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Sind wir nicht alle ein bisschen #digital Die Tagung ist vorbei, doch was bleibt sind die Einträge auf den Social Media Kanälen. Ein Rückblick via Social Media Posts.

Drei Tage wurde diskutiert, aufgeklärt und informiert über die Bilder, die sich überwiegend durch die Medien in unsere Köpfe eingebrannt haben. Im Fokus stand dabei immer die Entwicklung der Digitalisierung. Doch wie ist eigentlich unser eigenes digitales Verhalten?

Ein Leben ohne Internet – undenkbar?!

„73% der Menschen in Afrika besitzen ein Handy“, klärt Julia Manske von der Stiftung Neue Verantwortung auf. „In Indien gibt es mehr Handys als Toiletten“, so Mr. Nair im Indien Panel. Können wir uns ein Leben ohne Internet überhaupt noch vorstellen? Handys und das Internet sind zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Auch auf der Tagung nutzten die Leute die Social Media Kanäle, um sich auszutauschen, zu unterhalten, zu informieren.

Die Tagung beginnt und somit auch die Bereitschaft zu posten  …

Auf der Tagung standen die Panels zu Kenia, Estland und Indien stets im Fokus.

#Zitate, die nicht nur in den Köpfen bleiben

#Fragen, die Diskussionsbedarf weckten

#Networking

Nicht nur im World Café wurden verschiedene Fragen an die Studenten gestellt, die Diskussionen über das eigene digitale Verhalten anregen sollten. Auch beim ständigen Networking diskutierten die Teilnehmer rege. Dabei wurde deutlich, dass sich kaum mehr einer ein Leben ohne Internet vorstellen kann.

„Das Leben wäre kompliziert, hart und viel langsamer“, so die Studenten bei einer Umfrage zum Thema Ein Leben ohne Internet … Einige Studenten betonten, dass sie hin und wieder versuchen, bewusst auf das Internet zu verzichten, merken aber schnell dass es kaum mehr möglich ist – gerade auch für angehende Journalisten, die am liebsten in Echtzeit informieren wollen (Verlinkung auf Liveberichterstattung DWA).

#Posts der Referenten

„Ich tweete dann, wenn ich der Welt etwas zu sagen habe“, so Eric Chinje über sein eigenes Social Media Verhalten. Er kann sich ein Leben ohne Social Media kaum mehr vorstellen. „Für mich ist das Internet wie ein Motor“, sagt er. Auch auf der Konferenz hat er fleißig getweetet.

Dr. Wilson Ugangu hatte sein Handy an den drei Konferenztagen zuhause gelassen. Doch dank Eric Chinjes Bereitschaft zu tweeten hat er es trotzdem auf Twitter geschafft:

Jochen Spangenberg hat bereits über 12 000 Tweets seit seinem Beitritt auf Twitter 2009 gesendet. Doch schließlich gehört die Medienlandschaft zu seinem Spezialgebiet.

Social Media ermöglicht es …

… vom passiven Zuhörer zum aktiven Teilnehmer zu werden. Die Konferenz lebt von Diskussionen, die durch Twitter und Co. noch verstärkt werden. Doch letztendlich ist eine digitale Teilnahme nur eine halbe Teilnahme, denn Networking ist face-to-face immer noch am schönsten.

 

 

 

Silicon Savannah: Treffpunkt für Techies aus aller Welt Wie in Kenias Hauptstadt die nächsten IT-Pioniere tüfteln

Innovative Startups und geniale Apps kommen nur aus Europa und Amerika? Falsch gedacht! Die kenianische IT-Szene boomt und hat uns in Sachen Digitalisierung sogar einiges voraus.

Was ist eigentlich diese Silicon Savannah? Begrifflich ist diese Beschreibung der kenianischen IT-Szene natürlich angelehnt an die Innovationshochburg Silicon Valley im Norden Kaliforniens. Geographisch gemeint ist damit vor allem Kenias Hauptstadt Nairobi, das technische Zentrum des Landes, in dem sich beispielsweise auch der Sitz von Safaricom, Kenias größtem Mobilfunkunternehmen, befindet. Vor Ort benutze den Namen Silicon Savannah aber fast niemand, erklärt Prof. Dr. Martin Emmer von der Freien Universität Berlin, der vor zwei Jahren selbst Nairobi und seine Gründercliquen besuchte. „Es ist eher ein Label, das von außen aufgedrückt wurde“, erklärt er.

Das Kernstück der Silicon Savannah bildet das sogenannte iHub. 2010 von eBay-Gründer Pierre Omidyar ins Leben gerufen und mit mittlerweile 10.000 Mitgliedern, bietet das Gebäude ehrgeizigen Jungunternehmern „Co-Working-Spaces“ mit kostenlosem WiFi. Hier können sie sich über ihre Startup-Visionen austauschen und Projekte evaluieren. Für den nötigen Koffeinschub beim Ideenausbrüten sorgt eine eigene schicke iHub-Kaffeebar. „Die Arbeit im iHub ist sehr anwendungsbezogen und die Mitglieder international stark vernetzt“, erzählt Emmer. „Es gibt beispielsweise gute Verbindungen zu den Universitäten in Yale oder Stanford. Forscher kommen entweder aus dem Ausland nach Kenia, um hier ihre Projekte zu realisieren oder Kenianer gehen zum Studieren und Arbeiten nach Amerika.“

 

„Die Arbeit im iHub ist sehr anwendungsbezogen und die Mitglieder international stark vernetzt. Es gibt beispielsweise gute Verbindungen zu den Universitäten in Yale oder Stanford.“ – Prof. Dr. Martin Emmer

 

Anders als sein amerikanisches Vorbild erlebte das Silicon Savannah nicht einen großen, zentrierten Boom, sondern entstand durch die Ansiedlung vieler einzelner Unternehmen wie iHub, Nailab, 88mph oder m:lab, die sich inzwischen in und um Nairobi herum verteilen. 60 Kilometer außerhalb der Hauptstadt soll nun zusätzlich ein staatlich geleitetes IT-Mammutprojekt entstehen: Konza Technology City. Eine 14 Milliarden Dollar teure, künstliche Stadt, die bis 2025 fertiggestellt werden und dann 200.000 Arbeitsplätze bieten soll. Zunächst ist die Niederlassung von 14 Unternehmen geplant. Samsung, Huawei und BlackBerry sind bereits interessiert. Gegner des Projektes sehen in Konza City jedoch eine riesige Fehlinvestition und gar eine Gefahr für die aufstrebenden Startups in Nairobi, die nach ihrer Meinung weitaus vielversprechender seien. Zudem fällt in Gesprächen über Konza City immer wieder das böse K-Wort – Korruption. „Die teilweise undurchsichtigen, staatlichen Anstrengungen für so ein riesiges Projekt reichen nicht aus“, meint auch Dr. Wilson Ugangu, Senior Lecturer an der Multimedia University of Kenya. „Der private Sektor muss in diese Projekte investieren, damit es schneller vorangehen kann. Das hat man schon bei M-Pesa gesehen. Wäre das ein rein staatliches Projekt gewesen, würde es die App heute noch nicht geben.“

Vielversprechende Anfänge, große Ziele

Grundsätzlich stehen die Zeichen für Digitalisierung in Kenia also gut. Seit der Verlegung des ersten Untersee-Glasfaserkabels im Jahr 2009 erlebt das Land gar einen wahren Digitalisierungs-Boom. Phasen wie der Aufbau eines Festnetzes für Telefon und Internet wurden hier einfach übersprungen, direkt ins mobile Zeitalter. Dabei profitiert Kenia von hochaktuellen, bereits erprobten und relativ günstigen IT-Produkten, die es aus beispielsweise aus europäischen Ländern übernehmen kann. Doch was bringt die fortschreitende Digitalisierung eigentlich für seine Einwohner? Neue Arbeitsplätze in der IT-Branche könnten zum Beispiel die Arbeitslosenrate von 40 Prozent senken. Zudem hat für viele Kenianer das Mobiltelefon in jeglicher Form bereits heute großen Einfluss auf den Alltag – egal ob smart oder retro. Das haben auch die Entwickler in Nairobis Hubs erkannt und deshalb eine Vielzahl sinnvoller und gern genutzter Anwendungen entwickelt.

Spezielle Lösungen für spezielle Bedürfnisse

Die Interessenfelder Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung liegen bei Technikprojekten also klar im Trend. So wurden im Silicon Savannah in den vergangenen Jahren hilfreiche Apps wie z.B., Ushahidi (Krisen-Crowdsourcing), Eneza (mobile Lernplattform), M-Kopa (Heim-Solaranlagen) oder M-Farm (Preisinformation und Plattform für Bauern) gegründet. Das sind wichtige Themen für Afrika, die demnach auch von vielen NGOs gefördert werden. Sie alle helfen der afrikanischen Bevölkerung bei der Entwicklung selbstbestimmter, besserer Lebensverhältnisse. Hier werden Hilfeempfänger zu Kunden, Kinder zu Digital Natives und die Unabhängigkeit wird durch den Zugang zu Informationen gestärkt. Junge, ambitionierte und gut ausgebildete Afrikaner wollen keine Spenden, sondern günstige Kredite, Investitionen und die Freiheit, endlich ihr eigenes Geld mit ihren eigenen Ressourcen, Ideen und ihrem Know-How verdienen zu können.

 

„Der private Sektor muss in diese Projekte investieren, damit es schneller vorangehen kann. Das hat man schon bei M-Pesa gesehen. Wäre das ein rein staatliches Projekt gewesen, würde es die App heute noch nicht geben.“ – Dr. Wilson Ugangu

 

Das wiederum zieht das Interesse großer internationaler Firmen auf sich. Die meisten Apps sind jedoch speziell für afrikanische Interessen entwickelt worden, der Erfolg vor Ort kann also meist nicht einfach auf andere Länder übertragen werden. Doch die Global Player erkennen trotzdem langsam das Potenzial, das in Afrikas Tech Scene steckt. Facebook, IBM, Google – sie alle gründen nicht mehr einfach nur Sales Shops sondern beginnen größere Investitionen zu tätigen, z.B. in Form von Research and Development Centern. Sie haben also nicht nur einfach eine Hoffnung, hier handelt es sich um klare Businesserwartungen. Jetzt gilt es nur das Wissen in Afrika zu halten und sich nicht von ausländischen Angeboten überrollen zu lassen. Denn so wichtig externe Investitionen sind, so gefährlich sind sie vor allem für kleinere Unternehmen in der Startphase, deren Ideen aufgekauft werden und im globalen Konzern verschwinden oder die erst gar nicht zum Zug kommen, weil die Investoren ihre Nische besetzen. Hier wäre es eigentlich an den jeweiligen Regierungen, diese afrikanischen Ressourcen zu schützen und die landeseigene Wirtschaft müsste ebenfalls in die Geschäfte einsteigen. In Kenia ist dies jedenfalls bis jetzt noch deutlich zu selten der Fall.

„No connection to the grassroots“: Die Technik-Elite der Hubs

Wie bei allen Techies findet man auch hier eine bunte Mischung aus Programmierern, Wirtschafts- und Informatikstudenten oder andere junge Nerds mit den entsprechenden Kenntnissen. In den Hubs, die als Inkubatoren für neue Ideen dienen sollen, treffen sie dann nicht nur auf Gleichgesinnte sondern auch auf Investoren für ihre Ideen. Grundvoraussetzung um Teil dieser Community zu werden, ist natürlich eine gute Ausbildung. Hier gibt es in Kenia allerdings immer noch große Unterschiede innerhalb der Bevölkerungsschichten und ein starkes Stadt-Land Gefälle was Bildung und damit auch den Wohlstand angeht.

Dr. Wilson Ugangu ist entsprechend skeptisch und stellt die Frage in den Raum: „Was passiert eigentlich außerhalb von Silicon Savannah?“ Er sieht in den Gründern eine Art Elite, die wenig mit der übrigen Bevölkerung zu tun hat. Während sie sich in ihren schicken Büros in der Hauptstadt treffen, lernen Kinder auf dem Land noch im Freien Lesen und Schreiben. Auch Prof. Dr. Martin Emmer beurteilt den Trend kritisch, dass nicht nur junge Afrikaner in den Hubs tätig sind sondern auch internationale Geeks regelmäßig Abstecher nach Nairobi machen. Der globale Austausch ist natürlich sinnvoll und richtig. Wenn dann aber beispielsweise hippe Technikfreaks aus Stanford nach Nairobi jetten, um für zwei Wochen im angesagten iHub zu arbeiten, werden sie sicherlich nicht ausreichend mit der übrigen, sehr viel facettenreicheren Bevölkerung Nairobis außerhalb der Hubs in Kontakt kommen.

Chancen durch eigenes Know-How

Alles in allem lässt sich trotzdem eine positive Bilanz für die Digitalisierung in Kenia ziehen. Die IT-Branche wächst rasant, die digitale Infrastruktur verbessert sich immer mehr und das Land kann erprobte Technologien aus dem Ausland nutzen und so erheblich Zeit und Ressourcen sparen. Die Kenianer sind gleich ins mobile Zeitalter gesprungen und können auf spezielle Anwendungen für ihre Bedürfnisse zurückgreifen. Wichtig ist nun, dass die technische Elite den Kontakt zur Bevölkerung nicht verliert oder sich das Land von großen globalen Investoren überrumpeln lässt. Auf die Regierung scheint man sich dabei wenig verlassen zu können. Sie hat – abgesehen von ein paar hehren und vor allem prestigeträchtigen Zielen wie Konza City – noch wenig zum Schutz oder der Stärkung ihrer wertvollen Wissens-Ressourcen beigetragen. Glaubt man den Experten, wird sich daran auch nicht viel ändern. Hoffnungen und Sorgen vereinen sich also gleichermaßen in den ausländischen Investoren und technologischen Zentren wie der Silicon Savannah. Es bleibt nun an den Kenianern selbst, ihr Land durch ihr Know-How voranzutreiben. Und wer weiß: Manche handeln Afrika auch schon als den nächsten großen Markt nach Indien und China.

