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Textilproduktion in Albanien: „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“

Wegen schlechter Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern stehen viele Textilunternehmen in der Kritik. Im Fall von Albanien liegt die Verantwortung allerdings nicht nur bei den Firmen – man muss das Gesamtbild betrachten.

Die Maximilianstraße in München. (Foto: Sylvia Suppé)

Wenn in der Vorweihnachtszeit die Abende länger werden, entfaltet die Maximilianstraße ihre Wirkung erst so richtig. Hell erleuchtete Schaufenster tauchen Münchens Prachtstraße in einen goldenen Schimmer, opulent ausgestattete Dekorationen und viele Ziffern auf den Preisschildern versprechen den Flaneuren: Bei Dolce & Gabbana, Armani oder Versace kauft man nicht einfach nur Kleidung, sondern feingearbeitete Kunst und hochwertige Luxusprodukte. „Made in Italy“, das spricht für sich – möchte man meinen.

Wer die Spur der teuren Kleidungsstücke zurückverfolgt, landet oft in denselben Orten, in denen auch weniger glamouröse Marken wie H&M oder Deichmann produzieren lassen. Es sind keine kleinen Designwerkstätten, sondern Fabriken mit mehreren Hundert Beschäftigten, in denen gearbeitet wird. Und sie befinden sich nicht in Italien, sondern in einem südosteuropäischen Land mit knapp drei Millionen Einwohnern und gut tausend registrierten Textilunternehmen[1]: Albanien.

Der kleine Balkanstaat läuft klassischen Produktionsländern wie China und Bangladesch zunehmend den Rang ab in Sachen Textilarbeit, denn die Vorteile sind offensichtlich: Vor der politischen Öffnung Albaniens in den 1990er Jahren fand der überwiegende Teil der Kleidungsherstellung innerhalb der Grenzen des damals sozialistischen Landes statt. Gut ausgebildete Arbeitskräfte gibt es deshalb heute noch en masse. Ein bewusst niedrig angesetzter Mindestlohn von 22.000 albanischen Lek im Monat, umgerechnet rund 165 €, und politische Stabilität machen das OSZE- und WHO-Mitglied für Investoren zusätzlich attraktiv – gerade für italienische Firmen. Die geografische Nähe (ca. 70 km Luftlinie von Küste zu Küste) und bei den Albanern weitverbreitete Italienischkenntnisse erweisen sich als unschlagbarer Standortvorteil, sodass geschätzt 80 Prozent der jährlich in Albanien gefertigten Kleidungsstücke auf die gegenüberliegende Adriaseite exportiert werden.

„Outward Processing Trade“ und die Folgen

Dass auf den Etiketten dieser Produkte trotzdem „Made in Italy“ prangt, liegt daran, dass sie zwar in Albanien gefertigt, aber nicht komplett hergestellt werden. Hinter „Outward Processing Trade“ oder kurz OPT[2] verbirgt sich ein Produktionssystem, das es europäischen Unternehmen ermöglicht, halbfertig vorproduzierte Teile von Kleidungsstücken ins Ausland zu liefern und dort weiterverarbeiten zu lassen. Der Re-Import ist anschließend zollfrei, sodass arbeitsintensive Schritte legal in lohngünstige Länder ausgelagert werden können, ohne das Label der Inlandsproduktion zu verlieren. „Passive Veredelung“ nennt sich das Verfahren auf Deutsch und ermöglicht bis zu 13-mal höhere Verkaufspreise, während meist weniger als fünf Prozent des Erlöses auf Lohnkosten entfallen. Veredelt werden vor allem Gewinne.

Ordensschwester Christina leitet eine katholische Ambulanzstation in Shkodra, einer größeren Stadt im Norden Albaniens. Eine ihrer Patientinnen hat sich in einer Textilfabrik an einer 200 Grad heißen Maschine den Handrücken verbrannt. Die tiefe Wunde geht bis auf den Knochen, die Heilung wird lange dauern. Trotzdem drängt sie auf eine baldige Rückkehr zur Arbeit, denn ein langer Ausfall kann sie den Job kosten. 16.000 Lek (ca. 123 €) verdient die Patientin in der Textilfabrik. Nicht viel für Acht-Stunden-Schichten an sechs Tagen in der Woche und deutlich unterhalb des Mindestlohns. Trotzdem kann sie auf dieses Einkommen nicht verzichten.

Wenn der Lohn nicht für die Miete reicht

Wie schwierig die Situation für die meist weiblichen Angestellten in Albaniens Textilfabriken ist, zeigen Berichte der „Clean Clothes Campaign“ (CCC). Seit 1989 kämpft die Nichtregierungsorganisation für mehr Rechte und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit. Ihre Untersuchungen zeigen, dass neben weiteren Arbeitsrechtsverletzungen (Arbeitszeiten, Arbeitsschutz, Krankheitsfall) etwa die Hälfte der Arbeiterinnen in Albanien weniger als den gesetzlich festgelegten Mindestlohn verdient. Laut Zahlen der zivilgesellschaftlichen Organisation „Coherent Development Albania“ (CoDe) sind Überstunden die Regel, meistens werden sie nicht vorschriftsmäßig vergütet. Schwester Christina berichtet zudem von Fällen, in denen selbst diejenigen Arbeitgeber, die sich offiziell an gesetzliche Regelungen halten und Abgaben sowie Löhne überweisen, Teile des Gehalts in bar wieder einfordern – sonst würde den Angestellten gekündigt.

Dr. Monika Kleck. (Foto: Sylvia Suppé)

Dr. Monika Kleck hat lange für die kirchliche Organisation Renovabis gearbeitet und Hilfsprojekte in Albanien koordiniert. Mehrmals im Jahr reiste sie selbst ins Land, um sich vor Ort persönlich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Ihre Beobachtungen bestätigen die Ergebnisse des CCC-Berichts: „In Sachen Lebenshaltungskosten ist es so, dass die Leute oft in einem Haus wohnen, das ihnen gehört – weil man von dem, was sie verdienen, kaum die Miete zahlen könnte“. Berechnungen der „Clean Clothes Campaign“ gehen davon aus, dass der Mindestlohn nur etwa ein Viertel des Existenzminimums einer durchschnittlichen Familie abdeckt. Zugleich versuchen die Familien sich ihre wahre Situation nicht anmerken zu lassen. „Die Häuser sind meistens schnell hochgezogen, sie sehen auf den ersten Blick groß und protzig aus, aber innen ist so gut wie nichts drin“, so Dr. Kleck. Obst und Gemüse bauen die Männer im eigenen Garten an, weil die Lebensmittelpreise zu hoch sind – reguläre Arbeit finden gerade sie oft nicht. „Sich um die Kinder kümmern, im Café sitzen, Backgammon spielen, das sind die positiven Fälle. Es gibt auch genug Männer, die trinken“. Den Lebensunterhalt verdienen die Frauen in den Fabriken.

Bildkorrekturen: Veränderung oder Verdrängung?

Albanien als Thema der Bildkorrekturen-Konferenz
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig diskutieren jedes Jahr Studierende, Journalist*innen sowie Fachleute über entwicklungspolitische Themen. Die Vorschläge der Expert*innen zeigen eine Vielzahl von Möglichkeiten auf, wie sich die Situation der albanischen Fabrikarbeiterinnen verbessern ließe. Sie reichen von mehr medialer Aufmerksamkeit für das Thema über Forderungen nach besseren Bildungsangeboten und wirksamerer gewerkschaftlicher Organisation der Angestellten bis hin zu stärkerem Druck auf supranationaler Ebene. Aus westlicher Perspektive klingen diese Vorschläge sinnvoll – ob sie allerdings erfolgsversprechend sind, wirkt zweifelhaft, wenn man sich mit den Menschen außerhalb der wissenschaftlich fokussierten NGO-Filterblase unterhält.

Sowohl Ordensschwester Christina als auch Dr. Kleck sehen die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken als offenes Geheimnis an, von dem die Menschen in Albanien wissen, über das aber nicht gesprochen wird. Gewerkschaften existieren, deren Führer pflegen jedoch enge Beziehungen zu Politik und Wirtschaft. Ihre Interessen liegen laut Berichten oftmals eher auf dem eigenen finanziellen Vorteil als auf dem Schutz der Arbeiterinnen. Denn: „Es gibt Gesetze und es wird kontrolliert, aber die Kontrolleure sind bestechlich. Diese Schattenwirtschaft gibt es definitiv“. Ähnlich sieht es in einem weiteren Geschäftsbereich Albaniens aus, in dem nur selten der Mindestlohn gezahlt wird: den Callcentern. Dr. Kleck hat gesellschaftliche Projekte in vielfältigen Bereichen betreut und auch mit jungen Menschen zusammengearbeitet, die oftmals gut ausgebildet sind: „In den Callcentern, die haben alle studiert. Aber die haben alle viele Bewerbungen geschrieben und keine Arbeit in ihrem Bereich bekommen“. Gute Bildung allein scheint demnach nicht vor unterbezahlter Arbeit zu schützen. „Wenn man in diesen Nähfabriken 200 bis 300 Euro bekommt, ist das miserabel. Wenn man aber weiß, dass auch ein Lehrer nicht mehr als 400, 500 Euro hat, relativiert sich das etwas“, so Dr. Kleck.

