Beiträge

South Stream in Bulgarien – Nebenwirkungen eines Energieprojekts

South Stream war Russlands großes Versprechen an Südosteuropa, vor allem an Bulgarien: sichere Gaslieferungen unabhängig von der Ukraine. Nun hat Putin South Stream doch gekippt. Zumindest offiziell. Denn in Bulgarien stimmen bei diesem Projekt offizielle Aussagen nicht immer mit der Realität überein – beginnend bei der Planung der Pipeline bis hin zum angeblichen Baustopp.

Fahne Bulgarien (c) Robert Jahn

Planung

Was war eigentlich geplant?

South Stream war ein russisches Pipeline-Projekt und Joint Venture, bei dem russisches Erdgas nach Süd- und Südosteuropa transportiert werden sollte. Zur Verwirklichung des Vorhabens schloss sich der russische Energieriese und Hauptanteilseigner Gazprom mit dem italienischen Energieversorger Eni, der deutschen Wintershall Holding und der französischen Elektrizitätsgesellschaft EDF zusammen.
Zweck der Pipeline war es, weitere Erdgas-Lieferwege für Russland zu erschließen und es somit unabhängig von den Transitstaaten Ukraine und Weißrussland zu machen. Aus diesem Grund sollte die Pipeline das südrussische Anapa durch das Schwarze Meer hindurch mit der bulgarischen Küstenstadt Varna verbinden und von da aus über Serbien und Ungarn bis nach Italien und Österreich reichen. Ab Anfang 2016 hätte das erste Erdgas kommen und bis 2050 strömen sollen.
So sollte die Route verlaufen:

Chronik der Projektplanung:
  • Juni 2007 – Gazprom gab bekannt eine Pipeline durch das Schwarze Meer bauen zu wollen
  • 18. Januar 2008 – Bulgarien nimmt an South Stream-Projekt teil
  • 21. Januar 2008 – Teilnahme Serbiens
  • 28. Februar 2008 – Abkommen über die Zusammenarbeit bei der Durchsetzung des Projekts zwischen Gazprom und den ungarischen Elektrizitätswerken
  • 29. April 2008 – Abkommen über den Bau des griechischen Abschnitts
  • 5. Februar 2009 – Unterzeichnung des Abkommens zwischen Gazprom und der bulgarischen Energieholding
  • 6. August 2009 – Unterzeichnung Kooperationsvertrag zwischen Russland und der Türkei, der den Bau der Pipeline in türkischen Hoheitsgewässern erlaubt
  • 24. April 2010 – Österreich genehmigt den Bau der Pipeline
  • Dezember 2011 – Türkei gibt endgültige Zustimmung zum Bau der Pipeline durch das Schwarze Meer (als Gegenleistung sichert Russland dem Land Gaslieferungen bis 2025 zu)
  • 7. Dezember 2012 – offizieller Baubeginn von der South-Stream-Pipeline im südrussischen Anapa
  • März 2014 – EU-Energiekommissar Günther Oettinger kündigt Verzögerung von South Stream an
  • 3. Juni 2014 – EU-Kommission fordert Bulgarien zum Bau-Stopp auf. Laut EU-Regeln ist es unzulässig, dass Gazprom als Erdgaslieferant gleichzeitig Besitzer der Pipelines ist und deren Zugang kontrolliert.
  • 9. Juni 2014 – Bulgarien stoppt  die Arbeiten an der Pipeline
  • 1. Dezember 2014 – Putin verkündet bei einem Amtsbesuch in Ankara das Ende des South-Stream-Projekts
Versprechen und Nebenwirkungen

Was wurde Bulgarien versprochen?

