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Textilproduktion in Albanien: „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“

Wegen schlechter Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern stehen viele Textilunternehmen in der Kritik. Im Fall von Albanien liegt die Verantwortung allerdings nicht nur bei den Firmen – man muss das Gesamtbild betrachten.

Die Maximilianstraße in München. (Foto: Sylvia Suppé)

Wenn in der Vorweihnachtszeit die Abende länger werden, entfaltet die Maximilianstraße ihre Wirkung erst so richtig. Hell erleuchtete Schaufenster tauchen Münchens Prachtstraße in einen goldenen Schimmer, opulent ausgestattete Dekorationen und viele Ziffern auf den Preisschildern versprechen den Flaneuren: Bei Dolce & Gabbana, Armani oder Versace kauft man nicht einfach nur Kleidung, sondern feingearbeitete Kunst und hochwertige Luxusprodukte. „Made in Italy“, das spricht für sich – möchte man meinen.

Wer die Spur der teuren Kleidungsstücke zurückverfolgt, landet oft in denselben Orten, in denen auch weniger glamouröse Marken wie H&M oder Deichmann produzieren lassen. Es sind keine kleinen Designwerkstätten, sondern Fabriken mit mehreren Hundert Beschäftigten, in denen gearbeitet wird. Und sie befinden sich nicht in Italien, sondern in einem südosteuropäischen Land mit knapp drei Millionen Einwohnern und gut tausend registrierten Textilunternehmen[1]: Albanien.

Der kleine Balkanstaat läuft klassischen Produktionsländern wie China und Bangladesch zunehmend den Rang ab in Sachen Textilarbeit, denn die Vorteile sind offensichtlich: Vor der politischen Öffnung Albaniens in den 1990er Jahren fand der überwiegende Teil der Kleidungsherstellung innerhalb der Grenzen des damals sozialistischen Landes statt. Gut ausgebildete Arbeitskräfte gibt es deshalb heute noch en masse. Ein bewusst niedrig angesetzter Mindestlohn von 22.000 albanischen Lek im Monat, umgerechnet rund 165 €, und politische Stabilität machen das OSZE- und WHO-Mitglied für Investoren zusätzlich attraktiv – gerade für italienische Firmen. Die geografische Nähe (ca. 70 km Luftlinie von Küste zu Küste) und bei den Albanern weitverbreitete Italienischkenntnisse erweisen sich als unschlagbarer Standortvorteil, sodass geschätzt 80 Prozent der jährlich in Albanien gefertigten Kleidungsstücke auf die gegenüberliegende Adriaseite exportiert werden.

„Outward Processing Trade“ und die Folgen

Dass auf den Etiketten dieser Produkte trotzdem „Made in Italy“ prangt, liegt daran, dass sie zwar in Albanien gefertigt, aber nicht komplett hergestellt werden. Hinter „Outward Processing Trade“ oder kurz OPT[2] verbirgt sich ein Produktionssystem, das es europäischen Unternehmen ermöglicht, halbfertig vorproduzierte Teile von Kleidungsstücken ins Ausland zu liefern und dort weiterverarbeiten zu lassen. Der Re-Import ist anschließend zollfrei, sodass arbeitsintensive Schritte legal in lohngünstige Länder ausgelagert werden können, ohne das Label der Inlandsproduktion zu verlieren. „Passive Veredelung“ nennt sich das Verfahren auf Deutsch und ermöglicht bis zu 13-mal höhere Verkaufspreise, während meist weniger als fünf Prozent des Erlöses auf Lohnkosten entfallen. Veredelt werden vor allem Gewinne.

Ordensschwester Christina leitet eine katholische Ambulanzstation in Shkodra, einer größeren Stadt im Norden Albaniens. Eine ihrer Patientinnen hat sich in einer Textilfabrik an einer 200 Grad heißen Maschine den Handrücken verbrannt. Die tiefe Wunde geht bis auf den Knochen, die Heilung wird lange dauern. Trotzdem drängt sie auf eine baldige Rückkehr zur Arbeit, denn ein langer Ausfall kann sie den Job kosten. 16.000 Lek (ca. 123 €) verdient die Patientin in der Textilfabrik. Nicht viel für Acht-Stunden-Schichten an sechs Tagen in der Woche und deutlich unterhalb des Mindestlohns. Trotzdem kann sie auf dieses Einkommen nicht verzichten.

Wenn der Lohn nicht für die Miete reicht

Wie schwierig die Situation für die meist weiblichen Angestellten in Albaniens Textilfabriken ist, zeigen Berichte der „Clean Clothes Campaign“ (CCC). Seit 1989 kämpft die Nichtregierungsorganisation für mehr Rechte und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit. Ihre Untersuchungen zeigen, dass neben weiteren Arbeitsrechtsverletzungen (Arbeitszeiten, Arbeitsschutz, Krankheitsfall) etwa die Hälfte der Arbeiterinnen in Albanien weniger als den gesetzlich festgelegten Mindestlohn verdient. Laut Zahlen der zivilgesellschaftlichen Organisation „Coherent Development Albania“ (CoDe) sind Überstunden die Regel, meistens werden sie nicht vorschriftsmäßig vergütet. Schwester Christina berichtet zudem von Fällen, in denen selbst diejenigen Arbeitgeber, die sich offiziell an gesetzliche Regelungen halten und Abgaben sowie Löhne überweisen, Teile des Gehalts in bar wieder einfordern – sonst würde den Angestellten gekündigt.

Dr. Monika Kleck. (Foto: Sylvia Suppé)

Dr. Monika Kleck hat lange für die kirchliche Organisation Renovabis gearbeitet und Hilfsprojekte in Albanien koordiniert. Mehrmals im Jahr reiste sie selbst ins Land, um sich vor Ort persönlich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Ihre Beobachtungen bestätigen die Ergebnisse des CCC-Berichts: „In Sachen Lebenshaltungskosten ist es so, dass die Leute oft in einem Haus wohnen, das ihnen gehört – weil man von dem, was sie verdienen, kaum die Miete zahlen könnte“. Berechnungen der „Clean Clothes Campaign“ gehen davon aus, dass der Mindestlohn nur etwa ein Viertel des Existenzminimums einer durchschnittlichen Familie abdeckt. Zugleich versuchen die Familien sich ihre wahre Situation nicht anmerken zu lassen. „Die Häuser sind meistens schnell hochgezogen, sie sehen auf den ersten Blick groß und protzig aus, aber innen ist so gut wie nichts drin“, so Dr. Kleck. Obst und Gemüse bauen die Männer im eigenen Garten an, weil die Lebensmittelpreise zu hoch sind – reguläre Arbeit finden gerade sie oft nicht. „Sich um die Kinder kümmern, im Café sitzen, Backgammon spielen, das sind die positiven Fälle. Es gibt auch genug Männer, die trinken“. Den Lebensunterhalt verdienen die Frauen in den Fabriken.

Bildkorrekturen: Veränderung oder Verdrängung?

Albanien als Thema der Bildkorrekturen-Konferenz
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig diskutieren jedes Jahr Studierende, Journalist*innen sowie Fachleute über entwicklungspolitische Themen. Die Vorschläge der Expert*innen zeigen eine Vielzahl von Möglichkeiten auf, wie sich die Situation der albanischen Fabrikarbeiterinnen verbessern ließe. Sie reichen von mehr medialer Aufmerksamkeit für das Thema über Forderungen nach besseren Bildungsangeboten und wirksamerer gewerkschaftlicher Organisation der Angestellten bis hin zu stärkerem Druck auf supranationaler Ebene. Aus westlicher Perspektive klingen diese Vorschläge sinnvoll – ob sie allerdings erfolgsversprechend sind, wirkt zweifelhaft, wenn man sich mit den Menschen außerhalb der wissenschaftlich fokussierten NGO-Filterblase unterhält.

Sowohl Ordensschwester Christina als auch Dr. Kleck sehen die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken als offenes Geheimnis an, von dem die Menschen in Albanien wissen, über das aber nicht gesprochen wird. Gewerkschaften existieren, deren Führer pflegen jedoch enge Beziehungen zu Politik und Wirtschaft. Ihre Interessen liegen laut Berichten oftmals eher auf dem eigenen finanziellen Vorteil als auf dem Schutz der Arbeiterinnen. Denn: „Es gibt Gesetze und es wird kontrolliert, aber die Kontrolleure sind bestechlich. Diese Schattenwirtschaft gibt es definitiv“. Ähnlich sieht es in einem weiteren Geschäftsbereich Albaniens aus, in dem nur selten der Mindestlohn gezahlt wird: den Callcentern. Dr. Kleck hat gesellschaftliche Projekte in vielfältigen Bereichen betreut und auch mit jungen Menschen zusammengearbeitet, die oftmals gut ausgebildet sind: „In den Callcentern, die haben alle studiert. Aber die haben alle viele Bewerbungen geschrieben und keine Arbeit in ihrem Bereich bekommen“. Gute Bildung allein scheint demnach nicht vor unterbezahlter Arbeit zu schützen. „Wenn man in diesen Nähfabriken 200 bis 300 Euro bekommt, ist das miserabel. Wenn man aber weiß, dass auch ein Lehrer nicht mehr als 400, 500 Euro hat, relativiert sich das etwas“, so Dr. Kleck.

