Beiträge

Fünf Dinge, die Indien besser kann als Deutschland

Die Nachrichten über Indien, die bei uns hängen bleiben, bedienen oft Vorurteile: Bollywood, Techies und Massenvergewaltigungen. Zeit, ein paar neue Seiten zu zeigen – von denen wir vielleicht auch noch was lernen können. Jürgen Webermann, ARD-Korrespondent für Indien, verrät uns fünf Dinge, die seiner Meinung nach in Indien besser laufen als in Deutschland:

Smart um jeden Preis In den kommenden Jahren sollen in Indien knapp 100 moderne und vernetzte Städte entstehen. Auch deutsche Unternehmen sehen gute Investitionsmöglichkeiten. Doch wer profitiert?

Die Mission ist klar – die Zukunft ist smart. Dieses Versprechen gibt jedenfalls das indische Ministerium für Stadtentwicklung auf ihrer Website. Als Europäer denken wir bei Smart Cities an vernetzte Städte – wo Supermärkte mit Kühlschränken kommunizieren und Autos mit Straßen.

Auf ihrer Homepage erklärt die indische Regierung dagegen, dass eine Smart City eine Stadt mit adäquatem Wasseranschluss, funktionierender Stromversorgung und Müllabfuhr ist. Erst an sechster und siebter Stelle steht die digitale Vernetzung und das Ziel der elektronischen Verwaltung.

Im Schwellenland Indien fehlt es vielen Menschen an grundlegender Infrastruktur. Diese soll Hand in Hand mit dem nächsten Schritt aufgebaut werden: der Digitalisierung. Premierminister Narendra Modi, der die Initiative 2014 kurz nach seinem Amtsantritt ins Rollen gebracht hat, geht mit großen Worten voran. “Denkt großspurig, konzentriert euch auf eure Fähigkeiten, Maßstäbe und Schnelligkeit um Indiens Wachstum neu aufleben zu lassen,” forderte er die indischen Bürger im Januar 2016 auf.

Über hundert smarte Städte sollen neu entstehen oder ausgebaut werden. Dafür will die Regierung in den nächsten sieben Jahren umgerechnet 7,05 Milliarden Euro investieren. Nach der dritten Bewerbungsrunde stehen 98 Städte fest. Große Metropolen wie Mumbai oder Neu-Delhi sind dabei. Die offiziell erste vernetzte Stadt „Gift City“ entsteht gerade auf dem platten Land im westindischen Bundesstaat Gujarat.

Einladung an Firmen weltweit

Doch immer wieder kommen Zweifel an der Finanzierbarkeit auf. Eine Studie des Beratungsunternehmens Deloitte kommt zu dem Schluss, dass das Projekt mindestens 141 Milliarden Euro kosten würde. Andere sprechen sogar von Billionen.

Da die Regierung das Geld nicht aus eigener Kasse aufbringen kann, sucht sie weltweit nach Investoren, mit denen sie Public-Private-Partnerships eingehen will. Laut Murali Nair, dem Koordinator des Programms „Deutschland-Asien“ bei der Bertelsmann Stiftung, verbessert das die Investitionsmöglichkeiten für deutsche Firmen. „Vor allem im Bereich Transport, Infrastruktur und Abfallverarbeitung haben deutsche Unternehmen einen enormen Vorteil“, sagt er. Indiens Städte wachsen rasant, der Bedarf ist dementsprechend hoch. Das deutsche und das indische Bauministerium haben Mitte 2016 ein Programm ins Leben gerufen, bei dem deutsche Investoren für Projekte in drei indischen Städten gefunden werden sollen. Noch ist nichts über den Ausgang des Programms bekannt.

Tummelplätze für die Reichen?

