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Vergewaltigungen im Kongo: Physische und psychische Folgen

„Die Regierung muss das Schweigen brechen“: Die kongolesische Medizinerin Dr. Gloria Mwanza Tshilumba über die Opfer von sexueller Gewalt im Kongo und ihre Arbeit in der Ngaliema Klinik in Kinshasa.

Gloria Mwanza Tshilumba erregt Aufsehen, als sie mit ernster Miene den Raum betritt. Knallrote Lippen, elegante Kleidung und hohe Schuhe unterstreichen ihre Weiblichkeit. Ihre Stimme ist fest und ruhig, während sie sachlich über die Gräueltaten berichtet, die sich im Kongo zutragen. Man merkt, sie versteht ihr Fach.
Seit 2007 ist sie Ärztin der inneren Medizin in der Ngaliema Klinik in Kongos Hauptstadt Kinshasa. Die Allgemeinmedizinerin behandelt tagtäglich Patienten mit unterschiedlichen Krankheitsbildern. Da sie in der Stadt und nicht auf dem Land praktiziert, hat sie es im Alltag nur selten mit Vergewaltigungsopfern zu tun. Aber hin und wieder gelingt es den Frauen, das Konfliktgebiet zu verlassen und sich in der Klinik behandeln zu lassen. Diese Frauen sind meistens so schwer verletzt, dass sie sofort operiert werden müssen. Aber ebenso groß wie die physischen Verletzungen sind die seelischen: „Ich muss diese Frauen vor allem psychisch ermutigen, damit sie anfangen zu erzählen. Viele haben starke Unterleibsverletzungen und ich muss ihnen wieder Hoffnung geben, denn diese Frauen wollen nicht mehr leben“. In solchen Fällen ist Dr. Tshilumba nicht nur als Ärztin, sondern auch als Seelsorgerin im Einsatz.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Im Kongo gibt es für vergewaltigte Frauen das Recht auf Anzeige sowie medizinische und psychologische Behandlung, jedoch machen die wenigsten davon Gebrauch. Denn selbst wenn die Täter im Gefängnis landen, was sehr selten der Fall ist, sind diese Gefängnisse nicht sicher und die Ausbruchrate ist sehr hoch. „Unsere Gefängnisse im Kongo sind wie Siebe“, moniert Dr. Tshilumba. Frauen trauen sich deshalb nur sehr selten, Anzeige gegen ihren Vergewaltiger zu stellen; die geschätzte Dunkelziffer liegt bei ca. 500.000 Vergewaltigungsopfern jährlich. Das liegt jedoch nicht nur an dem maroden Gefängnissystem – vergewaltigte Frauen werden oftmals von der Gemeinde geächtet, verstoßen und von den Familien verlassen, ebenso wie die Kinder, die aus den Vergewaltigungen entstehen und als „Schlangenkinder“ bezeichnet werden. „Den Frauen wird das Recht auf Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper geraubt, ebenso wie das Recht, Mutter zu werden“, fasst Tshilumba zusammen. Beim Gespräch mit der Ärztin wird auch ein weiteres Problem deutlich: Die Tatsache, dass auch Männer im Kongo Opfer von Vergewaltigungen werden, ist selbst für die Ärztin kaum im Bereich des Vorstellbaren. „Im Kongo ist bei Vergewaltigungen nur von Frauen die Rede“, erklärt Tshilumba nach mehrmaligem Nachfragen. „Die Frauen sind die, die die Wahrheit sagen und Männer sind da zurückhaltend und sagen nichts. Wenn Ihnen sowas passiert, ziehen sie sich zurück und sind einfach fertig mit den Nerven“, erläutert die Ärztin.

Was geschehen muss, um die Situation im Kongo zu verbessern, ist für sie klar: Frauen müssen über ihre rechtlichen Ansprüche ausführlicher informiert werden. Ebenso sollten Soldaten besser aufgeklärt und geschult werden, damit den Frauen ausreichend Schutz geboten werden kann. Eine weitere Notwendigkeit ist in ihren Augen, dass ein Friedensgerichthof geschaffen wird. Der Anfang muss aber von oben gemacht werden, schließt die Ärztin: „Die Regierung muss das Schweigen brechen“. Damit das geschieht, ist auch Hilfe aus dem Ausland notwendig. „Die kongolesische Regierung kann das alleine nicht stemmen. Da ist auch Europa gefragt.“

 

 

Gleichberechtigung für türkische Journalistinnen – ein weiter Weg Autorin: Theresa Kienlein

Frauen sind in türkischen Redaktionen unterrepräsentiert, in den Chefetagen kommen sie so gut wie nicht vor. Die Kommunikationswissenschaftlerin Gizem Melek hat mit zehn Journalistinnen Interviews über ihren Alltag geführt. Ihre Aussagen illustrieren die wichtigsten Gründe und zahlreiche Beispiele für Diskriminierung und sexuelle Belästigung von Frauen. Für die Zukunft fordert Melek eine bessere Vernetzung von Universitäten und Medienhäusern, ein Umdenken der Gesellschaft und eine starke Bewegung für Frauen und Frauenrechte in der Türkei.

Die türkischen Medien sind eine nahezu reine Männerdomäne

Laut einer Studie zweier türkischer Journalistinnen sind in der Türkei rund 30 Prozent aller Beschäftigten der Medienbranche weiblich. Dabei variiert der Anteil der beschäftigten Frauen je nach Medium und Art der Position, wie die folgende Tabelle zeigt:

Frauenanteile in türkischen Medienunternehmen - Unterschiede innerhalb der Branche. Quelle: Gizem Melek, eig. Darstellung.
Anteil der beschäftigten FrauenAnteil der beschäftigten Frauen in ManagementpositionenAnteil der weiblichen Chefredakteure
Printmedien19 %12 %4 %
Online-Redaktionen der Zeitungen33 %k.A.17 %
Fernsehanstaltenk.A.10 %k.A.
reine Online-Medien38 %28 %31 %

 

Schlüsselt man die Führungspositionen weiter auf die einzelnen Managementaufgaben auf, so fällt der – im Vergleich gesehen – relativ hohe Frauenanteil von 28,7 Prozent bei den Ressortleitern auf. Ist die Geschlechtergerechtigkeit hier auf einem guten Weg? „Leider nein“, erwidert Melek „weiblich besetzte Bereiche sind Zeitschriften und Lifestyle-Magazine. In Ressorts wie Politik oder Wirtschaft findet man so gut wie keine Frauen, sie stecken in Kunst und Kultur, Gesundheit und bei Bildungsthemen fest. Das zeigt wieder eine andere Form von Sexismus.“ Bei den Themen Sport und Wirtschaft sind allerdings öfter weibliche Moderatoren und Nachrichtensprecher zu sehen. Häufig aber nicht aus dem Blickwinkel der Gendergerechtigkeit, sondern als gezielte Marketingmaßnahme für die überwiegend männliche Zielgruppe, führt Meleks Interviewpartnerin A.I, Journalistin seit neun Jahren, aus: „Women presenters are seen only as a visual material“.

Ein weiteres Problem ist die Hauptstadtberichterstattung aus und in Ankara. Um in der Türkei in eine leitende Medienposition zu kommen, ist Erfahrung in der Hauptstadt ein unbedingtes Muss. „Hier sehen wir erschreckende Zahlen“, so Melek weiter, „bei 17 Zeitungen in Ankara gibt es nur eine weibliche Korrespondentin.“

Diskriminierung und sexuelle Belästigung sind Alltag

Journalistinnen in der Türkei werden oft auf ihr Äußeres reduziert: Sie berichteten in den Interviews von Einkaufs- und Stylingstipps, die sie von ihren Vorgesetzten erhalten haben. Einmal habe sie über ein Bootsunglück mit 37 Toten live berichtet, erzählte eine politische Korrespondentin: „Alles, was meine Chefs interessiert hat, war mein Outfit.“ Eine andere Journalistin berichtet von andauernder sexueller Belästigung durch einen Kollegen am Arbeitsplatz. Als sie ihren Chef auf die Vorfälle ansprach, folgten Unverständnis und keine Reaktion. „Die Türkei tut sich schwer mit der Gleichstellung“, so Melek, „Frauen wissen im Berufsalltag oft nicht, wie sie sich abgrenzen sollen.“

Gesetzliche Lage und Einkommensunterschiede

Auch die offizielle Statistik bestätigt die bisher genannten Zahlen: Im Jahr 2013 waren von insgesamt 14415 akkreditierten Journalisten lediglich 23 Prozent weiblich. Die amtliche Statistik täusche aber, erklärt Misket Dikmen, Präsidentin des Verbands Izmirer Journalisten. „Frauen werden seltener von ihren Arbeitgebern offiziell registriert. Gerade in den ländlichen Gebieten arbeiten sie oft auf Aushilfs- und Voluntärsbasis.“ Weniger Sicherheit, geringeres Einkommen und bei Gehaltsverhandlungen verschobene Blickwinkel: Frauen werden oft schlechter bezahlt mit dem Argument, dass sie ja nur das zweite Einkommen im Haushalt liefern, ihr männlicher Kollege bei gleicher Arbeit eine ganze Familie zu versorgen habe, so die Präsidentin weiter.