Vorbereitungen am Hafen von Varna (c) Robert Jahn

„Bulgarien ist für South Stream der Brückenkopf
nach Europa, ebenso wie Deutschland
dies für Nord Stream ist. South Stream soll zuverlässige
und langfristige Gaslieferungen nach Bulgarien sichern
und damit den wachsenden Bedarf decken, der
sich von 2007 bis 2020 verdoppeln soll.“ (Auszug aus der South Stream-Informationsbroschüre von Gazprom)
Mit South Stream sollten Bulgariens russische Erdgasimporte endgültig abgesichert sein. Das Land bezieht nahezu einhundert Prozent seiner Erdgaslieferungen aus Russland, über das Transitland Ukraine. Bulgarien litt in der Vergangenheit unter den Auswirkungen des russisch-ukrainischen Gasstreits sobald Russland den Erdgasstrom für die Ukraine drosselte. Durch die Umgehung der Ukraine sollte South Stream dieses Transportweg-Risiko verhindern und dem wirtschaftsschwachen Bulgarien bis zu 400 Millionen Euro Transitgebühren im Jahr verschaffen. Kritiker bezweifeln diese von Putin bezifferte Summe. Aber mit der endgültigen Investitionsentscheidung über den Pipeline-Bau sicherte sich Bulgarien außerdem eine Absenkung der Gaspreise ab Januar 2013.

Benötigt Bulgarien dieses Gas überhaupt?

Gazprom und die bulgarische Regierung legitimierten das South Stream-Projekt mit der dringend benötigten logistischen Unabhängigkeit von der Ukraine. Dabei lag der Fokus darauf, dass das Erdgas endlich risikofrei nach Bulgarien strömen sollte. Diese Argumentation beruhte auf der Unterstellung, dass bulgarische Haushalte auf Erdgas angewiesen wären. Aber das stimmt nur bedingt – zwar kommt das importierte Gas zu fast 100% aus Russland, der Gasanteil der privaten Energienutzung hält sich in Bulgarien jedoch in Grenzen.

„Wir sind eigentlich überhaupt nicht abhängig von den russischen Gaslieferungen. In Bulgarien nutzen nicht einmal drei Prozent der Haushalte Gas. Wozu also das Gasnetz plötzlich so enorm ausbauen? Wir sollten nicht Fehler wiederholen, die in Westeuropa geschehen sind und uns durch große zentrale Netze dermaßen abhängig machen.“

Das meint Borislav Sandov von der bulgarischen Green Party.

Nebenwirkungen des Projekts für Bulgarien

Mit dem Vorhaben kamen die Bedenken: Die Bürger in Varna befürchteten sowohl gesundheits- als auch umweltschädliche Beeinträchtigungen und Nebenwirkungen. Der Bau und die Inbetriebnahme der Pipeline hätten Luftverschmutzung und Lärmbelästigung ausgelöst. Berechtigte Sorgen, da sich die Rohre nur knapp zwei Kilometer vor den südlichen Stadttoren befunden hätten. Hinzukam, dass sich die rund 40.000 Varnianer nicht als einen „unwichtigen Teil der Bevölkerung“ sahen, wie es angeblich in einem Gutachten zur Bestimmung der Umwelteinflüsse hieß.

In einem offenen Brief an Gazprom-Chef Alexej Miller forderten sie Antworten auf ihre offenen Fragen, wie zum Beispiel:

„War es Herrn Alexej Miller bewusst, dass die Pipeline sehr nahe an den Häusern der Menschen entlangläuft? Warum heißt es offiziell, dass die Verdichterstation und die Pipeline elf Kilometer von Varna entfernt verlaufen, aber in Wahrheit ein Kilometer von den südlichen Vororten der Stadt entfernt sind?“

Gleiches Recht für alle? Nicht in Bulgarien!

