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Schwein gehabt: Wie Pomerode das Biogas entdeckte

Brasilien braucht Energie. Dafür setzt das Land vor allem auf Megastaudämme. Ein strittiges Modell. Eine lokale Alternative dazu bietet eine Stadt im Süden.

Von Tatjana Kulpa und Friederike Zörner

DIE IDEE

Eisbein, Bockwurst und Kassler. Im südbrasilianischen Pomerode besinnt man sich auf deutsche Traditionen. Da darf das fleischreiche Essen in der Gaststätte „WunderWald“ nicht fehlen. Kein Braten ohne Vieh: Die bergige Region um die 30.000-Einwohnerstadt im atlantischen Regenwald ist vor allem für seinen Industriesektor und seine Viehzucht bekannt. Neben einem Schweinebauern mit rund 4000 Sauen haben sich hier deutsche Konzerne wie Bosch und Netzsch angesiedelt. „Wir haben beste Produktionsbedingungen und sehr motivierte Leute, die eine ähnliche Arbeitsmoral wie in Deutschland vorweisen“, sagt Ércio Kriek.

Der 45-jährige Unternehmer gehört zu den gut 60 Prozent der Pomeroder, die Deutsch sprechen können. Wie die Mehrheit hier hat er deutsche Wurzeln. Das ist auf die Siedlungsgeschichte Mitte des 19. Jahrhunderts zurückzuführen. Damals kamen überwiegend Siedler aus Pommern in das Tal des Rio Testo, im brasilianischen Bundesstaat Santa Caterina. Der deutsche Apotheker Hermann Blumenau hatte unweit von hier eine deutsche Kolonie gegründet. Die heutige Stadt Blumenau umfasst gut 300.000 Einwohner und lockt mit dem Oktoberfest jährlich hunderttausende Besucher an. Pomerode spaltete sich 1959 von Blumenau ab.

Schweine als Problem

Diese kulturelle Verbundenheit fördert auch wirtschaftliche Kooperationen. Ércio und seine Firma „Eco Conceitos“ eröffneten im September 2014 die erste Biogas-Anlage in der Region mit Technologie der Archea Unternehmensgruppe aus Hessisch Oldendorf. Betrieben wird diese Pilotanlage mit Schweinegülle und anderen Abfallprodukten. „Der Bundesstaat Santa Caterina ist einer der größten Schweineproduzenten Brasiliens“, erklärt Ércio. Die Gülle werde meistens unverarbeitet auf die Felder gebracht, verseuche den Boden und gelange in Flüsse und Bäche. Zudem setze ihre offene Lagerung klimaschädliche Gase frei. Für ihn war daher die Entwicklung der Biogas-Anlage, die nicht nur die Gülle in unbedenklichen Dünger umwandelt, sondern diese auch energetisch nutzt, eine Herzensangelegenheit. Nachdem er von 2005 bis 2008 Bürgermeister seiner Heimatstadt Pomerode gewesen war, arbeitete er bis 2012 für die örtliche Abwasser- und Müllentsorgungswirtschaft*. Zusammen mit seinen deutschen Geschäftspartnern gründete er 2010  „Eco Conceitos“. Zwei Jahre später begannen sie mit der Planung der Biogas-Pilotanlage.

An dem Bau der Pilotanlage waren unter anderem Eco Conceitos und Archea beteiligt. Foto: BN Umwelt

Rohstoff-Lieferanten für die Biogas-Anlage. Foto: BN Umwelt


Der Gärrest wird in der Kompostieranlage mit Holzspänen angereichert. Foto: BN Umwelt

Die Gaststätte "WunderWald" ist für ihre deutschen Spezialitäten bekannt. Foto: BN Umwelt

Die Gaststätte „WunderWald“ ist für ihre deutschen Spezialitäten bekannt. Foto: BN Umwelt


Pomerode pflegt neben Greifswald auch mit der Stadt Torgelow in Mecklenburg- Vorpommern eine Städtepartnerschaft. Foto: BN Umwelt

Das Nordtor der 30.000-Einwohnerstadt. Foto: BN Umwelt

Das Nordtor der 30.000-Einwohnerstadt. Foto: BN Umwelt

[*In dieser Zeit begann Ércio auch seine Geschäftsbeziehungen mit der Firma BN Umwelt, deren Geschäftsführer, Frank Zörner, der Vater einer der Autorinnen ist.]

DIE UMSETZUNG

Den erneuerbare Energien-Sektor bestimmen in Brasilien vor allem Wasserkraftwerke. Sie erzeugen 80 Prozent des Stroms. Zwar stehen außerdem Wind- und Solarenergie im Fokus der Regierung, doch können diese meist nicht mit dem preisgünstigen Strom aus Wasserkraft mithalten. Obwohl es bisher noch an stärkerer Unterstützung des Staates fehlt, sei das Marktpotenzial von Biogas groß, so André Aguilar, ortsansässiger Mitarbeiter der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG). „Brasilien hat eine große Nachfrage nach Biogas und Strom“, sagt er. „Deutschland spielt eine wichtige Rolle im hiesigen Markt, denn es verfügt über die nötige Technologie und das Know-How.“ Mit seinen rund 8000 Biogas-Anlagen ist Deutschland weltweit ein Vorreiter.

Die DEG hat den Bau der Anlage in Pomerode im Zuge ihres Förderprogrammes „Klimapartnerschaften mit der Wirtschaft“ unterstützt. Ziel sei es, den Privatsektor als zusätzlichen Akteur für den Klimaschutz in Entwicklungs- und Schwellenländern zu mobilisieren, sagt Yvonne Veth, Mitarbeiterin der DEG in Köln. „Wir evaluieren derzeit weitere Biogasprojekte in Brasilien und hoffen so Biogas als erneuerbare Energiequelle langfristig zu etablieren.“

Die Pilotanlage in Pomerode ist im Vergleich zu deutschen Maßstäben ein Leichtgewicht, doch sie leistet einen kleinen Beitrag dazu, Biogas in Brasilien salonfähig zu machen. Ihrer Inbetriebnahme im September 2014 war eine langwierige Planungsphase vorausgegangen. „Die Genehmigung dauerte anderthalb Jahre, weil die dafür zuständige Behörde bisher keine Erfahrung mit solchen Anlagen hatte“, schildert Ércio Kriek. In der brasilianischen Bevölkerung gebe es zwar noch Vorbehalte gegen Biogas, da die bisher gebauten Anlagen wenig wirtschaftlich arbeiteten. Aber der Wunsch in Pomerode, etwas gegen die Geruchsbelästigung durch die Schweinegülle zu tun, war für Ércio Motivation genug. Mit Hilfe von Archea wurde die Pilotanlage auf einen verhältnismäßig hohen technischen Standard gebracht. Die vorkalkulierten Kosten konnten um zwei Drittel auf 250.000 Euro gesenkt werden, da es sich um eine „tropikalisierte“, also vereinfachte, Bauweise handelt. So wurde die Anlage drei Meter tief in den Boden eingelassen, um weniger Beton zu verwenden – dieser ist in Brasilien sehr teuer. Stattdessen wurde eine spezielle Folie zur Abdichtung der Grube benutzt.

