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Per Fahrrad durch Dänemark Dänemark ist der Streber unter den Ländern in der Energiewende. Das Vorzeigemodell des kleinen Nachbarn Deutschlands auf dem Prüfstand – was können wir uns davon abgucken? Ein Spickversuch.

Dass Dänemark Europas kleiner Liebling im Ranking der Energiewende ist, ist längst kein Geheimnis mehr. Unser Nachbar beeindruckt mit einer staatlich gelenkten Energiewirtschaft: Bereits 1985 hat das dänische Parlament entschieden, keine Atommeiler zu bauen. In den 90er Jahren wurde die Verminderung von Steinkohle-Einsatz, Erhöhung der regenerativen Energien sowie deren Verbesserung per Regierung festgelegt. Doch dieser Ehrgeiz kommt nicht von irgendwo. Neben Umweltschutz und Ressourcenschonung steht vor allem im Fokus, der globalen Erwärmung entgegenzuwirken. Ein möglicher Meeresspiegelanstieg in Folge des Verbrauchs aller fossilen Brennstoffe wäre für Dänemark äußerst fatal.

Natürlich ist die Energiewende ein ganz schöner Brocken. Denn die Schwierigkeit, der sich alle Länder gegenüber gestellt sehen, liegt darin, drei Ziele gleichzeitig zu erreichen: Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit. Doch wie setzt man dies um?

Eine Bestandsaufnahme: Dänemark arbeitet von oben, die Regierung schafft das Fundament und alle machen mit. Ohne viel Widerspruch. Trotz der hohen Strompreise für Haushaltskunden findet der Weg zur Energiewende hohen gesellschaftlichen Konsens. Neben den energiepolitischen Zielen für 2020, die Deutschland ebenso für sich festgelegt hat, wurde bereits 2012 in Dänemark verboten, Gas- und Ölheizungen in neuen Häusern zu installieren. Das Bauen neuer Kohlekraftwerke ist auch tabu. Dänemark drückt an der richtigen Stelle: der Steuerpolitik. Die Dänen zahlen mit rund 3,81 Cent/Kilowattstunde für die Nutzung fossiler Energieträger siebenmal mehr als die Deutschen. Während Deutschland steuerpolitisch vor solchem Ausmaß noch zurückschreckt, schafft Dänemark damit einen wirkungsvollen Anreiz für die erneuerbare Wärmeversorgung.

Der Anreiz, das darf man nicht vergessen, wird durch Dänemarks geographisch günstige Bedingungen für Erneuerbare Energien bekräftigt. Ein Drittel der gesamten Stromerzeugung stammt aus der Windenergie. Wasserkraft, Biomasse und Geothermie machen weiteree 20 Prozent aus. Ganz kann sich Dänemark der Nutzung „schmutziger“ Energieträger nicht entziehen, immerhin beträgt der fossile Anteil noch 50 Prozent, denn auf Kernenergie wird komplett verzichtet. Und die Dänen brauchen viel Energie für Licht, schließlich regnet es etwa 150 Tage im Jahr.

Auch die deutsche Politik hat sich sehr ehrgeizige Ziele gesetzt. Die Umstellung auf ein klimafreundliches Energiesystem soll erreicht werden, indem Treibhausgase drastisch reduziert werden, während gleichzeitig auf Kernkraft verzichtet wird. Deutschland macht sich’s also doppelt schwer und schneidet im internationalen Vergleich leider auch noch schlechter ab: Deutschlands energiepolitische Strategie führt zu den geringsten Fortschritten. Momentan zeichnet sich die deutsche Energiewende durch überdurchschnittliche Kosten zu unterdurchschnittlichen Ergebnissen aus. Die hiesigen Energieressourcen sowie geographische Bedingungen erschweren die ehrgeizigen Ziele. Die hohen Kosten verärgern die deutsche Bevölkerung. Handlungsbedarf besteht also vor allem in der Politik. Sigmar Gabriel, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, stellte Anfang Dezember 2014 seinen Plan zu den Klimazielen vor. Nun wird steuerpolitisch nachgeholfen: Neben der massiven Steigerung der Energieeffizienz sollen privaten Verbrauchern steuerliche Anreize zur energetischen Gebäudesanierung geschaffen werden. Das bedeutet für die Klimabilanz eine Diät um 25 Millionen Tonnen CO².