 

  • Ein Stück Kalifornien in Kenia: Der Name Silicon Savannah zeichnet die Hauptstadt Nairobi als IT-Zentrum aus.

  • Wo alles begann: Das iHub ist das Herzstück des Silicon Savannah. Hier feilen Jungunternehmer an ihren Startup-Ideen – Co-Working-Spaces, freies WLAN und Kaffeebar inklusive.

  • Eine Klasse übersprungen: Seit der Verlegung des ersten Untersee-Glasfaserkabels 2009 startete Kenia sofort ins digitale Zeitalter durch.

  • Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung prägen die Entwicklung von Kenias erfolgreichsten Apps wie das Krisen-Crowdsourcing-Programm Ushahidi …

  • … oder die Geldtransfer-App M-Pesa, die mittlerweile zum bestbekannten Beispiel für Kenias Technik-Fortschrittlichkeit geworden ist.

  • Chance oder Abschottung? Die Hubs könnten kenianischen IT-Talenten Jobs verschaffen oder aber eine neue Technik-Elite herausbilden.

  • Positive Bilanz: Die stetig zunehmende Digitalisierung und innovative Startups haben Kenia bereits erfolgreich zu mehr Eigenentwicklung verholfen.

World Café @ Bildkorrekturen Verschiedene Kulturen, ein Kernthema und viel Diskussionsbereitschaft

  • Mehr als 20 verschiedene Kulturen trafen im World Café aufeinander, um sich näher kennenzulernen und sich über ein Thema auszutauschen: Digitalization & Development – das diesjährige Thema der Bildkorrekturen.

  • In der ersten Runde hatten die Studierenden die Möglichkeit sich näher kennenzulernen. Sie unterhielten sich über ihre Lieblingsthemen, über die sie den ganzen Tag sprechen könnten, über Songs, die auf keiner guten Party fehlen dürfen und auch über ihre Aufgaben auf der Tagung.

  • In der zweiten Runde kam das Thema der Tagung „Digitalization & Development“ wortwörtlich auf den Diskussionstisch. Die Studierenden tauschten persönliche Erfahrungen im Zusammenhang mit Cyberbullying aus und diskutierten über Themen wie Überwachung und Zensur im digitalen Zeitalter.

  • Das Thema Digitalisierung wurde von den Studierenden durchaus kritisch beleuchtet. Auch Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen und deren Einfluss auf unser Leben brachten die Studierenden zum Ausdruck. Besonders oft war vom Facebook-Algorithmus und der damit einhergehenden Filter Bubble die Rede.

  • Oft stellten die Teilnehmer kulturelle und gesetzliche Unterschiede zwischen ihren Ländern fest, insbesondere wenn es um das Thema Pressefreiheit ging. Eine Studentin der DWAK berichtete zum Beispiel vom Problem der „Selbstzensur“ in ihrem Heimatland Kolumbien.

  • An einem anderen Tisch werden lockerere Töne angeschlagen. Es geht um die Frage, was man am meisten vermissen würde, wenn man eine Woche lang vom Internet getrennt wäre. Daraufhin Prof. Dr. Markus Behmer (Universität Bamberg): „Ein Tage ohne Internet wäre großartig – keine E-Mails. Aber schon nach einem Tag würde ich es vermissen. Insbesondere die SMS und E-Mails von meinen Töchtern.“

  • Neben Themen der Digitalisierung tauschten sich die Studenten auch über ihre zukünftige Rolle als Journalisten aus.

  • Die Moderation des World Cafés übernahmen die Bamberger Studierenden…

  • … und machten in ihrer Doppelrolle als Teilnehmer und Moderator ihre ganz eigenen Erfahrungen: „Es war ziemlich viel was auf einen eingeprasselt ist in dem Moment. Es war aber auch interessant, weil ich an meinem Tisch sehr viele unterschiedliche Leute hatte: Menschen aus verschiedenen Ländern, Unis und Institutionen und sogar eine syrische Journalistin im Exil. Das fand ich super.“ (Theresa Hoffmann, Universität Bamberg)

  • Natürlich hatten auch die Referenten (Eric Chinje aus Kenia, rechts) Spaß daran, sich am internationalen Austausch zu beteiligen.

  • Sarah Schneidereit, (Universität Leipzig, links) zieht ihr Fazit: „Was ich total spannend fand war, dass man sich auch über die Mediennutzung unterhalten hat. Man merkt, dass die Leute, die nicht aus Deutschland kommen, die Medien zum Teil anders nutzen und auch die Dinge ein bisschen anders sehen als wir hier und dementsprechend auch die Konferenz vielleicht ein bisschen anders für sich nutzen.“

  • Auch Nadia Issufo (rechts im Bild) hat das World Café gefallen: “I liked it because it was a good opportunity to share with others some experience about the new platforms, the social media. I think at the end we have the same opinions about digitalization, about how to use the platforms, the social media.”

Weniger Stereotype wagen

Die Berichterstattung über afrikanische Länder ist nach wie vor von Stereotypen geprägt. Bereits die Ausbildung kann darüber entscheiden, ob und wie junge Journalisten für die Problematiken der Afrika-Berichterstattung sensibilisiert werden.

Ein Gedankenexperiment: „Wir haben 100 Leute gefragt: Nennen Sie Begriffe, die Sie mit Afrika verbinden.“ In der beliebten Spielshow „Familien Duell“ mussten in den 90er Jahren Familien die häufigsten Antworten auf eine Frage erraten, die zuvor 100 Personen gestellt worden war. Was wären wohl die Antworten? Vermutlich eher Begriffe wie Hunger, Armut, Aids oder Kriege und wohl weniger Kultur, Vielfalt oder Wachstum.

Es ist erstaunlich, dass das Bild des Kontinentes Afrika nach wie vor von negativen Stereotypen dominiert und verzerrt wird, schließlich gehören mehrere afrikanische Länder zu den weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Zudem weckt die rasante Digitalisierung in Ländern wie Kenia das Interesse von Investoren (z.B. in der„Silicon Savannah“).

Warum bleibt Afrika in den westlichen Köpfen trotz alledem der „K-Kontinent“ – geprägt von Krisen, Katastrophen, Kriegen, Krankheiten? Einer der Sündenböcke sind sicherlich die Vorurteile in den Redaktionen. „Die Journalisten sagen häufig: ‚Für Afrika interessieren sich die Menschen bei uns nicht so sehr. Also müssen wir die Geschichten erzählen, bei denen man an Vorerwartungen anknüpfen kann‘“, meint Markus Behmer, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Bamberg. „Und genau deshalb, weil die Medien immer das gleiche und insgesamt nicht viel über Afrika berichten, interessieren sich die Leute nicht so sehr dafür.“ Ein verhängnisvoller Kreislauf.

(K)eine Afrika-Expertin

Sich als Afrika-Expertin zu bezeichnen findet Isabel Pfaff ein wenig vermessen, dennocherfüllt die Redakteurin im Ressort Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung intern genau diese Rolle. „Wir sind faktisch zwei Leute, die schwerpunktmäßig zu Afrika arbeiten in der Zeitung. Da fungieren wir halt erst einmal als Afrika-Experten, auch wenn wir uns in viele Dinge erst einmal einarbeiten müssen“, erklärt Pfaff. „Ich fände es auch besser, wenn es anders wäre: Wenn ich zum Beispiel Ost-Afrika-Expertin wäre, aber die deutsche Medienwelt funktioniert in Bezug zu Afrika leider so.“ Die Berichterstattung abseits der K-Themen gestaltet sich schwierig:

„Es ist schwierig. Einerseits, weil wir diese Klischees haben in Deutschland und auch in der Redaktion. Es ist aber auch deshalb schwierig, weil auf diesem großen Kontinent diese Dinge auch weiterhin passieren. Als Journalistin will ich die Leute auch nicht hängen lassen, die unter diesen Situationen leiden – und die Situationen gibt es.“ – Isabel Pfaff, Süddeutsche Zeitung

„Das heißt natürlich nicht, dass das überall so ist. Genauso muss man Artikel darüber schreiben, dass sich viele Dinge verbessert haben. So sollte man es flankieren“, fügt Pfaff hinzu. Das nötige Hintergrundwissen kann sie unter anderem aus ihrem Afrikanistik-Studium beziehen. Doch nicht jeder Journalist, der über Afrika berichtet, hat sich mit der Thematik wissenschaftlich auseinandergesetzt. Manchmal seien diese Korrespondenten jedoch genau deswegen gut in ihrem Job. „Sie schauen mit einem ganz unbedarften Blick auf die Themen und das stört mich als Fachfrau dann vielleicht, weil ich oft das Gefühl habe, dass es verzerrend oder gar falsch ist, aber für Nicht-Experten funktioniert dieser Ansatz wohl besser“, erklärt Pfaff. Ihr Afrikanistik-Studium sei trotzdem eine wichtige Ausbildungsstation gewesen. „Ich weiß inzwischen, dass das einem die Arbeit nicht unbedingt erleichtert, weil man viele Schattierungen sieht, die letztlich nicht im Artikel landen können. Von daher: Es ist vielleicht der richtige Weg, aber es ist auch ein steiniger.“

In der Ausbildung Bilder korrigieren

Petra Kohnen (2. v. l.) arbeitet mit Studierenden aus aller Welt.

Wie also sieht die perfekte Ausbildung aus, um angehende Journalisten für die Probleme der Berichterstattung über Afrika zu sensibilisieren? Markus Behmer betont, wie wichtig es ist, dass Studierende sich mit Menschen aus afrikanischen Ländern austauschen und Netzwerke aufbauen, die sie auch nach ihrem Studium noch nutzen können. „Die Hoffnung besteht, dass es viel stärker wirkt, wenn man Menschen im direkten Gespräch begegnet, als wenn man nur etwas darüber liest.“ Bereits seit 15 Jahren sei genau das der Anspruch der Bildkorrekturen-Tagung. Zudem können Reisen in die jeweiligen Länder helfen stereotype Bilder zu korrigieren. Das weiß auch Petra Kohnen, die Leiterin der Internationalen Studienprogramme der Deutschen Welle Akademie: „Wir haben deutsche Studierende, die immer sehr überrascht sind, wenn wir zum Beispiel nach Ägypten gehen und dort die Umwelt eine sehr geringe Rolle spielt. Wir denken, dass wir unsere Umweltstandards mit rüberbringen. Das ist auch ein Bild, welches wir korrigieren müssen: Dass die darauf jetzt nicht gerade gewartet haben…“

Hauptsache digital?

Auch wenn im Internet unzählige Informationen über afrikanische Länder nur einen Klick entfernt sind, darf der direkte Kontakt mit den Menschen vor Ort nicht fehlen. Dennoch hat die Digitalisierung sowohl die Arbeit der Redakteure als auch die Ausbildung dazu verändert. Isabel Pfaff denkt, dass die Digitalisierung helfe, Stereotype zu vermeiden: „Schon allein, weil man viel öfter Afrikaner sprechen lassen kann als es sicher vorher der Fall war.“ Trotz der Informationsfülle befürchtet sie nicht, dass nur noch in sozialen Medien wie Twitter und nicht mehr vor Ort recherchiert wird: „Das ist in Bezug auf Afrika Unsinn, weil es ja nicht so war, dass wir früher zehn Leute auf dem Kontinent hatten, die Berichterstattung vor Ort gemacht haben, sondern wir hatten genauso wie jetzt eine Person und die hatte damals nicht diese ganzen Quellen zur Verfügung, die es heute gibt.“ Vielmehr helfen die sozialen Medien, schneller an afrikanische Haltungen und Meinungen heranzukommen.

Ein Heimspiel für angehende Journalisten, die sich zu der Generation der Digital Natives zählen dürfen? „Man kann die modernen Medien dazu nutzen, um dann tatsächlich zu verifizieren, ob Strategien, ob politische Agenden und so weiter tatsächlich so umgesetzt werden“, erklärt Kohnen. Dennoch sei es wichtig, dass die Studierenden lernen Inhalte aus dem Netz auf ihre Echtheit und ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Wenn die jungen Redakteure soziale Medien als Informationsquelle nutzen, ist es folglich enorm wichtig kritisch zu bleiben.

„Die digitalen Medien sind manchmal eher dazu geneigt Stereotype zu verfestigen, weil viele sich in ihren Filter-Bubbles und ihren Echo-Räumen bewegen.  Aber die Chance ist zumindest da: Die Chance, dass andere Stimmen laut werden – gerade in Staaten, wo wenig Medienfreiheit ist.“ – Markus Behmer, Universität Bamberg

Mit Filter-Bubbles und Echo-Räumen ist gemeint, dass Algorithmen in den sozialen Medien nur die Inhalte einblenden, die den Nutzer vermeintlich interessieren. Dadurch wird das eigene Informationsspektrum eingeengt und andere Meinungen können untergehen. Die sozialen Medien werden zu Echo-Kammern, in denen Gleichgesinnte ihre Auffassungen wie ein Echo zurückbekommen. Gleichzeitig betont Behmer aber auch, dass es in vielen Staaten Afrikas eine lebendige Blogger-Szene gebe und so auch neue Stimmen Gehör fänden. „Die brauchen allerdings Verstärker. Die Verstärker müssen wiederum die Leitmedien sein. Damit über diese Medien dann eben wieder berichtet wird und das dann wiederum an die Ohren mehrerer Menschen kommt.“

Das von Stereotypen geprägte Afrika-Bild mag in vielen westlichen Köpfen allzu tief festsitzen. Doch eine geeignete Ausbildung der Journalisten ist nur eine von vielen Möglichkeiten, um mit Vorurteilen aufzuräumen. Auch Projekte wie „Journalism in a Global Context“ oder „JournAfrica!“ wollen das Afrika-Bild korrigieren.

