Beiträge

„Manche Länder schaffen es nicht alleine“ Wie verändert Digitalisierung das Leben in Entwicklungsländern? Welche Ziele haben Facebook, Google und Co.? Ein Gespräch mit Julia Manske

Digitalisierung macht vor Grenzen keinen Halt – längst ist sie in den sogenannten Entwicklungsländern angekommen. Auch dort wirft sie wichtige Fragen auf. Wie reagieren nationale Regierungen auf die Macht der Global Player? Wie steht es um den Datenschutz? Und welche Ideen von dort werden unser Leben verändern?

Robin Köhler (links) im Gespräch mit Julia Manske (Foto: EG/Foto-Zentrum Leipzig)

Darüber sprechen wir mit Julia Manske vom Think Tank „Stiftung Neue Verantwortung“. Manske beschäftigt sich mit Open Data, Data Governance und Datenschutz. Sie arbeitete über drei Jahre für Vodafone, wo sie für internationale Forschungsprojekte und soziale Innovationen verantwortlich war. Für das Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation hat sie sich mit den Erfolgsbedingungen der afrikanischen Startup-Szene befasst.

Ein Deutscher unter Indern Wie Christoph Kober es schaffte, sich in der Fremde wohl zu fühlen

Der ganze Bus starrt ihn an. Christoph Kober starrt zurück. Er starrt auf die nackten Füße des Fahrers, dann auf das handtellergroße Loch, das der Rost in den Boden des Busses gefressen hat. Das war vor elf Jahren, auf Christoph Kobers erster Reise ins australische Hinterland. Damals war der angehende Journalist Austausch-Student an einer Universität in Manipal, später wurde er Austausch-Journalist bei der Times of India. „In Indien ist vieles einfacher, vieles chaotischer“, sagt Kober. „Man muss sich in das Land erst einfühlen.“ Wie er das geschafft hat, erzählt er im Interview – mit und ohne Worte.

Wie war der erste Tag in der Redaktion der Times of India?

„Der Tag hat erst um 15 Uhr begonnen. Ich wurde sehr freundlich und warm empfangen. Vor 17 Uhr trifft man in der Redaktion aber normalerweise niemanden, denn alle sind tagsüber auf Recherche unterwegs. Dafür geht man erst um 23 Uhr nach Hause. Das Produkt, das dabei am Ende herauskommt, fand ich optisch furchtbar. Das Layout war wahrscheinlich der größte Kulturschock: Sehr wenig Platz, sehr viele Geschichten auf einer Seite. Die Geschichten wiederum sind total zielgruppenorientiert. Der Zeitungsmarkt in Indien ist genauso fragmentiert wie die indische Gesellschaft. Die Times of India ist zum Beispiel für ein gebildetes Publikum und für Leute im Ausland. Die Lebensrealität der Landbevölkerung kommt darin gar nicht vor – höchstens bei Skandalgeschichten, wenn sich zum Beispiel jemand umbringt. Solche Themen, Geschichten über Dörfer und Bauern, übernehmen die regionalen Zeitungen.“

 

Wie sehen die Blicke aus, die Ihnen in Indien auf der Straße begegnen?

„In Indien gibt es zwei Extreme. Es gibt offene Leute, die das Fremde begeistert annehmen, aber genauso viele fremdenfeindliche Menschen. Als Journalist hat das Vor- und Nachteile. Manchmal sind wir sehr leicht ins Gespräch gekommen, weil die Leute mir gerne ihre Meinung mitteilen wollten – oft auch ungefragt. Die finden das natürlich beeindruckend, wenn man 8000 Kilometer weit geflogen ist, um in einem kleinen indischen Dorf jemanden zu interviewen. Manchmal war es für mich als Europäer also sogar leichter. Der Nachteil ist, dass man auffällt wie ein bunter Hund – und zwar wirklich immer. Einfach mal eine Szene beobachten, das geht nicht.“

 

Wie kommen Sie bei indischen Schwiegermüttern an?

„Mit der anderen Hautfarbe und der entfernten Herkunft geht in der indischen Gesellschaft eine gewisse Faszination einher. Wer aus dem Westen kommt, wird vor allem als Sinnbild für Reichtum gesehen – egal ob das jetzt stimmt oder nicht. Deshalb zahlen Europäer bei Rikschafahrten gerne mal den dreifachen Preis. Damit muss man sich abfinden. Es sind ja auch nur kleine Beträge, 50 Cent.“ 

 

Wie sieht es in Indien mit der Pressefreiheit aus?

„Ich denke, dass da die Digitalisierung eine große Chance für Indien ist. Es gibt viele Online-Medien, die als Korrektiv gegen die etablierten Zeitungen wirken und sich in die Berichterstattung einschalten.“ 

 

Wie finden Sie Bollywood-Filme?

 

Integration durch Information Die russischstämmige Minderheit in Estland konsumiert überwiegend Medien aus Russland, Nachrichten über ihr Heimatland finden sie dort nur selten. Für Qualitätsjournalismus auf Russisch fehlt vor allen Dingen das Geld.

1991 erklärte Estland seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Heute ist noch knapp ein Drittel der estnischen Bevölkerung russischsprachig.

„The connection has timed out – the server is taking too long to respond“. Diese Nachricht erscheint am Morgen des 27. April 2007 auf Tausenden von privaten Bildschirmen in Estland. Das Land, das beim Thema Digitalisierung weltweit als Vorreiter und zukunftsweisend gilt, war das Ziel eines Hackerangriffs geworden, der große Teile der digitalen Infrastruktur lahmlegte. Webseiten von Banken, Zeitungen und der Regierung sowie die Notrufnummern waren nicht mehr erreichbar.

