur leitet. Um sich über Deutschland und über das Bild der Deutschen über Indien zu informieren, verfolgt er die englische Ausgabe von Spiegel Online oder die Deutsche Welle. Problematisch ist laut Jacob Puthenparambil die Tatsache, dass sich westliche Journalisten hauptsächlich in den zwei indischen Metropolen Neu-Delhi und Mumbai aufhalten. Dort seien Armut, Hunger und Korruption aber nicht so ausgeprägt wie auf dem Land. “Neu-Delhi und Mumbai sind aber nicht Indien”, sagt Puthenparambil. „Das ist genauso falsch, wie von New York oder San Francisco auf die gesamte USA zu schließen.“

ARD-Korrespondent Jürgen Webermann kennt diese Bedenken, auch sein Studio befindet sich mitten in Neu-Delhi und somit in einem der wenigen, modernen, digitalisierten Zentren Indiens. Verlässt er für Reportagen die Stadt, wird die Arbeit komplizierter für ihn. Etwa wenn es nicht mehr reicht, nur auf Englisch miteinander zu sprechen. „Das ist ein großes Hindernis“, sagt Webermann. „Wenn ich mit Leuten Hindi spreche, helfen mir zwei indische Producer beim Übersetzen. Schwieriger wird es, wenn es für eine Reportage über Hunger nach Maharashtra geht, wo Marati gesprochen wird. Dann brauche ich auch noch jemanden, der von Marati auf Hindu und dann wiederum ins Englische übersetzt. Vieles kann dadurch verloren gehen.“

 

Ist das Publikum nicht offen für Differenzierungen?

Was verloren gehen kann, wenn eine Nachricht nicht vollständig wiedergegeben wird, hat Webermann auch im November 2013 erfahren, als er sich dazu entschlossen hat, nach Bangalore zu reisen. Der Grund: Erstmals gelang es Indien, eine Rakete zum Mars zu schicken. Die Mission war von geringer wissenschaftlicher Relevanz, das Budget lag mit 60 Millionen US-Dollar unter dem eines Hollywood-Films. Aber Indien jubelte. Indes ergoss sich in den Kommentarspalten der ARD-Websites der Hohn. Warum nur, fragten dort viele, leistet es sich ein armes Land mit so viel Hunger eine Rakete ins All zu schießen? Webermann hatte zunächst eine ähnliche Einschätzung wie die Kommentatoren, aber anstatt weiter zu spekulieren, reiste er zur indischen Weltraumagentur, ins 2.000 Kilometer südlich gelegenen Bangalore, um einen zweiten Bericht zu erstellen. „Was ich dort vorfand, war der Muff einer 80er-Jahre-Behörde in Deutschland, es roch nach Bohnerwachs, nach Spießigkeit und es war alles andere als schick“, sagt Webermann. Statt auf Patriotismus und Pathos fokussierten sich die Forscher auf das Wesentliche. Ohnehin war das primäre Ziel nicht die Marslandung, sondern eine Rekrutierungskampagne: Dank der Aufmerksamkeit für die Mars-Mission hätten sich sofort 200.000 College-Absolventen um einen Job beworben, die sonst wohl zu besser zahlenden Firmen gegangen wären. Mit den jungen Fachleuten sei es wiederum möglich, an wichtigen Verbesserungen zu forschen, die allen Indern zugutekommen, etwa an Satelliten, die genauere Wettervorhersagen oder Internet für entfernte Regionen ermöglichen.

Nun gehört es aber zu den Paradoxien der Mediengesellschaft, dass nuancierte Berichte zwar leicht zu finden sind, das Publikum diese aber nicht unbedingt mit großer Aufmerksamkeit würdigt. So auch bei Webermanns zweiter Geschichte über die Weltraumagentur. “Das Interesse war wirklich gering“, sagt er. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass das Publikum offen war für diese Differenzierung.“ Was aber sollen deutsche Medien tun, wenn aufgewärmte Klischees stets besser funktionieren als Differenzierung? Jacob Puthenparambil gibt einen pragmatischen Rat, von dem die deutschen Zuschauer nur wenig hätten: „Die Medien sollten ihr Publikum vergrößern und mehr auf Englisch berichten“, empfiehlt der indische Kommunikationswissenschaftler. “Schon jetzt sprechen Millionen Inder Englisch. Die wollen wissen, wie der Westen über sie denkt.” Und Millionen Inder, die Jahr für Jahr ins Internet kommen, haben erstmals die Möglichkeit dazu.

Jürgen Webermann spricht über den Digital Divide (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)