Das indische Ministerium für Stadtentwicklung spricht auch von bezahlbaren Wohnungen für arme Menschen in den Smart Cities. Die Art und Weise, wie die Regierung ihre Vision bisher umsetzt, lässt daran jedoch Zweifel aufkommen. Die Geographin Ayona Datta forscht am Kings College in London unter anderem zur Stadtentwicklung und beschreibt, wie immer mehr öffentlicher Raum in Indien von privaten Investoren gekauft wird. Gesetze, die den Kauf und Verkauf von Grundstücken regeln, wurden im Sinne der Geldgeber verändert. Auch gemeinschaftlich genutztes Land wird immer wieder privatisiert. Wohnraum zu günstigen Preisen entsteht dabei selten.

Zusätzlich besteht die Gefahr, dass sich Bauprojekte und letztlich die gesamte Stadtentwicklung demokratischen Prozessen entziehen. Was wo (aus-)gebaut wird entscheiden zunehmend Firmen und nicht Stadtverwaltungen. Der britische Guardian fragt deshalb: „Ist das Smart City-Projekt ein Rezept für soziale Apartheid?“ Dafür spricht auch das viel geteilte Foto aus einer Broschüre, das eine indische Journalistin Anfang 2015 auf Twitter veröffentlichte. Hohe Preise und polizeiliche Eingriffe sollen demnach dafür sorgen, dass ärmere Menschen sich nicht in den Smart Cities ansiedeln.

Murali Nair sieht das gelassener und verweist auf ein Projekt im Süden Indiens. Dort müssten Teile der Bevölkerung zwar ihr Land verlassen, würden aber an den Gewinnen, die die Stadt erwirtschaftet, beteiligt – wenn es denn Gewinne gibt. „Wenn das nicht passiert, dann würden die Inder sofort auf die Straße gehen“, sagt Nair. „Da haben sie überhaupt keine Hemmungen.“ Erster ziviler Protest formiert sich bereits. Vor allem in der Landbevölkerung und bei indigenen Gruppen, die befürchten, dass sie ihr Land in naher Zukunft verlieren werden.

Was sollten Deutsche und Inder bei der Zusammenarbeit beachten? Murali Nair hat in beiden Ländern gelebt und gearbeitet und gibt hier einige Hinweise.

Weit weg vom Netz und einer sexuellen Revolution Wie die Digitalisierung Indiens Stadt- und Landbevölkerung weiter spaltet

Indien ist das Land der Kontraste: Während die Mittelschicht in den Städten online shoppt oder Datingportale nutzt, ist die Mehrheit der Bevölkerung vom Internet ausgeschlossen und kämpft ums Überleben. Jürgen Webermann, ARD-Korrespondent in Delhi, zeigt, warum in Sachen Digitalisierung noch viel zu tun ist.

Neu-Delhi im Februar 2009. (Foto: Christian Haugen, CC BY 3.0 DE)

Vom fein bestickten gelben Sari bis zum neuen Mittelklassewagen: Die urbane Mittelschicht Indiens liebt es, online zu shoppen. 2009 erlebte das Land einen digitalen Boom. Für Smartphone- und Social-Media-Anbieter ist Indien derzeit einer der am stärksten wachsenden Märkte weltweit. 375 Millionen der 1,3 Milliarden Einwohner sind heute online. Bis Ende dieses Jahrzehnts soll sich die Zahl auf eine halbe Milliarde erhöhen. Gleichzeitig ist Indien aber auch der Rekordhalter bei den Offlinern, der sogenannten „unconnected billion“. Eine Milliarde Menschen, vor allem die Landbevölkerung, bleibt außen vor. Wer Glück hat, lebt in einem Dorf mit Cybercafé und kann sich, solang der Strom nicht ausfällt, mit dem Word Wide Web vertraut machen. Doch die Zukunftsvisionen von Premierminister Narendra Modi gehen viel weiter: Bereits im September 2015 hat er angekündigt, über Glasfaserkabel innerhalb von fünf Jahren alle ländlichen Regionen mit Internet zu versorgen. Das bedeutet, in 600.000 Dörfern Kabel zu verlegen; Zum Vergleich: In Deutschland gibt es gerade einmal 15.000 Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern und auch hierzulande läuft der Ersatz der DSL-Verbindungen durch schnelles Glasfasernetz sehr schleppend. Während in Japan bereits 73 Prozent der Haushalte mit High-Speed-Internet surfen, sind in Deutschland laut OECD nur 1,3 Prozent der Haushalte schon mit Glasfaseranschluss ausgestattet.