„Mittendrin statt nur dabei“ Ein Einblick in die Rahmenbedingungen und Herausforderungen der Live-Berichterstattung

Wie funktioniert Live-Berichterstattung auf Social Media-Kanälen? Was muss wann gepostet werden und wer ist für was zuständig? Bei den Bildkorrekturen hat die Deutsche Welle Akademie diese Aufgaben übernommen.

Bildkorrekturen 2016: Eine Konferenz mit vielen Inputs und Eindrücken, über die es zu berichten lohnt. Berichterstattung war die Aufgabe der teilnehmenden Studierenden – ob vor, während oder nach der Veranstaltung. Die Dozentin der Deutschen Welle Akademie Petra Kohnen, die Trainerin Patricia Noboa und der Student Arnold Cosa erzählen, worauf es bei der Live-Berichterstattung ankam, welche Rahmenbedingungen es gab und welchen Herausforderungen die Studierenden gegenüberstanden.

Post Noboa

Die Bildkorrekturen Konferenz 2016 geht live.

 

#Vorarbeit

„Die Aufgaben wurden im Vorfeld verteilt und mit mir vorbereitet. Wichtig war, dass jeder eine Rolle auf der Konferenz hat“, so Kohnen. Im Rahmen des Moduls Projektmanagement wurde die Konferenz angegangen und vorher erarbeitet, wie die Inhalte aussehen könnten und was bereits vorab gepostet werden kann. Kohnen betont, dass es ein festgelegtes Konzept und eine klare Rollenstruktur gab. Daneben war die Social Media-Vernetzung mit den anderen teilnehmenden Studierenden bereits vor der Konferenz besonders wichtig – gerade beim diesjährigen Thema Digitalisierung.

Hinter den Kulissen werden die ersten Videos geschnitten.

Hinter den Kulissen werden die ersten Videos geschnitten.

 

#Inhalte

Inhaltlich wurden nicht nur die Panels und Keynotes abgedeckt, sondern in Form von „bunten Beiträgen“ auf Facebook vor allem auch das Zusammentreffen mit anderen Studierenden und die Atmosphäre aufgegriffen. Auf der Website kamen die Hauptthemen zur Sprache, dazu wurde getwittert und Bilder auf Instagram gepostet, die Panels im Vorfeld angekündigt und festgehalten, an welchem Punkt des Programms die Teilnehmer gerade waren. Ziel war dabei, möglichst viele Leute auf der Konferenz zu erreichen. Um dies möglichst reibungslos zu gestalten, wurden die Studierenden der DW Akademie in Teams eingeteilt, die jeweils ein Aufgabengebiet zugewiesen bekommen hatten: Webmastering, Fotografie, Live-Videos, Tagesberichte für die Website und Entertainment-Videos. Trainerin Patricia Noboa betont, dass neben der (nüchternen) inhaltlichen Aufarbeitung gerade bei den Videos im Mittelpunkt stand, die „andere Seite“ der Konferenz zu beleuchten: Den menschlichen Teil, das Miteinander und die Emotionen der vielen Studierenden verschiedener Universitäten und Institutionen. Zusätzlich bestand durch die Live-Berichte auch für andere Interessierte, die nicht anwesend sein konnten, die Möglichkeit an der Konferenz indirekt teilzuhaben und so „mittendrin statt nur dabei“ zu sein.

Die andere Seite der Tagung.

 

#Vorgaben und #Ziele

Ein Ziel war es, mit der Berichterstattung eine große Reichweite der Beiträge zu erzielen. Das gelingt digital „eher durch Social Media, nicht so sehr durch Klicks auf der normalen Webseite“ (Petra Kohnen). Auch Kritik war willkommen – sei es über das Essen oder die Lautstärke. Zusätzlich zu den offiziellen Accounts von Bildkorrekturen, sollten auch die privaten genutzt und Retweets erzeugt werden. Grundsätzlich wurde Wert auf gute Bildunterschriften und die Benutzung der vorher festgelegten Hashtags #bildkorr16 und #digidev gelegt. Durch die Hashtags war es auch anderen thematisch Interessierten möglich, an den Diskussionen teilzuhaben. Außerdem sollten in den Posts und Tweets provokante Sätze und Statements der Vortragenden und des Publikums aufgegriffen und zur Diskussion angeregt werden.

Nico Wald twittert über Stereotype in Afrika.

Via Twitter werden Statements zitiert: Nico Wald im Kenia-Panel.

Auch auf Facebook werden Zitate der Vortragenden gepostet.

 

#Herausforderungen

Bei der Online-Berichterstattung ist eine funktionierende Internetverbindung Voraussetzung, was im Konferenzverlauf nicht immer der Fall war. Dazu bestand die Schwierigkeit, gute Filme in kurzer Zeit zu drehen und zu schneiden: „Wenn kein Qualitätsanspruch da wäre, wären die Videos jetzt schon hochgeladen. So dauert es doch ein bisschen länger“ (Arnold Cosa).

#Networking

Trotz der Herausforderungen wurden durch die Online-Live-Berichterstattung besonders die anderen Teilnehmer animiert, in Echtzeit zu posten, zu kommentieren, zu diskutieren und Teil der „bunten Beiträge“ zu sein.

Mit 21 und 19 Likes sicherten sich Nico und Lauren den Titel „Top Tweeties“:

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Mit 21 und 19 Likes sicherten sich Nico und Lauren den Titel "Top Tweeties".
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Wie Kenia die Digitale Kluft überwindet Perspektiven eines Landes im Wandel

Von M-Pesa bis Ushahidi – immer mehr innovative Technologien entstehen in den Start-Ups Nairobis. Doch erreicht der digitale Fortschritt die gesamte kenianische Bevölkerung? Prof. Martin Emmer (Freie Universität Berlin), Prof. Levi Obonyo (Daystar University, Nairobi) und Dr. Wilson Ugangu (Multimedia University of Kenya, Nairobi) geben Einblick, wie die ostafrikanische Republik versucht, den Digital Divide zu überwinden.

Prof. Levi Obonyo erläutert, wie Kenia den Digital Divide überwinden kann.

„Mit dem digitalen Fortschritt, wie ihn Europa bereits erreicht hat, können wir in Kenia niemals mithalten. Manche Entwicklungsländer haben uns was die Infrastruktur angeht längst überholt“, so Professor Levi Obonyo.

Obonyo, erst Journalist, nun Professor für Kommunikation und Medienwissenschaften an der Daystar University in Nairobi, und früherer Vorstand des Media Council von Kenia gibt ein erstes Bild vom digitalisierten Kenia. Der Kommunikations- und Medienwissenschaftler zeigt zu Beginn des Panels auf, wie es um die digitale Kluft in der ostafrikanischen Republik bestellt ist. 45 Prozent des Landes sind an das Breitbandnetz angeschlossen, die Großstädte sind überwiegend mit 4G, dem Mobilfunkstandard der 4. Generation, versorgt. Dies spricht für den digitalen Fortschritt, den das Entwicklungsland inzwischen erreicht hat. Jedoch sei der Durchschnittskenianer laut Obonyo nur wenig an hochentwickelten Technologien interessiert. Ein Großteil der Bevölkerung nimmt an der voranschreitenden Digitalisierung kaum Teil. Es herrscht eine vergleichsweise hohe Analphabetenrate von etwa 20 Prozent und ländliche Gebiete sind nach wie vor nicht flächendeckend an das Breitbandnetz angeschlossen. Ein Mobilfunkvertrag ist für viele Kenianer mit monatlichen Kosten von etwa 750 Kenia-Schilling (umgerechnet knapp sieben Euro) schlichtweg zu teuer.

Dennoch erfährt das in Nairobi entwickelte Bezahlsystem M-Pesa einen wahren Boom: 84 Prozent des Landes sind laut Obonyo mit dem Bezahldienst abgedeckt und auch in ländlichen Regionen können Kenianer so ihre Bankgeschäfte erledigen. Wer nicht über einen M-Pesa-Zugang verfügt, vertraut einem Nachbarn oder Bekannten das Abwickeln von Geschäften an – für die deutschen Zuhörer im Saal nur schwer vorstellbar. Auf die Nachfrage, wie man ohne Bedenken jemandem viel Geld anvertrauen könnte, entgegnet Obonyo gelassen: „Wohin sollte er damit verschwinden?“ Eine erste Bildkorrektur: Kenianer bringen ihren Landsleuten in finanziellen Angelegenheiten großes Vertrauen entgegen.

Verantwortung der Journalisten

Um ihren Glauben an eine wohlwollende Politik ist es hingegen weniger gut bestellt. Im Land herrscht die Angst, die Regierung könnte rigoros gegen Aktivitäten in Social Media vorgehen und Zugriffe beschränken. Gerade deshalb kommt laut Dr. Wilson Ugangu, Dozent für Medienwissenschaften an der Multimedia University in Nairobi, den Journalisten eine bedeutende Rolle zu.

„Es ist nicht nur die Verantwortung der Journalisten herauszufinden, was die Politik vor uns versteckt. Sie müssen auch ein kollektives Bewusstsein schaffen. Journalisten sind in der Lage, die Realität der Menschen fernab der Hauptmedien darzustellen. Hier kommt ihnen die digitale Vernetzung sehr zugute. Dank der Digitalisierung sind Journalisten heute viel besser positioniert als jemals zuvor.“

Ugangu gibt Einblick in die Arbeitsweise kenianischer Journalisten. Er lehrt an der Multimedia University of Kenya und befasst sich unter anderem mit den Medien in Kenia und Afrika und deren Funktion in Demokratie und politischer Partizipation. Journalisten vernetzen sich in einer WhatsApp-Gruppe und tauschen Informationen aus – medien- und regionenübergreifend. Gerade für die deutschen Konferenzteilnehmer eine weitere Bildkorrektur, da dies im Berufsalltag deutscher Journalisten nicht denkbar wäre. Nicht nur diese digitale Vernetzung via Messenger ist ein gutes Beispiel dafür, wie Journalisten digitale Medien zugutekommen.

Möglichkeit der politischen Partizipation

Mit der digitalen Entwicklung in Subsahara-Afrika beschäftigt sich auch Prof. Martin Emmer, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er untersucht die Entwicklung von Informationstechnologien und deren Funktion im Rahmen politischer Partizipation. Neben dem Mobile-Banking-System M-Pesa ist auch die Crowdsourcing-Plattform Ushahidi ein gutes Beispiel, wie gut interaktive Plattformen angenommen werden. Auf dieser interaktiven Website kann man in einer Karte Orte von Gewalt und Protest markieren.

„Die Grenzen zwischen Medien und Gesellschaft verschwimmen immer mehr. Gerade die Plattform Ushahidi stellt ein gutes Beispiel dar, wie Bürger sich dank neuer Technologien am politischen Diskurs beteiligen können.“

Dies sind nur wenige Beispiele für Kenias aufstrebende Internet-Start-Up-Szene, die hilft, die Digitalisierung im Land voranzutreiben. Mit dem Aufkommen neuer Technologien wie M-Pesa oder Ushahidi entstand für die Hauptstadt Nairobi und deren Umland der Begriff „Silicon Savannah“, der auf den bedeutenden IT-Standort „Silicon Valley“ in Kalifornien Bezug nimmt.

Der Digital Divide ist real

Die Digitale Kluft in der kenianischen Gesellschaft lässt sich dennoch nicht leugnen, wie Obonyo auf den Punkt bringt: „Auch wenn Kenia durch die digitalen Dienste und Apps, die in den Tech-Hubs und Start-Ups entstehen, bereits stark digitalisiert zu sein scheint, gibt das kein repräsentatives Bild unseres Landes.“Als einen Grund führt er große Unterschiede in der Medienkompetenz an, da die Analphabetenrate gerade in ländlichen Gebieten nach wie vor hoch ist. Deshalb möchte die Regierung frühzeitig ansetzen und die Digitalisierung auch an Schulen weiter voranbringen. Inwiefern Initiativen wie „One Laptop per Child“, das jedem Schulkind kostenlos einen Laptop zur Verfügung stellt, dazu beitragen, wird von den anwesenden Wissenschaftlern kritisch betrachtet. „Programme wie diese sind vorsichtig zu bewerten, da man die Bedürfnisse der Menschen vor Ort nicht außer Acht lassen darf“, so Emmer. In manchen Teilen Kenias fehlt es nach wie vor an grundlegenderen Dingen wie basaler Infrastruktur oder sanitären Anlagen. Diese Probleme wird ein Internetanschluss oder ein kostenlos zur Verfügung gestellter Laptop nicht lösen. So bleibt nicht nur die digitale Kluft eine zu meisternde Herausforderung für Kenia.

Rund 30 Zuhörer verfolgten das erste Kenia-Panel. Prof. Emmer (2.v.l.), Prof. Obonyo (Mitte) und Dr. Ugangu (2.v.r.) zeigen auf, wie digitalisiert Kenia tatsächlich ist. Sabrina Huther (l.) und Kilian Schrenk (r.) von der Universität Bamberg moderierten.

 

Weiterführende Informationen zur Digitalisierung in Kenia finden Sie hier:

Analphabetismus und Bildungsreform

Nach wie vor gilt Kenia als Entwicklungsland. Die Analphabetenrate beträgt derzeit ca. 20 Prozent, im Jahr 2015 konnten 74 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Wie die Regierung das mit Bildungsreformen ändern will, lesen Sie hier.