Schwierige politische Lage und Attacken von Politikern in Sozialen Netzwerken

Das angespannte politische Klima in der Türkei, die Repressionen gegenüber Medienvertretern und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen tragen außerdem dazu bei, dass die berufliche und soziale Situation von Frauen schwieriger wird. Wenn Entlassungswellen drohen, seien es zuerst die Frauen, denen gekündigt wird. Melek hat seit den Gezi-Protesten 2013 ein weiteres Phänomen beobachtet: Immer öfter werden gezielt einzelne Journalistinnen Opfer von Angriffen in den sozialen Netzen. Hochrangige Politiker und Vertreter der Regierungspartei starten einen breiten Shitstorm gegen Einzelne, darunter bekannte Journalistinnen wie Nuray Mert oder Rengin Arslan.

Gendergerechte Sprache in der Praxis und die Ellbogenmentalität unter Kollegen

Auch im Redaktions- und Arbeitsalltag herrscht ein angespanntes Klima. „Wenn mir als Redakteurin genderdiskriminierende Sprache auffällt, kann ich sie verbessern“, so eine Medienvertreterin, „wenn ich andere auf die Diskriminierungen in ihren Texten hinweise, werde ich meist lächerlich gemacht.“ Eine andere Journalistin, die seit 18 Jahren als politische Korrespondentin arbeitet, berichtet, sie habe Panikattacken, seit sie bei einer Parteiveranstaltung körperlich heftig in der Menge gedrückt und gequetscht worden sei.

Forderungen für die Zukunft

Gendergerechtigkeit und gendergerechte Sprache sind Bestandteil der journalistischen Ausbildung an den Universitäten. Gizem Melek fordert eine Weiterführung der Inhalte und die bessere Vernetzung von Hochschulen und Medieninstitutionen. Außerdem bräuchten Frauen und Frauenrechte mehr Aufmerksamkeit und eine starke, breite Bewegung in der Türkei. Die Gesellschaft müsse umdenken, die Diskriminierungen und Repressionen Frauen gegenüber müssten beendet werden.

Porträt der Wissenschaftlerin Dr. Gizem Melek.

Dr. Gizem Melek

Dr. Gizem Melek ist eine türkische Kommunikationswissenschaftlerin, die seit 2011 an der Yasar Universität in Izmir (Türkei) am Institut für Radio, Fernsehen und Kino lehrt und forscht. Nach Stationen an der Universität Westminster in London und der Ägäis Universität in Izmir hat sie 2015 ihre Promotion mit dem Titel „A Study on Hürriyet and Twitter within the Framework of Intermedia Agenda-Setting“ abgeschlossen. Neben der akademischen Arbeit hat sie sechs Jahre Erfahrung im Journalismus, unter anderem als Korrespondentin des türkischen Fernsehsenders NTV und des Londoner Fernsehens ITV. Aktuell beschäftigt sie sich vor allen mit den Themenschwerpunkten Social Media im Bezug auf Twitter und Agenda-Setting sowie mit Fragen der Medienfreiheit und Medienethik.

Dr. Gizem Melek auf Twitter folgen: @Gizem_Melek

 

Mehr zu Thema Gender und Media in der Türkei:

 

Der deutsche Blick auf die Türkei Autor: Yannic Kollum

Sich selbst ein Bild zu machen wäre natürlich die beste Variante. Da dies aber nur in den wenigsten Fällen möglich ist, greift man in der Regel auf Medien zurück. Zwar wird der Blick auf andere Länder dadurch gefiltert, doch erhält man durch die Perspektiven und die Expertise der Berichterstatter auch Informationen, die einem selbst verwehrt geblieben wären. Luisa Seeling, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Bereich Außenpolitik, beantwortet einige Fragen zum Thema Gender in der Türkei sowie zur deutschen Berichterstattung.

 

Berichtet eine Frau anders über die Türkei als ein Mann?

Ich glaube nicht, dass das Geschlecht hierbei eine Rolle spielt. Vor ein paar Monaten hat ein SZ-Kollege einen Text über die Proteste nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan und über das Gewaltproblem in der Türkei geschrieben. Es war ein guter Text, und wenn der Name des Autors nicht über dem Artikel gestanden hätte, wäre wohl nicht spürbar gewesen, dass da ein Mann schreibt.

Welche Rolle spielen Gender-Themen in der Berichterstattung?

Die Medien berichten immer mal wieder über „Frauen in der Türkei“, aber – etwas salopp ausgedrückt – meist entweder als Ausnahme oder als Opfer. Wenn eine Türkin einen einflussreichen politischen Posten bekleidet, schreiben wir darüber, weil wir es überraschend finden. Und wenn es ein brutales Verbrechen gibt, wenn es also um Gewalt gegen Frauen geht, berichten wir auch, wie über den Mord an Özgecan Aslan. Das ist auch richtig so, weil wir Missstände thematisieren müssen. Trotzdem wäre natürlich schön, wenn es irgendwann keiner besonderen Erwähnung mehr bedürfte, dass eine Frau Ministerin, Bürgermeisterin oder Konzernchefin wird. Ich finde außerdem, dass wir uns noch mehr mit alltäglichen Gesellschaftsthemen befassen könnten: Wie organisieren türkische Paare die Kinderbetreuung? Welche Angebote der Familienplanung gibt es? Was bedeutet es in der Türkei, wenn die Großeltern oder Urgroßeltern pflegebedürftig werden? Denn all das betrifft ja ganz unmittelbar das Leben der Frauen.

Viele Menschen haben ein Bild im Kopf von türkischen Frauen, die sich unterordnen. Woher kommt das?

Ich persönlich habe dieses Bild nicht. Dafür kenne ich zu viele Frauen in der Türkei, die tolle Karrieren machen, die sich für ihre Rechte einsetzen und den Mund aufmachen, wenn ihnen etwas nicht passt. Wenn Recep Tayyip Erdoğan Frauen dazu auffordert, mindestens drei Kinder zu bekommen, oder das Abtreibungsrecht verschärfen will, gehen Tausende auf die Straße, um zu protestieren. Ich kenne übrigens auch türkische Männer, die ihre Frauen unterstützen und stolz auf deren Karriere sind.

Man kann also nicht pauschal sagen, dass sich Frauen in der Türkei unterordnen. Trotzdem sind natürlich die patriarchalischen Strukturen allgegenwärtig, es gibt ein großes Gleichberechtigungsproblem. In der Politik und allgemein auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen unterrepräsentiert. Die AKP-Regierung zeigt wenig Interesse daran, das zu ändern. Sie vertritt ein konservatives Frauenbild, Frauen sollen sittsam, folgsam, mütterlich sein. Hinzu kommt ein massives Gewaltproblem – häusliche Gewalt, immer wieder auch furchtbare Morde. Das allerdings ist nicht erst mit der AKP über die Türkei gekommen. Dieses Problem ist viel älter, da haben auch frühere, säkular-kemalistische Regierungen versagt.

Ist Gewalt gegen Frauen eine Frage des sozialen Milieus?