 

 Verpasste Chance: Digitalisierung könnte die Armut auf dem Land bekämpfen

 Die großspurigen Versprechungen von Modi verfolgt der deutsche Journalist Jürgen Webermann mit Skepsis. Seit knapp vier Jahren ist er Indien-Korrespondent der ARD und beobachtet die indische Netzwelt. Für seine Recherchen ist er auch häufig in den ländlichen Regionen unterwegs. Hier leben fast 70 Prozent der Inder. „Es gibt tolle Ideen, wie man die Leute auf dem Land ins Internet bringen kann, aber die müssten eben auch umgesetzt werden und an der Umsetzung hakt es in Indien eigentlich immer“, sagt der Radioreporter. Dabei könne die Digitalisierung auf dem Land das Leben nicht nur modernisieren, sondern existenzielle Probleme lösen. Erst in diesem Jahr belegte Indien Platz 97 von 118 des Welthungerindex. Unter den asiatischen Ländern stufte die Welthungerhilfe nur Afghanistan, Pakistan, Nordkorea und Osttimor schlechter ein. „Die Digitalisierung könnte auf dem Land eine riesige Chance sein, wenn man es mit satellitengestütztem Internet schaffen würde, mobile Bankstationen einzurichten“, sagt Jürgen Webermann. So könne man endlich sichergehen, dass Bedürftige auf dem Land staatliche Subventionen direkt auf ihr Konto bekommen, ohne das Mittelsmänner in den Behörden vorher etwas abzwacken. Laut Webermann verfügt nur jedes vierte Dorf in Indien über eine Bank im Umkreis von weniger als fünf Kilometern.

Zudem mangelt es der Landbevölkerung an einem qualifizierten Bildungsangebot; nicht einmal Englisch- und Matheunterricht für jedes Kind ist garantiert. Der Korrespondent kennt die Bürgermeisterin eines Dorfes in Rajasthan, für dessen Schule sich nur ein Lehrer für Sanskrit und indische Geschichte finden ließ. Ohne diese Grundlagen heißt das für die Schulabsolventen: keine Chance auf einen Job in der florierenden Start-Up-Szene in Bangalore oder Neu-Delhi. Viele junge Inder zieht es trotzdem in die Städte, obwohl es außerhalb des informellen Sektors für sie dort meist keine Anstellung gibt. Jürgen Webermann ist der Auffassung, dass sich die große Lücke zwischen Stadt und Land in den kommenden Jahren sogar noch verstärkt: „Die Digitalisierung treibt die Transformation in den Städten deutlich voran und die Leute auf dem Land werden immer weiter abgehängt.“ Diese Spaltung, in Fachkreisen „Digital Devide“ genannt, fällt Webermann besonders dann auf, wenn er von seinen Recherchen wieder zurück nach Neu-Delhi kommt. Neben Startup-Büros und Onlineshops habe sich eine Ausgehkultur entwickelt, die er vorher so nicht erlebt hat.

 

Im Netz werden traditionelle Gesellschaftsmuster auf die Probe gestellt

Im Kontrast zu diesen neuen Freiheiten ist die arrangierte Ehe auch in indischen Städten noch weit verbreitet. Doch seit einiger Zeit bekommen Eltern in der Männerwahl für ihre Töchter Konkurrenz. Über 1500 Rating-Apps und Websites stehen in Indien zur Auswahl. „Es geht gar nicht unbedingt darum, jemanden abzuschleppen, sondern erstmal überhaupt Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen“, so Webermann. In Konkurrenz zum kalifornischen „Tinder“ stehen indischen Heiratsportale wie „shaadi“ und „bharat matrimony“, die von ihren Nutzern auch Religion und Kaste abfragen. Auch wenn manchmal doch noch die Familie mit hinter den Bildschirmen sitzen dürfte, kann sich Jürgen Webermann vorstellen, dass der Anteil an ‚Love Marriages’ durch die Verbreitung solcher Apps steigt. Denn anders als Bollywood suggeriert, sind nach einer Studie der Universität in Chicago 2007 nur fünf Prozent der indischen Ehen Liebes-Heiraten. Doch steckt die Tradition der arrangierten Ehe schon mitten im Umbruch? Im Netz beobachtet Webermann neben den Dating-Sites eine Fülle an Kleinanzeigen in Foren: von Frauen, die versuchen auf diese Weise ausländische Geschäftsmänner aufzuspüren, bis zu indischen Pärchen, die einen dritten Spielpartner für sexuelle Abenteuer suchen. „Das fand ich total abgefahren, weil Sex in der indischen Gesellschaft normalerweise wirklich noch ein Tabuthema ist“, erklärt der Journalist.