Weiterverwertung von Rohstoffen

„Wir haben außerdem sehr günstige klimatische Bedingungen für Biogas. Die jährliche Durchschnittstemperatur beträgt etwa 17 Grad Celsius“, sagt Ércio. Anders als im kalten Deutschland – mit einem Jahresdurchschnitt von circa neun Grad Celsius – kann die nötige Prozesstemperatur somit ganzjährig kostengünstiger erzeugt werden. Denn damit der stufenweise Nassvergärungsprozess, der aus Gülle und anderen Substraten Methan und Kohlenstoffdioxid erzeugt, möglichst schnell vonstatten geht, operieren Biogas-Anlagen idealerweise mit Temperaturen zwischen 50 und 60 Grad Celsius. Im sogenannten Fermenter, dem gasdichten Behälter, wird die Biomasse erwärmt und gerührt. Mithilfe von Bakterien bildet sich nach und nach das Biogas. Es wird unter niedrigem Druck in Gasspeichern gelagert. Der übrig gebliebene Gärrest kann anschließend als Dünger verwendet werden. Dazu wird er in Pomerode in eine Kompostieranlage gegeben und mit Holzspänen angereichert.

Bislang befindet sich die Biogas-Anlage noch im Testbetrieb. Ab dem Frühjahr 2015 soll sie 50 Kubikmeter Bioerdgas pro Stunde produzieren. Später soll dann zusätzlich ein Blockheizkraftwerk installiert werden, das zur Nutzung elektrischer und thermischer Energie verwendet wird. Die Stromleistung soll Ércio Kriek zufolge etwa 70 bis 80 Kilowatt betragen, was etwa 1000 Familien jährlich versorgen könnte. Auf einen großen wirtschaftlichen Gewinn kann er nicht hoffen, doch darum gehe es ihm auch nicht. Solange die Baukosten wieder erwirtschaftet werden und die Schweinegülle sinnvoll weiterverwertet werden kann, sei er zufrieden. Das bis dato gewonnene Bioerdgas wird verdichtet in Tanklastwagen zu regionalen Abnehmern transportiert. „Langfristig planen wir, ein Gasnetz um die Anlage herum zu errichten.“

DIE EINORDNUNG

Seit Mitte der 2000er Jahre gab es in Deutschland einen regelrechten Biogas-Boom. Wie Daniela Thrän, Professorin für Bioenergiesysteme an der Universität Leipzig erklärt, sah die Bundesregierung eine Vergütung der Stromproduktion aus Energiepflanzen mit dem sogenannten „Nawaro-Bonus“ vor. Dieser kann von Anlagen, die bis Mitte 2014 in Betrieb gegangen sind, für 20 Jahre in Anspruch genommen werden. Die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verankerte Regelung beförderte vor allem den Anbau von Energiepflanzen, die mit einer relativ hohen Methanausbeute gut für die Biogas-Erzeugung geeignet sind. Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe schätzt, dass deren Anbaufläche 2014 über zwei Millionen Hektar betrug – gut die Hälfte davon werde für Biogas genutzt. Der Anbau von Mais-Monokulturen und anderen Pflanzen in Flächenkonkurrenz zu Nahrungsmitteln rief in den letzten Jahren vermehrt Kritik hervor. Im Gegensatz dazu verfolgt Ércio Kriek in Pomerode das Ziel, ohne zusätzlich angebaute Pflanzen auszukommen. Seine Anlage setzt als Substrate lediglich Schweinegülle, Abfälle aus Schlachthäusern und der örtlichen Reisfabrik sowie Speisereste aus Restaurants und Supermärkten ein.

Laut dem Wirtschafts- und WissenschaftsZentrum Brasilien – Deutschland (WWZ-BD) mache in Brasilien auf Seiten der erneuerbaren Ressourcen die Energiegewinnung aus Zuckerrohr, Holz und anderer Biomasse einen erheblichen Teil aus. Die Anzahl der Biogasanlagen sei aber noch sehr gering. Bei der Nationalen Agentur für Elektroenergie (ANEEL) seien bislang lediglich elf Anlagen erfasst, die Gas beziehungsweise Elektroenergie produzieren. Dazu kämen noch mehrere Hundert einfacher Anlagen, die in der Regel eine kurze Lebenszeit und einen geringen Wirkungsgrad hätten.

Gülle wird umweltfreundlicher

Daniela Thrän beschreibt dreierlei Vorteile der Nutzung von Schweinegülle für Biogas: Erstens könne Gülle nur zu bestimmten Jahreszeiten aufs Feld, ansonsten werde sie in offenen Güllebecken gelagert und setze in dieser Zeit sehr hohe Methanemissionen frei. „Zum Zweiten ist Gülle, wenn sie in der Biogasanlage war, weniger reaktiv. Das bedeutet auch im Boden ist sie dann pflanzenfreundlicher als frische Gülle.“ Drittens spiele der Geruchsfaktor eine Rolle: Zum einen sei eine Biogasanlage immer geruchsdicht, weil die Biogasbakterien sehr sensibel reagierten. Zum anderen rieche die Gülle nach der Vergärung und dem Entzug von Ammoniak weniger stark.

Mögliche Gefahren seien nach Angaben von Professorin Thrän: Explosionen bei der Reaktion von Methan und Sauerstoff, die Freisetzung von giftigem Schwefelwasserstoff und das Auslaufen von Behältern. Durch Anlagenüberwachung und geeigneten Betrieb sind diese jedoch inzwischen in Deutschland nahezu ausgeschlossen. Auch in Pomerode wirkt man durch ständige Kontrollen gegen diese Risiken. Es wird überprüft, ob Gülle durch undichte Stellen in der Folie ins Erdreich sickert. „Außerdem begegnen wir dem Schwefel-Problem mit deutscher Technologie“, erklärt Ércio. Durch das Hineinblasen von Luft würden aerobe Bakterien angeregt, Schwefel abzubauen. Durch den natürlichen, geringen Sauerstoffanteil in der Luft werde ein Explosionspotenzial vermieden.