Der Hackerangriff vor fast zehn Jahren war eine Reaktion auf die Verlegung eines
sowjetischen Kriegerdenkmals für den Zweiten Weltkrieg, das im Zentrum Tallinns stand. Für die Esten bedeutete es eine Erinnerung an die sowjetische Besatzung, für die in Estland beheimatete russischstämmige Minderheit ein Symbol für die Befreiung von dem Nazi-Regime, das von 1941 bis 1944 in Estland herrschte. Begleitet wurde die Verlegung von wütenden Demonstrationen, die auch aufgrund übermäßiger Polizeigewalt zu einem Toten und über 100 Verletzten führten.
Der „Bronzene Soldat“ steht mittlerweile symbolisch für den Riss in der estnischen Gesellschaft, der sich zwischen der russischsprachigen Minderheit und dem Rest der Bevölkerung abzeichnet. Für fast ein Drittel der 1,3 Millionen Esten ist Russisch die Muttersprache. Besonders im Osten des Landes beherrschen große Teile der ethnischen Russen die einzige offizielle Amtssprache nur schlecht oder gar nicht. Laut dem Innenministerium des Landes besitzen über 80.000 Menschen, etwa 6,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, keine Staatszugehörigkeit – ein Problem, das fast ausschließlich die russischsprachige Minderheit betrifft. Teile der russischstämmigen Bevölkerung leben in einer Parallelgesellschaft, fühlen sich dem estnischen Staat nicht zugehörig – und bekommen kaum etwas von ihm mit. Es gibt russische Schulen, russische Läden und natürlich empfängt man russisches Fernsehen, liest russische Zeitungen.
Die Medien in der Vertrauenskrise
Diese Sprachbarriere stellt die Medienlandschaft des gemessen an der Einwohnerzahl viertkleinsten EU-Landes vor eine große Herausforderung. Den estnischen Medien begegnen große Teile der russischsprachigen Bevölkerung mit Skepsis. Lediglich 38 Prozent vertrauen laut einer Studie des Wissenschaftlers Peeter Vihalemm von 2012 estnischen
Nachrichtenportalen in russischer Sprache, das estnische Fernsehen erreicht hier sogar nur Werte von 25 Prozent. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Eesti Rahvusringhääling (ERR) versucht ab Mitte der Neunziger Jahre, diesem Problem mit Fernsehprogrammen auf Russisch zu begegnen, doch als die finanzielle Medienkrise auch nicht vor Estland Halt macht, wird bei den Kürzungen das Budget für die russischsprachigen Programme weitestgehend eingefroren.
Auch andere Versuche, die russische Minderheit mit Hilfe von traditionellen Medien in ihrer Muttersprache am öffentlichen politischen und gesellschaftlichen Diskurs in Estland partizipieren zu lassen, scheitern überwiegend an finanziellen Mitteln. Ein Versäumnis, findet Journalist Pavel Ivanov. Der 47-jährige Sohn eines Russen und einer Estin arbeitete im Zuge seiner bisherigen Berufslaufbahn bei verschiedenen russischsprachigen Medien. Er sieht in
seinem Fach den Mörtel, der die gespaltene estnische Gesellschaft wieder vereinen kann: “Russischer Journalismus in Estland ist die einzige Form von Journalismus auf der Welt, der den Russen in Estland erklärt, wie wir in Estland leben.” Lediglich ein Prozent der russischen Medieninhalte werden derzeit laut Ivanov tatsächlich auf Russisch produziert, was vor allem an der Struktur der Medienlandschaft liege: ”90 Prozent der russischsprachigen Medien sind im Besitz von Esten. Das heißt, der größte Teil des Budgets fließt in die estnischen Medien und nur ein kleiner Teil wird dazu benutzt, Medieninhalte zu kopieren und auf Russisch zu übersetzen.”
Neue Wege für den Journalismus
Doch wie so oft in der digitalen Vorreiter-Nation der EU scheint die Lösung dieser Problematik nur ein paar Mausklicks entfernt zu sein. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der russischsprachigen Online-Nachrichtenportale rasant zugenommen. Das Internet bietet die Möglichkeit, auch mit geringen finanziellen Mitteln für ein Nischenpublikum journalistische Inhalte produzieren und verbreiten zu können. Diese Entwicklung wird die Medienlandschaft in Estland in den kommenden Jahren wohl nachhaltig verändern. Auch die klassischen Medien interessieren sich wieder mehr für den russischstämmigen Teil der Bevölkerung. Ende 2015 startete der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit RTV+ den Versuch, einen Fernsehsender auf Russisch zu betreiben. Eines der Hauptziele sei es nach eigenen Angaben, auf Propaganda aus Russland zu reagieren.
Den russischsprachigen Esten wird in Zukunft der Zugang zu unabhängigem Journalismus in ihrer Muttersprache und somit auch die Teilhabe am öffentlichen Diskurs weiter erleichtert werden. Der estnischen Demokratie kann das nur guttun.

Afrika im digitalen Aufbruch

Eric Chinje ist Leiter der African Media Initiative und will den technologischen Fortschritt nutzen, um die afrikanischen Medien unabhängiger und moderner zu machen. Digitalisierung soll den ganzen Kontinent voranbringen.

Afrika verbessern. Für Eric Chinje ist das nicht nur ein abstrakter Wunsch, es ist sein Beruf und seine Lebensaufgabe. Development and Digital Media lautet der Titel seines heutigen Vortrags. Im Flieger nach Leipzig hat er eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet, die sein iPad vor Ort nicht abspielen will. Nach wenigen Anlaufversuchen gibt er auf, er halte seine Reden ohnehin lieber frei. „Jetzt denkt wieder jeder: Typisch, der Afrikaner hat keine Ahnung von Technologie. Aber das stimmt nicht“, sagt er und lacht.

Chinje hat sehr wohl Ahnung, vor allem, wenn es um die mediale und digitale Entwicklung Afrikas geht. Seit 2014 leitet er die African Media Initiative, kurz AMI, eine Organisation, die sich für die Unabhängigkeit und digitale Entwicklung des Mediensektors auf dem ganzen Kontinent einsetzt. Ein Kontinent, den der Westen bis heute hauptsächlich mit Hunger, Ausbeutung und Gewalt verbindet. Oder auch: „The Hopeless Continent“, wie Chinje eine Überschrift der amerikanischen Fachzeitschrift The Economist aus dem Jahr 2000 zitiert. Solche Titel haben den gebürtigen Kameruner schon immer geärgert. Als Chinje begann, in Washington zu arbeiten, fühlte er sich zunächst wie ein Wirtschaftsflüchtling. Der schlechte Ruf Afrikas gab ihm das Gefühl, er wäre von einem perspektivlosen Kontinent gerettet worden. Und das, obwohl er vorher bereits an der renommierten Universität Harvard studiert hatte.

„Mein Leben hat sich schon immer um den Journalismus gedreht”

Chinje wählt seine Worte sorgfältig, gestikuliert ruhig, aber eindringlich. Sein Englisch ist druckreif. Er trägt ein längeres Oberteil aus schwarzem Samt mit weißen Stickereien, das im Scheinwerferlicht glänzt und ihn vom Rest der Redner in klassischen Anzügen und Hemden unterscheidet. Die dunkle Haut ist fast faltenfrei, sein Haar schwarz und dicht. Nur der graue Bart deutet daraufhin, dass es sich hier um einen Anfang Sechzigjährigen handelt. „Ich mache mir prinzipiell wegen gar nichts Stress. Die meisten Dinge sind die Aufregung überhaupt nicht wert“, sagt er.

Eric Chinje ist heute eines der bekanntesten Mediengesichter Afrikas. Als Journalist arbeitete er unter anderem für CNN und machte sich in Afrika einen Namen als erster englischsprachiger Nachrichtensprecher des kamerunischen Nationalfernsehens. „Mein Leben hat sich schon immer um den Journalismus gedreht”, sagt Chinje. Als fünfjähriger Junge hatte er die Aufgabe, jeden Tag die Batterien aller Radios seines Heimatdorfes in der Sonne aufzuladen. Sobald er damit fertig war, hörte er den ganzen Tag die Lieblingssender seines Vaters: BBC und The Voice of America. „Als er nach Hause kam, musste ich ihm erzählen, was alles auf der Welt passiert war“, erzählt er.

Später arbeitete Chinje als Kommunikationsmanager und -berater, unter anderem für die World Bank und die African Development Bank. Während seiner beruflichen Laufbahn hat er in vielen Ländern gelebt, vor allem in Großbritannien und den USA. Er kennt die unterschiedlichen Mediensysteme und orientiert sich am liebsten am amerikanischen. „Journalisten, die mit Daten umgehen können und digital vernetzt sind, erzählen bessere Geschichten. Für mich sind diese Technologien nichts weiter als Instrumente, die den Medien dabei weiterhelfen sollen, ihre Aufgabe zu erfüllen“, sagt er. Sein Ziel: Afrikas Medien weiterentwickeln, den Kontinent digitalisieren. Und tatsächlich, in Afrika tut sich momentan einiges.

Fortschritt, wo ihn keiner erwartet hat

Viele afrikanische Länder, die früher als wirtschaftlich unattraktiv galten, werden mittlerweile auch international als Märkte entdeckt. Vor allem der digitale Sektor übertraf alle Erwartungen. Die Entwicklung begann in den frühen 2000ern, als MTN, ein südafrikanischer Mobilfunkanbieter, beschloss, auch in andere afrikanische Länder zu expandieren. In Nigeria wurden in fünf Jahren 500.000 neue Handynutzer erwartet, tatsächlich verdoppelte sich diese Zahl in nur 6 Monaten auf eine Million, mittlerweile liegt sie bei rund 78 Millionen.

