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“Habe ich etwas Falsches gesagt?” Der indische Blogger und Journalist Sanjay Kumar kämpft mit seiner Arbeit für Meinungsvielfalt in Indien und gegen den Kurs der neuen Regierung. Im Interview spricht er mit Erik Häußler, Johanna Sagmeister und Marlene Thiele über Journalismus in Indien, Denkverbote und Twitter-Trolle.

Sanjay Kumar, Sie arbeiten seit 20 Jahren als Journalist in Indien und wurden dort auch ausgebildet, inzwischen arbeiten Sie aber hauptsächlich für die ARD und andere nicht-indische Medien vor Ort. Wie kommt das?

Kumar: In der Vergangenheit wurden unbequeme Wahrheiten unterdrückt und Journalisten haben ihre Jobs verloren. Das hat dazu geführt, dass die meisten indischen Medien einseitig berichten. Wir müssen aber auch die andere Seite erzählen. Deshalb wird die Rolle von internationalen Medien wichtiger, weil sie dieses einseitige Bild der hiesigen Medien erweitern.

Twitter-Interview mit Sanjay Kumar: Was ist der größte Unterschied zwischen indischem und deutschem Journalismus? “Ich glaube, es kommt darauf an, was für eine Art Journalismus man praktiziert. Liberaler Journalismus wird in Indien belagert, jedoch nicht in Deutschland.”

 

Warum berichten indische Medien nicht ausgewogen? 

Kumar: Schauen wir uns beispielsweise den indisch-pakistanischen Konflikt an. Traditionsgemäß gab es schon immer nur eine Erzählweise. Es wurde die Haltung der Regierung übernommen – und das ist eine sehr nationalistische. Dabei haben die Medien ihre eigentliche Rolle vergessen: die Menschen aufzuklären und verschiedene Realitäten und Wahrheiten wiederzugeben. Und aktuell wird durch die neue hindu-nationalistische Regierung unter Narendra Modi versucht, indische Muslime noch stärker auszuschließen. Dagegen wehre ich mich. Ich kämpfe dafür, wieder eine größere Liberalisierung zu erreichen.

Was bedeutet Twitter für Sie als Journalist? “Durch Twitter halte ich mich auf dem aktuellen Stand der Dinge und bleibe informiert und werde alarmiert wenn sich Situationen entwickeln. Für mich ist es gleichzeitig auch eine Kriegszone, in der ich Rechtsextreme konfrontiere.”

 

Wer ist Sanjay Kumar? Der 46-jährige Journalist stammt aus der ostindischen Stadt Mokama. In Delhi hat er Englische Literatur und Linguistik studiert und in Chennai die Journalistenschule besucht. Seit über acht Jahren arbeitet er nun als TV-Produzent für das ARD-Studio in Delhi und schreibt seit sechs Jahren für die pakistanischen Zeitungen Express Tribune und Dawn. Das ganze Porträt lest ihr hier.

Wieso sind gerade soziale Medien dafür ein gutes Mittel?

Kumar: Ich bin jetzt seit rund sechs Jahren auf Twitter aktiv und nutze es immer häufiger. Es bietet mir eine neue Möglichkeit, mich auszudrücken und mich mit anderen auszutauschen. Gerade deshalb, weil ich auf Twitter ein anderes Publikum erreiche. In meinem Fall sind das viele Follower aus Pakistan, weil ich für das pakistanische Online-Medium “The Diplomat” schreibe. Dafür ernte ich dann wiederum viele Hasskommentare. Es wird mir vorgeworfen, ich sei ein Agent der pakistanischen Regierung und werde für deren Zwecke missbraucht.

Von wem kommen diese Anfeindungen?

Kumar: Viele meiner indischen Follower sind vom rechten Flügel, die auch bei uns die Foren im Internet dominieren. Es gibt viele Trolle. Gerade wenn es um den indisch-pakistanischen Konflikt geht, herrscht eine gewalttätige Sprache. Sie wollen im Grunde, dass ich Selbstzensur betreibe, aber das werde ich sicher nicht. Viele meiner Kollegen hingegen tun es. Der freie Raum für Journalisten schrumpft.

Wie gehen Sie mit den Kommentaren um?

Kumar: Nach meinem letzten kritischen Bericht bekam ich 5000 hasserfüllte Kommentare – das ging eine Woche lang so, ununterbrochen. Das war zu einer Zeit, als der Konflikt sehr angespannt war. Ich antworte nicht auf die Kommentare, aber ich lösche sie auch nicht. Mir sind die egal.