Zukunftsaussichten

Ércio ist von seiner Idee überzeugt. Im energiehungrigen Schwellenland Brasilien ist man auf alternative Stromgewinnung angewiesen. Trockenperioden hätten in der Vergangenheit bewiesen, dass auf das Allheilmittel Wasserkraft nicht immer Verlass sein kann. Fossile Brennstoffe rücken daher wieder verstärkt in den Fokus der Regierung. Als Zukunftsvision schwebt Ércio auch eine Lösung für das Abfallproblem in Großstädten vor. „Biogas-Anlagen könnten zum Beispiel in São Paulo mehrere Megawatt Strom pro Stunde durch Abfall produzieren.“

Zunächst müsse sich aber noch zeigen, wie die Pilotanlage in Pomerode im Normalbetrieb arbeite. Danach könne mit dem Bau weiterer Anlagen in der Region begonnen werden. Denn eins ist gewiss: Schweine hinterlassen ihre Spuren in ganz Südbrasilien.

 

 

Belo Monte: „Letztendlich ein illegales Projekt“ Wie ein riesiger Staudamm den brasilianischen Regenwald gefährdet

Es ist das größte Bauprojekt der sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt – und wahrscheinlich auch das umstrittenste. Inmitten eines Nationalparks soll im brasilianischen Amazonasgebiet das volumenmäßig drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt entstehen.

 

Seine Befürworter sehen ihn als einen Heilsbringer für die instabile brasilianische Energieversorgung mit zahlreichen Stromausfällen, die oft weite Teile des Landes lahmlegen und die Wirtschaft hemmen; seine Kritiker als einen gigantischen Moloch, der wertvollen Lebensraum zerstört und mehr Probleme schafft als löst: Seit der ersten Pläne in den 1970er Jahren ist der Staudamm Belo Monte umstritten. Die Zahlen, die David Vollrath von der NGO „Gegenströmung“ im Brasilienpanel der Tagung „Bildkorrekturen“ über den Staudamm präsentiert, sprechen für sich.

Auf 516 Quadratkilometern entstehen bei dem 11 Milliarden US Dollar teuren Projekt am Amazonasnebenarm Rio Xingu zwei Stauseen in etwa der Größe des Bodensees. Damit soll ein Wasserkraftwerk angetrieben werden, das zu Spitzenzeiten bis zu 11.000 Megawatt Strom erzeugen und so 18 Millionen Menschen mit Energie versorgen wird.

Doch es gibt auch die anderen Zahlen. Die von offiziell 20.000 Menschen, zumeist Indigenen, die im Zuge des Baues ihre ihnen von der Verfassung anerkannte Heimat verlassen müssen, oft unter Zwang: „Wir und andere Nichtregierungsorganisationen gehen sogar von mindestens 40.000 Vertriebenen aus.“ Die nur 4.000 Megawattleistung, die das Kraftwerkt statt der propagierten 11.000 bringen wird, weil der Amazonas und seine Nebenflüsse immer weniger Wasser führen, wie Vollrath weiter erklärt.

Die 40 Jahre, die das Kraftwerkt brauchen wird, um klimaneutral zu laufen, weil die scheinbar „grüne Energie“ Wasserkraft Unmengen an Methan freisetzt, wenn die von den Stauseen überfluteten Pflanzen verrotten. Die sieben Punkte, die die „World Commission on Dams“ als Voraussetzungen für den Bau neuer Staudämme empfiehlt und von denen Belo Monte keinen einzigen erfüllt. Und nicht zuletzt die zahlreichen Baustopps, die es seit Beginn der Bauarbeiten gegeben hat: Vier an der Zahl, meist wegen fehlender Genehmigungen.

Deshalb, und vor allem wegen der menschenunwürdigen Zwangsumsiedelung der indigenen Brasilianer, die einen Verstoß gegen nationales und internationales Rechts darstellt, schließt Vollrath: „Bei Belo Monte handelt es sich letztendlich um ein illegales Projekt.“

Grüne Wasserkraft? Mega-Staudamm Belo Monte in der Kritik

Im Panel über Brasiliens Energiepolitik berichteten drei Referenten über die Auswirkungen des Mega-Staudamms Belo Monte und wie die deutsche Presse darüber schreibt.

Dass Wasserkraft nicht unbedingt nachhaltig sein muss, verdeutlichen drei Referenten im Tagungspanel über Brasiliens Energiemodell. Mit 98 geplanten Staudämmen im Amazonasbecken möchte die brasilianische Regierung den Energiehunger ihres Landes stillen, erklärte der Physiker und Aktivist Dr. Délcio Rodrigues. Alternative und ergänzende Maßnahmen, wie mehr Energieeffizienz, Wind- und Solarenergie vernachlässige die Energiepolitik dabei.

ÖKOLOGISCHE, ÖKONOMISCHE UND SOZIALE KRITIK

Die Initiative GegenStrömung ist Teil einer breiten und internationalen Protestbewegung gegen das Entstehen neuer Mega-Staudämme. In den letzten Jahren hat vor allem das sich im Bau befindende Großprojekt Belo Monte am Fluss Xingu für Widerstand gesorgt. Sprecher der Initiative David Vollrath zeigte sich überzeugt, dass man abgesehen von Industrie und Regierung in Brasilien kaum jemanden finden könne, der das Großprojekt befürworte: „Belo Monte nimmt nicht nur die Lebensgrundlage der dortigen indigenen Bevölkerung und zahlreicher Tier- und Pflanzenarten, er macht auch aus ökonomischer Sicht keinen Sinn“. Die Baukosten sind schon jetzt von anfänglich vier auf elf Milliarden Euro gestiegen. Gleichzeitig ist klar, dass die von der Regierung angepriesenen 11 Gigawatt Leistung, nur zu Regenzeiten erreicht werden können. Auch das Umweltargument hält bei näherem Hinsehen nicht stand: Da für Belo Monte Wasser angestaut wird, das eine Landfläche von 550 Quadratkilometern bedecken wird, ebenso groß wie der Bodensees,  und die langsam verrottenden Bäume und Pflanzen der gefluteten Fläche Methangas ausstoßen, wird der Staudamm erst nach vierzig Jahren klimaneutral produzieren können.

AUCH IN DER DEUTSCHEN PRESSE

Die deutsche Qualitätspresse stärkt diesen Argumenten den Rücken. Journalist und Buchautor Thomas Fatheuer betonte, dass alle großen deutschen Blätter kritisch und fundiert über Belo Monte berichtet hätten. „Staudämme haben schon immer gute Stories abgegeben“ erzählte er. Persönlichkeiten wie der Sänger Sting oder Avatar-Regisseur James Cameron Seite an Seite mit Stammeshäuptlingen ergeben immer schöne Motive. Beiträge beginnen typischer Weise aus der Perspektive eines indigenen Widerständlers. Begleitende Fotos zeigen die indigene Bevölkerung im Kontrast zu dem übermächtigen Monster Belo Monte.

Nur: Brauchen die Flussbewohner wirklich deutsche Aktivisten, Journalisten und Stars aus aller Welt, um ihren Interessen Gewicht zu verleihen? Die kritische Frage aus dem Publikum stieß bei den Referenten auf Verständnis. Bei der Berichterstattung müsse man neben der lokalen Geschichte andere Aspekte stärker gewichten. „Leider fehlt oft der Kontext und die Beteiligung deutscher Firmen wird eigentlich nicht aufgegriffen“, kritisierte Fatheuer deutsche Medien.