Politologin Artemisa Ljarja war eine der Expertinnen auf der Konferenz.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Spricht man die Konferenzteilnehmer auf diese Themen an, winken sie nur resigniert ab: Korruption und Politikversagen seien keine guten Gesprächsthemen – sie werden eher als unveränderliche Komponente hingenommen. Die Stimmung changierte zwischen Frustration und Verdrängung.

Die albanische Landflucht ab den 1990er Jahren

Schulen, Straßen, Brücken:
verwahrloste Infrastruktur in Albaniens Bergregionen
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Die Migrationsbewegungen innerhalb Albaniens, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, legen allerdings nahe, dass die momentane Situation auf dem Arbeitsmarkt gewollt ist: „Um das Jahr 2000 herum oder auch schon seit den 90er Jahre sind sehr viele Leute, die früher in den Bergen lebten, in die Ebene gezogen sind, also in die Küstenregionen. Das liegt daran, dass der Staat die Berge systematisch vernachlässigt hat“, meint Dr. Kleck. Schulen, Krankenhäuser, sogar Straßen und Brücken wurden kaum noch instand gehalten, die Bewohner dadurch zum Verlassen der Region geradezu gezwungen.

Das schwierige Leben der Bergbewohner, hier nahe Fushë-Arrëz.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

„Ich muss wirklich sagen, es ist absolut schwierig in der Bergregion zu überleben“. Hinzu kommt, dass unter den Bewohnern immer wieder Gerüchte lanciert worden sind, der Staat würde Umsiedlern in die Küstenregionen kostenlos Land zur Verfügung stellen. Die Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung auf Besserung trieb viele Menschen in die Städte, wo auch die Textilfabriken angesiedelt sind.

„Das hat dazu geführt, dass in den größeren Städten, Tirana, Durrës, aber auch Lezha, Shkodra richtige Siedlungen neu entstanden sind von diesen Familien, die aus den Bergen dorthin gezogen sind“, so Dr. Kleck weiter. „Und diese Siedlungen sind meist sehr, sehr ärmlich“. Sie kommen den Vorstellungen von Slums in Asien oder Afrika sehr nahe.

Siedlungen am Rand Albaniens großer Städte, hier in Shkodra. (Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Slumartige Verhältnisse in Europa.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Finanzielle Abhängigkeit als Mittel

Neben hoher Arbeitslosigkeit erzeugt vor allem das Gesundheitssystem finanzielle Abhängigkeit, der Krankenhausalltag von Ordensschwester Christina zeigt das sehr deutlich: Eine ihrer Patientinnen wurde bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. „Drei Wochen lag sie im Militärhospital und die haben sie einfach liegen gelassen. Jeden Tag musste die Familie Verbandszeug und Antibiotika selbst in der Apotheke kaufen. Dann wurde sie nach Hause geschickt – jetzt ist die Familie pleite“. Dr. Kleck bezeichnet das öffentliche Gesundheitssystem sogar als kollabiert: „Wenn man in die Krankenhäuser geht, dann sagen die Ärzte meistens: ‚Ich hab da und da meine Privatklinik‘. Nur dort wird man ordentlich behandelt und zahlt dann auch ganz ordentlich“.

Dass in Albanien rund 150.000 Menschen und damit fast die Hälfte aller im produzierenden Gewerbe Tätigen in der Textilindustrie arbeiten, liegt also mit daran, dass von verschiedenen Seiten diesem System zugearbeitet wird. Es gibt kaum Arbeitsplätze für Gutausgebildete, dafür eine umso größere Zahl an Arbeitsuchenden. Deren Lage wird durch das Überangebot zusätzlich prekär – alle sind ersetzbar. Wohlfahrtsstaatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe wird selten ausgezahlt und reicht kaum zum Leben. So bleibt denjenigen, die zum Arbeiten nicht ins Ausland gehen wollen oder können, oft nur der Weg in einen der Billiglohnsektoren. So schlecht die Stellen auch bezahlt sein mögen und so widrig die Arbeitsbedingungen, vielen Menschen in Albanien sichern sie das Überleben. Schwester Christina berichtet von einer weiteren Patientin: Sie „arbeitet seit 15 Jahren in einer Schuhfabrik. Sie suchte mit einer Verletzung am Auge bei uns nach Hilfe. Sie verdient lediglich 13.000 Lek plus Versicherung, trotzdem bat sie mich, alles fest zu verbinden, damit der Staub in der Fabrik nicht in die Wunde kommen konnte“. Die eigene Gesundheit muss zurückstehen, die Arbeit geht vor – bei einem Gehalt von unter 100 Euro.

Erfolg auf dem Rücken der einfachen Leute

Ungewöhnlich deutlich sprach US-Botschafter Donald Lu das Zusammenkommen von Vetternwirtschaft, Korruption und Justizversagen in Albanien an. Bei einer Festrede vor einigen Monaten erhob er schwere Vorwürfe – und niemand widersprach ihm. Zu offensichtlich sind die Anzeichen.

Dr. Klecks Fazit fällt ähnlich deutlich aus: „In Albanien kommt viel zusammen: Eine korrupte Regierung, ein dysfunktionales Staatssystem, ein fast zusammengefallenes Gesundheitssystem, fehlende Arbeitsplätze“. Gerne wird dieser größere Rahmen ausgeblendet und die Verantwortung für die Situation der Textilarbeiterinnen den Fabrikbesitzern und Modekonzernen zugeschoben – zu Recht, denn sie sind es, die ihre Angestellten schlecht bezahlen und unter gefährlichen Bedingungen arbeiten lassen. Doch zugleich gehen wirtschaftliche Akteure nur soweit, wie ein Staat sie lässt. Albaniens Politik der letzten Jahrzehnte scheint darauf ausgelegt zu sein, die gegenwärtige Situation erst erschaffen zu haben: Billige Arbeitskräfte in großer Zahl, die für das eigene Überleben nahezu alles machen – der Nährboden für schnelles Wirtschaftswachstum. Die Produktionsbedingungen erscheinen so weniger als Ursache und eher als ein Symptom für die Gesamtsituation im Land.

Schaut man auf die nackten Zahlen, kann man im Falle Albaniens von einer Erfolgsgeschichte sprechen: Das kleine Balkanland glänzt mit wirtschaftlichen Wachstumsraten, die meist doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt liegen – allerdings zum Preis der schlechtesten Arbeitsbedingungen und des höchsten Armutsrisikos auf dem Kontinent.[3] „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“, meint deshalb Dr. Kleck.

Überleben ohne Leben

Für die Beschäftigten der Textilindustrie reicht es oft zum Überleben – nicht jedoch zum Leben: „Für Lebensmittel oder Kleidung, da gibt es Märkte, die das ganz billig verkaufen, aber der Preis im Geschäft ist ein anderer. Hygieneartikel sind teilweise teurer als in München“, so Dr. Kleck. CoDe Albania kommt zu dem Schluss, dass die Fabrikarbeiterinnen und ihre Familien deshalb nicht nur in den Unternehmen ausgebeutet werden, sondern auch sozial exkludiert werden. „Ein würdevolles Leben als Mitglieder der Gesellschaft ist damit nicht möglich“. Was in Deutschland in Artikel 1 des Grundgesetzes steht, wird in Albanien geschäftlichen Interessen geopfert.

Der Sprung zurück auf die Maximilianstraße könnte größer nicht sein: Wer sich das erhabene Gefühl des weihnachtlichen Schaufensterbummels in Zukunft nicht nehmen lassen will, muss sich nicht mitschuldig fühlen. Im Hinterkopf behalten sollte man aber, dass nur ein Bruchteil des Kaufpreises der sündhaft teuren Schuhe den Lohn der albanischen Arbeiterinnen ausmacht, während das Gros die Geschäftsbilanzen der Modekonzerne schmückt.