Die meisten Länder haben in der Entwicklung einen Schritt übersprungen: Die wenigsten Haushalte besaßen einen Festnetzanschluss, als Mobilfunk sich bereits verbreitete. Während in der restlichen Welt die Zahl der Mobilfunknutzer in den letzten zehn Jahren um 107 Prozent stieg, waren es in Afrika 370 Prozent. Damit stiegen auch die Möglichkeiten der Vernetzung und des Ideenaustausches, zwei wichtige Faktoren für die Entwicklung. „Dieser Fortschritt öffnet die Unterhaltung und gibt neuen Stimmen eine Chance, gehört zu werden. Diese Chance sollten wir unbedingt nutzen“, sagt Chinje.

Laut Schätzungen der World Bank  nutzt in Kenia mittlerweile fast die Hälfte aller Menschen das Internet. Zum Vergleich: Auf diesem Niveau war Deutschland 2002, mittlerweile sind es 84%. Für ein Entwicklungsland ist das kein schlechter Schnitt, trotzdem gibt es noch große Probleme was die Bezahlbarkeit und somit auch die Erreichbarkeit angeht. Während in Deutschland ein Internetanschluss nur 1 Prozent des Durchschnittseinkommens ausmacht, sind es in Kenia 45 Prozent. Ein mobiler Internetzugang ist mit 15 Prozent etwas günstiger. Für einen Nutzer in Deutschland wären das umgerechnet immer noch 600 Euro im Monat. Durch Hürden wie diese entsteht eine Lücke in der Gesellschaft, die sogenannte „digital divide“.

Eine noch bessere technische Struktur und mehrere Anbieter sollen diese Lücke mit der Zeit schließen und den digitalen und somit gesellschaftlichen Fortschritt voranbringen, so hofft auch Chinje. Denn das Potenzial ist gegeben, viele der Länder sind extrem jung, in Kenia sind 43 Prozent der Bevölkerung unter 14 Jahre alt. Hier kann viel Fortschritt entstehen, aber es braucht Perspektiven.

Crowdsourcing, Made in Africa

Bereits jetzt gibt es zahlreiche Initiativen, die die Digitalisierung für positive Entwicklung einsetzen. Ushahidi, Swahili für Zeugenaussage, ist ein Vorzeigebeispiel, das es sogar bis in den US-Wahlkampf schaffte. Das Tool wurde 2008 in Nairobi entwickelt, um mithilfe von Crowdsourcing die Gewaltausbrüche nach den Wahlen in Kenia zu dokumentieren. Jeder Bürger konnte per Handy oder Email einen Angriff melden. Diese wurden per GPS automatisch auf einer Karte verzeichnet, ein sogenanntes Crowdmapping. Innerhalb weniger Tage führten diese individuellen Zeugenaussagen zu einem umfassenden Überblick über die Lage im Land; besser, als es jede professionelle Organisation hätte schaffen können.

Die Ushahidi-Applikation ist von jedem internetfähigen Mobiltelefon aus abrufbar. Quelle: CC Erik Hersman, Flickr

Obamas Team verwendete das Tool, um 2012 die Ereignisse rund um den Wahlkampf zu verfolgen. Auch bei den aktuellen US-Wahlen kam Ushahidi zum Einsatz, nach Trumps Sieg wurden damit Gewalttaten und Angriffe gegen Minderheiten gesammelt. Mittlerweile wird es außerdem von der Website Syria Tracker benutzt, um zivile Opfer und Verstöße gegen die neuesten Waffenruhen festzuhalten.

„Neue Technologien werden mit Sicherheit nicht Probleme wie Armut oder Krieg lösen. Aber sie verändern die ganze Welt, auch Afrika. Wir leben momentan in einer sehr interessanten Zeit, in der Innovation für jeden eine Rolle spielt“, erklärt Chinje.

Ein Fenster zur Welt Wie Handys Indiens Gesellschaft ein Stück weit gleicher machen. Ein Interview mit dem Politikprofessor Rahul Mukherji.

Die Digitalisierung bringt das rasant wachsende Indien weiter voran. Doch, wie auch in anderen Bereichen, geht das riesige asiatische Land dabei seinen ganz eigenen Weg. Indien, ein Land zwischen Tradition und Moderne, lebt auch in Zeiten der Digitalisierung von der Improvisation. Ein Mann, der die Besonderheiten und die rasante Entwicklung Indiens aus einer persönlichen Perspektive beschreiben kann, ist der Konferenzteilnehmer Professor Rahul Mukherji, der in Heidelberg am Institut für Süd-Ostasien Studien lehrt.

Mukherji ist gebürtiger Inder und verbrachte Teile seiner Studien- und Arbeitszeit in seinem Heimatland. Er ist Indien nicht nur familiär sondern auch wissenschaftlich nach wie vor stark verbunden und forscht intensiv über den Wandel der indischen Gesellschaft im Zeitalter der Digitalisierung. Indien, allgemein als das Land der Programmierer bekannt, hat in den letzten Jahren ein besonderes Verhältnis zu Handys als Zugang zur digitalen Welt entwickelt, da diese in einem nach wie vor teils schlecht entwickelten Land große Vorteile bieten. Mukherji spricht darüber, wie Handys den indischen Wahlkampf beeinflussen, wie selbst Bauern davon profitieren und wieso der indische Handymarkt Wellen bis ins Silicon Valley schlägt.

Die Vereinbarkeit von Kultur und Moderne sowie die Annäherung zwischen Arm und Reich – Indien ist in jeder Hinsicht ein Land im Umbruch. Zu diesem Wandel leisten Smartphones einen großen Beitrag, sie sind handlich, bezahlbar und für Millionen Inder das Fenster zur Welt. Ein kleines Gerät, doch für viele Menschen die große Chance auf eine gleichberechtigte Zukunft durch Teilhabe am alltäglichen Leben.

 

Estland: Auf dem Weg zum europäischen Silicon Valley

Der Baltenstaat Estland hat sich zu einem Zentrum für junge, kreative Technologieunternehmen entwickelt. Zahlreiche Start-ups träumen von einer Erfolgsgeschichte wie der von Skype.

Von ein wenig Schnee lässt sich der Roboter nicht aufhalten. Kerzengerade fährt er mit seinen sechs Reifen den verschneiten Weg entlang, schon von weitem ist er an einer roten Fahne zu erkennen, wie sie Kinder an ihren Fahrrädern haben. Liis Kängsepp wischt mit den Fingern über den Bildschirm ihres Smartphones. Gleich zwei der Roboter sind auf dem nächsten Foto zu sehen, wie sie an einer roten Ampel darauf warten, die Straße überqueren zu können. „Sind sie nicht süß?“, fragt Kängsepp.

Kängsepp, Wirtschaftsjournalistin aus Estland, könnte noch unzählige Fotos zeigen, sie folgt dem Instagram-Account der kleinen Fahrzeuge, die vom estnischen Start-up Starship Technologies entwickelt wurden und deren Aufgabe es ist, Waren auszuliefern. Gesteuert durch GPS, Sensoren und Kameras sollen die Roboter künftig Einkäufe und Pakete von lokalen Lieferzentrenten zum Kunden transportieren. So zumindest stellen es sich die estnischen Entwickler vor. Pilotprojekte hat es bereits in zahlreichen Städten auf der ganzen Welt gegeben, so auch in Hamburg und Düsseldorf. „Starship Technologies ist eines der heißesten Start-ups Estlands“, sagt Kängsepp. Google, Amazon und die Deutsche Post arbeiten seit Jahren an der Zukunft des Warenlieferverkehrs und experimentieren beispielsweise mit Drohnen. Dass nun ausgerechnet ein Start-up aus Estland mit den milliardenschweren Konzernen um die besten Ideen konkurriert, ist kein Zufall.