DIE KRITIK IN 5 PUNKTEN
  • 24 indigene Gruppen, die am Fluss Xingu leben, verlieren ihre Heimat. Ihre Rechte auf Selbstbestimmung und Mitsprache wurden massiv verletzt.
  • Der Xingu ist einer der letzten intakten Flüsse Brasiliens, seine Stauung bedroht zahlreiche Pflanzen- und Tierarten.
  • Die 550 Quadratkilometer geflutete Fläche wird so viel Methangas ausstoßen, dass Belo Monte vierzig Jahre in Betrieb sein müsste, um sich zu neutralisieren.
  • Die elf Milliarden Euro Baukosten sind zu hoch, als dass die Kosten-Nutzen-Rechnung des Staudamms aufgehen würde.
  • Dies insbesondere auch, weil durch Trockenzeiten die Fließgeschwindigkeit des Flusses nicht ausreicht, um die propagierten elf Gigawatt Leistung zu erreichen.
POSITION DES STAUDAMMS
IMPRESSIONEN DES PANELS

Ein Pionier der Energiewende Mit wissenschaftlichen Analysen beweist Joachim Nitsch schon lange: Die Energiewende in Deutschland ist machbar.

Ein Gespräch mit Dr. Joachim Nitsch von Mareike Rath.

Seit vier Jahrzehnten kämpft Dr. Joachim Nitsch für die Energiewende. Bei der Bildkorrekturen-Tagung sprach er über die Herausforderungen einer energieeffizienten Stromversorgung.

Dr. Jochaim Nitsch und Mareike Rath © Anna Schaller

Dr. Jochaim Nitsch und Mareike Rath © Anna Schaller

„Wir sind als junge, stürmische und auch naive Wissenschaftler in die Forschung zu erneuerbaren Energien eingestiegen und haben uns gesagt, `das ist doch der richtige Weg, das müssen doch alle begreifen´. Aber so einfach ist das ja nicht, wie wir alle gelernt haben“, erzählt Dr. Joachim Nitsch, ehemaliger Leiter des Instituts für Systemanalyse und Technikbewertung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Rund vierzig Jahre später kann Joachim Nitsch auf eine erfolgreiche Forscherlaufbahn zurückblicken, für die er im Jahr 2010 mit dem „Sonderpreis für persönliches Engagement“ von der Europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien EUROSOLAR geehrt wurde.

Eine positive Gesamtbilanz für die Energiewende

Nitschs persönliches Engagement geht weiter: „Ich bin Ruheständler seit neun Jahren, aber das Thema lässt einen natürlich nicht los. Deshalb berate ich unter anderem die Landesregierung von Baden-Württemberg bei energiepolitischen Fragen.“ In seiner aktiven Zeit beim DLR erstellte Nitsch zum Beispiel Analysen, wie eine alternative Energieversorgung von Haushalten gelingen könnte: „Früher wurde behauptet, in erneuerbare Energien müsste man so viel Geld hineinstecken, dass sich der Aufwand finanziell gar nicht lohnt. Wir haben daraufhin Modelle entwickelt, die den ganzen Langzeitlebenszyklus vom Rohstoff bis zur Energiegewinnung untersucht haben und konnten eine positive Gesamtbilanz ziehen. Hätte man damals schon solche Analysen für die Kernenergie gehabt, hätte man sie wahrscheinlich nie etabliert,“ erklärt der Wissenschaftler.

Dr. Joachim Nitsch auf der Tagung © Julia Habermann

Dr. Joachim Nitsch auf der Tagung © Julia Habermann

Objektive Berichterstattung ist Grundvoraussetzung

Auf die jetzige Situation der Energiewende in Deutschland angesprochen, wird Joachim Nitsch nachdenklich: „Deutschland ist auf dem richtigen Weg, aber seit eineinhalb Jahren wachsen meine Sorgen wieder, dass wir uns da verzetteln und dass wir uns eher wieder einen Schritt zurück bewegen, weil die Politik einfach nicht vorausschauend genug handelt.“ Die Schuld sieht er nicht nur bei den Politikern, auch die Medien müssten ihren Teil beitragen: „Die Aufgabe der Medien ist, objektiv zu berichten, aber zurzeit werden nur die Bedenken transportiert. Die Politiker lassen sich zu sehr auf diese negative Berichterstattung ein, anstatt den Bürgern die Notwendigkeit der Energiewende aufzuzeigen, damit unsere Kinder und Enkel auch noch von einer funktionierenden Energieversorgung profitieren. “ Natürlich sieht Joachim Nitsch auch die finanziellen Probleme vieler Bürger: „Der Verbraucher zahlt immer, wir zahlen aber auch, wenn die Energiewende nicht umgesetzt wird. Ich kann mir deshalb gut Finanzierungsmodelle seitens der Banken und Bausparkassen vorstellen, Steuererleichterungen, zinsverbilligte Kredite und dergleichen mehr. Diese Plattitüde, `das zahlt der Verbraucher´ ist für mich nur eine Flucht ins Vage und eine Flucht vor dem Handeln.“

Wissenswertes über Dr. Joachim Nitsch

Dr. Joachim Nitsch (*1940) hat an der Universität Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik studiert und wurde im Jahr 1971 mit einer Arbeit über gekoppelten Wärme- und Stoffaustausch an der RWTH promoviert. Knapp 30 Jahre lang war Nitsch Leiter der Abteilung Systemanalyse und Technikbewertung am Institut für Technische Thermodynamik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Am DLR beschäftigte er sich insbesondere mit den erneuerbaren Energien und fertigte Szenarioanalysen und Technikfolgenabschätzungen an. In den letzten Jahren berät Joachim Nitsch unter anderem das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und die Landesregierung Baden-Württemberg in Fragen rund um die Energiewende.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) forscht in den fünf Kernbereichen Luftfahrt, Raumfahrt, Energie, Verkehr und Sicherheit. Der Fokus liegt auf der Erforschung von Erde und Sonnensystem und der Entwicklung von nachhaltigen Technologien zum Schutz der Umwelt.

 

 

Energieeffizientes Wohnen in Forchheim Ein Bericht von Mareike Rath

In einer neu erbauten Siedlung in der oberfränkischen Stadt Forchheim wird ein modernes Nahversorgungskonzept umgesetzt, das mithilfe von Bioerdgas eine ganze Siedlung sowohl mit Ökostrom, als auch mit Wärme versorgt.