Politologin Artemisa Ljarja war eine der Expertinnen auf der Konferenz.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Spricht man die Konferenzteilnehmer auf diese Themen an, winken sie nur resigniert ab: Korruption und Politikversagen seien keine guten Gesprächsthemen – sie werden eher als unveränderliche Komponente hingenommen. Die Stimmung changierte zwischen Frustration und Verdrängung.

Die albanische Landflucht ab den 1990er Jahren

Schulen, Straßen, Brücken:
verwahrloste Infrastruktur in Albaniens Bergregionen
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Die Migrationsbewegungen innerhalb Albaniens, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, legen allerdings nahe, dass die momentane Situation auf dem Arbeitsmarkt gewollt ist: „Um das Jahr 2000 herum oder auch schon seit den 90er Jahre sind sehr viele Leute, die früher in den Bergen lebten, in die Ebene gezogen sind, also in die Küstenregionen. Das liegt daran, dass der Staat die Berge systematisch vernachlässigt hat“, meint Dr. Kleck. Schulen, Krankenhäuser, sogar Straßen und Brücken wurden kaum noch instand gehalten, die Bewohner dadurch zum Verlassen der Region geradezu gezwungen.

Das schwierige Leben der Bergbewohner, hier nahe Fushë-Arrëz.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

„Ich muss wirklich sagen, es ist absolut schwierig in der Bergregion zu überleben“. Hinzu kommt, dass unter den Bewohnern immer wieder Gerüchte lanciert worden sind, der Staat würde Umsiedlern in die Küstenregionen kostenlos Land zur Verfügung stellen. Die Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung auf Besserung trieb viele Menschen in die Städte, wo auch die Textilfabriken angesiedelt sind.

„Das hat dazu geführt, dass in den größeren Städten, Tirana, Durrës, aber auch Lezha, Shkodra richtige Siedlungen neu entstanden sind von diesen Familien, die aus den Bergen dorthin gezogen sind“, so Dr. Kleck weiter. „Und diese Siedlungen sind meist sehr, sehr ärmlich“. Sie kommen den Vorstellungen von Slums in Asien oder Afrika sehr nahe.

Siedlungen am Rand Albaniens großer Städte, hier in Shkodra. (Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Slumartige Verhältnisse in Europa.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Finanzielle Abhängigkeit als Mittel

Neben hoher Arbeitslosigkeit erzeugt vor allem das Gesundheitssystem finanzielle Abhängigkeit, der Krankenhausalltag von Ordensschwester Christina zeigt das sehr deutlich: Eine ihrer Patientinnen wurde bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. „Drei Wochen lag sie im Militärhospital und die haben sie einfach liegen gelassen. Jeden Tag musste die Familie Verbandszeug und Antibiotika selbst in der Apotheke kaufen. Dann wurde sie nach Hause geschickt – jetzt ist die Familie pleite“. Dr. Kleck bezeichnet das öffentliche Gesundheitssystem sogar als kollabiert: „Wenn man in die Krankenhäuser geht, dann sagen die Ärzte meistens: ‚Ich hab da und da meine Privatklinik‘. Nur dort wird man ordentlich behandelt und zahlt dann auch ganz ordentlich“.

Dass in Albanien rund 150.000 Menschen und damit fast die Hälfte aller im produzierenden Gewerbe Tätigen in der Textilindustrie arbeiten, liegt also mit daran, dass von verschiedenen Seiten diesem System zugearbeitet wird. Es gibt kaum Arbeitsplätze für Gutausgebildete, dafür eine umso größere Zahl an Arbeitsuchenden. Deren Lage wird durch das Überangebot zusätzlich prekär – alle sind ersetzbar. Wohlfahrtsstaatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe wird selten ausgezahlt und reicht kaum zum Leben. So bleibt denjenigen, die zum Arbeiten nicht ins Ausland gehen wollen oder können, oft nur der Weg in einen der Billiglohnsektoren. So schlecht die Stellen auch bezahlt sein mögen und so widrig die Arbeitsbedingungen, vielen Menschen in Albanien sichern sie das Überleben. Schwester Christina berichtet von einer weiteren Patientin: Sie „arbeitet seit 15 Jahren in einer Schuhfabrik. Sie suchte mit einer Verletzung am Auge bei uns nach Hilfe. Sie verdient lediglich 13.000 Lek plus Versicherung, trotzdem bat sie mich, alles fest zu verbinden, damit der Staub in der Fabrik nicht in die Wunde kommen konnte“. Die eigene Gesundheit muss zurückstehen, die Arbeit geht vor – bei einem Gehalt von unter 100 Euro.

Erfolg auf dem Rücken der einfachen Leute

Ungewöhnlich deutlich sprach US-Botschafter Donald Lu das Zusammenkommen von Vetternwirtschaft, Korruption und Justizversagen in Albanien an. Bei einer Festrede vor einigen Monaten erhob er schwere Vorwürfe – und niemand widersprach ihm. Zu offensichtlich sind die Anzeichen.

Dr. Klecks Fazit fällt ähnlich deutlich aus: „In Albanien kommt viel zusammen: Eine korrupte Regierung, ein dysfunktionales Staatssystem, ein fast zusammengefallenes Gesundheitssystem, fehlende Arbeitsplätze“. Gerne wird dieser größere Rahmen ausgeblendet und die Verantwortung für die Situation der Textilarbeiterinnen den Fabrikbesitzern und Modekonzernen zugeschoben – zu Recht, denn sie sind es, die ihre Angestellten schlecht bezahlen und unter gefährlichen Bedingungen arbeiten lassen. Doch zugleich gehen wirtschaftliche Akteure nur soweit, wie ein Staat sie lässt. Albaniens Politik der letzten Jahrzehnte scheint darauf ausgelegt zu sein, die gegenwärtige Situation erst erschaffen zu haben: Billige Arbeitskräfte in großer Zahl, die für das eigene Überleben nahezu alles machen – der Nährboden für schnelles Wirtschaftswachstum. Die Produktionsbedingungen erscheinen so weniger als Ursache und eher als ein Symptom für die Gesamtsituation im Land.

Schaut man auf die nackten Zahlen, kann man im Falle Albaniens von einer Erfolgsgeschichte sprechen: Das kleine Balkanland glänzt mit wirtschaftlichen Wachstumsraten, die meist doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt liegen – allerdings zum Preis der schlechtesten Arbeitsbedingungen und des höchsten Armutsrisikos auf dem Kontinent.[3] „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“, meint deshalb Dr. Kleck.

Überleben ohne Leben

Für die Beschäftigten der Textilindustrie reicht es oft zum Überleben – nicht jedoch zum Leben: „Für Lebensmittel oder Kleidung, da gibt es Märkte, die das ganz billig verkaufen, aber der Preis im Geschäft ist ein anderer. Hygieneartikel sind teilweise teurer als in München“, so Dr. Kleck. CoDe Albania kommt zu dem Schluss, dass die Fabrikarbeiterinnen und ihre Familien deshalb nicht nur in den Unternehmen ausgebeutet werden, sondern auch sozial exkludiert werden. „Ein würdevolles Leben als Mitglieder der Gesellschaft ist damit nicht möglich“. Was in Deutschland in Artikel 1 des Grundgesetzes steht, wird in Albanien geschäftlichen Interessen geopfert.

Der Sprung zurück auf die Maximilianstraße könnte größer nicht sein: Wer sich das erhabene Gefühl des weihnachtlichen Schaufensterbummels in Zukunft nicht nehmen lassen will, muss sich nicht mitschuldig fühlen. Im Hinterkopf behalten sollte man aber, dass nur ein Bruchteil des Kaufpreises der sündhaft teuren Schuhe den Lohn der albanischen Arbeiterinnen ausmacht, während das Gros die Geschäftsbilanzen der Modekonzerne schmückt.

 

[1] Zahlen von INSTAT (Republic of Albania Institute of Statistic) aus dem Jahr 2015

[2] European Commission: Taxation and Customs Union

[3] Clean Clothes Campaign: Country Profile – Albania

Interview mit Textilingenieur Kai Nebel: „Textil-Recycling trägt nicht zur Verbesserung der Umwelt bei“

Kai Nebel ist Textilingenieur an der Hochschule Reutlingen und erforscht, wie Textilien nachhaltiger gemacht werden können. Im Interview spricht er darüber, was er von recycelter Kleidung hält und welche Maßnahmen wirklich helfen würden, den Umgang mit Textilien umweltfreundlicher zu gestalten.

 

Kleidung zu recyceln klingt ja erst einmal nach einer guten Idee. Einige Ketten wie H&M bieten zum Beispiel an, gebrauchte Klamotten in den Laden zurückzubringen und geben dafür Rabatte auf neue Kleidung. Ist das eine gute Idee – oder nur gutes Marketing?

Kai Nebel: Das ist ziemlich gutes Greenwashing. Die verbrennen die Klamotten schließlich, wie jetzt durch die Presse ging. Wirklich recycelt wird die Kleidung also nicht. Zum Teil wird sie auch einfach weiterverkauft. Das ist hauptsächlich ein gutes Geschäft für die Entsorger, und für H&M natürlich auch.