Fünf Fakten zum Lieferroboter

  • Der Roboter wiegt 18 Kilogramm und kann bis zu 16 Stundenkilometer schnell fahren – auf Gehsteigen passt er sich der Geschwindigkeit von Fußgängern an und hält Abstand.
  • Mit Hilfe von GPS und Computer Vision findet der Roboter selbstständig seinen Weg. Er verfügt außerdem über neun Kameras und Ultraschallsensoren zur Hinderniserkennung.
  • Eine Lieferung soll nur einen Euro kosten, der mögliche Lieferradius beträgt ca. fünf Kilometer.
  • Bis zu 10 Kilogramm oder drei Einkaufstaschen kann der Roboter transportieren.
  • Ein Kunde kann z.B. online Lebensmittel bestellen und erhält eine Nachricht vom Supermarkt, sobald der Roboter beladen wurde. Zu einer selbstgewählten Uhrzeit lässt der Kunde den Roboter losfahren und öffnet ihn nach der Ankunft mit seinem Handy.

Der Baltenstaat Estland hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Zentrum für junge, kreative Technologieunternehmen entwickelt. Die staatliche Agentur „Startup Estonia“ beziffert die Zahl der estnischen Start-ups auf rund 400 – und das, obwohl Estland gerade einmal 1,3 Millionen Einwohner hat. Zurückzuführen ist dies auch auf den Erfolg des Internet-Telefondienstes Skype, der 2003 in Estland entwickelt wurde, inzwischen im Besitz von Software-Gigant Microsoft ist und über 300 Millionen aktive Nutzer zählt. Vor allem aber bietet Estland erstklassige Voraussetzungen für Start-ups. Der Zugang zum Internet ist Teil der Grundrechte und es gibt tausende offene WLAN-Zugänge. Um ein Unternehmen zu gründen, braucht es in Estland nur einige wenige Mausklicks. Durch die elektronische Verwaltung lässt sich fast alles online regeln.

Die Weichen für Estlands digitale Vorreiterrolle in Europa stellte der Baltenstaat bereits in den 1990er-Jahren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sahen die Esten in der Digitalisierung die Chance auf einen Neuanfang. Das 1997 gestartete Programm „Tigersprung“ propagierte Informationstechnologie als Mittel zur Modernisierung. Seit 2000 arbeitet Estlands Regierung ohne Papier, seit 2005 können die Bürger sogar ihre Politiker über das Internet wählen. Schon Erstklässler lernen in der Schule Programmieren.

„Die Menschen in Estland gehen äußerst unkritisch mit dem technischen Fortschritt um, sie sehen nur die möglichen Vorteile. Sie sind daher auch stolz auf die vielen jungen Technologieunternehmen“, sagt Kängsepp, deren wichtigster Auftraggeber als Journalistin das Wall Street Journal ist. Über estnische Start-ups allerdings berichtet sie für die US-amerikanische Wirtschafts- und Finanzzeitung bislang kaum. „Im Vergleich zu amerikanischen Start-ups sind die estnischen klein und die Investments in sie gering, sodass sich das Wall Street Journal nicht für sie interessiert. Noch nicht.“

Liis Kängsepp

Journalistin Liis Kängsepp | Foto: Krõõt Tarkmeel

Estnische Journalistin

Arbeitet als Stringer für das Wall Street Journal und andere Medien

Twitter: @kangsepp

Instagramm: kangsepp 

Zahlreiche Gründer in Estland träumen von einer Erfolgsgeschichte wie der von Skype. Neben Roboter-Entwickler Starship Technologies zählt Transferwise zu den aktuell bekanntesten estnischen Start-ups. Das 2011 gegründete Unternehmen ermöglicht es seinen Kunden, Online-Geldtransfers in Fremdwährungen vorzunehmen, die günstiger sind als bei Banken. Seit 2013 ist der Service auch in Deutschland verfügbar. Weltweit transferieren rund eine Millionen Menschen mehr als 700 Millionen Euro pro Monat mithilfe von Transferwise.

Trotz der Vielzahl estnischer Start-ups sind Gründer und Geldgeber untereinander gut vernetzt. Viele von ihnen haben an der staatlichen Universität in Tartu studiert oder waren einst an der Entwicklung von Skype beteiligt. In den sozialen Netzwerken tritt die estnische Start-up-Szene ebenso geschlossen auf. Unter dem Hashtag #estonianmafia tauschen sich die jungen Unternehmen bei Twitter aus und posten Bilder auf Instagram – so wie Starship Technologies von seinen kleinen Robotern.

Weit weg vom Netz und einer sexuellen Revolution Wie die Digitalisierung Indiens Stadt- und Landbevölkerung weiter spaltet

Indien ist das Land der Kontraste: Während die Mittelschicht in den Städten online shoppt oder Datingportale nutzt, ist die Mehrheit der Bevölkerung vom Internet ausgeschlossen und kämpft ums Überleben. Jürgen Webermann, ARD-Korrespondent in Delhi, zeigt, warum in Sachen Digitalisierung noch viel zu tun ist.

Neu-Delhi im Februar 2009. (Foto: Christian Haugen, CC BY 3.0 DE)

Vom fein bestickten gelben Sari bis zum neuen Mittelklassewagen: Die urbane Mittelschicht Indiens liebt es, online zu shoppen. 2009 erlebte das Land einen digitalen Boom. Für Smartphone- und Social-Media-Anbieter ist Indien derzeit einer der am stärksten wachsenden Märkte weltweit. 375 Millionen der 1,3 Milliarden Einwohner sind heute online. Bis Ende dieses Jahrzehnts soll sich die Zahl auf eine halbe Milliarde erhöhen. Gleichzeitig ist Indien aber auch der Rekordhalter bei den Offlinern, der sogenannten „unconnected billion“. Eine Milliarde Menschen, vor allem die Landbevölkerung, bleibt außen vor. Wer Glück hat, lebt in einem Dorf mit Cybercafé und kann sich, solang der Strom nicht ausfällt, mit dem Word Wide Web vertraut machen. Doch die Zukunftsvisionen von Premierminister Narendra Modi gehen viel weiter: Bereits im September 2015 hat er angekündigt, über Glasfaserkabel innerhalb von fünf Jahren alle ländlichen Regionen mit Internet zu versorgen. Das bedeutet, in 600.000 Dörfern Kabel zu verlegen; Zum Vergleich: In Deutschland gibt es gerade einmal 15.000 Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern und auch hierzulande läuft der Ersatz der DSL-Verbindungen durch schnelles Glasfasernetz sehr schleppend. Während in Japan bereits 73 Prozent der Haushalte mit High-Speed-Internet surfen, sind in Deutschland laut OECD nur 1,3 Prozent der Haushalte schon mit Glasfaseranschluss ausgestattet.

