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Landläufige Meinungen In zwei Panels wurde auf den Bildkorrekturen die Zukunft Afghanistans diskutiert: Viele Visionen, dafür wenig Optimismus

Zwei Panels sollten auf der Bildkorrekturen-Konferenz zunächst Klischees über das Land Afghanistan diskutieren. Vertreter aus Medien und Politik Afghanistans traten dabei in den Dialog. Zunächst diskutierten die afghanische Kü̈nstlerin und politische Aktivistin Nahid Shahalimi und die Moderatorin Mariam Sediqi. Die wissenschaftliche Sicht auf die Situation der Medien lieferte Dr. Kefa Hamidi von der Universität Leipzig. Schnell wurde klar: Afghanistan ist ein kompliziertes Land mit einer ungewissen Zukunft. Für Frauen ist das Leben dort besonders kompliziert, dennoch kämpfen einige für ihre Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung – teilweise mit Erfolg. Dies ging aus den Reden der drei Diskussionsteilnehmer hervor. Jeder von ihnen hat eine andere Sicht auf die Zukunft seines Landes.

Negative Artikel, viel Gewalt

Das Interesse des Publikums konzentrierte sich vor allem auf eine der drei Teilnehmerinnen: Nahid Shahalimi. Die Debatte wurde – passend bei einer Veranstaltung zum Thema Gender – von einer Frau dominiert. Shahalimi faszinierte das Publikum mit ihrem Optimismus für Afghanistan. Ihre zentrale Aussage: „Don’t show afghan women as victims!“ – stellt afghanische Frauen nicht als Opfer dar. Sie zeigte die Geschichten von Frauen, die ein sehr erfolgreiches Leben führen. Die meisten Fragen aus dem Publikum waren an sie gerichtet. Hat Afghanistan überhaupt eine Zukunft? Ja, wenn den Leuten die Möglichkeit gegeben werde, ihr eigenes Leben zu leben, so Shahalimi. Geht es afghanischen Frauen insgesamt nicht trotz allem sehr schlecht? Doch, Afghanistan sei einer der gefährlichsten Orte der Welt für eine Frau, meint die Aktivistin. Was kann der Westen tun, um den Frauen Afghanistans zu helfen? Die westlichen Medien müssten aufhören, ständig negative Artikel über Frauen in Afghanistan zu schreiben. Mariam Sediqi, die dritte Teilnehmerin, teilte den Optimismus von Nahid Shalahimi nicht – dafür habe sie zu viel Gewalt gegen Frauen in Afghanistan erlebt.

Nach dem Panel begaben sich die drei Teilnehmer ins Publikum, um Gespräche mit den Zuschauern zu führen. Am Nachmittag diskutierten Susanne Koelbl, Auslandsreporterin vom Magazin DER SPIEGEL und Shalla Shaiq, die als Journalistin einen Radiosender in Kundus betreibt. Obwohl sich Alltag und Lebensumstände der beiden Frauen sehr unterscheiden, gleichen sich doch ihre Ansichten und Tätigkeiten. Koelbl unternimmt regelmäßig Reisen in den Nahen Osten. Gut nachvollziehbar trug sie Anekdoten aus ihrer dortigen Arbeit als SPIEGEL-Korrespondentin vor. Etwa, wie sie auf ihrer letzten Reise zum ersten Mal eine Burka trug. Im Gespräch mit Moderator Hamidi lieferte sie neue Denkanstöße: Das neue Erstarken der Taliban, erklärte Koelbl, sei Folge der langwierigen bürokratischen Vorgänge im Land. Der Staat könne sich nicht immer durchsetzen, meinte die Journalistin. Fühlten sich Bürger ungerecht behandelt, würden diese sich lieber an die effektiver handelnden Taliban wenden, als an die Regierung. Shalla Shaiq lebt als Journalistin in Afghanistan unter ständiger Bedrohung. Nicht nur, weil es dem Journalismus schlecht gehe: Shaiq ist besorgt, dass so viele, vor allem Junge und talentierte Menschen das Land Richtung Westen verlassen, sich der Taliban anschließen oder sogar in den Fängen des Islamischen Staates landen.

Der Fortschritt ist angekommen

Derzeit leiden die Afghanen unter Anschlägen und einem Wiedererstarken der Taliban. Viele besonders durch Frauen erkämpfte Freiheiten sind wieder stärker bedroht. Wie geht es weiter mit Afghanistan? Welche Zukunft hat das Land? Was wird aus den Frauen, die sich in den letzten Jahren bescheidene Freiheiten erkämpften? Das sind die drängendsten Fragen der Teilnehmer des Panels “Gender & Gesellschaft“ in Afghanistan. „Die Aussichten sind sehr düster“, sagte Shalla Shaig, die als Frau mit Nargis FM einen Radiosender für Frauen betreibt, „wir haben in den letzten Jahren viele Chancen vertan.“ Einmal gemachte Fortschritte würden immer wieder über den Haufen geworfen, sagte auch Spiegel-Auslandsreporterin Susanne Koelbl. Immer wieder bekam Shaiq Drohungen durch die Taliban. Die Radiostation ist regelmäßig Anschlagsziel: Drei Mal durch Raketenbeschuss und einmal durch einen Selbstmordattentäter. „Wir leben ständig mit der Angst“, konstatiert Shaig. Trotz der Widrigkeiten macht Shaiq mit viel Geduld und auch Trotz weiter: „Man muss in jeder Gesellschaft einmal anfangen, um etwas zu verändern.“

Wie solle eines der ärmsten Länder der Welt in wenigen Jahren eine Entwicklung schaffen, für die die westlichen Gesellschaften Jahrhunderte gebraucht hätten?, fragte Susanne Koelbl. Leider seien bei der Arbeit von Frauen in Afghanistan immer noch die Männer der der Schlüssel, nur durch ihre Akzeptanz sei ein Fortschritt möglich, so die Reporterin. Früher seien die Männer strikt gegen erwerbstätige Frauen gewesen. Inzwischen gäbe es sogar Ehemänner die ihre Frauen für Interviews zum Sender brächten, sagte Shaiq. „Man sieht nicht immer die Hartnäckigkeit der Frauen, aber sie ist da, und sie ist mächtig“, sagte Koelbl, „aber nur dort, wo sie ihre Familien und ihre Männer lassen.“ Heute gäbe es Twitter und Skype, der Fortschritt sei auch in Afghanistan angekommen, urteilte die Reporterin, egal was passiere die Entwicklung der Frauen sei nicht aufzuhalten, denn sie könnten sich inzwischen allein organisieren.

Dunkel und schwarz

Und so war Shalla Shaig, die in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten muss, am Ende hoffnungsvoller als ihre deutsche Kollegin. „Ich bin optimistisch“, sagte sie, „die neue Regierung hat zwar unlösbare Probleme zu bewältigen, aber nichts kann so schlimm werden wie die Herrschaft der Taliban.“ Denn die sei nur dunkel und schwarz.

'>Viel mehr als nur Gleichstellung Jede Menge Vorurteile gibt's über den Feminismus. Antje Schrupp erklärt: Wieso Gleichstellung das falsche Ziel ist und wieso es auch als Feministin okay ist, die Kinder zu hüten.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Wurde vom Denken von italienischen Feministinnen wie Chiara Zamboni vom Feminismus „angesteckt“ und beschäftigt sich viel mit weiblicher politischen Ideengeschichte. Ist begeistert von neuen Ideen, die aus gemeinsamen Denken und Konflikten mit anderen Frauen entstehen – auch mit Frauen aus anderen Kulturkreisen.

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin. Wurde vom Denken italienischer Feministinnen wie Chiara Zamboni vom Feminismus „angesteckt“ und beschäftigt sich viel mit weiblicher politischer Ideengeschichte. Ist begeistert von neuen Ideen, die aus dem gemeinsamen Denken und Konflikten mit anderen Frauen entstehen – auch mit Frauen aus anderen Kulturkreisen.

