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Schwein gehabt: Wie Pomerode das Biogas entdeckte

Brasilien braucht Energie. Dafür setzt das Land vor allem auf Megastaudämme. Ein strittiges Modell. Eine lokale Alternative dazu bietet eine Stadt im Süden.

Von Tatjana Kulpa und Friederike Zörner

DIE IDEE

Eisbein, Bockwurst und Kassler. Im südbrasilianischen Pomerode besinnt man sich auf deutsche Traditionen. Da darf das fleischreiche Essen in der Gaststätte „WunderWald“ nicht fehlen. Kein Braten ohne Vieh: Die bergige Region um die 30.000-Einwohnerstadt im atlantischen Regenwald ist vor allem für seinen Industriesektor und seine Viehzucht bekannt. Neben einem Schweinebauern mit rund 4000 Sauen haben sich hier deutsche Konzerne wie Bosch und Netzsch angesiedelt. „Wir haben beste Produktionsbedingungen und sehr motivierte Leute, die eine ähnliche Arbeitsmoral wie in Deutschland vorweisen“, sagt Ércio Kriek.

Der 45-jährige Unternehmer gehört zu den gut 60 Prozent der Pomeroder, die Deutsch sprechen können. Wie die Mehrheit hier hat er deutsche Wurzeln. Das ist auf die Siedlungsgeschichte Mitte des 19. Jahrhunderts zurückzuführen. Damals kamen überwiegend Siedler aus Pommern in das Tal des Rio Testo, im brasilianischen Bundesstaat Santa Caterina. Der deutsche Apotheker Hermann Blumenau hatte unweit von hier eine deutsche Kolonie gegründet. Die heutige Stadt Blumenau umfasst gut 300.000 Einwohner und lockt mit dem Oktoberfest jährlich hunderttausende Besucher an. Pomerode spaltete sich 1959 von Blumenau ab.

Schweine als Problem

Diese kulturelle Verbundenheit fördert auch wirtschaftliche Kooperationen. Ércio und seine Firma „Eco Conceitos“ eröffneten im September 2014 die erste Biogas-Anlage in der Region mit Technologie der Archea Unternehmensgruppe aus Hessisch Oldendorf. Betrieben wird diese Pilotanlage mit Schweinegülle und anderen Abfallprodukten. „Der Bundesstaat Santa Caterina ist einer der größten Schweineproduzenten Brasiliens“, erklärt Ércio. Die Gülle werde meistens unverarbeitet auf die Felder gebracht, verseuche den Boden und gelange in Flüsse und Bäche. Zudem setze ihre offene Lagerung klimaschädliche Gase frei. Für ihn war daher die Entwicklung der Biogas-Anlage, die nicht nur die Gülle in unbedenklichen Dünger umwandelt, sondern diese auch energetisch nutzt, eine Herzensangelegenheit. Nachdem er von 2005 bis 2008 Bürgermeister seiner Heimatstadt Pomerode gewesen war, arbeitete er bis 2012 für die örtliche Abwasser- und Müllentsorgungswirtschaft*. Zusammen mit seinen deutschen Geschäftspartnern gründete er 2010  „Eco Conceitos“. Zwei Jahre später begannen sie mit der Planung der Biogas-Pilotanlage.

An dem Bau der Pilotanlage waren unter anderem Eco Conceitos und Archea beteiligt. Foto: BN Umwelt

Rohstoff-Lieferanten für die Biogas-Anlage. Foto: BN Umwelt


Der Gärrest wird in der Kompostieranlage mit Holzspänen angereichert. Foto: BN Umwelt

Die Gaststätte "WunderWald" ist für ihre deutschen Spezialitäten bekannt. Foto: BN Umwelt

Die Gaststätte „WunderWald“ ist für ihre deutschen Spezialitäten bekannt. Foto: BN Umwelt


Pomerode pflegt neben Greifswald auch mit der Stadt Torgelow in Mecklenburg- Vorpommern eine Städtepartnerschaft. Foto: BN Umwelt

Das Nordtor der 30.000-Einwohnerstadt. Foto: BN Umwelt

Das Nordtor der 30.000-Einwohnerstadt. Foto: BN Umwelt

[*In dieser Zeit begann Ércio auch seine Geschäftsbeziehungen mit der Firma BN Umwelt, deren Geschäftsführer, Frank Zörner, der Vater einer der Autorinnen ist.]