 

 Verpasste Chance: Digitalisierung könnte die Armut auf dem Land bekämpfen

 Die großspurigen Versprechungen von Modi verfolgt der deutsche Journalist Jürgen Webermann mit Skepsis. Seit knapp vier Jahren ist er Indien-Korrespondent der ARD und beobachtet die indische Netzwelt. Für seine Recherchen ist er auch häufig in den ländlichen Regionen unterwegs. Hier leben fast 70 Prozent der Inder. „Es gibt tolle Ideen, wie man die Leute auf dem Land ins Internet bringen kann, aber die müssten eben auch umgesetzt werden und an der Umsetzung hakt es in Indien eigentlich immer“, sagt der Radioreporter. Dabei könne die Digitalisierung auf dem Land das Leben nicht nur modernisieren, sondern existenzielle Probleme lösen. Erst in diesem Jahr belegte Indien Platz 97 von 118 des Welthungerindex. Unter den asiatischen Ländern stufte die Welthungerhilfe nur Afghanistan, Pakistan, Nordkorea und Osttimor schlechter ein. „Die Digitalisierung könnte auf dem Land eine riesige Chance sein, wenn man es mit satellitengestütztem Internet schaffen würde, mobile Bankstationen einzurichten“, sagt Jürgen Webermann. So könne man endlich sichergehen, dass Bedürftige auf dem Land staatliche Subventionen direkt auf ihr Konto bekommen, ohne das Mittelsmänner in den Behörden vorher etwas abzwacken. Laut Webermann verfügt nur jedes vierte Dorf in Indien über eine Bank im Umkreis von weniger als fünf Kilometern.

Zudem mangelt es der Landbevölkerung an einem qualifizierten Bildungsangebot; nicht einmal Englisch- und Matheunterricht für jedes Kind ist garantiert. Der Korrespondent kennt die Bürgermeisterin eines Dorfes in Rajasthan, für dessen Schule sich nur ein Lehrer für Sanskrit und indische Geschichte finden ließ. Ohne diese Grundlagen heißt das für die Schulabsolventen: keine Chance auf einen Job in der florierenden Start-Up-Szene in Bangalore oder Neu-Delhi. Viele junge Inder zieht es trotzdem in die Städte, obwohl es außerhalb des informellen Sektors für sie dort meist keine Anstellung gibt. Jürgen Webermann ist der Auffassung, dass sich die große Lücke zwischen Stadt und Land in den kommenden Jahren sogar noch verstärkt: „Die Digitalisierung treibt die Transformation in den Städten deutlich voran und die Leute auf dem Land werden immer weiter abgehängt.“ Diese Spaltung, in Fachkreisen „Digital Devide“ genannt, fällt Webermann besonders dann auf, wenn er von seinen Recherchen wieder zurück nach Neu-Delhi kommt. Neben Startup-Büros und Onlineshops habe sich eine Ausgehkultur entwickelt, die er vorher so nicht erlebt hat.

 

Im Netz werden traditionelle Gesellschaftsmuster auf die Probe gestellt

Im Kontrast zu diesen neuen Freiheiten ist die arrangierte Ehe auch in indischen Städten noch weit verbreitet. Doch seit einiger Zeit bekommen Eltern in der Männerwahl für ihre Töchter Konkurrenz. Über 1500 Rating-Apps und Websites stehen in Indien zur Auswahl. „Es geht gar nicht unbedingt darum, jemanden abzuschleppen, sondern erstmal überhaupt Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen“, so Webermann. In Konkurrenz zum kalifornischen „Tinder“ stehen indischen Heiratsportale wie „shaadi“ und „bharat matrimony“, die von ihren Nutzern auch Religion und Kaste abfragen. Auch wenn manchmal doch noch die Familie mit hinter den Bildschirmen sitzen dürfte, kann sich Jürgen Webermann vorstellen, dass der Anteil an ‚Love Marriages’ durch die Verbreitung solcher Apps steigt. Denn anders als Bollywood suggeriert, sind nach einer Studie der Universität in Chicago 2007 nur fünf Prozent der indischen Ehen Liebes-Heiraten. Doch steckt die Tradition der arrangierten Ehe schon mitten im Umbruch? Im Netz beobachtet Webermann neben den Dating-Sites eine Fülle an Kleinanzeigen in Foren: von Frauen, die versuchen auf diese Weise ausländische Geschäftsmänner aufzuspüren, bis zu indischen Pärchen, die einen dritten Spielpartner für sexuelle Abenteuer suchen. „Das fand ich total abgefahren, weil Sex in der indischen Gesellschaft normalerweise wirklich noch ein Tabuthema ist“, erklärt der Journalist.

Die vielfältigen Kontaktmöglichkeiten im Internet kommen auch Homosexuellen in Indien zugute – und das obwohl Homosexualität immer noch unter Strafe steht. Erst 2013 wurde das Gesetz, das homosexuelle Praktiken als illegal einstuft, vom indischen Supreme Court bestätigt. Doch weder im Alltag und schon gar nicht im Netz scheint das antiquierte Gesetz noch zu greifen, jedenfalls finden sich in den Anzeigeforen auch viele Gesuche nach gleichgeschlechtlichen Partnern. „Ich glaube, in den Foren kann man recht leicht Leute finden, mit denen man seine Homosexualität ausleben kann. Freunde von uns, die homosexuell sind, machen das auch so“, sagt Webermann. Die Angst, dass gleichgeschlechtliche Liebschaften übers Netz auffliegen könnten, sei unbegründet, denn der Staat sei so ineffektiv, da blieben keine Kapazitäten für eine Art Gesinnungspolizei, die das Internet durchstreift. Langfristig glaubt der Indien-Korrespondent, habe die Digitalisierung das Potential, das Verbot von Homosexualität zu kippen. Der Wandel wirkt für ihn immer deutlicher wie eine kleine sexuelle Revolution.

 

In indischen Dörfern fehlt es noch an den Basics

 Von all dem bekommen die Inder auf dem Land nichts mit. „Während wir in der Stadt schon manchmal im 21. Jahrhundert angekommen sind, stecken die ländlichen Regionen noch im Mittelalter“, formuliert Webermann. Ein drastisches Urteil, das aber auch der indische Journalist und Blogger Sanjay Kumar stützt: “Internet ist wohl das letzte Problem von jemandem, der um drei Mahlzeiten am Tag kämpfen muss.”

Dass Bildung und Existenzsicherung Vorrang haben, wissen auch eine Hand voll Initiativen, die sich der „unconnected billion“ zuwenden und mit rudimentären, digitalen Angeboten versuchen, zu helfen. Das sind Dienste wie „vahan“, bei dem ein Lehrer, hunderte Kilometer entfernt, seine Schüler anruft und via Handy-Dialog Englisch-Nachhilfestunden gibt. Die „Whole in the Wall“-Initiative dagegen hat es sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche spielerisch an das Internet heranzuführen und installiert internetfähige Rechner in Wänden von öffentlichen Gebäuden, die zur freien Verfügung stehen. Auch erste wackelige Versuche mit Telemedizin über Cybercafés zeigen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, als allein darauf zu hoffen, dass Narendra Modi bis 2020 sein Versprechen einhält.

In einem deutschen Artikel über Inden darf die Kuh natürlich nicht fehlen: Hier vor der Werbung für ein Internetcafé – in Indiens’ ländlichen Gebieten meist der einzige Zugang zum Netz. (Foto: Vincent Desjardins, CC BY 3.0 DE)

 

Wenn die Kuh mit auf’s Bild muss Klischees über Indien in den Medien - und wie sie sich überwinden lassen

Indien ist vielfältig, dennoch verbreiten Medien über das Land häufig Klischees. Deutsche Journalisten wollen gegensteuern, indem sie über mehr berichten als nur über Gewalt und Armut. Dafür benötigen sie WhatsApp und einige Dolmetscher.