Die vielfältigen Kontaktmöglichkeiten im Internet kommen auch Homosexuellen in Indien zugute – und das obwohl Homosexualität immer noch unter Strafe steht. Erst 2013 wurde das Gesetz, das homosexuelle Praktiken als illegal einstuft, vom indischen Supreme Court bestätigt. Doch weder im Alltag und schon gar nicht im Netz scheint das antiquierte Gesetz noch zu greifen, jedenfalls finden sich in den Anzeigeforen auch viele Gesuche nach gleichgeschlechtlichen Partnern. „Ich glaube, in den Foren kann man recht leicht Leute finden, mit denen man seine Homosexualität ausleben kann. Freunde von uns, die homosexuell sind, machen das auch so“, sagt Webermann. Die Angst, dass gleichgeschlechtliche Liebschaften übers Netz auffliegen könnten, sei unbegründet, denn der Staat sei so ineffektiv, da blieben keine Kapazitäten für eine Art Gesinnungspolizei, die das Internet durchstreift. Langfristig glaubt der Indien-Korrespondent, habe die Digitalisierung das Potential, das Verbot von Homosexualität zu kippen. Der Wandel wirkt für ihn immer deutlicher wie eine kleine sexuelle Revolution.

 

In indischen Dörfern fehlt es noch an den Basics

 Von all dem bekommen die Inder auf dem Land nichts mit. „Während wir in der Stadt schon manchmal im 21. Jahrhundert angekommen sind, stecken die ländlichen Regionen noch im Mittelalter“, formuliert Webermann. Ein drastisches Urteil, das aber auch der indische Journalist und Blogger Sanjay Kumar stützt: “Internet ist wohl das letzte Problem von jemandem, der um drei Mahlzeiten am Tag kämpfen muss.”

Dass Bildung und Existenzsicherung Vorrang haben, wissen auch eine Hand voll Initiativen, die sich der „unconnected billion“ zuwenden und mit rudimentären, digitalen Angeboten versuchen, zu helfen. Das sind Dienste wie „vahan“, bei dem ein Lehrer, hunderte Kilometer entfernt, seine Schüler anruft und via Handy-Dialog Englisch-Nachhilfestunden gibt. Die „Whole in the Wall“-Initiative dagegen hat es sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche spielerisch an das Internet heranzuführen und installiert internetfähige Rechner in Wänden von öffentlichen Gebäuden, die zur freien Verfügung stehen. Auch erste wackelige Versuche mit Telemedizin über Cybercafés zeigen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, als allein darauf zu hoffen, dass Narendra Modi bis 2020 sein Versprechen einhält.

In einem deutschen Artikel über Inden darf die Kuh natürlich nicht fehlen: Hier vor der Werbung für ein Internetcafé – in Indiens’ ländlichen Gebieten meist der einzige Zugang zum Netz. (Foto: Vincent Desjardins, CC BY 3.0 DE)

 

Wenn die Kuh mit auf’s Bild muss Klischees über Indien in den Medien - und wie sie sich überwinden lassen

Indien ist vielfältig, dennoch verbreiten Medien über das Land häufig Klischees. Deutsche Journalisten wollen gegensteuern, indem sie über mehr berichten als nur über Gewalt und Armut. Dafür benötigen sie WhatsApp und einige Dolmetscher.