Der Traum vom energieeffizienten Wohnen – für die Bewohner der 2013 fertig gestellten Siedlung „Wohnen am Stadtpark“ in der Forchheimer Innenstadt ist er wahr geworden. Denn die 48 Ein- und fünf Mehrfamilienhäuser werden nicht mit fossilen Brennstoffen sondern mit Bioerdgas versorgt, das im Gegensatz zu fossilen Energieträgern, wie Erdgas, aus organischen Stoffen gewonnen wird und nicht mithilfe von Bohrungen gefördert werden muss. Die Idee, die neue Siedlung mit erneuerbaren Energien zu versorgen, stammt von den Stadtwerken Forchheim. Mit vielen Projekten leisten die Stadtwerke schon lange ihren Beitrag, um eine energieeffiziente Versorgung in der Stadt und damit die Energiewende umzusetzen. So werden von den Stadtwerken beispielsweise mehrere Energie-Tankstellen in Forchheim betrieben und der Ausbau von Photovoltaik-Anlagen sowie die Modernisierung von Heizungsanlagen aktiv unterstützt.

Das Bioerdgas, mit dem die Häuser beheizt werden, kommt allerdings nicht als Rohstoff in der Natur vor, sondern muss zunächst aus Biomasse gewonnen werden. Die Stadtwerke Forchheim sind deshalb zu einem Sechstel an der Biogasanlage in Eggolsheim, wenige Kilometer vom Stadtgebiet Forchheim, beteiligt. Dort wird die Biomasse zu Biogas verarbeitet und dann in der  sogenannten Erdgasübernahmestation zu Bioerdgas aufbereitet, das dann in das vorhandene Erdgasnetz der Stadt Forchheim eingespeist wird. In einem  Blockheizkraftwerk, das in der Tiefgarage der Siedlung steht, wird aus diesem Bioerdgas Ökostrom erzeugt, der nahezu vollständig in der Siedlung genutzt wird. Da das Blockheizkraftwerk mit dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung arbeitet, kann auch die Abwärme genutzt werden, die bei der Stromproduktion entsteht. Die Abwärme fließt dann zu 100 Prozent in das Heizungssystem der neuen Gebäude. „Mithilfe dieser Technik können bis zu 400 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden. Außerdem werden knapp 340.000 kWh Ökostrom erzeugt, das entspricht ungefähr dem Verbrauch von 80 Drei-Personen-Haushalten im Jahr. Der Strom kann dann aufgrund der Produktion vor Ort mit geringen Verlusten ins Stromnetz eingespeist werden,“ erklärt Matthias Höll, Energieberater der Stadtwerke Forchheim.

Blockheizkraftwerk © Stadtwerke Forchheim GmbH

Blockheizkraftwerk © Stadtwerke Forchheim GmbH

Und das Projekt hat Vorbildfunktion: Für das innovative Energiekonzept bekam die EFG Erdgas Forchheim GmbH, deren Mehrheitseigentümer die Stadtwerke Forchheim sind, den Preis der deutschen Gaswirtschaft für Innovation und Klimaschutz von der Arbeitsgemeinschaft für sparsamen und umweltfreundlichen Energieverbrauch e.V. verliehen.

Energiewende in den Medien – Der Blickwinkel junger Journalisten

„Turn or Burn? Klimawandelszenarios sind oft dramatisch. Wie können Medien einen richtigen Weg zwischen Panikmache und Verharmlosung finden?“ Mit dieser und weiteren Fragen befassten sich die Tagungsteilnehmer in kleinen Workshops.

Schmelzende Gletscher, hungernde Eisbären, überflutete Städte: Nach Meinung der Diskussionsteilnehmer sollten dramatische Bilder dieser Art in der Berichterstattung nicht per se negativ gesehen werden, denn mitunter wirken sie emotionalisierend beim Publikum. Insbesondere bei einem abstrakten Thema wie dem Klimawandel kann ein aufsehenerregendes Foto als „Türöffner“ fungieren und so Interesse schaffen – auch für komplexe Fakten. Jedoch könnten zu viele solcher symbolgeladerner Fotos auch  Abstumpfung beim Rezipienten führen und damit kontraproduktiv sein.

Wie finden Journalisten die Balance?

Gerade das Thema Energiewende scheint anfällig, da die stete Berichterstattung seit den 1980ern bereits zu einem gewissen Überdruss beim Publikum geführt hat. Wie kann es den Medien dennoch gelingen, die breite Öffentlichkeit nachhaltig zu informieren? In acht kleinen Workshops fiel oft der Begriff „lokaler Bezug“. Indem der Journalist die Themen auf den unmittelbaren Lebensraum und alltägliche Dinge „herunterbricht“ und anschaulich Geschichten erzählt statt nur trockene Fakten zu liefern, lässt sich die Komplexität reduzieren und können auch scheinbar ausgetretene Pfade neu erkundet werden. Einige Diskussionsteilnehmer forderten gar ein spezielles Energie-Ressort – wie bei Politik, Wirtschaft oder Kultur –, um alle Seiten zu beleuchten.

Enormes Fachwissen von Nöten

Dieser 360°-Blick könne den Journalisten von einer bipolaren zu einer multipolaren Sichtweise führen und die Gefahr mindern, sich von Lobbygruppen und PR-Agenturen vereinnahmen zu lassen. „Wir dürfen nicht über etwas reden, dass wir nicht verstehen“, betonte der Moderator der abschließenden Workshopzusammenfassung, Prof. Dr. Johannes Grotzky. Das Theme Energiewende ist so komplex, dass die Berichtenden ein enormes Fachwissen haben müssen, um die Thematik korrekt zu vermitteln. Gerade in der journalistischen Ausbildung könnte diesem Aspekt noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Experten wie Studierende waren sich einig, dass ein Bedarf an speziellen Fachjournalisten bestehe. Da uns das Thema wohl noch über Generationen hinweg beschäftigen wird, ein Job mit Zukunft.


Foto: Stefanie Schulze

Sollen die Medien dazu beitragen, die Bereitschaft zum Wandel zu stärken – oder fallen sie damit aus ihrer Rolle als neutrale Vermittler?

 „Es ist wichtig, Themen zu setzen und Fakten zu nennen. Aber es ist nicht Aufgabe der Medien, das Publikum mitzunehmen,“ lautete eine kontovers diskutierte These einer Workshop-Gruppe.


Foto: Julia Habermann

Rund um die Energiewende geht es oft um abstrakte Daten, viele Abkürzungen kommen vor. Wie kann es gelingen, dies für ein breites Publikum verständlich zu vermitteln?

„Es ist für viele schwer zu fassen, was Energiewende eigentlich bedeutet. Mut zur Erklärung sollte daher ein Leitsatz des Journalismus sein.“


Foto: Julia Habermann

Foto: Julia Habermann

Wie können die Medien vermeiden, „oberlehrerhaft“ zu erscheinen?