Das Abnehmen würde aber laut Regierung schon im Kleinen anfangen: Fahrrad fahren, statt das Auto zu nutzen. Dänemarks Königsfamilie an der Kreuzung zum Schloss Amalienborg zu treffen ist in Kopenhagen keine Kuriosität. Sigmar Gabriel hingegen lässt sich dienstlich gern in einem Audi A8L 3.0 TDi quattro durch Berlin chauffieren, der mit 171 Gramm CO² pro Kilometer nicht einmal in der EU-Obergrenze zum CO² Ausstoß liegt.

South Stream in Bulgarien – Nebenwirkungen eines Energieprojekts

South Stream war Russlands großes Versprechen an Südosteuropa, vor allem an Bulgarien: sichere Gaslieferungen unabhängig von der Ukraine. Nun hat Putin South Stream doch gekippt. Zumindest offiziell. Denn in Bulgarien stimmen bei diesem Projekt offizielle Aussagen nicht immer mit der Realität überein – beginnend bei der Planung der Pipeline bis hin zum angeblichen Baustopp.

Fahne Bulgarien (c) Robert Jahn

Planung

Was war eigentlich geplant?

South Stream war ein russisches Pipeline-Projekt und Joint Venture, bei dem russisches Erdgas nach Süd- und Südosteuropa transportiert werden sollte. Zur Verwirklichung des Vorhabens schloss sich der russische Energieriese und Hauptanteilseigner Gazprom mit dem italienischen Energieversorger Eni, der deutschen Wintershall Holding und der französischen Elektrizitätsgesellschaft EDF zusammen.
Zweck der Pipeline war es, weitere Erdgas-Lieferwege für Russland zu erschließen und es somit unabhängig von den Transitstaaten Ukraine und Weißrussland zu machen. Aus diesem Grund sollte die Pipeline das südrussische Anapa durch das Schwarze Meer hindurch mit der bulgarischen Küstenstadt Varna verbinden und von da aus über Serbien und Ungarn bis nach Italien und Österreich reichen. Ab Anfang 2016 hätte das erste Erdgas kommen und bis 2050 strömen sollen.
So sollte die Route verlaufen:

Chronik der Projektplanung:
  • Juni 2007 – Gazprom gab bekannt eine Pipeline durch das Schwarze Meer bauen zu wollen
  • 18. Januar 2008 – Bulgarien nimmt an South Stream-Projekt teil
  • 21. Januar 2008 – Teilnahme Serbiens
  • 28. Februar 2008 – Abkommen über die Zusammenarbeit bei der Durchsetzung des Projekts zwischen Gazprom und den ungarischen Elektrizitätswerken
  • 29. April 2008 – Abkommen über den Bau des griechischen Abschnitts
  • 5. Februar 2009 – Unterzeichnung des Abkommens zwischen Gazprom und der bulgarischen Energieholding
  • 6. August 2009 – Unterzeichnung Kooperationsvertrag zwischen Russland und der Türkei, der den Bau der Pipeline in türkischen Hoheitsgewässern erlaubt
  • 24. April 2010 – Österreich genehmigt den Bau der Pipeline
  • Dezember 2011 – Türkei gibt endgültige Zustimmung zum Bau der Pipeline durch das Schwarze Meer (als Gegenleistung sichert Russland dem Land Gaslieferungen bis 2025 zu)
  • 7. Dezember 2012 – offizieller Baubeginn von der South-Stream-Pipeline im südrussischen Anapa
  • März 2014 – EU-Energiekommissar Günther Oettinger kündigt Verzögerung von South Stream an
  • 3. Juni 2014 – EU-Kommission fordert Bulgarien zum Bau-Stopp auf. Laut EU-Regeln ist es unzulässig, dass Gazprom als Erdgaslieferant gleichzeitig Besitzer der Pipelines ist und deren Zugang kontrolliert.
  • 9. Juni 2014 – Bulgarien stoppt  die Arbeiten an der Pipeline
  • 1. Dezember 2014 – Putin verkündet bei einem Amtsbesuch in Ankara das Ende des South-Stream-Projekts
Versprechen und Nebenwirkungen

Was wurde Bulgarien versprochen?