Jürgen Webermann berichtet für die ARD seit 2013 aus Indien (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)

Wenn dem indischen Außenministerium etwas besonders wichtig ist, dauert es nicht lange, bis auf Jürgen Webermanns Handy ein WhatsApp-Chat aufploppt. Webermann schaut dann auf sein Display und öffnet die Nachricht vom Minister-Sprecher, ohne sich darüber zu wundern, wer ihm da schreibt. Längst hat sich der Indien-Korrespondent daran gewöhnt, wie in Indien politische PR gemacht wird: mit Social Media statt mit drögen Pressemitteilungen.

Bereits vor zwei Jahren bekamen indische Journalisten zu spüren, was es heißt, wenn Spitzenpolitiker lieber twittern als mit ihnen zu reden: Nach seiner Wahl im Mai 2014 ließ sich Premierminister Narendra Modi zunächst mehrere Monate Zeit, bis er den Zeitungen des Landes Interviews gab. Erst als die Presseleute diese Praxis öffentlich monierten, sprach der Premier mit ihnen. Denn ähnlich wie Donald Trump liebt es Modi, der auf Twitter 26 Millionen Follower hat, seine Statements und Vorhaben direkt in den sozialen Medien zu verbreiten. Dort erreicht er seine Wähler schneller als beim Gespräch mit einem Reporter, und zudem hat er selbst die Hoheit darüber, wie die Informationen beim Publikum ankommen. Das Nachsehen haben die klassischen Medien, sie bangen um die Exklusivität ihrer Stories.

 

Korrespondent für ein Viertel der Weltbevölkerung

Darüber, wie er an gute Stories kommt, muss sich Jürgen Webermann meist keine Sorgen machen. Im Gegenteil: Für die ARD berichtet er seit 2013 als Hörfunk-Korrespondent über ein gewaltiges Territorium: ganz Südasien, darunter Indien und Afghanistan; eine Region, in der fast zwei Milliarden Menschen leben – ein Viertel der Weltbevölkerung. Geschichten gibt es für Webermann dort immer und überall. Gleichzeitig fordert ihn die Größe der Region heraus: Ständig besteht das Risiko, Bedeutsames zu verpassen, Stereotype abzubilden oder ganze Bevölkerungsgruppen zu stigmatisieren, etwa jene Millionen Menschen, die in den noch immer bitterarmen ländlichen Gegenden von Indien leben.

Nur etwa zehn deutschsprachige Journalisten berichten regelmäßig aus Indien, darunter Reporter für die Neue Zürcher Zeitung, die Zeit, das ZDF oder für die Deutsche Welle (DW). Für die DW, den deutschen Auslandssender, hat auch Christoph Kober eine Zeit lang in Indien gearbeitet, sein Schwerpunkt sind Wirtschaftsthemen. Die Indien-Klischees, die ihm immer wieder begegnen, ermüden ihn: “Man könnte flapsig sagen: In jedem Beitrag des ZDF über Indien läuft irgendwann eine Kuh durchs Bild, weil die Leute das von Indien erwarten.” Das, was Journalisten wie Jürgen Webermann und Christoph Kober tun, beeinflusst das Bild der Deutschen von Indien maßgeblich. Allein 60 Radiosender strahlen Webermanns Beiträge aus, darunter der Deutschlandfunk und sämtliche Sender der ARD. Was Webermann sagt, das hören Millionen. Und was er kommentiert, formt deren Meinungen über ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Deshalb möchte er nuancieren und einordnen, so gut es geht.

 

Rassistische Stereotype bringen Quote

„Wird in Indien eine Touristin vergewaltigt, springen wir nicht gleich auf das Thema auf“, sagt Webermann. In Europa werde ja auch nicht jede Vergewaltigung einer Touristin in den Medien hochgejazzt. Das Problem dabei: Geschichten aus Indien über solche Vorfälle funktionieren gut in Deutschland, so Webermann. Sie bringen Klicks und Quote. „Auch weil sie rassistische Stereotype bedienen, von dunkelhäutigen Männern, die wie Tiere über Frauen herfallen. Dagegen wehren wir uns.“ Ignorieren will Webermann Themen wie Vergewaltigungen aber auch nicht. Wichtig sei es, einen Kontext zu schaffen.