Auch, ja. Frauen in den ärmeren, bildungsferneren Schichten sind oft schlechter ausgebildet, sie haben keinen Beruf, sind ökonomisch abhängig – ihnen fehlt oft das Handwerkzeug, um sich gegen das patriarchalische System zur Wehr zu setzen. Trotzdem muss man aufpassen, dass man nicht die einfache Gleichung aufmacht: südostanatolisch und fromm – also frauenfeindlich. Geschlechterkonservative Positionen gibt es in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus, nicht nur im ländlichen Südosten. Hinzu kommt, dass die Frauenbewegung in sich gespalten ist: Stramm säkular-kemalistische Frauenrechtlerinnen haben für Kopftuchträgerinnen oft nur Verachtung übrig. Diese Spaltung schwächt die türkische Frauenbewegung.

Kann ein deutscher Journalist mit seiner westlich-liberalen Brille überhaupt die Gender-Situation in der Türkei objektiv abbilden?

Objektiv ist man nie. Jeder hat einen kulturellen Kontext und eine eingefärbte Sicht auf die Dinge. Das ist normal, unvermeidbar und, solange man sich dessen bewusst ist, auch erlaubt. Ich finde auch nicht, dass man sich von demokratischen Maßstäben verabschieden sollte, nur weil man über ein Land schreibt, in dem Politik anders funktioniert als in unseren liberalen europäischen Demokratien. Der Rest ist journalistisches Handwerk: Nachricht und Meinung trennen, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lassen.

Das eigentliche Problem, das Sie mit der Frage ansprechen, ist das des Zugangs. Als ausländischer Journalist hat man in der Regel viele liberale, progressive Freunde und Ansprechpartner, sie leben in Istanbul oder Izmir, arbeiten an der Uni, in der Werbebranche, in den Medien, sind meist nicht übermäßig religiös. Oft wählen sie die Mitte-Links-Partei CHP; AKP-Wähler oder Anhänger der nationalistischen MHP sind in den Freundeskreisen ausländischer Journalisten deutlich seltener. Es ist manchmal schwierig, aus dieser Blase herauszukommen und sich Zugang zu anderen Teilen der Gesellschaft zu verschaffen. Wenn das nicht gelingt, denkt man irgendwann, das ganze Land bestehe aus Erdoğan-Kritikern – und wundert sich sehr, wenn die AKP dann doch die Wahl haushoch gewinnt. Ich finde aber, dass die meisten deutschen Kollegen, die aus der Türkei berichten, sehr ausgewogen und differenziert arbeiten.

Gibt es in Teilen der türkischen Gesellschaft Vorbehalte gegenüber der Berichterstattung westlicher Journalisten – vor allem, wenn es um Gender-Themen geht? Erschwert das die Recherche?

Ich habe in dieser Richtung noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es nicht auf große Begeisterung stößt, wenn man einem konservativen Familienoberhaupt Vorträge darüber hält, wie er seine Frau zu behandeln hat. Ein bisschen Fingerspitzengefühl ist bei der Recherche sicher hilfreich.

Generell ist mein Eindruck, dass sich vor allem AKP-Leute von westlichen Journalisten missverstanden und ungerecht behandelt fühlen, weil die Berichterstattung über die AKP in den vergangenen Jahren immer kritischer geworden ist. Zu Recht, wie ich finde; die türkische Regierung schränkt die demokratischen Freiheiten immer hemmungsloser ein. Darüber muss man schreiben.

Spielt das Thema Geschlechtergleichheit in der Türkei zurzeit überhaupt eine Rolle in den Medien angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen?

In der Tat steht das Thema im Moment nicht ganz oben auf der Agenda. Einfach deshalb, weil in der Türkei in den vergangenen Monaten so wahnsinnig viel passiert ist: Der Konflikt des türkischen Staats mit den Kurden ist wieder ausgebrochen, die Friedensgespräche sind beendet worden. Es gab blutige Anschläge, die Situation an der syrischen Grenze ist angespannt, das Elend der Flüchtlinge nimmt zu; und dann gab es auch noch zwei Parlamentswahlen in diesem Jahr mit extrem polarisierten Wahlkämpfen.

Trotzdem: Immer dann, wenn etwas geschieht, etwa der Mord an der Studentin im Frühjahr 2015, werden die Frauen – und auch einige Männer – wahnsinnig wütend. Dann kocht eine richtige Welle hoch, es gibt Demonstrationen und es wird sehr viel berichtet, in türkischen Medien und im Ausland. Anders als früher diskutiert die Öffentlichkeit über die Situation von Frauen, das ist ein Fortschritt. Ich habe also durchaus den Eindruck, dass sich etwas tut. Das Bewusstsein für die Probleme ist größer geworden. Doch der Kampf für Frauenrechte und gegen die Gewalt bleibt mühsam, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eine konservative Gegenbewegung gibt. Wie sich die Situation von Frauen in den nächsten Jahren entwickelt, wird ganz stark davon abhängen, wie sich die türkische Demokratie insgesamt entwickelt. Zurzeit sieht es nicht gerade rosig aus.

 

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

 

Luisa Seeling

Luisa Seeling ist Journalistin der Süddeutschen Zeitung im Ressort Außenpolitik und beschäftigt sich überwiegend mit dem Themenkomplex Türkei. Im Laufe ihres Studiums, das einen Bachelorabschluss in Europäischen Studien an der Universität Maastricht sowie einen Masterabschluss in Internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin umfasste, entwickelte sich bei ihr der Gedanke, als Journalistin tätig zu werden. Ein Auslandssemester an der Doğuş Universität in Istanbul, das sie im Rahmen ihres Bachelorstudiums absolvierte, weckte ihr Interesse an der im gesellschaftlichen Wandel begriffenen Türkei. Nach diversen journalistischen Tätigkeiten wurde sie 2012 Stipendiatin des Johannes-Rau-Stipendiums der Internationalen Journalisten Programme (IJP), wodurch sie zwei Monate bei der türkischen liberalen Tageszeitung Radikal Gazetesi in Istanbul verbrachte. Sie machte Erfahrungen als Auslandskorrespondentin und konnte durch Recherchen vor Ort (*) ihre Türkei-Expertise noch weiter vertiefen. Ihre Laufbahn bei der SZ begann Luisa Seeling 2013 mit einem Volontariat, Mitte 2015 wurde sie feste Mitarbeiterin der außenpolitischen Redaktion mit dem Schwerpunkt türkische Politik und Gesellschaft.

* Die Ergebnisse ihrer Recherchen in Istanbul finden sich beispielsweise in dem gemeinsam mit Özlem Topçu geschriebenen Text „Verachtung von gestern“ wieder, der 2013 in der ZEIT veröffentlicht wurde.

Internationale Journalisten Programme & Stipendien

An der Wurzel der Korrektur von Bildern steht das Begegnen – egal ob persönlich oder seitens des Berichterstatters. Exakt jener Notwendigkeit, die zu einer besseren Auslandsberichterstattung in Deutschland führen soll, hat sich Internationale Journalisten Programme e.V. verschrieben.

Jedes Jahr bieten die IJP jungen, aufstrebenden Journalisten die Möglichkeit, an internationalen Austauschprogrammen von Medien und Meinungsmachern teilzunehmen. Im Rahmen von journalistischen Stipendien ermöglicht der gemeinnützige Verein die professionelle Begegnung mit anderen Kulturen in weltweit über 40 Staaten, wie beispielsweise der Türkei oder Nationen im südlichen Afrika. Den Teilnehmern eröffnet sich die Gelegenheit, vor Ort ausgiebige Recherchen durchzuführen bzw. allgemein die Kenntnis über Kultur und Land sowie das eigene Netzwerk um internationale Kontakte zu erweitern. Über einen Zeitraum von zwei Monaten arbeiten die Stipendiaten sowohl als Gastredakteure in den ausländischen Redaktionen als auch als Korrespondenten für die jeweiligen Heimatmedien. Der Austausch erfolgt dabei bilateral; geht etwa eine deutsche Stipendiatin in die Türkei, so kommt eine Kollegin oder ein Kollege von dort zu einem deutschen Medium.

Weitere Informationen unter:
http://www.ijp.org/ – Offizielle Homepage der Internationale Journalisten Programme e.V.