Kenia im Spiegel der Medien

Hoch entwickelte Technologien einerseits und soziale Probleme eines Entwicklungslandes andererseits. Welches Bild von Kenia wird in den Medien vermittelt? Gibt es ein Bild, das es zu korrigieren gilt? Was vor allem ausländische Journalisten an der Berichterstattung über das ostafrikanische Land verbessern können, lesen Sie hier.

Modernes Bezahlsystem M-Pesa

Innovativ, einfach und mit jedem Endgerät nutzbar: Das mobile Bezahlsystem M-Pesa wurde in Nairobi entwickelt und gestaltet das Leben vieler Kenianer auch ohne Internetanschluss oder Smartphone deutlich leichter. Mehr dazu finden Sie hier.

Politische Partizipation mit Ushahidi

„Ushahidi“, was in Swahili „Zeuge“ bedeutet, ist die passende Bezeichnung für diese Webanwendung, die in der Zeit nach der Präsidentschaftswahl 2007 entstand. Die Wahl des Präsidenten Mwaki Kibaki war umstritten und es kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Anhängern von Regierung und Opposition. Dabei wurden über 1.500 Menschen getötet. „Ushahidi“ wurde in Nairobi vom gleichnamigen Softwareunternehmen ins Leben gerufen. Auf dieser Website werden in einer interaktiven Karte Orte der Gewalt gesammelt, die Augenzeugen via Mail und Textnachricht an die Betreiber senden.

One Laptop per Child

Die gemeinnützige Initiative „One Laptop per Child“ (kurz OLPC) aus Miami, Florida, hat zum Ziel, die Bildung für Kinder in Entwicklungsländern zu verbessern. Hierfür stellt sie Kindern technische Geräte wie Laptops oder Togglelets zur Verfügung, um ihnen den Zugang zur digitalisierten Welt zu ermöglichen. Oft stehen Initiativen wie diese in der Kritik, da es in Entwicklungsländern häufig weitaus wichtigere Grundbedürfnisse zu befriedigen gilt.

 

Wie weit würdest du gehen, um zu überleben?

Es gibt eine Menge Computerspiele, die sich mit dem Thema Krieg beschäftigen. Doch This War of Mine sticht ganz klar aus der Masse heraus, weil es eben kein Spiel ist, in dem der Held sich mit einer Maschinenpistole bewaffnet und Schlacht um Schlacht gewinnt. Das PC-Spiel , das am 14. November 2014 von 11 Bit Studios veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit den Opfern des Krieges. Das einzige Ziel ist es, am nächsten Tag noch am Leben zu sein. Im Verlauf wird der Spieler ständig mit Extremsituationen konfrontiert und stellt sich dabei moralischen Fragen. „Wie weit würdest du gehen, um zu überleben? Würdest du jemanden töten, wenn du am Verhungern bist?“ sagt Spielentwickler Pavel Miechowski. Es gibt keinen Gewinner, es geht um die pure Vermittlung des alltäglichen Leids.

 

Was kann ein Spiel wie This War of Mine bewirken?

Konflikte im Nahen Osten, wie beispielsweise der Syrien-Krieg, oder aber auch die sogenannte Flüchtlingskrise zeigen, dass das 2014 erschienene Spiel nicht an Aktualität verloren hat. Angesichts der aktuellen politischen Lage ist es sogar wichtiger denn je, sich zu fragen, wie man selbst in einer Krisensituation handeln würde und wie weit man gehen würde, um sein Leben zu retten. Im Folgenden gehen wir der Frage nach, ob das Spiel seinen Ansprüchen gerecht wird und ob es wirklich funktioniert, sich auf diese Weise dem Leid in Kriegsgebieten anzunähern. Können Spiele wie „This War of Mine“ einen authentischen Eindruck vom Leid der Menschen vermitteln? Und dürfen sie das? All diese Fragen sollen in Form von kleinen Let’s Plays und mit Hilfe von verschiedenen Experten beleuchtet werden.

 

Wie sieht das Spiel aus?

Das Spiel des polnischen Entwicklerstudios 11-Bit spielt in einem fiktiven Bürgerkrieg, der optisch an den Balkankonflikt erinnert. Wo genau dieser fiktive Krieg stattfindet ist aber nebensächlich.

In „This War of Mine“ steuert man nicht wie in anderen Simulationen Soldaten, sondern eine kleine Gruppeeinfacher Bürger, die versuchen in der vom Krieg verheerten Stadt zu überleben. Dazu suchen sie Nachts in Ruinen und auch bewohnten Gegenden nach Nahrung und anderen Materialien, mit den Sie ihren Unterschlupf aufwerten können. Zum Überleben sind zunächst einfach Dinge überlebenswichtig, wie etwa ein einfacher Herd oder eine Werkbank, um aus dem zerstörten Unterschlupf eine lebenswürdige Behausung zu schaffen. Eine kleine Entfremdung entsteht dabei durch die 2,5 Dimensionen des Spiels, also eine Draufsicht von der Seite mit angedeuteter Tiefe.

Es bleibt dem Spieler überlassen, ob die Figuren moralisch handeln (nur herrenlose Materialien oder Mittel der Armee einsammeln, anderen Leuten helfen, usw.) oder ob sie stehlen oder gar wehrlose Menschen töten. Verwerfliche Taten wie Diebstahl oder Mord aber auch einfach nur Hunger beeinflussen die Psyche der Charaktere. Das kann von Niedergeschlagenheit bis zu lähmenden Depressionen gehen. Im Zuge des Spiels wird der Spieler mit Gräueltaten, also dem Alltag des Krieges konfrontiert: Vergewaltigungen seitens des Militärs, Übergriffe anderer Zivilisten, Menschen die Nahrung oder Medizin brauchen.

Nach dem Ablauf einer zufälligen Zeitspanne gibt es einen Waffenstillstand, der das Spiel beendet. Bis dahin können jedoch mehrere Monate (mehrere reale Tage Spielzeit) vergehen. Meistens müssen sich die Spieler irgendwann der Entscheidung stellen, ob sie zum Wohl ihrer eigenen kleinen Gemeinschaft anderen schaden oder ihre Charaktere leiden lassen. Nach und nach erfährt man zudem mehr über die Hintergründe der eigenen Charaktere, was die Bindung zwischen Spieler und Figur stärkt und so die Gräuel des Krieges erfahrbar macht.

Die düstere Farbgestaltung der Spielwelt, die elegische Musik sowie der fast permanente sonorisch-dröhnende Hall von Kanonen vergegenwärtigen dem Spieler die Aussichtslosigkeit der Situation.

 

Die Spieler stellen sich vor

Bevor wir angefangen haben, This War of Mine zu spielen, haben wir unsere Erwartungen an das Spiel in kurzen Vorstellungsvideos festgehalten. Unser abschließendes Urteil gibt es ebenfalls in Videoform.

 

Kahwe - konzeptloser Kämpfer

Tag 12: Verluste

Ich startete ziemlich enthusiastisch in das Spiel. Als geübter Spieler bekannter Strategiesimulationen bin ich guter Dinge an die „Arbeit“ gegangen und begann in den ersten Tagen, unserer Behausung auf Vordermann zu bringen. Die jeweiligen Arbeitsprozesse teilte ich nach den Stärken und Schwächen meiner drei Spielhelden ein. Während Katia eine exzellente Händlerin abgab, die unser erbeutetes Gut gewinnbringend verscherbeln konnte, stand der gelernte Koch Bruno meist in der Küche, während Pavle schlief, weil ich ihn nachts regelmäßig auf Beutezug schickte.

Pavle ist für mich ein impulsiver, gutherziger Charakter, der stets versucht Schwächere zu beschützen. Einige Tage zuvor half er einer hilfesuchenden Frau auf der Suche nach ihren Verwandten. Die letzten Vorräte gab er einem hungrigen Kind, das seine kranke Mutter versorgen musste… Wir waren brotlos, aber optimistisch. Pavle erwies sich stets als zuverlässiger Plünderer, der die Leidens-WG am nächsten Tag mit wertvollen Vorräten beglückte.

Der zwölfte Tag begann – wie alle Tage zuvor – aus einer bedrückenden Mischung aus Optimismus und Verzweiflung. Der Supermarkt im Norden der Stadt versprach gute Beute, also entschloss ich mich, Pavle erneut auf nächtlichen Beutezug zu schicken…

Tag 17: Ein jähes Ende?

Nur noch zu zweit kämpften Katia und Bruno im zerbombten Pogoren ums Überleben. Der frühe und überraschende Tod unseres Freundes Pavle brachte das gesamte Versorgungssystem ins Wanken. Seit dem dreizehnten Tag mussten sich Katia und Bruno abwechselnd auf Beutezug begeben, während der/die andere Wache hielt. Schlafmangel, Hunger und Verzweiflung machten sich breit. Während Bruno immer einsilbiger wurde, trauerte Katia nun alleine um Pavle.

Das Duo konzentrierte sich in den nächsten Tagen auf das Wesentlichste. An Verschönerungen oder Verbesserungen am Haus war nicht mehr zu denken. Die Beschaffung von Essbarem um jeden Preis hatte Priorität. Bei einem der Beutezüge verletzte sich Bruno so schwer, dass ich gezwungen war, ihn Medikamente aus dem überfüllten Krankenhaus zu stehlen. Im Nachhinein eine folgenschwere Entscheidung. Ab sofort wurde auf uns geschossen, sobald wir in Sichtweite des städtischen Hospitals auftauchten.

Der verletzte Bruno war keine Hilfe mehr für uns und blieb für die nächsten Tage im Bett. Nur fürs Kochen scheuchte ich ihn hin und wieder auf, damit er aus Katias karger Beute etwas Nahrhaftes zaubern konnte. Als Katia in der 16. Nacht auch noch verletzt wurde, während sie ein Wohnhaus ausraubte und mit leeren Händen nach Hause zurückkehrte, war von meinem anfänglichen Optimismus nichts mehr zu spüren. Katia stand kurz vor dem Hungertod…

Nacht 17: Alle Prinzipien über Bord geworfen

Nachdem Bruno und die völlig erschöpfte Katia die letzten Reserven aufgebraucht haben, hatte ich all meine Vorsätze über Bord geworfen. Vorbei war es mit dem offensiv-impulsiven Spielmodus. Ich wollte nur noch, dass meine beiden Figuren diesen furchtbaren Krieg überleben sollten.

Während Katia ihre Verletzungen auskurierte, schickte ich Bruno los, um lebendig begrabende Menschen aus einem verschütteten Haus zu befreien. War das aus Nächstenliebe? Oder eher die Hoffnung dort etwas Essbares zu finden? Oder wollte ich kurz vor meinem Tod nicht als Krankenhausdieb in Erinnerung bleiben….

Bruno kam mit leeren Händen zurück. Katia lag noch im Bett. Die omnipräsente Verzweiflung machte mir die Entscheidung sehr leicht in das Haus eines alten Ehepaars einzusteigen, um deren Vorräte zu stehlen. Der ultimativen Naturzustand war ausgebrochen…

Sarah - stille Solokämpferin

Tag 1: Das Grau(en) des Krieges

Schon das Startmenü von This War of Mine ist ziemlich beeindruckend. Diese Optik wird sich fortan durch mein Spiel ziehen: Zerbombte Häuser, herumliegende Trümmerteile, Überbleibsel besserer Tage. Obwohl ich die Atmosphäre sehr stark finde, habe ich gleich zu Beginn so meine Probleme mit dem Spiel. Dadurch, dass die Ansicht das komplette Haus zeigt, sind die Charaktere sehr klein und gehen beinahe unter. Mimik, Gestik oder sonst etwas Menschliches, das sie mir ein Stück weit näher bringen könnte, kann ich nicht erkennen. Vielleicht auch nicht unbedingt schlecht, denn so kommt das Grauen des Krieges nicht noch näher an mich als Spieler heran. Und ich kann mich ganz meinem Ziel widmen: Einfach irgendwie überleben, ohne mich zu sehr ins Geschehen hereinziehen zu lassen…

Tag 5: Unverhoffte Hilfe

Bisher bin ich wirklich sehr vorsichtig auf meinen nächtlichen Plünderzügen vorgegangen, weshalb mir in erster Linie Lebensmittel und Medizin fehlen. Meinen ersten Beutezug mit Pavle habe ich abgebrochen, weil in dem Wohnhaus noch zwei Menschen waren und ich nicht riskieren wollte, dass die Situation eskaliert. Nachts wurde mein Unterschlupf bereits mehrfach von Räuberbanden überfallen, da ich keine Vorkehrungen gegen Einbrecher getroffen habe. Am Tag 5 klopft es an meiner Tür. Dieses Mal ist es kein Tauschhändler, der dort steht, sondern mein Nachbar, der mir Hilfe anbietet. Ich bin froh, endlich Nahrungsmittel zu bekommen. Lange hätten meine Leute es auch ohne nicht mehr ausgehalten.

Nacht 5: Plündern oder geplündert werden, das ist hier die Frage

In der fünften Nacht steige ich mit Bruno in ein Reisebüro ein. Dort entdecke ich zum Glück ein paar Lebensmittel, die ich immer noch sehr gut gebrauchen kann. Ich befinde mich gewissermaßen in einer Zwickmühle: Ich muss nächtlich neue Güter heranschaffen, laufe aber parallel Gefahr, dass mein eigener Unterschlupf von anderen Plünderern ausgeraubt wird. Dafür lohnt sich aber der Besuch im Reisebüro und ich nehme einiges mit. Einziges Problem dabei: Bruno wird angegriffen und verletzt, da er zuvor an Privatbesitz gegangen ist.