DIE UMSETZUNG

Den erneuerbare Energien-Sektor bestimmen in Brasilien vor allem Wasserkraftwerke. Sie erzeugen 80 Prozent des Stroms. Zwar stehen außerdem Wind- und Solarenergie im Fokus der Regierung, doch können diese meist nicht mit dem preisgünstigen Strom aus Wasserkraft mithalten. Obwohl es bisher noch an stärkerer Unterstützung des Staates fehlt, sei das Marktpotenzial von Biogas groß, so André Aguilar, ortsansässiger Mitarbeiter der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG). „Brasilien hat eine große Nachfrage nach Biogas und Strom“, sagt er. „Deutschland spielt eine wichtige Rolle im hiesigen Markt, denn es verfügt über die nötige Technologie und das Know-How.“ Mit seinen rund 8000 Biogas-Anlagen ist Deutschland weltweit ein Vorreiter.

Die DEG hat den Bau der Anlage in Pomerode im Zuge ihres Förderprogrammes „Klimapartnerschaften mit der Wirtschaft“ unterstützt. Ziel sei es, den Privatsektor als zusätzlichen Akteur für den Klimaschutz in Entwicklungs- und Schwellenländern zu mobilisieren, sagt Yvonne Veth, Mitarbeiterin der DEG in Köln. „Wir evaluieren derzeit weitere Biogasprojekte in Brasilien und hoffen so Biogas als erneuerbare Energiequelle langfristig zu etablieren.“

Die Pilotanlage in Pomerode ist im Vergleich zu deutschen Maßstäben ein Leichtgewicht, doch sie leistet einen kleinen Beitrag dazu, Biogas in Brasilien salonfähig zu machen. Ihrer Inbetriebnahme im September 2014 war eine langwierige Planungsphase vorausgegangen. „Die Genehmigung dauerte anderthalb Jahre, weil die dafür zuständige Behörde bisher keine Erfahrung mit solchen Anlagen hatte“, schildert Ércio Kriek. In der brasilianischen Bevölkerung gebe es zwar noch Vorbehalte gegen Biogas, da die bisher gebauten Anlagen wenig wirtschaftlich arbeiteten. Aber der Wunsch in Pomerode, etwas gegen die Geruchsbelästigung durch die Schweinegülle zu tun, war für Ércio Motivation genug. Mit Hilfe von Archea wurde die Pilotanlage auf einen verhältnismäßig hohen technischen Standard gebracht. Die vorkalkulierten Kosten konnten um zwei Drittel auf 250.000 Euro gesenkt werden, da es sich um eine „tropikalisierte“, also vereinfachte, Bauweise handelt. So wurde die Anlage drei Meter tief in den Boden eingelassen, um weniger Beton zu verwenden – dieser ist in Brasilien sehr teuer. Stattdessen wurde eine spezielle Folie zur Abdichtung der Grube benutzt.

Weiterverwertung von Rohstoffen

„Wir haben außerdem sehr günstige klimatische Bedingungen für Biogas. Die jährliche Durchschnittstemperatur beträgt etwa 17 Grad Celsius“, sagt Ércio. Anders als im kalten Deutschland – mit einem Jahresdurchschnitt von circa neun Grad Celsius – kann die nötige Prozesstemperatur somit ganzjährig kostengünstiger erzeugt werden. Denn damit der stufenweise Nassvergärungsprozess, der aus Gülle und anderen Substraten Methan und Kohlenstoffdioxid erzeugt, möglichst schnell vonstatten geht, operieren Biogas-Anlagen idealerweise mit Temperaturen zwischen 50 und 60 Grad Celsius. Im sogenannten Fermenter, dem gasdichten Behälter, wird die Biomasse erwärmt und gerührt. Mithilfe von Bakterien bildet sich nach und nach das Biogas. Es wird unter niedrigem Druck in Gasspeichern gelagert. Der übrig gebliebene Gärrest kann anschließend als Dünger verwendet werden. Dazu wird er in Pomerode in eine Kompostieranlage gegeben und mit Holzspänen angereichert.