Wer sind ihre Twitter Follower? “Meine Twitter Follower sind Intellektuelle, Gegner und Freunde. Meine Gegner sind beleidigend und intolerant.”

 

Lassen Sie die Reaktionen wirklich so kalt? Haben Sie keine Angst, dass Sie auch außerhalb des Internets angegriffen werden?

Kumar: Naja, als es so schlimm war, dachte ich morgens vor dem Joggen schon, ob ich heute nicht besser eine andere Route laufe. Gerade wenn so viel kommentiert wird und selbst enge Freunde sagen: „Schande über dich”, fühle ich mich nicht nur professionell, sondern auch persönlich angegriffen und frage mich: Habe ich etwas Falsches gesagt?

Wie schaffen Sie es dann, sich nicht entmutigen zu lassen?

Kumar: Ich sage mir dann immer wieder, dass alle, die regierungskritisch berichten, von Trollen betroffen sind. Manchmal werde ich ja sogar selbst zum Troll. lacht

Wen konfrontieren Sie, wenn sie selbst zum Troll werden?

Kumar: Ich konfrontiere berühmte Meinungsmacher auf Facebook und sage ihnen, dass sie ihren Pflichten als aufklärender Journalist nicht gerecht werden. Viele Menschen lesen deren Artikel, mit welchen sie dem rechten Flügel in die Hände spielen. Ich sage ihnen, dass sie ehrlich sein sollen und es als studierte Menschen und Intellektuelle doch eigentlich besser wissen müssen. Ich fordere Sie auf Facebook und Twitter heraus, indem ich sage: Nein, du liegst falsch.

 

Wie wird sich Indien digital entwickeln? “Digitale Medien werden größer. Beobachten sollte man, welchen Einfluss digitale Medien auf den politischen Diskurs haben. Wird es zum Gefangenen der Rechten?

 

Wie werden sich die digitalen Medien in Zukunft auf den politischen Diskurs auswirken?

Kumar: Im Moment ist das Vertrauen in Zeitungen noch größer als das in die Meinungen im Netz. Aber den Leuten fällt es zunehmend schwerer, sich blind auf die traditionellen Medien zu verlassen. Im Internet erhält man nur Vertrauen, wenn man als unparteiisch gilt und nicht mit einer bestimmten Partei in Verbindung gebracht wird. Ich werde zum Beispiel nicht mit einer bestimmten politischen Partei assoziiert, sondern mit einem Standpunkt. Ich glaube, dass das liberale, säkulare Indien im Interesse der Menschen dieses Landes ist. Aber wir müssen aufpassen, dass das Internet nicht zum Gefangenen der Rechtsextremen wird.

 

Was ist ein Inder ohne Smartphone? “Ohne Smartphone ist man weniger privilegiert, am Rand des politischen Diskurses und unberührt von rechter Propaganda. Aber auch nicht Teil eines neuen politischen Diskurses.”

 

Hilft Digitalisierung dabei, dem Volk eine Stimme zu geben oder unterdrückt es Stimmen? 

Kumar: Ich denke, dass beides der Fall ist. Natürlich kann ich meine Meinung sagen und damit auch viele Menschen erreichen. Gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, dass hierzulande rechte Stimmen das Internet dominieren und andere unterdrücken. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass viele Inder im Alltag immer noch um ihre Lebensgrundlage kämpfen. Für sie hat die Digitalisierung nicht oberste Priorität. Es wird daher noch eine lange Zeit dauern, bis alle Menschen in Indien an das Internet angeschlossen sind und an der Digitalisierung teilhaben können.

Online gegen das System „Indien ist multikulturell, multiethnisch und multireligiös“ - mit dieser Meinung steht Sanjay Kumar zunehmend alleine da. Die rechtskonservative Regierung unter Narendra Modi verwandelt sein Land immer mehr in einen Hindu-Staat. Der gelernte Fernsehjournalist kämpft dagegen: Was in den traditionellen Medien nicht mehr geschrieben werden kann, schreibt er in seinem Blog, in internationalen oder pakistanischen Online-Magazinen und auf Twitter.