FEMINISMUS & GESELLSCHAFT

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz sprachen Frauen aus Afghanistan oder der Türkei, die aufgrund ihres Geschlechts massive Problemen haben. Hier in Deutschland haben wir diese Probleme doch längst nicht mehr. Eigentlich brauchen wir keinen Feminismus mehr, oder?

Diese Frauen haben nicht Probleme, weil sie Frauen sind, sondern weil Frauen und Männer anders bewertet werden und weil es für normaler und besser gehalten wird, ein Mann zu sein. Ob das hier in Deutschland keine Rolle mehr spielt, weiß ich nicht. Es gibt sicher Kontexte, in denen es weniger eine Rolle spielt als in der Türkei oder Afghanistan. Aber in bestimmten Kontexten sind die Zahlenverhältnisse sehr eindeutig: Der prozentuale Anteil von Frauen und Männern ist in verschiedenen Bereichen in der Gesellschaft sehr ungleich, und das ist ja kein Zufall.

Sie zitieren gern Lisa Muraro: Wir wollten die Welt verändern, aber sie haben uns die Gleichstellung angeboten. Reicht Ihnen Gleichstellung nicht?

Nein, das reicht mir gar nicht. Denn die Idee der Gleichstellung betrifft ja immer die Gleichstellung der Frau mit den Männern. Und dadurch ist so ein Bild entstanden: Das, was die Männer in der Welt machen ist super, das einzige Problem besteht darin, dass wir Frauen das nicht auch dürfen. Das sehe ich aber nicht so. Ich will nicht frei sein unter der Bedingung, dass ich Männer imitieren muss. Und deswegen reicht mir Gleichstellung nicht.

Was ist der Unterschied zwischen Feminismus und Gender?

Feminismus ist eine politische Bewegung. Gender ist einfach das Wort für Geschlechterrollen. Gendermainstreaming als eine Möglichkeit, das Verhältnis zwischen Frauen und Männern bei alle politischen Entscheidungen mitzudenken, ist sicher sinnvoll. Aber es ist nur ein ganz kleiner Teil dessen, was Feminismus als politische Bewegung macht. Bei „Gender“ vor allem mit dem Verhältnis zwischen Frauen und Männern. Der Feminismus beschäftigt sich damit, wie Frauen sich die Welt wünschen. Das sind zwei verschiedene Sachen, die beide für sich genommen wichtig sind, aber sich nicht gegenseitig ersetzen können.

FEMINISMUS & ENTWICKLUNG

Was fällt Ihnen zu den Schlagwörtern Feminismus und Entwicklung ein?

Der Feminismus ist historisch bedingt sehr westlich geprägt. Viele Zugänge zu dem Thema sind von den Kämpfen geprägt, die wir Frauen in Europa und den USA hatten. Dabei ging es vorrangig um das Thema Wahlrecht und Gleichstellung. Das sind nicht dieselben Probleme, die Frauen in anderen Regionen haben. Und deswegen kommt der Feminismus vielleicht manchmal ein bisschen paternalistisch daher, mit der Einstellung: Wir westlichen Frauen wissen doch besser, was auch für die Frauen auf der restlichen Welt gut ist. Auch der Feminismus ist nicht frei von rassistischen und kolonialistischen Traditionen. Das müsste stärker reflektiert werden.

Sie sagen, dass der Feminismus nicht frei ist von kolonialistischen Ansichten. Ist es für eine westliche Feministin überhaupt nachvollziehbar, wenn eine Frau gern eine Burka trägt?

Auch wenn mir das nicht einleuchtet – es kommt drauf an, dass wir aus diesen Unterschieden eine fruchtbare Diskussion machen. Ich müsste mich dafür interessieren, welche Argumente sie vorbringt, welche Erfahrungen sie damit hat. Und sie müsste sich dafür interessieren, warum ich das problematisch finde. Aus diesem gegenseitigen Interesse können neue Ideen entstehen. Die Diskurse um Feminismus und westlichen Lebensstil sind sehr miteinander verknüpft. Ich fände es schön, wenn der Feminismus sich von dieser Verbindung frei machen und mehr Bündnisse mit Frauen aus anderen Kulturen suchen würde. Diese Frauen haben viel Erfahrung in der Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen. Wir könnten uns gegenseitig unterstützen.

FEMINISMUS & FÜRSORGE

Sie setzen sich für die Care-Revolution ein – worum geht es da überhaupt?

Vor allem in westlichen Ländern, die schon fortgeschritten, emanzipiert und kapitalisiert sind, ist nicht klar, wer die Fürsorgearbeit übernehmen soll. Wir haben ja keine klassischen Hausfrauen mehr wie früher.

Dass Frauen arbeiten können, ist ja nur möglich, weil Frauen aus anderen Ländern herkommen und für wenig Geld Kinder hüten und die Alten versorgen. Es ist nicht so, dass die Männer diese Arbeiten übernommen haben. Diese ungelöste Frage der Fürsorge ist ein verleugnetes Thema in unserer Gesellschaft und muss dringend gelöst werden. Es wird aber meistens nur oberflächlich unter Vereinbarkeit von Beruf und Familie diskutiert.

Und jetzt kommt die Care-Revolution. Was sind Ihre Pläne?

Die Care-Revolution ist ein Netzwerk, das sich mit diesem Thema beschäftigt und es auf die politische Agenda heben möchte. Das Neue daran ist, dass wir alle Betroffenen vereinen wollen. In der Kindererziehung zum Beispiel organisieren sich normalerweise diejenigen, die für Erziehungsarbeit bezahlt werden, und die, die es unbezahlt machen, getrennt. Dabei ist das Thema immer dasselbe. Deshalb müssen sich alle, also die Erzieherinnen und die Eltern, an einen gemeinsamen Tisch setzen und überlegen: Was für eine Qualität müsste Fürsorgearbeit eigentlich erfüllen, damit sie gut ist? Wie organisieren wir das? Soll Kindererziehung besser als bezahlte Arbeit, als unbezahlte Arbeit oder als freiwilliges Engagement gemacht werden? Und wenn es unbezahlte Arbeit sein soll: Wie werden dann die Leute, die diese Arbeit tun, materiell abgesichert?

Was wäre Ihre persönliche Lösung für das Problem?

Die Lösung wäre, das Thema der Fürsorgearbeit nicht mehr als reines Randthema zu sehen, sondern als zentrales Thema der Ökonomie. Wenn Sie ein Ökonomielehrbuch aufschlagen, dann steht meistens auf der ersten Seite: Ökonomie hat die Aufgabe, die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen. Ab Seite zwei geht es aber nur noch um Bilanzen und Geld. Die unbezahlte Arbeit muss da aber zentral mit berücksichtigt werden. Ein erster Schritt in die Richtung wäre zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das würde einfach mal Experimente ermöglichen. Damit wären Menschen, die Fürsorgearbeit leisten, materiell abgesichert und wären nicht mehr unbedingt dazu gezwungen, Geld zu verdienen.

In Ländern wie Afghanistan halten Frauen durch Sorgearbeit ihre Familie zusammen, Sorgearbeit ist Tradition und wird nicht „ausgelagert“. Was können wir hier von solchen Frauen lernen?

Auch die Frauenbewegung hat die Arbeit von Frauen im Haushalt lange Zeit gering geschätzt. In meiner Generation wollten wir alles werden – nur nicht so wie unsere Mütter, die Hausfrauen waren. Die Emanzipation fand auch auf dem Rücken von klassischen weiblichen Tätigkeiten statt, von denen sich die Frauen dann selbst distanziert haben. Und das war falsch. Wir hätten sehen müssen, dass diese Arbeiten natürlich sehr wichtig sind. Von Frauen aus anderen Kulturen können wir lernen, dass Hausarbeit und Fürsorgearbeit nicht abgewertet werden dürfen. Sie müssen aufgewertet, raus aus dem Privaten und auf die politische Agenda geholt werden.