Bislang befindet sich die Biogas-Anlage noch im Testbetrieb. Ab dem Frühjahr 2015 soll sie 50 Kubikmeter Bioerdgas pro Stunde produzieren. Später soll dann zusätzlich ein Blockheizkraftwerk installiert werden, das zur Nutzung elektrischer und thermischer Energie verwendet wird. Die Stromleistung soll Ércio Kriek zufolge etwa 70 bis 80 Kilowatt betragen, was etwa 1000 Familien jährlich versorgen könnte. Auf einen großen wirtschaftlichen Gewinn kann er nicht hoffen, doch darum gehe es ihm auch nicht. Solange die Baukosten wieder erwirtschaftet werden und die Schweinegülle sinnvoll weiterverwertet werden kann, sei er zufrieden. Das bis dato gewonnene Bioerdgas wird verdichtet in Tanklastwagen zu regionalen Abnehmern transportiert. „Langfristig planen wir, ein Gasnetz um die Anlage herum zu errichten.“

DIE EINORDNUNG

Seit Mitte der 2000er Jahre gab es in Deutschland einen regelrechten Biogas-Boom. Wie Daniela Thrän, Professorin für Bioenergiesysteme an der Universität Leipzig erklärt, sah die Bundesregierung eine Vergütung der Stromproduktion aus Energiepflanzen mit dem sogenannten „Nawaro-Bonus“ vor. Dieser kann von Anlagen, die bis Mitte 2014 in Betrieb gegangen sind, für 20 Jahre in Anspruch genommen werden. Die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verankerte Regelung beförderte vor allem den Anbau von Energiepflanzen, die mit einer relativ hohen Methanausbeute gut für die Biogas-Erzeugung geeignet sind. Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe schätzt, dass deren Anbaufläche 2014 über zwei Millionen Hektar betrug – gut die Hälfte davon werde für Biogas genutzt. Der Anbau von Mais-Monokulturen und anderen Pflanzen in Flächenkonkurrenz zu Nahrungsmitteln rief in den letzten Jahren vermehrt Kritik hervor. Im Gegensatz dazu verfolgt Ércio Kriek in Pomerode das Ziel, ohne zusätzlich angebaute Pflanzen auszukommen. Seine Anlage setzt als Substrate lediglich Schweinegülle, Abfälle aus Schlachthäusern und der örtlichen Reisfabrik sowie Speisereste aus Restaurants und Supermärkten ein.

Laut dem Wirtschafts- und WissenschaftsZentrum Brasilien – Deutschland (WWZ-BD) mache in Brasilien auf Seiten der erneuerbaren Ressourcen die Energiegewinnung aus Zuckerrohr, Holz und anderer Biomasse einen erheblichen Teil aus. Die Anzahl der Biogasanlagen sei aber noch sehr gering. Bei der Nationalen Agentur für Elektroenergie (ANEEL) seien bislang lediglich elf Anlagen erfasst, die Gas beziehungsweise Elektroenergie produzieren. Dazu kämen noch mehrere Hundert einfacher Anlagen, die in der Regel eine kurze Lebenszeit und einen geringen Wirkungsgrad hätten.