Dort heißt Sanjay Kumar @destinydefier und beschreibt sich als “ein in Neu-Delhi lebender Journalist, spezialisiert auf nationale und internationale Politik, außerdem ein sehr aktiver Blogger und Kolumnist”. Er teilt Artikel rund um Populismus, schreibt auf 140 Zeichen kritische Kommentare zur aktuellen Politik und postet Reisefotos mit seiner Frau – mal in Leipzig, mal in Boston. @destinydefier vereint den professionellen und den privaten Sanjay Kumar – er findet, man könne das nicht trennen, schließlich vertrete man seine Meinung ja immer, auch nach Feierabend. Den Twitter-Account hat Sanjay Kumar seit 2009, doch das ist nicht sein einziges Medium: Seit mehr als zwölf Jahren arbeitet er nun schon als Journalist, vorrangig fürs Fernsehen und für Online-Magazine.

Nur mit Passion kannst du in diesem Beruf bestehen“

Auf den ersten Blick wirkt Kumar nicht wie einer, der gegen das System kämpft. Der kleine, etwas rundliche Mann besitzt sehr viel indische Höflichkeit, die man leicht als Schüchternheit missverstehen kann. Geboren wurde er 1970 als ältester Sohn einer einfachen Familie in “einer sehr kleinen Stadt”, wie Kumar erzählt. „Mokama hatte vielleicht 30.000 bis 50.000 Einwohner und ein paar Dörfer drumherum.“ Heute hat die ostindische Stadt mit rund 100.000 Einwohnern bereits Großstadtniveau, der indische Maßstab ist aber ein anderer. Mokama liegt mitten in Bihar, Indiens ärmsten und instabilsten Bundesstaat. Wie die meisten Leute dort sind auch Kumars Eltern Bauern und Händler, einfache Leute aus der zweitniedrigsten Kaste, die neben ihm noch vier weitere Kinder versorgen mussten. Sie schickten Sanjay Kumar ab der zehnten Klasse auf die höhere Schule einer größeren Stadt, wo er das erste Mal mit der englischen Sprache konfrontiert wurde: „Meine neuen Freunde kamen alle von englischen Schulen und hatten eine Art eigene Community, zu der ich nicht so richtig dazu gehörte. Ich wusste, ohne Englisch wird das nichts, deshalb habe ich mich hingesetzt und gepaukt.“ In Kumars Schule gab es keine Englischkurse, also hat er sich mit dem Radio ausgeholfen und die englischen Nachrichten mit denen auf Hindi verglichen. „Ich habe jeden Tag zehn bis 15 Wörter gelernt. Nach zwei Jahren habe ich dann englische Bücher gelesen und schließlich sogar englische Literatur studiert.“ Der Zugang zur englischen Sprache eröffnete Kumar auch den Zugang zur Welt: Er war hungrig nach Wissen, las sich ein in Geschichte und Weltpolitik und begann einzelne Dinge aufzuschreiben. Die journalistische Arbeit wurde zu Sanjay Kumars Leidenschaft. Also folgte auf seine zwei Masterabschlüsse noch eine Journalistenschule und dann der typische Karriereweg eines Nachwuchsjournalisten: Praktikum bei einem Fernsehsender in Mumbai, der erste Job in Delhi, die Bezahlung eher unterirdisch, die Begeisterung für den Beruf dafür umso größer. Beim Journalismus ist Geld eher eine Nebensache, findet Kumar: „Wirklich wichtig ist die Leidenschaft. Nur mit Passion kannst du in diesem Beruf bestehen.“

Für die Wahrheit sieht es in Indien schlecht aus

Passion für Menschen, Kulturen und natürlich für die Wahrheit. Für letztere sieht es in Indien schlecht aus, findet Sanjay Kumar, gerade mit der Berichterstattung über den pakistanisch-indischen Konflikt ist er mehr als unzufrieden: „Die traditionellen indischen Medien haben eine sehr einseitige Sicht auf die Welt und folgen damit ganz der politischen Leitlinie. Schuld sind immer Pakistan und die Muslime. Die Leute lesen und hören diese Sichtweise nun schon seit Generationen und haben sie für sich übernommen. Das ist ein großes Problem.“

Um sich nicht an diese Maschinerie anpassen zu müssen, flüchtete Kumar in die internationalen Medien und berichtet nun seit acht Jahren als Produzent für die ARD aus Indien. Dazu kamen Artikel für The Diplomat, einem internationalen Online-Magazin mit Fokus auf den asiatischen Raum.