Was soll man dann mit alter Kleidung tun? Ab zur Altkleider-Sammlung, oder doch gleich in die Restmülltonne? Viele haben ja das Gefühl, dass sie ohnehin nichts ausrichten können.

Die Mülltonne ist immer eine schlechte Lösung, denn in der Regel sind die Klamotten noch tragbar. Am besten sind Kleidertauschbörsen, Second Hand oder die Kleidung an Freunde und Bekannte weiterzugeben. Was die Altkleider-Container angeht, sollte man wissen: Etwa 60 Prozent der Kleider werden weiterverkauft. Das ist ein Riesengeschäft. Nur die nicht mehr tragbaren Klamotten, oder bei denen der Aufwand zu hoch wäre, werden zerrissen – um dann zu schauen, was daraus gemacht werden kann. Das ist also kein Recycling, sondern ein Downcycling.

Wie sieht es mit Textilien aus recycelten Materialien aus? Einige Outdoor-Marken verkaufen beispielsweise Jacken aus PET-Flaschen.

Wir haben achteinhalb Milliarden Tonnen Plastik auf der Welt. Da liegt es schon nahe, das als Ressource zu nutzen. Aber es löst das Problem nicht. Klamotten haben wir sowieso zu viel, die nicht getragen oder gar nicht verkauft werden. Warum müssen aus Flaschen oder aus alten Fischernetzen noch Klamotten gemacht werden? Außerdem sind die Recycling-Sachen in der Regel teurer als die aus jungfräulichem Material. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Recycling, aber die Argumentation, die da angeführt wird, trägt nicht unbedingt zur Verbesserung der Umwelt bei.

Wieso sind die recycelten Klamotten denn teurer als die neue Ware?

Man braucht doppelt so viel Maschinen, man braucht Lagerfläche, Logistik –  und der ganze Sortieraufwand. Insgesamt ist ein Produkt aus Recyclingmaterial zwei bis zweieinhalbmal so teuer, also kann es eigentlich nur Marketing sein. Wir haben noch nie so viel über Nachhaltigkeit und Recycling gesprochen, es gab noch nie so viele Nachhaltigkeitsprogramme, Forschungen, Publikationen, und so weiter, und was ist passiert? Wir haben unseren Verbrauch verdoppelt. Man kann also sagen, dass das zu nichts führt.

Wenn das nichts bringt, was muss passieren, um die Textilindustrie wirklich fairer und nachhaltiger zu machen?

Die Subventionierung des Massenkonsums muss aufhören. Ich war in letzter Zeit auf ein paar Veranstaltungen, bei denen es um nachhaltige Entwicklung ging. Der Tenor war, wir sollen weitermachen wie bisher, möglichst viel konsumieren, aber nachhaltig oder zumindest mit gutem Gewissen. Machen Sie das Radio an, dann hören Sie: Der Konsumklimaindex steigt an. Da muss ich mir keine Gedanken machen, ob ich irgendein T-Shirt recycle.

Wie lässt sich dann etwas ändern? Wie kann man selbst dazu beitragen, der Umwelt weniger mit seinen Klamotten zu schaden?

Im Grunde ist es fast egal, was ich für ein Textil habe. Ich muss es nur lang nutzen. Wenn ich das zwanzig Jahre anhabe, ist das zehn Mal nachhaltiger, als wenn ich mir jede Woche irgendwas mit einem Siegel für Umweltverträglichkeit kaufe. Ein Kilo Baumwolltextil braucht dreißig, vierzigtausend Liter Wasser, mindestens ein Kilo Chemikalien, die Energie einer Tankfüllung von einem Kleinwagen plus Arbeitskraft plus Emissionen und Abwasser – dafür, dass ich mir das ein Jahr lang in den Schrank hänge und dann wegwerfe.

Und wenn man doch einmal ein neues Kleidungsstück braucht?

Der beste Ansatz ist erst einmal Second Hand. Und wenn ich dann schon ein Textil kaufen möchte, dann muss ich das bewusst tun. Wenn ich weniger kaufe, kann ich vielleicht auch ein bisschen mehr Geld ausgeben, wobei das keine Garantie für nachhaltige Produktion ist. Dann kaufe ich wenigstens da, wo Transparenz herrscht. Ich persönlich würde raten, kauf bei dem Label, wo du hinfahren kannst. Wo man sich die Produktion anschauen und mit den Leuten sprechen kann. Man muss vernünftig dafür zahlen, und ein gutes Produkt bekommen, das man lange trägt.

“I want to give voices to people who are muted by the society” Interview with Laura Stefanut

People say a Journalists duty is to make a good story. The Romanian freelance Journalist Laura Stefanut sees it differently. For her it is not about the most fascinating and compelling narration. She wants to tell her readers the truth and reveal the average situations. Her main concern is to outline the working conditions in textile factories within the EU. We have talked to the young journalist about fashion, brands and her experiences while working in a textile factory.

Bildquelle: Engagement Global/ Bodo Tiedemann

Do you have a piece of clothing from Zara, H&M or Marco Polo?

Yes, I do

And are you still buying there?

I buy second hand, but sometimes you just don’t find the things you need in second hand. I try to reduce my personal consumption to the minimum. I believe that people should not stop buying from brands, as brands can be made accountable. But people should buy less.

How important do you consider fashion?

Well, fashion definitely is very important to our society. I mean, just have look at how people consume. The whole industry shows that clothes are not something to discard. Liking fashion does not mean being shallow. It is really important for people to express themselves. Clothes sometimes make people feel better or stronger and it is a medium for them to communicate with the world. So fashion really is important, but it should also be important for people to know how it is made. People should also understand how the system works and this way correct the flaws, which lay definitely in the system.

What would you consider as the biggest problem in the fashion industry?

We actually have the resources to satisfy everybody. But what happens is that the brands have the biggest profits and the factories, which produce clothes they fight among each other to give low prices. And the workers, who are the majority, they are the ones who are suffering the most, who are working hard and still remain poor, who are living lives at the subsistence level. This is really sad.

Made in Europe is not a guarantee for good working conditions. What would you say, what lies behind the tab “Made in Europe”?

Unfortunately not only cheap brands, but also very expensive brands in Europe rely on exploited work force. I did not find any factory giving living wages. The salaries are very low, sometimes in big factories they do not get paid for months in a row. When they try to ask for a rise they are threatened they will be fired. It is a life of poverty for workers producing for brands with huge profits and for people who buy clothes in order to simply feel better.

Since when do you question the topic “Made in Europe”? 

Like most western buyers I was aware of the exploitation of workers in Asia. But I started hearing of cases in Romania – pretty horrible cases. And I checked the national media, which was saying that people don’t want to work in these factories because they are lazy.  So I asked myself if this is actually possible. And then I applied for a fellowship and I researched the topic for almost one year and I found out that the problems were actually systemic . I did not go for the most extreme cases. I just wanted to show people the average which  is unacceptable. So this was a warning sign. Made in EU does not prove fair trade or ethical working conditions.

Was there a turning point or a particular case which triggered you to start the research?

I was hearing bits of stories . And this sort of triggered my interest to see how the situation is. I was expecting to find some isolated cases of abuses and, some  good examples, but I could not find one good example in Romania during those months. I found one in Bulgaria, a factory who managed to pay living wages to the workers after negotiating with the brands very hard and after losing their clients for improving the salaries in the factory. On the one hand it shows that it’s possible to have better wages. On the other hand it shows that it is really difficult. And since factories beat each other down for the best price, they continue to pay their workers very poorly. This is a huge issue.

And what did you do next?

Since then I have talked to dozens of workers. Then I picked some case studies and revealed them. I heard the same story over and over again. A lot of people faint because of the heat and hard work during summer. Some are not allowed to exit the factory until the work is done. They are literally locked. People get fired because they try to ask for their rights. But hopefully in time there will be a change. Unfortunately the change is going too slow.

What was the worst thing you have seen in a textile factory?

So I did not get in many factories, because they are not open for journalists. I did see some. Some don’t look that bad. During a  visit you do not see the problems. Some get funds and look really good but the problem is how they treat the workers. When I worked at a factory to see how it feels like the worst thing was the heat. It was unbearable during the summer time. You would expect people to faint in that condition. They were not resting, had unbreathable air. I also talked to inspectors who described the work in factories in apartment buildings and the conditions there are dreadful. You can’t imagine. I heard descriptions, but it was no comparison to what I have seen directly.

How long did you work there?

I have worked there for a couple of days just to see how it feels and to make contact with the workers. Eventually, I have told the workers I was a journalist and some told me what happened to them and their colleagues.

How many hours did you work there per day?

The schedule was eight hours per day in two shifts. There was one shift in the morning and one in the afternoon. If you were one minute late, they would cut one hour from your salary. The salary would be 150 euro per month. You can’t live with it. For a full-time job they were encouraged to do a lot more work in order to get a bit more money. This is three years ago now. And the conditions only rarely changed.

What department did you work in?