Gülle wird umweltfreundlicher

Daniela Thrän beschreibt dreierlei Vorteile der Nutzung von Schweinegülle für Biogas: Erstens könne Gülle nur zu bestimmten Jahreszeiten aufs Feld, ansonsten werde sie in offenen Güllebecken gelagert und setze in dieser Zeit sehr hohe Methanemissionen frei. „Zum Zweiten ist Gülle, wenn sie in der Biogasanlage war, weniger reaktiv. Das bedeutet auch im Boden ist sie dann pflanzenfreundlicher als frische Gülle.“ Drittens spiele der Geruchsfaktor eine Rolle: Zum einen sei eine Biogasanlage immer geruchsdicht, weil die Biogasbakterien sehr sensibel reagierten. Zum anderen rieche die Gülle nach der Vergärung und dem Entzug von Ammoniak weniger stark.

Mögliche Gefahren seien nach Angaben von Professorin Thrän: Explosionen bei der Reaktion von Methan und Sauerstoff, die Freisetzung von giftigem Schwefelwasserstoff und das Auslaufen von Behältern. Durch Anlagenüberwachung und geeigneten Betrieb sind diese jedoch inzwischen in Deutschland nahezu ausgeschlossen. Auch in Pomerode wirkt man durch ständige Kontrollen gegen diese Risiken. Es wird überprüft, ob Gülle durch undichte Stellen in der Folie ins Erdreich sickert. „Außerdem begegnen wir dem Schwefel-Problem mit deutscher Technologie“, erklärt Ércio. Durch das Hineinblasen von Luft würden aerobe Bakterien angeregt, Schwefel abzubauen. Durch den natürlichen, geringen Sauerstoffanteil in der Luft werde ein Explosionspotenzial vermieden.

Zukunftsaussichten

Ércio ist von seiner Idee überzeugt. Im energiehungrigen Schwellenland Brasilien ist man auf alternative Stromgewinnung angewiesen. Trockenperioden hätten in der Vergangenheit bewiesen, dass auf das Allheilmittel Wasserkraft nicht immer Verlass sein kann. Fossile Brennstoffe rücken daher wieder verstärkt in den Fokus der Regierung. Als Zukunftsvision schwebt Ércio auch eine Lösung für das Abfallproblem in Großstädten vor. „Biogas-Anlagen könnten zum Beispiel in São Paulo mehrere Megawatt Strom pro Stunde durch Abfall produzieren.“

Zunächst müsse sich aber noch zeigen, wie die Pilotanlage in Pomerode im Normalbetrieb arbeite. Danach könne mit dem Bau weiterer Anlagen in der Region begonnen werden. Denn eins ist gewiss: Schweine hinterlassen ihre Spuren in ganz Südbrasilien.

 

 

Belo Monte: „Letztendlich ein illegales Projekt“ Wie ein riesiger Staudamm den brasilianischen Regenwald gefährdet

Es ist das größte Bauprojekt der sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt – und wahrscheinlich auch das umstrittenste. Inmitten eines Nationalparks soll im brasilianischen Amazonasgebiet das volumenmäßig drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt entstehen.

 

Seine Befürworter sehen ihn als einen Heilsbringer für die instabile brasilianische Energieversorgung mit zahlreichen Stromausfällen, die oft weite Teile des Landes lahmlegen und die Wirtschaft hemmen; seine Kritiker als einen gigantischen Moloch, der wertvollen Lebensraum zerstört und mehr Probleme schafft als löst: Seit der ersten Pläne in den 1970er Jahren ist der Staudamm Belo Monte umstritten. Die Zahlen, die David Vollrath von der NGO „Gegenströmung“ im Brasilienpanel der Tagung „Bildkorrekturen“ über den Staudamm präsentiert, sprechen für sich.

Auf 516 Quadratkilometern entstehen bei dem 11 Milliarden US Dollar teuren Projekt am Amazonasnebenarm Rio Xingu zwei Stauseen in etwa der Größe des Bodensees. Damit soll ein Wasserkraftwerk angetrieben werden, das zu Spitzenzeiten bis zu 11.000 Megawatt Strom erzeugen und so 18 Millionen Menschen mit Energie versorgen wird.