Kumar sieht Indien in den Nationalismus rutschen

Vor zweieinhalb Jahren wurde Narendra Modi zu Indiens neuen Premierminister gewählt, und seitdem sieht Kumar das Land immer mehr in den Nationalismus abrutschen. Kumar glaubt, dass Modis Partei, die rechtskonservative, hindu-nationalistische Bharantiya Janata Party (BJP) Indien zu einem reinen Hindu-Staat machen will, in dem Minderheiten nichts zu sagen haben. „Es passiert bereits viel. Zum Beispiel mischt sich Modi in die eigentlichen freien Institutionen des Landes ein, wie in Schulen, Universitäten oder eben in die Medien”, erklärt der Journalist. „Vor allem werden Minderheiten unterdrückt.” Im indischen Bundesstaat Maharashtra wurde Anfang des Jahres unter Geldstrafe verboten, Rinder zu schlachten oder zu verzehren. Der Beschluss soll aufs ganze Land ausgeweitet werden, obwohl 20% der Bevölkerung nicht hinduistisch glauben und das Fleisch somit durchaus essen dürfen.

Anfang November hat Präsident Modi überraschend die wichtigsten Geldscheine des Landes für wertlos erklären lassen. Sie lassen sich zwar in gültiges Geld eintauschen, dazu braucht man aber Zugang zu einer Bank, muss dort stunden- oder tagelang in der Schlange verharren und schließlich in der Lage sein, die nötigen Formulare zu lesen und auszufüllen. Vor allem ärmere Schichten leiden darunter. Manchen haben Hunger und Kälte bereits das Leben gekostet.

Sanjay Kumar lässt solche Entwicklungen nicht unkommentiert. In The Diplomat schreibt er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Vor fünf Jahren sind auch pakistanische Redakteure auf seine Artikel aufmerksam geworden und nun arbeitet Sanjay Kumar mehrmals im Monat auch für The Express Tribune, eine internationale pakistanische Zeitung, die mit der New York Times kooperiert, ebenso wie für die pakistanische Tageszeitung Dawn.

„Du bist eine Schande, Sanjay. Du hast dich an Pakistan verkauft.“ – es gibt natürlich Kritik, auch von Freunden. Viele Kollegen haben sich notgedrungen an das System angepasst, aber für Sanjay Kumar kommt Selbstzensur nicht infrage. Vor physischer Gewalt fürchtet er sich nicht, aber er weiß, dass die Regierung viele andere Mittel hätte, um ihn unter Druck zu setzen. Sanjay Kumar drückt sich diplomatisch aus. Er sagt nicht, dass er bei Lohnzahlungen aus Pakistan womöglich wegen Landesverrat angeklagt würde, sondern, dass er auf Geld verzichtet, weil dadurch “Schwierigkeiten” entstünden.

Meine Meinung wird gehört“

Kumar schreibt also aus reinem Idealismus – und, um eine Stimme zu haben in einem Indien, dass sich mit der wachsenden Digitalisierung langsam verändert:

„Durch das Internet erreiche ich viele Menschen – manche davon nutzen auch traditionelle indische Medien, andere informieren sich tatsächlich ausschließlich online.” Sanjay Kumar schreibt zwar für internationale und pakistanische Online-Zeitungen, Inder lesen und kommentieren diese Texte aber auch. Oft haben seine Artikel über hundert Kommentare, mal von Pakistani, mal von Indern, mal zustimmend, mal dagegen. „Ich ändere momentan zwar nicht wirklich die Situation, aber meine Meinung wird gehört. Und ich kann in den Kommentarspalten meiner Artikel die Leute zusammenbringen, sodass sie endlich mal wirklich miteinander diskutieren.“

 

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“ – Sanjay Kumar im Interview

Das Ende der Wartenummer Nie mehr bei Behörden anstehen? Die Esten können so gut wie alle Verwaltungsvorgänge online erledigen. Wie das in Estland funktioniert und woran es in Deutschland hapert. Von Luisa Hofmeier und Caspar Schwietering.

In Berlin hat es die Verwaltung letztes Jahr zum Hauptwahlkampfthema gebracht: Seit Jahren brauchen Berliner, wenn sie sich Ummelden oder einen neuen Personalausweis beantragen wollen, einen Termin bei ihrem Bürgeramt – und warten meist Monate darauf. „Hier gibt es ein Amt, aber keine Termine“ plakatierten die oppositionellen Grünen deshalb vor der Abgeordnetenhauswahl im September und die regierende SPD versprach mit neuen Stellen in den Bürgerämtern das Problem endlich in den Griff zu kriegen.