They assigned me to work in the printing department, because I don’t know how to sew. It was really exhausting. Workers told me “You are lucky you are new, they treat you better in the beginning”. But I saw that the conditions in general weren’t good. Outside the people told me the colours we were printing with were toxic. So they would give you a bottle of milk, which is used under the Romanian legislation when you work in a harmful environment. This is a way of compensating.

What was the worst story a worker told you?

I have heard of workers who had spontaneous abortions,. I had workers telling me that their colleagues died because of the hard work. But those cases are impossible to prove, so I never wrote about it. I found those cases very extreme and I wanted to portray the average worker, who is still working under horrible conditions.

What is your message?

My message is the following: be open, question things and try to understand the way the system works. Think critical in dealing with life. People should be open to knowledge and it is my duty as a journalist to try to understand the realities around us.  I am not telling people what to do, I show the facts and give the people the opportunity to decide for themselves what they do with the knowledge.

What is your personal goal?

Being able to do my job as a journalist, which is increasingly difficult. This is what I am good at, what I love to do. I cannot have expectations to actually change the world, but I am glad to see that people are interested in the topics I write about. I am also interested in discovering the world, being as close as I can to the truth and revealing it – this would be my wish. I am in a privileged position as a journalist and I’d like to contribute to that. To give voices to people who are actually mute with regard to the society.

Keine weißen Westen Erst jetzt gibt sich das Textilbündnis verbindliche Ziele – warum dauert das so lange?

„Ich wünsche Ihnen fair produzierte Kleidung unterm Weihnachtsbaum“, sagt Bernhard Felmberg zum Abschied. Dass das in Deutschland momentan die Ausnahme ist, weiß er selbst. Felmberg sitzt für das Entwicklungsministerium im Textilbündnis, einem Zusammenschluss von Bundesregierung, Zivilgesellschaft und Unternehmen des deutschen Textilmarkts, darunter Größen wie H&M, Esprit, Aldi, Lidl und Tchibo. Es soll die ökologischen und sozialen Bedingungen in der Textilwirtschaft verbessern und für mehr faire Kleidung unterm Baum und im Schrank sorgen.

Nun, drei Jahre nach seiner Gründung, hat das Textilbündnis zum ersten Mal verbindliche Zeit- und Mengenziele für alle Mitglieder beschlossen. Bislang gaben sich die Teilnehmer, die zusammen immerhin die Hälfte des deutschen Textilmarkts abdecken, lediglich individuelle Ziele.

Von 2018 bis 2020 sollen sie besonders an drei Bereichen arbeiten: dem Chemikalieneinsatz, den Sozialstandards und der Verwendung von Naturfasern. So müssen zertifizierte Chemikalien benutzt, Abwässer besser geklärt, ein Prozess zum Umgang mit Kinder- oder Zwangsarbeit etabliert und der Anteil an nachhaltiger und Bio-Baumwolle erhöht werden. Auch müssen sie Produzenten und Geschäftspartner systematisch erfassen – ob die Liste auch veröffentlicht wird, bleibt aber den Mitgliedern überlassen.

Die Ziele sind zunächst bemerkenswert, denn kein deutsches Unternehmen muss Teil des Textilbündnisses sein, das 2014 von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ins Leben gerufen wurde. Er gründete es als Reaktion auf den Einsturz einer Kleiderfabrik in Bangladesch 2013, in der auch deutsche Firmen hatten produzieren lassen. Mehr als 1.100 Menschen starben damals, über 2.400 wurden verletzt. Seitdem setzt er auf die Freiwilligkeit der Branche statt auf harte Vorgaben. Allen Beteiligten ist aber klar: Sollte das Bündnis keine ausreichenden Erfolge erzielen, könnten Gesetze folgen. Kritikern gehen die Ambitionen schon jetzt nicht weit genug und es dauert ihnen zu lange. „Wir brauchen ein Gesetz! Die Bundesregierung ist in der Pflicht dafür zu sorgen, dass deutsche Unternehmen in ihren Lieferketten Menschen- und Arbeitsrechte achten“, forderte kürzlich eine Vertreterin von Brot für die Welt auf der Konferenz „Fashion and Development“ in Leipzig.

Die Kleiderstange hängt voll, doch ist die Auswahl nachhaltig?

Wer verstehen will, weshalb es im Textilbündnis so langsam vorangeht, muss sich die Beteiligten genauer ansehen. Auf den Bündnistreffen kommen Vorreiter für Nachhaltigkeit wie hessnatur und Vaude mit Größen des günstigen Segments wie NKD, KiK und Primark zusammen. 99 Unternehmen mit unterschiedlichen Kunden und Nachhaltigkeitsstrategien treffen aufeinander. Die einen bremsen, den anderen geht es nicht schnell genug. Das aktuelle Papier ist der größtmögliche Konsens von sehr unterschiedlichen Interessen.

So verwundert es auch kaum, dass sich das Textilbündnis noch immer vor klaren Aussagen bei zentralen Fragen drückt, etwa bei der Bezahlung der Textilarbeiter in den Fabriken. Mitglieder müssen laut den neuen Zielvorgaben jährlich lediglich an einer einzigen schwammigen „Maßnahme mitarbeiten, die darauf abzielt, Beschäftigten in Produktionsländern existenzsichernde Löhne zu zahlen.“ Damit verdienen Arbeiter jedoch nicht zwangsläufig mehr Geld. Felmberg vom Entwicklungsministerium räumt ein: „Das Thema existenzsichernde Löhne möchten wir 2018 noch stärker behandeln.“ Das Textilbündnis wird vom Entwicklungsministerium aktuell nur bis Ende 2018 finanziert, doch Felmberg ist zuversichtlich, dass es unabhängig von der künftigen Regierungskoalition fortgeführt wird. „Es ist das größte Multistakeholder-Bündnis weltweit. Tiefgreifende Entwicklungen brauchen ihre Zeit“, sagt er.

Dahinter steckt die Hoffnung, dass sich auf dem Textilmarkt vollziehen könnte, was schon bei Lebensmitteln eingesetzt hat: Ein breiteres Angebot an nachhaltigen Produkten, auch in Discountern, und das wachsende Kundeninteresse dafür. Die Branche kämpft auch mit der Transparenz: Derzeit lassen sich die vielen Arbeitsschritte von der Baumwollernte hin zum fertigen T-Shirt kaum nachvollziehen. Bis es in einem deutschen Geschäft liegt, muss die Baumwolle gepflückt, zu Fäden verarbeitet, gefärbt und gewebt werden, anschließend genäht, verschickt und verkauft. Bei chemischen Fasern ist die Kette ähnlich lang, mit vielen Möglichkeiten für Regelverletzungen.

Als nächsten Schritt peilt das Textilbündnis die internationale Vernetzung an, denn noch ist es ein nationaler Zusammenschluss. Ob das Unternehmen dazu bewegt, freiwillig existenzsichernde Löhne zu zahlen, bleibt fraglich. Das tun häufig nicht einmal die Vorreiter – es gilt als zu großer Wettbewerbsnachteil. Und so könnte es noch dauern, bis unterm Weihnachtsbaum faire, bezahlbare Kleidung liegt.

Fotos: Julia Klaus

Albanien – Billige Modeproduktion vor Europas Haustür

Aufnahmen aus einer albanischen Modefabrik

Näherinnen in einer albanischen Modefabrik (Quelle: Erjona Rusi)

Die albanische Journalistin Erjona Rusi steht wieder an einer Bushaltestelle, irgendwo am Stadtrand von Tirana. Für eine Recherche versucht sie, mit Näherinnen einer Textilfabrik ins Gespräch zu kommen. Nach Ende der Schicht verlassen sie in Scharen das Gebäude und fahren mit dem Bus nach Hause. „Ich gehe nicht direkt zur Fabrik, dort würden die Frauen nie offen mit mir sprechen“, sagt Rusi.

In Albanien, am Rande Europas, wird fleißig für den europäischen Markt produziert. Die Textilbranche ist neben der Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftssektor des Landes. 20 Prozent der Bevölkerung sind hier beschäftigt. Wenn die T-Shirts und Schuhe in den Fashionboutiquen Westeuropas landen, steht dann oft „Made in EU“ darauf. Ein Label, das zunächst nach guten Arbeitsbedingungen für die Näherinnen und fairen Löhnen klingt. Doch die Realität in den Fabriken sieht oft anders aus.

Das hat Bettina Musiolek für die Studie Labour on a Shoestring herausgefunden. Sie leitet das   EineWeltBüro in Sachsen und ist Mitbegründerin der deutschen Clean Clothes Campaign, welche sich unter anderem für bessere Arbeits- und Produktionsbedingungen in der osteuropäischen Textilindustrie engagiert. In den Fabriken herrschen oft unzumutbare Arbeitsbedingungen. Dicht gedrängt sitzen die Arbeiterinnen an den Nähmaschinen. Die Luft ist stickig; im Sommer ist es oft unerträglich heiß, im Winter fehlen die Heizungen. Meist tragen die Näherinnen keine Handschuhe oder Atemmasken. Die würden zwar vor den Chemikalien schützen, sie aber erheblich bei der Arbeit behindern. Viele Frauen leiden daher unter Kopfschmerzen, Allergien oder Hautproblemen. All das haben Erjona Rusi und das Team von Bettina Musiolek in persönlichen Gesprächen mit den Näherinnen erfahren.