Was kaum an die Öffentlichkeit drang – es gab einen weiteren Skandal im Zusammenhang mit dem Energieprojekt South Stream. Wie die demokratische Partei in Bulgarien (ENP) und der WWF Bulgaria herausfanden, machte die bulgarische Regierung einen Deal mit den Organisatoren des Pipeline-Projekts: Grundstücke rund um die Stadt Varna und die Gebiete der bulgarischen Schwarzmeerküste kosten normalerweise zwischen 50-200 Euro pro Quadratmeter. Dieser Preis galt nicht für die South Stream-Investoren. Zu einem Spottpreis von etwa 15 Euro pro Quadratmeter wurden ihnen die Grundstücke verkauft. Und zwar ausschließlich ihnen: Denn abgesehen von dem preisgünstigen Angebot fand kein Wettbewerb beim Kauf der Waldgrundstücke statt. Das geht unter anderem aus originalen Verkaufsdokumenten hervor, die im Zuge der Recherche aufgetaucht sind. Ein solcher Preisunterschied ist als eine illegale staatliche Beihilfe zu einem Wirtschaftsprojekt anzusehen und rechtswidrig. Auch die EU-Kommission ermittelte gegen die Korruptionsvorwürfe.

Screenshot aus den Deutschen Wirtschaftsnachrichten vom 18.8.2014

Proteste

Und warum protestiert da niemand?

Protest gegen South Stream in Varna (c) Stoyan Stoyanov

Es gab vereinzelte Proteste gegen das Projekt, vor allem in der bulgarischen Küstenstadt Varna – dem Ort, an dem die Gasrohre aus dem Schwarzen Meer auftauchen sollten. Der Widerstand in Bulgarien richtete sich vor allem gegen die Abholzung von Wäldern in den betroffenen Gebieten und kaum gegen die korrupte Veräußerung der Grundstücke. Das lag vor allem daran, dass die Bevölkerung über die Einzelheiten des Projekts nur sehr unzureichend informiert war, meint Alexander Dountchev von WWF Bulgaria.

Information braucht Pressefreiheit

Die Pressefreiheit ist die fundamentale Voraussetzung für eine Demokratie, doch in Bulgarien ist von ihr nicht viel zu spüren. Die internationale Medienorganisation „Reporter ohne Grenzen“ untersucht einmal pro Jahr den Zustand der Pressefreiheit auf der ganzen Welt. Bulgarien ist dabei in Europa seit Jahren das absolute Schlusslicht. Ein Mitglied der Europäischen Journalisten sagte gegenüber der Initiative EurActive:

„Die totale Überwachung der Medien während der kommunistischen Diktatur gibt es nicht mehr. Aber es herrschen Manipulation und das Bedienen von politischen und wirtschaftlichen Interessen vor. Die Medien haben noch kaum eine Ahnung, welche Aufgabe sie in einer demokratischen Gesellschaft wahrnehmen müssen.“

Ein Großteil der bulgarischen Medien gehört der „New Bulgarian Media Group“ (NBMG), der enge Beziehungen zur Regierung nachgesagt werden und welche vier nationale Tageszeitungen, zwei regionale und zwei wöchentliche Zeitungen, zwei Fernsehstationen und ein großes Verlags- und Druckhaus, leitet. Kritischer Journalismus hat es in Bulgarien schwer.

Aus und vorbei?

Das Projekt ist gekippt – was bleibt?

Am 1. Dezember 2014 verkündete Wladimir Putin überraschend das Ende von South Stream. Die Blockade, das Hin und Her Bulgariens sowie die Intervention der EU veranlassten Russland zu diesem Schritt. Während Putins Besuch in Ankara erklärte er:

„Wegen der ausbleibenden Genehmigung Bulgariens haben weitere Arbeiten an dem Projekt keinen Sinn. (…) Wir können nicht mit der Verlegung [der Rohre] auf dem Meeresgrund beginnen, solange uns keine Genehmigung Bulgariens vorliegt. Es wäre absurd, die Leitung bis zur bulgarischen Küste fertig zu bauen und dann halt zu machen.“