How to be a Feminist! Tipps von Antje Schrupp

So glänzt du feministisch korrekt:

  • Achte darauf, was Frauen in deiner Umgebung sagen, und nimm es genau so ernst wie das, was Männer sagen.
  • Nimm die Verschiedenheit von Frauen wahr.
  • Sei aufmerksam für die vielfältige Bedeutung von Geschlecht im Alltag.

Das solltest du lieber lassen:

  • Schreibe anderen Menschen nicht vor, was sie tun oder denken sollen.
  • Glaube nicht, es gebe den „neutralen, geschlechtslosen Menschen“. Geschlechter existieren und das ist auch gut so!
  • Strebe nicht nach dem wahren, allumfassenden Feminismus. Es gibt vielzählige feministische Denkrichtungen.

„Ich trug zum ersten Mal in meinem Leben eine Burka“ Seit rund 15 Jahren berichtet Susanne Koelbl als Journalistin über Afghanistan. Ihr Geschlecht war ihr bei der Arbeit aber nie ein Nachteil – bis auf einige Ausnahmen.

Ein selbstbewusster Blick, der graue Anzug passt perfekt, das Makeup sitzt und auch die blonde Frisur ist makellos. Dennoch ist in Susanne Koelbls Gesicht ein Hauch von Müdigkeit und Überanstrengung zu sehen. Kein Wunder, die erfahrene Journalistin hat eine lange Reise hinter sich: Sie kommt geradewegs aus dem fernen Afghanistan, um den Interessierten der diesjährigen Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig Rede und Antwort stehen zu können. Gerade noch rechtzeitig hat sie es zu ihrem Panel geschafft. Jedoch muss sich Koelbl mehrmals aufgrund eines Hustenanfalls kurz vom Publikum entschuldigen: Anzeichen einer anrollenden Erkältung.

Afghanistan: ein zerrissenes Land                     

Doch was hatte Koelbl in Afghanistan zu suchen? Das Land befindet sich seit rund 40 Jahren im Bürgerkrieg und gilt aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse vor allem für Frauen als heißes Pflaster. Ganz einfach: Koelbl ist Auslandsreporterin für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Seit 1991 berichtet sie aus den verschiedensten Krisenregionen der Welt, darunter auch Afghanistan.

„Das Land nötigt einem ein gewisses Wachstum ab“, sagt Koelbl. „Das ist natürlich eine sehr fremde Welt gewesen und ich bin da hinein gewachsen – das ist ein sehr interessantes Land“.

Trotzdem bewertet Koelbl die Lage in Afghanistan negativ: „Das Land ist in keinem guten Zustand“, berichtet sie. „Die Armee ist zu schwach, um es zu kontrollieren“. Afghanistan hat in den letzten Jahrzehnten sehr viel erlebt: Erst die Besatzung durch die Sowjetunion in den siebziger Jahren, dann die Herrschaft der Mudschahedin sowie Taliban und schließlich die Intervention westlichen Mächte zur Bekämpfung der Unterdrückung. Letzteres hat aber wenig Erfolg gezeigt, nicht zuletzt wegen der vielen, rivalisierenden Ethnien im Land sowie Korruption in Politik und Gesellschaft.

Politik ist wichtiger als Religion

Die kritische Situation im Land und den wiedererstarkenden Einfluss der Taliban hat auch Koelbl zu spüren bekommen. Auf ihrem Weg zurück nach Deutschland war sie gezwungen, eine gefährliche achtstündige Autofahrt von der Provinz Kunduz in die Hauptstadt Kabul zu unternehmen. Die Provinzhauptstadt wurde erst vor kurzem vorübergehend von den Taliban eingenommen: „Aus Sicherheitsgründen trug ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Burka“, sagt sie.

Es gab noch eine andere Situation, in dem ihr Geschlecht ein Nachteil war – nämlich als sie ein Interview mit Abdul Rasul Sayyaf, einem afghanischen Politiker und Salafisten, führen wollte. „Er hat enge Beziehungen zu den Fundamentalisten in Saudi Arabien und hat mich viele Jahre nicht empfangen,  angeblich weil er keine weiblichen Journalisten als Gesprächspartner akzeptiert“, sagt Koelbl. Sayyafs Meinung änderte sich jedoch schlagartig, als er bei dem letzten Wahlkampf als Präsidentschaftskandidat antrat. „Sie sehen also, diese religiösen Überzeugungen werden gelegentlich auch einmal umgebogen, wenn es nützlich ist“.

Ansonsten hat Koelbl an sich keine großen Diskriminierungen aufgrund ihres Geschlechts gespürt: „Ich fühle mich mehr benachteiligt, weil ich keine Amerikanerin bin, bei den US-Top Shots, aber ich fühlte mich nie benachteiligt, weil ich eine Frau bin“.

Viel gelernt in Afghanistan

Das Land hat viel von Koelbl gefordert, aber auch einiges zurückgegeben. „Afghanistan hat mich gezwungen, den Kontext besser zu verstehen“, erzählt sie. Die vielen und involvierten Länder, so wie Pakistan, USA, Russland und China haben von ihr abverlangt, sich weiter mit der Materie auseinanderzusetzen. Dazu war sie unter anderem nach Saudi Arabien gereist, hat neun Monate an der Universität von Michigan über die Konflikte im Nahen Osten geforscht und auch einige Zeit in China gewohnt, um ein sich Bild der dortigen Interessen zu verschaffen.

Nicht alles ist schwarz

Trotz des Krieges und der Korruption hat Afghanistan aber auch seine guten Seiten. Koelbl berichtet von der Treue und Freundlichkeit der Menschen, „die mich tief berühren“. So erzählt die Reporterin, wie sie zuletzt im November im Land noch zwei Weihnachtsgeschenke gekauft hat und ein Schmuckstück erwerben wollte. Dazu brachte sie dem Juwelier ein Beispiel: Einen gefassten Stein, den sie dann aber auf dessen Verkaufstresen vergaß. Zu ihrem Glück kam der Mann Koelbl aber hinterhergelaufen, als sie noch einmal an seinem Stand vorbeikam. Er brachte den vergessenen Gegenstand zurück. Und das, obwohl die Journalistin schon lange fort war.

Stereotype und Schicksalssinfonien Khadija El Alaoui führt ein Leben gegen Vorurteile. Nach Jahren in Marokko, Deutschland und Nordamerika brachte ihre Forschung sie und ihre Tochter nach Saudi-Arabien. Unterdrückt fühlt sie sich nirgendwo.

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Eine Familie am Strand von al-Chubar – Saudi Arabien (Foto: marviikad unter CC BY-SA 3.0)

Wäre Beethoven nicht gewesen, Khadija El Alaoui hätte Marokko vielleicht nie verlassen. Das Studium in Deutschland wäre ein Traum geblieben, die Karriere als Wissenschaftlerin in den USA und Kanada hätte sie nicht eingeschlagen. Möglicherweise hätte sie sich auch nicht für ihr heutiges Leben in Saudi-Arabien entschieden – ein Land, von dem es heißt, Frauen würden unterdrückt werden. Doch El Alaoui kennt Beethoven sehr gut. Immer wenn sie nervös war oder skeptisch, lauschte sie seiner „Schicksalssinfonie“. „Alle Schwierigkeiten schienen lösbar“, sagt sie in arabisch eingefärbten Englisch. „Ich habe zugehört und gewusst, dass ich bereit bin weiterzuziehen.“ Immer mit dem Ziel, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen.