„Oftmals ist es schwierig, als Journalist nicht oberlehrerhaft zu wirken. Alltagsbeispiele und Personalisierung könnten eine Lösung sein.“


Foto: Stefanie Schulze

Ist nötiges Expertenwissen ein Einfallstor für PR-Inhalte?

„Um sich mit dem Thema umfassend auseinander zu setzen, muss man auch Unternehmensinfos nutzen. Wichtig ist hierbei jedoch Transparenz. Zudem sollte man immer mehrere Meinungen hören und auch abbilden.“


Foto: Julia Habermann

Von Deutschland lernen? In den Medien erscheint es immer wieder so, als sei Deutschland der Klassenprimus in Bezug auf den Klimawandel.

„Wir dürfen nie das eigene Land als Maßstab anlegen für alles, was um uns herum ist.“, resümierte Prof. Dr. Grotzky. „Immer den eigenen Maßstab mit anderen Maßstäben abgleichen, damit man am Schluss auf eine gemeinsame Sprache kommt.“

 

Erneuerbare Energien: Mehr als Windpark und Solardach

Solarfolien, Energieinseln, Mini-Windkraft und Stromzapfsäulen – welches Potenzial steckt in den neusten Energieinnovationen?

Das Konzept
Erneuerbare Energien sind in Deutschland Vorzeigeobjekte, die Bundesrepublik ist unangefochtener Spitzenreiter. Doch nicht mehr lange. Ausgerechnet China zieht vorbei. Das Land mit einem der größten CO2-Ausstöße der Welt. Woran liegt das? Ein Grund: Wind- und Solarenergie werden grundsätzlich gefördert, neue Innovationen der Branchen kaum bis gar nicht beachtet. Ein Fehler?

Die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) trat im August dieses Jahres in Kraft. Mit dem Beschluss ist auch der Ausbau von Solar- und Windparks an Land gedeckelt – und zwar auf jeweils 2,5 Gigawatt. Unter die Förderung durch die Bundesrepublik fallen vor allem Großwindparkanlagen; Nicht neue Innovationen der Wind- und Solarenergie. Warum bleibt die nötige Förderung seitens der deutschen Politik aus?

Kinderleicht erklärt, kritisch hinterfragt

Die Autorinnen Friederike Schicht und Lisa Kettwig haben sich dafür mit fünf exemplarischen Innovationen auseinandergesetzt. Wie funktionieren sie? Sind es notwendige Erfindungen für die Zukunft oder experimentelle Energie- und Kostenschlucker, ohne erfolgsversprechende Perspektive? Eine saubere Stadt der Zukunft versus Luxusprojekte für reiche Staaten. Eine Annäherung.

1 Solarinsel

„The Kagoshima Nanatsujima Mega Solar Power Plant“: Der Off-Shore-Solarpark – Kein Platz mehr an Land?

Foto: Kyocera

Foto: Kyocera

Auf den ersten Blick scheint es, als habe Japan aus der Katastrophe von Fukushima nichts gelernt: Das Land setzt weiterhin auf Atomkraft. Doch im Bereich der Solarförderung eifert es dem deutschen Modell nach und so wächst der Photovoltaik-Markt in Japan stetig. Dennoch bleibt ein Problem: Genügend Platz. Das hat der Technologie-Konzern „Kyocera“ geschickt umgangen und einen Solarpark ins Meer gebaut. Eine Alternative, wenn an Land einfach kein Platz mehr ist?

Im September 2012 war Baubeginn. In der Bucht von Kagoshima City, im Süden Japans. Hunderte Techniker von „Kyocera“ rückten an und installierten insgesamt 290.000 Solarpanels, die zu Solarmodulen verschmolzen. Der Solarpark erhielt so eine stattliche Größe von mehr als 1,3 Millionen Quadratmetern. Das ist dreimal so groß wie der Vatikan. Mit Abschluss der Bauarbeiten im Oktober 2013 beliefen sich die Kosten deswegen auch auf 275 Millionen US-Dollar. Doch der Stromertrag kann sich sehen lassen. Die produzierten 70 Megawatt sollen 22.000 Haushalte der nahegelegenen Stadt Kagoshima City versorgen. Am ersten November vergangenen Jahres ging der Solarpark ans Netz; Als der größte von Japan, mit einem Makel.

Noch sind Solarmodule nicht so stabil, dass sie dem täglichen Wellengang und auch den alljährlichen Tsunamis trotzen können. Deswegen wurden Tonnen von Sand und Erde angefahren, um den Untergrund der Bucht aufzuschütten. Der Solarpark schwimmt damit nicht frei im Meer, sondern ist eigentlich auf vorgelagertes Land gebaut.

Schwimmende Solarparks also doch Zukunftsmusik?

Die Auslagerung von Photovoltaik-Anlagen auf Gewässer ist mit einigen Risiken verbunden. Um permanente Kurzschlüsse zu vermeiden, könnten die Solarmodule nur in ruhige Buchten gebaut werden, damit die Panels vor starkem Seegang geschützt sind. Das Wasser wiederum kühlt die Panels, was deren Effizienz erhört und sie vor Überhitzung schützt. Dennoch gestaltet sich der Stromtransport äußerst schwierig. Durch den ständigen Wasserkontakt müssen die Verkabelungen viel hochwertiger sein als an Land, das verteuert das Projekt. Wenngleich sich die höheren Investitionen in die Technik durch den fehlenden Flächenpreis an Land aufheben. Bei technischen Problemen allerdings gelangen die Wartungsteams nur schwerlich zu den Panels, da diese wie Legosteine miteinander verzahnt sind.

Das Binnengewässer macht’s möglich

„Kyocera“ plant nach dem Erfolg des „Kagoshima Nanatsujima Mega Solar Power Plant“ weitere Solaranlagen auf dem Wasser und auch im Wasser. Genauer gesagt auf zwei Binnenseen in der Nähe der Stadt Kato. Hier soll der weltweit größte schwimmende Solarpark der Welt entstehen. Die Konstruktion ist möglich, weil der Wellengang im stehenden Gewässer fehlt. Noch in diesem Jahr sollen die Bauarbeiten beginnen. Die Fertigstellung ist für April 2015 geplant. Der Konzern rechnet mit einer Leistung von 2,9 Megawatt, durch die 920 Haushalte mit Strom versorgt werden können.