Vorbereitungen am Hafen von Varna (c) Robert Jahn

„Bulgarien ist für South Stream der Brückenkopf
nach Europa, ebenso wie Deutschland
dies für Nord Stream ist. South Stream soll zuverlässige
und langfristige Gaslieferungen nach Bulgarien sichern
und damit den wachsenden Bedarf decken, der
sich von 2007 bis 2020 verdoppeln soll.“ (Auszug aus der South Stream-Informationsbroschüre von Gazprom)
Mit South Stream sollten Bulgariens russische Erdgasimporte endgültig abgesichert sein. Das Land bezieht nahezu einhundert Prozent seiner Erdgaslieferungen aus Russland, über das Transitland Ukraine. Bulgarien litt in der Vergangenheit unter den Auswirkungen des russisch-ukrainischen Gasstreits sobald Russland den Erdgasstrom für die Ukraine drosselte. Durch die Umgehung der Ukraine sollte South Stream dieses Transportweg-Risiko verhindern und dem wirtschaftsschwachen Bulgarien bis zu 400 Millionen Euro Transitgebühren im Jahr verschaffen. Kritiker bezweifeln diese von Putin bezifferte Summe. Aber mit der endgültigen Investitionsentscheidung über den Pipeline-Bau sicherte sich Bulgarien außerdem eine Absenkung der Gaspreise ab Januar 2013.

Benötigt Bulgarien dieses Gas überhaupt?

Gazprom und die bulgarische Regierung legitimierten das South Stream-Projekt mit der dringend benötigten logistischen Unabhängigkeit von der Ukraine. Dabei lag der Fokus darauf, dass das Erdgas endlich risikofrei nach Bulgarien strömen sollte. Diese Argumentation beruhte auf der Unterstellung, dass bulgarische Haushalte auf Erdgas angewiesen wären. Aber das stimmt nur bedingt – zwar kommt das importierte Gas zu fast 100% aus Russland, der Gasanteil der privaten Energienutzung hält sich in Bulgarien jedoch in Grenzen.

„Wir sind eigentlich überhaupt nicht abhängig von den russischen Gaslieferungen. In Bulgarien nutzen nicht einmal drei Prozent der Haushalte Gas. Wozu also das Gasnetz plötzlich so enorm ausbauen? Wir sollten nicht Fehler wiederholen, die in Westeuropa geschehen sind und uns durch große zentrale Netze dermaßen abhängig machen.“

Das meint Borislav Sandov von der bulgarischen Green Party.

Nebenwirkungen des Projekts für Bulgarien

Mit dem Vorhaben kamen die Bedenken: Die Bürger in Varna befürchteten sowohl gesundheits- als auch umweltschädliche Beeinträchtigungen und Nebenwirkungen. Der Bau und die Inbetriebnahme der Pipeline hätten Luftverschmutzung und Lärmbelästigung ausgelöst. Berechtigte Sorgen, da sich die Rohre nur knapp zwei Kilometer vor den südlichen Stadttoren befunden hätten. Hinzukam, dass sich die rund 40.000 Varnianer nicht als einen „unwichtigen Teil der Bevölkerung“ sahen, wie es angeblich in einem Gutachten zur Bestimmung der Umwelteinflüsse hieß.

In einem offenen Brief an Gazprom-Chef Alexej Miller forderten sie Antworten auf ihre offenen Fragen, wie zum Beispiel:

„War es Herrn Alexej Miller bewusst, dass die Pipeline sehr nahe an den Häusern der Menschen entlangläuft? Warum heißt es offiziell, dass die Verdichterstation und die Pipeline elf Kilometer von Varna entfernt verlaufen, aber in Wahrheit ein Kilometer von den südlichen Vororten der Stadt entfernt sind?“

Gleiches Recht für alle? Nicht in Bulgarien!

Was kaum an die Öffentlichkeit drang – es gab einen weiteren Skandal im Zusammenhang mit dem Energieprojekt South Stream. Wie die demokratische Partei in Bulgarien (ENP) und der WWF Bulgaria herausfanden, machte die bulgarische Regierung einen Deal mit den Organisatoren des Pipeline-Projekts: Grundstücke rund um die Stadt Varna und die Gebiete der bulgarischen Schwarzmeerküste kosten normalerweise zwischen 50-200 Euro pro Quadratmeter. Dieser Preis galt nicht für die South Stream-Investoren. Zu einem Spottpreis von etwa 15 Euro pro Quadratmeter wurden ihnen die Grundstücke verkauft. Und zwar ausschließlich ihnen: Denn abgesehen von dem preisgünstigen Angebot fand kein Wettbewerb beim Kauf der Waldgrundstücke statt. Das geht unter anderem aus originalen Verkaufsdokumenten hervor, die im Zuge der Recherche aufgetaucht sind. Ein solcher Preisunterschied ist als eine illegale staatliche Beihilfe zu einem Wirtschaftsprojekt anzusehen und rechtswidrig. Auch die EU-Kommission ermittelte gegen die Korruptionsvorwürfe.