Zwischen al-Chubar und München liegen 5030 Kilometer und ein Graben aus Werten

El Alaouis Gesicht ist verpixelt. Das Orange ihres Kopftuches sticht hervor, beißt sich mit dem blauen Pullover. Die Skype-Verbindung zwischen München und al-Chubar in Saudi-Arabien, wo die 45 Jahre alte Frau heute lebt, ist schlecht. Dazwischen liegen 5030 Kilometer und ein Graben aus Werten. Erst als sie die Kamera deaktiviert, wird der Ton besser. El Alaoui kann ungestört erzählen – von klassischer Musik und von ihrem Lebensweg. Er hat sie vor zwei Jahren zu einer Lehrstelle an die Prince Mohammad bin Fahd University geführt, wo sie die Geschichte der US-arabischen Beziehungen erforscht, und in das kleine Haus, in dessen Esszimmer sie sitzt.

Ihren Alltag in der 160.000-Einwohnerstadt al-Chubar widmet El Alaloui den Frauen: In ihrem Drei-Zimmer-Häuschen lebt sie mit ihrer 14 Jahre alten Tochter, an der Universität unterrichtet sie ausschließlich Studentinnen. Dass sie die Seminare getrennt von ihren männlichen Kommilitonen besuchen müssen, kritisiert die Geschichtsdozentin nicht. Vielmehr stört es sie, wie die jungen Frauen im Ausland wahrgenommen werden. „Die Menschen erwarten schüchterne Mädchen, die sich nicht artikulieren können“, sagt El Alaoui. Dieses Bild sei falsch.

Khadija El Alaoui besitzt nicht viele Fotos von sich und den Orten, an denen sie lebte. "Ich reise mehr mit meinen Augen", sagt sie. (Foto: privat)

Khadija El Alaoui besitzt nicht viele Fotos von sich und den Orten, an denen sie lebte. „Ich reise mehr mit meinen Augen“, sagt sie (Foto: privat)

Um es zu widerlegen, erzählt sie von einem gesellschaftskritischen Referat dreier Studentinnen über die Sucht nach Smartphones als Form moderner Sklaverei. Mit ihrem Lehrauftrag möchte El Alaoui vor allem eines erreichen: „Das vielleicht Wichtigste für mich ist es, meinen Studentinnen neue Perspektiven auf die Welt zu eröffnen und ihr kritisches Denken zu fördern.“

Eine einzige Geschichte über andere

Den Anspruch an Offenheit stellt El Alaoui auch an sich. Durch ihre Reisen versucht sie, ihm gerecht zu werden. Als sie eines Tages die Antwort auf die längst vergessene Bewerbung für die Prince Mohammad bin Fahd University bekam, überlegte sie nicht lange. Trotz der Einwände ihrer Freunde. Die europäischen sprachen von Unterdrückung und Kopftüchern, die marokkanischen von Konsumsucht und Oberflächlichkeit. Gerade diese Vorurteile haben sie an der Stelle gereizt. „Ein Stereotyp entsteht, wenn man nur eine einzige Geschichte über die anderen kennt”, sagt el Alaoui. „Ich will mich deswegen mit den Menschen zusammensetzen, um zu begreifen, wie vielfältig ein Land wie Saudi-Arabien ist.”

„Ich weiß, darin bin ich gescheitert“

Mit ihren 45 Jahren kann El Alaoui viele Geschichten erzählen. Einige der schönsten handeln von ihrer Zeit in Dresden, wo sie erst Amerikanistik studierte und später ihre Doktorarbeit verfasste: Sie ging in die Oper und besuchte den Weihnachtsmarkt, sie verliebte sich in den süßen Geruch gebrannter Mandeln und lachte über die Witze ihrer deutschen Freunde. Beim Erinnern wird El Alaouis Stimme sanfter, sie lacht. „Mir fehlen die Geschenke.“ Eine besondere Verbindung zu Deutschland wird ihr bleiben. Ihre Tochter Sara ist dort geboren, bei ihrem Vater verbringt sie jeden Sommer und die Festtage. Als „wundervolle, großzügige“ Menschen beschreibt El Alaoui dessen Familie. 2008 führte sie ihr damaliger Forschungsschwerpunkt „Amerikanische Beziehungen” dennoch weg aus Dresden: an das Vassar College in New York. Für ihre Karriere war das ein wichtiger Schritt, trotzdem fiel ihr die Entscheidung, einen Ort zu verlassen, niemals leicht: „Als Mutter hatte ich damit zu kämpfen, dass wir so oft umgezogen sind und ich Sara nicht immer ein stabiles Umfeld bieten konnte”, sagt El Alaoui. „Ich weiß, darin bin ich gescheitert.”

„Glücklich sein kann man überall“

Damit Sara mit Gleichaltrigen aufwachsen konnte, lebte die kleine Familie nach der Zeit in den USA bei El Alaouis Bruder, dessen Frau und Kindern in Montreal. Sie blieben zwei Jahre, dann kam die Einladung nach al-Chubar. Auch für ihre Tochter sah El Alaoui eine Chance: die, die Welt in all ihren Facetten zu erfahren. Das Mädchen bleibt in ihren Entscheidungen frei, ein Kopftuch trägt sie im Gegensatz zu ihrer Mutter nicht.

In dem Leben, das sich die beiden in den letzten 23 Monaten in Saudi-Arabien aufgebaut haben, fehlt El Alaoui nur weniges. „Ich vermisse die Märkte in Dresden, den wöchentlichen El-beflohmarkt und die vielen Cafés und kleinen Läden, die die Louisenstraße pflastern, in der ichgelebt habe“, sagt sie. „In den Straßen ist so viel Leben. Das erinnert mich an meine Heimat-stadt Casablanca.” Ihr Glück jedoch will sie nicht von ihrer Umgebung abhängig machen. Sich nirgends zu Hause fühlen – das ist es, was die Lehrerin zu erreichen versucht: „Glücklich sein kann man überall, solange man das Gefühl in sich trägt. Ich bin es im Dialog mit anderen.”

Dr. Hamidis Mission Wissenschaftliche Betrachtung einer Heimat

Dr. Hamidi spricht langsam und deutlich. Er wirkt unaufgeregt, geht nicht hin und her, referiert im nüchternen Ton. Hamidi bedeutet sein Thema viel, denn es hat viel mit seiner persönlichen Geschichte zu tun. Auf der Bildkorrekturen Konferenz beschreibt Hamidi im Afghanistan-Panel die wissenschaftliche Sicht auf sein Land. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich „Historische und Systematische Kommunikationswissenschaft“ an der Universität Leipzig. Ursprünglich sollte seine Biographie eine andere werden. Medizin studieren sollte er, so der Wunsch seiner Eltern, als er sein Abitur in Afghanistan abschloss. Eine rationale Entscheidung. Eine vielversprechende Profession in dem durch Unruhen gezeichnetem Land.

Vom Bürgerkrieg nach Deutschland

Als eines von acht Kindern erlebte Kefa Hamidi seine Jugend in der islamischen Republik. „Heute“, so Hamidi, „habe ich meine Familie hier“. Mit Frau und Kindern lebt er in Leipzig. Geprägt und sozialisiert wurde Hamidi jedoch in einer anderen Kultur, fern ab der deutschen. Mit 18 Jahren musste sich Hamidi dieser Herausforderung stellen. Sein Land und seine afghanische Familie verlassen. Der Ausbruch des Bürgerkrieges bewegte ihn dazu, in Deutschland politisches Asyl zu beantragen. Doch Dr. Hamidi ließ nicht alles in Afghanistan zurück. Der Wunsch, zu studieren und sich weiterzubilden war ein ständiger Begleiter.

Kommunikationswissenschaft, ein Zufall.