Doch es gibt auch die anderen Zahlen. Die von offiziell 20.000 Menschen, zumeist Indigenen, die im Zuge des Baues ihre ihnen von der Verfassung anerkannte Heimat verlassen müssen, oft unter Zwang: „Wir und andere Nichtregierungsorganisationen gehen sogar von mindestens 40.000 Vertriebenen aus.“ Die nur 4.000 Megawattleistung, die das Kraftwerkt statt der propagierten 11.000 bringen wird, weil der Amazonas und seine Nebenflüsse immer weniger Wasser führen, wie Vollrath weiter erklärt.

Die 40 Jahre, die das Kraftwerkt brauchen wird, um klimaneutral zu laufen, weil die scheinbar „grüne Energie“ Wasserkraft Unmengen an Methan freisetzt, wenn die von den Stauseen überfluteten Pflanzen verrotten. Die sieben Punkte, die die „World Commission on Dams“ als Voraussetzungen für den Bau neuer Staudämme empfiehlt und von denen Belo Monte keinen einzigen erfüllt. Und nicht zuletzt die zahlreichen Baustopps, die es seit Beginn der Bauarbeiten gegeben hat: Vier an der Zahl, meist wegen fehlender Genehmigungen.

Deshalb, und vor allem wegen der menschenunwürdigen Zwangsumsiedelung der indigenen Brasilianer, die einen Verstoß gegen nationales und internationales Rechts darstellt, schließt Vollrath: „Bei Belo Monte handelt es sich letztendlich um ein illegales Projekt.“

Grüne Wasserkraft? Mega-Staudamm Belo Monte in der Kritik

Im Panel über Brasiliens Energiepolitik berichteten drei Referenten über die Auswirkungen des Mega-Staudamms Belo Monte und wie die deutsche Presse darüber schreibt.

Dass Wasserkraft nicht unbedingt nachhaltig sein muss, verdeutlichen drei Referenten im Tagungspanel über Brasiliens Energiemodell. Mit 98 geplanten Staudämmen im Amazonasbecken möchte die brasilianische Regierung den Energiehunger ihres Landes stillen, erklärte der Physiker und Aktivist Dr. Délcio Rodrigues. Alternative und ergänzende Maßnahmen, wie mehr Energieeffizienz, Wind- und Solarenergie vernachlässige die Energiepolitik dabei.

ÖKOLOGISCHE, ÖKONOMISCHE UND SOZIALE KRITIK

Die Initiative GegenStrömung ist Teil einer breiten und internationalen Protestbewegung gegen das Entstehen neuer Mega-Staudämme. In den letzten Jahren hat vor allem das sich im Bau befindende Großprojekt Belo Monte am Fluss Xingu für Widerstand gesorgt. Sprecher der Initiative David Vollrath zeigte sich überzeugt, dass man abgesehen von Industrie und Regierung in Brasilien kaum jemanden finden könne, der das Großprojekt befürworte: „Belo Monte nimmt nicht nur die Lebensgrundlage der dortigen indigenen Bevölkerung und zahlreicher Tier- und Pflanzenarten, er macht auch aus ökonomischer Sicht keinen Sinn“. Die Baukosten sind schon jetzt von anfänglich vier auf elf Milliarden Euro gestiegen. Gleichzeitig ist klar, dass die von der Regierung angepriesenen 11 Gigawatt Leistung, nur zu Regenzeiten erreicht werden können. Auch das Umweltargument hält bei näherem Hinsehen nicht stand: Da für Belo Monte Wasser angestaut wird, das eine Landfläche von 550 Quadratkilometern bedecken wird, ebenso groß wie der Bodensees,  und die langsam verrottenden Bäume und Pflanzen der gefluteten Fläche Methangas ausstoßen, wird der Staudamm erst nach vierzig Jahren klimaneutral produzieren können.