Screenshot aus den Deutschen Wirtschaftsnachrichten vom 18.8.2014

Proteste

Und warum protestiert da niemand?

Protest gegen South Stream in Varna (c) Stoyan Stoyanov

Es gab vereinzelte Proteste gegen das Projekt, vor allem in der bulgarischen Küstenstadt Varna – dem Ort, an dem die Gasrohre aus dem Schwarzen Meer auftauchen sollten. Der Widerstand in Bulgarien richtete sich vor allem gegen die Abholzung von Wäldern in den betroffenen Gebieten und kaum gegen die korrupte Veräußerung der Grundstücke. Das lag vor allem daran, dass die Bevölkerung über die Einzelheiten des Projekts nur sehr unzureichend informiert war, meint Alexander Dountchev von WWF Bulgaria.

Information braucht Pressefreiheit

Die Pressefreiheit ist die fundamentale Voraussetzung für eine Demokratie, doch in Bulgarien ist von ihr nicht viel zu spüren. Die internationale Medienorganisation „Reporter ohne Grenzen“ untersucht einmal pro Jahr den Zustand der Pressefreiheit auf der ganzen Welt. Bulgarien ist dabei in Europa seit Jahren das absolute Schlusslicht. Ein Mitglied der Europäischen Journalisten sagte gegenüber der Initiative EurActive:

„Die totale Überwachung der Medien während der kommunistischen Diktatur gibt es nicht mehr. Aber es herrschen Manipulation und das Bedienen von politischen und wirtschaftlichen Interessen vor. Die Medien haben noch kaum eine Ahnung, welche Aufgabe sie in einer demokratischen Gesellschaft wahrnehmen müssen.“

Ein Großteil der bulgarischen Medien gehört der „New Bulgarian Media Group“ (NBMG), der enge Beziehungen zur Regierung nachgesagt werden und welche vier nationale Tageszeitungen, zwei regionale und zwei wöchentliche Zeitungen, zwei Fernsehstationen und ein großes Verlags- und Druckhaus, leitet. Kritischer Journalismus hat es in Bulgarien schwer.

Aus und vorbei?

Das Projekt ist gekippt – was bleibt?

Am 1. Dezember 2014 verkündete Wladimir Putin überraschend das Ende von South Stream. Die Blockade, das Hin und Her Bulgariens sowie die Intervention der EU veranlassten Russland zu diesem Schritt. Während Putins Besuch in Ankara erklärte er:

„Wegen der ausbleibenden Genehmigung Bulgariens haben weitere Arbeiten an dem Projekt keinen Sinn. (…) Wir können nicht mit der Verlegung [der Rohre] auf dem Meeresgrund beginnen, solange uns keine Genehmigung Bulgariens vorliegt. Es wäre absurd, die Leitung bis zur bulgarischen Küste fertig zu bauen und dann halt zu machen.“

Auch Gazprom-CEO Miller bestätigte diese Entscheidung. South Stream sei endgültig vom Tisch und eine neue Pipeline in der Türkei sei als Nachfolgeprojekt geplant. Dennoch halten viele, wie der Vizechef der Energiekommission des bulgarischen Parlaments, Martin Dimitrov, Putins Schritt für pure Strategie, um Druck auf die EU und Bulgarien auszuwirken. Bei Letzterem scheint dies auch zu funktionieren. Bulgariens Premier Borissov stellte kurz vor Weihnachten 2014 alle Genehmigungen für einen Bau der Pipeline aus und erklärte:

„Somit kann unser Land nunmehr seine Verpflichtungen hinsichtlich der Vorbereitungsmaßnahmen, insbesondere zum maritimen Abschnitt, erfüllen und die Genehmigungen für den Bau erteilen.“

Man sei für das Ende des Projekts nicht verantwortlich und warte nun auf die Reaktion von Gazprom. Im Hintergrund dieser ganzen Enttäuschungen und Beteuerungen zwischen Bulgarien und Russland gingen die Bauteilelieferungen an die Bulgarische Küste stets weiter.

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Bis zum heutigen Tag erhielt Bulgarien keine offizielle Erklärung Russlands zum Verzicht auf South Stream und setzt die Vorbereitungsarbeiten immer noch fort.