Vier Jahre lang musste Hamidi sein Ziel zurückstellen, denn während er in Deutschland auf die Bewilligung seines politischen Asyls wartete, durfte er weder studieren, noch arbeiten. „Ich habe die gleichen Erfahrungen gemacht, die auch alle Flüchtlinge hier machen“, resümiert er. Mit viel Unterstützung und Geduld kam 1996 schließlich die gute Nachricht, das gute Gefühl. Hamidi durfte bleiben und das Flüchtlingsheim verlassen, um endlich zu studieren. Als seine größte Herausforderung sieht er heute jedoch nicht sein Studium. Nein, nicht einmal den Umweg von einem abgebrochenen Jurastudium, über ein Doppelstudium der Medienwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache bis hin zum Abschluss in Kommunikationswissenschaft im Jahr 2006. „Die größte Herausforderung war“, so Hamidi, „sich hier zu integrieren“. Sich zu beweisen und mehr zu leisten als der Durchschnitt. Besser zu sein als die anderen. Ein Streben, das durch den Wunsch nach Akzeptanz in der Gesellschaft geprägt wurde. Akzeptanz ist für Hamidi nicht gleichbedeutend mit Leistungsorientierung. Es bedeutet für ihn, sich nach 18 Jahren Sozialisation in Afghanistan, in einer neuen Umgebung, einem neuen Sozialisationskontext, zurechtfinden zu können. Das hat er geschafft. „Ich denke auf Deutsch“, sagt er. Das sage wohl alles.

Zwischen Information und Mission

Ganz zurückgelassen hat er seine Heimat aber nie. In der Magisterarbeit greift er seine Wurzeln in einem völlig neuen Kontext auf: Aus der Sicht der Wissenschaft. „Was in Afghanistan um 2005/2006 geschehen ist war ein weltweites Thema. Ein wichtiges Ereignis in der Weltpolitik. Diese Diskussion hat auch mich geprägt“, erklärt er. Jene Veränderungen wurden anschließend auch Schwerpunkt seiner Doktorarbeit. Unter dem Titel „Zwischen Information und Mission“ erforschte Hamidi berufliche Einstellungen und Leistungen von Journalisten in Afghanistan: Sie verstehen sich einerseits als Informationsvermittler, wie deutsche Journalisten auch. Andererseits sind sie geprägt von ihrer Mission etwas Positives zu bewirken, indem sie etwa Missstände thematisieren um zur Demokratisierung der Gesellschaft beizutragen, statt aus Angst zu schweigen.

Information und Mission: Der Titel seiner Doktorarbeit ist ebenfalls eng verbunden mit Hamidis persönlicher Geschichte. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leipzig steht er heute vor einer ähnlichen Zweiteilung. Er will einerseits die rasanten Entwicklungen in Afghanistan aus wissenschaftlicher Sicht reflektieren, andererseits die Außensicht auf sein früheres Heimatland korrigieren. „Die Berichterstattung über Afghanistan ist allzu oft schwarz-weiß.“ Es gebe in der Sicht von außen nur Gut und Böse. „Es könnte eine Aufgabe sein, das Facettenreichtum zu erklären“, findet er. Denn das Selbstverständnis der afghanischen Journalisten weicht kaum von dem der europäischen Kollegen ab. Ihr Beitrag zur Demokratie wird dennoch häufig unterschätzt.

Machen müssen sie es selbst“

Hamidi blickt optimistisch auf Afghanistan und seinen Weg zur Demokratisierung nach dem Taliban-Regime: „Ich sehe, dass sich viel in dem Land geändert hat, seit ich es verlassen habe. Trotz aller Probleme glaube ich, dass das Land es schaffen wird.“ Wie auch Dr. Hamidi, muss Afghanistan seinen Weg bestreiten, seine Prüfung bestehen. Unterstützung von außen wie den deutschen Bundeswehr-Einsatz hält er dabei für notwendig. Doch die politische Stabilisierung des Landes kann nicht allein durch fremde Hilfe geschehen. Für Hamidi bleibt eine Voraussetzung unabdingbar: „Machen müssen die Afghanen es selbst.“

Journafrica: Afrika ist anders, als wir denken Wer berichtet schon von kenianischen Graffiti-Künstlern? Das Online-Magazin „Journafrica“ tut genau das.

Die Artikel auf www.Journafrica.de stammen von afrikanischen Journalisten und berichten vom Leben abseits der Kriege und Krisen des Kontinents. Die Redaktion in Deutschland prüft und übersetzt die Texte. Ein Gespräch mit „Journafrica“-Mitbegründer Philipp Lemmerich.

„Journafrica“-Gründer Lemmerich: „Der Eindruck von unseren Artikeln ist hip, cool, urban und yeah!“

„Journafrica“-Gründer Lemmerich: „Der Eindruck von unseren Artikeln ist hip, cool, urban und yeah!“

Philipp Lemmerich, Sie geben ein Online-Magazin über Afrika heraus. Mit Krisen beschäftigen sich die Artikel aber meist nicht. Was haben Sie gegen harte Themen?
Lemmerich: Ich habe den Eindruck, die meisten Berichte über Afrika handeln von den drei großen „K“s: Kriege, Krisen, Katastrophen. Aber die Bilder, die das in unserem Kopf hinterlässt, entsprechen nicht den Bildern vor Ort. Eine Geschichte über eine Krise ist vielleicht nur eine von Hunderttausend Geschichten, die sich in Afrika abspielen. Von denen wollen wir erzählen.

Hat das überhaupt Nachrichtenwert?
Einen klassischen Nachrichtenwert haben die wenigsten unserer Geschichten. Aber ich glaube, Auslandsjournalismus sollte nicht nur Nachrichten vermitteln. Es geht darum, andere Länder zu zeigen, und zwar aus mehreren Perspektiven. Wenn ich als großes Nachrichtenportal aber nur einmal im Jahr über Swasiland berichte, vermittle ich ein einseitiges Bild. Vor allem wenn dieser eine Artikel dann nur von Armut handelt.

„Fakt ist, die meisten von uns interessieren sich nicht die Bohne für Afrika“. Das haben Sie in ihrem Vortrag bei der Konferenz „Bildkorrekturen“ gesagt. Kann das ein Artikel über Hip-Hop aus Swasiland ändern?
Ja, ich denke schon. Ich finde, man erreicht die Leute durch niedrigschwellige Geschichten. Wir Akademiker denken da vielleicht zu oft auf der Meta-Ebene. Wenn jemand in Deutschland Bock auf Hip Hop hat und durch den Artikel herausfindet, dass es in afrikanischen Ländern auch Hip Hop gibt, dann wird er sich auf diesem Weg für Afrika interessieren.

Die meisten Ihrer Themen sind urban, kreativ, liberal. Für die konservative Landbevölkerung interessieren Sie sich also nicht?
Stimmt schon, der Eindruck von unseren Artikeln ist hip, cool, urban und „yeah!“. Und das soll so sein. Als wir in den ersten Monaten gemischte Themen hatten, haben sich die Leser beschwert und gesagt: Solche Artikel kennen wir schon. Die Berichte in unserem Magazin sind nicht ausgewogen, weil wir bewusst ein Gegengewicht zur allgemeinen Berichterstattung suchen.

Wer liest eigentlich „Journafrica“?
Noch sind unsere Leser vor allem junge Leute mit akademischem Hintergrund und Afrika-Bezug. Zugegeben: Damit bewegen wir uns in einer eigenen Blase. Unser größter Gewinn wäre eine regelmäßige Zusammenarbeit mit großen Medien in Deutschland. Wie das genau aussehen soll, weiß ich noch nicht – ich könnte mir zum Beispiel eine Kolumne im Politikteil einer überregionalen Tageszeitung vorstellen.