Tag 14/Nacht 14: Der letzte Überlebende

In den letzten Tagen habe ich mich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Am Tag 10 hat es an meiner Tür geklopft und meine Nachbarn haben mich um Hilfe gebeten. Obwohl sie mich zuvor selbst unterstützt hatten, musste ich sie zurückweisen. Bruno hat sich bei dem Angriff im Reisebüro nämlich doch schwerer verletzt als angenommen. In der Nacht 12 ist er an seinen Verletzungen gestorben, da mein Medizin-Vorrat zu klein war.  Auch Marko hat es in der Nacht 13 erwischt, sodass ich mich ab Tag 14 mit Pavle als Einzelkämpfer durchschlage. Das Traurige daran: Alles funktioniert besser als zuvor mit drei Charakteren.

Tag 23: Versagt

Eigentlich war es bis zum Ende hin ein Leichtes, sich allein durchzuschlagen. Die Plünderzüge in der Nacht waren gefühlt erfolgreicher, da das gefundene Essen nur noch für Pavle benötigt wurde. Das einzige Problem bestand darin, dass er tagsüber Schlaf nachholen musste und deshalb weniger im Unterschlupf bauen konnte. Jegliches Klopfen an der Tür habe ich aus dem Grund auch ignoriert. Am Tag 22 konnte ich Pavle nicht mehr steuern, da er am Boden zerstört gewesen ist. Die Plünderzüge und der nicht aufhören wollende Krieg haben ihm zu stark zugesetzt. Einen Tag später erhängt er sich…

Elena - ehrgeizige Erntediebin

Nacht 4: Gold verliert schnell seinen Glanz

Heute Nacht muss ich Zlata raus schicken, Pavle ist etwas angeschlagen. Er muss sich ausruhen. Zlata kann zumindest genauso viel tragen, wie er. Anton und Cveta halten Wache, Pavle braucht Schlaf. Gut, dass sie zumindest Betten haben.

Sie brauchen Essen, da wird es nötig sein, in die Autowerkstatt zu gehen. Pavle war schon mal dort. Da lebt noch ein junger Mann mit seinem kranken Vater. Er ist bereit gewisse Sachen für Medikamente zu tauschen. Aber ich habe gerade keine Medikamente da. Ich lasse Zlata einpaar Heilpflanzen mitnehmen, vielleicht kann sie dafür etwas zum Essen bekommen.

Sie ist kein Kämpfer, aber alles lasse ich auch nicht mit ihr machen. Für die Heilpflanzen will der junge Mann nicht mal eine Konserve Essen rausrücken. Und selbst die Waffenteile, die ich ihm für die Kräuter abgenommen habe, hat er nur begrenzt rausgerückt. Ich hätte drei Waffenteile gebraucht. Bekommen habe ich aber nur zwei. Damit kann ich zwar nicht viel basteln, aber es ist ein Anfang. Vielleicht finde ich bei einem nächsten Beutegang noch einpaar, mit denen ich dann endlich eine ordentliche Waffe bauen kann.

Der Vater ist etwas aggressiv geworden, da habe ich Zlata auf sie losgehen lassen, weil ich nicht wusste, was ich erwarten sollte. Dass der Bursche aber eine Pistole zieht, hätte ich nicht erwartet. Jetzt ist Zlata tot – er hat sie erschossen, als sie anfing, auf ihn einzuprügeln.

Das heißt, dass ich mich von nun an nur auf Pavle für die nächtlichen Beutezüge beschränken muss. Ich kann mir vorstellen, dass Cveta und Anton anfälliger für Krankheiten und Verletzungen sind, weil sie älter sind. Und außerdem haben sie ein kleineres Inventar als Pavle.

Tag 5: Die Gründe für Depression kann man an den Fingern einer Hand abzählen…

Oder eben nicht! Zlatas Tod macht den anderen Figuren etwas zu schaffen. Sie sind nun nicht nur traurig, sondern auch depressiv. Sie haben das Bedürfnis zu reden, was einen relativ großen Zeitraum am Tag einnimmt. Die kleinen Aufgaben, die sie im Haus haben, wie Brennmaterial oder Wasserfilter herstellen oder gar etwas bauen, dauern jetzt länger als vorgesehen, da sie mitten im Prozess aufhören, um aufgebend den Kopf zu schütteln.

Nacht 5: Like a dog without a bone – Gewissenlos für das eigene Wohl

Pavle zieht heute los, Anton und Cveta halten Wache. Es muss Essen beschafft werden. Die sicherste Variante ist das stille Häuschen, wo das ältere Pärchen lebt.

Pavle kann leider keine Rücksicht auf sie nehmen, sonst verhungert er selbst bald. Essen und Medikamente werden eingepackt, egal was der alte Mann sagt, der ihm ständig durchs Haus folgt und hilflos zusehen muss, wie er ausgeraubt wird. Töten muss Pavle ihn nicht, und seine blinde Frau erst recht nicht. Sie haben keine Waffen, können ihm nicht gefährlich werden. Pavle lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, obwohl die immer hinter ihm lungernde Gestalt schon etwas aus beunruhigend ist. Trotzdem keinen Grund, um jemanden auf dem Gewissen zu haben.

Tag 6: Dem Gewissen kann selbst Pavle nicht entrinnen

Egal wie schnell er läuft, sein Gewissen hat ihn eingeholt. Er läuft kopfschüttelnd durchs Haus und fragt sich ständig, wie er das tun konnte. Er hat den alten Leuten nichts Essenzielles gelassen – kein Essen, keine Medizin. Er bekommt sie nicht aus dem Kopf: Werden sie es schaffen? Werden sie überleben? Ich habe ihnen alles genommen…

Cveta kocht in der Zwischenzeit etwas…

Nacht 16: Take me to church… Vorsicht geboten!

In der Beschreibung stand: Vorsicht geboten. Also hat Pavle diesmal Gewehr und Messer dabei. Die Kirche ist riesig. Er wird bestimmt auf seiner Suche fündig.

Der Kerl, der hinten in der Ecke sitzt, heißt ihn zwar willkommen, aber ich glaube kaum, dass er noch so freundlich sein wird, wenn Pavle sich an seinem Hab und Gut vergreift. Er muss aus dem Bild geschaffen werden.

Das Messer ist weniger aufsehenerregend, als das Gewehr. Aber dem Typ, der aus dem Keller zur Hilfe eilt, droht ein ähnliches Ende. Der Beutezug müsste nun ohne Probleme verlaufen.

Es gibt noch mehr Leute in der Kirche… drei Frauen stehen genau vor dem, was Pavle braucht. Und weil er schon damit angefangen hat, macht er den Job nun fertig. Er kann nicht so viel tragen und muss also wieder die Kirche aufsuchen. Da wäre es natürlich praktisch, wenn er keine Hürden bei dem Sammeln hat.

Tag 18: Charakterlose Hülle seiner selbst

Pavle kann mit den Morden, die er begangen hat, nicht umgehen. Keine Rechtfertigung ist ausreichend, um sein Gewissen auch nur ein kleines bisschen zu beruhigen. Er ist vollkommen zerstört und zu nichts zu gebrauchen. Er kommt noch nicht mal aus dem Bett. Vielleicht sollte ich ihn einige Nächte lang daheim lassen und er kann sich vielleicht ausruhen. Dann ist er möglicherweise in einigen Tagen wieder bei Kräften und kann wieder losziehen.

Tag 21 : Ende, wem Ende gebührt

Pavle hat sich erhängt… Anton ist nun alleine. Er ist extrem deprimiert. Wenn ich das nicht schnell ändern kann, dann droht ihm das gleiche Schicksal wie Pavle.

Dennis - dufter Dorfpolizist

Tag 4 – Die Unbill des Krieges

Nachdem man sich etwas orientiert hat wird schnell klar, wie knapp die Nahrung wirklich ist. Mit viel Glück ist in den Häusern ein wenig Nahrung zu finden. Dafür müssen oft andere Dinge zurückbleiben. Jeden Tag für drei Menschen Mahlzeiten bereitzustellen scheint fast unmöglich, wenn sich nicht noch wahre Fundgruben auftun. Auch das Wasser ist knapp. Die Freude über ein Bröckchen Fleisch vergeht schnell, wenn man merkt, dass es für die Zubereitung an Flüssigkeit mangelt. Zwar blieb Pavle auf seinen Streifzügen bisher unbehelligt, dafür versuchten in der vergangenen Nacht Plünderer in unser Haus einzudringen. Katia wurde verletzt. Mehr Wachen aufzustellen ist nicht möglich, ansonsten würden alle den Tag verschlafen. Katias Wunden können wir vorerst versorgen. Hoffentlich passiert nun nichts Gravierendes.

Nacht 5 – Heldentat

Tag 6 – Gräuel

Neben der Knappheit von – ja eigentlich allem, haben wir nun andere, unmittelbarere Kriegsgräuel kennengelernt. Im Radio wird von Massengräbern in anderen Städten berichtet. In unserer Nähe wurde ein Haus zerstört und ich habe Katia losgeschickt, um zu helfen, die Überlebenden zu bergen. Aber live mitbekommen haben wir es erst in der vergangenen Nacht. Mein Angriff war eher eine Kurzschlussreaktion und ich hätte nicht gedacht, dass Pavle mit einem Küchenmesser gegen den vollbewaffneten Soldaten bestehen kann. Pavle wurde schwer verletzt, aber das Mädchen konnte entkommen. Jetzt wird es schwierig, da unser Held wohl lange Zeit ausfallen wird. Aber ich bin froh, dass ich geholfen habe. Auch wenn es hätte schief gehen können.

Tag 9 – Für uns oder für andere?

Nacht 14 – Rettung an der Scharfschützenkreuzung

Wir schlagen uns wacker. Immer wieder gibt es Krankheiten und Überfälle bei Nacht, bei denen meine Charaktere verletzt werden. Aber häufig schaffen es Bruno und Katia schon mit einer großen Mütze Schlaf wieder auf die Beine zu kommen. Mit den Fallen für Ratten und ähnliche Kleintiere kommen wir einigermaßen über die Runden (in der Not…). Pavle hat in der vergangenen Nacht an der sogenannten „Scharfschützenkreuzung“ einen verletzten Mann zu seinem kleinen, kranken Sohn zurückgebracht. Er wird zu einem richtigen Helden. Dafür hat er allerdings auf dem letzten Meter noch einen Treffer kassiert. Zum Glück hatte er die Schutzweste an, die wir gefunden haben. Es ist gut, wenn man anderen helfen kann. Aber nach den ersten zwei Wochen sind mir die Charaktere sehr ans Herz gewachsen. Selbst der recht brummige Bruno. Daher werde ich es mir nun immer zweimal überlegen, sie in Gefahr zu bringen.

Tag 22 – Ein Fluchtboot für vier

Vor fünf Tagen kam Zlata zu uns. Eine ehemalige Musikstudentin. Im ersten Moment war ich etwas enttäuscht; einen Handwerker hätten wir besser gebrauchen können. Aber sie kann sehr gut Gitarre spielen und heitert damit die anderen auf. Außerdem hat sie in der vergangenen Nacht Essen von einem Hilfscontainer besorgen können. Es ist schon merkwürdig. In der Regel ist man ja derjenige, der für solche Hilfscontainer spendet. Nun ist man der Adressat, das lässt noch mehr mit echten Kriegsleidenden mitfühlen. Trotz den Hilfsmitteln wird es nicht leichter gleich vier Leute täglich satt zu bekommen. Ich habe dennoch Pavle losgeschickt, um einem verhungernden Obdachlosen etwas von unseren Vorräten abzugeben.

Am Hafen habe ich den Schmuggler Karel getroffen. Er bietet uns an, uns mit seinem Boot aus der Stadt zu bringen. Dafür verlangt er aber eine exorbitante Menge Schmuck. Trotz des kleinen Vermögens, das Pavle von dem Mann an der Scharfschützenkreuzung bekommen hat, konnte wir uns die rettende Überfahrt nicht leisten. Aber Karel versprach uns bald wieder aufzusuchen. Nach einigen verzweifelten (und nicht ungefährlichen) Suchaktionen, stieß Pavle schließlich hinter einer verschlossenen Gittertür auf das gesuchte Kleinod. Es war kein Stehlen, aber wenn ich ehrlich bin, wäre ich wohl bald dazu bereit gewesen, um meine Leute endgültig in Sicherheit bringen zu können. Nun müssen wir nur noch warten, bis Karel wieder bei uns anklopft…

Tag 26 – Es ist Karel!

Nacht 26 – Leichtsinnig

Tag 27 – Vorwürfe und Hoffnung

Ich bin zu selbstsicher geworden. Pavle, der gute, unermüdliche Pavle ist in einem Lagerhaus angeschossen worden. Er ist schwer verletzt und ist gerade noch so davongekommen. Schon als er sich noch die letzten Meter aus dem Bildschirm geschleppt hat, habe ich mir große Vorwürfe gemacht. Zum Glück gibt es genug Bandagen. Die anderen machen sich große Sorgen, aber ich hoffe, dass Pavle mit etwas Pflege wieder auf die Beine kommt. Immerhin sind mit Zlata drei Leute da, die weitermachen können. Wir haben nun unser Ticket nach draußen. In unserem Inventar ruht ein unscheinbarer Zettel, der uns die Überfahrt bescheinigt und den weiteren Fluchtweg kennzeichnet. Im Radio heißt es sogar, dass der Krieg bald vorbei sein könnte. Friedenstruppen seien auf dem Weg. So oder so, sollte der Kampf ums Überleben für meine Charaktere bald vorbei sein.

Tag 29 – Flucht durch den Schnee

Epilog – Überlebt!