Ich denke Putins Entscheidung, das South Stream-Projekt zu „stoppen“, ist nur ein strategischer Zug um den Druck auf die Entscheidungsträger in Bulgarien und der EU zu erhöhen. Hier in Bulgarien wird das Projekt weiter verfolgt, trotz der sogenannten „Entscheidung“ Putins. (Alexander Dountchev, WWF Bulgaria)

Ob South Stream tatsächlich ein Ende gefunden hat, ist zum jetzigen Zeitpunkt ungewiss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beim Präsidenten brennt noch Licht Ägypten im Kampf um stabile Energieversorgung

Erfahrungsberichte aus einem Kairo, das Straßen wie Pyramiden mit Licht bestrahlt während die Bevölkerung im Dunklen sitzt. Ein Panelbericht von Jonas Rosen.

Lage der Energieversorgung in Ägypten

  • Hauptstromlieferanten Gas und Öl
  • angespannte finanzielle Lage durch gesunkene Devisenreserven
  • vollständige Versorgung kann nicht aufrecht erhalten werden
  • häufige Stromausfälle
  • wachsende Bevölkerung
  • Investitionen in Erneuerbare Energie sollen Entspannung bringen (insbesondere Photovoltaik und Windkraft)

 

Nach dem arabischen Frühling steht Ägypten noch vor vielen Baustellen. Im Alltag der Menschen macht sich die instabile Energieversorgung besonders bemerkbar und ein geregeltes Leben schwierig. Von der politischen Situation und ihrem Hintergrund, den Schwierigkeiten im alltäglichen Leben bis hin zu den ersten „grünen“ Bauten – Ägypter gewähren uns einen Einblick in ihr Leben nach der Revolution.

 

Politisch wie wirtschaftlich ist Ägypten noch instabil

Das Land lebte 30 Jahre unter dem autoritären Regime von Husni Mubarak und sucht seit der Revolution 2011 immer noch nach Stabilität. Nach dem arabischen Frühlings steckt das Land in einer Kreditklemme, die es ihm unmöglich macht, seinen Bedarf an Energie zu finanzieren. So müssen Teile der Bevölkerung täglich mit unvorhersehbaren „Blackouts“ rechnen. „Wenn sie eine stabile Stromversorgung wollen, ziehen sie in die Nachbarschaft des Präsidenten“, weiß Dr. Mona Magdy, Dozentin für Kommunikationswissenschaft an der Deutschen Universität von Kairo, zu berichten. „In seinem Viertel brennt immer Licht:“

Das Land speist seine Stromversorgung vor allem aus Kraftwerken, die mit Öl und Erdgas verbrennen. Die Anlagen und Ressourcen reichen aber bei weitem nicht, um den steigenden Energiebedarf der Bevölkerung zu decken.

 

Täglich muss man sich auf „Blackouts“ gefasst machen

Zwei Studentinnen von Mona Magdy bringen die Problematik auf eine persönlichere Ebene. Die häufigen Stromausfälle wirken überflüssig, wenn man bedenkt, wofür der vorhandene Strom verwendet wird. „Noch im Morgengrauen kann man in Kairo, der Stadt die niemals schläft, die Straßenbeleuchtung flackern sehen.“ Rita Zakarian hat sich zum Thema gesetzt, die Fehlverwendung von Strom aufzuzeigen, und stößt dabei auf so manche Absurdität. Ihre Kommilitonin Nawarra Hany Mehrem hat die Thematik in einem Artikel verarbeitet. „My Daily Life with Blackouts“ beschreibt ihren von Stromausfällen geprägten Tagesablauf. Sie macht deutlich, wie stark Strom im Alltag genutzt wird und dass die Abhängigkeit davon erst auffällt, wenn man ohne ihn zurecht kommen muss.

 

Erneuerbare Energien sowie effizienter Ressourcenumgang noch wenig ausgebaut

Aus europäischer Sicht möchte man dem Land oberlehrerhaft sagen, dass erneuerbare Energien und effizienter Ressourcenumgang doch so nahe liegen: „Am Nil scheint doch immer die Sonne – nutzt die Solarenergie.“ Das, so weiß Ahmed El Maghraby, Ingenieur in Kairo, ist jedoch nicht so einfach. Die Technik, die zu Gewinnung von Solarenergie benötigt wird, muss fast ausschließlich importiert werden und das kostet Geld. Geld, das die Bewohner des stark gebeutelten Lands nicht aufbringen können. Einen effizienten Ressourcenumgang jedoch treibt El Maghraby durch die Planung von energieeffizienten Bauten nach hohen Standards voran.