 

[1] Zahlen von INSTAT (Republic of Albania Institute of Statistic) aus dem Jahr 2015

[2] European Commission: Taxation and Customs Union

[3] Clean Clothes Campaign: Country Profile – Albania

Virtuelle Kleidung: Identität ohne Material?

Outfits helfen Menschen ihre Identität auszudrücken. Das ist ein Grund, warum viele Kleiderschränke überquellen. Doch der Materialverbrauch schadet der Umwelt. Virtuelle Kleidung könnte eine Alternative sein.

95 Kleidungsstücke hängen bei den Deutschen im Durchschnitt im Schrank. Jedes fünfte davon trägt er so gut wie nie. Trotzdem hat er es gekauft. Diskutiert man über die Kleidungsindustrie, kommt man immer wieder auf die Konsumenten und auf folgende Fragen: Wie bekommt man die Menschen dazu, weniger Kleidung zu kaufen? Kann der einzelne überhaupt etwas ausrichten? Wie holt man diejenigen ins Boot, die bisher nicht auf den ökologischen Fußabdruck achten oder das vielleicht gar nicht möchten? Im Gespräch mit Ed van Hinte erscheint ein Aspekt besonders wichtig. „Kleidung ist eng verbunden mit Identität“, sagt der niederländische Konsumkritiker.

Katharina Mau: Wenn Kleidung so wichtig ist für die eigene Identität, wie kann man dennoch Menschen dazu bringen, weniger zu kaufen?

Ed van Hinte: Das ist sehr schwer. Man kann es mit dem Rauchen vergleichen, das hat auch mit Identität zu tun. Mit 14 Jahren raucht man seine erste Zigarette, weil man cool sein möchte. In Nordwesteuropa ist Rauchen inzwischen fast schon zum Tabu geworden, das war aber ein langer Prozess.

Ed van Hinte (66) Foto: Katharina Mau

Beim übermäßigen Kleiderkonsum sind wir noch lange nicht so weit.

Nein, was das Kaufen angeht, sind wir gefangen in einem System, in dem immer mehr und günstiger produziert werden soll. Wenn man sich in den Geschäften umsieht, wird man ständig damit konfrontiert, wie man sich selbst wahrnehmen und darstellen möchte.

Wie können wir aus diesem System ausbrechen?

Ich denke, wir müssen die Verknüpfung mit der Identität nutzen.

Wie das?

Man muss die Intuition der Menschen erreichen. Es ist gut, wenn ihnen die Probleme in der Modeindustrie bewusst sind, aber das reicht nicht aus. Man muss einen Weg finden, ihnen nichts zu verkaufen, sodass sie sich gut dabei fühlen.

Wie könnte das aussehen?

Virtuelle Kleidung könnte ein Weg sein. Bei Snapchat gibt es schon jetzt Filter, um das eigene Gesicht zu verändern. Das ist Identität ohne Material.

Dieses Szenario ist keines, was innerhalb der nächsten fünf Jahre realistisch sein wird. Das betont auch Ed van Hinte. Und gleichzeitig sagt er: „Man muss auch radikale Gedanken zulassen und sehen, wie weit man damit kommt.“ Van Hinte zeigt ein Video. Es ist eine provokative Zukunftsvision mit Augmented Reality, die der japanische Designer Keiichi Matsuda entworfen hat.

Das Video macht deutlich, wie eine immaterielle Identität aussehen könnte. Man kann in dieser virtuellen Welt Punkte sammeln. Es ist ein Spiel, das den Menschen permanent begleitet, bis er die Brille absetzt. In einer solchen Welt scheint es durchaus möglich, dass wir uns nicht mehr über unsere Kleidung am Körper identifizieren. Virtuelle Kleidung, die unsere Avatare tragen, könnte eine größere Bedeutung haben.

Dieses Szenario ist weit entfernt, Augmented Reality im Alltag hat sich aber schon einmal massenhaft durchgesetzt. Das Smartphone-Spiel Pokémon Go löste im Juli 2016 einen großen Hype aus. Täglich konnte man in den Straßen Menschen sehen, die in der realen Welt über den Smartphone-Bildschirm nach virtuellen Pokémon suchten.

Auch das Zuhause der Zukunft könnte eine virtuelle Identität stützen. Forscher der Universität Bielefeld haben eine Wohnung entwickelt, die den Menschen im Alltag unterstützt – mithilfe moderner Technik. In dieser intelligenten Wohnung gibt es einen Spiegel, der die eigene Kleidung, die man trägt, in anderen Farben anzeigen kann. Würden Online-Shops 3D-Modelle ihrer Kleidungsstücke zur Verfügung stellen, könnte man diese im Spiegel am eigenen Körper ansehen.

Wenn viele Menschen einen solchen Spiegel zu Hause hätten, scheint der Gedanke, Kleidung wie Snapchat-Filter anzuziehen, nicht mehr so fern. Und wer jederzeit virtuell neue Kleidungsstücke anprobieren kann, beschränkt sich in der realen Welt vielleicht auf eine kleine Garderobe. Zumindest würde die Zahl der Fehlkäufe beim Online Shopping wohl deutlich sinken. Da dieses Szenario für die breite Bevölkerung aber in der Zukunft spielt, lohnt es sich, noch einmal an die Gegenwart zu denken.

Katharina Mau: Welche Möglichkeiten gibt es schon jetzt, die Menschen dazu zu bringen, weniger zu kaufen?

Ed van Hinte: Eine Möglichkeit wäre, etwas zu tun, anstatt etwas zu kaufen. Viele Menschen gehen gerne shoppen, aber dabei geht es gar nicht um das Kaufen an sich, sondern um die Befriedigung, die sie dabei bekommen.

Wie könnte man diese Befriedigung stattdessen erreichen?

Es könnte zum Beispiel einen Shop geben, in dem man sich Kleidung für ein Foto oder ein Video anziehen kann. Die Kleidung gibt man danach wieder ab, aber man hat temporär seine Identität geändert und das Foto oder das Video bleibt.

Beim Gedanken an Instagram erscheint auch das nicht unrealistisch. Es gibt viele Fotos, die nicht aus dem Moment heraus entstehen. Menschen rennen zwanzig Mal mit ausgebreiteten Armen ins Meer. Danach veröffentlichen sie das eine Foto, das transportiert, was sie ausdrücken wollten. Auch hier geht es darum, eine virtuelle Identität zu kreieren. Warum also nicht in ein Geschäft gehen und sich die Kleidung ausborgen, die man sowieso nur für ein bestimmtes Foto getragen hätte?

Bei der App Musical.ly, die vor allem unter Jugendlichen beliebt ist, bringen Nutzer ihre Identität über Videos zum Ausdruck. Anfangs kreierten die Jugendlichen vor allem eigene Musikvideos, inzwischen gibt es auch Clips in vielen anderen Bereichen. Wer sich die Videos von Lisa und Lena ansieht, zwei der erfolgreichsten deutschen Influencerinnen auf Musical.ly, sieht sie ständig in neuen Klamotten. Je nach Art der Musik unterstreicht auch die Kleidung ihre Performance. Es ist durchaus denkbar, zum Beispiel in neuen Netzwerkformaten, die reale Kleidung durch virtuelle zu ersetzen.

Vielleicht hätten wir dann im Durchschnitt nur noch 34 Kleidungsstücke im Schrank. Diese Zahl tragen die Deutschen regelmäßig, also mindestens einmal alle drei Wochen. Das virtuelle Ich könnte trotzdem jeden Tag ein neues Kleid oder einen extravaganten Hut tragen.

Quelle Titelbild: Link zum Originalbild: “Real” | Urheber laut Plattform: Maya Reyes | Veröffentlicht auf: Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 2.0 

Interview mit Textilingenieur Kai Nebel: „Textil-Recycling trägt nicht zur Verbesserung der Umwelt bei“

Kai Nebel ist Textilingenieur an der Hochschule Reutlingen und erforscht, wie Textilien nachhaltiger gemacht werden können. Im Interview spricht er darüber, was er von recycelter Kleidung hält und welche Maßnahmen wirklich helfen würden, den Umgang mit Textilien umweltfreundlicher zu gestalten.

 

Kleidung zu recyceln klingt ja erst einmal nach einer guten Idee. Einige Ketten wie H&M bieten zum Beispiel an, gebrauchte Klamotten in den Laden zurückzubringen und geben dafür Rabatte auf neue Kleidung. Ist das eine gute Idee – oder nur gutes Marketing?