Von der Arbeit unter diesen harten Bedingungen können viele Näherinnen noch nicht einmal leben. Der Mindestlohn ist in Albanien mit 140 Euro Netto im Monat an sich schon niedrig und deckt laut der Studie Labour on a Shoestring nur 24 Prozent des Bedarfs einer vierköpfigen Familie. Aber in vielen Fällen erhalten die Arbeiterinnen nicht einmal diesen. Der Verdienst einer albanischen Näherin liegt somit im Schnitt unter dem einer chinesischen. Neben der Arbeit in der Fabrik bewirtschaften deshalb viele noch ein eigenes Feld, auf dem sie Gemüse für den Eigenbedarf anbauen.

Heute war Erjona Rusi nicht erfolgreich – keine der Arbeiterinnen wollte mit ihr sprechen. Viele von ihnen sind eingeschüchtert und wollen in der Öffentlichkeit nicht von ihrer Situation erzählen. Denn gerade Frauen sind auf die Jobs in den Textilfabriken angewiesen. Für sie gibt es in vielen Gegenden kaum Alternativen – die Arbeitslosigkeit in Albanien liegt bei etwa 15 Prozent.

 

Made in EU


ist ursprünglich eine Herkunftsbezeichnung für Produkte aus der Europäischen Union gewesen, die 2003 von der EU-Kommission vorgeschlagen wurde. 2014 war geplant, das Label verpflichtend für alle EU-Länder zu etablieren. Doch die Richtlinie wurde unter anderem von Deutschland blockiert, sodass es nicht zur einheitlichen Belabelung kam. Derzeit können europäische Unternehmen auf freiwilliger Basis und anstelle einer expliziten Länderkennzeichnung, ihre Produkte auch mit dem EU-Siegel auszeichnen.

 


Albanien ist kein Mitgliedsstaat der EU, sondern seit 2014 lediglich ein Beitrittskandidat. Trotzdem wird innerhalb Albaniens oft für europäische Modeunternehmen produziert.

 „Solange Albanien nicht volles Mitglied der EU ist, können Produkte oder Waren, die dort hergestellt werden, nicht mit „Made in EU“ gekennzeichnet werden“, sagt Alceo Smerilli,  Pressesprecher der Europäischen Kommission für Europäische Nachbarschaftspolitik und EU-Beitrittsverhandlungen.

 

Diese eigentlich klare Regelung umgehen jedoch viele internationale Textilunternehmen. Sie produzieren in mehreren Ländern und verschleiern durch vielschichtige, oft intransparente Prozesse wo und wie sie Klamotten für den europäischen Markt produzieren. Unternehmen gehen dabei oft folgendermaßen vor:

„Viele der Unternehmen lagern einen Teil der Produktion beispielsweise nach Albanien aus. Oft wird nur der letzte Fertigungsschritt in einem EU-Land gemacht – beispielsweise in Italien“, sagt Bettina Musiolek.

 

 

Auf diese Weise werde eine Kennzeichnung mit „Made in EU“ oder auch „Made in Italy“ möglich, so Musiolek. Ein Unternehmen, von dem sie vermutet, dass es so arbeitet, ist beispielsweise Zalando. Auf mehrere Anfragen reagierte das Unternehmen allerdings nicht.

Die komplexen Lieferketten haben vor allem für die albanischen Näherinnen negative Auswirkungen, wie Musiolek im Video erklärt:

 

Trotz der schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken ist Albanien auf die Textilbranche angewiesen. Das liegt auch an der historischen Bedeutung des Sektors: Industrie wurde zu kommunistischen Zeiten massiv ausgebaut, so Dr. Dhimiter Doka von der Universität Tirana. „Unter dem Motto ‘mit aller Kraft für Albanien’ spielte die Textilindustrie eine große Rolle für das Land“, so Doka. Gelenkt wurde alles vom Staat, die Arbeiterinnen wurden nicht besser oder schlechter bezahlt als in anderen Industriezweigen. Von Generation zu Generation wurde das Know-How weitergegeben.

Als 1990 in Albanien der Kommunismus zusammenbrach, wandelte sich auch die Wirtschaft tiefgreifend. Ein riesiger, aber veralteter Textilbereich stand einer geringen Nachfrage entgegen. Mitte der 90er Jahre bricht die Textilproduktion vollends zusammen und erholt sich erst zu Beginn der 2000er Jahre. An das Lohnniveau aus Kommunismus-Zeiten können die neu strukturierten Wirtschaftszweige allerdings nicht anknüpfen.

In eine ehemalige Fabrik wurden neue Wohnungen gebaut.

Im ehemaligen Textilkombinat Josef Stalin wohnen heute Menschen. (Quelle: Jana Lapper)

Heute arbeitet immer noch ein großer Teil der Bevölkerung im Textilsektor. Verlieren wollen die Albanerinnen ihre Jobs unter keinen Umständen, betont die albanische Journalistin Erjona Rusi auf der Bildkorrekturen-Konferenz im November. Zum einen fände man aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage kaum Jobs, zum anderen sei der Textilbereich für viele Arbeiterinnen trotz der schlechten Arbeitsbedingungen nach wie vor die einzige Option. Deshalb wolle keiner, dass sich die ausländische Textilindustrie zurückzieht, lediglich die Bedingungen sollen sich für die Arbeitenden zum Positiven verändern.

Damit das geschehen kann, muss sich jedoch auf vielen Ebenen etwas verändern, weiß Bettina Musiolek. Sie sieht die größte Verantwortung bei den Unternehmen. Diese müssten für bessere Arbeitsbedingungen und fairere Löhne sorgen. Aber auch Verbraucher sollten anfangen, in den Modegeschäften nachzufragen, woher die Kleidung komme.

Die EU schiebt indes die Verantwortung von sich: Staaten, die Mitglied der EU werden wollen, seien verpflichtet ihre Rechtsvorschriften an die der EU anzugleichen, so Smerilli. Doch auf politischer Landesebene werden oft keine Entscheidungen getroffen, um potentielle Industriepartner nicht abzuschrecken.

Fest steht: Alle Akteure sind mitverantwortlich für die derzeitige Situation in den Textilfabriken Albaniens. Nur bei den Leidtragenden lässt sich eine klare Feststellung machen – das sind die albanischen Näherinnen.

 

Von Denis Gießler, Jana Lapper und Marie Ludwig

Slow Fashion – nachhaltige Mode oder Marketing-Konzept?

Faire, lokale Textilproduktion und die Rückkehr zum ewigen Lieblingsstück: Nachhaltige Mode, auch Slow Fashion genannt, ist im Kommen. Vor allem in der Modemetropole Berlin werben zahlreiche Boutiquen mit fairer Mode. Wie viel Marketing steckt hinter dem nachhaltigen Konzept?

Wer nach individueller Mode statt Massenware sucht, der wird in Berlin-Friedrichshain fündig. Rund um den Boxhagener Kiez reihen sich viele kleine Modegeschäfte aneinander. Hier kann sich der stilbewusste Berliner seine ganz individuellen Outfits zusammenstellen. Und noch dazu braucht er kein schlechtes Gewissen zu haben. Denn die meisten Läden garantieren einen fairen Handel und eine umweltfreundliche, nachhaltige Mode.

Polnische Mode in Berlin

Neben regionaler Designerware verkaufen die Ladenbesitzer auch französische, skandinavische sowie polnische Mode. „Polish fashion is an obsession“ steht an der Schaufensterscheibe des polnischen Modeladens „Rauch & Groen“. Auch die Inhaberinnen Agnieszka Groen und Renata Rauch bezeichnen ihre Verkaufsstücke als „Slow Fashion“, also „entschleunigte Mode“. Doch was genau bedeutet der Begriff eigentlich für sie?

„Slow Fashion steht für eine kleine Produktion: Wir kennen die Designer persönlich und wissen, wer die Stücke anfertigt. Es werden keine tausend T-Shirts hergestellt, sondern zehn Röcke, die nur zehn Menschen auf der Welt tragen“, sagt Agnieszka Groen. Vor zwei Jahren gründete sie mit ihrer Freundin Renata Rauch den Shop im Berliner Szeneviertel. Seitdem verkaufen sie ausschließlich Designermode aus Polen, die auch dort produziert wird.

„Bei Slow Fashion geht es um einen engen Kundenkontakt“

An einem kalten Novembertag laden die beiden Geschäftsführerinnen zum Event „Shoppen mit Designern“ ein. Dafür angereist sind die Modeschöpferinnen Kinga Król und Magda Hasiak aus dem knapp 300 Kilometer entfernten Posen. Bei einer Tasse Glühwein, Fairtrade-Kaffee und Gemüsesticks präsentieren sie ihre neuen Winterkollektionen in gemütlicher Runde. Gekommen sind einige bekannte Gesichter, viele von ihnen sprechen polnisch. Eine Modebloggerin posiert in verschiedenen Outfits vor einer Kamera.