Das Berliner Verwaltungsversagen ist ein spezieller Fall, aber überall in Deutschland müssen die Bürger bei fast jedem Kontakt mit der Verwaltung einen Behördengang unternehmen und dabei teils stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen. Dass es auch anders geht, zeigt das kleine Estland: Sich Ummelden, einen neuen Ausweis beantragen, eine Firma anmelden und vieles mehr können die Esten online erledigen.

Behördengänge werden überflüssig

Ihr wichtigstes Hilfsmittel ist dabei ein Chip auf ihren Personalausweisen oder die SIM-Karte ihrer Smartphones. Mit der darauf gespeicherten elektronischen Identität können sich die Esten digital ausweisen und Dokumente unterschreiben. Behördengänge werden so überflüssig und auch die Banken des Landes greifen für ihre e-Banking-Angebote darauf zurück.

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig zeigt Indrek Õnnik wie das System funktioniert. Das ist sein Job. Der 28-Jährige Este arbeitet beim e-Estonia Showroom in Tallin und versucht, die Welt von den Vorteilen der digitalen Verwaltung zu überzeugen. Auch Angela Merkel hat er deswegen schon getroffen. Im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig wird er allerdings erst mal vom langsamen Internet aufgehalten.

Während er den Laptop auf den Knien balanciert und sich nach und nach die estnische e-Government-Seite aufbaut, nimmt er seinen Personalausweis aus dem Portemonnaie, holt einen Kartenleser mit USB-Anschluss aus der Laptoptasche und verbindet ihn mit dem PC. Verdeckt tippt er den ersten PIN ein, um sich einzuloggen. „Jetzt prüft das System auf dem Server, ob wirklich ich das gerade bin“, erklärt er. Mit der Eingabe von gerade einmal vier Stellen hat er seine Identität nachgewiesen.

Auf dem Desktop ruft er eine Demo-Version des estnischen i-Votings auf. Seit 2005 können die Esten damit bei Wahlen online ihre Stimmen abgeben. Das Programm erkennt automatisch in welchem Wahlkreis Õnnik wohnt und zeigt ihm die passenden Kandidaten an. Zweimal muss er seine Wahl bestätigen. Anschließend folgt ein zweiter PIN. „Es gibt nichts, was man nur mit einem PIN-Code tun könnte, du musst immer beide haben“, kommentiert er. Genauso hat Õnnik schon einmal gewählt. Physisch saß er damals im westfälischen Iserlohn.

„Zu 99,9 Prozent gibt es niemanden, der unser System hacken kann.“

Gerade die Möglichkeit online zu wählen hat international aber auch für Kritik gesorgt. Wissenschaftler aus Michigan empfehlen in einer Studie von 2014 die Nutzung des elektronischen Wahlsystems in Estland einzustellen. „Wir glauben nicht, dass man das i-Voting-System heutzutage sicher ausgestalten kann“, heißt es. Õnnik hält dagegen. „Wir überarbeiten das System immer wieder. Wir benutzen niemals dasselbe. Und wir laden vorher Leute ein, das System zu hacken, damit nichts passiert.“

Mit Blockchain Technologie sei das gesamte estnische e-Verwaltungssystem gesichert, erklärt er, auch gegen Quantencomputer sei es immun. „Ich würde sagen, dass es zu 99,9 Prozent niemand gibt, der unser System hacken kann. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, aber wir würden es zu 100 Prozent merken, wenn uns jemand hacken würde.“ Ein Fall „Edward Snowden“, der über Monate Daten der Nationalen Sicherheitsbehörde (NSA) der USA entwendet hat, ist laut Õnnik in Estland nicht möglich.

Im Frühling 2007 wurde Estland jedoch Opfer von Denial-of-Service-Attacken. Mit einer Flut von Anfragen auf verschiedene Online-Adressen, die vermutlich aus Russland gesteuert wurden, legten Unbekannte unter anderem die Online-Services von Estlands Verwaltung und Banken lahm. Auch wenn keine Daten gestohlen wurden, stieg in Estland das Bewusstsein für die eigene Verwundbarkeit. Das baltische Land versucht sich seitdem durch eine Vielzahl von Back-up-Servern auf der ganzen Welt zu schützen.