Jürgen Webermann berichtet für die ARD seit 2013 aus Indien (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)

Wenn dem indischen Außenministerium etwas besonders wichtig ist, dauert es nicht lange, bis auf Jürgen Webermanns Handy ein WhatsApp-Chat aufploppt. Webermann schaut dann auf sein Display und öffnet die Nachricht vom Minister-Sprecher, ohne sich darüber zu wundern, wer ihm da schreibt. Längst hat sich der Indien-Korrespondent daran gewöhnt, wie in Indien politische PR gemacht wird: mit Social Media statt mit drögen Pressemitteilungen.

Bereits vor zwei Jahren bekamen indische Journalisten zu spüren, was es heißt, wenn Spitzenpolitiker lieber twittern als mit ihnen zu reden: Nach seiner Wahl im Mai 2014 ließ sich Premierminister Narendra Modi zunächst mehrere Monate Zeit, bis er den Zeitungen des Landes Interviews gab. Erst als die Presseleute diese Praxis öffentlich monierten, sprach der Premier mit ihnen. Denn ähnlich wie Donald Trump liebt es Modi, der auf Twitter 26 Millionen Follower hat, seine Statements und Vorhaben direkt in den sozialen Medien zu verbreiten. Dort erreicht er seine Wähler schneller als beim Gespräch mit einem Reporter, und zudem hat er selbst die Hoheit darüber, wie die Informationen beim Publikum ankommen. Das Nachsehen haben die klassischen Medien, sie bangen um die Exklusivität ihrer Stories.

 

Korrespondent für ein Viertel der Weltbevölkerung

Darüber, wie er an gute Stories kommt, muss sich Jürgen Webermann meist keine Sorgen machen. Im Gegenteil: Für die ARD berichtet er seit 2013 als Hörfunk-Korrespondent über ein gewaltiges Territorium: ganz Südasien, darunter Indien und Afghanistan; eine Region, in der fast zwei Milliarden Menschen leben – ein Viertel der Weltbevölkerung. Geschichten gibt es für Webermann dort immer und überall. Gleichzeitig fordert ihn die Größe der Region heraus: Ständig besteht das Risiko, Bedeutsames zu verpassen, Stereotype abzubilden oder ganze Bevölkerungsgruppen zu stigmatisieren, etwa jene Millionen Menschen, die in den noch immer bitterarmen ländlichen Gegenden von Indien leben.

Nur etwa zehn deutschsprachige Journalisten berichten regelmäßig aus Indien, darunter Reporter für die Neue Zürcher Zeitung, die Zeit, das ZDF oder für die Deutsche Welle (DW). Für die DW, den deutschen Auslandssender, hat auch Christoph Kober eine Zeit lang in Indien gearbeitet, sein Schwerpunkt sind Wirtschaftsthemen. Die Indien-Klischees, die ihm immer wieder begegnen, ermüden ihn: “Man könnte flapsig sagen: In jedem Beitrag des ZDF über Indien läuft irgendwann eine Kuh durchs Bild, weil die Leute das von Indien erwarten.” Das, was Journalisten wie Jürgen Webermann und Christoph Kober tun, beeinflusst das Bild der Deutschen von Indien maßgeblich. Allein 60 Radiosender strahlen Webermanns Beiträge aus, darunter der Deutschlandfunk und sämtliche Sender der ARD. Was Webermann sagt, das hören Millionen. Und was er kommentiert, formt deren Meinungen über ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Deshalb möchte er nuancieren und einordnen, so gut es geht.

 

Rassistische Stereotype bringen Quote

„Wird in Indien eine Touristin vergewaltigt, springen wir nicht gleich auf das Thema auf“, sagt Webermann. In Europa werde ja auch nicht jede Vergewaltigung einer Touristin in den Medien hochgejazzt. Das Problem dabei: Geschichten aus Indien über solche Vorfälle funktionieren gut in Deutschland, so Webermann. Sie bringen Klicks und Quote. „Auch weil sie rassistische Stereotype bedienen, von dunkelhäutigen Männern, die wie Tiere über Frauen herfallen. Dagegen wehren wir uns.“ Ignorieren will Webermann Themen wie Vergewaltigungen aber auch nicht. Wichtig sei es, einen Kontext zu schaffen.

Zum Jahrestag der Gruppenvergewaltigung, bei der 2012 sechs Männer in Neu-Delhi eine junge Frau misshandelt haben, bieten Webermann und seine Kollegen etwa eine Reportage-Serie an, in der die unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft abgebildet werden. Dabei geht es nicht nur um Frauen, die schwere körperliche Gewalt erleben, sondern auch um solche, die beruflich erfolgreich sind, aber an Glasdecken stoßen. „Und das sind Probleme, die es auch bei uns im Westen gibt”, sagt Webermann.

Mit Vorurteilen über seine Landsleute wird auch der indische Kommunikationswissenschaftler Jacob Puthenparambil konfrontiert, der derzeit an der TU Dresden promoviert. Besonders häufig bekommt der 37-Jährige zwei Fragen gestellt: Ernährt sich wirklich jeder Inder vegetarisch? Und sind eigentlich alle Inder IT-Experten? Sicher, es sind Vorurteile der harmloseren Art, aber auch sie werden von den Medien vermittelt, findet Puthenparambil, der in London studierte und in Singapur eine PR-Agentur leitet. Um sich über Deutschland und über das Bild der Deutschen über Indien zu informieren, verfolgt er die englische Ausgabe von Spiegel Online oder die Deutsche Welle. Problematisch ist laut Jacob Puthenparambil die Tatsache, dass sich westliche Journalisten hauptsächlich in den zwei indischen Metropolen Neu-Delhi und Mumbai aufhalten. Dort seien Armut, Hunger und Korruption aber nicht so ausgeprägt wie auf dem Land. “Neu-Delhi und Mumbai sind aber nicht Indien”, sagt Puthenparambil. „Das ist genauso falsch, wie von New York oder San Francisco auf die gesamte USA zu schließen.“

ARD-Korrespondent Jürgen Webermann kennt diese Bedenken, auch sein Studio befindet sich mitten in Neu-Delhi und somit in einem der wenigen, modernen, digitalisierten Zentren Indiens. Verlässt er für Reportagen die Stadt, wird die Arbeit komplizierter für ihn. Etwa wenn es nicht mehr reicht, nur auf Englisch miteinander zu sprechen. „Das ist ein großes Hindernis“, sagt Webermann. „Wenn ich mit Leuten Hindi spreche, helfen mir zwei indische Producer beim Übersetzen. Schwieriger wird es, wenn es für eine Reportage über Hunger nach Maharashtra geht, wo Marati gesprochen wird. Dann brauche ich auch noch jemanden, der von Marati auf Hindu und dann wiederum ins Englische übersetzt. Vieles kann dadurch verloren gehen.“

 

Ist das Publikum nicht offen für Differenzierungen?