Medienalltag in der Türkei: Genderaspekte und Pressefreiheit Autoren: Yannic Kollum, Theresa Kienlein

‚Frauen tragen Kopftuch, haben nichts zu sagen und haben keine gesellschaftlich relevanten Funktionen‘. So kann man das Stereotyp überspitzt auf den Punkt bringen, wenn man sich mit der Außensicht von Gendergerechtigkeit in der Türkei beschäftigt. Ebenso verhält es sich, versucht man, die Rolle von Frauen im türkischen Mediensystem zu benennen. Die vier Türkei-Expertinnen der Bildkorrekturen 2015 räumen mit einigen Vorurteilen auf, bestärken andere und zeigen vor allem ein komplexes Gesamtbild der Rolle der Frauen im türkischen Mediensystem. Ein Bild, das sich am Ende eher auf diese beiden Kernsätze reduzieren lässt: „Journalism in Turkey is a hard job and women have even more problems“, so Dr. Gizem Melek und Sevgi Akarçeşme ergänzt: „At the moment it’s almost luxury to talk about gender issues in Turkish media system.“

Eine türkische Chefredakteurin – theoretisch ja, praktisch auch?

Theoretisch gibt es Arbeitsschutzgesetze für Journalisten, Gesetze zur Medienfreiheit und Bestimmungen zum Schutz vor Geschlechterdiskriminierung. In der Realität sind rund 70 Prozent der Journalisten männlich, in den Management-Positionen der Medienanstalten und privaten Mediendienstleister über 90 Prozent. In der Theorie werden alle Journalisten laut Gesetz Nr. 212 registriert, fallen so beispielsweise unter Arbeitsschutzregelungen. In der Praxis werden weniger Frauen als Männer unter diesem Gesetz akkreditiert und arbeiten – gemessen an ihren männlichen Kollegen – überdurchschnittlich häufig in prekären Arbeitsverhältnissen.

Bewegung in der türkischen Öffentlichkeit?

Auf Fragen nach organisierten Bewegungen zur Stärkung der Rechte der Frauen, aktuellen gesellschaftlichen Debatten oder dem Bild der Frau in den Medien selbst fanden Melek und ihre deutsche Kollegin, Dr. Elinor Morack ebenso deutliche Worte. Es gibt im ganzen Land immer wieder Gruppen von Frauen und Männern, die sich für Gleichberechtigung und eine Verbesserung der aktuellen Situation stark machen, allerdings ist die Berichterstattung bisher auf wenige Leuchtturmprojekte, wie das Engagement von Frauen rund um die Gezi-Proteste 2013, beschränkt. Eine breitere Berichterstattung finde im Moment (noch) nicht statt, so sind sich die Expertinnen einig. Außerdem werden an Frauen und Männer unterschiedliche moralische Maßstäbe angelegt, beispielsweise unterscheidet sich die Berichterstattung über Gewaltverbrechen in der moralischen Bewertung erheblich, je nachdem, ob die Täter männlich oder weiblich sind. Weitere Probleme sind TV-Serien und andere populäre Formate, die ein überholtes Frauenbild vermitteln, sowie die Tatsache, dass Frauen in der Medienberichterstattung kaum als selbständig Handelnde vorkommen und so zu reinen Objekten degradiert werden.

Kritische Sicht auf die Regierungspartei

Von den Referentinnen besonders kritisch betrachtet wird die Rolle der Regierungspartei in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte um die Rolle der Frau und die der freien Presse. Öffentlich rufen Mitglieder der AKP zu Shitstorms gegen unbequeme Journalisten auf und es bleibt auch nicht nur bei Drohungen. „Journalism is not only being targeted, it is being killed in Turkey“, kommentiert Akarçeşme. Authentischer könnte eine derartige Aussage kaum sein, zieht man in Betracht, dass Sevgi Akarçeşme selbst mit einer vom türkischen Premierminister eingereichten Klage konfrontiert sieht. In Deutschland könne sie frei reden, betont Akarçeşme, was sie jedoch bei der Rückkehr in die Türkei erwarte, bleibe abzuwarten (s. NACHTRAG). Längst ist sie nicht die Einzige, die mit diesem Klima der Angst zurechtkommen muss – gegenüber Anschuldigungen unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung, die regelmäßig zu Redaktionsdurchsuchungen, -räumungen sowie zu Verhaftungen führen, sind kritische Medienmacher egal welchen Geschlechts nahezu wehrlos.

Pressefreiheit als Grundlage hat Priorität

Angesichts derartiger Aussagen ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich die mediale Aufmerksamkeit auf andere Probleme als die Rolle der Frau gerichtet ist. Sicher schwele das Genderthema im Untergrund und blinke in der Medienberichterstattung hier und dort auf, erklärt die SZ-Redakteurin Luisa Seeling, dennoch stehe Geschlechtergleichheit anhand einer Vielzahl anderweitiger gesellschaftlicher Entwicklungen gerade nicht an der Spitze der Medienagenda. Die Pressefreiheit und ihre Bedrohung sind als Problematik derart grundlegend, dass das Genderthema in den Hintergrund rückt – dies selbst auf einer Tagung, die sich explizit diesem Gegenstand verschrieben hat.

 

----- NACHTRAG -----
Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Dramatische Entwicklung: Journalistin und Türkei-Panelistin Sevgi Akarçeşme von Gericht wegen angeblicher Beleidigung des türkischen Premierministers verurteilt

Bereits auf der Tagung hatte Frau Sevgi Akarçeşme Bedenken, über das, was sie zurück in der Türkei erwartet, mitgeteilt. Knapp zwei Wochen nach den Bildkorrekturen in Leipzig vom 26. bis 28.11.2015 wurde sie in der Türkei zu einem Jahr und fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Vorgeblich habe sie den türkischen Premierministers über Twitter beleidigt, wobei sich die Argumentation der Klägerschaft auf einen von einem anderen Twitter-Nutzer verfassten Kommentar unter Akarçeşmes kritischem Tweet bezieht, mit dessen Urheberschaft sie nichts zu tun hat. Während Akarçesme Davutoğlu beschuldigt, die Pressefreiheit zu eliminieren, betitelt der Folgetweet den Premier mit dem Wort „Liar“, was als Aufhänger für die Klage verwendet wird. Die Haftstrafe ist unter Strafaussetzung auf fünf Jahre ausgesetzt. Dies bedeutet, dass sie bei guter Haltung bzw. nicht eintretender Wiederholung des Klagegrundes einerseits zwar die Haftstrafe umgehen kann, andererseits jedoch in ihrer journalistischen Arbeit in dieser Zeit überaus vorsichtig – um nicht zu sagen ‚zahm‘ – sein muss. So wird ihr durch das Urteil praktisch ein publizistischer Maulkorb umgehängt.

Angesichts dieser tragischen Entwicklung wünschen wir Frau Akarçeşme viel Kraft und Standhaftigkeit – auf dass ihr Engagement und ihre kritische Haltung in der Zukunft nicht erneut gegen sie verwendet werden.

Artikel zur Verurteilung unter: http://www.todayszaman.com/national_todays-zaman-journalists-given-suspended-jail-sentences-for-insulting-pm_406558.html

 

„Entweder wir schweigen oder wir retten die Welt“ – Im Gespräch mit Diane Nininahazwe Autorin: Nadine Dinkel

Im Panel zu Burundi sitzt mir die 26-jährige Radiojournalistin Diane Nininahazwe gegenüber. Sie wirkt angespannt und ernst. Wir sehen uns kurze Videosequenzen vom Wahltag in Bujumbura und der Situation von Journalisten in Burundi an. Als Diane die gewaltbeherrschten Bilder aus ihrer Heimat sieht, ist sie sehr bewegt. „Die burundische Regierung tötet Menschen, sie respektiert ihre Rechte nicht.“ Nach politischen Unruhen wurden 2015 alle privaten Radiostationen im Land geschlossen oder zerstört. Pressefreiheit? Die gibt es nicht mehr. Immer mehr burundische Journalisten sind gezwungen, das Land zu verlassen. Obwohl der Radiosender, für den Diane arbeitet, am 14. Mai 2015 geschlossen wird, entscheidet sie sich zu bleiben und weiterhin zu berichten. Immer wieder wird sie von Freunden und ihrer Familie gefragt: „Bist du verrückt, das zu machen?“ Doch für Diane als Journalistin gibt es nur zwei Möglichkeiten: „Entweder wir schweigen und lassen die Bevölkerung im Stich oder wir reden und riskieren zu sterben.“

 

„Wir sollten unsere Mikrofone dazu nutzen, die Welt zu verändern“

Als burundische Journalistin verdient Diane weniger als 100 Dollar im Monat. ‚Journalistin sein‘ ist für sie nicht nur ein Beruf, es ist ihre Berufung, ihre Leidenschaft. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Ich als Journalistin habe die Möglichkeit dazu.“ Medien haben für sie vor allem die Aufgabe, der Bevölkerung eine Stimme zu verleihen und die Regierung zu kritisieren: „Wir Journalisten sind die vierte Gewalt, wer, wenn nicht wir, soll die Gesellschaft verändern?“ Viele zu Unrecht inhaftierte Burundier, darunter auch Journalisten, wurden durch den Druck der Medien wieder frei gelassen. Jetzt stehen die Medien selbst im Visier der Regierung.