Zum Jahrestag der Gruppenvergewaltigung, bei der 2012 sechs Männer in Neu-Delhi eine junge Frau misshandelt haben, bieten Webermann und seine Kollegen etwa eine Reportage-Serie an, in der die unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft abgebildet werden. Dabei geht es nicht nur um Frauen, die schwere körperliche Gewalt erleben, sondern auch um solche, die beruflich erfolgreich sind, aber an Glasdecken stoßen. „Und das sind Probleme, die es auch bei uns im Westen gibt”, sagt Webermann.

Mit Vorurteilen über seine Landsleute wird auch der indische Kommunikationswissenschaftler Jacob Puthenparambil konfrontiert, der derzeit an der TU Dresden promoviert. Besonders häufig bekommt der 37-Jährige zwei Fragen gestellt: Ernährt sich wirklich jeder Inder vegetarisch? Und sind eigentlich alle Inder IT-Experten? Sicher, es sind Vorurteile der harmloseren Art, aber auch sie werden von den Medien vermittelt, findet Puthenparambil, der in London studierte und in Singapur eine PR-Agentur leitet. Um sich über Deutschland und über das Bild der Deutschen über Indien zu informieren, verfolgt er die englische Ausgabe von Spiegel Online oder die Deutsche Welle. Problematisch ist laut Jacob Puthenparambil die Tatsache, dass sich westliche Journalisten hauptsächlich in den zwei indischen Metropolen Neu-Delhi und Mumbai aufhalten. Dort seien Armut, Hunger und Korruption aber nicht so ausgeprägt wie auf dem Land. “Neu-Delhi und Mumbai sind aber nicht Indien”, sagt Puthenparambil. „Das ist genauso falsch, wie von New York oder San Francisco auf die gesamte USA zu schließen.“

ARD-Korrespondent Jürgen Webermann kennt diese Bedenken, auch sein Studio befindet sich mitten in Neu-Delhi und somit in einem der wenigen, modernen, digitalisierten Zentren Indiens. Verlässt er für Reportagen die Stadt, wird die Arbeit komplizierter für ihn. Etwa wenn es nicht mehr reicht, nur auf Englisch miteinander zu sprechen. „Das ist ein großes Hindernis“, sagt Webermann. „Wenn ich mit Leuten Hindi spreche, helfen mir zwei indische Producer beim Übersetzen. Schwieriger wird es, wenn es für eine Reportage über Hunger nach Maharashtra geht, wo Marati gesprochen wird. Dann brauche ich auch noch jemanden, der von Marati auf Hindu und dann wiederum ins Englische übersetzt. Vieles kann dadurch verloren gehen.“

 

Ist das Publikum nicht offen für Differenzierungen?

Was verloren gehen kann, wenn eine Nachricht nicht vollständig wiedergegeben wird, hat Webermann auch im November 2013 erfahren, als er sich dazu entschlossen hat, nach Bangalore zu reisen. Der Grund: Erstmals gelang es Indien, eine Rakete zum Mars zu schicken. Die Mission war von geringer wissenschaftlicher Relevanz, das Budget lag mit 60 Millionen US-Dollar unter dem eines Hollywood-Films. Aber Indien jubelte. Indes ergoss sich in den Kommentarspalten der ARD-Websites der Hohn. Warum nur, fragten dort viele, leistet es sich ein armes Land mit so viel Hunger eine Rakete ins All zu schießen? Webermann hatte zunächst eine ähnliche Einschätzung wie die Kommentatoren, aber anstatt weiter zu spekulieren, reiste er zur indischen Weltraumagentur, ins 2.000 Kilometer südlich gelegenen Bangalore, um einen zweiten Bericht zu erstellen. „Was ich dort vorfand, war der Muff einer 80er-Jahre-Behörde in Deutschland, es roch nach Bohnerwachs, nach Spießigkeit und es war alles andere als schick“, sagt Webermann. Statt auf Patriotismus und Pathos fokussierten sich die Forscher auf das Wesentliche. Ohnehin war das primäre Ziel nicht die Marslandung, sondern eine Rekrutierungskampagne: Dank der Aufmerksamkeit für die Mars-Mission hätten sich sofort 200.000 College-Absolventen um einen Job beworben, die sonst wohl zu besser zahlenden Firmen gegangen wären. Mit den jungen Fachleuten sei es wiederum möglich, an wichtigen Verbesserungen zu forschen, die allen Indern zugutekommen, etwa an Satelliten, die genauere Wettervorhersagen oder Internet für entfernte Regionen ermöglichen.