Wir haben es geschafft! Gerade als der Winter einbrach und alles unter einer Schneeschicht verschwand, klopfte Karel wieder an die Tür. Und das war alles. Mit seinem Boot entkamen alle meine vier Charaktere und ließen ihren Unterschlupf hinter sich. Die Bruchbude, die sie in den vier Wochen so mühevoll zu einem Zuhause ausgebaut hatten. Eigentlich war es gar nicht schlecht. Wir hatten Fallen für etwas Frischfleisch, Regenwassersammelbecken, einen Gemüsegarten, einen guten Ofen, sogar eine Destille und eine Gitarre. Wahrscheinlich hätten wir noch eine weitere Woche durchgehalten. Aber ich bin froh, dass wir das nicht herausfinden mussten. Im Epilog wird erzählt, dass alle ihre Familien und Freunde wiedergefunden hätten. Es ist also ein Happy End.

Unsere Experten

Der Spielentwickler

Pavel Miechowski von den 11 Bit Studios im Chat-Interview

Der Computerspiel-Professor

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Fünf Fragen an Prof. Dr. Jochen Koubek (Professor für Angewandte Medienwissenschaft und Digitale Medien an der Universität Bayreuth)

Kennen Sie This War of Mine?

Ich habe es gespielt, als es herausgekommen ist. Aus meiner Sicht ist es ein sehr gelungenes Spiel, das nicht auf Vergnügen und Spaß abzielt, sondern eine zum Teil sehr beklemmende Atmosphäre schafft.

Was ist Ihrer Meinung nach die Aufgabe von Computerspielen?

Wie andere Mediengattungen haben auch Computerspiele verschiedene Funktionen. Im Fokus steht natürlich oft der Unterhaltungswert, aber weshalb sollte ein Spiel nicht auch einmal ein ernstes Thema aufgreifen? This War of Mine zeigt, dass das klappen kann. Ein Film hätte mit dem gleichen Setting und den gleichen Figuren sehr wahrscheinlich nicht die gleiche Wirkung erzielen können. Das Spiel ermöglicht es, eine ganz eigene Geschichte zu erleben und eigene Entscheidungen zu treffen. Der Spieler übernimmt in diesem Fall die Verantwortung für sein Handeln und schaut nicht bloß zu, wie er es bei einem Film der Fall wäre.

Was macht die Simulation This War of Mine so besonders?

Der Begriff Simulation ist in dem Kontext nicht ganz treffend. This War of Mine ist vielmehr ein rhetorisches Spiel, eine Art Modell. Das Spiel ist der Versuch, dem Spieler das Überleben in Kriegssituationen näher zu bringen. Selbst wenn man den Alltag der Menschen in Krisengebieten nicht kennt, bekommt man einen Eindruck davon, wie schlimm es dort sein muss. This War of Mine ist weitaus realistischer als andere Spiele, in denen ein einziger Held ein ganzes Dorf rettet. Es zeigt, dass der Kampf ums Überleben nicht im Handumdrehen gewonnen werden kann. Natürlich ist das Spiel auch fehlerhaft, aber das haben Modelle so an sich.

Was hätten Sie an dem Spiel noch verbessert?

Ein Multi-Player-Modus wäre sicherlich interessant gewesen.

Gibt es einen Trend in der Games-Branche hin zu solchen Spielen mit ernsteren Thematiken?

Die Nachfrage nach „ernsteren“ Spielen ist definitiv da. Vor allem in den Independent-Studios hat man gemerkt, dass viele langsam genug haben von den immer währenden Kämpfen gegen Aliens und Co. Themen wie Überwachungsskandale beschäftigen die Menschen und sind deshalb auch als Spiel-Gegenstand geeignet.

Der Computerspiele-Profi

Kriegsspiel ohne Spektakel
„This War of Mine“ macht keinen Spaß, ist aber lehrreich

Die meisten Computer- und Videospiele – siehe die „Call of Duty“-Reihe – inszenieren Kriege als ein unterhaltsames Spektakel. Spielerische Tiefe, die Konsequenzen der eigenen Taten, aber auch das Schicksal der Zivilisten entfallen dabei komplett. Das Computerspiel „This War of Mine“ des polnischen Entwicklerstudios 11 Bit Studios zeigt bereits mit seinem Einstiegssatz von Ernest Hemingway, dass es eine andere Richtung einschlägt: „Im modernen Krieg krepiert man wie ein Hund und ohne guten Grund.“

In dem Titel gibt es keine Helden oder pompöse Acrion. Es geht schlicht und einfach um das Überleben von Zivilisten in einer vom Krieg zerstörten Stadt. Die Grafik präsentiert sich in einem düsteren 2,5D-Look mit intensiven Farbfiltern. Den einzelnen Überlebenden muss der Spieler unterschiedliche Aufgaben zuweisen. Pavle ist ein schneller Läufer und guter Bastler, Bruno liegt eher das Kochen. Im Spielverlauf müssen aus verschiedenen Einzelteilen überlebensnotwendige Gegenstände wie Betten, Öfen oder Erste-Hilfe-Pakete gebastelt werden. Am linken Bildrand stehen die aktuelle Tageszeit und die Temperatur. Sinkt die Wärme unter ein bestimmtes Level, erkranken die Spielfiguren und sterben bei fehlender Erholung beziehungsweise Medikation.

Am Ende eines jeden Tages weist der Spieler den Figuren für die Nacht noch einmal verschiedene Tätigkeiten zu. Pavle und Bruno bleiben zu Hause und ruhen sich aus, Marko geht auf den nächtlichen Beutezug in einen verwüsteten Supermarkt und sucht nach Konserven. Nahrung und Gegenstände, die in das begrenzte Inventar passen, können im eigenen Haus wiederum in zahlreiche Verbesserungen investiert werden, beispielsweise in ein Radio, um den Verlauf des Krieges mitzuverfolgen, oder einfach nur, um den Ofen mit Brennmaterial zu versorgen.

„This War of Mine“ ist ein schweres Spiel. Sterben die Spielfiguren, bleiben sie für den Rest der Partie auch tot. Zu Beginn wird dem Spieler nichts erklärt, alles muss er sich selbst erarbeiten. „This War of Mine“ ist aber nicht nur schwer, sondern auch unfair. Haben sich die Überlebenden nach mehreren Wochen bereits einigermaßen häuslich eingerichtet und verschiedene Medikamente zur Verfügung, stirbt eine Figur bei einem nächtlichen Beutegang durch einen Scharfschützen, der sich in einem Haus versteckt hielt. Fehler werden gnadenlos bestraft, die Spielmechanik erzeugt beim Spieler nie ein Gefühl der Überlegenheit oder Beherrschbarkeit. Jetzt könnte man den Entwicklern Schlamperei beim Gamedesign vorwerfen. Aber gerade durch diese Unberechenbarkeit vermittelt der Titel eindrucksvoll die lähmende Machtlosigkeit von Menschen im Krieg. Spaß macht das nicht immer unbedingt und Unterhaltung sucht man vergebens. Vielmehr zeigt „This War of Mine“ den Überlebenskampf von Menschen, deren Existenz jeden Tag aufs Neue am seidenen Faden hängt. Und, dass Computerspiele nicht immer Spaß machen müssen.

Denis Gießler

Der Psychologie-Doktor


Vier Fragen an Dr. Markus Barth (Doktor der Psychologie vom sozialpsychologischen Institut der Universität Leipzig).

1. Halten Sie ein solches Spiel für ein adäquates Mittel, die Eindrücke von Kriegsopfern zu vermitteln?

Das Spiel bietet einen Blick auf die Situation von Menschen in Kriegsgebieten. Die sozialpsychologische Forschung hat gezeigt, dass die Fähigkeit, sich in eine andere Person und deren Lebensumwelt hineinzuversetzen, förderlich für das Empfinden von Empathie und Anteilnahme ist. Diese Reaktionen stehen wiederum mit prosozialem Verhalten in Zusammenhang. Im Spiel sehen die Spielenden die Welt durch die Augen der Zivilbevölkerung. Im Idealfall führt das all die schrecklichen Konsequenzen eines Krieges vor Augen und sensibilisiert für das Thema. Ein Spiel kann vielleicht insbesondere solche Zielgruppen erreichen, die andere Wege der Wissensvermittlung weniger attraktiv finden.

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema könnte bei einzelnen Spielenden aber auch unangenehme Gefühle wecken. Es ist fraglich, ob das Spiel geeignete Mittel hat, um Spielende beim Umgang mit diesen Gefühlen zu unterstützen.

2. Kann man überhaupt Ängste (eines Krieges, eines Überlebenskampfes, generell) über PC-Spiele nachvollziehen?

Das ganze Ausmaß einer solchen Extremsituation lässt sich mit einem Spiel sicher nicht nachempfinden. Das Spiel kann aber näherungsweise Rahmenbedingungen schaffen, in denen in abgeschwächter Form Reaktionen bei den Spielenden generiert werden, die typisch für eine bedrohliche oder bedrückende Situation sind. Ganz ähnlich sollen psychologische Laborstudien ja auch nicht Alltag simulieren, sondern Voraussetzungen schaffen, in denen Menschen das interessierende Erleben oder Verhalten zeigen. Spielende werden also in der Regel keine Todesängste ausstehen. Reaktionen wie Anspannung, Verunsicherung oder vielleicht auch Trauer als Ergebnis der Atmosphäre oder der Aufgabenstellung des Spieles sind aber denkbar.

3. Wie hoch schätzten Sie die Gefahr einer Trivialisierung der Inhalte durch die Mechaniken des Spiels (Plündern und Morden nur um Willen des Spielerlebnisses oder des Erreichens von Erfolgen)?

Problematisch wäre es dann, wenn das Spiel unmoralisches Verhalten gezielt belohnte, etwa durch Lob, Anerkennung oder die höchste Punktzahl für die meisten Opfer im Spielverlauf. Dadurch würde ein Lernprozess einsetzen, der vermittelt, dass unmoralisches Verhalten geschätzt und gewünscht ist. Wenn aber auch die negativen Konsequenzen unmoralischen Verhaltens für andere und für das Selbst (Stichwort psychische Belastung) dargestellt werden und als hinreichend unangenehm erlebt werden, ist es weniger wahrscheinlich, dass die Spielenden lernen, weniger moralisch zu sein. Ohnehin scheint das Spiel kein Spiel im üblichen Sinne zu sein. Unterhaltung und Zerstreuung stehen nicht im Vordergrund.

4. Was halten Sie von der Tatsache, dass den Spielern die Wahl gelassen wird, ob sie sich moralisch korrekt oder verwerflich verhalten (inklusive Strafen wie Selbstvorwürfe der spielbaren Charaktere)?

Eine möglichst große Handlungsfreiheit erlaubt es Spielenden, tiefer in die Spielwelt einzutauchen. Wenn es das Ziel der Entwickler war, einen schonungslosen Einblick in das Wesen des Krieges zu geben, dann unterstützt Handlungsfreiheit dieses Vorhaben. Verbote oder vorgegebene Entscheidungen, zu denen es keine Alternativen gibt, werden dagegen von vielen Menschen als störend, teils sogar als ärgerlich empfunden. Wir sind dann häufig motiviert, uns gegen diese Verbote oder Beschränkungen aufzulehnen.

Verbotenes wird zum Teil geradezu anziehend und attraktiv. Es wäre fatal, unmoralisches oder verwerfliches Verhalten auf diese Weise interessant zu machen. Die negativen Folgen, die unmoralisches Verhalten im Spiel hat, können auf subtilere Art dafür sorgen, dass bei späteren Entscheidungen im Spiel die Wahl auf moralisches Verhalten fällt (und dadurch die negativen Folgen vermieden werden können).

 

Unser Fazit

 

 

 

Per App gegen den Welthunger Wie Start-ups versuchen, mit Apps Jugendliche zum Spenden zu bewegen

Vom Sofa aus den Robin Hood spielen

Per App gegen den Hunger der Welt?

 

Solche Werbebilder gibt es in jeder größeren Stadt in Deutschland: Die Bäuche der Kinder sind vor Hunger ganz aufgedunsen, zarte Ärmchen hängen an den Körpern herunter. Der Fotograf hat leicht von oben fotografiert, sodass die Augen des Kindes auf dem Bild noch größer und niedlicher wirken.

Der Appell an den Betrachter der Werbung: Du hast es doch, spende regelmäßig eine Summe – und wir sorgen dafür, dass es dem Kind gut geht.

Pünktlich zur Mittagspause erinnert einen die App Share the Meal ans Spenden, wenn man die App so einstellt. (Foto: Hellwig)

Sei es wegen der Bilder oder weil die Deutschen so besonders nächstenlieb sind – aber die Spendenbereitschaft der Deutschen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, wie das Marktforschungsunternehmen GfK in seinen Studien herausfand.

Und einher mit dem technischen Fortschritt hat sich zudem auch die Art des Spendens verändert.

Früher, da lief es etwa so: Bewappnet mit den Kontodaten ihres favorisierten Spendenunternehmens stapfte meine Oma Hildegart aus dem kleinen Dörfchen Liebenau durch den Schnee ( – denn die Deutschen spenden am liebsten in der Weihnachtszeit, wie das GfK auch herausfand). Ihr Ziel: die Bank ihres Vertrauens. Dort zückte sie einen Kugelschreiber, füllte mit ihrer schönsten Feinschrift einen Überweisungsträger aus. Einwurf in den Postschlitz für Überweisungsträger, mühseliger Heimweg.

Kind aus dem Malawi-Projekt von Share the Meal. (Foto: Sebastian Stricker)

Sicher, die Zielgruppe von Apps sind vor allem jüngere Menschen. Und doch hat sich auch in der Spendenwelt einiges geändert durch Smartphones. Heute, da läuft das Spenden schneller, einfacher, bequemer. Nämlich so: Ich sitze auf dem Sofa, Füße hochgelegt. Die Mattscheibe flimmert, ich greife zur Müslischale. Mein Handy blinkt, erinnert mich pünktlich zur Mahlzeit: Essenszeit ist Spendenzeit. Nur wenige Klicks braucht ein Spender beim Nutzen der App Share the Meal in etwa, um eine Spende zu tätigen. Das Geld ist direkt beim Unternehmen. Alles digital, als Spender muss man nicht einmal das Sofa verlassen.