 

„Journalisten sind nationale Helden“

Die burundische Bevölkerung schätzt Journalisten, die über Konflikte berichten. „Journalisten sind sehr anerkannt, Ihnen kommt viel Dank zu.“ Dennoch ist es oft schwierig und gefährlich. Burundi ist ein kleines Land, jeder kennt jeden. „Es ist nicht möglich, als Journalist unauffällig unterwegs zu sein. Oft wird man auf der Straße angesprochen: Darüber hättest du nicht berichten sollen!“

 

„Ich mochte das Mikrofon“

Dianes Eltern haben ihren Wunsch, als Journalistin zu arbeiten, immer unterstützt. „Als ich zwölf Jahre alt war, beschloss ich, Journalistin zu werden. Ich mochte das Mikrofon und wollte Sendungen für Kinder machen, den Kindern einen Stimme geben.“ Mit 16 Jahren machte Diane ein dreijähriges Volontariat bei Radio ijwi ry’amahoro („Voice of Peace“), einem katholischen Sender. Später hat Diane an der Universität Kommunikation für Entwicklung studiert. „Mit Journalismus hat das nicht viel zu tun. Journalismus kann man in Burundi nicht studieren. Viele große Journalisten haben überhaupt nicht studiert. Die meisten seien Journalisten aus Leidenschaft und lernten in der Praxis.“

 

Das Geschlecht spielt (k)eine Rolle

„In Burundi sind alle Journalisten gleich. Du wirst bedroht, weil du Journalist bist, nicht weil du eine Frau bist.“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es trotzdem. „Weibliche Journalisten sind vom Schicksal Einzelner oft stärker berührt als ihre männlichen Kollegen. Journalistinnen setzen sich außerdem mit anderen Themen auseinander. Da die Entscheidungsfindung in Medienunternehmen aber überwiegend bei Männern liegt, bekommen diese Themen dann oft wenig Platz im Programm.“

 

Aufgeben ist keine Option

Am 24. Juni 2015 ändert sich Dianes Leben schlagartig. Sie wird bedroht, eine Granate explodiert auf ihrem Grundstück. Sie ist nicht zuhause und überlebt. Ihr Mutter fleht: Wann hörst du endlich mit deiner Arbeit als Journalistin auf? Doch Diane kann und will nicht aufhören. Zunächst versteckt sie sich und schläft jede Nacht woanders, dann flieht sie in das Nachbarland Ruanda. Zum Zeitpunkt unseres Interviews lebt Diane dank der Unterstützung des Auszeit-Stipendiums in Berlin. Informationen über die aktuelle Situation in Burundi bekommt Diane via Internet, Whats App und Facebook. „Meine Kollegen senden Informationen aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, und verbreiten diese über Social Media.“

 

„Burundi ist ein Schatz, ein kleiner Schatz“

Auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie eines Tages zurück nach Burundi könnte, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich bin und bleibe Journalistin. Meine Aufgabe als Journalistin ist es zu zeigen, dass wir die Gesellschaft verändern können.“ Diane musste ihre Heimat Burundi im Sommer 2015 verlassen, in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Ein halbes Jahr lang findet sie Zuflucht in Berlin. Mit Ende des Stipendiums kehrt sie Ende Januar 2016 wieder nach Ruanda zurück, um dort Schutz zu suchen. Wann und ob sie nach Burundi zurückkehren kann, ist nicht absehbar. Dianes Wunsch ist es, eines Tages in ein friedliches Burundi zurückzukehren.

 

„In Burundi gibt es keine Züge“

Unser Interview findet größtenteils auf dem Weg zum Leipziger Bahnhof statt. Diane ist aufgeregt und erklärt mir, dass sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben Zug gefahren sei. In Burundi gibt es keine Züge. Ich warte noch eine Stunde mit ihr am Bahnhof. Wir sprechen über alltägliche Dinge, wie es ihr in Berlin gefällt und ob sie schon andere Städte in Deutschland gesehen hat. Sie mag deutsches Bier und hat noch nie Glühwein getrunken. Zum ersten Mal seit vier Stunden wirkt sie etwas entspannt. Sie lächelt und erzählt ein wenig von ihrer Heimat Burundi, davon, wie sie früher einmal war.

SOS Médias Burundi

Die Pressefreiheit der burundischen Medien hat 2015 erhebliche Einschnitte erfahren. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Eine Gruppe burundischer Journalisten lässt sich nicht einfach stumm schalten. SOS Médias Burundi nutzt die sozialen Medien und informiert via Soundcloud, Twitter und Facebook die burundische Bevölkerung über die Geschehnisse vor Ort.

Interview mit Claudia Simons: „Die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen sind ein globales Problem“

Interview mit der Peacebuilding-forscherin Claudia Simons von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Wie würden Sie die gesellschaftliche Stellung der Frau im Kongo beschreiben? Wie haben sie selbst es dort erlebt?

Die Frage nach der gesellschaftlichen Stellung der Frau kann man fast global beantworten: Sie ist trotz vieler Veränderungen in verschiedenen Teilen der Welt noch prekär. Das gesamte gesellschaftliche System ist sehr patriarchal strukturiert, das wirkt sich im Rechtssystem aus, in bestimmten kulturellen Praktiken etc. Man kann zwar sagen, dass sich durch die Frauenbewegung in Europa viel geändert hat. Aber selbst in Europa hat man in vielen Ländern, inklusive Deutschland, immer noch bestimmte Strukturen, in denen man merkt, dass der Bias in der Gesellschaft sehr patriarchal ist. In Ländern wie Kongo und Burundi ist es zum Teil schlimmer, da die Gesellschaftsstrukturen noch stärker männerdominiert sind und diese Themen in der Politik kaum Beachtung finden. Gerade die Rechtsprechung, vor allem im Erbrecht, ist ein guter Indikator dafür, ob es gesellschaftliche Gleichstellung gibt oder nicht. In Burundi zum Beispiel hat die Frau nach wie vor kein volles Erbrecht. Wenn ihr Mann stirbt, hat sie kein Recht auf das hinterlassene Land.

Wie sieht es mit der gesetzlichen Lage im Kongo aus? Werden nach Frauen in Bezug auf sexuelle Übergriffe ausreichend geschützt?
Vom Gesetz her schon. Die demokratische Republik Kongo ist eines der wenigen Länder, das Vergewaltigung explizit mit der sogenannten „rape-law“ im Gesetz verankert hat. Es ist interessant zu sehen, dass sich mittlerweile auch viele Zivil- und Militärgerichte mit Vergewaltigungen befassen. Aber leider kommt es sehr selten zu einer Verurteilung. Es ist natürlich immer die Frage, inwiefern das formelle Recht auch angewandt wird und inwiefern informelle Rechtspraktiken bestehen. Ein anderes Problem ist, dass viele Vergewaltigungen nicht angezeigt werden. Vor allem bei Vergewaltigungen durch Soldaten und Familienmitglieder im Rahmen häuslicher Gewalt ist dies der Fall. Auch in Deutschland ist häusliche Gewalt ist ein sensibles Problem. Es besteht eine wahnsinnig hohe Dunkelziffer, die man überhaupt nicht einschätzen kann.

