Beiträge

Ein Tag im Leben Ein Kenianer auf der Bildkorrekturen Konferenz

Samuel Mwangi als fiktionaler kenianischer Durchschnittsbürger besucht die diesjährige Bildkorrekturen Konferenz und gibt Einblicke in das kenianische Leben mit Bezug zur digitalen Vernetzung.

„WLAN ‚Leipziger‘ – Then continue to browser“

Das liest Samuel Mwangi als erstes, als er am 17. November 2016 den dritten Stock des zeitgenössischen Forums in Leipzig betritt. Er ist hier um die Tagung zum Thema „Bildkorrekturen – Digital Divide“ zu besuchen. In seinem Heimatdorf in Kenia gibt es zwar inzwischen Internet, das auch insgesamt stark im ganzen Land verbreitet ist, aber kostenfreies WLAN gibt es trotzdem nicht so einfach an jeder Ecke.

Samuel sieht im Eingangsbereich direkt viele Menschen, die ihre Smartphones gezückt haben, um diese kostenlos zur Verfügung gestellte Internetverbindung sofort zu nutzen. Samuel kommt aus einem ländlicheren Teil Kenias und besitzt zwar ein Smartphone versucht aber damit möglichst selten ins Internet zu gehen, da dort die Preise dafür noch vergleichsweise astronomisch sind.

Samuel ist schon gespannt auf die erste Bildkorrekturen Keynote. Die ganze Konferenz ist auf Englisch ausgelegt, daher hat er auch keinerlei Probleme dem Programm jeder Zeit zu folgen. In Samuels Heimat ist Englisch eine Amtssprache. Über Übersetzungs- oder Ausdrucksfehler wie sie ab und an auf der Konferenz gemacht werden, kann er daher nur schmunzeln. Zum Beispiel erläutert die Moderatorin der Konferenz, Dr. Julia Schmitt-Thiel bevor die erste Keynote beginnt, einige organisatorische Aspekte. Unter anderem fällt die Devise, „widen your angel of view“. Neben Samuel gibt es noch andere Teilnehmer auf der Konferenz, beispielsweise von der Deutschen Welle Akademie, deren Amtssprache im jeweiligen Heimatland ebenfalls Englisch ist. Daher wird der kleine Fehler bald verbessert.

Zusätzlich dazu wird von Schmitt-Thiel auch die Socialmedia Seite der Konferenz vorgestellt. Es gibt mehrere Hashtags für die Konferenz (#digidev und #bildkorr16) und es wurden auch extra Accounts auf allen gängigen Social Media Plattformen angelegt. Samuel findet es interessant, dass auf Instagram und Twitter extra Accounts angelegt wurden. Denn er persönlich hat weder Twitter noch Instagram.

Die junge Frau, die die erste Keynote hält, Julia Manske, ist älter als er, so wie es fast alle auf der Tagung sind. Samuel ist gerade mal 19. Manske hält einen sehr spannenden Vortrag und spricht viele Punkte an, denen Samuel nur zustimmen kann. Dass es durch M-Pesa beispielsweise viel sicherer für Schulkinder geworden ist, da sie ihre Schulgebühren nicht mehr persönlich an einem bestimmten allseits bekannten Tag mit in ihre Schule bringen müssen. Oder aber, dass der Zugang zu Mobilfunk in Kenia inzwischen sehr gut ist, die Preise für eine Internetverbindung dennoch weiterhin zu teuer sind.

Danach gibt es eine kleine Pause bevor es mit der zweiten Grundsatzrede weitergeht. Ein sogenanntes World Cafe findet statt. Dabei sollen sich die Teilnehmer der Konferenz kennenlernen können, während eine Frage zum Thema „digital divide“ diskutiert wird. Samuel stellt sich an einen der Tische und hört sich die Diskussion zu der Frage „How often do you upgrade your gadgets?“ an. Insgesamt sind sich alle einig, niemand muss sofort das neuste vom neusten haben. Samuel passt also mit seinem nicht gerade brandneuen Smartphone fast schon sehr gut zum Rest der Diskussionsrunde.

Nach dieser kurzen Verschnaufpause spricht Eric Chinje. Er ist in Kamerun geboren und schon seit vielen Jahren im Bereich Medien in ganz Afrika tätig. Außerdem ist er der CEO der African Media Initiative. Chinje überrascht Samuel und den Rest seiner Zuhörer und improvisiert einfach mal eben aus dem Ärmel geschüttelt seinen Vortrag, nachdem seine Notizen sich auf seinem Tablet nicht öffnen lassen.

Ein Tablet hat Samuel nicht, aber er findet, dass Chinje mit einem guten Beispiel vorangeht und zeigt, dass es auch ohne funktionieren kann. Trotz dieser Rückkehr ins Analogzeitalter, geht immer noch vieles Digitale im Hintergrund von statten. Auf Instagram und Twitter werden Chinje und seine Keynote noch während des Haltens mehrmals verlinkt und erwähnt. Samuel überlegt sich deshalb ob es nicht doch langsam Zeit wird sich einen Twitteraccount zuzulegen.

Danach machen sich die Konferenzteilnehmer gesammelt auf den Weg zum Leipziger Rathaus. Dort gibt es eine Podiumsdiskussion, die unglücklicherweise für Samuel auf Deutsch gehalten wird. Jedoch wird auch eine Simultanübersetzung für die Englischsprechenden Konferenzteilnehmer angeboten, so dass Samuel die Diskussion trotzdem verfolgen kann.

Es geschieht während der Diskussion wie auch den Rest der Konferenz über vieles gleichzeitig. Einige Studierende der Deutsche Welle Akademie streamen die Podiumsdiskussion live auf der Facebook Seite von Bildkorrekturen. Das bekommt Samuel aber nur durch einige andere anwesende Zuhörer mit, da er zwar einen Facebook Account hat, aber mit seinem Handy wegen den entstehenden Kosten nicht darauf zugreifen will.

Der erste Tag der Bildkorrekturen Konferenz neigt sich dem Ende zu. Samuel fand diesen ersten der drei geplanten Tage unglaublich anregend und er konnte viele neue Eindrücke und Erfahrungen sammeln. Mit freudiger Erwartung auf die nächsten zwei Tage geht er am Abend in sein Bett und ist sich sicher, dass er noch viele weitere interessante Erlebnisse und Möglichkeiten vor sich hat, sich neues Wissen anzueignen. Vielleicht ist es neben Twitter auch an der Zeit sich einen Instagram Account zu holen um das meiste aus der Konferenz und deren vorbildlicher Social Media Präsenz herauszuholen.

Wie weit würdest du gehen, um zu überleben?

Es gibt eine Menge Computerspiele, die sich mit dem Thema Krieg beschäftigen. Doch This War of Mine sticht ganz klar aus der Masse heraus, weil es eben kein Spiel ist, in dem der Held sich mit einer Maschinenpistole bewaffnet und Schlacht um Schlacht gewinnt. Das PC-Spiel , das am 14. November 2014 von 11 Bit Studios veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit den Opfern des Krieges. Das einzige Ziel ist es, am nächsten Tag noch am Leben zu sein. Im Verlauf wird der Spieler ständig mit Extremsituationen konfrontiert und stellt sich dabei moralischen Fragen. „Wie weit würdest du gehen, um zu überleben? Würdest du jemanden töten, wenn du am Verhungern bist?“ sagt Spielentwickler Pavel Miechowski. Es gibt keinen Gewinner, es geht um die pure Vermittlung des alltäglichen Leids.

 

Was kann ein Spiel wie This War of Mine bewirken?

Konflikte im Nahen Osten, wie beispielsweise der Syrien-Krieg, oder aber auch die sogenannte Flüchtlingskrise zeigen, dass das 2014 erschienene Spiel nicht an Aktualität verloren hat. Angesichts der aktuellen politischen Lage ist es sogar wichtiger denn je, sich zu fragen, wie man selbst in einer Krisensituation handeln würde und wie weit man gehen würde, um sein Leben zu retten. Im Folgenden gehen wir der Frage nach, ob das Spiel seinen Ansprüchen gerecht wird und ob es wirklich funktioniert, sich auf diese Weise dem Leid in Kriegsgebieten anzunähern. Können Spiele wie „This War of Mine“ einen authentischen Eindruck vom Leid der Menschen vermitteln? Und dürfen sie das? All diese Fragen sollen in Form von kleinen Let’s Plays und mit Hilfe von verschiedenen Experten beleuchtet werden.

 

Wie sieht das Spiel aus?

Das Spiel des polnischen Entwicklerstudios 11-Bit spielt in einem fiktiven Bürgerkrieg, der optisch an den Balkankonflikt erinnert. Wo genau dieser fiktive Krieg stattfindet ist aber nebensächlich.

In „This War of Mine“ steuert man nicht wie in anderen Simulationen Soldaten, sondern eine kleine Gruppeeinfacher Bürger, die versuchen in der vom Krieg verheerten Stadt zu überleben. Dazu suchen sie Nachts in Ruinen und auch bewohnten Gegenden nach Nahrung und anderen Materialien, mit den Sie ihren Unterschlupf aufwerten können. Zum Überleben sind zunächst einfach Dinge überlebenswichtig, wie etwa ein einfacher Herd oder eine Werkbank, um aus dem zerstörten Unterschlupf eine lebenswürdige Behausung zu schaffen. Eine kleine Entfremdung entsteht dabei durch die 2,5 Dimensionen des Spiels, also eine Draufsicht von der Seite mit angedeuteter Tiefe.

Es bleibt dem Spieler überlassen, ob die Figuren moralisch handeln (nur herrenlose Materialien oder Mittel der Armee einsammeln, anderen Leuten helfen, usw.) oder ob sie stehlen oder gar wehrlose Menschen töten. Verwerfliche Taten wie Diebstahl oder Mord aber auch einfach nur Hunger beeinflussen die Psyche der Charaktere. Das kann von Niedergeschlagenheit bis zu lähmenden Depressionen gehen. Im Zuge des Spiels wird der Spieler mit Gräueltaten, also dem Alltag des Krieges konfrontiert: Vergewaltigungen seitens des Militärs, Übergriffe anderer Zivilisten, Menschen die Nahrung oder Medizin brauchen.