„Die enge Beziehung zwischen den Kunden und Designern ist für mich ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts Slow Fashion‘,“ sagt Kinga Król. Ein individueller Kontakt sei bei den großen Marken wie H&M oder Zara gar nicht möglich. Auch in der Herstellung unterscheide sie sich von großen Modehäusern. „Ich mache Kleidung, die man mehrere Jahre tragen kann, nicht nur eine Saison lang.“

Vor sieben Jahren gründete Kinga Król das polnische Modelabel „Confashion“. Produzieren lässt sie ihre Kleidungsstücke in zwei Produktionsstätten in Posen. Etwa zehn Näherinnen arbeiten jeweils in den kleinen Fabriken.

Auch Designer aus Berlin lassen in Polen produzieren

Die Modedesignerin und Professorin Friederike von Wedel-Parlow lehrt „Sustainability in Fashion“ an der Kunsthochschule Esmod Berlin. (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Nicht nur polnische Designer, auch viele Modemacher aus Berlin lassen im Nachbarland produzieren. „Das ist unter Berliner Designern weit verbreitet. Nach der Maueröffnung ist die Zahl der Produktionsstätten in Berlin zurückgegangen. Gerade um die Jahrtausendwende entstanden viele neue Labels, die Produktionsorte suchten“, sagt Friederike von Wedel-Parlow, Professorin der Kunsthochschule Esmod Berlin.

Von Wedel-Parlow hat als Modedesignerin selbst Erfahrung mit der Modeherstellung in Polen gesammelt. 2003 gründete sie mit einer Kollegin ein eigenes Label für Prêt-à-porter-Mode. Die Schnitte wurden in Berlin entworfen, produziert wurde ein Teil der Kollektionen in einem polnischen Grenzstädtchen hinter Cottbus.

„Es gibt eine ganze Reihe polnischer Produktionsstätten, die den Berliner Jungdesigner-Kreis als ihre Zielgruppe auserkoren haben“. Einmal im Monat seien die Hersteller nach Berlin gekommen, hätten Stoffrollen und Schnitte der Modemacher eingepackt und auf ihre Fabriken verteilt. Wie Agnieszka Groen und Kinga Król lobt Friederike von Wedel-Parlow die Nähe zu den Produzenten. „Das war eine sehr lokale und einfache Sache. Man konnte schnell mal rüber, um Garn nachzuliefern oder einen Schnitt anzupassen, der Kontakt war nett und professionell.“

“Lokale Produktion wird heute als nachhaltig tituliert”

Als „Slow Fashion“ hätte die Berlinerin ihr Label damals jedoch nicht bezeichnet. „Im Nachhinein konnten wir feststellen, an wievielen Stellen wir Slow Fashion oder nachhaltige Strategien gewählt hatten, ohne dass es uns je ein Begriff war.“

Stattdessen sieht Friederike von Wedel-Parlow vor allem praktische und finanzielle Gründe für eine lokale Produktion mit geringen Stückzahlen. „Es ist nicht so, dass man unbedingt lokal produzieren will. Oft ist es gar nicht anders möglich.“ Vielmehr sei es oftmals eine wirtschaftliche Entscheidung – denn das Produzieren in fernen Ländern und in großer Stückzahl sei gerade für junge Designer zu teuer. „Heute wird die lokale Produktion als total nachhaltig tituliert – da wäre ich früher überhaupt nicht drauf gekommen.“

Die Aktivistin Joanna Szabuńko kann mit dem Begriff „Slow Fashion“ nicht viel anfangen. Sie arbeitet für die polnische NGO „Buy Responsibly Foundation“, die sich für bessere Arbeitsbedingungen im Textilsektor einsetzt. „Slow Fashion scheint ein Trend in den Großstädten zu sein. Nur weil die Mode in Polen produziert wird, bedeutet das aber nicht, dass die Kleidung unter guten Arbeitsbedingungen hergestellt wird.“

Das Hauptproblem der polnischen Textilindustrie seien die geringen Löhne. „Die Näherinnen verdienen oft nur den Mindestlohn. Das reicht aber nicht, um sich ein anständiges Leben zu finanzieren“, sagt die 39-jährige Politikwissenschaftlerin.

 

Durchschnittliches Monatsgehalt einer polnischen Textilarbeiterin im Vergleich zum Mindestlohn (Quelle: Buy Responsibly Foundation)

Klare Regeln für “Slow Fashion” fehlen

Shopbesitzerin Agnieszka Groen betont, wie wichtig ihr die Arbeitsbedingungen vor Ort sind. „Bei unseren Besuchen in den Produktionsstätten erzählen uns die Mitarbeiter, dass sie zufrieden mit ihrer Arbeit sind.“ Trotzdem weiß sie nicht, wie viel die Näherinnen genau verdienen. „Die Designer bestätigen uns, dass sie gut bezahlt werden und wir vertrauen ihnen,“ sagt die 39-jährige Wahlberlinerin.

Laut der Designerin Kinga Król sind die für sie tätige Näherinnen sozialversichert, auch Überstunden werden bezahlt. Wie hoch ihr Stundenlohn ist, weiß die 42-Jährige jedoch auch nicht.

So wird deutlich, dass es dem Konzept “Slow Fashion” an mancher Stelle an Transparenz fehlt. Es gibt keine klaren Regeln oder Definitionen. Eignet sich “Slow Fashion” deshalb besonders gut als Marketing-Konzept für junge Designer mit geringen finanziellen Mitteln? Kinga Król sieht das anders. „Unseren Kunden ist es wichtig, nachhaltig und umweltbewusst zu leben. Slow Fashion ist kein Business-Konzept, sondern ein Lifestyle.“

Wenn Traditionen zu Trends werden Fashion ist global: Das gilt nicht nur für die Materialien, aus denen unsere Kleidung gemacht ist, sondern auch für die Ideen.

Illustration: Annabel Frenzel

Die Fashion-Industrie ist rücksichtslos, sie nimmt sich, was sie braucht: Arbeitskräfte? Da, wo sie am wehrlosesten sind. Rohstoffe? Da, wo sie billig sind. Und Ideen? Überall, wo sie zu finden sind.

Alle Kulturen als Inspirationsquelle nutzen – ist das ok?

 

Anna Schade und Vera Weber denken nach.

Nein!

Das ist kultureller Diebstahl, eine weitere Dimension der globalen Ausbeutung.

Beyoncé tanzt, das Gesicht mit indischem Schmuck behangen, in einem Musikvideo. Etwas weiter unten in der Trendsetter-Hierarchie übernimmt das Versandhaus ASOS im selben Stil ein Accessoire in sein Sortiment und labelt dieses lapidar mit „chandelier hair clip“. Diese perlenbesetzte „Kronleuchter-Haarspange“, die Frau vom Scheitel herab auf der Stirn trägt, ist Menschen aus Südasien unter einem anderen Namen wohl bekannt: als Tikka. Ein traditioneller Kopfschmuck, den Frauen in Indien und Bangladesh zu Festen tragen – in Regionen also, die durch die Modeindustrie am meisten ausgebeutet werden. Näherinnen stehen hier über zwölf Stunden am Tag in Fabriken, um westlichen Versandhäusern termingerecht die saisonalen Neuerfindungen zu liefern.

Denn von denen lebt die Modewelt. Und irgendwo her müssen sie kommen. Da wird das Fremde anderer Ethnien spannend und und prompt finden sich Features oder Zeichen dieser Kulturen hier in den Läden und Katalogen: 12,95 Euro, steht vielleicht auf dem Preisschild eines „chandelier hair clip“. Und noch „Made in Bangladesh“. Nicht aber: „Made by women, who wear this jewelry regularly as it is part of their culture“.

 Ja!

Das Spiel mit Ästhetiken ist Ausdruck des globalen Austauschs.

Kulturen, die wirtschaftlich nicht viel zu melden haben, bringen wunderschöne Dinge hervor. Die Fashion-Industrie erkennt das natürlich – und diese Erkenntnis ist wertvoll. Sie ist wertvoll, weil sie auch jenen den Blick für das Andere öffnet, die sich sonst nicht in multikulturellen Sphären bewegen.

Gerade Mode als Ausdrucksform hilft dabei, andere Ästhetiken zu entdecken. Denn sie sucht immer das Neue, sie muss revidieren und ja, Mode lebt von Mut. Sie lebt von dem Mut mit Altbekanntem und „klassisch Schönem“ zu brechen und neuartige Vorschläge zu machen – und diese Vorschläge kommen in einer globalisierten Welt von überall her. Damit kann Mode zum Scharnier zwischen den Kulturen werden. Aber eben nur, wenn sich Modemacherinnen und Modeliebhaber gleichermaßen mit ihr auseinandersetzen.

Denn sobald Konsumentinnen wissen und schätzen, woher ihre Kleidungsstücke kommen, ist das auch für die Produzenten in fernen Ländern von Bedeutung. Sowohl ihre Arbeit als auch die kulturellen Ursprünge von Modetrends werden dadurch sichtbar. Auf diese Weise entsteht ein Austausch, der den Grundstein legt für ein fruchtbares und respektvolles Miteinander der Kulturen.

Das ist die schöne Seite der Globalisierung.