2 Kleinwindkraft

Kleinwindkraftanlagen zur Selbstversorgung: Erfolgsversprechende Theorie, nicht subventionierte Praxis

Windkraft zählt als kostengünstigste Form der Energieerzeugung. Doch Deutschlands Windpotential wird nicht genutzt. Denn die Förderung seitens der Politik bleibt aus. Ihr Fokus liegt auf prestigeträchtigen Großprojekten.
Windrad in Miniatur. Foto: Comrade Foot flickr.com CC BY-SA 2.0

Windrad in Miniatur. Foto: Comrade Foot flickr.com CC BY-SA 2.0

Laut Energiebericht des Beratungsunternehmens Ecofys ist Windkraft die billigste Form der Energieerzeugung. In den USA ist sie so günstig wie noch nie. Beste Voraussetzung dafür, die Kosteneffizienz in Mikroform zu übernehmen? An der Quantität des Produkts kann es jedenfalls nicht scheitern: Kleinwindkraftanlagen gibt es mittlerweile zu genüge – nur eben nicht in deutschen Vorgärten. Hierzulande finden sich gerade einmal 10.000 Stück. In Großbritannien sieht das ganz anders aus. Hier existieren fast doppelt so viele Kleinwindanlagen wie in Deutschland. Denn die Entscheidung für eine private Windanlage wird gefördert. Dafür fehlen in Deutschland die Rahmenbedingungen. Dabei wäre es so einfach: Der Endkunde bekommt seine Energie von vor der Haustür ins Haus. Doch wann lohnt sich der Aufwand?

Hier ist Vorwissen gefragt

„Prinzipiell nur bei Eigenverbrauch des erzeugten Stromes“, stellt Bernhard Stoevesandt vom Fraunhofer Institut für Windenergie voran. Er beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit Miniwindrädern und warnt vor voreiligen Käufen. Denn der Verbraucher müsse seinen Stromverbrauch ganz genau kennen und das Windpotenzial am Standort. Nur so könne er das richtige Modell auswählen. Denn die Kleinwindkraftanlagen unterscheiden sich nicht nur in Größe und Kaufpreis, sondern vor allem in ihrer Leistung. Ein normaler Privathaushalt benötigt laut Stoevesandt nicht mehr als fünf Kilowatt. Kleinere Firmen könnten dagegen schon ein Miniwindrad mit 50 Kilowatt Leistung einsetzen, da hier der Verbrauch deutlich größer sei. „Dabei wird der Strom aus Windenergie meist nur ergänzend benutzt“, erklärt Stoevesandt. Muss er aber nicht.

Ohne Netzanschluss eine gute Alternative

Private Haushalte können sich mit Miniwindkraftanlagen auch autark versorgen. Dafür brauchen sie aber hochleistungsfähige Windräder und einen Speicher, sodass der Haushalt auch bei schlechten Windlagen dauerhaft mit Strom versorgt werden kann. Im Energielabor Oldenburg wird das seit über 30 Jahren erfolgreich demonstriert. Eine sinnvolle Alternative gerade bei Objekten ohne Netzanschluss wie zum Beispiel Gartenhäuschen oder Segelyachten; Aber auch in Ländern mit einer schlechten Stromversorgung. „Deswegen sind Miniwindräder in Entwicklungsländer sehr beliebt“, weiß Stoevesandt. „Sie ermöglichen den Bewohnern trotz schlechter Infrastruktur eine gute Stromversorgung.“ Die hohen Kosten müssten aber durch staatliche Förderprogramme gedeckelt werden, so Stoevesandt.

Insgesamt müsse sich die Politik stärker für Kleinwindkraftanlagen interessieren und ihr Potenzial besser fördern. Fehlendes Interesse wirft Bernhard Stoevesandt vom Fraunhofer IWES vor allem der deutschen Regierung vor.

3 Solarradweg

„SolaRoad“: Ein Radweg aus Solarmodulen – Versorgungsnetz für Häuser und Autos?

Krommenie, ein kleiner Stadtteil von Zaanstad im Norden Hollands, hat im Herbst dieses Jahres Geschichte geschrieben. Denn seit dem 12. November 2014 gibt es dort den ersten solarbetriebenen Radweg der Welt. Eine aufwendige und teure Innovation, die die Entwickler sowohl als zukünftigen Stromersatz im Haushalt als auch für das Volltanken von Elektroautos sehen. Welches Potential steckt im Radweg der Zukunft?

Zusammengesetzt haben sich Fachmänner aus dem Straßenbau erstmals 2009. Genauer gesagt die niederländische Industrieforschungsorganisation TNO, die Provinz Nordholland, der niederländische Straßenbauspezialist Ooms Civiel und das Verkehrs- und Infrastrukturunternehmen Imtech. Herausgekommen ist „SolaRoad“: Ein 70 Meter langer Radweg aus Solarmodulen, zweieinhalb mal dreieinhalb Meter groß, aus Beton, bestückt mit Solarmodulen aus Silizium, bedeckt von einer speziellen Hartglasschicht. Was kompliziert klingt, ist es auch – und stößt in der Realität auf einige Probleme.

Die Probleme: Schmutz und Energieverlust

Das erste Ziel des Unternehmens klingt auf den ersten Blick ebenso unspektakulär wie realistisch: Bis 2016 drei Haushalte durch die gewonnene Energie des Radwegs mit Strom versorgen. Um dieses erreichen zu können, ist bei genauerer Betrachtung jedoch einiges zu leisten. Ein erstes Problem stellt die Anordnung der Solarmodule zur Sonneneinstrahlung dar. Diese müsste eigentlich rechtwinklig erfolgen. Bei den Schrägen von Solardächern ist das beispielsweise der Fall. Der Straßenoberfläche geht durch die ineffizientere Anordnung hingegen einige Energie verloren.

Hinzu kommt, dass die Solarmodule, die unterhalb der Straßenoberfläche angebracht wurden, einiges aushalten müssen: Schmutz und die Belastung der Fahrzeuge von oben, Wurzeln, die sich an die Oberfläche drücken wollen, von unten. Auch die Schatten, die durch alle möglichen Objekte auf der Straßenoberfläche entstehen, sind ein gravierender Nachteil zu Solarmodulen auf Wohnhäusern – und sorgen für weiteren Energieverlust.

Die gravierenden Anfangsprobleme werfen die berechtigte Frage auf, ob „SolaRoad“ das nächst höher gesteckte Ziel – zukünftig Elektro-Autos den Strom zurückgeben, den sie auf der Straße verbrauchen – überhaupt erreichen kann.
Wie das SolaRoad-Team mit den Problemen umgeht, wie genau der Radweg funktioniert und ob solche Innovationen nicht eher Luxusideen statt lukrative erneuerbare Energien sind, darüber hat Christoph Dziedo von detektor.fm mit Paul Rutte gesprochen. Er ist Manager bei der Provinz Nordholland, einem der vier Partner, die hinter SolaRoad stecken.

4 Solarfolien

Heliathek Solarfolien“: Die 3. Generation der Solarenergie – Auch für zu Hause?

Sonnenlicht birgt ein unerschöpfliches Energiepotenzial. Deswegen gehört die Solarbranche zu den Schlüsseltechnologien der Energiewende und entwickelt sich rasant weiter. Dabei spielt vor allem das Material eine entscheidende Rolle. Während die Solarmodule auf Hausdächern noch mono- oder polykristallin sind, tüfteln Forscher heute an organischen Solarfolien. Sie sind die dritte Generation der Solartechnik. Vorerst für die Industrie oder auch für den Privathaushalt?