Kai Nebel: Das ist ziemlich gutes Greenwashing. Die verbrennen die Klamotten schließlich, wie jetzt durch die Presse ging. Wirklich recycelt wird die Kleidung also nicht. Zum Teil wird sie auch einfach weiterverkauft. Das ist hauptsächlich ein gutes Geschäft für die Entsorger, und für H&M natürlich auch.

Was soll man dann mit alter Kleidung tun? Ab zur Altkleider-Sammlung, oder doch gleich in die Restmülltonne? Viele haben ja das Gefühl, dass sie ohnehin nichts ausrichten können.

Die Mülltonne ist immer eine schlechte Lösung, denn in der Regel sind die Klamotten noch tragbar. Am besten sind Kleidertauschbörsen, Second Hand oder die Kleidung an Freunde und Bekannte weiterzugeben. Was die Altkleider-Container angeht, sollte man wissen: Etwa 60 Prozent der Kleider werden weiterverkauft. Das ist ein Riesengeschäft. Nur die nicht mehr tragbaren Klamotten, oder bei denen der Aufwand zu hoch wäre, werden zerrissen – um dann zu schauen, was daraus gemacht werden kann. Das ist also kein Recycling, sondern ein Downcycling.

Wie sieht es mit Textilien aus recycelten Materialien aus? Einige Outdoor-Marken verkaufen beispielsweise Jacken aus PET-Flaschen.

Wir haben achteinhalb Milliarden Tonnen Plastik auf der Welt. Da liegt es schon nahe, das als Ressource zu nutzen. Aber es löst das Problem nicht. Klamotten haben wir sowieso zu viel, die nicht getragen oder gar nicht verkauft werden. Warum müssen aus Flaschen oder aus alten Fischernetzen noch Klamotten gemacht werden? Außerdem sind die Recycling-Sachen in der Regel teurer als die aus jungfräulichem Material. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Recycling, aber die Argumentation, die da angeführt wird, trägt nicht unbedingt zur Verbesserung der Umwelt bei.

Wieso sind die recycelten Klamotten denn teurer als die neue Ware?

Man braucht doppelt so viel Maschinen, man braucht Lagerfläche, Logistik –  und der ganze Sortieraufwand. Insgesamt ist ein Produkt aus Recyclingmaterial zwei bis zweieinhalbmal so teuer, also kann es eigentlich nur Marketing sein. Wir haben noch nie so viel über Nachhaltigkeit und Recycling gesprochen, es gab noch nie so viele Nachhaltigkeitsprogramme, Forschungen, Publikationen, und so weiter, und was ist passiert? Wir haben unseren Verbrauch verdoppelt. Man kann also sagen, dass das zu nichts führt.

Wenn das nichts bringt, was muss passieren, um die Textilindustrie wirklich fairer und nachhaltiger zu machen?

Die Subventionierung des Massenkonsums muss aufhören. Ich war in letzter Zeit auf ein paar Veranstaltungen, bei denen es um nachhaltige Entwicklung ging. Der Tenor war, wir sollen weitermachen wie bisher, möglichst viel konsumieren, aber nachhaltig oder zumindest mit gutem Gewissen. Machen Sie das Radio an, dann hören Sie: Der Konsumklimaindex steigt an. Da muss ich mir keine Gedanken machen, ob ich irgendein T-Shirt recycle.

Wie lässt sich dann etwas ändern? Wie kann man selbst dazu beitragen, der Umwelt weniger mit seinen Klamotten zu schaden?

Im Grunde ist es fast egal, was ich für ein Textil habe. Ich muss es nur lang nutzen. Wenn ich das zwanzig Jahre anhabe, ist das zehn Mal nachhaltiger, als wenn ich mir jede Woche irgendwas mit einem Siegel für Umweltverträglichkeit kaufe. Ein Kilo Baumwolltextil braucht dreißig, vierzigtausend Liter Wasser, mindestens ein Kilo Chemikalien, die Energie einer Tankfüllung von einem Kleinwagen plus Arbeitskraft plus Emissionen und Abwasser – dafür, dass ich mir das ein Jahr lang in den Schrank hänge und dann wegwerfe.

Und wenn man doch einmal ein neues Kleidungsstück braucht?

Der beste Ansatz ist erst einmal Second Hand. Und wenn ich dann schon ein Textil kaufen möchte, dann muss ich das bewusst tun. Wenn ich weniger kaufe, kann ich vielleicht auch ein bisschen mehr Geld ausgeben, wobei das keine Garantie für nachhaltige Produktion ist. Dann kaufe ich wenigstens da, wo Transparenz herrscht. Ich persönlich würde raten, kauf bei dem Label, wo du hinfahren kannst. Wo man sich die Produktion anschauen und mit den Leuten sprechen kann. Man muss vernünftig dafür zahlen, und ein gutes Produkt bekommen, das man lange trägt.

Per App gegen den Welthunger Wie Start-ups versuchen, mit Apps Jugendliche zum Spenden zu bewegen

Vom Sofa aus den Robin Hood spielen

Per App gegen den Hunger der Welt?

 

Solche Werbebilder gibt es in jeder größeren Stadt in Deutschland: Die Bäuche der Kinder sind vor Hunger ganz aufgedunsen, zarte Ärmchen hängen an den Körpern herunter. Der Fotograf hat leicht von oben fotografiert, sodass die Augen des Kindes auf dem Bild noch größer und niedlicher wirken.

Der Appell an den Betrachter der Werbung: Du hast es doch, spende regelmäßig eine Summe – und wir sorgen dafür, dass es dem Kind gut geht.

Pünktlich zur Mittagspause erinnert einen die App Share the Meal ans Spenden, wenn man die App so einstellt. (Foto: Hellwig)

Sei es wegen der Bilder oder weil die Deutschen so besonders nächstenlieb sind – aber die Spendenbereitschaft der Deutschen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, wie das Marktforschungsunternehmen GfK in seinen Studien herausfand.

Und einher mit dem technischen Fortschritt hat sich zudem auch die Art des Spendens verändert.

Früher, da lief es etwa so: Bewappnet mit den Kontodaten ihres favorisierten Spendenunternehmens stapfte meine Oma Hildegart aus dem kleinen Dörfchen Liebenau durch den Schnee ( – denn die Deutschen spenden am liebsten in der Weihnachtszeit, wie das GfK auch herausfand). Ihr Ziel: die Bank ihres Vertrauens. Dort zückte sie einen Kugelschreiber, füllte mit ihrer schönsten Feinschrift einen Überweisungsträger aus. Einwurf in den Postschlitz für Überweisungsträger, mühseliger Heimweg.

Kind aus dem Malawi-Projekt von Share the Meal. (Foto: Sebastian Stricker)

Sicher, die Zielgruppe von Apps sind vor allem jüngere Menschen. Und doch hat sich auch in der Spendenwelt einiges geändert durch Smartphones. Heute, da läuft das Spenden schneller, einfacher, bequemer. Nämlich so: Ich sitze auf dem Sofa, Füße hochgelegt. Die Mattscheibe flimmert, ich greife zur Müslischale. Mein Handy blinkt, erinnert mich pünktlich zur Mahlzeit: Essenszeit ist Spendenzeit. Nur wenige Klicks braucht ein Spender beim Nutzen der App Share the Meal in etwa, um eine Spende zu tätigen. Das Geld ist direkt beim Unternehmen. Alles digital, als Spender muss man nicht einmal das Sofa verlassen.

Und anders als meine Oma Hildegart früher, muss bei einigen dieser Apps der Spendende nicht einmal echtes Geld aufbringen. So zum Beispiel bei Nate oder Smoost. Der Nutzer spendet, indem er Fragen beantwortet oder Werbung durchstöbert.

Was dann folgt, ist jedoch bei beiden Varianten gleich: Jemand verteilt das Geld. Im Raum steht dann die Frage: Kommt das Geld dort an, wo es hingehört? Und bei Spenden-Apps: Wie gut funktioniert das Ganze? Spenden, ohne echten Gegenwert – kann das überhaupt klappen?  Einige der Apps verzeichnen wachsende Zahlen, andere konnten sich nicht lange über Wasser halten. Probleme hatte beispielsweise die App Nate. Woran lag es? Und: Halten die Apps, was sie versprechen?

 

Wir haben uns die Apps mal angesehen:

Wie also funktionieren die Apps? Welche Daten muss ein Nutzer angeben?

Alle drei Apps unterliegen den, im internationalen Vergleich, strengen Datenschutzbestimmungen, fragen den Nutzer allerdings unterschiedlich viele persönliche Daten ab. Share the Meal bedarf, abgesehen von den Playstore-Informationen um die App herunterzuladen, lediglich einer Kreditkartennummer oder alternativ einem Paypal Login. Hier ist es nicht notwendig, ein Benutzerprofil anzulegen. Wer mag, kann die App aber mit Facebook verknüpfen und so die Spenden der Freunde sehen und die eigenen vernetzen.