Woher wissen Sie, dass Ihre Autoren unabhängig sind? Die Artikel stammen von afrikanischen Journalisten vor Ort, an der Recherche sind Sie in Deutschland nicht beteiligt.
Wir sind ein Team von zehn Leuten und prüfen alle eingereichten Artikel. Außerdem checken wir die Identität von jedem unserer Mitarbeiter. Die meisten, die für uns schreiben, haben schon vorher im Netz veröffentlicht. Da kann man sich schon ein Bild machen. Wenn in den Artikeln politische Meinungen deutlich werden, kennzeichnen wir das als Kommentar.

Sie etikettieren also Berichte Ihrer Autoren zu Kommentaren um?
Ja, das kommt manchmal vor. Ich habe den Eindruck, dass in einigen afrikanischen Ländern die Trennung von Nachricht und Kommentar nicht so wichtig ist wie bei uns. Die Autoren drücken Werturteile und ihr subjektives Empfinden viel offener aus. Manchmal streichen wir in Reportagen auch die Abschnitte, die eine Meinung beinhalten, und geben den Journalisten ein entsprechendes Feedback.

Haben Ihre Autoren schon Probleme mit ihren Regierungen bekommen?
Ja, auch wenn die meisten unserer Artikel nicht besonders politisch sind. Einer unserer Journalisten aus Burundi schreibt beispielsweise nur unter Pseudonym. Ein anderer Autor ist vor Kurzem nach Belgien geflohen, er wurde zuhause vors Justizministerium zitiert.

Stichwort Selbstzensur: Wirkt bei Ihren Autoren die sprichwörtliche Schere im Kopf?
Das weiß nicht.

Vor der Gründung von „Journafrica“ haben Sie selbst einige Monate in Togo Radio gemacht. Worüber haben Sie da berichtet?
Ich war sehr blauäugig. Ich habe aus einem damals noch akademischen Kontext über Mülltrennung und Umweltschutz berichtet. Die Leute vor Ort dachten sich wohl: Aha, da spricht wieder der weiße Mann, der alles besser weiß. Es war einfach eurozentristisch und ich habe mich überfordert gefühlt. Obwohl ich schon eine Weile dort war, hatte ich einfach nicht gelernt, wie es in Togo läuft. Vielleicht bleibt man als Europäer eben doch immer ein Tourist.

INFOBOX

Im Netz ist „Journafrica“ unter www.Journafrica.de zu finden, sowie auf Facebook (www.facebook.com/Journafrica) und Twitter (twitter.com/Journafrica).

Die Texte stammen von Journalisten aus 25 afrikanischen Ländern. Ein Schwerpunkt liegt in Ost- und Westafrika, Artikel aus Nordafrika gibt es derzeit nicht.

Das Team von „Journafrica“ besteht aus etwa zehn Leuten. Sie pflegen die Website, übersetzen und redigieren die Texte und entscheiden über die Themenvorschläge der Autoren.

Finanziert wird das Online-Magazin durch Fördergelder und Spenden. Die freien Autoren werden für jeden Artikel bezahlt. In einer Crowdfunding-Kampagne haben die Macher Geld gesammelt, um das Projekt im Jahr 2016 fortzusetzen.

ZUR PERSON

Philipp Lemmerich hat in Kiel und Leipzig Politikwissenschaft studiert. Er lebt als freier Journalist in Berlin und leitet das Online-Magazin „Journafrica“.

Die Angst eritreischer Flüchtlinge vor regimetreuen Dolmetschern

Nutzen regimetreue Tigrinya-Dolmetscher*innen beim BAMF ihre Machtposition aus, um eritreische Geflüchtete im Asylinterview einzuschüchtern? Eine Recherche von Elisabeth Kimmerle und Lucas Grothe.

In Eritrea müssen Frauen und Männer einen zeitlich praktisch unbegrenzt Militärdiesnt leisten - und sind dabei struktureller, körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt. Foto: Lucas Grothe

In Eritrea müssen Frauen und Männer einen zeitlich praktisch unbegrenzt Militärdiesnt leisten – und sind dabei struktureller, körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt. Foto: Lucas Grothe

Ein einziger Satz kann entscheiden: Anerkennung oder Ablehnung. Wenige Worte können ausschlaggebend dafür sein, ob geflüchtete Eritreer*innen Schutz in Deutschland bekommen. In der Asylanhörung sitzt der Flüchtling einem Entscheider vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gegenüber, dem er detailliert seine Fluchtgründe schildern soll. Zwischen ihnen ein Dolmetscher – er ist die Schlüsselfigur in der Asylanhörung, denn er ist der einzige, der beide Sprachen beherrscht. Der Dolmetscher muss in seinem Beruf zwei Dinge können: Reden und Schweigen. Er muss inhaltsgetreu verdolmetschen, was der Flüchtling in der Anhörung berichtet. Und er muss darauf verzichten, eigene Kommentare in das Gespräch einzubringen. Vor allem aber muss er schweigen über alles, was er im Asylinterview über den Geflüchteten erfährt. Doch was, wenn er Teil des Regimes ist, vor dem die Eritreer*innen geflüchtet sind? Was, wenn er falsch übersetzt oder den Geflüchteten einschüchtert?

Regimetreue Dolmetscher*innen setzen eritreische Geflüchtete unter Druck

Eine Studie über Tigrinya-Dolmetscher in Anhörungen vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, die in den kommenden Wochen in der Zeitschrift Moderne Sprachen veröffentlicht wird, liefert Anhaltspunkte dafür, dass regimetreue eritreische Dolmetscher*innen für das BAMF arbeiten. „Es soll vorgekommen sein, dass der Dolmetscher in der Anhörung sagt: Hör auf, so über dein Land zu sprechen“, berichtet die Verfasserin der Studie, Eden Mengis. Aus den Interviews, die sie mit eritreischen Geflüchteten und Dolmetscher*innen geführt hat, geht hervor, dass es in Asylanhörungen wiederholt zu Einschüchterungsversuchen gegenüber eritreischen Geflüchteten gekommen sein soll. Freweyni Habtemariam, die als vereidigte Dolmetscherin seit vielen Jahren für Behörden und Gerichte ins Tigrinische dolmetscht, bestätigt diesen Verdacht: „Zu mir kommen gruppenweise Flüchtlinge, die sich darüber beschweren, dass sie im Asylinterview unter Druck gesetzt wurden, nichts Kritisches über die eritreische Regierung zu sagen.“

Ein Satz mit gravierenden Folgen

„Sprich nicht so über dein Land!“ Das ist ein Satz, der den Ausgang des Asylverfahrens verändern kann. Wenn ein Dolmetscher ihn zum Geflüchteten auf der eritreischen Amtssprache Tigrinya sagt, bemerkt der Entscheider das nicht, weil er die Sprache nicht versteht. Doch der Asylbewerber bekommt Angst: Wie soll er vor einem regimetreuen Dolmetscher offenlegen, warum er aus Eritrea geflohen ist – einem Land, in dem Flucht unter Strafe steht? Wie soll er über seinen Herkunftsort, seine Familienverhältnisse in einem Land berichten, in dem Angehörige der Geflüchteten wegen Fluchthilfe ins Gefängnis kommen können? Die Konsequenzen dieses einen Satzes können weitreichend sein: Beschließt der Geflüchtete, Details auszusparen, kann das BAMF seinen Asylantrag als unglaubwürdig einstufen oder als unbegründet ablehnen. Der Asylbewerber riskiert damit eine Abschiebung nach Italien, dem Land, über das die meisten Eritreer*innen nach Europa kommen. Gibt er vor dem regimetreuen Dolmetscher Einzelheiten über seine Familie preis, gefährdet er schlimmstenfalls seine Angehörigen in Eritrea. Schon mit der Flucht nach Europa werden Eritreer*innen vom repressiven Regime ihres Heimatlandes kriminalisiert. In dem Land am Horn von Afrika werden alle Männer und Frauen ab 18 Jahren zum sogenannten National Service – einem Militär- oder Zivildienst – eingezogen, der in der Praxis mehrere Jahrzehnte dauern kann. Ein Grund für die Flucht nach Europa – und für die Anerkennung als Flüchtling in Deutschland.