Das Dresdner Unternehmen „Heliathek“ forscht seit 2006 in Kooperation mit Wissenschaftlern der Technischen Universität Dresden an der organischen Photovoltaik. Die hauchdünnen Solarfolien basieren auf Kohlenstoffverbindungen, kleinste Moleküle, sogenannte Oligomere. Mithilfe einer Tandemzellen-Technologie werden zwei Solarzellen übereinandergelegt, sodass ein möglichst breites Sonnenspektrum eingefangen werden kann. Dabei ist die Tandemzelle nicht dicker als 500 Nanometer. Das sind weniger als 0,0005 Millimeter. Ihre Zelleffizienz liegt aber bei zwölf Prozent. Das heißt, sie wandeln zwölf Prozent der Sonne in Strom um. Bei voller Sonneneinstrahlung bringt ein Quadratmeter damit eine Leistung von 120 Watt.

Seit 2012 produziert „Heliathek“ seine Solarfolien in der werkseigenen Fabrik. Und geht noch einen Schritt weiter. Um flexible organische Folien herstellen zu können, werden die Moleküle in einem sogenannten Rolle-zu-Rolle-Verfahren auf das Substrat gebracht. Damit sind sie fast überall einsetzbar; auf Stahl, Beton, Membranen und Glas.

Technologie auch für zu Hause?

Strategisch strebt „Heliathek“ die gebäudeintegrierte Photovoltaik und den Automobilbereich an. Bis die Folien von Verbrauchern ins Fenster geklebt werden können, vergeht noch Zeit. Bisher werden sie entweder zwischen zwei Gläser oder auf ein Glas laminiert. Das schließt ihren privaten Gebrauch erst einmal aus. Und so verkauft „Heliathek“ bislang auch nur an industrielle Kunden, die noch an der Verarbeitung der Folien tüfteln. Den Preis hält das Unternehmen geheim. Eine Produkteinführung auf dem Markt steht noch aus. Doch lange soll es nach Konzernangaben nicht mehr dauern.

Fertigung im Labor Foto: Heliathek

Hohe Flexibilität Foto: Heliathek

Rolle-zu-Rolle-Verfahren Foto: Heliathek


Anwendung auf Beton Foto: Heliathek

Anwendung in der Automobilbranche Foto: Heliathek

Anwendung auf Glasflächen Foto: Heliathek

BILDERGALERIE KOMMT NOCH „1966,1962,1967,1965,1964,1963,1961,1968“

Von allem weniger

Aufgrund der geringen Größe der Solarfolien ist zum einen der Rohstoffeinsatz kleiner und somit auch der Flächenbedarf. Zum anderen werden die Folien unter geringem Energieaufwand und mit einer niedrigen Prozesswärme hergestellt. Ihr Substrat besteht zudem aus PET-Folie, einem kostengünstigen Recyclingprodukt. Daneben entstehen bei der Fertigung keine Gefahrenstoffe wie zum Beispiel bei der Dünnschicht-Solartechnik, der zweiten Generation der Solarmodule. Doch eines bleibt gleich: Die Lebensdauer. Organische Solarfolien sollen laut Herstellerangaben 20 Jahre lang Strom produzieren, ähnlich der kristallinen Solarmodule.

5 Stromzapfen

Ubitricity: Tanken wie Stromzapfen – Alltag der Zukunft oder Zukunftslosigkeit?

Das Berliner Start-Up-Unternehmen „Ubitricity“ garantiert ausreichend Strom für alle jetzigen und zukünftigen Elektro-Autos in Deutschland. Was den umweltfreundlichen Fahrzeugen den Durchbruch verschaffen könnte, scheitert bereits an einer Etablierung in der Hauptstadt. Starrköpfigkeit der Stadtentwickler oder Energieidee ohne Zukunftschance?
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Strom aus der Steckdose Foto: Ubitricity

Während des Parkens gleich Tanken. Foto: Ubitricity

Während des Parkens gleich Tanken. Foto: Ubitricity

Die Hersteller von Elektroautos stehen vor vielen Problemen. Keines aber ist so marktübergreifend wie das Stromtank-Desaster. „Vollgetankte“ Batterien geben grundsätzlich nach mehr als 150 Kilometer Fahrtweg den Geist auf. So müssten tausende Stromtankstellen in Deutschland verteilt werden. Doch das bleibt Utopie. Für das Berliner Start-Up-Unternehmen „Ubitricity“ ist der nächste Strom-Nachschub kein Problem. Ganz im Gegenteil.

Das Konzept: Strom aus der Steckdose

Der Firmenname entspricht einer Komposition, die sich aus „ubiquitous“ und „electricity“ zusammensetzt. Übersetzt heißt das so viel wie „allgegenwärtiger Strom“, gemeint ist natürlich die Elektrizität für E-Autos. Ginge es nach „Ubitricity“, könnten diese den Strom sowohl aus Sonder-Steckdosen als auch aus Straßenlaternen mit eingebautem Ladesystem ziehen. Jeder Endkunde müsste über ein entsprechendes Ladegerät und einen Stromzähler verfügen.

Trotz Auszeichnung: Förderung durch die Hauptstadt bleibt aus

Mit diesem Konzept wurde „Ubitricity“ im Oktober dieses Jahres mit dem „Energy Award“ ausgezeichnet. Während die für den Preis zuständige internationale Jury „Ubitricity“ als zukunftsweisend betitelt, scheint die Hauptstadt kein Interesse an der direkten Förderung der Innovation zu haben. Stattdessen haben Berliner Stadtentwickler ein Förderungsvergabeverfahren auf den Weg gebracht, aus dem ist „Ubitricity“ bereits in einer der ersten Runden ausgeschieden ist. Die Stadtentwickler bezweifeln unter anderem die Massentauglichkeit des Unternehmens. So gebe es in Berlin circa 188.000 Straßenlaternen, von denen lediglich 5.000 für das Tanken nach „Ubitricity“-Art in Frage kämen.

Bis heute erhielten nur 19 Laternen eine Steckdosenlizenz. Die einzig zentrale Laterne befindet sich neben dem Bundesverkehrsministerium – beantragt hatte „Ubitricity“ hier drei Genehmigungen. Die restlichen lizenzierten Laternen-Steckdosen befinden sich in den Randgebieten Berlins.
Zu viel Gegenwind für die Elektro-Tank-Revolution? Christoph Dziedo von detektor.fm hat mit Nina Keim von Ubitricity gesprochen. Im folgenden Audio wird sowohl die Technik hinter dem Konzept als auch die Förderungs-Problematik aus der Hauptstadt beleuchtet.