 

 

 

Energiewende von unten

Bürgerenergiegenossenschaften unterstützen mit regionalen Projekten die Energiewende. Ein Beispiel findet sich in der fränkischen Kleinstadt Lichtenfels.

„Wir brauchen eine Vision für die Energiezukunft. 100 Prozent erneuerbare Energien in 20 Jahren – das wäre doch eine schöne Vorstellung, oder?“ Aus dem Mund von Jens Backert klingt das ganz einfach. Der junge Grünen-Politiker ist Aufsichtsratsvorsitzender der Neue Energie Obermain eG (NEO), einer Bürgerenergiegenossenschaft in der fränkischen Kleinstadt Lichtenfels. Er hat eine klare Vision für die Energiezukunft Deutschlands. Nach dem Motto „Gemeinsam erreichen, was einer allein nicht schaffen kann“ versucht er mit den anderen Genossenschaftsmitgliedern der NEO eG durch regionale Projekte wie Freiflächen-Photovoltaikanlagen zur Energiewende beizutragen.

Vom Arbeitskreis zur Genossenschaft

Aus wöchentlichen Mahnwachen nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima entstand zunächst der Arbeitskreis Bürgerbündnis Erneuerbare Energien im Landkreis Lichtenfels und schließlich im Dezember 2011 die NEO eG. „Als wir uns regelmäßig Montagabend vor dem Rathaus getroffen haben, um für eine bessere Energiepolitik zu demonstrieren, lag die Frage auf der Hand, was wir selbst dazu beitragen können“, erzählt Backert. „Unser Ziel war es, dieses Vorhaben basisdemokratisch zu gestalten, in Form einer Genossenschaft.

Eigener Beitrag zur Energiewende

Seit 2012 wurden durch diese Genossenschaft bereits drei Photovoltaik-Projekte geplant und realisiert: Eine kleinere Aufdachanlage sowie zwei Freiflächenanlagen mit Maximalleistungen von 984 beziehungsweise 1200 kWh. Diese Zahlen stehen für den Jahresverbrauch von etwa 250 beziehungsweise 300 Vier-Personen-Haushalten. Damit folgt die NEO eG dem Vorbild von über 700 weiteren Bürgerenergiegenossenschaften in Deutschland. Für Jens Backert macht es durchaus Sinn, die Energiewende zumindest teilweise in die Hände der Bürger zu legen. „Das Abschalten der Atomkraftwerke hat bis heute noch zu keinem Stromausfall geführt. Das liegt vor allem daran, dass die Bürger auf ihren Dächern und die zahlreichen Bürgerenergiegenossenschaften fleißig erneuerbare Energien zugebaut haben.“

Grundkonzept fehlt

Unterstützt wurde das Bürgerengagement auch durch das alte Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG, das Jens Backert für ein Erfolgsmodell hält: „Klare Rahmenbedingungen haben es auch für den ‚kleinen Mann‘ leicht gemacht, Investitionen in diesem Bereich zu tätigen.“ In der aktuellen Energiepolitik der Bundesregierung hingegen fehlt ihm dieses klare Konzept. „Meine Vision von 100 Prozent erneuerbaren Energien in 20 Jahren wäre zwar eine große Herausforderung, aber man wächst ja bekanntlich an seinen Aufgaben. Die Politik müsste einfach endlich einen Weg aufzeigen. Details erwartet niemand, aber ein Grundkonzept schon.“

Grüne Wasserkraft? Mega-Staudamm Belo Monte in der Kritik

Im Panel über Brasiliens Energiepolitik berichteten drei Referenten über die Auswirkungen des Mega-Staudamms Belo Monte und wie die deutsche Presse darüber schreibt.

Dass Wasserkraft nicht unbedingt nachhaltig sein muss, verdeutlichen drei Referenten im Tagungspanel über Brasiliens Energiemodell. Mit 98 geplanten Staudämmen im Amazonasbecken möchte die brasilianische Regierung den Energiehunger ihres Landes stillen, erklärte der Physiker und Aktivist Dr. Délcio Rodrigues. Alternative und ergänzende Maßnahmen, wie mehr Energieeffizienz, Wind- und Solarenergie vernachlässige die Energiepolitik dabei.