Nach dem Ablauf einer zufälligen Zeitspanne gibt es einen Waffenstillstand, der das Spiel beendet. Bis dahin können jedoch mehrere Monate (mehrere reale Tage Spielzeit) vergehen. Meistens müssen sich die Spieler irgendwann der Entscheidung stellen, ob sie zum Wohl ihrer eigenen kleinen Gemeinschaft anderen schaden oder ihre Charaktere leiden lassen. Nach und nach erfährt man zudem mehr über die Hintergründe der eigenen Charaktere, was die Bindung zwischen Spieler und Figur stärkt und so die Gräuel des Krieges erfahrbar macht.

Die düstere Farbgestaltung der Spielwelt, die elegische Musik sowie der fast permanente sonorisch-dröhnende Hall von Kanonen vergegenwärtigen dem Spieler die Aussichtslosigkeit der Situation.

 

Die Spieler stellen sich vor

Bevor wir angefangen haben, This War of Mine zu spielen, haben wir unsere Erwartungen an das Spiel in kurzen Vorstellungsvideos festgehalten. Unser abschließendes Urteil gibt es ebenfalls in Videoform.

 

Kahwe - konzeptloser Kämpfer

Tag 12: Verluste

Ich startete ziemlich enthusiastisch in das Spiel. Als geübter Spieler bekannter Strategiesimulationen bin ich guter Dinge an die „Arbeit“ gegangen und begann in den ersten Tagen, unserer Behausung auf Vordermann zu bringen. Die jeweiligen Arbeitsprozesse teilte ich nach den Stärken und Schwächen meiner drei Spielhelden ein. Während Katia eine exzellente Händlerin abgab, die unser erbeutetes Gut gewinnbringend verscherbeln konnte, stand der gelernte Koch Bruno meist in der Küche, während Pavle schlief, weil ich ihn nachts regelmäßig auf Beutezug schickte.

Pavle ist für mich ein impulsiver, gutherziger Charakter, der stets versucht Schwächere zu beschützen. Einige Tage zuvor half er einer hilfesuchenden Frau auf der Suche nach ihren Verwandten. Die letzten Vorräte gab er einem hungrigen Kind, das seine kranke Mutter versorgen musste… Wir waren brotlos, aber optimistisch. Pavle erwies sich stets als zuverlässiger Plünderer, der die Leidens-WG am nächsten Tag mit wertvollen Vorräten beglückte.

Der zwölfte Tag begann – wie alle Tage zuvor – aus einer bedrückenden Mischung aus Optimismus und Verzweiflung. Der Supermarkt im Norden der Stadt versprach gute Beute, also entschloss ich mich, Pavle erneut auf nächtlichen Beutezug zu schicken…

Tag 17: Ein jähes Ende?

Nur noch zu zweit kämpften Katia und Bruno im zerbombten Pogoren ums Überleben. Der frühe und überraschende Tod unseres Freundes Pavle brachte das gesamte Versorgungssystem ins Wanken. Seit dem dreizehnten Tag mussten sich Katia und Bruno abwechselnd auf Beutezug begeben, während der/die andere Wache hielt. Schlafmangel, Hunger und Verzweiflung machten sich breit. Während Bruno immer einsilbiger wurde, trauerte Katia nun alleine um Pavle.

Das Duo konzentrierte sich in den nächsten Tagen auf das Wesentlichste. An Verschönerungen oder Verbesserungen am Haus war nicht mehr zu denken. Die Beschaffung von Essbarem um jeden Preis hatte Priorität. Bei einem der Beutezüge verletzte sich Bruno so schwer, dass ich gezwungen war, ihn Medikamente aus dem überfüllten Krankenhaus zu stehlen. Im Nachhinein eine folgenschwere Entscheidung. Ab sofort wurde auf uns geschossen, sobald wir in Sichtweite des städtischen Hospitals auftauchten.

Der verletzte Bruno war keine Hilfe mehr für uns und blieb für die nächsten Tage im Bett. Nur fürs Kochen scheuchte ich ihn hin und wieder auf, damit er aus Katias karger Beute etwas Nahrhaftes zaubern konnte. Als Katia in der 16. Nacht auch noch verletzt wurde, während sie ein Wohnhaus ausraubte und mit leeren Händen nach Hause zurückkehrte, war von meinem anfänglichen Optimismus nichts mehr zu spüren. Katia stand kurz vor dem Hungertod…

Nacht 17: Alle Prinzipien über Bord geworfen

Nachdem Bruno und die völlig erschöpfte Katia die letzten Reserven aufgebraucht haben, hatte ich all meine Vorsätze über Bord geworfen. Vorbei war es mit dem offensiv-impulsiven Spielmodus. Ich wollte nur noch, dass meine beiden Figuren diesen furchtbaren Krieg überleben sollten.

Während Katia ihre Verletzungen auskurierte, schickte ich Bruno los, um lebendig begrabende Menschen aus einem verschütteten Haus zu befreien. War das aus Nächstenliebe? Oder eher die Hoffnung dort etwas Essbares zu finden? Oder wollte ich kurz vor meinem Tod nicht als Krankenhausdieb in Erinnerung bleiben….

Bruno kam mit leeren Händen zurück. Katia lag noch im Bett. Die omnipräsente Verzweiflung machte mir die Entscheidung sehr leicht in das Haus eines alten Ehepaars einzusteigen, um deren Vorräte zu stehlen. Der ultimativen Naturzustand war ausgebrochen…

Sarah - stille Solokämpferin

Tag 1: Das Grau(en) des Krieges

Schon das Startmenü von This War of Mine ist ziemlich beeindruckend. Diese Optik wird sich fortan durch mein Spiel ziehen: Zerbombte Häuser, herumliegende Trümmerteile, Überbleibsel besserer Tage. Obwohl ich die Atmosphäre sehr stark finde, habe ich gleich zu Beginn so meine Probleme mit dem Spiel. Dadurch, dass die Ansicht das komplette Haus zeigt, sind die Charaktere sehr klein und gehen beinahe unter. Mimik, Gestik oder sonst etwas Menschliches, das sie mir ein Stück weit näher bringen könnte, kann ich nicht erkennen. Vielleicht auch nicht unbedingt schlecht, denn so kommt das Grauen des Krieges nicht noch näher an mich als Spieler heran. Und ich kann mich ganz meinem Ziel widmen: Einfach irgendwie überleben, ohne mich zu sehr ins Geschehen hereinziehen zu lassen…

Tag 5: Unverhoffte Hilfe

Bisher bin ich wirklich sehr vorsichtig auf meinen nächtlichen Plünderzügen vorgegangen, weshalb mir in erster Linie Lebensmittel und Medizin fehlen. Meinen ersten Beutezug mit Pavle habe ich abgebrochen, weil in dem Wohnhaus noch zwei Menschen waren und ich nicht riskieren wollte, dass die Situation eskaliert. Nachts wurde mein Unterschlupf bereits mehrfach von Räuberbanden überfallen, da ich keine Vorkehrungen gegen Einbrecher getroffen habe. Am Tag 5 klopft es an meiner Tür. Dieses Mal ist es kein Tauschhändler, der dort steht, sondern mein Nachbar, der mir Hilfe anbietet. Ich bin froh, endlich Nahrungsmittel zu bekommen. Lange hätten meine Leute es auch ohne nicht mehr ausgehalten.

Nacht 5: Plündern oder geplündert werden, das ist hier die Frage

In der fünften Nacht steige ich mit Bruno in ein Reisebüro ein. Dort entdecke ich zum Glück ein paar Lebensmittel, die ich immer noch sehr gut gebrauchen kann. Ich befinde mich gewissermaßen in einer Zwickmühle: Ich muss nächtlich neue Güter heranschaffen, laufe aber parallel Gefahr, dass mein eigener Unterschlupf von anderen Plünderern ausgeraubt wird. Dafür lohnt sich aber der Besuch im Reisebüro und ich nehme einiges mit. Einziges Problem dabei: Bruno wird angegriffen und verletzt, da er zuvor an Privatbesitz gegangen ist.

Tag 14/Nacht 14: Der letzte Überlebende

In den letzten Tagen habe ich mich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Am Tag 10 hat es an meiner Tür geklopft und meine Nachbarn haben mich um Hilfe gebeten. Obwohl sie mich zuvor selbst unterstützt hatten, musste ich sie zurückweisen. Bruno hat sich bei dem Angriff im Reisebüro nämlich doch schwerer verletzt als angenommen. In der Nacht 12 ist er an seinen Verletzungen gestorben, da mein Medizin-Vorrat zu klein war.  Auch Marko hat es in der Nacht 13 erwischt, sodass ich mich ab Tag 14 mit Pavle als Einzelkämpfer durchschlage. Das Traurige daran: Alles funktioniert besser als zuvor mit drei Charakteren.

Tag 23: Versagt

Eigentlich war es bis zum Ende hin ein Leichtes, sich allein durchzuschlagen. Die Plünderzüge in der Nacht waren gefühlt erfolgreicher, da das gefundene Essen nur noch für Pavle benötigt wurde. Das einzige Problem bestand darin, dass er tagsüber Schlaf nachholen musste und deshalb weniger im Unterschlupf bauen konnte. Jegliches Klopfen an der Tür habe ich aus dem Grund auch ignoriert. Am Tag 22 konnte ich Pavle nicht mehr steuern, da er am Boden zerstört gewesen ist. Die Plünderzüge und der nicht aufhören wollende Krieg haben ihm zu stark zugesetzt. Einen Tag später erhängt er sich…

Elena - ehrgeizige Erntediebin

Nacht 4: Gold verliert schnell seinen Glanz

Heute Nacht muss ich Zlata raus schicken, Pavle ist etwas angeschlagen. Er muss sich ausruhen. Zlata kann zumindest genauso viel tragen, wie er. Anton und Cveta halten Wache, Pavle braucht Schlaf. Gut, dass sie zumindest Betten haben.

Sie brauchen Essen, da wird es nötig sein, in die Autowerkstatt zu gehen. Pavle war schon mal dort. Da lebt noch ein junger Mann mit seinem kranken Vater. Er ist bereit gewisse Sachen für Medikamente zu tauschen. Aber ich habe gerade keine Medikamente da. Ich lasse Zlata einpaar Heilpflanzen mitnehmen, vielleicht kann sie dafür etwas zum Essen bekommen.