Nun gehört es aber zu den Paradoxien der Mediengesellschaft, dass nuancierte Berichte zwar leicht zu finden sind, das Publikum diese aber nicht unbedingt mit großer Aufmerksamkeit würdigt. So auch bei Webermanns zweiter Geschichte über die Weltraumagentur. “Das Interesse war wirklich gering“, sagt er. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass das Publikum offen war für diese Differenzierung.“ Was aber sollen deutsche Medien tun, wenn aufgewärmte Klischees stets besser funktionieren als Differenzierung? Jacob Puthenparambil gibt einen pragmatischen Rat, von dem die deutschen Zuschauer nur wenig hätten: „Die Medien sollten ihr Publikum vergrößern und mehr auf Englisch berichten“, empfiehlt der indische Kommunikationswissenschaftler. “Schon jetzt sprechen Millionen Inder Englisch. Die wollen wissen, wie der Westen über sie denkt.” Und Millionen Inder, die Jahr für Jahr ins Internet kommen, haben erstmals die Möglichkeit dazu.

Jürgen Webermann spricht über den Digital Divide (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)

India beyond stereotypes and myths of digital boom

As a land of poor farmers with a Twitter savvy Prime Minister, India faces many challenges when it comes to net neutrality and digital inclusion. Forums like Bildkorrekturen provide an opportunity to understand the digital and social reality of India while changing the stereotypes attached to the country.

Web Master:  Pamela Guachamin

The events keep going

In the Zeitgeschichtliches Forum in Leipzig, the Bildkorrekturen activities continue for the second day. There were three panel discussions scheduled, each of them with different topics related to digitalization and focusing on Kenya, India and Estonia, respectively.

  • Opening of the second day of Bildkorrekturen 2016

  • Martin Emmer at the Keynote III: Digitalization and the Possibilities of Participation

  • Students of Bamberg University during the panel „Kenya: Digitalization & Media“

  • Malak Qamhieh / DW Akademie Mobile Journalism coverage

  • Students from the Deutsche Journalistenschule opening the Kenya panel

  • Levy Obonyo, professor of communication in Nairobi, presenting the Kenya panel

  • Rahul Mukherji, professor of political science at Heidelberg University, presenting the India panel

  • Martin Emmer and Levy Obonyo

  • Nahla Mohamdadein / DW Akademie media coverage team

  • Estonia panel with the students from Leipzig University

  • Participants of the panel „Kenya: Digitalization & Media“

  • The Leipzig University students‘ introduction for the panel „Kenya: Digitalization & Media“

 Webmaster: Pamela Guachamin

Excited about Bildkorrekturen!

Students from the Deutsche Journalistenschule in Munich have shared their motivations to participate in the 2016 Bildkorrekturen conference.

Vera is looking forward to the conference, and she is particularly interested in India panel because she has already been in the country.

Mathias wants to meet other young journalists and exchange their experiences. His wish will probably come true during the conference!

For Sören, the most interesting is the international aspect of the conference. He is looking forward to meet other journalists from around the world and listen to their stories.

Franziska believes digitalization is an essential topic nowadays. She is particularly curious to learn more about countries like Estonia.

Lotte is excited to prepare the India panel since she doesn’t know much about it. There is no doubt, she wants to correct the idea about the country!