Smoost fragt nach detaillierten Informationen. Neben einer E-Mail Adresse, wird auch der Name, das Geschlecht, eine Einordnung in eine Altersgruppe, der Bildungsstand und die Tätigkeit abgefragt. Außerdem braucht die App einen Standortzugriff und einige Funktionen laufen nur durch die Freigabe der Kamera. All diese Daten sind laut App notwendig, um die passenden Prospekte zuschneiden zu können und für die Unternehmen, die im Endeffekt das Geld spenden, ein attraktiver Nutzer zu sein.
Da Nate im Moment offline ist, lässt sich nicht testen, welche Daten für den Gebrauch der App notwendig sind.

Share the Meal

Mit 40 Cent ein Kind einen Tag lang ernähren: Share the Meal

Auf der Weltkarte haben die Betreiber von Share the Meal Fotos aufgehängt – von Frauen und Kindern, denen die Spendengelder bereits geholfen haben. (Foto: Hellwig)

Victoria Leonhardt steht vor einer bunten Weltkarte. Jedes Land hat darauf eine andere Farbe. An verschiedenen Orten auf der Karte – irgendwo im Ozean – sind Fotos angeheftet. Leonhardt erklärt: „Hier oben sind Kinder aus dem syrischen Flüchtlingscamp Sataari.“ Sie zeigt mit dem Finger auf die Fotos, dann deutet sie auf die nächsten Bilder: „Und das hier, das sind syrische Mütter in Homs. Einige mit Babys, einige noch schwanger. Und das da unten,“ – sie zeigt auf eine weitere Stelle auf der Karte, an der Fotos kleben – „das sind syrische Flüchtlingskinder im Libanon.“

Die Frauen und Kinder auf den Fotos haben etwas gemeinsam: Sie alle leben an Orten, die die App Share the Meal in ihren Projekten unterstützt. Leonhardt ist „Operations Manager“ der App. Hinter diesem neumodernen Begriff verbirgt sich ein Job, den es so wohl auch in herkömmlichen Spendenorganisationen gibt: Sie kümmert sich um Abläufe und die Kommunikation des Unternehmens.

Victoria Leonhardt arbeitet bei Share the Meal. (Foto: Hellwig)

Die App Share the Meal ist die Handy-Applikation, die dem klassischen Spendenunternehmen wohl noch am Ehesten nahekommt unter den genannten Spenden-Apps. Die Spenden-Applikation arbeitet zusammen mit dem World Food Programme der Vereinten Nationen. Bernhard Kowatsch und Sebastian Stricker hatten die Idee dahinter während eines Sabbaticals. Dabei sei ihnen klar geworden, dass rund 20 Mal so viele Menschen ein Smartphone besitzen, wie es hungernde Kinder auf der Welt gibt. Und dass es doch eigentlich so unglaublich günstig sei, diese zu ernähren. „Diesen großen Pool an Menschen wollten wir anzapfen. Ihnen eine Möglichkeit geben, etwas zu tun“, erzählt Leonhardt.

Die App hat sich selbst den Anspruch gesetzt, für Smartphonenutzer ansprechend und vor allem transparent zu sein. Doch genau hier setzt auch ein Kritikpunkt an der jungen Organisation an.  Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) findet, dass die App zwar relativ offen arbeite – das Unternehmen, mit dem sie zusammen arbeite, nämlich das World Food Programme sei es in Deutschland jedoch weniger.

Die 9-Millionen-Marke der gespendeten Mahlzeiten hat das Unternehmen am Tag zuvor gerade geknackt, Grund zu feiern. „Wir haben ausgerechnet, dass es im Durchschnitt nur 40 Cent kostet, ein Kind einen Tag lang zu ernähren“, erklärt sie. Und deshalb versucht die App auch, die Nutzer und Nutzerinnen durch die kleine Zahl zu überzeugen: „Mach mit! Teile Deine Mahlzeit per Klick mit einem hungernden Kind. Mit € 0.40 ernährst Du ein Kind für einen Tag“, heißt es auf der Homepage von Share the Meal. 40 Cent – das ist ein Drittel Kaffee in der Leipziger Universitätsmensa. 40 Cent – eine Summe, die sogar eine Studentin oder ein Student in der Regel übrighat.

Doch nicht nur die kleine Summe, auch die Einfachheit soll den Smartphone-Nutzer oder die Smartphone-Nutzerin zum Spenden bewegen. „Nicht mehr als zehn Klicks“, so berichtet Leonhardt, benötige man, um sich anzumelden. Für das Spenden darauf sind es noch weniger.

Räume im Industrie-Stil, passend zum Start-up-Charakter der App. (Foto: Hellwig)

Und obendrein motiviert die App die Spendenden dann noch durch diverse Gimmicks. Zum einen erinnert das Ganze an ein Spiel: „Achievements sollen die App etwas zugänglicher machen“, sagt Leonhardt und meint damit, dass der Nutzer oder die Nutzerin beim ersten Spenden ein „Dankeschön“ bekommt. Und bei mehrfachen Gaben kleine Auszeichnungen. Zum anderen wird das Spenden bei dieser App auch ein bisschen zu einem „sozialen Event“, wie es Leonhardt nennt. Mit Facebook verknüpft können die Spendenden Teams bilden, ein Gruppenziel bestimmen und sich gegenseitig motivieren. Natürlich springe nicht jeder darauf an – aber bei einigen Spenderinnen und Spendern sei das sicherlich der Fall. Und die Organisatoren der App haben es sich zum eigenen Ziel gesetzt, immer neue Spendenanreize zu finden und in die Applikation zu integrieren.

Vor einiger Zeit noch konnten Nutzerinnen und Nutzer Schritt für Schritt bei Google Maps verfolgen, wo sich „ihr Geld“ gerade befindet. Das ist mittlerweile nicht mehr so, das sei nicht angenommen worden, erklärt Leonhardt. Dennoch wirbt die App mit Transparenz, Effizienz und Nachhaltigkeit. „Die 40 Cent decken alle Kosten, um das Kind zu ernähren. Es gibt natürlich auch Transaktionsgebühren und einen gewissen Anteil an Adiministrationskosten, beides ist in den 40 Cent enthalten“, erklärt Leonhardt. Beim World Food Programme sei der Anteil der Transaktionskosten zudem sehr gering: Bei nur zehn Prozent liege er, bei anderen Unternehmen läge er bei etwa 30.

Kinder aus Malawi – Share the Meal unterstützt sie durch das Finanzieren von Schulmahlzeiten. (Foto: Sebastian Stricker)

Ehrenamtlich habe Leonhardt zu Beginn, zu Gründungszeiten, für ein halbes Jahr lang gearbeitet. Mittlerweile bekommen die App-Organisatoren ihr Geld aus einem sogenannten „Innovation Grant“, von Innovationsförderern und zum Teil auch von der Bundesrepublik Deutschland.

Wohin das Geld der Spendenden fließt, können sich die Nutzer bei dieser App nicht selber aussuchen. Wenn sie gespendet haben, geht das Geld an das UN World Food Programme. Dieses verteilt dann Gutscheine an Schulen vor Ort, damit sie Schulmahlzeiten kaufen und zubereiten können. Oder es verteilt Gutscheine an Familien, die damit beim Händler vor Ort selbstständig und selbstbestimmt einkaufen können, was sie benötigen, um ihre Kinder zu ernähren.

Derzeit unterstützt die App Kinder in Nigeria und Kamerun, die unter Boko Haram leiden. Zuvor wurden verschiedene Projekte mit syrischen Kindern unterstützt.

Die App setzt dabei auf die akute Unterstützung, möchte aber auch für Nachhaltigkeit sorgen. Damit die Familien zum Ende der einjährigen Unterstützung nicht ohne alles dastehen, wird versucht, nach Ablauf des Förderjahres einen Ersatzförderer zu finden. „Wenn die Projekte aufgebaut sind, springt oft der Staat als Unterstützer ein“, so Leonhardt. Dass das Programm abbreche, könne dann auch leider vorkommen: „Im schlimmsten Fall.“ Die Regel sei es aber nicht.