Sie ist kein Kämpfer, aber alles lasse ich auch nicht mit ihr machen. Für die Heilpflanzen will der junge Mann nicht mal eine Konserve Essen rausrücken. Und selbst die Waffenteile, die ich ihm für die Kräuter abgenommen habe, hat er nur begrenzt rausgerückt. Ich hätte drei Waffenteile gebraucht. Bekommen habe ich aber nur zwei. Damit kann ich zwar nicht viel basteln, aber es ist ein Anfang. Vielleicht finde ich bei einem nächsten Beutegang noch einpaar, mit denen ich dann endlich eine ordentliche Waffe bauen kann.

Der Vater ist etwas aggressiv geworden, da habe ich Zlata auf sie losgehen lassen, weil ich nicht wusste, was ich erwarten sollte. Dass der Bursche aber eine Pistole zieht, hätte ich nicht erwartet. Jetzt ist Zlata tot – er hat sie erschossen, als sie anfing, auf ihn einzuprügeln.

Das heißt, dass ich mich von nun an nur auf Pavle für die nächtlichen Beutezüge beschränken muss. Ich kann mir vorstellen, dass Cveta und Anton anfälliger für Krankheiten und Verletzungen sind, weil sie älter sind. Und außerdem haben sie ein kleineres Inventar als Pavle.

Tag 5: Die Gründe für Depression kann man an den Fingern einer Hand abzählen…

Oder eben nicht! Zlatas Tod macht den anderen Figuren etwas zu schaffen. Sie sind nun nicht nur traurig, sondern auch depressiv. Sie haben das Bedürfnis zu reden, was einen relativ großen Zeitraum am Tag einnimmt. Die kleinen Aufgaben, die sie im Haus haben, wie Brennmaterial oder Wasserfilter herstellen oder gar etwas bauen, dauern jetzt länger als vorgesehen, da sie mitten im Prozess aufhören, um aufgebend den Kopf zu schütteln.

Nacht 5: Like a dog without a bone – Gewissenlos für das eigene Wohl

Pavle zieht heute los, Anton und Cveta halten Wache. Es muss Essen beschafft werden. Die sicherste Variante ist das stille Häuschen, wo das ältere Pärchen lebt.

Pavle kann leider keine Rücksicht auf sie nehmen, sonst verhungert er selbst bald. Essen und Medikamente werden eingepackt, egal was der alte Mann sagt, der ihm ständig durchs Haus folgt und hilflos zusehen muss, wie er ausgeraubt wird. Töten muss Pavle ihn nicht, und seine blinde Frau erst recht nicht. Sie haben keine Waffen, können ihm nicht gefährlich werden. Pavle lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, obwohl die immer hinter ihm lungernde Gestalt schon etwas aus beunruhigend ist. Trotzdem keinen Grund, um jemanden auf dem Gewissen zu haben.

Tag 6: Dem Gewissen kann selbst Pavle nicht entrinnen

Egal wie schnell er läuft, sein Gewissen hat ihn eingeholt. Er läuft kopfschüttelnd durchs Haus und fragt sich ständig, wie er das tun konnte. Er hat den alten Leuten nichts Essenzielles gelassen – kein Essen, keine Medizin. Er bekommt sie nicht aus dem Kopf: Werden sie es schaffen? Werden sie überleben? Ich habe ihnen alles genommen…

Cveta kocht in der Zwischenzeit etwas…

Nacht 16: Take me to church… Vorsicht geboten!

In der Beschreibung stand: Vorsicht geboten. Also hat Pavle diesmal Gewehr und Messer dabei. Die Kirche ist riesig. Er wird bestimmt auf seiner Suche fündig.

Der Kerl, der hinten in der Ecke sitzt, heißt ihn zwar willkommen, aber ich glaube kaum, dass er noch so freundlich sein wird, wenn Pavle sich an seinem Hab und Gut vergreift. Er muss aus dem Bild geschaffen werden.

Das Messer ist weniger aufsehenerregend, als das Gewehr. Aber dem Typ, der aus dem Keller zur Hilfe eilt, droht ein ähnliches Ende. Der Beutezug müsste nun ohne Probleme verlaufen.

Es gibt noch mehr Leute in der Kirche… drei Frauen stehen genau vor dem, was Pavle braucht. Und weil er schon damit angefangen hat, macht er den Job nun fertig. Er kann nicht so viel tragen und muss also wieder die Kirche aufsuchen. Da wäre es natürlich praktisch, wenn er keine Hürden bei dem Sammeln hat.

Tag 18: Charakterlose Hülle seiner selbst

Pavle kann mit den Morden, die er begangen hat, nicht umgehen. Keine Rechtfertigung ist ausreichend, um sein Gewissen auch nur ein kleines bisschen zu beruhigen. Er ist vollkommen zerstört und zu nichts zu gebrauchen. Er kommt noch nicht mal aus dem Bett. Vielleicht sollte ich ihn einige Nächte lang daheim lassen und er kann sich vielleicht ausruhen. Dann ist er möglicherweise in einigen Tagen wieder bei Kräften und kann wieder losziehen.

Tag 21 : Ende, wem Ende gebührt

Pavle hat sich erhängt… Anton ist nun alleine. Er ist extrem deprimiert. Wenn ich das nicht schnell ändern kann, dann droht ihm das gleiche Schicksal wie Pavle.

Dennis - dufter Dorfpolizist

Tag 4 – Die Unbill des Krieges

Nachdem man sich etwas orientiert hat wird schnell klar, wie knapp die Nahrung wirklich ist. Mit viel Glück ist in den Häusern ein wenig Nahrung zu finden. Dafür müssen oft andere Dinge zurückbleiben. Jeden Tag für drei Menschen Mahlzeiten bereitzustellen scheint fast unmöglich, wenn sich nicht noch wahre Fundgruben auftun. Auch das Wasser ist knapp. Die Freude über ein Bröckchen Fleisch vergeht schnell, wenn man merkt, dass es für die Zubereitung an Flüssigkeit mangelt. Zwar blieb Pavle auf seinen Streifzügen bisher unbehelligt, dafür versuchten in der vergangenen Nacht Plünderer in unser Haus einzudringen. Katia wurde verletzt. Mehr Wachen aufzustellen ist nicht möglich, ansonsten würden alle den Tag verschlafen. Katias Wunden können wir vorerst versorgen. Hoffentlich passiert nun nichts Gravierendes.

Nacht 5 – Heldentat

Tag 6 – Gräuel

Neben der Knappheit von – ja eigentlich allem, haben wir nun andere, unmittelbarere Kriegsgräuel kennengelernt. Im Radio wird von Massengräbern in anderen Städten berichtet. In unserer Nähe wurde ein Haus zerstört und ich habe Katia losgeschickt, um zu helfen, die Überlebenden zu bergen. Aber live mitbekommen haben wir es erst in der vergangenen Nacht. Mein Angriff war eher eine Kurzschlussreaktion und ich hätte nicht gedacht, dass Pavle mit einem Küchenmesser gegen den vollbewaffneten Soldaten bestehen kann. Pavle wurde schwer verletzt, aber das Mädchen konnte entkommen. Jetzt wird es schwierig, da unser Held wohl lange Zeit ausfallen wird. Aber ich bin froh, dass ich geholfen habe. Auch wenn es hätte schief gehen können.

Tag 9 – Für uns oder für andere?

Nacht 14 – Rettung an der Scharfschützenkreuzung

Wir schlagen uns wacker. Immer wieder gibt es Krankheiten und Überfälle bei Nacht, bei denen meine Charaktere verletzt werden. Aber häufig schaffen es Bruno und Katia schon mit einer großen Mütze Schlaf wieder auf die Beine zu kommen. Mit den Fallen für Ratten und ähnliche Kleintiere kommen wir einigermaßen über die Runden (in der Not…). Pavle hat in der vergangenen Nacht an der sogenannten „Scharfschützenkreuzung“ einen verletzten Mann zu seinem kleinen, kranken Sohn zurückgebracht. Er wird zu einem richtigen Helden. Dafür hat er allerdings auf dem letzten Meter noch einen Treffer kassiert. Zum Glück hatte er die Schutzweste an, die wir gefunden haben. Es ist gut, wenn man anderen helfen kann. Aber nach den ersten zwei Wochen sind mir die Charaktere sehr ans Herz gewachsen. Selbst der recht brummige Bruno. Daher werde ich es mir nun immer zweimal überlegen, sie in Gefahr zu bringen.

Tag 22 – Ein Fluchtboot für vier

Vor fünf Tagen kam Zlata zu uns. Eine ehemalige Musikstudentin. Im ersten Moment war ich etwas enttäuscht; einen Handwerker hätten wir besser gebrauchen können. Aber sie kann sehr gut Gitarre spielen und heitert damit die anderen auf. Außerdem hat sie in der vergangenen Nacht Essen von einem Hilfscontainer besorgen können. Es ist schon merkwürdig. In der Regel ist man ja derjenige, der für solche Hilfscontainer spendet. Nun ist man der Adressat, das lässt noch mehr mit echten Kriegsleidenden mitfühlen. Trotz den Hilfsmitteln wird es nicht leichter gleich vier Leute täglich satt zu bekommen. Ich habe dennoch Pavle losgeschickt, um einem verhungernden Obdachlosen etwas von unseren Vorräten abzugeben.

Am Hafen habe ich den Schmuggler Karel getroffen. Er bietet uns an, uns mit seinem Boot aus der Stadt zu bringen. Dafür verlangt er aber eine exorbitante Menge Schmuck. Trotz des kleinen Vermögens, das Pavle von dem Mann an der Scharfschützenkreuzung bekommen hat, konnte wir uns die rettende Überfahrt nicht leisten. Aber Karel versprach uns bald wieder aufzusuchen. Nach einigen verzweifelten (und nicht ungefährlichen) Suchaktionen, stieß Pavle schließlich hinter einer verschlossenen Gittertür auf das gesuchte Kleinod. Es war kein Stehlen, aber wenn ich ehrlich bin, wäre ich wohl bald dazu bereit gewesen, um meine Leute endgültig in Sicherheit bringen zu können. Nun müssen wir nur noch warten, bis Karel wieder bei uns anklopft…

Tag 26 – Es ist Karel!