ÖKOLOGISCHE, ÖKONOMISCHE UND SOZIALE KRITIK

Die Initiative GegenStrömung ist Teil einer breiten und internationalen Protestbewegung gegen das Entstehen neuer Mega-Staudämme. In den letzten Jahren hat vor allem das sich im Bau befindende Großprojekt Belo Monte am Fluss Xingu für Widerstand gesorgt. Sprecher der Initiative David Vollrath zeigte sich überzeugt, dass man abgesehen von Industrie und Regierung in Brasilien kaum jemanden finden könne, der das Großprojekt befürworte: „Belo Monte nimmt nicht nur die Lebensgrundlage der dortigen indigenen Bevölkerung und zahlreicher Tier- und Pflanzenarten, er macht auch aus ökonomischer Sicht keinen Sinn“. Die Baukosten sind schon jetzt von anfänglich vier auf elf Milliarden Euro gestiegen. Gleichzeitig ist klar, dass die von der Regierung angepriesenen 11 Gigawatt Leistung, nur zu Regenzeiten erreicht werden können. Auch das Umweltargument hält bei näherem Hinsehen nicht stand: Da für Belo Monte Wasser angestaut wird, das eine Landfläche von 550 Quadratkilometern bedecken wird, ebenso groß wie der Bodensees,  und die langsam verrottenden Bäume und Pflanzen der gefluteten Fläche Methangas ausstoßen, wird der Staudamm erst nach vierzig Jahren klimaneutral produzieren können.

AUCH IN DER DEUTSCHEN PRESSE

Die deutsche Qualitätspresse stärkt diesen Argumenten den Rücken. Journalist und Buchautor Thomas Fatheuer betonte, dass alle großen deutschen Blätter kritisch und fundiert über Belo Monte berichtet hätten. „Staudämme haben schon immer gute Stories abgegeben“ erzählte er. Persönlichkeiten wie der Sänger Sting oder Avatar-Regisseur James Cameron Seite an Seite mit Stammeshäuptlingen ergeben immer schöne Motive. Beiträge beginnen typischer Weise aus der Perspektive eines indigenen Widerständlers. Begleitende Fotos zeigen die indigene Bevölkerung im Kontrast zu dem übermächtigen Monster Belo Monte.

Nur: Brauchen die Flussbewohner wirklich deutsche Aktivisten, Journalisten und Stars aus aller Welt, um ihren Interessen Gewicht zu verleihen? Die kritische Frage aus dem Publikum stieß bei den Referenten auf Verständnis. Bei der Berichterstattung müsse man neben der lokalen Geschichte andere Aspekte stärker gewichten. „Leider fehlt oft der Kontext und die Beteiligung deutscher Firmen wird eigentlich nicht aufgegriffen“, kritisierte Fatheuer deutsche Medien.

DIE KRITIK IN 5 PUNKTEN
  • 24 indigene Gruppen, die am Fluss Xingu leben, verlieren ihre Heimat. Ihre Rechte auf Selbstbestimmung und Mitsprache wurden massiv verletzt.
  • Der Xingu ist einer der letzten intakten Flüsse Brasiliens, seine Stauung bedroht zahlreiche Pflanzen- und Tierarten.
  • Die 550 Quadratkilometer geflutete Fläche wird so viel Methangas ausstoßen, dass Belo Monte vierzig Jahre in Betrieb sein müsste, um sich zu neutralisieren.
  • Die elf Milliarden Euro Baukosten sind zu hoch, als dass die Kosten-Nutzen-Rechnung des Staudamms aufgehen würde.
  • Dies insbesondere auch, weil durch Trockenzeiten die Fließgeschwindigkeit des Flusses nicht ausreicht, um die propagierten elf Gigawatt Leistung zu erreichen.
POSITION DES STAUDAMMS
IMPRESSIONEN DES PANELS

Ein Pionier der Energiewende Mit wissenschaftlichen Analysen beweist Joachim Nitsch schon lange: Die Energiewende in Deutschland ist machbar.

Ein Gespräch mit Dr. Joachim Nitsch von Mareike Rath.

Seit vier Jahrzehnten kämpft Dr. Joachim Nitsch für die Energiewende. Bei der Bildkorrekturen-Tagung sprach er über die Herausforderungen einer energieeffizienten Stromversorgung.