Nate

(Keine) Werbung auf dem Smartphone-Bildschirm mit der App Nate

„Nathan ist der Schenkende, der Gebende“, erklärt Hubert Eiter. Nate nennt sich deshalb die App, die der Unternehmer gemeinsam mit Freunden gegründet hat. Aus einem Koreaaufenthalt mitgebracht hat er die Idee der Sperrbildschirmwerbung. „Meine Freunde kommen aus der Werbe- und Spendenwelt“, erzählt Eiter. Oft seien Fragen aufgekommen: Wie erreicht man junge Menschen mit Werbung, wie bringt man sie zum Spenden? So haben die Freunde die Ideen zusammengebracht. Die Werbewelt freut sich über Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer, die mehrfach täglich mit ihren Produkten konfrontiert werden. Und die Nutzer der App haben einen Anreiz, die Werbung auch anzusehen – wenn sie damit etwas Gutes tun.

Hubert Eiter ist einer der Gründer der App Nate. (Foto: Nate)

Der Smartphone-Bildschirm als Werbefläche habe zwei Vorteile. Zum einen könne Werbung großflächig angezeigt werden, zum anderen sei der Blick auf den Bildschirm in das Nutzer-Verhalten integriert. Rund 10 bis 15 Mal am Tag schaue ein Mensch im Schnitt auf das Display, so Eiter. „Damit wäre doch allen geholfen“, sagt er. Doch so einfach ist es nicht.

Bei der App Nate schauen sich Nutzerinnen und Nutzer der App Werbung an, die Gelder der Werbetreibenden werden gespendet. (Foto: Nate)

Eigentlich war es so geplant: Die Nutzer entsperren ihren Bildschirm, sehen sich die Werbung an, spenden pro angesehenem Flugblatt ein bis zwei Cent – ohne selber wirklich Geld in die Hand zu nehmen. Die Projekte, die sie unterstützen möchten, dürfen sich die Nutzer und Nutzerinnen selber aussuchen. Sogar eigene gemeinnützige Projekte dürfen sie starten. Rund 400 Projekte konnten auf diese Weise bereits unterstützt werden, rund 26000 Euro ausgezahlt. Von den eigenommenen Geldern gehen je rund 80 Prozent an die Projekte, 20 Prozent finanzieren die App an sich.

Und doch: Aktuell befindet sich Nate in einer „Sendepause“, wie Eiter es nennt. „Es hat sich einfach nicht rentiert“, sagt er. Am Anfang haben die Gründer selber Geld investiert. „So ein Modell steht und fällt aber mit schnellem Wachstum“, erklärt Eiter. Werbende wollen nur zahlen, wenn sie so auch viele Menschen erreichen – Nutzer sind nur an der App interessiert, wenn auch viele Werbende spenden. Und irgendwann sei der Punkt erreicht worden, an dem Eiter und seine Kollegen die App nicht mehr alleine finanzieren konnten. „Leider haben wir noch keine Zusage für eine Großspende erhalten“, meint Eiter.

Und dabei ist Eiter überzeugt von seiner Idee: „Jeder Euro, der von Werbegeld in Spendengeld ausgegeben wird, ist ein guter Euro.“ Schließlich würde das Geld ja sowieso ausgegeben. Wann und ob es weitergeht, ist derzeit noch offen. Derzeit gibt es auf den Displays der Spendewilligen also keine Werbung von Nate.

Smoost

 Wie Robin Hood? – Werbegelder in Spendengelder umwandeln mit Smoost

Ein ähnliches Konzept wie die App Nate hat auch die App Smoost. „Spende ohne einen Cent auszugeben mit der App Smoost“, wirbt ein Video auf der Website der Spenden-App. Auf dem Bildschirm zu sehen: viele rosafarbene Herzchen, das Logo der Applikation. „Es ist ein bisschen wie bei Robin Hood. Mit jedem Klick bei Smoost nutzt du das Geld der Werbeindustrie, um ein Hilfsprojekt deiner Wahl zu unterstützen.“

Die Gründer von Smoost: Rainer Rother (links) und Thomas Helmrich (rechts). (Foto: Smoost)

Gegründet haben das Ganze der Bamberger Rainer Rother und Thomas Helmrich. Wie bei Nate, schauen auch hier die Nutzer Werbeprospekte an. Fünf Cent gehen pro angesehenem Prospekt an ein gemeinnütziges Projekt. Wofür das Geld gespendet wird und welchen Prospekt sich die Nutzer ansehen, das können sie dabei selbst entscheiden. Rund 1700 Vereine und Spendenprojekte sind derzeit registriert.

Über 300.000 Euro hat die App auf diese Weise schon eingenommen. Drei Viertel des eingenommenen Geldes gehen dann an die Vereine und Spendenerhaltenden. Ihre laufenden Kosten decken die Unternehmer mit einem Viertel des eingenommenen Geldes.

Weitere Spenden-Apps

Weitere Apps

Goodnity

Bei der App Goodnity  beantworten die Nutzer Fragen. Unternehmen zahlen Geld für die Antworten, das Geld wird gespendet.

Moving Twice

„Stell dir vor, du gehst joggen und rettest dabei die Welt“, wirbt die App Moving Twice. Ähnlich wie bei einem Sponsorenlauf spenden hier Unternehmen für die Trainingsrunden der Nutzer. Finanziert werden Charityprojekte, die die Läufer auswählen.

Miles for Meals

Ähnlich wie Moving Twice funktionierte auch die App Miles for Meals. Hier konnten die User joggen, gespendet wurde für den Bundesverband Deutsche Tafeln e.V. Derzeit ist die App im Appstore jedoch nicht verfügbar.

Dignitos 2.0

Bei der App  Dignitos 2.0 spenden Nutzer Geld. Gastronomen können den Betrag online abrufen und in ein Essen für Obdachlose investieren.

 

So funktioniert’s

Der Nutzer braucht sein Smartphone – das ist bei allen Spenden-Apps der gemeinsame Nenner. Aber die technische Funktion, wo das gespendete Geld hingeht und wie sich die Apps selbst finanzieren, dafür haben die App-Macher unterschiedliche Modelle entwickelt. Wie das funktioniert, erklären die App-Entwickler hier im Audio-Interview:

 

Fazit

 

Eine Methode, um junge Menschen zum Spenden zu bringen – das sind wohl all die aufgezählten Spenden-Apps. Aber wie gut funktionieren sie wirklich, wie transparent arbeiten sie und halten sie, was sie versprechen?

Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) und Robert Lüdecke vom Phineo-Spendensiegel für Wirkungstransparenz stehen Spenden-Apps zwiegespalten gegenüber. Beide erkennen den Mehrwert der Apps in ihrer hohen Reichweite. „Vor allem Jüngere könnten dadurch zum Spenden motiviert werden“, erklärt Wilke im Spenden-Magazin. Und auch Lüdecke sagt: „Spenden-Apps sind ein charmantes Instrument, um junge Menschen zu motivieren, Gutes zu tun.“

Transparenz als Problem der Apps

Probleme erkennen Wilke und Lüdecke jedoch auch; vor allem in der Transparenz der Apps. Wie transparent eine Spendenorganisation ist, das lasse sich an verschiedenen Punkten festmachen. „Vor allem gilt es, nicht nur darauf zu achten, wohin das Geld geht, sondern auch was es konkret vor Ort bewirkt“, erklärt Lüdecke. Es solle nicht nur heißen: 20.000 Menschen wurde geholfen, sondern auch: Was hat sich konkret bei den Menschen vor Ort geändert? Was hat sich gesellschaftlich geändert? Deutlich würde das, wenn man sich die Visionen der Organisationen anschaue. Diese müssten deutlich und klar formuliert sein, Ziele konkret abgesteckt. Dabei gelte stets: Die Nutzenden müssen sich gut informiert fühlen, auf der Homepage müssen die Ziele zu finden sein, wie Wilke und Lüdecke betonen.

Sowohl bei Smoost als auch bei Share the Meal wird es den Nutzenden leichtgemacht, den aktuellen Spendenstand zu verfolgen: Die Apps zeigen an, wie viele Menschen bereits gespendet haben und wie viel Geld dadurch zusammengekommen ist.

„Die App Share the Meal ist relativ gut, aber das World Food Programme ist in Deutschland recht wenig transparent“, findet Wilke vom DZI. Schaut man sich die genannten Apps im Vergleich an, so fällt auf, dass Share the Meal verschiedene Projekte anpreist – die Nutzenden finden auf einfachem Wege heraus, welches Projekt aktuell unterstützt wird. In der App wird angezeigt, wie viel Prozent eines Projektes bereits erreicht wurden. Die Nutzerinnen und Nutzer wissen, dass mit dem Geld Kindern geholfen werden soll – und sie können nachlesen, dass das Geld in Schulmahlzeiten oder Gutscheine investiert wird.