Nacht 26 – Leichtsinnig

Tag 27 – Vorwürfe und Hoffnung

Ich bin zu selbstsicher geworden. Pavle, der gute, unermüdliche Pavle ist in einem Lagerhaus angeschossen worden. Er ist schwer verletzt und ist gerade noch so davongekommen. Schon als er sich noch die letzten Meter aus dem Bildschirm geschleppt hat, habe ich mir große Vorwürfe gemacht. Zum Glück gibt es genug Bandagen. Die anderen machen sich große Sorgen, aber ich hoffe, dass Pavle mit etwas Pflege wieder auf die Beine kommt. Immerhin sind mit Zlata drei Leute da, die weitermachen können. Wir haben nun unser Ticket nach draußen. In unserem Inventar ruht ein unscheinbarer Zettel, der uns die Überfahrt bescheinigt und den weiteren Fluchtweg kennzeichnet. Im Radio heißt es sogar, dass der Krieg bald vorbei sein könnte. Friedenstruppen seien auf dem Weg. So oder so, sollte der Kampf ums Überleben für meine Charaktere bald vorbei sein.

Tag 29 – Flucht durch den Schnee

Epilog – Überlebt!

Wir haben es geschafft! Gerade als der Winter einbrach und alles unter einer Schneeschicht verschwand, klopfte Karel wieder an die Tür. Und das war alles. Mit seinem Boot entkamen alle meine vier Charaktere und ließen ihren Unterschlupf hinter sich. Die Bruchbude, die sie in den vier Wochen so mühevoll zu einem Zuhause ausgebaut hatten. Eigentlich war es gar nicht schlecht. Wir hatten Fallen für etwas Frischfleisch, Regenwassersammelbecken, einen Gemüsegarten, einen guten Ofen, sogar eine Destille und eine Gitarre. Wahrscheinlich hätten wir noch eine weitere Woche durchgehalten. Aber ich bin froh, dass wir das nicht herausfinden mussten. Im Epilog wird erzählt, dass alle ihre Familien und Freunde wiedergefunden hätten. Es ist also ein Happy End.

Unsere Experten

Der Spielentwickler

Pavel Miechowski von den 11 Bit Studios im Chat-Interview

Der Computerspiel-Professor

15577618_342905719398954_1474536770_n

Fünf Fragen an Prof. Dr. Jochen Koubek (Professor für Angewandte Medienwissenschaft und Digitale Medien an der Universität Bayreuth)

Kennen Sie This War of Mine?

Ich habe es gespielt, als es herausgekommen ist. Aus meiner Sicht ist es ein sehr gelungenes Spiel, das nicht auf Vergnügen und Spaß abzielt, sondern eine zum Teil sehr beklemmende Atmosphäre schafft.

Was ist Ihrer Meinung nach die Aufgabe von Computerspielen?

Wie andere Mediengattungen haben auch Computerspiele verschiedene Funktionen. Im Fokus steht natürlich oft der Unterhaltungswert, aber weshalb sollte ein Spiel nicht auch einmal ein ernstes Thema aufgreifen? This War of Mine zeigt, dass das klappen kann. Ein Film hätte mit dem gleichen Setting und den gleichen Figuren sehr wahrscheinlich nicht die gleiche Wirkung erzielen können. Das Spiel ermöglicht es, eine ganz eigene Geschichte zu erleben und eigene Entscheidungen zu treffen. Der Spieler übernimmt in diesem Fall die Verantwortung für sein Handeln und schaut nicht bloß zu, wie er es bei einem Film der Fall wäre.

Was macht die Simulation This War of Mine so besonders?

Der Begriff Simulation ist in dem Kontext nicht ganz treffend. This War of Mine ist vielmehr ein rhetorisches Spiel, eine Art Modell. Das Spiel ist der Versuch, dem Spieler das Überleben in Kriegssituationen näher zu bringen. Selbst wenn man den Alltag der Menschen in Krisengebieten nicht kennt, bekommt man einen Eindruck davon, wie schlimm es dort sein muss. This War of Mine ist weitaus realistischer als andere Spiele, in denen ein einziger Held ein ganzes Dorf rettet. Es zeigt, dass der Kampf ums Überleben nicht im Handumdrehen gewonnen werden kann. Natürlich ist das Spiel auch fehlerhaft, aber das haben Modelle so an sich.

Was hätten Sie an dem Spiel noch verbessert?

Ein Multi-Player-Modus wäre sicherlich interessant gewesen.

Gibt es einen Trend in der Games-Branche hin zu solchen Spielen mit ernsteren Thematiken?

Die Nachfrage nach „ernsteren“ Spielen ist definitiv da. Vor allem in den Independent-Studios hat man gemerkt, dass viele langsam genug haben von den immer währenden Kämpfen gegen Aliens und Co. Themen wie Überwachungsskandale beschäftigen die Menschen und sind deshalb auch als Spiel-Gegenstand geeignet.

Der Computerspiele-Profi

Kriegsspiel ohne Spektakel
„This War of Mine“ macht keinen Spaß, ist aber lehrreich

Die meisten Computer- und Videospiele – siehe die „Call of Duty“-Reihe – inszenieren Kriege als ein unterhaltsames Spektakel. Spielerische Tiefe, die Konsequenzen der eigenen Taten, aber auch das Schicksal der Zivilisten entfallen dabei komplett. Das Computerspiel „This War of Mine“ des polnischen Entwicklerstudios 11 Bit Studios zeigt bereits mit seinem Einstiegssatz von Ernest Hemingway, dass es eine andere Richtung einschlägt: „Im modernen Krieg krepiert man wie ein Hund und ohne guten Grund.“

In dem Titel gibt es keine Helden oder pompöse Acrion. Es geht schlicht und einfach um das Überleben von Zivilisten in einer vom Krieg zerstörten Stadt. Die Grafik präsentiert sich in einem düsteren 2,5D-Look mit intensiven Farbfiltern. Den einzelnen Überlebenden muss der Spieler unterschiedliche Aufgaben zuweisen. Pavle ist ein schneller Läufer und guter Bastler, Bruno liegt eher das Kochen. Im Spielverlauf müssen aus verschiedenen Einzelteilen überlebensnotwendige Gegenstände wie Betten, Öfen oder Erste-Hilfe-Pakete gebastelt werden. Am linken Bildrand stehen die aktuelle Tageszeit und die Temperatur. Sinkt die Wärme unter ein bestimmtes Level, erkranken die Spielfiguren und sterben bei fehlender Erholung beziehungsweise Medikation.

Am Ende eines jeden Tages weist der Spieler den Figuren für die Nacht noch einmal verschiedene Tätigkeiten zu. Pavle und Bruno bleiben zu Hause und ruhen sich aus, Marko geht auf den nächtlichen Beutezug in einen verwüsteten Supermarkt und sucht nach Konserven. Nahrung und Gegenstände, die in das begrenzte Inventar passen, können im eigenen Haus wiederum in zahlreiche Verbesserungen investiert werden, beispielsweise in ein Radio, um den Verlauf des Krieges mitzuverfolgen, oder einfach nur, um den Ofen mit Brennmaterial zu versorgen.

„This War of Mine“ ist ein schweres Spiel. Sterben die Spielfiguren, bleiben sie für den Rest der Partie auch tot. Zu Beginn wird dem Spieler nichts erklärt, alles muss er sich selbst erarbeiten. „This War of Mine“ ist aber nicht nur schwer, sondern auch unfair. Haben sich die Überlebenden nach mehreren Wochen bereits einigermaßen häuslich eingerichtet und verschiedene Medikamente zur Verfügung, stirbt eine Figur bei einem nächtlichen Beutegang durch einen Scharfschützen, der sich in einem Haus versteckt hielt. Fehler werden gnadenlos bestraft, die Spielmechanik erzeugt beim Spieler nie ein Gefühl der Überlegenheit oder Beherrschbarkeit. Jetzt könnte man den Entwicklern Schlamperei beim Gamedesign vorwerfen. Aber gerade durch diese Unberechenbarkeit vermittelt der Titel eindrucksvoll die lähmende Machtlosigkeit von Menschen im Krieg. Spaß macht das nicht immer unbedingt und Unterhaltung sucht man vergebens. Vielmehr zeigt „This War of Mine“ den Überlebenskampf von Menschen, deren Existenz jeden Tag aufs Neue am seidenen Faden hängt. Und, dass Computerspiele nicht immer Spaß machen müssen.

Denis Gießler

Der Psychologie-Doktor


Vier Fragen an Dr. Markus Barth (Doktor der Psychologie vom sozialpsychologischen Institut der Universität Leipzig).

1. Halten Sie ein solches Spiel für ein adäquates Mittel, die Eindrücke von Kriegsopfern zu vermitteln?

Das Spiel bietet einen Blick auf die Situation von Menschen in Kriegsgebieten. Die sozialpsychologische Forschung hat gezeigt, dass die Fähigkeit, sich in eine andere Person und deren Lebensumwelt hineinzuversetzen, förderlich für das Empfinden von Empathie und Anteilnahme ist. Diese Reaktionen stehen wiederum mit prosozialem Verhalten in Zusammenhang. Im Spiel sehen die Spielenden die Welt durch die Augen der Zivilbevölkerung. Im Idealfall führt das all die schrecklichen Konsequenzen eines Krieges vor Augen und sensibilisiert für das Thema. Ein Spiel kann vielleicht insbesondere solche Zielgruppen erreichen, die andere Wege der Wissensvermittlung weniger attraktiv finden.

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema könnte bei einzelnen Spielenden aber auch unangenehme Gefühle wecken. Es ist fraglich, ob das Spiel geeignete Mittel hat, um Spielende beim Umgang mit diesen Gefühlen zu unterstützen.

2. Kann man überhaupt Ängste (eines Krieges, eines Überlebenskampfes, generell) über PC-Spiele nachvollziehen?

Das ganze Ausmaß einer solchen Extremsituation lässt sich mit einem Spiel sicher nicht nachempfinden. Das Spiel kann aber näherungsweise Rahmenbedingungen schaffen, in denen in abgeschwächter Form Reaktionen bei den Spielenden generiert werden, die typisch für eine bedrohliche oder bedrückende Situation sind. Ganz ähnlich sollen psychologische Laborstudien ja auch nicht Alltag simulieren, sondern Voraussetzungen schaffen, in denen Menschen das interessierende Erleben oder Verhalten zeigen. Spielende werden also in der Regel keine Todesängste ausstehen. Reaktionen wie Anspannung, Verunsicherung oder vielleicht auch Trauer als Ergebnis der Atmosphäre oder der Aufgabenstellung des Spieles sind aber denkbar.