Liegt es vielleicht auch daran, dass vergewaltigte Frauen im Kongo oftmals von ihren Männern verstoßen werden und sich deshalb gar nicht trauen, die Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen aus Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung?
Vergewaltigung ist immer ein Stigma. Es ist auch ein typisches Phänomen, die Schuld umzudrehen und zu sagen, dass die Frau schuld sei an der Vergewaltigung oder sie provoziert hätte. Das passiert sehr häufig überall auf der Welt.
Es hat sich in den letzten Jahren im Kongo insofern gewandelt, da das Thema „Vergewaltigung als Kriegswaffe“ extrem dominant geworden ist. Viele internationale NGOs befassen sich nun mit diesem Thema. Was einerseits positiv ist, da gerade in den Kriegsgebieten wie im Ostkongo Frauen und sogar Männer mehr Mut haben, über Vergewaltigungen zu sprechen und das Thema dadurch etwas enttabuisiert wird. Gleichzeitig hat es den perversen Effekt, dass in manchen Krankenhäusern die Angabe einer Vergewaltigung schon fast notwendig ist, um überhaupt medizinische Versorgung zu bekommen. Das kann von Männern wiederrum benutzt werden, um zu behaupten, dass es gar keine Vergewaltigung gab und die Frau sich diese nur ausgedacht habe. Das Tabu ist deshalb noch längst nicht gebrochen.

Claudia Simons Quelle: http://www.swp-berlin.org/de/wissenschaftler-detail/profile/claudia_simons.html

Claudia Simons ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Berliner Forscherin arbeitet in einer Forschungsgruppe mit Schwerpunkt Naher und Mittlerer Osten sowie Afrika. Sie ist Expertin für die zentralafrikanischen Länder DR Kongo und Burundi. Zu ihren Forschungsgebieten zählen Peacebuilding, innerstaatliche Konflikte wie Bürgerkriege sowie regionale und zwischenstaatliche Konflikte. Außerdem setzt sie sich im Rahmen ihrer Arbeit viel mit dem Thema Gender und „Frauen in Kriegen“ auseinander.

Wie schätzen sie die Berichterstattung über den Kongo und Burundi in den deutschen Medien ein?
Es gibt allgemein recht wenig Berichterstattung über diese Länder. Die Mainstream-Berichterstattung ist einfach sehr stark auf bestimmte politische Entwicklungen fokussiert. Häufig wird über gewaltsame politische Ereignisse wie Rebellionen, Putschversuche oder Massenvergewaltigungen berichtet, wenig von anderen interessanten Ereignissen. In vielen Auslandsredaktionen ist es ein richtiger Kampf, ein Thema aus einem afrikanischen Land auf die Agenda zu bringen.

Was würden Sie sich von den deutschen Medien bezüglich der Berichterstattung über afrikanische Länder wünschen?
Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Leute in den Redaktionen sitzen, die sich für bestimmte andere Themen über Afrika begeistern und das auf eine Weise berichten können, die für die Leser interessant ist. Oftmals wird sehr einseitig berichtet oder sich an alten Klischees bedient. Aus Leserperspektive ist das wirklich schade, da ich auch mal was anderes erfahren möchte als das, was man sowieso schon weiß.

Es gibt viele Studien und Berichte, die die Vergewaltigungen im Kongo als strategische Kriegswaffe und systematische Unterdrückung des Feindes definieren. In ihrem Vortrag haben Sie von Studien berichtet, die einen anderen Blickwinkel hervorheben. Könnten Sie diese Studien nochmals erläutern?
Im Rahmen einer Studie von Maria Ericksson Baaz und Maria Stern wurden sehr viele Soldaten der kongolesischen Armee FARDC zum Thema Vergewaltigung in Kriegssituationen befragt. Ericksson und Stern stellten fest, dass mehrere Aspekte von diesem Konzept „Vergewaltigung als Kriegswaffe“ so nicht ganz zutreffen oder sich in der Realität als wesentlich komplexer ergeben. Unter anderem wurde die Frage, ob Vergewaltigungen von oben angeordnet sind und von Kriegsführern als Strategie angewandt werden, um systematisch Städte zu erobern, Menschen zu vertreiben, etc. von fast allen Soldaten verneint. Es soll nicht heißen, dass Vergewaltigung kein Faktor im Krieg ist, aber es geht darum, das Phänomen zu verstehen und zu begreifen, auf welcher Ebene angesetzt werden muss. Muss man sich mit den Rebellenführern an einen Friedenstisch setzen und diskutieren, was wir tun können, damit Vergewaltigungen nicht mehr als Strategie verwendet werden? Oder geht es allgemein um patriarchale Gesellschaftsformen und das Bild der Frau in der Gesellschaft? Das sind die unterschiedlichen Ansatzpunkte.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Simons.

 

Weitere Infos über die Referentin

Mehr über Claudia Simons und ihre Arbeit bei der Stiftung Wissenschaft und Politik finden Sie auf der Homepage des Instituts.

 

 

Guinea: Eine Frau an der Spitze des ersten Gründerzentrums

Mit 28 Jahren verlässt Fatoumata Guirassy ihren Pariser Komfort, um in ihrer Heimat etwas zu bewirken. Jetzt soll sie Guineas Wirtschaft ankurbeln. Ein Porträt.

Porträt: Foutamta Guirassy

Ich komme aus einer Gesellschaft die leider keine große Bedeutung darin sieht Frauen auszubilden.

„Ich bin jung und ich bin eine Frau. Manche sehen das als eine Art doppeltes Handicap, ich nicht. Also wie stellt man es an? Ganz einfach, indem man zeigt, dass man es kann“, beginnt Fatoumata Guirassy das Interview. Im Alter von 30 Jahren ist sie die Leiterin von Saboutech, Guineas erstem Gründerzentrum, das im März 2016 eröffnet. Es soll gleichzeitig auch Westafrikas größtes sein. In Sachen Gleichberechtigung steht Guinea jedoch laut Gender-Equality-Index auf dem viertletzten Platz Afrikas. Jetzt ist eine Frau verantwortlich für ein Pilot-Projekt, das die Wirtschaft des Landes beleben soll. Wie hat sie es dorthin geschafft?

Von Paris bis Conakry

Geboren wurde Fatoumata Guirassy, wie all ihre Geschwister, in Frankreich. Aus ökonomischen Gründen hatten ihren Eltern Guinea in den achtziger Jahren verlassen und sind nach Paris gezogen. Im Arbeiterviertel des zwanzigsten Arrondissements wächst Fatoumata auf. Neben ihrer französischen Identität, legten die Eltern immer Wert darauf, dass die Kinder auch mit der guineischen Kultur verbunden bleiben.

Anders als in ihrem Heimatland üblich, unterstützen die Eltern ihre Töchter darin, sich zu bilden und ihr Potenzial auszuschöpfen. Fatoumata Guirassy beschreibt sich als eine ambitionierte Schülerin. In der Zeit, als sie ihr Abitur macht, spielt sie mit dem Gedanken, irgendwann nach Guinea zurückzugehen. Doch nicht einfach nur so. Ab der Oberstufe wählt sie ein wirtschaftliches Profil. Sie absolviert zwei Master: einmal in internationaler Wirtschaft an der Sorbonne und graduiert am angesehenen Institut supérieur du commerce de Paris in Projektmanagement und nachhaltiger Entwicklung. Im August 2012 erhält Guirassy eine Stelle als Unternehmensberaterin bei Bolloré Africa Logistic, einer einflussreichen französischen Firma auf dem afrikanischen Markt. Die Arbeit ermöglicht es ihr, in die verschiedensten afrikanischen Länder zu reisen, Geschäftsbeziehungen aufzubauen und den Kontinent in seinen vielseitigen Facetten kennenzulernen. Ein Afrika, jenseits der reproduzierten Fernsehbilder. Fatoumata Guirassy fällt die Entscheidung, ganz dort zu bleiben.

Entscheidung für die Zukunft

Die Stelle bei Bolloré ist auf zwei Jahre befristet, doch die 28-Jährige hat Glück: Zum selben Zeitpunkt sucht die guineische Filiale der französischen Bank Société Générale in Conakry eine Projektleiterin. Fatoumata Guirassy bewirbt sich erfolgreich, lässt Paris hinter sich und zieht in die Hauptstadt Guineas. „Zurückkehren“, wie sie es nennt.

Ich konnte während meiner Reisen erleben und sehen, dass ein enormes Entwicklungspotenzial in diesem Kontinent steckt.