Auch Gazprom-CEO Miller bestätigte diese Entscheidung. South Stream sei endgültig vom Tisch und eine neue Pipeline in der Türkei sei als Nachfolgeprojekt geplant. Dennoch halten viele, wie der Vizechef der Energiekommission des bulgarischen Parlaments, Martin Dimitrov, Putins Schritt für pure Strategie, um Druck auf die EU und Bulgarien auszuwirken. Bei Letzterem scheint dies auch zu funktionieren. Bulgariens Premier Borissov stellte kurz vor Weihnachten 2014 alle Genehmigungen für einen Bau der Pipeline aus und erklärte:

„Somit kann unser Land nunmehr seine Verpflichtungen hinsichtlich der Vorbereitungsmaßnahmen, insbesondere zum maritimen Abschnitt, erfüllen und die Genehmigungen für den Bau erteilen.“

Man sei für das Ende des Projekts nicht verantwortlich und warte nun auf die Reaktion von Gazprom. Im Hintergrund dieser ganzen Enttäuschungen und Beteuerungen zwischen Bulgarien und Russland gingen die Bauteilelieferungen an die Bulgarische Küste stets weiter.

Bildschirmfoto 2015-01-24 um 01.01.11

Bildschirmfoto 2015-01-24 um 01.06.30

Bildschirmfoto 2015-01-24 um 00.56.28

Bildschirmfoto 2015-01-24 um 00.57.01

Bis zum heutigen Tag erhielt Bulgarien keine offizielle Erklärung Russlands zum Verzicht auf South Stream und setzt die Vorbereitungsarbeiten immer noch fort.

Ich denke Putins Entscheidung, das South Stream-Projekt zu „stoppen“, ist nur ein strategischer Zug um den Druck auf die Entscheidungsträger in Bulgarien und der EU zu erhöhen. Hier in Bulgarien wird das Projekt weiter verfolgt, trotz der sogenannten „Entscheidung“ Putins. (Alexander Dountchev, WWF Bulgaria)

Ob South Stream tatsächlich ein Ende gefunden hat, ist zum jetzigen Zeitpunkt ungewiss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Pionier der Energiewende Mit wissenschaftlichen Analysen beweist Joachim Nitsch schon lange: Die Energiewende in Deutschland ist machbar.

Ein Gespräch mit Dr. Joachim Nitsch von Mareike Rath.

Seit vier Jahrzehnten kämpft Dr. Joachim Nitsch für die Energiewende. Bei der Bildkorrekturen-Tagung sprach er über die Herausforderungen einer energieeffizienten Stromversorgung.

Dr. Jochaim Nitsch und Mareike Rath © Anna Schaller

Dr. Jochaim Nitsch und Mareike Rath © Anna Schaller

„Wir sind als junge, stürmische und auch naive Wissenschaftler in die Forschung zu erneuerbaren Energien eingestiegen und haben uns gesagt, `das ist doch der richtige Weg, das müssen doch alle begreifen´. Aber so einfach ist das ja nicht, wie wir alle gelernt haben“, erzählt Dr. Joachim Nitsch, ehemaliger Leiter des Instituts für Systemanalyse und Technikbewertung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Rund vierzig Jahre später kann Joachim Nitsch auf eine erfolgreiche Forscherlaufbahn zurückblicken, für die er im Jahr 2010 mit dem „Sonderpreis für persönliches Engagement“ von der Europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien EUROSOLAR geehrt wurde.

Eine positive Gesamtbilanz für die Energiewende

Nitschs persönliches Engagement geht weiter: „Ich bin Ruheständler seit neun Jahren, aber das Thema lässt einen natürlich nicht los. Deshalb berate ich unter anderem die Landesregierung von Baden-Württemberg bei energiepolitischen Fragen.“ In seiner aktiven Zeit beim DLR erstellte Nitsch zum Beispiel Analysen, wie eine alternative Energieversorgung von Haushalten gelingen könnte: „Früher wurde behauptet, in erneuerbare Energien müsste man so viel Geld hineinstecken, dass sich der Aufwand finanziell gar nicht lohnt. Wir haben daraufhin Modelle entwickelt, die den ganzen Langzeitlebenszyklus vom Rohstoff bis zur Energiegewinnung untersucht haben und konnten eine positive Gesamtbilanz ziehen. Hätte man damals schon solche Analysen für die Kernenergie gehabt, hätte man sie wahrscheinlich nie etabliert,“ erklärt der Wissenschaftler.