Und anders als meine Oma Hildegart früher, muss bei einigen dieser Apps der Spendende nicht einmal echtes Geld aufbringen. So zum Beispiel bei Nate oder Smoost. Der Nutzer spendet, indem er Fragen beantwortet oder Werbung durchstöbert.

Was dann folgt, ist jedoch bei beiden Varianten gleich: Jemand verteilt das Geld. Im Raum steht dann die Frage: Kommt das Geld dort an, wo es hingehört? Und bei Spenden-Apps: Wie gut funktioniert das Ganze? Spenden, ohne echten Gegenwert – kann das überhaupt klappen?  Einige der Apps verzeichnen wachsende Zahlen, andere konnten sich nicht lange über Wasser halten. Probleme hatte beispielsweise die App Nate. Woran lag es? Und: Halten die Apps, was sie versprechen?

 

Wir haben uns die Apps mal angesehen:

Wie also funktionieren die Apps? Welche Daten muss ein Nutzer angeben?

Alle drei Apps unterliegen den, im internationalen Vergleich, strengen Datenschutzbestimmungen, fragen den Nutzer allerdings unterschiedlich viele persönliche Daten ab. Share the Meal bedarf, abgesehen von den Playstore-Informationen um die App herunterzuladen, lediglich einer Kreditkartennummer oder alternativ einem Paypal Login. Hier ist es nicht notwendig, ein Benutzerprofil anzulegen. Wer mag, kann die App aber mit Facebook verknüpfen und so die Spenden der Freunde sehen und die eigenen vernetzen.

Smoost fragt nach detaillierten Informationen. Neben einer E-Mail Adresse, wird auch der Name, das Geschlecht, eine Einordnung in eine Altersgruppe, der Bildungsstand und die Tätigkeit abgefragt. Außerdem braucht die App einen Standortzugriff und einige Funktionen laufen nur durch die Freigabe der Kamera. All diese Daten sind laut App notwendig, um die passenden Prospekte zuschneiden zu können und für die Unternehmen, die im Endeffekt das Geld spenden, ein attraktiver Nutzer zu sein.
Da Nate im Moment offline ist, lässt sich nicht testen, welche Daten für den Gebrauch der App notwendig sind.

Share the Meal

Mit 40 Cent ein Kind einen Tag lang ernähren: Share the Meal

Auf der Weltkarte haben die Betreiber von Share the Meal Fotos aufgehängt – von Frauen und Kindern, denen die Spendengelder bereits geholfen haben. (Foto: Hellwig)

Victoria Leonhardt steht vor einer bunten Weltkarte. Jedes Land hat darauf eine andere Farbe. An verschiedenen Orten auf der Karte – irgendwo im Ozean – sind Fotos angeheftet. Leonhardt erklärt: „Hier oben sind Kinder aus dem syrischen Flüchtlingscamp Sataari.“ Sie zeigt mit dem Finger auf die Fotos, dann deutet sie auf die nächsten Bilder: „Und das hier, das sind syrische Mütter in Homs. Einige mit Babys, einige noch schwanger. Und das da unten,“ – sie zeigt auf eine weitere Stelle auf der Karte, an der Fotos kleben – „das sind syrische Flüchtlingskinder im Libanon.“

Die Frauen und Kinder auf den Fotos haben etwas gemeinsam: Sie alle leben an Orten, die die App Share the Meal in ihren Projekten unterstützt. Leonhardt ist „Operations Manager“ der App. Hinter diesem neumodernen Begriff verbirgt sich ein Job, den es so wohl auch in herkömmlichen Spendenorganisationen gibt: Sie kümmert sich um Abläufe und die Kommunikation des Unternehmens.

Victoria Leonhardt arbeitet bei Share the Meal. (Foto: Hellwig)

Die App Share the Meal ist die Handy-Applikation, die dem klassischen Spendenunternehmen wohl noch am Ehesten nahekommt unter den genannten Spenden-Apps. Die Spenden-Applikation arbeitet zusammen mit dem World Food Programme der Vereinten Nationen. Bernhard Kowatsch und Sebastian Stricker hatten die Idee dahinter während eines Sabbaticals. Dabei sei ihnen klar geworden, dass rund 20 Mal so viele Menschen ein Smartphone besitzen, wie es hungernde Kinder auf der Welt gibt. Und dass es doch eigentlich so unglaublich günstig sei, diese zu ernähren. „Diesen großen Pool an Menschen wollten wir anzapfen. Ihnen eine Möglichkeit geben, etwas zu tun“, erzählt Leonhardt.

Die App hat sich selbst den Anspruch gesetzt, für Smartphonenutzer ansprechend und vor allem transparent zu sein. Doch genau hier setzt auch ein Kritikpunkt an der jungen Organisation an.  Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) findet, dass die App zwar relativ offen arbeite – das Unternehmen, mit dem sie zusammen arbeite, nämlich das World Food Programme sei es in Deutschland jedoch weniger.

Die 9-Millionen-Marke der gespendeten Mahlzeiten hat das Unternehmen am Tag zuvor gerade geknackt, Grund zu feiern. „Wir haben ausgerechnet, dass es im Durchschnitt nur 40 Cent kostet, ein Kind einen Tag lang zu ernähren“, erklärt sie. Und deshalb versucht die App auch, die Nutzer und Nutzerinnen durch die kleine Zahl zu überzeugen: „Mach mit! Teile Deine Mahlzeit per Klick mit einem hungernden Kind. Mit € 0.40 ernährst Du ein Kind für einen Tag“, heißt es auf der Homepage von Share the Meal. 40 Cent – das ist ein Drittel Kaffee in der Leipziger Universitätsmensa. 40 Cent – eine Summe, die sogar eine Studentin oder ein Student in der Regel übrighat.

Doch nicht nur die kleine Summe, auch die Einfachheit soll den Smartphone-Nutzer oder die Smartphone-Nutzerin zum Spenden bewegen. „Nicht mehr als zehn Klicks“, so berichtet Leonhardt, benötige man, um sich anzumelden. Für das Spenden darauf sind es noch weniger.

Räume im Industrie-Stil, passend zum Start-up-Charakter der App. (Foto: Hellwig)

Und obendrein motiviert die App die Spendenden dann noch durch diverse Gimmicks. Zum einen erinnert das Ganze an ein Spiel: „Achievements sollen die App etwas zugänglicher machen“, sagt Leonhardt und meint damit, dass der Nutzer oder die Nutzerin beim ersten Spenden ein „Dankeschön“ bekommt. Und bei mehrfachen Gaben kleine Auszeichnungen. Zum anderen wird das Spenden bei dieser App auch ein bisschen zu einem „sozialen Event“, wie es Leonhardt nennt. Mit Facebook verknüpft können die Spendenden Teams bilden, ein Gruppenziel bestimmen und sich gegenseitig motivieren. Natürlich springe nicht jeder darauf an – aber bei einigen Spenderinnen und Spendern sei das sicherlich der Fall. Und die Organisatoren der App haben es sich zum eigenen Ziel gesetzt, immer neue Spendenanreize zu finden und in die Applikation zu integrieren.

Vor einiger Zeit noch konnten Nutzerinnen und Nutzer Schritt für Schritt bei Google Maps verfolgen, wo sich „ihr Geld“ gerade befindet. Das ist mittlerweile nicht mehr so, das sei nicht angenommen worden, erklärt Leonhardt. Dennoch wirbt die App mit Transparenz, Effizienz und Nachhaltigkeit. „Die 40 Cent decken alle Kosten, um das Kind zu ernähren. Es gibt natürlich auch Transaktionsgebühren und einen gewissen Anteil an Adiministrationskosten, beides ist in den 40 Cent enthalten“, erklärt Leonhardt. Beim World Food Programme sei der Anteil der Transaktionskosten zudem sehr gering: Bei nur zehn Prozent liege er, bei anderen Unternehmen läge er bei etwa 30.

Kinder aus Malawi – Share the Meal unterstützt sie durch das Finanzieren von Schulmahlzeiten. (Foto: Sebastian Stricker)

Ehrenamtlich habe Leonhardt zu Beginn, zu Gründungszeiten, für ein halbes Jahr lang gearbeitet. Mittlerweile bekommen die App-Organisatoren ihr Geld aus einem sogenannten „Innovation Grant“, von Innovationsförderern und zum Teil auch von der Bundesrepublik Deutschland.

Wohin das Geld der Spendenden fließt, können sich die Nutzer bei dieser App nicht selber aussuchen. Wenn sie gespendet haben, geht das Geld an das UN World Food Programme. Dieses verteilt dann Gutscheine an Schulen vor Ort, damit sie Schulmahlzeiten kaufen und zubereiten können. Oder es verteilt Gutscheine an Familien, die damit beim Händler vor Ort selbstständig und selbstbestimmt einkaufen können, was sie benötigen, um ihre Kinder zu ernähren.

Derzeit unterstützt die App Kinder in Nigeria und Kamerun, die unter Boko Haram leiden. Zuvor wurden verschiedene Projekte mit syrischen Kindern unterstützt.

Die App setzt dabei auf die akute Unterstützung, möchte aber auch für Nachhaltigkeit sorgen. Damit die Familien zum Ende der einjährigen Unterstützung nicht ohne alles dastehen, wird versucht, nach Ablauf des Förderjahres einen Ersatzförderer zu finden. „Wenn die Projekte aufgebaut sind, springt oft der Staat als Unterstützer ein“, so Leonhardt. Dass das Programm abbreche, könne dann auch leider vorkommen: „Im schlimmsten Fall.“ Die Regel sei es aber nicht.

Nate

(Keine) Werbung auf dem Smartphone-Bildschirm mit der App Nate

„Nathan ist der Schenkende, der Gebende“, erklärt Hubert Eiter. Nate nennt sich deshalb die App, die der Unternehmer gemeinsam mit Freunden gegründet hat. Aus einem Koreaaufenthalt mitgebracht hat er die Idee der Sperrbildschirmwerbung. „Meine Freunde kommen aus der Werbe- und Spendenwelt“, erzählt Eiter. Oft seien Fragen aufgekommen: Wie erreicht man junge Menschen mit Werbung, wie bringt man sie zum Spenden? So haben die Freunde die Ideen zusammengebracht. Die Werbewelt freut sich über Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer, die mehrfach täglich mit ihren Produkten konfrontiert werden. Und die Nutzer der App haben einen Anreiz, die Werbung auch anzusehen – wenn sie damit etwas Gutes tun.

Hubert Eiter ist einer der Gründer der App Nate. (Foto: Nate)

Der Smartphone-Bildschirm als Werbefläche habe zwei Vorteile. Zum einen könne Werbung großflächig angezeigt werden, zum anderen sei der Blick auf den Bildschirm in das Nutzer-Verhalten integriert. Rund 10 bis 15 Mal am Tag schaue ein Mensch im Schnitt auf das Display, so Eiter. „Damit wäre doch allen geholfen“, sagt er. Doch so einfach ist es nicht.

Bei der App Nate schauen sich Nutzerinnen und Nutzer der App Werbung an, die Gelder der Werbetreibenden werden gespendet. (Foto: Nate)

Eigentlich war es so geplant: Die Nutzer entsperren ihren Bildschirm, sehen sich die Werbung an, spenden pro angesehenem Flugblatt ein bis zwei Cent – ohne selber wirklich Geld in die Hand zu nehmen. Die Projekte, die sie unterstützen möchten, dürfen sich die Nutzer und Nutzerinnen selber aussuchen. Sogar eigene gemeinnützige Projekte dürfen sie starten. Rund 400 Projekte konnten auf diese Weise bereits unterstützt werden, rund 26000 Euro ausgezahlt. Von den eigenommenen Geldern gehen je rund 80 Prozent an die Projekte, 20 Prozent finanzieren die App an sich.

Und doch: Aktuell befindet sich Nate in einer „Sendepause“, wie Eiter es nennt. „Es hat sich einfach nicht rentiert“, sagt er. Am Anfang haben die Gründer selber Geld investiert. „So ein Modell steht und fällt aber mit schnellem Wachstum“, erklärt Eiter. Werbende wollen nur zahlen, wenn sie so auch viele Menschen erreichen – Nutzer sind nur an der App interessiert, wenn auch viele Werbende spenden. Und irgendwann sei der Punkt erreicht worden, an dem Eiter und seine Kollegen die App nicht mehr alleine finanzieren konnten. „Leider haben wir noch keine Zusage für eine Großspende erhalten“, meint Eiter.

Und dabei ist Eiter überzeugt von seiner Idee: „Jeder Euro, der von Werbegeld in Spendengeld ausgegeben wird, ist ein guter Euro.“ Schließlich würde das Geld ja sowieso ausgegeben. Wann und ob es weitergeht, ist derzeit noch offen. Derzeit gibt es auf den Displays der Spendewilligen also keine Werbung von Nate.

Smoost

 Wie Robin Hood? – Werbegelder in Spendengelder umwandeln mit Smoost

Ein ähnliches Konzept wie die App Nate hat auch die App Smoost. „Spende ohne einen Cent auszugeben mit der App Smoost“, wirbt ein Video auf der Website der Spenden-App. Auf dem Bildschirm zu sehen: viele rosafarbene Herzchen, das Logo der Applikation. „Es ist ein bisschen wie bei Robin Hood. Mit jedem Klick bei Smoost nutzt du das Geld der Werbeindustrie, um ein Hilfsprojekt deiner Wahl zu unterstützen.“

Die Gründer von Smoost: Rainer Rother (links) und Thomas Helmrich (rechts). (Foto: Smoost)

Gegründet haben das Ganze der Bamberger Rainer Rother und Thomas Helmrich. Wie bei Nate, schauen auch hier die Nutzer Werbeprospekte an. Fünf Cent gehen pro angesehenem Prospekt an ein gemeinnütziges Projekt. Wofür das Geld gespendet wird und welchen Prospekt sich die Nutzer ansehen, das können sie dabei selbst entscheiden. Rund 1700 Vereine und Spendenprojekte sind derzeit registriert.