Auch  wenn es im Schnitt für Frauen in diesem Land Westafrikas sehr schwer ist an gut bezahlte oder höhere Jobs zu gelangen, hat Guirassy andere Erfahrungen gemacht. „Es hat mich auch überrascht, aber die Frauen sind bei der Société Générale, was die mittleren Managementposten angeht, sogar in der Mehrzahl. Das ist eine Besonderheit“, betont sie. Frauen würden hier insofern bevorzugt, weil sie hart und zielstrebig arbeiten, kann Guirassy sich vorstellen. Allerdings, wenn es um die hohen Führungsposten geht, sind auch dort Frauen rar gesehen.

Doch genau diese Führungsposition interessiert die junge Franco-guineerin, sie will ihr ganzes Potenzial ausschöpfen. Nach nur einem Jahr bei der Bank, bewirbt sie sich auf den Direktorenposten des ersten Gründerzentrums Guineas.

Mit Anfang dreißig ist Fatoumata Guirassy nun Chefin des größten Gründerzentrums Westafrikas. Es ist eine Zusammenarbeit von öffentlichem und privatem Sektor. Internationale Firmen wie Orange, Total, Société Générale de Banques en Guinée sind dabei, aber auch Bolloré Logistics beteiligt sich dadurch, dass sie 1100m² Bürofläche zur Verfügung stellen. Gefördert werden, sollen Projekte und Unternehmen, die sich mit Kommunikationstechnologien, erneuerbaren Energien oder Umwelt befassen. Gerade hier sieht die Chefin den Vorteil ihres noch jungen Alters. Sie sei aus einer Generation, die mit all diesen Dingen aufgewachsen ist und einen anderen Bezug zu Umwelt und Innovation hat. Gibt es trotzdem Momente, in denen es schwer ist, sich als junge Frau in dieser Position durchzusetzen? Nicht, wenn man den passenden Management-Stil hat, sagt Guirassy.

Kommunikation: Auf diese Weise verschafft man sich den Respekt auch bei den Leuten, die nicht mit einem einverstanden sind.

Zurzeit läuft die Bewerbungsphase für kleine und mittlere Betriebe sowie Start-Ups, um sich auf einen Platz bei Saboutech zu bewerben. Im Gründerzentrum haben sie die Möglichkeit betreut zu werden, finanziell, aber auch durch Beratung, der Bereitstellung von Räumlichkeiten und Infrastruktur, wie Internet und Strom. Das Programm kann von sechs Monaten bis zu drei Jahren dauern. Damit soll vor allem eins erreicht werden: die Überlebenschancen der kleineren Firmen zu erhöhen und Guineas Wirtschaft damit anzukurbeln. „Heutzutage überleben mehr als 85 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen nicht einmal zwei Jahre Aktivität.“, erzählt Fatoumata Guirassy. Die Begleitung durch das Gründerzentrum soll das ändern. Doch nicht jeder begrüßt die Idee von Saboutech.

Vor vier Jahren unternahm sie ihre ersten Geschäftsreisen nach Afrika. Sie hat für sich entdeckt, welches Potenzial in diesem Kontinent steckt und sich entschieden, etwas in Bewegung zu setzen, etwas zu verändern. Als Direktorin des ersten Gründerzentrums von Guinea, ist Fatoumata Guirassy mit 30 Jahren auf jeden Fall in der Position, ihre Ambitionen auch umzusetzen.

Gründerzentrum: Chance oder Risiko?

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Zukunftschance Gründerzentrum: Aufschwung für Guineas Wirtschaft?

Mit Saboutech soll in Guinea ein Gründerzentrum entstehen, das die heimische Privatwirtschaft voranbringt. Doch die Frage ist, ob die Vision von Fatoumata Guirassy und ihren Mitstreitern überhaupt eine Zukunft hat. Nicht nur wirtschaftlich steht Guinea, trotz enormer Rohstoffvorkommen wie Eisenerz, Nickel oder Gold, schlecht da. Das Land zählt auch zu einem der korruptesten des afrikanischen Kontinentes. So belegte Guinea 2014 beim Corruption Perception Index Rang 145 von 175. Nicht nur hier, auch bei anderen Bewertungssystemen landet Guinea stets auf einem der hinteren Plätze. Ist es also überhaupt möglich, dass ein Gründerzentrum wie Saboutech ein Land voranbringen kann, dessen wirtschaftliche Standortbedinungen die Weltbank im Rahmen des Doing-Business-Index als sehr schlecht einschätzt? Und welche Rolle spielt dabei Fatoumata Guirassy – als Geschäftsführerin und Frau?

„Gründerzentren allein lösen die Probleme nicht“, sagt Karl Wohmuth, Wirtschaftsprofessor und Senoir Research Fellow am Institut für Weltwirtschaft und Entwicklungsperspektiven (IWIM). Prinzipiell sei die Idee hinter solchen Zentren eine positive, allerdings gebe es viele verschiedene Ansätze, die nur funktionieren können, wenn sie auch beschäftigungsorientiert sind. Und: Gründerzentren allein kurbeln die Wirtschaft der afrikanischen Länder nicht an. „Es muss auch insgesamt etwas für die Privatwirtschaft getan werden, die in vielen Staaten unterdrückt wird“, so der Experte, der schon viele Gründerzentren hat scheitern sehen. „Insgesamt sind die Erfahrungen in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich“, erklärt Wohlmuth. So gibt es beispielsweise in Südafrika funktionierende, staatlich organisierte Gründerzentren, die sich vor allem auf Agrarkulturprojekte spezialisiert haben, aber die Bereitschaft ein Unternehmen zu gründen, sei hier, wie in vielen anderen Ländern auch, sehr gering.

Für den Fall Saboutech sieht Wohlmuth trotzdem eine Chance, allerdings ist Fatoumata Guirassy nicht der Grund dafür. Zwar käme es immer häufiger vor, dass Frauen in Führungspositionen wie ihre aufrücken. Allerdings würden sie meist aus der Oberschicht mit engen Verbindungen zur politischen wie ökonomischen Elite des jeweiligen Landes stammen. „Die breite Beteiligung von Frauen in Führungspositionen von Wirtschaftsunternehmen ist hilfreich, da die Karriereaussichten von Frauen dadurch steigen und somit die Motivation zur Beteiligung am Wirtschaftsleben größer wird“, erklärt der Wirtschaftsexperte. Laut ihm kommt es vor allem darauf an, welche Initiator-Unternehmen bei einem solchen Projekt die Weichen stellen. „Mit Bolloré Africa Logistics und Orange Guinea hat Saboutech interessante Partner. Beide sind bedeutende Unternehmen“, so der 73-Jährige. Er hofft, dass sie die kleinen Unternehmen, die mithilfe von Saboutech gefördert werden sollen, mit sich ziehen.

Denn die bittere Erfahrung zeigt, dass sobald kleinere Unternehmen nach zwei, drei Jahren die Hilfe der Gründerzentren verlassen und auf eigenen Beinen stehen sollen, sie nicht durchhalten. Letztendlich seien „Gründerzentren nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, erklärt Wohlmuth, „das Konzept funktioniert nur, wenn auch insgesamt, beispielsweise vom Staat, etwas für die Förderung der Privatwirtschaft getan wird.“ Denn das Wachstum innerhalb der Länder ist schwach, der Einstieg mit enormen bürokratischen Hürden verbunden.


Prof. Karl Wohlmuth

Wohlmut_privat

Karl Wohlmuth wurde am 8. Dezember 1942 geboren und ist emeritierter Professor für den Vergleich ökonomischer Systeme der Universität Bremen. Seine Forschungsschwerpunkte sind dabei afrikanische Entwicklungsperspektiven und ökonomische Systeme im Wandel der Weltwirtschaft. Derzeit arbeitet Wohlmuth als Senior Research Fellow am Institut für Weltwirtschaft und Entwicklungsperspektiven (IWIM). Außerdem ist er seit 1998 Teil der Herausgebergruppe des „African Development Perspective Yearbook“.

Nachrichtenportal JournAfrica! bietet Deutschland neue Afrika-Bilder Da ansetzen, wo andere gar nicht erst hinschauen: Tammo Strunk berichtet in Leipzig über JournAfrica!, das erste deutsche Nachrichtenportal für Journalismus aus Afrika.