Deutsche haben Angst um ihre Daten

Seiner Digitalstrategie blieb das Land aber treu und machte im Jahr nach den Attacken auch die intimsten Daten seiner Bürger digital verfügbar. Seit 2008 können die Esten sowie deren Ärzte online auf ihre gesamte Krankenakte zugreifen. Um die Angst der Bevölkerung vor Missbrauch zu zerstreuen, gibt die estnische Regierung den Bürgern Einsicht darüber, wer auf ihre Daten zugreift. Unberechtigte Datenaufrufe stehen unter Strafe. Das hat die Esten anscheinend beruhigt: Zum Erstaunen der zumeist deutschen Zuhörer der Bildkorrekturen-Konferenz erklärten die estnischen Journalisten und Wissenschaftler auf dem Podium freimütig, dass sie der Regierung und deren Umgang mit Daten vertrauen.

Die Deutschen hingegen bleiben bei Datensicherheit und Datenschutz skeptisch. Laut des e-Government Monitors, einer jährlich erscheinenden Studie zur elektronischen Verwaltung in Deutschland, hielt die Angst vor Datendiebstahl und mangelnde Informationen darüber, was mit den Daten passiert, rund ein Drittel der Befragten davon ab, die bestehende elektronische Verwaltung in Deutschland zu nutzen.

E-Verwaltung in Deutschland? In der Theorie ist der Weg für eine papierlose Verwaltung auch hierzulande geebnet: Seit 2010 gibt es den elektronischen Personalausweis. Ist die Funktion der e-ID freigeschaltet, ist es möglich, sich digital auszuweisen und Dokumente übers Internet zu unterschreiben.

Der e-Government Monitor von 2016 zeigt jedoch: Kaum einer nutzt die Funktionen, lediglich vier Prozent der Befragten besaßen überhaupt ein Kartenlesegerät, das zur Nutzung des elektronischen Personalausweises benötigt wird. Und die 2012 eingeführte De-Mail, mit der sich ebenfalls mit den Behörden interagieren ließe, haben auch nur acht Prozent der Befragten installiert.

„E-Government gibt es in Deutschland nicht.“

Der Nationale Normenkontrollrat, der für die Bundesregierung die Wirkung von Gesetzen überprüft, hält das Verhalten der Bürger in einem Gutachten von 2015 für verständlich. Denn bisher bringen diese Funktionen kaum Nutzen. Das 2013 vom Bundestag verabschiedete e-Government-Gesetz verpflichtet immerhin alle Bundesbehörden, die vollständige elektronische Abwicklung von Verwaltungsakten zu ermöglichen.

Aber nur wenige kommunale Verwaltungen, mit denen Bürger meist zu tun haben, bieten die elektronische Übermittlung von Dokumenten via De-Mail und e-ID an. Bei ihren Kommunen konnten die Bürger im Mittel nur zwei – zumeist eher nebensächliche – Verwaltungsakte vollständig online abwickeln. „E-Government gibt es in Deutschland de facto nicht“, urteilen die Autoren des Gutachtens deshalb.

Für Christian Welzel, der für den unter anderem vom Bundesinnenministerium finanzierte Berliner Thinktank Kompetenzzentrum Öffentliche IT arbeitet und zu den Autoren der Studie des Normenkontrollrates gehört, lässt sich Deutschland aber auch nur schwer mit Estland vergleichen. „Estland konnte ab 1991 eine komplett neue Verwaltung aufbauen und hat dabei von Anfang an auf IT-freundliche Lösungen gesetzt“, erklärt er. „Das Land ist außerdem mit 1,3 Millionen Einwohnern viel kleiner und hat eine zentrale Verwaltung.“

Das Einsparpotenzial in Deutschland ist enorm

Dagegen könne Deutschland mit 82 Millionen Einwohnern und seinen föderalistischen, über die Zeit gewachsenen Strukturen nicht mithalten. Während in Estland alle Behörden über die sogenannte X-Road miteinander verbunden sind und bei Bedarf Daten austauschen, laufen die Verwaltungssysteme in Deutschland nebeneinander her. „Eine zentrale Marke wie e-Estonia könnte aber helfen, die digitalen Angebote der verschiedenen deutschen Verwaltungsebenen miteinander kompatibel und für die Bürger attraktiv zu gestalten“, glaubt Welzel.