3. Wie hoch schätzten Sie die Gefahr einer Trivialisierung der Inhalte durch die Mechaniken des Spiels (Plündern und Morden nur um Willen des Spielerlebnisses oder des Erreichens von Erfolgen)?

Problematisch wäre es dann, wenn das Spiel unmoralisches Verhalten gezielt belohnte, etwa durch Lob, Anerkennung oder die höchste Punktzahl für die meisten Opfer im Spielverlauf. Dadurch würde ein Lernprozess einsetzen, der vermittelt, dass unmoralisches Verhalten geschätzt und gewünscht ist. Wenn aber auch die negativen Konsequenzen unmoralischen Verhaltens für andere und für das Selbst (Stichwort psychische Belastung) dargestellt werden und als hinreichend unangenehm erlebt werden, ist es weniger wahrscheinlich, dass die Spielenden lernen, weniger moralisch zu sein. Ohnehin scheint das Spiel kein Spiel im üblichen Sinne zu sein. Unterhaltung und Zerstreuung stehen nicht im Vordergrund.

4. Was halten Sie von der Tatsache, dass den Spielern die Wahl gelassen wird, ob sie sich moralisch korrekt oder verwerflich verhalten (inklusive Strafen wie Selbstvorwürfe der spielbaren Charaktere)?

Eine möglichst große Handlungsfreiheit erlaubt es Spielenden, tiefer in die Spielwelt einzutauchen. Wenn es das Ziel der Entwickler war, einen schonungslosen Einblick in das Wesen des Krieges zu geben, dann unterstützt Handlungsfreiheit dieses Vorhaben. Verbote oder vorgegebene Entscheidungen, zu denen es keine Alternativen gibt, werden dagegen von vielen Menschen als störend, teils sogar als ärgerlich empfunden. Wir sind dann häufig motiviert, uns gegen diese Verbote oder Beschränkungen aufzulehnen.

Verbotenes wird zum Teil geradezu anziehend und attraktiv. Es wäre fatal, unmoralisches oder verwerfliches Verhalten auf diese Weise interessant zu machen. Die negativen Folgen, die unmoralisches Verhalten im Spiel hat, können auf subtilere Art dafür sorgen, dass bei späteren Entscheidungen im Spiel die Wahl auf moralisches Verhalten fällt (und dadurch die negativen Folgen vermieden werden können).

 

Unser Fazit

 

 

 

Digitalisierung ohne Nebenwirkungen? Estland ist Europas digitaler Musterschüler. Doch sind die Esten selbst so weit wie die Politik und Infrastruktur ihres Landes? Ihr Beispiel zeigt, wie ein komplett vernetzter Alltag eine Gesellschaft verändern kann.

Man stelle sich vor: Wer seine Steuererklärung machen will, erledigt das mit ein paar Klicks online. Für ein Rezept vom Hausarzt kann der PC gleich an bleiben. Und das achtjährige Kind schreibt als Hausaufgabe nebenan seine ersten HTML-Codes. Was in Deutschland nach Zeitreise klingt, ist nur eine Flugreise entfernt: Willkommen in Estland.

Weiterlesen

“Habe ich etwas Falsches gesagt?” Der indische Blogger und Journalist Sanjay Kumar kämpft mit seiner Arbeit für Meinungsvielfalt in Indien und gegen den Kurs der neuen Regierung. Im Interview spricht er mit Erik Häußler, Johanna Sagmeister und Marlene Thiele über Journalismus in Indien, Denkverbote und Twitter-Trolle.

Sanjay Kumar, Sie arbeiten seit 20 Jahren als Journalist in Indien und wurden dort auch ausgebildet, inzwischen arbeiten Sie aber hauptsächlich für die ARD und andere nicht-indische Medien vor Ort. Wie kommt das?

Kumar: In der Vergangenheit wurden unbequeme Wahrheiten unterdrückt und Journalisten haben ihre Jobs verloren. Das hat dazu geführt, dass die meisten indischen Medien einseitig berichten. Wir müssen aber auch die andere Seite erzählen. Deshalb wird die Rolle von internationalen Medien wichtiger, weil sie dieses einseitige Bild der hiesigen Medien erweitern.

Twitter-Interview mit Sanjay Kumar: Was ist der größte Unterschied zwischen indischem und deutschem Journalismus? “Ich glaube, es kommt darauf an, was für eine Art Journalismus man praktiziert. Liberaler Journalismus wird in Indien belagert, jedoch nicht in Deutschland.”

 

Warum berichten indische Medien nicht ausgewogen? 

Kumar: Schauen wir uns beispielsweise den indisch-pakistanischen Konflikt an. Traditionsgemäß gab es schon immer nur eine Erzählweise. Es wurde die Haltung der Regierung übernommen – und das ist eine sehr nationalistische. Dabei haben die Medien ihre eigentliche Rolle vergessen: die Menschen aufzuklären und verschiedene Realitäten und Wahrheiten wiederzugeben. Und aktuell wird durch die neue hindu-nationalistische Regierung unter Narendra Modi versucht, indische Muslime noch stärker auszuschließen. Dagegen wehre ich mich. Ich kämpfe dafür, wieder eine größere Liberalisierung zu erreichen.

Was bedeutet Twitter für Sie als Journalist? “Durch Twitter halte ich mich auf dem aktuellen Stand der Dinge und bleibe informiert und werde alarmiert wenn sich Situationen entwickeln. Für mich ist es gleichzeitig auch eine Kriegszone, in der ich Rechtsextreme konfrontiere.”

 

Wer ist Sanjay Kumar? Der 46-jährige Journalist stammt aus der ostindischen Stadt Mokama. In Delhi hat er Englische Literatur und Linguistik studiert und in Chennai die Journalistenschule besucht. Seit über acht Jahren arbeitet er nun als TV-Produzent für das ARD-Studio in Delhi und schreibt seit sechs Jahren für die pakistanischen Zeitungen Express Tribune und Dawn. Das ganze Porträt lest ihr hier.

Wieso sind gerade soziale Medien dafür ein gutes Mittel?

Kumar: Ich bin jetzt seit rund sechs Jahren auf Twitter aktiv und nutze es immer häufiger. Es bietet mir eine neue Möglichkeit, mich auszudrücken und mich mit anderen auszutauschen. Gerade deshalb, weil ich auf Twitter ein anderes Publikum erreiche. In meinem Fall sind das viele Follower aus Pakistan, weil ich für das pakistanische Online-Medium “The Diplomat” schreibe. Dafür ernte ich dann wiederum viele Hasskommentare. Es wird mir vorgeworfen, ich sei ein Agent der pakistanischen Regierung und werde für deren Zwecke missbraucht.

Von wem kommen diese Anfeindungen?

Kumar: Viele meiner indischen Follower sind vom rechten Flügel, die auch bei uns die Foren im Internet dominieren. Es gibt viele Trolle. Gerade wenn es um den indisch-pakistanischen Konflikt geht, herrscht eine gewalttätige Sprache. Sie wollen im Grunde, dass ich Selbstzensur betreibe, aber das werde ich sicher nicht. Viele meiner Kollegen hingegen tun es. Der freie Raum für Journalisten schrumpft.

Wie gehen Sie mit den Kommentaren um?

Kumar: Nach meinem letzten kritischen Bericht bekam ich 5000 hasserfüllte Kommentare – das ging eine Woche lang so, ununterbrochen. Das war zu einer Zeit, als der Konflikt sehr angespannt war. Ich antworte nicht auf die Kommentare, aber ich lösche sie auch nicht. Mir sind die egal.

Wer sind ihre Twitter Follower? “Meine Twitter Follower sind Intellektuelle, Gegner und Freunde. Meine Gegner sind beleidigend und intolerant.”

 

Lassen Sie die Reaktionen wirklich so kalt? Haben Sie keine Angst, dass Sie auch außerhalb des Internets angegriffen werden?

Kumar: Naja, als es so schlimm war, dachte ich morgens vor dem Joggen schon, ob ich heute nicht besser eine andere Route laufe. Gerade wenn so viel kommentiert wird und selbst enge Freunde sagen: „Schande über dich”, fühle ich mich nicht nur professionell, sondern auch persönlich angegriffen und frage mich: Habe ich etwas Falsches gesagt?

Wie schaffen Sie es dann, sich nicht entmutigen zu lassen?

Kumar: Ich sage mir dann immer wieder, dass alle, die regierungskritisch berichten, von Trollen betroffen sind. Manchmal werde ich ja sogar selbst zum Troll. lacht

Wen konfrontieren Sie, wenn sie selbst zum Troll werden?

Kumar: Ich konfrontiere berühmte Meinungsmacher auf Facebook und sage ihnen, dass sie ihren Pflichten als aufklärender Journalist nicht gerecht werden. Viele Menschen lesen deren Artikel, mit welchen sie dem rechten Flügel in die Hände spielen. Ich sage ihnen, dass sie ehrlich sein sollen und es als studierte Menschen und Intellektuelle doch eigentlich besser wissen müssen. Ich fordere Sie auf Facebook und Twitter heraus, indem ich sage: Nein, du liegst falsch.

 

Wie wird sich Indien digital entwickeln? “Digitale Medien werden größer. Beobachten sollte man, welchen Einfluss digitale Medien auf den politischen Diskurs haben. Wird es zum Gefangenen der Rechten?

 

Wie werden sich die digitalen Medien in Zukunft auf den politischen Diskurs auswirken?

Kumar: Im Moment ist das Vertrauen in Zeitungen noch größer als das in die Meinungen im Netz. Aber den Leuten fällt es zunehmend schwerer, sich blind auf die traditionellen Medien zu verlassen. Im Internet erhält man nur Vertrauen, wenn man als unparteiisch gilt und nicht mit einer bestimmten Partei in Verbindung gebracht wird. Ich werde zum Beispiel nicht mit einer bestimmten politischen Partei assoziiert, sondern mit einem Standpunkt. Ich glaube, dass das liberale, säkulare Indien im Interesse der Menschen dieses Landes ist. Aber wir müssen aufpassen, dass das Internet nicht zum Gefangenen der Rechtsextremen wird.