Was verloren gehen kann, wenn eine Nachricht nicht vollständig wiedergegeben wird, hat Webermann auch im November 2013 erfahren, als er sich dazu entschlossen hat, nach Bangalore zu reisen. Der Grund: Erstmals gelang es Indien, eine Rakete zum Mars zu schicken. Die Mission war von geringer wissenschaftlicher Relevanz, das Budget lag mit 60 Millionen US-Dollar unter dem eines Hollywood-Films. Aber Indien jubelte. Indes ergoss sich in den Kommentarspalten der ARD-Websites der Hohn. Warum nur, fragten dort viele, leistet es sich ein armes Land mit so viel Hunger eine Rakete ins All zu schießen? Webermann hatte zunächst eine ähnliche Einschätzung wie die Kommentatoren, aber anstatt weiter zu spekulieren, reiste er zur indischen Weltraumagentur, ins 2.000 Kilometer südlich gelegenen Bangalore, um einen zweiten Bericht zu erstellen. „Was ich dort vorfand, war der Muff einer 80er-Jahre-Behörde in Deutschland, es roch nach Bohnerwachs, nach Spießigkeit und es war alles andere als schick“, sagt Webermann. Statt auf Patriotismus und Pathos fokussierten sich die Forscher auf das Wesentliche. Ohnehin war das primäre Ziel nicht die Marslandung, sondern eine Rekrutierungskampagne: Dank der Aufmerksamkeit für die Mars-Mission hätten sich sofort 200.000 College-Absolventen um einen Job beworben, die sonst wohl zu besser zahlenden Firmen gegangen wären. Mit den jungen Fachleuten sei es wiederum möglich, an wichtigen Verbesserungen zu forschen, die allen Indern zugutekommen, etwa an Satelliten, die genauere Wettervorhersagen oder Internet für entfernte Regionen ermöglichen.

Nun gehört es aber zu den Paradoxien der Mediengesellschaft, dass nuancierte Berichte zwar leicht zu finden sind, das Publikum diese aber nicht unbedingt mit großer Aufmerksamkeit würdigt. So auch bei Webermanns zweiter Geschichte über die Weltraumagentur. “Das Interesse war wirklich gering“, sagt er. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass das Publikum offen war für diese Differenzierung.“ Was aber sollen deutsche Medien tun, wenn aufgewärmte Klischees stets besser funktionieren als Differenzierung? Jacob Puthenparambil gibt einen pragmatischen Rat, von dem die deutschen Zuschauer nur wenig hätten: „Die Medien sollten ihr Publikum vergrößern und mehr auf Englisch berichten“, empfiehlt der indische Kommunikationswissenschaftler. “Schon jetzt sprechen Millionen Inder Englisch. Die wollen wissen, wie der Westen über sie denkt.” Und Millionen Inder, die Jahr für Jahr ins Internet kommen, haben erstmals die Möglichkeit dazu.

Jürgen Webermann spricht über den Digital Divide (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)

Das Ende der Wartenummer Nie mehr bei Behörden anstehen? Die Esten können so gut wie alle Verwaltungsvorgänge online erledigen. Wie das in Estland funktioniert und woran es in Deutschland hapert. Von Luisa Hofmeier und Caspar Schwietering.

In Berlin hat es die Verwaltung letztes Jahr zum Hauptwahlkampfthema gebracht: Seit Jahren brauchen Berliner, wenn sie sich Ummelden oder einen neuen Personalausweis beantragen wollen, einen Termin bei ihrem Bürgeramt – und warten meist Monate darauf. „Hier gibt es ein Amt, aber keine Termine“ plakatierten die oppositionellen Grünen deshalb vor der Abgeordnetenhauswahl im September und die regierende SPD versprach mit neuen Stellen in den Bürgerämtern das Problem endlich in den Griff zu kriegen.

Das Berliner Verwaltungsversagen ist ein spezieller Fall, aber überall in Deutschland müssen die Bürger bei fast jedem Kontakt mit der Verwaltung einen Behördengang unternehmen und dabei teils stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen. Dass es auch anders geht, zeigt das kleine Estland: Sich Ummelden, einen neuen Ausweis beantragen, eine Firma anmelden und vieles mehr können die Esten online erledigen.

Behördengänge werden überflüssig

Ihr wichtigstes Hilfsmittel ist dabei ein Chip auf ihren Personalausweisen oder die SIM-Karte ihrer Smartphones. Mit der darauf gespeicherten elektronischen Identität können sich die Esten digital ausweisen und Dokumente unterschreiben. Behördengänge werden so überflüssig und auch die Banken des Landes greifen für ihre e-Banking-Angebote darauf zurück.

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig zeigt Indrek Õnnik wie das System funktioniert. Das ist sein Job. Der 28-Jährige Este arbeitet beim e-Estonia Showroom in Tallin und versucht, die Welt von den Vorteilen der digitalen Verwaltung zu überzeugen. Auch Angela Merkel hat er deswegen schon getroffen. Im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig wird er allerdings erst mal vom langsamen Internet aufgehalten.

Während er den Laptop auf den Knien balanciert und sich nach und nach die estnische e-Government-Seite aufbaut, nimmt er seinen Personalausweis aus dem Portemonnaie, holt einen Kartenleser mit USB-Anschluss aus der Laptoptasche und verbindet ihn mit dem PC. Verdeckt tippt er den ersten PIN ein, um sich einzuloggen. „Jetzt prüft das System auf dem Server, ob wirklich ich das gerade bin“, erklärt er. Mit der Eingabe von gerade einmal vier Stellen hat er seine Identität nachgewiesen.

Auf dem Desktop ruft er eine Demo-Version des estnischen i-Votings auf. Seit 2005 können die Esten damit bei Wahlen online ihre Stimmen abgeben. Das Programm erkennt automatisch in welchem Wahlkreis Õnnik wohnt und zeigt ihm die passenden Kandidaten an. Zweimal muss er seine Wahl bestätigen. Anschließend folgt ein zweiter PIN. „Es gibt nichts, was man nur mit einem PIN-Code tun könnte, du musst immer beide haben“, kommentiert er. Genauso hat Õnnik schon einmal gewählt. Physisch saß er damals im westfälischen Iserlohn.

„Zu 99,9 Prozent gibt es niemanden, der unser System hacken kann.“

Gerade die Möglichkeit online zu wählen hat international aber auch für Kritik gesorgt. Wissenschaftler aus Michigan empfehlen in einer Studie von 2014 die Nutzung des elektronischen Wahlsystems in Estland einzustellen. „Wir glauben nicht, dass man das i-Voting-System heutzutage sicher ausgestalten kann“, heißt es. Õnnik hält dagegen. „Wir überarbeiten das System immer wieder. Wir benutzen niemals dasselbe. Und wir laden vorher Leute ein, das System zu hacken, damit nichts passiert.“

Mit Blockchain Technologie sei das gesamte estnische e-Verwaltungssystem gesichert, erklärt er, auch gegen Quantencomputer sei es immun. „Ich würde sagen, dass es zu 99,9 Prozent niemand gibt, der unser System hacken kann. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, aber wir würden es zu 100 Prozent merken, wenn uns jemand hacken würde.“ Ein Fall „Edward Snowden“, der über Monate Daten der Nationalen Sicherheitsbehörde (NSA) der USA entwendet hat, ist laut Õnnik in Estland nicht möglich.

Im Frühling 2007 wurde Estland jedoch Opfer von Denial-of-Service-Attacken. Mit einer Flut von Anfragen auf verschiedene Online-Adressen, die vermutlich aus Russland gesteuert wurden, legten Unbekannte unter anderem die Online-Services von Estlands Verwaltung und Banken lahm. Auch wenn keine Daten gestohlen wurden, stieg in Estland das Bewusstsein für die eigene Verwundbarkeit. Das baltische Land versucht sich seitdem durch eine Vielzahl von Back-up-Servern auf der ganzen Welt zu schützen.

Deutsche haben Angst um ihre Daten

Seiner Digitalstrategie blieb das Land aber treu und machte im Jahr nach den Attacken auch die intimsten Daten seiner Bürger digital verfügbar. Seit 2008 können die Esten sowie deren Ärzte online auf ihre gesamte Krankenakte zugreifen. Um die Angst der Bevölkerung vor Missbrauch zu zerstreuen, gibt die estnische Regierung den Bürgern Einsicht darüber, wer auf ihre Daten zugreift. Unberechtigte Datenaufrufe stehen unter Strafe. Das hat die Esten anscheinend beruhigt: Zum Erstaunen der zumeist deutschen Zuhörer der Bildkorrekturen-Konferenz erklärten die estnischen Journalisten und Wissenschaftler auf dem Podium freimütig, dass sie der Regierung und deren Umgang mit Daten vertrauen.