AUCH IN DER DEUTSCHEN PRESSE

Die deutsche Qualitätspresse stärkt diesen Argumenten den Rücken. Journalist und Buchautor Thomas Fatheuer betonte, dass alle großen deutschen Blätter kritisch und fundiert über Belo Monte berichtet hätten. „Staudämme haben schon immer gute Stories abgegeben“ erzählte er. Persönlichkeiten wie der Sänger Sting oder Avatar-Regisseur James Cameron Seite an Seite mit Stammeshäuptlingen ergeben immer schöne Motive. Beiträge beginnen typischer Weise aus der Perspektive eines indigenen Widerständlers. Begleitende Fotos zeigen die indigene Bevölkerung im Kontrast zu dem übermächtigen Monster Belo Monte.

Nur: Brauchen die Flussbewohner wirklich deutsche Aktivisten, Journalisten und Stars aus aller Welt, um ihren Interessen Gewicht zu verleihen? Die kritische Frage aus dem Publikum stieß bei den Referenten auf Verständnis. Bei der Berichterstattung müsse man neben der lokalen Geschichte andere Aspekte stärker gewichten. „Leider fehlt oft der Kontext und die Beteiligung deutscher Firmen wird eigentlich nicht aufgegriffen“, kritisierte Fatheuer deutsche Medien.

DIE KRITIK IN 5 PUNKTEN
  • 24 indigene Gruppen, die am Fluss Xingu leben, verlieren ihre Heimat. Ihre Rechte auf Selbstbestimmung und Mitsprache wurden massiv verletzt.
  • Der Xingu ist einer der letzten intakten Flüsse Brasiliens, seine Stauung bedroht zahlreiche Pflanzen- und Tierarten.
  • Die 550 Quadratkilometer geflutete Fläche wird so viel Methangas ausstoßen, dass Belo Monte vierzig Jahre in Betrieb sein müsste, um sich zu neutralisieren.
  • Die elf Milliarden Euro Baukosten sind zu hoch, als dass die Kosten-Nutzen-Rechnung des Staudamms aufgehen würde.
  • Dies insbesondere auch, weil durch Trockenzeiten die Fließgeschwindigkeit des Flusses nicht ausreicht, um die propagierten elf Gigawatt Leistung zu erreichen.
POSITION DES STAUDAMMS
IMPRESSIONEN DES PANELS

Wer kennt schon Belo Monte? Möglichkeiten und Grenzen deutscher Berichterstattung über das Staudammprojekt

18 Jahre lebte Thomas Fatheuer in Brasilien, leitete dort unter anderem das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung. Den Staudammbau in Belo Monte sieht er kritisch – und lobt die deutsche Presseberichterstattung über das gigantische Projekt.

Das Projekt "Belo Monte" - Kurzportrait

Das schätzungsweise 11 Milliarden teure Wasserkraftwerk Belo Monte entsteht derzeit am Rio Xingu, einem Nebenarm des Amazonas, im brasilianischen Regenwald. Um elektrische Energie zu gewinnen, soll der Fluss mithilfe von drei Talsperren zu zwei insgesamt 516 km² großen Stauseen gestaut werden. Nach seiner geplanten Fertigstellung 2015 wird das Kraftwerk mit bis zu 11 Gigawatt das leistungsmäßig drittgrößte der Welt.

Dass diese Leistung faktisch kaum erreicht werden kann, weil der Fluss immer weniger Wasser führt, ist nur eines der Argumente der Staudammgegner. Das Projekt ist auch deshalb höchst umstritten, weil riesige Flächen Regenwald und Ackerland zerstört werden – und Wohnraum für mindestens 20.000 Indigene, die in Folge des Baus und Zwangsumsiedelungen ihre Heimat verlieren. Seit 2011 wurde das Projekt bereits viermal gerichtlich gestoppt.

 

Das Belo-Monte-Staudammprojekt hat verheerende Folgen für indigene Bevölkerung, Umwelt und Klima. Dennoch wird gebaut. Haben die Medien bei der Aufklärung über das durchaus umstrittene Projekt versagt?