Dr. Joachim Nitsch auf der Tagung © Julia Habermann

Dr. Joachim Nitsch auf der Tagung © Julia Habermann

Objektive Berichterstattung ist Grundvoraussetzung

Auf die jetzige Situation der Energiewende in Deutschland angesprochen, wird Joachim Nitsch nachdenklich: „Deutschland ist auf dem richtigen Weg, aber seit eineinhalb Jahren wachsen meine Sorgen wieder, dass wir uns da verzetteln und dass wir uns eher wieder einen Schritt zurück bewegen, weil die Politik einfach nicht vorausschauend genug handelt.“ Die Schuld sieht er nicht nur bei den Politikern, auch die Medien müssten ihren Teil beitragen: „Die Aufgabe der Medien ist, objektiv zu berichten, aber zurzeit werden nur die Bedenken transportiert. Die Politiker lassen sich zu sehr auf diese negative Berichterstattung ein, anstatt den Bürgern die Notwendigkeit der Energiewende aufzuzeigen, damit unsere Kinder und Enkel auch noch von einer funktionierenden Energieversorgung profitieren. “ Natürlich sieht Joachim Nitsch auch die finanziellen Probleme vieler Bürger: „Der Verbraucher zahlt immer, wir zahlen aber auch, wenn die Energiewende nicht umgesetzt wird. Ich kann mir deshalb gut Finanzierungsmodelle seitens der Banken und Bausparkassen vorstellen, Steuererleichterungen, zinsverbilligte Kredite und dergleichen mehr. Diese Plattitüde, `das zahlt der Verbraucher´ ist für mich nur eine Flucht ins Vage und eine Flucht vor dem Handeln.“

Wissenswertes über Dr. Joachim Nitsch

Dr. Joachim Nitsch (*1940) hat an der Universität Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik studiert und wurde im Jahr 1971 mit einer Arbeit über gekoppelten Wärme- und Stoffaustausch an der RWTH promoviert. Knapp 30 Jahre lang war Nitsch Leiter der Abteilung Systemanalyse und Technikbewertung am Institut für Technische Thermodynamik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Am DLR beschäftigte er sich insbesondere mit den erneuerbaren Energien und fertigte Szenarioanalysen und Technikfolgenabschätzungen an. In den letzten Jahren berät Joachim Nitsch unter anderem das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und die Landesregierung Baden-Württemberg in Fragen rund um die Energiewende.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) forscht in den fünf Kernbereichen Luftfahrt, Raumfahrt, Energie, Verkehr und Sicherheit. Der Fokus liegt auf der Erforschung von Erde und Sonnensystem und der Entwicklung von nachhaltigen Technologien zum Schutz der Umwelt.

 

 

Wer kennt schon Belo Monte? Möglichkeiten und Grenzen deutscher Berichterstattung über das Staudammprojekt

18 Jahre lebte Thomas Fatheuer in Brasilien, leitete dort unter anderem das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung. Den Staudammbau in Belo Monte sieht er kritisch – und lobt die deutsche Presseberichterstattung über das gigantische Projekt.

Das Projekt "Belo Monte" - Kurzportrait

Das schätzungsweise 11 Milliarden teure Wasserkraftwerk Belo Monte entsteht derzeit am Rio Xingu, einem Nebenarm des Amazonas, im brasilianischen Regenwald. Um elektrische Energie zu gewinnen, soll der Fluss mithilfe von drei Talsperren zu zwei insgesamt 516 km² großen Stauseen gestaut werden. Nach seiner geplanten Fertigstellung 2015 wird das Kraftwerk mit bis zu 11 Gigawatt das leistungsmäßig drittgrößte der Welt.