Bei Nate und Smoost verhält es sich hier schon schwieriger. Interessierte können, beziehungsweise konnten, zwischen verschiedenen Projekten wählen, es gab also kein einheitliches Ziel und auch das Informationsmaterial konnte nicht konzentriert aufgezeigt werden.

Die Spender-Beziehung fehlt

Einher mit den Transparenz-Problemen der App ginge auch ein anderes Problem. „Die Spender-Beziehung könnte verloren gehen“, vermutet Lüdecke. Er meint damit, dass Spendende sich bewusst für eine Spende entscheiden und sich entsprechend informieren, eine Beziehung zum Projekt aufbauen, die von Bestand ist. Insbesondere bei Apps wie Smoost sei das der Fall: Wenn es rund 1700 zu unterstützende Projekte gibt oder Nutzende gleich in einen ganz allgemeinen Topf spenden kann, wie soll der Spendende dann noch groß an Erfolgen interessiert sein? Dieser Reiz geht dabei verloren.

Wie viel des Spendengeldes geht für das Betreiben der App drauf?

Die App Share the Meal hat sich als eigenes Ziel festgesteckt, transparent zu sein. Auf der Homepage heißt es, dass 40 Cent benötigt werden, um ein Kind einen Tag lang zu ernähren. Wie viel der 40 Cent allerdings an welcher Stelle des Spendenprozesses hängenbleiben, nach diesen Angaben sucht ein Nutzer oder eine Nutzerin vergeblich. Dass 90 Prozent des Geldes „in den Kampf gegen den Hunger“ investiert werden, das können die Nutzerinnen und Nutzer der App mit etwas Suchgeschick unter den FAQs nachlesen. Smoost hingegen erklärt auf seiner Homepage deutlich: Ein Viertel des von den Werbetreibenden gespendeten Geldes geht für das Betreiben der App drauf. Genauer aufgeschlüsselt ist allerdings auch das nicht. Die App Goodnity, betont Wilke, nennt keine konkreten Zahlen zur eigenen Finanzierung. Und auch bei Nate sucht man danach vergeblich.

Wie vertrauenswürdig sind die unterstützten Projekte?

Burkhard Wilke betont, dass eine Spenden-Plattform die Vertrauenswürdigkeit der Projekte, die unterstützt werden sollen, sicherstellen muss. Hier erkennt Wilke besonders bei der App Smoost Mängel: Die App „lässt die Frage offen, wie die Plattform die Seriosität der mehr als 1000 unterstützten Vereine sicherstellen will“, schreibt er im Spenden-Magazin. Goodnity wähle hier den einfacheren Weg, da Nutzende zwischen Projekten, die mit dem DZI-Siegel ausgezeichnet sind und Spenden über die Plattform Betterplace wählen könne. Share the Meal arbeitet mit dem World Food Programme zusammen. Wilke kritisiert daran: „Bei Share the Meal liegt das Informationsdefizit nicht bei der App selbst, sondern beim World Food Programme: Hier sucht man einen aussagekräftigen Jahresbericht mit verlässlichen Jahresabschlussdaten vergebens.“

Datensammeln als Problem

Weiter erklärt Wilke, dass Transparenzdefizite besonders bei Apps wie Goodnity oder Smoost ins Gewicht fallen. Ähnlich ist auch Nate zu bewerten. Denn hier gehört das Übermitteln von persönlichen Daten zum Geschäftsmodell.

 

So charmant die Idee von Apps als Spenden-Akquisitoren auch ist – Defizite weisen sie alle auf. „Die meisten Spenden-Apps stecken noch in den Kinderschuhen“, wertet Wilke. Lüdecke warnt vor allem vor einer Gewissensberuhigung, die diese Apps hervorrufen könnten. Er befürchtet, dass die Gebenden im realen Leben wegen der Apps nun weniger bereit sind, zu spenden. Dennoch betont Lüdecke: „Grundsätzlich begrüßen wir neue Wege, die Spendenbereitschaft zu wecken und vor allem, neue Kreise zu erschließen. Wir haben aber in der Praxis bisher noch kein Konzept erlebt, das nennenswerte Summen bewegt hat.“

 

Von Lauren Ramoser und Theresa Hellwig

 

„Manche Länder schaffen es nicht alleine“ Wie verändert Digitalisierung das Leben in Entwicklungsländern? Welche Ziele haben Facebook, Google und Co.? Ein Gespräch mit Julia Manske

Digitalisierung macht vor Grenzen keinen Halt – längst ist sie in den sogenannten Entwicklungsländern angekommen. Auch dort wirft sie wichtige Fragen auf. Wie reagieren nationale Regierungen auf die Macht der Global Player? Wie steht es um den Datenschutz? Und welche Ideen von dort werden unser Leben verändern?

Robin Köhler (links) im Gespräch mit Julia Manske (Foto: EG/Foto-Zentrum Leipzig)

Darüber sprechen wir mit Julia Manske vom Think Tank „Stiftung Neue Verantwortung“. Manske beschäftigt sich mit Open Data, Data Governance und Datenschutz. Sie arbeitete über drei Jahre für Vodafone, wo sie für internationale Forschungsprojekte und soziale Innovationen verantwortlich war. Für das Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation hat sie sich mit den Erfolgsbedingungen der afrikanischen Startup-Szene befasst.

Viel mehr als Copy-Paste Der Journalist Pavel Ivanov hat im Laufe seiner Berufslaufbahn bereits für eine Vielzahl russischsprachiger Fernseh- und Hörfunkprogramme, Zeitungen und Online-Magazine in Estland gearbeitet. Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig sprach er über seine bisherigen Jobs, die Bedeutung einer bilingualen Medienlandschaft und die Social-Media-affine russischsprachige Minderheit.

Pavel Ivanov zuckt mit den Schultern. “Ich bin irgendwie ein Selfmade Man.“ Glück habe sicherlich auch eine Rolle gespielt, sagt er nüchtern. Der ernst dreinblickende 47-Jährige bezieht sich auf seinen schnellen Aufstieg in der estnischen Medienbranche. Sein Lebenslauf sollte sich nur schwerlich auf eine einzige DIN-A4 Seite komprimieren lassen. Vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen über Tageszeitung, Magazin, Rundfunk und Online – Ivanov, geboren in der Hauptstadt Tallinn, kreiert seit 1987
als Reporter, Moderator, Produzent und Redakteur journalistische Inhalte. Neben seinen wechselnden Aufgabengebieten konstant geblieben, ist die Sprache, auf der er publiziert. Als Sohn einer Estin und eines Russen ist er bilingual aufgewachsen und fühlt sich der russischsprachigen Minderheit zugehörig. Die macht rund ein Drittel der Bevölkerung aus und erklärt die hohe Nachfrage nach Berichterstattung auf Russisch, das bis zur Unabhängigkeit der kleinsten Ex-Sowjetrepublik als gleichberechtigte Amtssprache galt.
Von vor und hinter der Kamera auf die “andere Seite”
Als anfänglicher Reporter bei der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt ETV (seit 2007 ERR) wird Ivanov kurze Zeit später zum Moderator einer Nachrichtensendung, die er daran anknüpfend als Programmdirektor betreut. Nach nur fünf Jahren verlässt er das Fernsehen – für einen Perspektivwechsel, wie er es nennt. „Ich war noch so jung und hatte das Gefühl, genug vom Fernsehen zu haben. Ich wollte weiter.“
Nahtlos anschließend an seine kurze aber abwechslungsreiche Karriere als Fernsehjournalist beginnt er einen Job als Medienberater im Innenministerium: „Die Seite zu wechseln, war eine tolle Erfahrung.” Die eigene Sichtweise ändere sich, wenn man seiner vorherigen Profession plötzlich “gegenüberstehe”. “Das hat mir ein umfassenderes Bild des Journalismus’ in Estland vermittelt.“

EG / Foto-Zentrum Leipzig Pavel Ivanov war Teilnehmer der Estland-Paneldiskussionen zu den Themen „Digital Empowerment & Media“ sowie „Digital Empowerment & Society“.