Dr. Jochaim Nitsch und Mareike Rath © Anna Schaller

Dr. Jochaim Nitsch und Mareike Rath © Anna Schaller

„Wir sind als junge, stürmische und auch naive Wissenschaftler in die Forschung zu erneuerbaren Energien eingestiegen und haben uns gesagt, `das ist doch der richtige Weg, das müssen doch alle begreifen´. Aber so einfach ist das ja nicht, wie wir alle gelernt haben“, erzählt Dr. Joachim Nitsch, ehemaliger Leiter des Instituts für Systemanalyse und Technikbewertung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Rund vierzig Jahre später kann Joachim Nitsch auf eine erfolgreiche Forscherlaufbahn zurückblicken, für die er im Jahr 2010 mit dem „Sonderpreis für persönliches Engagement“ von der Europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien EUROSOLAR geehrt wurde.

Eine positive Gesamtbilanz für die Energiewende

Nitschs persönliches Engagement geht weiter: „Ich bin Ruheständler seit neun Jahren, aber das Thema lässt einen natürlich nicht los. Deshalb berate ich unter anderem die Landesregierung von Baden-Württemberg bei energiepolitischen Fragen.“ In seiner aktiven Zeit beim DLR erstellte Nitsch zum Beispiel Analysen, wie eine alternative Energieversorgung von Haushalten gelingen könnte: „Früher wurde behauptet, in erneuerbare Energien müsste man so viel Geld hineinstecken, dass sich der Aufwand finanziell gar nicht lohnt. Wir haben daraufhin Modelle entwickelt, die den ganzen Langzeitlebenszyklus vom Rohstoff bis zur Energiegewinnung untersucht haben und konnten eine positive Gesamtbilanz ziehen. Hätte man damals schon solche Analysen für die Kernenergie gehabt, hätte man sie wahrscheinlich nie etabliert,“ erklärt der Wissenschaftler.

Dr. Joachim Nitsch auf der Tagung © Julia Habermann

Dr. Joachim Nitsch auf der Tagung © Julia Habermann

Objektive Berichterstattung ist Grundvoraussetzung

Auf die jetzige Situation der Energiewende in Deutschland angesprochen, wird Joachim Nitsch nachdenklich: „Deutschland ist auf dem richtigen Weg, aber seit eineinhalb Jahren wachsen meine Sorgen wieder, dass wir uns da verzetteln und dass wir uns eher wieder einen Schritt zurück bewegen, weil die Politik einfach nicht vorausschauend genug handelt.“ Die Schuld sieht er nicht nur bei den Politikern, auch die Medien müssten ihren Teil beitragen: „Die Aufgabe der Medien ist, objektiv zu berichten, aber zurzeit werden nur die Bedenken transportiert. Die Politiker lassen sich zu sehr auf diese negative Berichterstattung ein, anstatt den Bürgern die Notwendigkeit der Energiewende aufzuzeigen, damit unsere Kinder und Enkel auch noch von einer funktionierenden Energieversorgung profitieren. “ Natürlich sieht Joachim Nitsch auch die finanziellen Probleme vieler Bürger: „Der Verbraucher zahlt immer, wir zahlen aber auch, wenn die Energiewende nicht umgesetzt wird. Ich kann mir deshalb gut Finanzierungsmodelle seitens der Banken und Bausparkassen vorstellen, Steuererleichterungen, zinsverbilligte Kredite und dergleichen mehr. Diese Plattitüde, `das zahlt der Verbraucher´ ist für mich nur eine Flucht ins Vage und eine Flucht vor dem Handeln.“

Wissenswertes über Dr. Joachim Nitsch

Dr. Joachim Nitsch (*1940) hat an der Universität Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik studiert und wurde im Jahr 1971 mit einer Arbeit über gekoppelten Wärme- und Stoffaustausch an der RWTH promoviert. Knapp 30 Jahre lang war Nitsch Leiter der Abteilung Systemanalyse und Technikbewertung am Institut für Technische Thermodynamik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Am DLR beschäftigte er sich insbesondere mit den erneuerbaren Energien und fertigte Szenarioanalysen und Technikfolgenabschätzungen an. In den letzten Jahren berät Joachim Nitsch unter anderem das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und die Landesregierung Baden-Württemberg in Fragen rund um die Energiewende.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) forscht in den fünf Kernbereichen Luftfahrt, Raumfahrt, Energie, Verkehr und Sicherheit. Der Fokus liegt auf der Erforschung von Erde und Sonnensystem und der Entwicklung von nachhaltigen Technologien zum Schutz der Umwelt.