 

Was ist ein Inder ohne Smartphone? “Ohne Smartphone ist man weniger privilegiert, am Rand des politischen Diskurses und unberührt von rechter Propaganda. Aber auch nicht Teil eines neuen politischen Diskurses.”

 

Hilft Digitalisierung dabei, dem Volk eine Stimme zu geben oder unterdrückt es Stimmen? 

Kumar: Ich denke, dass beides der Fall ist. Natürlich kann ich meine Meinung sagen und damit auch viele Menschen erreichen. Gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, dass hierzulande rechte Stimmen das Internet dominieren und andere unterdrücken. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass viele Inder im Alltag immer noch um ihre Lebensgrundlage kämpfen. Für sie hat die Digitalisierung nicht oberste Priorität. Es wird daher noch eine lange Zeit dauern, bis alle Menschen in Indien an das Internet angeschlossen sind und an der Digitalisierung teilhaben können.

Estland: Auf dem Weg zum europäischen Silicon Valley

Der Baltenstaat Estland hat sich zu einem Zentrum für junge, kreative Technologieunternehmen entwickelt. Zahlreiche Start-ups träumen von einer Erfolgsgeschichte wie der von Skype.

Von ein wenig Schnee lässt sich der Roboter nicht aufhalten. Kerzengerade fährt er mit seinen sechs Reifen den verschneiten Weg entlang, schon von weitem ist er an einer roten Fahne zu erkennen, wie sie Kinder an ihren Fahrrädern haben. Liis Kängsepp wischt mit den Fingern über den Bildschirm ihres Smartphones. Gleich zwei der Roboter sind auf dem nächsten Foto zu sehen, wie sie an einer roten Ampel darauf warten, die Straße überqueren zu können. „Sind sie nicht süß?“, fragt Kängsepp.

Kängsepp, Wirtschaftsjournalistin aus Estland, könnte noch unzählige Fotos zeigen, sie folgt dem Instagram-Account der kleinen Fahrzeuge, die vom estnischen Start-up Starship Technologies entwickelt wurden und deren Aufgabe es ist, Waren auszuliefern. Gesteuert durch GPS, Sensoren und Kameras sollen die Roboter künftig Einkäufe und Pakete von lokalen Lieferzentrenten zum Kunden transportieren. So zumindest stellen es sich die estnischen Entwickler vor. Pilotprojekte hat es bereits in zahlreichen Städten auf der ganzen Welt gegeben, so auch in Hamburg und Düsseldorf. „Starship Technologies ist eines der heißesten Start-ups Estlands“, sagt Kängsepp. Google, Amazon und die Deutsche Post arbeiten seit Jahren an der Zukunft des Warenlieferverkehrs und experimentieren beispielsweise mit Drohnen. Dass nun ausgerechnet ein Start-up aus Estland mit den milliardenschweren Konzernen um die besten Ideen konkurriert, ist kein Zufall.

Fünf Fakten zum Lieferroboter

  • Der Roboter wiegt 18 Kilogramm und kann bis zu 16 Stundenkilometer schnell fahren – auf Gehsteigen passt er sich der Geschwindigkeit von Fußgängern an und hält Abstand.
  • Mit Hilfe von GPS und Computer Vision findet der Roboter selbstständig seinen Weg. Er verfügt außerdem über neun Kameras und Ultraschallsensoren zur Hinderniserkennung.
  • Eine Lieferung soll nur einen Euro kosten, der mögliche Lieferradius beträgt ca. fünf Kilometer.
  • Bis zu 10 Kilogramm oder drei Einkaufstaschen kann der Roboter transportieren.
  • Ein Kunde kann z.B. online Lebensmittel bestellen und erhält eine Nachricht vom Supermarkt, sobald der Roboter beladen wurde. Zu einer selbstgewählten Uhrzeit lässt der Kunde den Roboter losfahren und öffnet ihn nach der Ankunft mit seinem Handy.

Der Baltenstaat Estland hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Zentrum für junge, kreative Technologieunternehmen entwickelt. Die staatliche Agentur „Startup Estonia“ beziffert die Zahl der estnischen Start-ups auf rund 400 – und das, obwohl Estland gerade einmal 1,3 Millionen Einwohner hat. Zurückzuführen ist dies auch auf den Erfolg des Internet-Telefondienstes Skype, der 2003 in Estland entwickelt wurde, inzwischen im Besitz von Software-Gigant Microsoft ist und über 300 Millionen aktive Nutzer zählt. Vor allem aber bietet Estland erstklassige Voraussetzungen für Start-ups. Der Zugang zum Internet ist Teil der Grundrechte und es gibt tausende offene WLAN-Zugänge. Um ein Unternehmen zu gründen, braucht es in Estland nur einige wenige Mausklicks. Durch die elektronische Verwaltung lässt sich fast alles online regeln.

Die Weichen für Estlands digitale Vorreiterrolle in Europa stellte der Baltenstaat bereits in den 1990er-Jahren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sahen die Esten in der Digitalisierung die Chance auf einen Neuanfang. Das 1997 gestartete Programm „Tigersprung“ propagierte Informationstechnologie als Mittel zur Modernisierung. Seit 2000 arbeitet Estlands Regierung ohne Papier, seit 2005 können die Bürger sogar ihre Politiker über das Internet wählen. Schon Erstklässler lernen in der Schule Programmieren.

„Die Menschen in Estland gehen äußerst unkritisch mit dem technischen Fortschritt um, sie sehen nur die möglichen Vorteile. Sie sind daher auch stolz auf die vielen jungen Technologieunternehmen“, sagt Kängsepp, deren wichtigster Auftraggeber als Journalistin das Wall Street Journal ist. Über estnische Start-ups allerdings berichtet sie für die US-amerikanische Wirtschafts- und Finanzzeitung bislang kaum. „Im Vergleich zu amerikanischen Start-ups sind die estnischen klein und die Investments in sie gering, sodass sich das Wall Street Journal nicht für sie interessiert. Noch nicht.“

Liis Kängsepp

Journalistin Liis Kängsepp | Foto: Krõõt Tarkmeel

Estnische Journalistin

Arbeitet als Stringer für das Wall Street Journal und andere Medien

Twitter: @kangsepp

Instagramm: kangsepp 

Zahlreiche Gründer in Estland träumen von einer Erfolgsgeschichte wie der von Skype. Neben Roboter-Entwickler Starship Technologies zählt Transferwise zu den aktuell bekanntesten estnischen Start-ups. Das 2011 gegründete Unternehmen ermöglicht es seinen Kunden, Online-Geldtransfers in Fremdwährungen vorzunehmen, die günstiger sind als bei Banken. Seit 2013 ist der Service auch in Deutschland verfügbar. Weltweit transferieren rund eine Millionen Menschen mehr als 700 Millionen Euro pro Monat mithilfe von Transferwise.

Trotz der Vielzahl estnischer Start-ups sind Gründer und Geldgeber untereinander gut vernetzt. Viele von ihnen haben an der staatlichen Universität in Tartu studiert oder waren einst an der Entwicklung von Skype beteiligt. In den sozialen Netzwerken tritt die estnische Start-up-Szene ebenso geschlossen auf. Unter dem Hashtag #estonianmafia tauschen sich die jungen Unternehmen bei Twitter aus und posten Bilder auf Instagram – so wie Starship Technologies von seinen kleinen Robotern.

Das Ende der Wartenummer Nie mehr bei Behörden anstehen? Die Esten können so gut wie alle Verwaltungsvorgänge online erledigen. Wie das in Estland funktioniert und woran es in Deutschland hapert. Von Luisa Hofmeier und Caspar Schwietering.

In Berlin hat es die Verwaltung letztes Jahr zum Hauptwahlkampfthema gebracht: Seit Jahren brauchen Berliner, wenn sie sich Ummelden oder einen neuen Personalausweis beantragen wollen, einen Termin bei ihrem Bürgeramt – und warten meist Monate darauf. „Hier gibt es ein Amt, aber keine Termine“ plakatierten die oppositionellen Grünen deshalb vor der Abgeordnetenhauswahl im September und die regierende SPD versprach mit neuen Stellen in den Bürgerämtern das Problem endlich in den Griff zu kriegen.

Das Berliner Verwaltungsversagen ist ein spezieller Fall, aber überall in Deutschland müssen die Bürger bei fast jedem Kontakt mit der Verwaltung einen Behördengang unternehmen und dabei teils stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen. Dass es auch anders geht, zeigt das kleine Estland: Sich Ummelden, einen neuen Ausweis beantragen, eine Firma anmelden und vieles mehr können die Esten online erledigen.

Behördengänge werden überflüssig

Ihr wichtigstes Hilfsmittel ist dabei ein Chip auf ihren Personalausweisen oder die SIM-Karte ihrer Smartphones. Mit der darauf gespeicherten elektronischen Identität können sich die Esten digital ausweisen und Dokumente unterschreiben. Behördengänge werden so überflüssig und auch die Banken des Landes greifen für ihre e-Banking-Angebote darauf zurück.

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig zeigt Indrek Õnnik wie das System funktioniert. Das ist sein Job. Der 28-Jährige Este arbeitet beim e-Estonia Showroom in Tallin und versucht, die Welt von den Vorteilen der digitalen Verwaltung zu überzeugen. Auch Angela Merkel hat er deswegen schon getroffen. Im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig wird er allerdings erst mal vom langsamen Internet aufgehalten.

Während er den Laptop auf den Knien balanciert und sich nach und nach die estnische e-Government-Seite aufbaut, nimmt er seinen Personalausweis aus dem Portemonnaie, holt einen Kartenleser mit USB-Anschluss aus der Laptoptasche und verbindet ihn mit dem PC. Verdeckt tippt er den ersten PIN ein, um sich einzuloggen. „Jetzt prüft das System auf dem Server, ob wirklich ich das gerade bin“, erklärt er. Mit der Eingabe von gerade einmal vier Stellen hat er seine Identität nachgewiesen.

Auf dem Desktop ruft er eine Demo-Version des estnischen i-Votings auf. Seit 2005 können die Esten damit bei Wahlen online ihre Stimmen abgeben. Das Programm erkennt automatisch in welchem Wahlkreis Õnnik wohnt und zeigt ihm die passenden Kandidaten an. Zweimal muss er seine Wahl bestätigen. Anschließend folgt ein zweiter PIN. „Es gibt nichts, was man nur mit einem PIN-Code tun könnte, du musst immer beide haben“, kommentiert er. Genauso hat Õnnik schon einmal gewählt. Physisch saß er damals im westfälischen Iserlohn.