Tammo Strunk (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Tammo Strunk (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Tammo Strunk ist neben Philipp Lemmerich und Raoul Jochum einer der Gründer des Projekts JournAfrica! und stellt dieses auf der Bildkorrekturen-Tagung vor. Mit dem Online-Magazin gibt es seit gut einem Jahr ein deutschsprachiges Nachrichtenportal für Journalismus aus Afrika. Hier berichten afrikanische JournalistInnen aus über 50 Ländern und liefern Geschichten unmittelbar vom Ort des Geschehens.

In Deutschland herrsche eine einseitige Berichterstattung über Afrika vor, die von Krisen und Kriegen beherrscht wird – und genau das sei es, was die Gründer von JournAfrica! störte, erklärt Tammo Strunk. Die Macher wollen mehr bieten als die nächste Schreckensmeldung – spannende Alltagsgeschichten vom „vergessenen Kontinent“ sollen Stereotype brechen und den Blickwinkel erweitern. „Vor meinem Studium war ich einige Monate im südlichen Afrika unterwegs und die Bilder und die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, haben sich überhaupt nicht mit den Bildern gedeckt, die ich vorher im Kopf hatte“, berichtet Strunk. „Die Medien in Deutschland tragen dazu bei, dass wir hier ein sehr negatives und einseitiges Afrika-Bild haben.“

Zum einen sehen die Gründer das Problem darin, dass die deutschen Medienhäuser in der Krise stecken und es kaum noch Korrespondenten in Afrika gibt. „Korrespondenten können entweder gar nicht oder nur noch sehr selten vor Ort sein“, prangert Strunk an. Das Problem liegt aber nicht nur bei den Medien: „Das Interesse der deutschen Rezipienten an Afrika fehlt, da wir alle uns immer in den gleichen Strukturen bewegen – gleiche Nachrichtenseiten, gleiche Klicks, gleiche Kontakte.“ Der zentrale Punkt sei, einen Bezug zwischen der Lebenswelt hier und vor Ort herzustellen.

Die Gründer von JournAfrica! (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Die Gründer von JournAfrica! (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Das will JournAfrica! mit spannenden Alltagsgeschichten schaffen, die eine große Leserschaft ansprechen und das Interesse an Afrika steigern sollen. „Wir haben schon richtig gute Storys gebracht. Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist über die mit Graffiti verzierten Busse in Kenia , die Matatubusse, die da im Nahverkehr eingesetzt werden. Da fahren die Leute nicht gewöhnlich mit ihrem Linienbus, sondern warten bis ihr Matatubus vorbeikommt und steigen in den ein, weil sie mögen, wie er gestaltet ist, was für Musik darin läuft, sie kennen die Leute die darin mitfahren“, erzählt Strunk begeistert. Die Geschichten findet die Redaktion von JournAfrica! entweder selbst durch Medienscanning oder sie werden ihnen direkt von den JournalistInnen aus Afrika vorgeschlagen.

Die Zukunft von JournAfrica! hat Strunk ganz klar vor Augen: „Wir wollen die jetzige Korrespondentenstruktur von

Tammo Strunk wäjrend des Kongo Panels auf der Bildkorrekturen Tagung in Leipzig (Foto: Theresa Boll)

Tammo Strunk während des Kongo Panels auf der Bildkorrekturen Tagung in Leipzig (Foto: Theresa Boll)

Afrika gar nicht ersetzen, wir wollen sie ergänzen. Wir wollen einen Mehrwert für Leute bieten, die sich hintergründiger und anders informieren wollen und auch Bock haben, mal andere Seiten der Welt kennen zu lernen, aber nicht die Chance haben, da mal hinzureisen.“ Die Gründer rechnen fest damit, dass ihr Magazin noch stark an Bekanntheit gewinnen wird und haben sich als langfristiges Ziel gesetzt, ihre vielfältige Afrikaberichterstattung weiter auszubauen.

Ein großer Meilenstein für das Projekt wurde Ende 2015 bereits gelegt: Um die Finanzierung der Plattform in 2016 stemmen zu können, starteten die Macher von JournAfrica! ein Crowfunding- Projekt, dessen Einnahmen in voller Höhe in den laufenden Betrieb von JournAfrica! fließen sollen. Das Crowdfunding- Ziel von 12.000 Euro wurde pünktlich zum Jahreswechsel erreicht.

JournAfrica! ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins treemedia e.V. aus Leipzig, der Mitte 2014 von Raoul Jochum, Tammo Strunk und Philipp Lemmerich gegründet wurde. Das junge Team verortet sich selbst an der Schnittstelle zwischen Journalismus, politischer Kommunikation und Medienentwicklung. Bisher arbeitet das zwölfköpfige Team ehrenamtlich an der Plattform. Die JournalistInnen und FotografInnen aus über 50 Ländern des afrikanischen Kontinents erhalten jedoch ein Honorar von durchschnittlich 50 Euro. Die Artikel erscheinen bislang in unregelmäßigen Abständen, doch das soll sich ändern. Ziel ist es, mindestens ein bis zwei Artikel pro Woche zu veröffentlichen. JournAfrica! plant dafür eine Finanzierung durch entwicklungspolitische Stiftungen, Crowdfunding und Spenden. Innerhalb des nächsten Jahres will JournAfrica! mit einem Community-/Abo-Modell auch über die Plattform Geld verdienen und so eine nachhaltige Finanzierung sichern.

„Silent revolution of Afghanistan“ – ein Land voll starker Frauen.

Selbstbestimmte Frauen in Afghanistan? Die meisten Geschichten die uns aus dem Land am Hindukusch über die Medien erreichen, zeichnen ein anderes Bild. Doch es gibt sie – zahlreich. Auf der Bildkorrekturen-Konferenz stellte diese Frauen die afghanische Aktivistin und Künstlerin Nahid Shahalimi dem Publikum vor. Shahalimi bezeichnet sie als „silent revolution of Afghanistan“.

Screenshot | Twitter

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Über 20 Gesichter von afghanischen Frauen flimmerten über die Projektion des Beamers. Jede von ihnen hat Nahid Shahalimi persönlich getroffen. Unter ihnen sind nicht nur junge Afghaninnen, der sogenannten „neuen Generation“, sondern auch viele ältere, die die Herrschaft der Taliban nicht aus der Sicht eines Kindes kennengelernt haben.

Ihre Geschichten bewegten während der Konferenz nicht nur das Publikum. Auch Shahalimi wirkte beim Erzählen erneut von dem Einsatz der Frauen, etwas für sich und ihr Land zu tun, gerührt. „Jede von ihnen sollte einen Friedensnobelpreis erhalten“, erklärte Shahalimi mit brüchiger Stimme.

Screenshot | Twitter

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Nicht nur die Geschichte der 70-jährigen Pigeon, die Männer vor dem Terror Al-Qaidas rettete, zeigt, dass die Frauen Afghanistans wehrlos und machtlos sein müssen. Tatsächlich sind sie in den unterschiedlichsten Bereich aktiv dabei, etwas für den Wandel in ihrem Land zu tun.

Let’s make us famous by art, not war. – Zitat einer afghanischen Graffitikünstlerin

Da sind eine Pilotin und eine Architektin, die selbstbestimmt und vor allem erfolgreich vermeintlich „männliche“ Berufe ausüben. Da sind die Frauen des Vereins „Skateistan„, die mithilfe von Skateboardfahren die Grenzen von Stammeszugehörigkeiten und sozialer Herkunft in Afghanistan überwinden wollen.

Screenshot | Twitter

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Doch auch wenn sich die Frauen in sämtlichen gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Bereichen engagieren, der Krieg ist noch immer überall. Die Afghaninnen gehen oftmals hohe Risiken ein, um für sich und die Selbstbestimmung der Frauen in ihrem Land einzustehen.

So auch Mariam Sediqi, die als Moderatorin für das einzige Frauenradio Afghanistans arbeitet. Schon häufig wurde es gefährlich für sie. Drohungen und Angriffe sind keine Seltenheit. Erst vor wenigen Monate musste Sediqi pausieren. Aufgeben wird sie, genauso wie alle anderen Frauen, trotzdem nicht.

Screenshot| Twitter

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