Dringen über die Dolmetscher*innen private Informationen nach Eritrea?

„Ich sehe eindeutig die Gefahr, dass diese hochsensiblen Informationen von den regimetreuen Dolmetschern an die eritreische Botschaft weitergeleitet werden“, erklärt Eden Mengis, die selbst als Konferenzdolmetscherin arbeitet. „Was damit in Eritrea an Unrecht geschehen kann, ist viel folgenreicher als die konkreten Konsequenzen für die Asylsuchenden.“ Dass regimetreue Dolmetscher*innen tatsächlich Informationen über eritreische Geflüchtete an die Botschaft übermitteln, ist schwer nachzuweisen. Doch in einem UN-Bericht über Eritrea, der im Juni 2015 erschienen ist, geht die Untersuchungskommission davon aus, dass die eritreischen Bespitzelungsstrukturen, die die Bevölkerung unter ständiger Angst halten, bis nach Europa reichen und dass das Regime in der eritreischen Diaspora Spione einsetzt, um an Informationen über die Geflüchteten zu gelangen. Dass auch Dolmetscher*innen als Spitzel arbeiten könnten, legt ein Gespräch nahe, das Freweyni Habtemariam mit einem Eritreer geführt hat, der in einem eritreischen Ministerium arbeitet: „Er wusste nicht, dass ich Oppositionelle bin und hat mir gesagt: Wir bekommen das, was die Flüchtlinge erzählen, von den Dolmetschern geschickt. Wir sind gut informiert. Das hat mir schon zu denken gegeben“, sagt sie.

Die Angst der Geflüchteten vor dem Regime bleibt

Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, kennt die Vorwürfe, dass das BAMF in Anhörungen regimetreue Tigrinya-Dolmetscher*innen einsetze. „Die Hinweise auf regimetreue eritreische Dolmetscher sind ein Problem, das im Auge behalten werden muss. Wir beobachten, dass es in vielen Fällen ein großes Misstrauen unter eritreischen Geflüchteten gibt, was die Dolmetscher angeht“, erklärt er. Allerdings sei es schwierig, empirisch zu belegen, dass regimetreue Dolmetscher*innen Flüchtlinge in Asylinterviews einschüchtern oder Informationen an die eritreische Botschaft weiterleiten.

 

Ungewisse Zukunft: Auch aus der eritreischen HauptstadtAsmara flüchten viele Menschen nach Europa. Foto: Lucas Grothe

Ungewisse Zukunft: Auch aus der eritreischen HauptstadtAsmara flüchten viele Menschen nach Europa. Foto: Lucas Grothe

Das liegt auch daran, dass eritreische Geflüchtete in Deutschland Angst haben, sich öffentlich über das Regime zu äußern, vor dem sie geflohen sind. Wie groß das Misstrauen der Asylsuchenden gegenüber der eritreischen Regierung ist, bekommen auch Journalist*innen zu spüren: Bei der Recherche zu diesem Artikel ist kein Flüchtling bereit, über Einschüchterungsversuche von regimetreuen Dolmetscher*innen zu sprechen, nicht einmal anonymisiert.

Intransparenz beim Bundesamt

Auch die Zusammenarbeit des Bundesamts mit Tigrinya-Dolmetscher*innen ist intransparent. Zwar antwortet das BAMF auf Anfrage, das Bundesamt lege „großen Wert darauf, nur zuverlässige und geeignete Dolmetscher einzusetzen und die Qualität der Arbeit kontinuierlich zu kontrollieren und zu bewerten“. Die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses sei obligatorisch, des Weiteren würden Kontakte des Dolmetschers zu Behörden seines Heimatlandes in die Auswahlentscheidung einbezogen. Dem stehen Aussagen von Seghen Gebreyosus von United4Eritrea entgegen, einer Initiative, die nach den Beschwerden über regimetreue Dolmetscher*innen versucht hat, zu überprüfen, in wie vielen Fällen eritreische Flüchtlinge in ihrer Asylanhörung eingeschüchtert wurden. „Es ist sehr schwierig, das aufzuklären. Die Liste mit Dolmetschern, die vom BAMF veröffentlicht wurde, ist veraltet. Weil so viele eritreische Flüchtlinge kommen, werden die Dolmetscher nicht im Verzeichnis aufgenommen, sondern sie arbeiten auf Rechnung, sind also nicht beim BAMF angestellt“, erklärt Gebreyosus. Teilweise würden die Dolmetscher*innen nur temporär vereidigt. „Anscheinend ist die Not so groß, dass man sagt: Wir brauchen jeden, der uns helfen kann.“

Missstände gibt es nicht erst seit letztem Jahr“

Georgia Mais vom Berufsverband Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer in Norddeutschland e. V. (ADÜ Nord) bekräftigt diese Einschätzung: „Missstände gibt es nach unseren Informationen nicht erst seit letztem Jahr. Ich sehe nicht, dass die Kriterien, die wir als Berufsverband fordern – sei es hinsichtlich der Berufsethik oder der Professionalität – ausreichend berücksichtigt werden“, sagt Mais, die als Diplom-Übersetzerin seit 20 Jahren im ADÜ Nord aktiv ist. „In den aktuellen Stellenausschreibungen ist schwammig von ethischen Grundsätzen die Rede, aber ich höre von Kollegen, dass der Entscheider zulässt, dass der Dolmetscher wesentlich mehr oder weniger redet als der Asylbewerber und auch kommentiert. Da müsste jeder Entscheider hellhörig werden“, berichtet sie. Ihre Beobachtungen stützen sich auf Berichte von freiwilligen Helfer*innen, die mit arabisch sprechenden Flüchtlingen arbeiten. Im Namen des ADÜ Nord hat Mais einen offenen Brief an das Bundesamt mitverfasst, in dem die Entscheider*innen aufgefordert werden, bei Zweifeln an der adäquaten Verdolmetschung zu intervenieren. Dazu komme, dass das BAMF Dolmetscher*innen weit unter Tarif bezahle: Für Termine am Gericht liege der Stundensatz gemäß dem Justizvergütungs- und Entschädigungsgesetz (JVEG) bei 70 bis 75 Euro, für Asylanhörungen bekämen Dolmetscher*innen jedoch nur 25 Euro pro Stunde. „Das Bundesamt versucht, die Kosten für die Dolmetscher so gering wie möglich zu halten“, bestätigt Cornelia Remde vom Verein beeidigter Dolmetscher und Übersetzer Sachsen. Auch der Vorstandsvorsitzenden des Berufsverbands mit Sitz in Dresden ist das Problem der regimetreuen Dolmetscher*innen bekannt. „Es gibt Gerüchte, dass regimetreue Dolmetscher durchaus auch beim BAMF eingesetzt werden, aber wir haben keine Beweise. Die Frage ist: Wie prüft das Bundesamt die Dolmetscher? Das BAMF definiert keine Qualitätsstandards“, kritisiert Remde.