 

Russischsprachiger Journalismus beinhaltet wichtige soziale Komponente
Ein Bild, das ihn wenig später, als er es als Chefredakteur eines russischen Programms auf ETV wieder mitprägt, ernüchtern wird. Die finanzielle Situation im Sender sei zur
Jahrtausendwende nicht besonders gut gewesen, so Ivanov. Die Einschnitte hätten auch das russischsprachige Programm im Speziellen getroffen: „Den russischsprachigen Medien in Estland wird ein signifikant kleineres Budget zugeschrieben als den estnischen Medien.“ Was dazu führe, dass Erstere oftmals eine Art Copy-Paste-Produkt der Letzteren darstellen, bemängelt er. Dabei seien sie so viel mehr: Insbesondere der russischsprachige Journalismus
in Estland habe eine wichtige soziale Komponente: „Die ethnischen Russen lernen auch durch die Medien, sich in Estland zurechtzufinden.“ Darüber hinaus ermögliche er kritische Berichterstattung über das Nachbarland. „Anders als in Russland ist unsere Presse frei. Wir können schreiben, was und worüber wir wollen.“ Was wiederum nicht bedeute, dass russische Medien nicht konsumiert würden. Die russischsprachige Minderheit im Land sei mit einer um ein Vielfaches größeren Medienlandschaft aufgewachsen. Auch bescheinigt er ihr mehr Aktivität auf sozialen Netzwerken als der estnischen Bevölkerung. Als Grund nennt er die verschiedenen Mentalitäten: „Russen sind vielleicht etwas offener. Ihnen liegt mehr daran, eine Gemeinschaft im Netz zu bilden.“
Nach Redakteursstellen im Hörfunk und Onlinebereich arbeitet Ivanov mittlerweile branchenübergreifend als Freelancer – festlegen will er sich vorerst nicht.

Stereotype und Schicksalssinfonien Khadija El Alaoui führt ein Leben gegen Vorurteile. Nach Jahren in Marokko, Deutschland und Nordamerika brachte ihre Forschung sie und ihre Tochter nach Saudi-Arabien. Unterdrückt fühlt sie sich nirgendwo.

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Eine Familie am Strand von al-Chubar – Saudi Arabien (Foto: marviikad unter CC BY-SA 3.0)

Wäre Beethoven nicht gewesen, Khadija El Alaoui hätte Marokko vielleicht nie verlassen. Das Studium in Deutschland wäre ein Traum geblieben, die Karriere als Wissenschaftlerin in den USA und Kanada hätte sie nicht eingeschlagen. Möglicherweise hätte sie sich auch nicht für ihr heutiges Leben in Saudi-Arabien entschieden – ein Land, von dem es heißt, Frauen würden unterdrückt werden. Doch El Alaoui kennt Beethoven sehr gut. Immer wenn sie nervös war oder skeptisch, lauschte sie seiner „Schicksalssinfonie“. „Alle Schwierigkeiten schienen lösbar“, sagt sie in arabisch eingefärbten Englisch. „Ich habe zugehört und gewusst, dass ich bereit bin weiterzuziehen.“ Immer mit dem Ziel, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen.

Zwischen al-Chubar und München liegen 5030 Kilometer und ein Graben aus Werten

El Alaouis Gesicht ist verpixelt. Das Orange ihres Kopftuches sticht hervor, beißt sich mit dem blauen Pullover. Die Skype-Verbindung zwischen München und al-Chubar in Saudi-Arabien, wo die 45 Jahre alte Frau heute lebt, ist schlecht. Dazwischen liegen 5030 Kilometer und ein Graben aus Werten. Erst als sie die Kamera deaktiviert, wird der Ton besser. El Alaoui kann ungestört erzählen – von klassischer Musik und von ihrem Lebensweg. Er hat sie vor zwei Jahren zu einer Lehrstelle an die Prince Mohammad bin Fahd University geführt, wo sie die Geschichte der US-arabischen Beziehungen erforscht, und in das kleine Haus, in dessen Esszimmer sie sitzt.

Ihren Alltag in der 160.000-Einwohnerstadt al-Chubar widmet El Alaloui den Frauen: In ihrem Drei-Zimmer-Häuschen lebt sie mit ihrer 14 Jahre alten Tochter, an der Universität unterrichtet sie ausschließlich Studentinnen. Dass sie die Seminare getrennt von ihren männlichen Kommilitonen besuchen müssen, kritisiert die Geschichtsdozentin nicht. Vielmehr stört es sie, wie die jungen Frauen im Ausland wahrgenommen werden. „Die Menschen erwarten schüchterne Mädchen, die sich nicht artikulieren können“, sagt El Alaoui. Dieses Bild sei falsch.

Khadija El Alaoui besitzt nicht viele Fotos von sich und den Orten, an denen sie lebte. "Ich reise mehr mit meinen Augen", sagt sie. (Foto: privat)

Khadija El Alaoui besitzt nicht viele Fotos von sich und den Orten, an denen sie lebte. „Ich reise mehr mit meinen Augen“, sagt sie (Foto: privat)

Um es zu widerlegen, erzählt sie von einem gesellschaftskritischen Referat dreier Studentinnen über die Sucht nach Smartphones als Form moderner Sklaverei. Mit ihrem Lehrauftrag möchte El Alaoui vor allem eines erreichen: „Das vielleicht Wichtigste für mich ist es, meinen Studentinnen neue Perspektiven auf die Welt zu eröffnen und ihr kritisches Denken zu fördern.“

Eine einzige Geschichte über andere

Den Anspruch an Offenheit stellt El Alaoui auch an sich. Durch ihre Reisen versucht sie, ihm gerecht zu werden. Als sie eines Tages die Antwort auf die längst vergessene Bewerbung für die Prince Mohammad bin Fahd University bekam, überlegte sie nicht lange. Trotz der Einwände ihrer Freunde. Die europäischen sprachen von Unterdrückung und Kopftüchern, die marokkanischen von Konsumsucht und Oberflächlichkeit. Gerade diese Vorurteile haben sie an der Stelle gereizt. „Ein Stereotyp entsteht, wenn man nur eine einzige Geschichte über die anderen kennt”, sagt el Alaoui. „Ich will mich deswegen mit den Menschen zusammensetzen, um zu begreifen, wie vielfältig ein Land wie Saudi-Arabien ist.”

„Ich weiß, darin bin ich gescheitert“

Mit ihren 45 Jahren kann El Alaoui viele Geschichten erzählen. Einige der schönsten handeln von ihrer Zeit in Dresden, wo sie erst Amerikanistik studierte und später ihre Doktorarbeit verfasste: Sie ging in die Oper und besuchte den Weihnachtsmarkt, sie verliebte sich in den süßen Geruch gebrannter Mandeln und lachte über die Witze ihrer deutschen Freunde. Beim Erinnern wird El Alaouis Stimme sanfter, sie lacht. „Mir fehlen die Geschenke.“ Eine besondere Verbindung zu Deutschland wird ihr bleiben. Ihre Tochter Sara ist dort geboren, bei ihrem Vater verbringt sie jeden Sommer und die Festtage. Als „wundervolle, großzügige“ Menschen beschreibt El Alaoui dessen Familie. 2008 führte sie ihr damaliger Forschungsschwerpunkt „Amerikanische Beziehungen” dennoch weg aus Dresden: an das Vassar College in New York. Für ihre Karriere war das ein wichtiger Schritt, trotzdem fiel ihr die Entscheidung, einen Ort zu verlassen, niemals leicht: „Als Mutter hatte ich damit zu kämpfen, dass wir so oft umgezogen sind und ich Sara nicht immer ein stabiles Umfeld bieten konnte”, sagt El Alaoui. „Ich weiß, darin bin ich gescheitert.”

„Glücklich sein kann man überall“

Damit Sara mit Gleichaltrigen aufwachsen konnte, lebte die kleine Familie nach der Zeit in den USA bei El Alaouis Bruder, dessen Frau und Kindern in Montreal. Sie blieben zwei Jahre, dann kam die Einladung nach al-Chubar. Auch für ihre Tochter sah El Alaoui eine Chance: die, die Welt in all ihren Facetten zu erfahren. Das Mädchen bleibt in ihren Entscheidungen frei, ein Kopftuch trägt sie im Gegensatz zu ihrer Mutter nicht.

In dem Leben, das sich die beiden in den letzten 23 Monaten in Saudi-Arabien aufgebaut haben, fehlt El Alaoui nur weniges. „Ich vermisse die Märkte in Dresden, den wöchentlichen El-beflohmarkt und die vielen Cafés und kleinen Läden, die die Louisenstraße pflastern, in der ichgelebt habe“, sagt sie. „In den Straßen ist so viel Leben. Das erinnert mich an meine Heimat-stadt Casablanca.” Ihr Glück jedoch will sie nicht von ihrer Umgebung abhängig machen. Sich nirgends zu Hause fühlen – das ist es, was die Lehrerin zu erreichen versucht: „Glücklich sein kann man überall, solange man das Gefühl in sich trägt. Ich bin es im Dialog mit anderen.”