Dass diese Leistung faktisch kaum erreicht werden kann, weil der Fluss immer weniger Wasser führt, ist nur eines der Argumente der Staudammgegner. Das Projekt ist auch deshalb höchst umstritten, weil riesige Flächen Regenwald und Ackerland zerstört werden – und Wohnraum für mindestens 20.000 Indigene, die in Folge des Baus und Zwangsumsiedelungen ihre Heimat verlieren. Seit 2011 wurde das Projekt bereits viermal gerichtlich gestoppt.

 

Das Belo-Monte-Staudammprojekt hat verheerende Folgen für indigene Bevölkerung, Umwelt und Klima. Dennoch wird gebaut. Haben die Medien bei der Aufklärung über das durchaus umstrittene Projekt versagt?

In fast allen großen deutschen Medien wurde relativ umfangreich, mit einer überraschenden Vielzahl an Artikeln, berichtet – natürlich aber nicht in Zeitungen wie der Bild. Das, was man realistisch erwarten kann, ist also erfolgt. Das Problem ist in dem Fall nicht die Presse. Die Frage ist eher, wo sind die Grenzen des Ganzen: Trotz dieser Berichterstattung – wer kennt Belo Monte denn? Man sollte da keine übersteigerten Erwartungen haben. Die Berichterstattung kann höchstens ein Bewusstsein erzeugen und aufrechterhalten, dass diese Art von Energiegewinnung grundsätzlich problematisch ist.

Das Foto eines der Belo-Monte-Ingenieure, der von der Machete einer indigenen Protestierenden verletzt wurde, ging um die Welt – obwohl bei der Versammlung selbst kaum Presse vor Ort war. Woher rührt das scheinbar geringe Interesse der brasilianischen Medien an diesem Konflikt im eigenen Land?

Von Sao Paulo ist Belo Monte 3000 Kilometer entfernt und die Realität dort, in Belo Monte, ist von der Realität eines Mittelschichtbürgers in Sao Paulo so weit entfernt wie von unserer. Deshalb gab es ursprünglich ein geringes Interesse. Das hat sich aber geändert. Für mich war es eine positive Überraschung, dass sich auch prominente Brasilianer dagegen gewandt haben, aus Öffentlichkeit und Wissenschaft, nicht nur die üblichen Verdächtigen. Es entstand außerdem eine Diskussion um die Regenwaldzerstörung. Viele haben eingesehen, dass sie ein Problem ist und man sie verringern muss. Durch einen offiziellen Diskurs mit vielen Widersprüchen hat es eine lebendige Debatte gegeben, nicht nur eine einseitige Propaganda. Der Wendepunkt war der Baubeginn und die Proteste der Indigenen, die um ihr Leben kämpfen und deren Rechte auch von der Verfassung anerkannt sind. Je näher der Baubeginn rückte, desto mehr Aufmerksamkeit gab es. Am Anfang war das Thema auch einfach sehr technisch und wenn es dann konkreter wird, gibt es auch mehr Bilder, mehr Wahrnehmbares. Vorher ist es eine bürokratische Planungsphase – das war ja zum Beispiel bei Stuttgart 21 sehr ähnlich.

Trotz aller Berichterstattung und Protesten ist der Damm derzeit in Bau. Welche Rolle spielen Journalisten für den weiteren Verlauf des Projekts oder für mögliche künftige, ähnliche Projekte?