Das Black Box-Problem der Asylanhörung

Bernd Mesovic von Pro Asyl teilt die Einschätzung, dass das Bundesamt „bundesweit ein Qualitätsproblem mit Dolmetschern“ habe. Die Überprüfung von Dolmetscher*innen sei ein ernstzunehmendes strukturelles Problem des Bundesamts. „Es ist kaum leistbar für das BAMF, die Qualität der Dolmetschleistung zu prüfen. Weil keine externen Beobachter am Verfahren beteiligt sind, entsteht hier das Black Box-Phänomen“, erklärt er. Als

Neben der katastrophalen Menschenrechtslage ist auch die marode Wirtschaft ein Fluchtgrunde für viele Eritreer*innen. Foto: Lucas Grothe

Neben der katastrophalen Menschenrechtslage ist auch die marode Wirtschaft ein Fluchtgrunde für viele Eritreer*innen. Foto: Lucas Grothe

Kontrollmöglichkeit schlägt Mesovic vor, gelegentlich einen weiteren Dolmetscher hinzuzuziehen – was zur Folge haben könnte, dass dann korrekt übersetzt wird – oder Tonbandaufnahmen zu machen. Allerdings müsse man die Qualität von der politischen Einstellung der Dolmetscher*innen trennen. „Die Behauptung der politischen Manipulation eines Dolmetschers ist schwerwiegend. Wie kann ein Dolmetscher beweisen, dass er unverdächtig ist?“, gibt er zu bedenken. Der Kontakt zur Botschaft ist kein zwingendes Indiz dafür, dass ein Dolmetscher regimetreu ist, da viele Eritreer*innen die Dienste der Botschaft in Anspruch nehmen müssen, um etwa Dokumente aus ihrem Heimatland ausgestellt zu bekommen. Eden Mengis plädiert in ihrer Studie dennoch dafür, dass das Bundesamt keine Dolmetscher*innen einstellt, die Kontakte zur eritreischen Botschaft haben. „Das wäre ein Abwägen, weil dadurch Dolmetscher ausgeschlossen werden, die auf die Botschaft angewiesen sind, weil sie zum Beispiel Unterlagen brauchen. Aber viel schlimmer ist, wenn Menschenrechtsverletzungen in Eritrea begangen werden, weil regimetreue Dolmetscher Zugang zu sensiblen Informationen hatten“, erklärt sie. Zwar könne nicht abschließend festgestellt werden, dass die Botschaft gezielt Dolmetscher*innen in die Asylanhörungen einschleust, aber die Vermutung liege nahe, so Mengis. Problematisch sei zudem, wenn Geflüchtete von Dolmetscher*innen eingeschüchtert würden.

Einzelfälle oder strukturelles Problem?

Das BAMF weist die Vorwürfe zurück: „Die von Ihnen geschilderten Situationen sind uns nicht als generelles Problem bei eritreischen Dolmetschern bekannt. Weder liegen uns hierzu Hinweise aus den Außenstellen noch von anderer Seite vor“, antwortet die Pressestelle des Bundesamts auf Anfrage. Die Problemlage ist kompliziert, das sieht auch Seghen Gebreyosus von United4Eritrea ein. „Natürlich sprechen wir immer noch von Einzelfällen, aber wir wissen nicht, wie viele Fälle es noch gibt. Gerade, weil es so schwer nachzuvollziehen ist. Im Nachhinein kann man nicht aufklären, ob falsch verdolmetscht wurde oder nicht. Es gibt keine Tonbandaufnahmen aus der Anhörung“, wendet sie ein. Bei fast 11000 Asylanträgen von eritreischen Geflüchteten im vergangenen Jahr handelt es sich bei den wenigen dokumentierten Beschwerden für das Bundesamt statistisch um Einzelfälle, die keine Reaktion erfordern. Doch hinter jedem Einzelfall, in dem ein Tigrinya-Dolmetscher nicht neutral verdolmetscht oder seine Verschwiegenheitspflicht verletzt, steht ein Mensch, der mit den gravierenden Konsequenzen leben muss. Dass die Dunkelziffer weit höher liegt, ist angesichts der Angst eritreischer Geflüchteter, sich öffentlich über das Regime zu äußern und der intransparenten Zusammenarbeit des Bundesamts mit Dolmetscher*innen denkbar. Die Initiative United4Eritrea überlegt, dem BAMF ihre Mithilfe bei der Überprüfung der Tigrinya-Dolmetscher*innen anzubieten, und auch Pro Asyl will das Problem im Auge behalten. „Da wird ein strukturelles Problem weggeredet“, kritisiert Bernd Mesovic. „Man kann aber nicht über die Einzelfälle hinweggehen, weil es da um Existenzen geht.“

Trotz tausender Kilometer, die eritreische Schutzsuchende auf ihrerFlucht bis nach Deutschland zurückgelegt haben, können sie sich also scheinbar nicht immer dem langen Arm des Regimes entziehen. Eine Sensibilisierung für das Thema scheint im BAMF derzeit wenig vorhanden zu sein. Und das, obwohl in der Asylanhörung jedes (falsch) übersetzte Wort über die Zukunft der Geflüchteten entscheiden kann.

Frauenrechte in Eritrea: Zwischen gesetzlicher Gleichberechtigung und faktischer Benachteiligung

In Eritrea sind Frauen und Männer gleichberechtigt. So steht es in der Präambel der Konstitution, die 1997 ratifiziert wurde. Grund für die besondere Stellung, die Eritrea den Frauenrechten einräumt, ist die Beteiligung der Frauen am 30-jährigen Unabhängigkeitskrieg der eritreischen Befreiungsarmee EPLF. Bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1991 kämpften eritreische Frauen Seite an Seite mit den Männern gegen die Kolonialmacht Äthiopien. Auch in der Zivilgesellschaft waren die Frauen während des Kriegs emanzipiert: Sie übernahmen für ihre abwesenden Männer die Verantwortung für den Haushalt, die Geschäfte und die Landwirtschaft. Nach der Unabhängigkeit hat Eritrea mehrere Gesetze zur Gleichstellung der Frauen erlassen. So gewährt etwa die Landreform-Proklamation von 1994 und 1997 jedem Bürger unabhängig von Geschlecht, Religion und Ethnie das Recht, Land zu besitzen. Dieses Gesetz ermöglicht Frauen, landwirtschaftliche Betriebe und kleine Geschäfte aufzubauen. Laut dem Jahresbericht der afrikanischen Frauenrechtsorganisation Make Every Woman Count (MEWC) aus dem Jahr 2014 kontrollieren Frauen 40 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen in Eritrea.

Die Arbeitsproklamation von 2001 schützt Frauen im Beruf gesetzlich. In der Verwaltung und im Parlament gilt eine Frauenquote: 30 Prozent der Sitze sind für Frauen reserviert. Bereits 1995 hat Eritrea zudem die internationale Frauenrechtskonvention CEDAW ratifiziert, ein Übereinkommen über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Damit ist die Gleichstellung der Frau gesetzlich vergleichsweise gut geschützt.

In der Praxis sind eritreische Frauen dennoch Diskriminierung und sexueller Gewalt ausgesetzt. Im aktuellen Bericht zur Umsetzung der CEDAW äußert das UN-Komitee vor allem Besorgnis über die negativen Auswirkungen des National Service auf die Rechte der Frau. Der Militärdienst ist in Eritrea für Männer und Frauen von 18 bis 40 Jahren verpflichtend. Eigentlich auf 18 Monate begrenzt, müssen Eritreer*innen den National Service oft auf unbegrenzte Zeit ableisten. Alle Schüler*innen werden im 12. Schuljahr zum Militärdienst im Ausbildungslager Sawa eingezogen. Die UN-Kommission kritisiert die Zwangsrekrutierung, auch von minderjährigen Frauen in den zeitlich unbegrenzten Militärdienst unter Bedingungen, die der Zwangsarbeit ähneln. Berichten zufolge würden Frauen im National Service zudem häufig Opfer sexueller Gewalt durch Offiziere und männliche Rekruten. Als problematisch bewertet das Komitee auch, dass junge Frauen vermehrt frühzeitig die Schule verlassen oder minderjährig schwanger werden, um den Militärdienst zu umgehen. Abseits des National Service besteht für Frauen die Gefahr, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden. Auch Genitalverstümmelung betrachtet die Frauenrechtsorganisation Make Every Woman Count als ein ernstzunehmendes Problem in Eritrea: 89 Prozent aller eritreischen Frauen sind laut MEWC davon betroffen.