Die Deutschen hingegen bleiben bei Datensicherheit und Datenschutz skeptisch. Laut des e-Government Monitors, einer jährlich erscheinenden Studie zur elektronischen Verwaltung in Deutschland, hielt die Angst vor Datendiebstahl und mangelnde Informationen darüber, was mit den Daten passiert, rund ein Drittel der Befragten davon ab, die bestehende elektronische Verwaltung in Deutschland zu nutzen.

E-Verwaltung in Deutschland? In der Theorie ist der Weg für eine papierlose Verwaltung auch hierzulande geebnet: Seit 2010 gibt es den elektronischen Personalausweis. Ist die Funktion der e-ID freigeschaltet, ist es möglich, sich digital auszuweisen und Dokumente übers Internet zu unterschreiben.

Der e-Government Monitor von 2016 zeigt jedoch: Kaum einer nutzt die Funktionen, lediglich vier Prozent der Befragten besaßen überhaupt ein Kartenlesegerät, das zur Nutzung des elektronischen Personalausweises benötigt wird. Und die 2012 eingeführte De-Mail, mit der sich ebenfalls mit den Behörden interagieren ließe, haben auch nur acht Prozent der Befragten installiert.

„E-Government gibt es in Deutschland nicht.“

Der Nationale Normenkontrollrat, der für die Bundesregierung die Wirkung von Gesetzen überprüft, hält das Verhalten der Bürger in einem Gutachten von 2015 für verständlich. Denn bisher bringen diese Funktionen kaum Nutzen. Das 2013 vom Bundestag verabschiedete e-Government-Gesetz verpflichtet immerhin alle Bundesbehörden, die vollständige elektronische Abwicklung von Verwaltungsakten zu ermöglichen.

Aber nur wenige kommunale Verwaltungen, mit denen Bürger meist zu tun haben, bieten die elektronische Übermittlung von Dokumenten via De-Mail und e-ID an. Bei ihren Kommunen konnten die Bürger im Mittel nur zwei – zumeist eher nebensächliche – Verwaltungsakte vollständig online abwickeln. „E-Government gibt es in Deutschland de facto nicht“, urteilen die Autoren des Gutachtens deshalb.

Für Christian Welzel, der für den unter anderem vom Bundesinnenministerium finanzierte Berliner Thinktank Kompetenzzentrum Öffentliche IT arbeitet und zu den Autoren der Studie des Normenkontrollrates gehört, lässt sich Deutschland aber auch nur schwer mit Estland vergleichen. „Estland konnte ab 1991 eine komplett neue Verwaltung aufbauen und hat dabei von Anfang an auf IT-freundliche Lösungen gesetzt“, erklärt er. „Das Land ist außerdem mit 1,3 Millionen Einwohnern viel kleiner und hat eine zentrale Verwaltung.“

Das Einsparpotenzial in Deutschland ist enorm

Dagegen könne Deutschland mit 82 Millionen Einwohnern und seinen föderalistischen, über die Zeit gewachsenen Strukturen nicht mithalten. Während in Estland alle Behörden über die sogenannte X-Road miteinander verbunden sind und bei Bedarf Daten austauschen, laufen die Verwaltungssysteme in Deutschland nebeneinander her. „Eine zentrale Marke wie e-Estonia könnte aber helfen, die digitalen Angebote der verschiedenen deutschen Verwaltungsebenen miteinander kompatibel und für die Bürger attraktiv zu gestalten“, glaubt Welzel.

Eine Digitalisierung der deutschen Verwaltung nach estnischem Vorbild böte laut Experten in jedem Fall einen großen volkswirtschaftlichen Nutzen. Laut Welzels Gutachten für den Normenkontrollrat könnte Deutschland bei einer vollständigen Digitalisierung seiner Verwaltung rund ein Drittel der Kosten vermeiden. Und Indrek Õnnik verweist bei der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig darauf, dass Estland durch die konsequente Implementierung der digitalen Unterschrift in Verwaltung und Privatwirtschaft jährlich zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts spare. „Stellt euch vor, Deutschland könnte auch zwei Prozent einsparen.“ Zwei Prozent, das wären immerhin 60 Milliarden Euro. Ob diese Summe die Ängste deutscher Bürger zerstreuen kann, ist aber eine andere Frage.

Appschmiede Afrika Eine Sammlung digitaler Projekte aus Afrika

In den Köpfen vieler Menschen steht Afrika nach wie vor für Armut, Hungersnöte und Babys mit aufgeblähten Bäuchen. Dabei ist das ein vollkommen veraltetes Bild. Viele Länder Afrikas haben eine stetig wachsende und kauffreudige Mittelschicht. Vor allem die immer weiter und schneller fortschreitende Digitalisierung gibt jungen, kreativen Unternehmen die Möglichkeit, ihre Ideen mit wenigen Mitteln umzusetzen. Sie lassen Nutzer ihre Bankgeschäfte übers Handy abwickeln, medizinische Ratschläge über eine App erfragen oder ihren Kindern Zugang zu Bildung verschaffen. Sie wollen mit ihren Projekten gegen Korruption und Arbeitslosigkeit ankämpfen – oder einfach nur unterhalten.

In der nachfolgenden interaktiven Karte finden sich 30 Apps und digitale Projekte aus Afrika. Klickt man auf die verschiedenen Symbole, erscheint eine kurze Beschreibungen und ein Link zur Website des jeweiligen Projekts. Die Sammlung hat bei Weitem nicht den Anspruch, vollständig zu sein. Sie soll vielmehr einen Überblick darüber geben, welche Chancen die Digitalisierung dem Kontinent bietet – und wie diese bereits jetzt genutzt werden.

Unter der Karte werden alle Apps und digitale Projekte noch einmal nach Kategorien sortiert aufgezählt.

Hinweis: Da gerade in den größeren Städten viele Projekte ihren Ursprung haben, lohnt es sich, in die Karte hineinzuzoomen.

Gesundheit

Ask Without Shame, Uganda

Dokita Eyes, Togo

Flare, Kenia

GetIn, Uganda

Gifted Mom, Kamerun

Leap, Kenia

OMOMI, Nigeria

Vula, Südafrika

Bildung

AkiraChix, Kenia

Eduze, Südafrika

Elimu, Kenia

Eneza Education, Kenia

Shule Direct, Tansania

Tuteria, Nigeria

Xander, Südafrika

Arbeit

Domestly, Südafrika

DumaWorks, Kenia

iCow, Kenia

MFarm, Kenia

Sauti, Kenia

Finanzen

M-Pesa, Kenia

SnapScan, Südafrika

Unterhaltung

BattaBox, Nigeria

Genii Games Limited, Nigeria

Pelichat, Südafrika

Gastronomie

Afrifood, Ruanda

Bottles, Südafrika

Information

LegalForms, Nigeria

Ushahidi, Kenia

Verkehr

Afritaxi, Ruanda

 

Sie kennen noch ein spannendes digitales Projekt aus Afrika, das super in unsere Karte passen würde? Kein Problem: Kommentieren Sie einfach den Namen des Projekts und am besten gleich die Website des Entwicklers unter diesen Artikel. Wir nehmen das Projekt dann so schnell wie möglich in unsere interaktive Karte auf.