 

Kulturen als Inspirationsquelle nutzen – ob das ok ist oder nicht, entscheidet sich an einem Punkt: Der Haltung, mit welcher Anbieter Elemente von anderen Kulturen vermarkten und Konsumenten diese auf ihrer Haut tragen.

Es gibt Modemacher, die die Herkunft ihrer Ideen anerkennen. In Zusammenarbeit mit denjenigen, die ihre Traditionen hüten, kreieren sie Neues. Auch so reisen Trends um die Welt – diese Karte zeigt ihre Routen.

Was kostet mein T-Shirt?

Eine multimediale Geschichte über die Kostenstruktur und Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Mit Ansätzen für KonsumentInnen, dagegen vorzugehen. Weg von tradierten Schwarz-Weiß-Bildern, hin zu einer realistischen Sicht auf die Branche. Dafür haben wir unter anderem PassantInnen in der Leipziger Innenstadt gefragt, wie sie Qualität und Preis zwei unterschiedlicher T-Shirts einschätzen.

Für die nächste T-Shirt-Motto-Party noch mal schnell zu KiK, damit man sich und den anderen Party-Gästen lustige Sprüche aufs Shirt malen kann – wer kennt das nicht? Studierendenfreundlich sind die Preise bei KiK allemal. Das Blanco-Shirt gibt’s dort schon ab 2,99 €.

Bei unserer Umfrage nach dem Preis eines T-Shirts haben alle PassantInnen einen Qualitätsunterschied festgestellt – doch nicht immer zu Gunsten des teureren Markenshirts. Niemand schätzte den Preisunterschied so hoch – 10 € war das Maximum. Auch die Materialien wurden nicht richtig erkannt.

Doch wie geht das überhaupt? Baumwolle aus Pakistan, Produktion in Bangladesch und dann einmal quer über den Globus nach Europa – welche Kosten entfallen da auf Lohn, Produktion, Transport und Marketing?

Anteil der durchschnittlichen Lohnkosten

Die durchschnittlichen Kostenanteile eines T-Shirts hat der WDR für sein Dossier „Kleidung in Zahlen: Über Mengen, Löhne, Marktanteile“ erfasst. Demnach machen die Lohnkosten nur 1% des Verkaufspreises aus. Dem Dossier zufolge entfallen 11% des Verkaufspreises eines durchschnittlichen T-Shirts auf Transport und Steuerabgaben und 13% auf die Fabrikkosten. Die Marketingkosten gibt der WDR mit 25% im Schnitt an. Die Hälfte des Verkaufspreises entfällt auf den Unternehmensgewinn und Handelskosten wie Zölle. Diese entstehen nicht, wenn ein Unternehmen aus der EU Handel mit Ländern wie Bangladesch treibt. Grund ist das EU-Handelsabkommen GSP (Generalized System of Preferences), das Zollfreiheit für Importe und Exporte der teilnehmenden Länder garantiert.

KiK widerspricht

Der Angabe „1% Lohnkosten“ widerspricht Ansgar Lohmann, Bereichsleiter bei KiK für „Corporate Social Responsibility“ (CSR). Im Unterschied zu den WDR-Zahlen stellt er nicht die Kostenanteile des Verkaufspreises, sondern des Einkaufspreises dar. Das ist der Betrag, den KiK an den Fabrikanten in den Produktionsländern zahlt. „Der Arbeitslohn liegt bei KiK ungefähr bei 15%“. Drei Viertel der Kosten entfallen auf den Stoffeinsatz; rund zehn Prozent auf Fabrikkosten und Profit.

Ähnlich sieht es beim Versandhändler Hessnatur aus, der Naturtextilien anbietet. Ein T-Shirt, das optisch mit dem von KiK vergleichbar ist, kostet bei Hessnatur 17,95€. Auch HessNatur nennt die Kostenanteile nur bezogen auf den Einkaufspreis: „Unsere Produktionskosten liegen in etwa bei 25% – da sind die Lohnkosten eingerechnet“, so Sven Bergmann, Referent für Unternehmenskommunikation bei Hessnatur. Die Lohnkosten beziffert er auf 10-15%.

Sven Bergmann

Sven Bergmann, Referent für Unternehmenskommunikation bei Hessnatur

Bei der Frage nach den Kostenanteilen gaben die KonsumentInnen in der Leipziger Innenstadt ganz unterschiedliche Einschätzungen ab. Nur eines ist sicher: Überall scheint gespart worden zu sein – von der Näherin bis hin zum Marketing.

Im Unterschied zu KiK verwendet HessNatur ausschließlich Bio-Baumwolle. Bio heißt bei Hessnatur auf chemische Zusatzstoffe weitestgehend zu verzichten, Naturfarben zu verwenden und regionale Aktionen wie das Rhönschaf-Projekt zu unterstützen, bei dem die Wolle vom Rhönschaf aus dem gleichnamigen hessischen Mittelgebirge stammt.

Dann also lieber zu Hessnatur, wenn man beim Einkaufen etwas für Umwelt und Region tun möchte?

„Alles Quatsch“, meint Bettina Musiolek, Mitgründerin des deutschen Ablegers der „Clean Cloth Campaign“, einem europäischen Netzwerk für die Grundrechte von ArbeiterInnen in der Bekleidungsindustrie. „Ich kann und will überhaupt keine Empfehlung für unbedenkliche Unternehmen in der Bekleidungsindustrie abgeben – die gibt es leider nicht“, so die Aktivistin, die den Anteil der Lohnkosten eines Durchschnitts-T-Shirts ebenfalls mit 1% beziffert.

 

Unabhängig von der exakten Zahl: Für den Lohnanteil spielt es kaum eine Rolle, ob das T-Shirt für ein niedrig- oder hochpreisiges Unternehmen gefertigt wurde. Je günstiger ein T-Shirt, desto höher sind die Gewinne des Fabrikanten, aber auch die Steuerabgaben. Das geht aus den Zahlen des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe hervor.

Aktivistin Musiolek: „Kaufen Sie die warme Winterjacke, wo immer Sie wollen!“

Bettina Musiolek,

Bettina Musiolek, Mitgründerin des deutschen Ablegers der „Clean Cloth Campaign“

Bettina Musiolek glaubt, ein kritisches Konsumbewusstsein sei das einzig wirksame Mittel für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Branche. Wer sich zur kalten Jahreszeit noch schnell mit einer neuen Winterjacke eindecken möchte, dem rät Musiolek: „Kaufen Sie die warme Winterjacke, wo immer Sie wollen. Es geht nicht nur darum, wo Sie Ihr Geld ausgeben, sondern auch darum, ob Sie Parteien Ihre Stimme geben, die verbindliche menschenrechtliche Regeln für deutsche Unternehmen entlang deren Lieferketten fordern.“ Wer sich für Fortschritte in der Branche einsetzen möchte, der solle in NGOs und Aktionsgruppen für saubere Kleidung mitarbeiten – „die gibt es in den meisten Städten Deutschlands bereits“. Außerdem könne die Kundin beim Einkaufen an der Kasse Karten ihrer Kampagne abgeben, mit denen man Auskunft über den Lohnanteil der NäherInnen einfordern kann.

Das sei dringend notwendig, um die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern: „Auch in europäischen Fabriken ist es im Sommer meistens so heiß, dass viele ArbeiterInnen wegen der Temperatur, der Hitze und des Arbeitsdrucks bewusstlos werden. Häufig existieren gar keine Arbeitsverträge. Das Recht auf Organisation und Tarifverhandlungen wird oft nicht eingehalten. Wer Beschwerden äußert, wird sofort entlassen. Ich spreche dabei ausschließlich über die europäische Bekleidungsindustrie.“

KiK ist nicht die Inkarnation des Bösen

Kollabierende ArbeiterInnen in europäischen Fabriken? Niedriglöhne, die in Mazedonien ebenso wenig zum Leben wie in Bangladesch reichen? Das mag auf den ersten Blick verwundern, wird aber von unabhängigen Beobachtern bestätigt. Wer sich mit der Textilindustrie beschäftigt, verliert schnell die Schwarz-Weiß-Sicht auf die Branche: „Made in Europe“ steht keineswegs per se für gute Arbeitsbedingungen und KiK ist nicht die Inkarnation des Bösen:

Doch das Unternehmen gilt als schwarzes Schaf der Modeindustrie. Schließlich wirkt das Konzept verdächtig, jeden Kunden von der Socke bis zur Mütze für 30€ komplett einkleiden zu wollen. Dabei ist KiKs Engagement in puncto sozialer Verantwortung größer, als man zunächst vermutet: So nimmt KiK am Textilbündnis teil, einer freiwilligen Partnerschaft von Unternehmen, NGOs und Gewerkschaften für ökologische und soziale Verbesserungen in der Branche. KritikerInnen werfen dem von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) gestarteten Bündnis vor, kaum regulative Eingriffe vorzunehmen.

CSR-Richtlinie begünstigt auch journalistische Arbeit

Außerdem hat KiK schon Berichte zur „Corporate Social Responsibility“ (CSR) herausgegeben, als sie noch nicht verpflichtend waren. Seit Januar 2017 gilt nun die CSR-Richtlinie der EU, wonach Unternehmen ab 500 Beschäftigten ihre Lieferketten offenlegen und Angaben zu sozialen und ökologischen Standards ihrer Geschäftstätigkeit machen müssen.