„Zu 99,9 Prozent gibt es niemanden, der unser System hacken kann.“

Gerade die Möglichkeit online zu wählen hat international aber auch für Kritik gesorgt. Wissenschaftler aus Michigan empfehlen in einer Studie von 2014 die Nutzung des elektronischen Wahlsystems in Estland einzustellen. „Wir glauben nicht, dass man das i-Voting-System heutzutage sicher ausgestalten kann“, heißt es. Õnnik hält dagegen. „Wir überarbeiten das System immer wieder. Wir benutzen niemals dasselbe. Und wir laden vorher Leute ein, das System zu hacken, damit nichts passiert.“

Mit Blockchain Technologie sei das gesamte estnische e-Verwaltungssystem gesichert, erklärt er, auch gegen Quantencomputer sei es immun. „Ich würde sagen, dass es zu 99,9 Prozent niemand gibt, der unser System hacken kann. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, aber wir würden es zu 100 Prozent merken, wenn uns jemand hacken würde.“ Ein Fall „Edward Snowden“, der über Monate Daten der Nationalen Sicherheitsbehörde (NSA) der USA entwendet hat, ist laut Õnnik in Estland nicht möglich.

Im Frühling 2007 wurde Estland jedoch Opfer von Denial-of-Service-Attacken. Mit einer Flut von Anfragen auf verschiedene Online-Adressen, die vermutlich aus Russland gesteuert wurden, legten Unbekannte unter anderem die Online-Services von Estlands Verwaltung und Banken lahm. Auch wenn keine Daten gestohlen wurden, stieg in Estland das Bewusstsein für die eigene Verwundbarkeit. Das baltische Land versucht sich seitdem durch eine Vielzahl von Back-up-Servern auf der ganzen Welt zu schützen.

Deutsche haben Angst um ihre Daten

Seiner Digitalstrategie blieb das Land aber treu und machte im Jahr nach den Attacken auch die intimsten Daten seiner Bürger digital verfügbar. Seit 2008 können die Esten sowie deren Ärzte online auf ihre gesamte Krankenakte zugreifen. Um die Angst der Bevölkerung vor Missbrauch zu zerstreuen, gibt die estnische Regierung den Bürgern Einsicht darüber, wer auf ihre Daten zugreift. Unberechtigte Datenaufrufe stehen unter Strafe. Das hat die Esten anscheinend beruhigt: Zum Erstaunen der zumeist deutschen Zuhörer der Bildkorrekturen-Konferenz erklärten die estnischen Journalisten und Wissenschaftler auf dem Podium freimütig, dass sie der Regierung und deren Umgang mit Daten vertrauen.

Die Deutschen hingegen bleiben bei Datensicherheit und Datenschutz skeptisch. Laut des e-Government Monitors, einer jährlich erscheinenden Studie zur elektronischen Verwaltung in Deutschland, hielt die Angst vor Datendiebstahl und mangelnde Informationen darüber, was mit den Daten passiert, rund ein Drittel der Befragten davon ab, die bestehende elektronische Verwaltung in Deutschland zu nutzen.

E-Verwaltung in Deutschland? In der Theorie ist der Weg für eine papierlose Verwaltung auch hierzulande geebnet: Seit 2010 gibt es den elektronischen Personalausweis. Ist die Funktion der e-ID freigeschaltet, ist es möglich, sich digital auszuweisen und Dokumente übers Internet zu unterschreiben.

Der e-Government Monitor von 2016 zeigt jedoch: Kaum einer nutzt die Funktionen, lediglich vier Prozent der Befragten besaßen überhaupt ein Kartenlesegerät, das zur Nutzung des elektronischen Personalausweises benötigt wird. Und die 2012 eingeführte De-Mail, mit der sich ebenfalls mit den Behörden interagieren ließe, haben auch nur acht Prozent der Befragten installiert.

„E-Government gibt es in Deutschland nicht.“

Der Nationale Normenkontrollrat, der für die Bundesregierung die Wirkung von Gesetzen überprüft, hält das Verhalten der Bürger in einem Gutachten von 2015 für verständlich. Denn bisher bringen diese Funktionen kaum Nutzen. Das 2013 vom Bundestag verabschiedete e-Government-Gesetz verpflichtet immerhin alle Bundesbehörden, die vollständige elektronische Abwicklung von Verwaltungsakten zu ermöglichen.

Aber nur wenige kommunale Verwaltungen, mit denen Bürger meist zu tun haben, bieten die elektronische Übermittlung von Dokumenten via De-Mail und e-ID an. Bei ihren Kommunen konnten die Bürger im Mittel nur zwei – zumeist eher nebensächliche – Verwaltungsakte vollständig online abwickeln. „E-Government gibt es in Deutschland de facto nicht“, urteilen die Autoren des Gutachtens deshalb.

Für Christian Welzel, der für den unter anderem vom Bundesinnenministerium finanzierte Berliner Thinktank Kompetenzzentrum Öffentliche IT arbeitet und zu den Autoren der Studie des Normenkontrollrates gehört, lässt sich Deutschland aber auch nur schwer mit Estland vergleichen. „Estland konnte ab 1991 eine komplett neue Verwaltung aufbauen und hat dabei von Anfang an auf IT-freundliche Lösungen gesetzt“, erklärt er. „Das Land ist außerdem mit 1,3 Millionen Einwohnern viel kleiner und hat eine zentrale Verwaltung.“

Das Einsparpotenzial in Deutschland ist enorm

Dagegen könne Deutschland mit 82 Millionen Einwohnern und seinen föderalistischen, über die Zeit gewachsenen Strukturen nicht mithalten. Während in Estland alle Behörden über die sogenannte X-Road miteinander verbunden sind und bei Bedarf Daten austauschen, laufen die Verwaltungssysteme in Deutschland nebeneinander her. „Eine zentrale Marke wie e-Estonia könnte aber helfen, die digitalen Angebote der verschiedenen deutschen Verwaltungsebenen miteinander kompatibel und für die Bürger attraktiv zu gestalten“, glaubt Welzel.

Eine Digitalisierung der deutschen Verwaltung nach estnischem Vorbild böte laut Experten in jedem Fall einen großen volkswirtschaftlichen Nutzen. Laut Welzels Gutachten für den Normenkontrollrat könnte Deutschland bei einer vollständigen Digitalisierung seiner Verwaltung rund ein Drittel der Kosten vermeiden. Und Indrek Õnnik verweist bei der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig darauf, dass Estland durch die konsequente Implementierung der digitalen Unterschrift in Verwaltung und Privatwirtschaft jährlich zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts spare. „Stellt euch vor, Deutschland könnte auch zwei Prozent einsparen.“ Zwei Prozent, das wären immerhin 60 Milliarden Euro. Ob diese Summe die Ängste deutscher Bürger zerstreuen kann, ist aber eine andere Frage.

Albanien – Europas unentdecktes Land

Wer das erste Mal als Tourist nach Albanien reist, ist überrascht: unberührte Traumstrände inmitten eindrucksvoller Landschaften. Das Land setzt immer mehr auf den Tourismus. Dank der Digitalisierung könnte Albanien es schon bald schaffen, seinem Nachbarland Griechenland Konkurrenz zu machen.

Traumziel Albanien

Wilde Flüsse, hohe Berge, weite Täler: Albanien hat alles, was ein florierendes Ferienziel haben sollte. Auch die Touristenzahlen haben das in den vergangenen Monaten bewiesen. (Foto: privat)

Saranda ist eine kleine Stadt im Süden Albaniens. Hier kommen die Fähren aus Griechenland und Italien an. Im Sommer leben hier drei Mal so viele Menschen wie im Winter. Die Stadt profitiert vom Tagestourismus, ist aber längst nicht mehr nur Badeort für Landsleute aus Albanien und dem Kosovo, auch aus den angrenzenden Ländern kommen Besucher. Zunehmend sind unter den Strandbesuchern auch Westeuropäer, auch, wenn sie weit in der Unterzahl bleiben. Die meisten von ihnen sind schon von weitem erkennbar: helle Haare, ungebräunte Haut.

Viele Touristen kommen mit der Fähre von Korfu nach Saranda.

 

Leart vermietet in Saranda ein kleines Apartment. Es besteht aus einem einzigen Raum, mit Küchenzeile, großem Bett, einem kleinen Badezimmer. Keine zehn Minuten zu Fuß sind es von hier zum Stadtstrand von Saranda. Leart holt seine Besucher von der Fähre mit dem Auto ab, bietet noch eine kleine Stadtrundfahrt an, bevor es dann zur Unterkunft geht. Er fährt bis zu den großen Hotels im Osten der Stadt, die sich an der Küste drängen. „200 Euro kostet dort eine Nacht. Das ist unglaublich. So viel Geld!“, sagt er. Für den 26-Jährigen ist es unvorstellbar, diese Summe für eine Übernachtung aufzubringen. Eine Nacht in seinem Airbnb-Apartment kostet für zwei Personen 36 Euro.

Illegale Hotels, Geldwäsche, Mafaistrukturen

Ohne das Internet und die Digitalisierung könnte Leart sein Apartment nicht vermieten. Er profitiert wie viele andere Albaner auch von der noch recht neuen Möglichkeit, kostenlos ein Inserat aufzugeben und via Airbnb Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen. Um ganze 90 Prozent ist die Zahl der Unterkünfte in Albanien nach Angaben des Unternehmens im vergangenen Jahr gewachsen. Über 1300 Inserate gibt es aktuell für das Land.

Schon einmal hat Albaniens Schönheit Spekulanten auf den Plan gerufen. Um das Millennium wurden in Saranda innerhalb kürzester Zeit, meist ungenehmigt und ohne Bauplan, riesige Hotelklötze aus dem Boden gestampft. Die Betonmischer rotierten damals rund um die Uhr, beinahe jeden Tag schien ein neues, pastellfarbenes Feriendomizil aus Beton und Styropor hinzuzukommen. Die touristische Zukunft Albaniens lag damals in den Händen der Mafia. Die Gier nach Geld ließ die Stadt beinahe kollabieren. Die Behörden kamen kaum hinterher, illegale Bauvorhaben zu stoppen. Und wenn doch, rückte das städtische Abrisskommando an. Noch heute säumen etliche Ruinen das Stadtbild in Saranda.