Über 300.000 Euro hat die App auf diese Weise schon eingenommen. Drei Viertel des eingenommenen Geldes gehen dann an die Vereine und Spendenerhaltenden. Ihre laufenden Kosten decken die Unternehmer mit einem Viertel des eingenommenen Geldes.

Weitere Spenden-Apps

Weitere Apps

Goodnity

Bei der App Goodnity  beantworten die Nutzer Fragen. Unternehmen zahlen Geld für die Antworten, das Geld wird gespendet.

Moving Twice

„Stell dir vor, du gehst joggen und rettest dabei die Welt“, wirbt die App Moving Twice. Ähnlich wie bei einem Sponsorenlauf spenden hier Unternehmen für die Trainingsrunden der Nutzer. Finanziert werden Charityprojekte, die die Läufer auswählen.

Miles for Meals

Ähnlich wie Moving Twice funktionierte auch die App Miles for Meals. Hier konnten die User joggen, gespendet wurde für den Bundesverband Deutsche Tafeln e.V. Derzeit ist die App im Appstore jedoch nicht verfügbar.

Dignitos 2.0

Bei der App  Dignitos 2.0 spenden Nutzer Geld. Gastronomen können den Betrag online abrufen und in ein Essen für Obdachlose investieren.

 

So funktioniert’s

Der Nutzer braucht sein Smartphone – das ist bei allen Spenden-Apps der gemeinsame Nenner. Aber die technische Funktion, wo das gespendete Geld hingeht und wie sich die Apps selbst finanzieren, dafür haben die App-Macher unterschiedliche Modelle entwickelt. Wie das funktioniert, erklären die App-Entwickler hier im Audio-Interview:

 

Fazit

 

Eine Methode, um junge Menschen zum Spenden zu bringen – das sind wohl all die aufgezählten Spenden-Apps. Aber wie gut funktionieren sie wirklich, wie transparent arbeiten sie und halten sie, was sie versprechen?

Burkhard Wilke vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) und Robert Lüdecke vom Phineo-Spendensiegel für Wirkungstransparenz stehen Spenden-Apps zwiegespalten gegenüber. Beide erkennen den Mehrwert der Apps in ihrer hohen Reichweite. „Vor allem Jüngere könnten dadurch zum Spenden motiviert werden“, erklärt Wilke im Spenden-Magazin. Und auch Lüdecke sagt: „Spenden-Apps sind ein charmantes Instrument, um junge Menschen zu motivieren, Gutes zu tun.“

Transparenz als Problem der Apps

Probleme erkennen Wilke und Lüdecke jedoch auch; vor allem in der Transparenz der Apps. Wie transparent eine Spendenorganisation ist, das lasse sich an verschiedenen Punkten festmachen. „Vor allem gilt es, nicht nur darauf zu achten, wohin das Geld geht, sondern auch was es konkret vor Ort bewirkt“, erklärt Lüdecke. Es solle nicht nur heißen: 20.000 Menschen wurde geholfen, sondern auch: Was hat sich konkret bei den Menschen vor Ort geändert? Was hat sich gesellschaftlich geändert? Deutlich würde das, wenn man sich die Visionen der Organisationen anschaue. Diese müssten deutlich und klar formuliert sein, Ziele konkret abgesteckt. Dabei gelte stets: Die Nutzenden müssen sich gut informiert fühlen, auf der Homepage müssen die Ziele zu finden sein, wie Wilke und Lüdecke betonen.

Sowohl bei Smoost als auch bei Share the Meal wird es den Nutzenden leichtgemacht, den aktuellen Spendenstand zu verfolgen: Die Apps zeigen an, wie viele Menschen bereits gespendet haben und wie viel Geld dadurch zusammengekommen ist.

„Die App Share the Meal ist relativ gut, aber das World Food Programme ist in Deutschland recht wenig transparent“, findet Wilke vom DZI. Schaut man sich die genannten Apps im Vergleich an, so fällt auf, dass Share the Meal verschiedene Projekte anpreist – die Nutzenden finden auf einfachem Wege heraus, welches Projekt aktuell unterstützt wird. In der App wird angezeigt, wie viel Prozent eines Projektes bereits erreicht wurden. Die Nutzerinnen und Nutzer wissen, dass mit dem Geld Kindern geholfen werden soll – und sie können nachlesen, dass das Geld in Schulmahlzeiten oder Gutscheine investiert wird.

Bei Nate und Smoost verhält es sich hier schon schwieriger. Interessierte können, beziehungsweise konnten, zwischen verschiedenen Projekten wählen, es gab also kein einheitliches Ziel und auch das Informationsmaterial konnte nicht konzentriert aufgezeigt werden.

Die Spender-Beziehung fehlt

Einher mit den Transparenz-Problemen der App ginge auch ein anderes Problem. „Die Spender-Beziehung könnte verloren gehen“, vermutet Lüdecke. Er meint damit, dass Spendende sich bewusst für eine Spende entscheiden und sich entsprechend informieren, eine Beziehung zum Projekt aufbauen, die von Bestand ist. Insbesondere bei Apps wie Smoost sei das der Fall: Wenn es rund 1700 zu unterstützende Projekte gibt oder Nutzende gleich in einen ganz allgemeinen Topf spenden kann, wie soll der Spendende dann noch groß an Erfolgen interessiert sein? Dieser Reiz geht dabei verloren.

Wie viel des Spendengeldes geht für das Betreiben der App drauf?

Die App Share the Meal hat sich als eigenes Ziel festgesteckt, transparent zu sein. Auf der Homepage heißt es, dass 40 Cent benötigt werden, um ein Kind einen Tag lang zu ernähren. Wie viel der 40 Cent allerdings an welcher Stelle des Spendenprozesses hängenbleiben, nach diesen Angaben sucht ein Nutzer oder eine Nutzerin vergeblich. Dass 90 Prozent des Geldes „in den Kampf gegen den Hunger“ investiert werden, das können die Nutzerinnen und Nutzer der App mit etwas Suchgeschick unter den FAQs nachlesen. Smoost hingegen erklärt auf seiner Homepage deutlich: Ein Viertel des von den Werbetreibenden gespendeten Geldes geht für das Betreiben der App drauf. Genauer aufgeschlüsselt ist allerdings auch das nicht. Die App Goodnity, betont Wilke, nennt keine konkreten Zahlen zur eigenen Finanzierung. Und auch bei Nate sucht man danach vergeblich.

Wie vertrauenswürdig sind die unterstützten Projekte?

Burkhard Wilke betont, dass eine Spenden-Plattform die Vertrauenswürdigkeit der Projekte, die unterstützt werden sollen, sicherstellen muss. Hier erkennt Wilke besonders bei der App Smoost Mängel: Die App „lässt die Frage offen, wie die Plattform die Seriosität der mehr als 1000 unterstützten Vereine sicherstellen will“, schreibt er im Spenden-Magazin. Goodnity wähle hier den einfacheren Weg, da Nutzende zwischen Projekten, die mit dem DZI-Siegel ausgezeichnet sind und Spenden über die Plattform Betterplace wählen könne. Share the Meal arbeitet mit dem World Food Programme zusammen. Wilke kritisiert daran: „Bei Share the Meal liegt das Informationsdefizit nicht bei der App selbst, sondern beim World Food Programme: Hier sucht man einen aussagekräftigen Jahresbericht mit verlässlichen Jahresabschlussdaten vergebens.“

Datensammeln als Problem

Weiter erklärt Wilke, dass Transparenzdefizite besonders bei Apps wie Goodnity oder Smoost ins Gewicht fallen. Ähnlich ist auch Nate zu bewerten. Denn hier gehört das Übermitteln von persönlichen Daten zum Geschäftsmodell.

 

So charmant die Idee von Apps als Spenden-Akquisitoren auch ist – Defizite weisen sie alle auf. „Die meisten Spenden-Apps stecken noch in den Kinderschuhen“, wertet Wilke. Lüdecke warnt vor allem vor einer Gewissensberuhigung, die diese Apps hervorrufen könnten. Er befürchtet, dass die Gebenden im realen Leben wegen der Apps nun weniger bereit sind, zu spenden. Dennoch betont Lüdecke: „Grundsätzlich begrüßen wir neue Wege, die Spendenbereitschaft zu wecken und vor allem, neue Kreise zu erschließen. Wir haben aber in der Praxis bisher noch kein Konzept erlebt, das nennenswerte Summen bewegt hat.“

 

Von Lauren Ramoser und Theresa Hellwig

 

Digitalisierung ohne Nebenwirkungen? Estland ist Europas digitaler Musterschüler. Doch sind die Esten selbst so weit wie die Politik und Infrastruktur ihres Landes? Ihr Beispiel zeigt, wie ein komplett vernetzter Alltag eine Gesellschaft verändern kann.

Man stelle sich vor: Wer seine Steuererklärung machen will, erledigt das mit ein paar Klicks online. Für ein Rezept vom Hausarzt kann der PC gleich an bleiben. Und das achtjährige Kind schreibt als Hausaufgabe nebenan seine ersten HTML-Codes. Was in Deutschland nach Zeitreise klingt, ist nur eine Flugreise entfernt: Willkommen in Estland.

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Digitale Kolonialmächte Die Digitalisierung kann das Leben erleichtern, auch und gerade in sogenannten Entwicklungsländern. Bei aller Euphorie – wir sollten darauf achten, wer darüber bestimmt, wie wir in Zukunft leben. Ein Kommentar von Hannah Knuth, Matthias Bolsinger und Robin Köhler

Erster Annäherungsversuch: Facebook-CEO Mark Zuckerberg und Indiens Premier Narendra Modi (Foto: Narendra Modi, „Facebook CEO Mr. Mark Zuckerberg calls on Shri Modi“, https://www.flickr.com/photos/narendramodiofficial/15541405942)

Februar 2016, Facebook-Investor Marc Andreessen ist außer sich. „Anti- Kolonialismus war für das indische Volk über Jahrzehnte wirtschaftlich katastrophal“, twittert er. Und wird prompt von Facebooks CEO Mark Zuckerberg zurückgepfiffen. Zu spät: Ein Shitstorm brach über Andreessen herein.

Was war passiert?

Indien hatte sich gerade gegen die Einführung von „Free Basics“ entschieden, Facebooks Internet-Service, der vielen Millionen Bürgern mit einer App den kostenlosen Zugang zum Web ermöglicht hätte – allerdings nur zu ausgewählten Seiten. Indiens Telekom-Aufsicht stoppte „Free Basics“ und verwies auf die Netzneutralität: Kein Provider dürfe irgendwelche Inhalte im Netz diskriminieren.

Es war wie so häufig bei der Digitalisierung in sogenannten Entwicklungsländern: Ein mächtiger Konzern mit großen Versprechen trifft auf

eine Bevölkerung mit großen Sorgen. In Indien siegte die Skepsis. Unternehmer wie Andreessen mögen das für dumm und provinziell halten, für albernen Anti-Kolonialismus. Doch sie irren. Das Misstrauen ist berechtigt. Und der Kolonialismus-Vergleich gar nicht so verkehrt.

Denn tatsächlich verhielt sich Facebook wie eine Kolonialmacht: Trat auf wie ein Heiland, sprach von Gleichheit und Freiheit, verschwieg sein Profitinteresse und warf der renitenten Bevölkerung Undankbarkeit vor.

Diese koloniale Attitüde zwingt uns nachzudenken. Vielleicht sollten wir bei der Digitalisierung von einer Entwicklung der zwei Geschwindigkeiten sprechen, von einer alten und einer neuen Digitalisierung. Die alte, die des globalen Nordens, war eine Digitalisierung der gleichmäßigen Schritte. Gesellschaft und Technik entwickelten sich weitgehend parallel. Die führenden Digitalkonzerne und deren Macht wuchsen kontinuierlich. Doch sie sahen sich einer wohlhabenden Bevölkerung gegenüber, die sich mit der Aussicht auf Fortschritt nur schwer erpressen ließ.

Im globalen Süden ist das anders. Bei der neuen Digitalisierung treffen Großkonzerne wie Facebook und Google auf strukturschwache Regionen, die den Unternehmen entweder die Hand reichen – oder über Jahre hinweg der technologischen Entwicklung anderer Staaten hinterherlaufen.

Natürlich, es gibt auch dort eine behutsame Form der Digitalisierung, eine Entwicklung „von unten”. Das mobile Bezahlsystem „M-Pesa“, in Kenia entwickelt, von Vodafone über das Land hinaus verbreitet, ist vielleicht das beste Beispiel dafür: Hunderttausende Menschen können dank „M-Pesa” per Mobiltelefon Geld versenden – der Service erleichtert das Leben, ohne Freiheit zu beschneiden.

Dieses Beispiel darf aber nicht über die Asymmetrien der Digitalisierung hinwegtäuschen. Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Und die in dieser Hinsicht reichen Länder des globalen Südens sollten sich vorsehen, kein zweites Mal zum Rohstofflager des Nordens zu werden.

Die Digitalisierung ist für sich betrachtet weder richtig noch falsch. Aber es gilt darauf zu achten, wer ihre Bedingungen diktiert und wer nicht. Nur so kann verhindert werden, dass digitale Kolonialmächte wachsen.

Indiens Zurückweisung von „Free Basics“ mag anti-koloniale Züge tragen. In jedem Fall war sie ein Zeichen, das über Indien hinaus wirken kann: Wir lassen uns nicht erpressen. Und das ist gut so.