Edith Dietrich

Edith Dietrich, WDR-Investigativjournalistin

Journalistin Dietrich: „Seit der CSR-Berichtspflicht haben wir Journalisten es viel leichter.“

Von der steigenden Transparenz profitieren nicht nur AktivistInnen wie Bettina Musiolek, sondern auch JournalistInnen. „Damit haben wir es viel leichter“, erzählt die WDR-Investigativjournalistin Edith Dietrich. „Zum Beispiel, wenn es darum geht, Produktionsstätten erst einmal zu finden. Vor zwei Jahren war das noch unmöglich.“

KiK-Manager Lohmann kündigt auf Nachfrage sogar Lohnerhöhungen in manchen Produktionsländern an:

KiK-Bereichsleiter Lohmann: „In Pakistan wollen wir das Lohnniveau um 5% erhöhen. In Bangladesch könnten es 10% sein.“

Wenige Sätze später warnt er jedoch vor steigenden Inflationsraten als Folge von Lohnerhöhungen. Und: „Die Fabriken gehören nicht KiK. Selbst wenn wir als westliche Auftraggeber den Lohnanteil erhöhen würden, heißt das noch lange nicht, dass der Fabrikinhaber diesen auch an die Beschäftigten weitergibt.“ Nach wirklichem Änderungswillen klingt das nicht.

Ansgar Lohmann

Ansgar Lohmann, Bereichsleiter bei KiK für „Corporate Social Responsibility“ (CSR)

KiK-interne Umfragen haben ergeben, dass CSR-Standards wie Sozial- oder Umweltverträglich für KiK-KundInnen so gut wie keine Rolle spielen. Doch wie sieht es bei den PassantInnen in der Leipziger Innenstadt aus?

 

Verbraucherinitiative „Rank a Brand“ will Transparenz schaffen

Was können KonsumentInnen nun tun, außer weniger zu konsumieren und politisch aktiv zu werden, wie es Bettina Musiolek fordert?

Eine Antwort liefert Mario Dziamski. 2011 gründete er den deutschen Ableger der niederländischen Verbraucherinitiative „Rank a Brand“. Auf der Plattform können sich VerbraucherInnen über die Produktionsbedingungen einzelner HerstellerInnen informieren. „Damit sinkt für viele Verbraucher die Hürde, sich mit dem Thema überhaupt auseinanderzusetzen. Außerdem bauen wir Druck auf die Unternehmen aus, damit sie transparenter werden“, erklärt Dziamski. „Rank a Brand“ schickt umfangreiche Bewertungsfragen an die HerstellerInnen. „Anhand der Antworten auf diese Fragen ermitteln unsere Ranker, wie vertrauenswürdig uns eine Marke erscheint“, so Dziamski.

Gründer Dziamski: „Unsere Bewertungen orientieren sich an den Energieeffizienzlabeln, die man von Waschmaschinen oder Kühlschränken kennt.“

Ein A-Label bekommt, wer über 75% der Fragen positiv beantwortet. Wer weniger als 15% der Fragen positiv beantwortet, erhält ein E-Label.

Mario Dziamski

Mario Dziamski, Gründer des deutschen Ablegers der niederländischen Verbraucherinitiative „Rank a Brand“

„Rank a Brand“ gibt KiK ein D. Das heißt „kaum empfehlenswert“. In der Erklärung der Initiative heißt es: „Erste Punkte erzielt KiK beim Klimaschutz. Die Berichterstattung zum Gebrauch von nachhaltigen Rohstoffen und Chemikalien muss hingegen präziser werden.“ Hessnatur erhält von „Rank a Brand“ ein B – „empfehlenswert“: „Aktuellere Angaben zur Klimabilanz könnten die Gesamtwertung jedoch noch verbessern. Beim Umwelteinsatz erhält Hessnatur viele Punkte, denn das Produktionsvolumen besteht mehrheitlich aus nachhaltig produzierten Rohstoffen.“

CSR-Richtlinie als Warnschuss

Wie geht es nun politisch weiter? Auf europäischer Ebene fordern Grüne und Linke ein Gesetz, das menschenrechtliche Sorgfalt in der Modeindustrie verbindlich macht. Nur supranational durchgesetzte Umwelt- und Sozialstandards würden für wirkliche Verbesserungen in der Branche führen, glauben die Parteien. In Frankreich existiert ein solches Gesetz zur menschenrechtlichen Sorgfalt bereits.

Branchenkenner Mario Dziamski ist sich sicher: „Die Modeindustrie sollte die CSR-Berichtspflicht als Warnschuss begreifen: Auf politischer Ebene hat ein regulativer Prozess eingesetzt, der bislang nur die Berichterstattung betrifft, in Zukunft aber durchaus zu mehr verpflichten könnte.“

Panel 1 (Nachmittag): Baumwollproduktion in Usbekistan

Usbekistan ist ein zentralasiatisches Land, dem in deutschen Medien wenig Bedeutung beigemessen wird. Dabei ist Usbekistan der drittgrößte Baumwollexporteur der Welt und bestimmt damit auch unsere Konsumgewohnheiten. Über die Folgen des exzessiven Baumwollanbaus, insbesondere die Zwangsarbeit, diskutieren Umida Niyazova und Edda Schlager.

 

Umida Niyazova

Umida Niyazova


Umida Niyazova ist eine usbekische Journalistin und Menschenrechtlerin, die im Exil in Berlin lebt und dort die Nichtregierungsorganisation „Uzbek-German Forum for Human Rights (UGF)“ gegründet hat. Hauptschwerpunkt ihrer Arbeit ist es, die Arbeitsbedingungen der Baumwollernte zu verbessern, welche große Teile der Bevölkerung jedes Jahr im Herbst durch Zwangsarbeit verrichten müssen. Ihren Beruf als Journalistin führte sie in Usbekistan selbst von 2000 bis 2009 aus. Bereits über einen gewissen Zeitraum hinweg wurde sie vom usbekischen Staat und dessen Geheimdiensten aufgrund staatsschädigender Tätigkeit überwacht und 2009 schließlich zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Nachdem sich Teile der internationalen Gemeinschaft sowie die deutsche Botschaft für sie eingesetzt hatten, floh sie nach Deutschland.

Das UGF kann verschiedene Erfolge verzeichnen. So gehen etwa das Verbot der Kinderarbeit während der Baumwollernte und die kürzliche Befreiung der Studenten von der Zwangsarbeit auf sie zurück. Außerdem möchte die NGO die Zulieferer und Verbraucher über aktuelle Entwicklungen und Bedingungen der Baumwollernte informieren und ihr Bewusstsein dafür stärken.

Edda Schlager

Edda Schlager


(Quelle: http://eddaschlager.com/ueber-mich/)


Die Journalistin und Auslandskorrespondentin Edda Schlager lebt seit 2005 in Almaty, Kasachstan. Von hier aus bereist sie zentralasiatischen Länder und berichtet aus Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Zweimal war sie außerdem als Journalistin in Afghanistan.

Derzeit ist Edda Schlager Zentralasien-Korrespondentin für n-ost, das Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung, Autorin und Fotografin für deutschsprachige Print- und Onlinemedien wie Berliner Zeitung, Zeit Online, Spiegel Online, Die Presse oder Ost-West-Contact. Als Radio-Journalistin ist sie vor allem für den Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur unterwegs. Zudem betreut sie die Webpräsenz der AHK in Zentralasien.

Panel 3 (Nachmittag): Der Mythos „Made in Europe“

Albanien ist genauso günstig wie China, aber liegt direkt vor unserer Haustür – so wirbt die italienische Wirtschaft für den Standort Albanien. Das läuft unter dem Label „Made in Europe“. Konsumenten glauben, dass sie faire und ökologische Mode kaufen – und werden damit in die Irre geführt. Drei Expertinnen wissen, dass die albanischen Näherinnen die Leidtragenden sind.

Ornela Liperi


Ornela Liperi ist Chefredakteurin von Monitor, das einzig wöchentlich erscheinende Wirtschaftsmagazin in Albanien. 1997 machte sie ihren Abschluss in Marketing an der Wirtschaftsfakultät in Tirana. Sie hat zahlreiche Paper, Studien und Artikel veröffentlicht, die sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung und Integration in Albanien beschäftigen.

Edith Dietrich


Edith Dietrich studierte Slawistik und Soziologie und dreht seit 1997 Filme zu wirtschaftlichen Themen für den WDR und die ARD. Sie ist Dozentin an der HMKW University in Köln und lehrt an der Deutschen Welle Akademie. Bei ihren Recherchen hat sie exklusive Einblicke in die globale Modeindustrie gewonnen.

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Erjona Rusi

Erjona Rusi ist eine albanische Journalistin, die seit mehr als 16 Jahren für verschiedene Medien arbeitet. Derzeit arbeitet sie im Team des Nachmittagsprogramms für die albanische öffentliche Sendeanstalt. Als Korrespondentin arbeitete sie mit dem Balkan Investigative Reporting Network, dem Guardian und dem österreichischen Magazin Datum zusammen.