Eine Digitalisierung der deutschen Verwaltung nach estnischem Vorbild böte laut Experten in jedem Fall einen großen volkswirtschaftlichen Nutzen. Laut Welzels Gutachten für den Normenkontrollrat könnte Deutschland bei einer vollständigen Digitalisierung seiner Verwaltung rund ein Drittel der Kosten vermeiden. Und Indrek Õnnik verweist bei der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig darauf, dass Estland durch die konsequente Implementierung der digitalen Unterschrift in Verwaltung und Privatwirtschaft jährlich zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts spare. „Stellt euch vor, Deutschland könnte auch zwei Prozent einsparen.“ Zwei Prozent, das wären immerhin 60 Milliarden Euro. Ob diese Summe die Ängste deutscher Bürger zerstreuen kann, ist aber eine andere Frage.

Get it first, but first get it right

In the new digital age journalists rely on content shared in social media. But how to verify it while remaining timewise competitive? Media expert Spangenberg gave us some tips.

workshop

Students interactively participated in a social media content verification workshop

On Saturday, 19 November, the third and last day of the Bildkorrekturen conference started with a speech about verification of social media content. Jochen Spangenberg, innovation manager at Deutsche Welle, presented various pitfalls that can lie behind the user generated content (UGC).

The journalists and media companies rely on texts, pictures and videos published by users in social media. Since the news shared in the World Wide Web spread confusingly fast, journalists – always under enormous pressure of time – might use not accurate content or taken out of context. They sacrifice accuracy for speed.

Fake news travels faster and better than truth

spangenberger

Spangenberg illustrated how easily journalists can be tempted by fake images

The fake picture of dead Osama Bin Laden was circulating through established British newspapers in the web for two years; a fake picture of Hugo Chavez in the hospital was on the front page of the leading Spanish newspaper El Pais. With these and many other examples, Jochen Spangenberg illustrated the challenges traditional media organizations face and the damage it can cause in the reputation of both journalists and media.

Although content shared in social media by non professionals often lacks quality, its news value is so high that journalists end up using it. Such content dominates then the online platforms and headlines and the journalists‘ responsibility is to make sure the news and images are real.

Enthusiastic young journalists and other guests at Bildkorrekturen conference had the chance to enhance their verification skills applying practical tips from media expert Jochen Spangenberg. He explained for instance, how indicators in pictures and videos allow finding out their time and location.

The role of emotions to reach the audience

Publications on social media not only provide material that journalists wouldn’t be able to get by themselves, but they can also politically influence people by triggering emotions. Taking the example of the recent United States (US) election, Bildkorrekturen participants exchanged their ideas and critics on the media performance covering it.

Participants were engaged and critical with the conference content

Participants were engaged and critical with the conference content

Social media allow politicians to express their statements with greater freedom, without fearing to be censored or misrepresented by the established media.

„Donald Trump refused to use conventional media for his campaign,“ one of the students from the Deutsche Journalistenschule highlighted. „He excluded the established media from his rallies and relied only on alternative platforms like Twitter.“

Donald Trump’s success came as a surprise to many people – including media experts. But why were media surprised by the election’s result? What went wrong? Students and media experts pointed out the US media impartiality and the problem of publishing assumptions on the election’s result as main problems.

They moreover discussed to which extent established media should use emotions to reach a greater number of people. Rigorous and objective journalism has the weakness of not being interesting enough. “For me, a good journalistic piece has to be fun to read,” one of the conference participants commented.

Media have to find a balance between reliable reporting and entertainment. They still have a long way to optimize their impact on their audience. Using social media without being seduced by fast but probably unreliable content remains a substantial challenge for conventional media. Indeed, many images still have to be corrected.

Excited about Bildkorrekturen!

Students from the Deutsche Journalistenschule in Munich have shared their motivations to participate in the 2016 Bildkorrekturen conference.

Vera is looking forward to the conference, and she is particularly interested in India panel because she has already been in the country.

Mathias wants to meet other young journalists and exchange their experiences. His wish will probably come true during the conference!

For Sören, the most interesting is the international aspect of the conference. He is looking forward to meet other journalists from around the world and listen to their stories.

Franziska believes digitalization is an essential topic nowadays. She is particularly curious to learn more about countries like Estonia.

Lotte is excited to prepare the India panel since she doesn’t know much about it. There is no doubt, she wants to correct the idea about the country!