Es ist sehr wichtig, darüber zu berichten, wie dieser Bau mit seinen großen Problemen vonstattengeht, und dass eine Transparenz der Kosten hergestellt wird. Es sollte in der Berichterstattung klar werden, wie hoch der Preis für solche Bauprojekte ist. Die Wasserkraft gilt oft als saubere und nachhaltige Energie. Wenn man näher hinschaut, ist sie jedoch eine hochproblematische Form der Energiegewinnung. Es sollte in der brasilianischen Öffentlichkeit noch einmal klar gemacht werden, dass Staudämme mit ihren ungeheuren sozialen und ökologischen Konsequenzen einen hohen Preis für die Demokratie haben, dass sie nicht ohne Menschenrechtsverletzungen durchführbar sind und dass sie nicht in eine Zeit passen, in der die Erhaltung des Regenwaldes ein hoher Wert ist. Wenn das klar wird, dann ist auch für die Zukunft etwas gewonnen. In Brasilien hat ein solcher Lerneffekt scheinbar schon stattgefunden: Die Öffentlichkeit ist mobilisierter als vor Belo Monte.

Wie können Journalisten derart komplexe Themen überhaupt angemessen einer breiten Öffentlichkeit präsentieren?

Journalisten verwandeln komplexe Themen oft in Stories von Betroffenen. Sie sollten trotzdem auch Basis-Informationen zum Beispiel über das Volumen des Staudammes bereitstellen – es gibt ein Maximalvolumen von 11.000 Megawatt, aber in einem großen Teil des Jahres werden nur 4.000 Megawatt erreicht. Denn die Fakten sind generell oft nicht klar, und deshalb wird immer mit dieser Zahl 11.000 argumentiert. Journalisten, die sich nicht so stark in die Materie einarbeiten, machen das häufig in Form von Interviews oder Befragungen. Es gibt auch kritische Experten in Brasilien. Dank meiner Zeit in der Böllschen Stiftung konnte ich Journalisten zu Kontakten mit ihnen verhelfen.

Warum konnte der Bau trotz dieser hohen Medienaufmerksamkeit und massiven Kritik verschiedenster Seiten dennoch nicht verhindert werden?

Weil ein starker politischer Wille da ist. Ich glaube, dass man das Verhalten der brasilianischen Regierung von außen nicht gut beeinflussen kann. Oft hat eine Einmischung eher einen gegenteiligen Effekt, die Brasilianer mischen sich ja auch nicht in das deutsche Wattenmeer ein. Ich finde es grundsätzlich richtig, dass die Brasilianer selbst entscheiden sollten, ob sie einen Staudamm wollen oder nicht. Aber sie sollen es demokratisch und unter Wahrung der Gesetze und Menschenrechte entscheiden können. So ein Staudamm muss demokratisch ausgehandelt sein – und das ist bei Belo Monte eben nicht passiert. Unsere Rolle ist also auch beschränkt, das muss man sehen. Weder die Presse noch die Aktivisten können so ein Bauwerk unbedingt verhindern, aber sie können den Preis verdeutlichen – und damit vielleicht erreichen, dass nicht alle Großprojekte durchgezogen werden. Man darf die Hoffnung auf Lernprozesse nicht aufgeben.

Energiewende in den Medien – Der Blickwinkel junger Journalisten

„Turn or Burn? Klimawandelszenarios sind oft dramatisch. Wie können Medien einen richtigen Weg zwischen Panikmache und Verharmlosung finden?“ Mit dieser und weiteren Fragen befassten sich die Tagungsteilnehmer in kleinen Workshops.

Schmelzende Gletscher, hungernde Eisbären, überflutete Städte: Nach Meinung der Diskussionsteilnehmer sollten dramatische Bilder dieser Art in der Berichterstattung nicht per se negativ gesehen werden, denn mitunter wirken sie emotionalisierend beim Publikum. Insbesondere bei einem abstrakten Thema wie dem Klimawandel kann ein aufsehenerregendes Foto als „Türöffner“ fungieren und so Interesse schaffen – auch für komplexe Fakten. Jedoch könnten zu viele solcher symbolgeladerner Fotos auch  Abstumpfung beim Rezipienten führen und damit kontraproduktiv sein.