Seit einiger Zeit bemüht sich die Regierung jedoch ernsthaft, die Korruption einzudämmen, die Rechtstaatlichkeit aufrecht zu halten und Investoren anzuziehen. Auch die Infrastruktur wächst rasant. Neben dem 2008 eröffneten Mutter Theresa-International Airport entstanden auch verbesserte Verbindungen in den Kosovo und den Süden des Landes. Albanien versucht den Schatten der Vergangenheit abzulegen und die neuen Möglichkeiten, die Digitalisierung beschert, bestens zu nutzen.

Schön (und) günstig

Albanien ist attraktiv. Die Landschaft ist teilweise noch nahezu unberührt, die Strände nicht akkurat mit Liegestühlen und Schirmen zugekleistert, wie es in manchen Teilen Italiens oder Spaniens der Fall ist. Dafür ist das Wetter mindestens genauso gut und die Südküste bekannt für türkisfarbenes Meer und schöne Strände. Günstiger ist Albanien sowieso. Mit dem Bus von Dhermi an der Südküste in die Hauptstadt Tirana – eine Strecke vergleichbar mit der von München nach Frankfurt am Main – zahlt man gerade einmal etwa 15 Euro. Ein Einheitspreis, der auch in der Hauptreisesaison nicht ansteigt.

Was bisher nur Landsleute und Besucher aus umliegenden Ländern zu schätzen wussten, hat sich in den vergangenen Jahren durch die digitale Wolke des Internets global verbreitet. Gerade die niedrigen Preise machen das Land vor allem für junge Alternativreisende reizvoll. Ist das Budget klein, die Reiseneugier aber groß, so scheint Albanien die perfekte Adresse für ein paar Tage Tirana oder auch eine Reise entlang der Küste, wenn es länger dauern darf. Der 27-jährige Jonas Rädel aus Leipzig hat Freunde in Albanien und hat das Land schon öfter besucht. 2014 war der Student das erste Mal dort, im Juli dieses Jahres hat er sich erneut auf die Reise gemacht. Was macht für ihn den besonderen Charme aus?

Essensreste, Plastik, Papier: Albanien kämpft gegen wilde Mülldeponien 

Doch nicht alles ist rosig. Und nicht alle Probleme können durch die Digitalisierung gelöst werden. Wo unberührte Strände sind, kommt man ohne Auto auch schlecht hin. Außerdem produzieren viele Touristen auch viel Müll, und den haben die Albaner noch nicht im Griff: Kleine Haufen Plastikflaschen, Tüten mit Essensresten oder Eisstielen finden sich alle paar hundert Meter an den meisten Stränden. Im beliebten und auch überfüllten Saranda sind Mitarbeiter der Gemeinde als Müllsammler unterwegs. In Livadh oder Dhermi aber sind kaum Abfalleimer, dafür immer wieder Müllhaufen zu sehen, erzählt Martin Kerl. Der 26-Jährige war im Sommer 2016 zum ersten Mal in Albanien unterwegs.

Drei Zimmer, Küche, Bad

Doch nicht nur an der Küste, auch in der Hauptstadt Tirana boomt die Vermietung privater Ferienwohnungen. Artan Kristo ist Journalist, mitten im Zentrum Tiranas vermietet er eine Wohnung. Zwei Schlafzimmer, Küchenzeile, zwei Bäder: Hier können viele Menschen unterkommen, und das günstig: Eine Nacht kostet pro Person 14 Euro. Von der Wohnung aus sind die Besucher schnell in der Innenstadt, das Apartment ist sauber und gemütlich. Der 52-Jährige trifft gern verschiedene Menschen, serviert Raki zur Begrüßung, schreibt Kneipentipps auf, fragt nach, wie der Tag seiner Besucher war.

Erst um Juni hat er damit begonnen, das Apartment, das Teil eines großen Hauses ist, indem er auch selbst wohnt, zu vermieten. „In Zukunft möchte ich gerne mehrere freie Zimmer Besuchern zur Verfügung stellen, das jetzige Appartement ist für mich deshalb ein erster Markttest“, sagt der Journalist. Der Test war erfolgreich. Seit er seine Räume vermietet, waren diese nie länger als zehn Tage leer, ehe der nächste Besucherschwung kam. In den sechs Monaten, die er seither Gastgeber ist, hat er bereits 60 Buchungen bestritten – „demnach waren zwischen 150 und 180 Gäste bei mir“, so Artan.

Artan: Irgendwann soll mein Haus für meine Gäste wie ein richtiges Hotel sein. Falls ich später einmal nicht mehr als Journalist arbeiten kann, kann ich so leicht in die Tourismusbranche wechseln.

Australier, Schweizer, Kroaten, Belgier, Deutsche – Menschen aus aller Welt mieten sich für ihren Urlaub bei Artan ein. „Die Leute wählen Airbnb-Appartements zum einen natürlich, um günstig unterzukommen. Vielen ist aber auch die Nähe zu den Einheimischen wichtig – sie wollen das echte albanische Leben kennenlernen“, erzählt der 52-Jährige. Dank des digital verfügbaren Angebots ist das jetzt jederzeit möglich. Die meisten Gäste haben Artan im Sommer besucht, doch auch während der Wintermonate reißt der Besucherstrom nicht ab. „Albanien hat in diesem Jahr einen regelrechten Tourismusboom erlebt“, berichtet Artan. Zwei Gründe, die er dafür nennt: erstens, die albanische Fußballnationalmannschaft hat das Land mit ihrem Erfolg bei der Europameisterschaft bekannter gemacht. Außerdem hätten die Terroranschläge in der Türkei und in Ägypten diesen Ländern den Tourismus geraubt.

Artan verdient gut daran, sein Haus mit Gästen zu teilen. Das Geld, das er durch die Vermietungen einnimmt, investiert er in den Ausbau seines Zimmers. Die Räume sollen so immer gemütlicher und praktischer werden. Genauso wichtig wie das Geld ist Artan aber das persönliche Feedback der Gäste: „Es ist einfach fantastisch, wenn man nette Menschen trifft und diese mich nach ihrer Abreise mit lieben Worten belohnen.“

Geldstrafen bis zu 100.000 Euro für private Vermietungen in Berlin

Die Gastgeber und auch die anbietenden Plattformen verdienen meist sehr gut. Das passt nicht immer allen und hat mitunter sogar weitreichende Folgen. In manchen Ländern ist Airbnb längst problematisch geworden. In Deutschland beispielsweise geht die Stadt Berlin mittlerweile mit einem Gesetz gegen solche Plattformen vor. Seit 1. Mai dieses Jahres ist es demnach illegal, Wohnung privat zu vermieten. Durch das sogenannte Zweckentfremdungsgesetz macht sich jeder strafbar, der eine Wohnung anders nutzt als zum dauerhaften Wohnen. Wer trotzdem vermietet, riskiert Geldstrafen bis zu 100.000 Euro.

Berlin geht damit im weltweiten Vergleich mit am schärfsten gegen Übernachtungsportale wie Airbnb und Wimdu vor. Und das nicht ohne Grund: Laut einer Studie des Immobilienentwicklers GBI will jeder elfte Hauptstadttourist in Deutschland lieber in bei Privatleuten unterkommen als im Hotel. Man will eben mittendrin sein, im Kiez, unter echten Berlinern. Die Suchenden sorgen so jedoch dafür, dass der ohnehin schon angespannte Wohnungsmarkt so noch stärker ins Wanken gerät. Mittlerweile ist die Situation dermaßen angespannt, dass nur noch so gut wie für jeden zwölften Ein-Personen-Haushalt eine Einzimmerwohnung verfügbar ist. In besonders beliebten Bezirken wie Kreuzberg oder Mitte sind die einzigen Immobilien, die noch frei sind, private Ferienunterkünfte.

Auch in Paris kämpft die Stadt mit dem professionellen Betreiben privater Ferienunterkünfte. Allein Airbnb besitzt in der französischen Metropole mehr als 40.000 aktive Anbieter. Auch hier möchte die Regierung nun gegen die Privatvermietungen vorgehen. Albanien blieb von solchen Problemen bisher noch unberührt, Touristen sind willkommen.

Albanien will Griechenland die Touristen ablocken

Nach Krisen und Kriegen hatte Albanien lange Zeit international mit einem ausgesprochenen Negativimage zu kämpfen. Dem versucht sich das Land nun endgültig zu entsagen. War die Küstenstadt Saranda zu kommunistischen Zeiten noch komplett abgeschottet, hat sich gerade hier mit der Öffnung des Landes hin in Richtung Westen im Tourismussektor Entscheidendes getan.

Um mit der angrenzenden griechischen Urlaubsinsel Korfu konkurrieren zu können, soll Saranda nun sogar einen eigenen Flughafen bekommen. Viele Touristen kämen von Korfu aus auf das albanische Festland, sagt Aristotel Bita. Er ist der behördliche Tourismusbeauftragte von Saranda. In Zukunft solle das jedoch umgekehrt laufen:

„Die Touristen sollen hier bei uns in Saranda landen, um dann von hier aus Griechenland wie etwa die Insel Korfu zu besuchen, denn Albanien ist insgesamt viel günstiger für die Touristen. Das sind unsere strategischen Pläne für den Tourismus in Albanien.“

Das Potenzial der albanische Riviera ist riesig. 362 Kilometer atemberaubende, unverdorbene Küste säumen das Bild an der Adria und am Ionischen Meer. Im Landesinneren eignen sich zerklüftete Berglandschaften zum Wandern und für Abenteuersportler. Man findet Landstriche voller griechischer, römischer und byzantinischer Überreste. Und mit mehr als 190 Sonnenstunden im Jahr hat Albanien sogar das gleiche Klima wie St. Tropez.

Nun muss das Land es nur noch schaffen, den Segen des Tourismus anzunehmen und ihn bestmöglich auszuschöpfen, um Albanien wirtschaftlich nach vorne zu bringen. Es gilt, den schlechten Ruf aus vergangenen korrupten und kriminellen Tagen abzustreifen, Erfahrungen im neuen Aufschwung zu sammeln und diese für Land und Leute bestmöglich umzusetzen.