Wie finden Journalisten die Balance?

Gerade das Thema Energiewende scheint anfällig, da die stete Berichterstattung seit den 1980ern bereits zu einem gewissen Überdruss beim Publikum geführt hat. Wie kann es den Medien dennoch gelingen, die breite Öffentlichkeit nachhaltig zu informieren? In acht kleinen Workshops fiel oft der Begriff „lokaler Bezug“. Indem der Journalist die Themen auf den unmittelbaren Lebensraum und alltägliche Dinge „herunterbricht“ und anschaulich Geschichten erzählt statt nur trockene Fakten zu liefern, lässt sich die Komplexität reduzieren und können auch scheinbar ausgetretene Pfade neu erkundet werden. Einige Diskussionsteilnehmer forderten gar ein spezielles Energie-Ressort – wie bei Politik, Wirtschaft oder Kultur –, um alle Seiten zu beleuchten.

Enormes Fachwissen von Nöten

Dieser 360°-Blick könne den Journalisten von einer bipolaren zu einer multipolaren Sichtweise führen und die Gefahr mindern, sich von Lobbygruppen und PR-Agenturen vereinnahmen zu lassen. „Wir dürfen nicht über etwas reden, dass wir nicht verstehen“, betonte der Moderator der abschließenden Workshopzusammenfassung, Prof. Dr. Johannes Grotzky. Das Theme Energiewende ist so komplex, dass die Berichtenden ein enormes Fachwissen haben müssen, um die Thematik korrekt zu vermitteln. Gerade in der journalistischen Ausbildung könnte diesem Aspekt noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Experten wie Studierende waren sich einig, dass ein Bedarf an speziellen Fachjournalisten bestehe. Da uns das Thema wohl noch über Generationen hinweg beschäftigen wird, ein Job mit Zukunft.


Foto: Stefanie Schulze

Sollen die Medien dazu beitragen, die Bereitschaft zum Wandel zu stärken – oder fallen sie damit aus ihrer Rolle als neutrale Vermittler?

 „Es ist wichtig, Themen zu setzen und Fakten zu nennen. Aber es ist nicht Aufgabe der Medien, das Publikum mitzunehmen,“ lautete eine kontovers diskutierte These einer Workshop-Gruppe.


Foto: Julia Habermann

Rund um die Energiewende geht es oft um abstrakte Daten, viele Abkürzungen kommen vor. Wie kann es gelingen, dies für ein breites Publikum verständlich zu vermitteln?

„Es ist für viele schwer zu fassen, was Energiewende eigentlich bedeutet. Mut zur Erklärung sollte daher ein Leitsatz des Journalismus sein.“


Foto: Julia Habermann

Foto: Julia Habermann

Wie können die Medien vermeiden, „oberlehrerhaft“ zu erscheinen?

„Oftmals ist es schwierig, als Journalist nicht oberlehrerhaft zu wirken. Alltagsbeispiele und Personalisierung könnten eine Lösung sein.“


Foto: Stefanie Schulze

Ist nötiges Expertenwissen ein Einfallstor für PR-Inhalte?

„Um sich mit dem Thema umfassend auseinander zu setzen, muss man auch Unternehmensinfos nutzen. Wichtig ist hierbei jedoch Transparenz. Zudem sollte man immer mehrere Meinungen hören und auch abbilden.“


Foto: Julia Habermann

Von Deutschland lernen? In den Medien erscheint es immer wieder so, als sei Deutschland der Klassenprimus in Bezug auf den Klimawandel.

„Wir dürfen nie das eigene Land als Maßstab anlegen für alles, was um uns herum ist.“, resümierte Prof. Dr. Grotzky. „Immer den eigenen Maßstab mit anderen Maßstäben abgleichen, damit man am Schluss auf eine gemeinsame Sprache kommt.“