In fast allen großen deutschen Medien wurde relativ umfangreich, mit einer überraschenden Vielzahl an Artikeln, berichtet – natürlich aber nicht in Zeitungen wie der Bild. Das, was man realistisch erwarten kann, ist also erfolgt. Das Problem ist in dem Fall nicht die Presse. Die Frage ist eher, wo sind die Grenzen des Ganzen: Trotz dieser Berichterstattung – wer kennt Belo Monte denn? Man sollte da keine übersteigerten Erwartungen haben. Die Berichterstattung kann höchstens ein Bewusstsein erzeugen und aufrechterhalten, dass diese Art von Energiegewinnung grundsätzlich problematisch ist.

Das Foto eines der Belo-Monte-Ingenieure, der von der Machete einer indigenen Protestierenden verletzt wurde, ging um die Welt – obwohl bei der Versammlung selbst kaum Presse vor Ort war. Woher rührt das scheinbar geringe Interesse der brasilianischen Medien an diesem Konflikt im eigenen Land?

Von Sao Paulo ist Belo Monte 3000 Kilometer entfernt und die Realität dort, in Belo Monte, ist von der Realität eines Mittelschichtbürgers in Sao Paulo so weit entfernt wie von unserer. Deshalb gab es ursprünglich ein geringes Interesse. Das hat sich aber geändert. Für mich war es eine positive Überraschung, dass sich auch prominente Brasilianer dagegen gewandt haben, aus Öffentlichkeit und Wissenschaft, nicht nur die üblichen Verdächtigen. Es entstand außerdem eine Diskussion um die Regenwaldzerstörung. Viele haben eingesehen, dass sie ein Problem ist und man sie verringern muss. Durch einen offiziellen Diskurs mit vielen Widersprüchen hat es eine lebendige Debatte gegeben, nicht nur eine einseitige Propaganda. Der Wendepunkt war der Baubeginn und die Proteste der Indigenen, die um ihr Leben kämpfen und deren Rechte auch von der Verfassung anerkannt sind. Je näher der Baubeginn rückte, desto mehr Aufmerksamkeit gab es. Am Anfang war das Thema auch einfach sehr technisch und wenn es dann konkreter wird, gibt es auch mehr Bilder, mehr Wahrnehmbares. Vorher ist es eine bürokratische Planungsphase – das war ja zum Beispiel bei Stuttgart 21 sehr ähnlich.

Trotz aller Berichterstattung und Protesten ist der Damm derzeit in Bau. Welche Rolle spielen Journalisten für den weiteren Verlauf des Projekts oder für mögliche künftige, ähnliche Projekte?

Es ist sehr wichtig, darüber zu berichten, wie dieser Bau mit seinen großen Problemen vonstattengeht, und dass eine Transparenz der Kosten hergestellt wird. Es sollte in der Berichterstattung klar werden, wie hoch der Preis für solche Bauprojekte ist. Die Wasserkraft gilt oft als saubere und nachhaltige Energie. Wenn man näher hinschaut, ist sie jedoch eine hochproblematische Form der Energiegewinnung. Es sollte in der brasilianischen Öffentlichkeit noch einmal klar gemacht werden, dass Staudämme mit ihren ungeheuren sozialen und ökologischen Konsequenzen einen hohen Preis für die Demokratie haben, dass sie nicht ohne Menschenrechtsverletzungen durchführbar sind und dass sie nicht in eine Zeit passen, in der die Erhaltung des Regenwaldes ein hoher Wert ist. Wenn das klar wird, dann ist auch für die Zukunft etwas gewonnen. In Brasilien hat ein solcher Lerneffekt scheinbar schon stattgefunden: Die Öffentlichkeit ist mobilisierter als vor Belo Monte.

Wie können Journalisten derart komplexe Themen überhaupt angemessen einer breiten Öffentlichkeit präsentieren?

Journalisten verwandeln komplexe Themen oft in Stories von Betroffenen. Sie sollten trotzdem auch Basis-Informationen zum Beispiel über das Volumen des Staudammes bereitstellen – es gibt ein Maximalvolumen von 11.000 Megawatt, aber in einem großen Teil des Jahres werden nur 4.000 Megawatt erreicht. Denn die Fakten sind generell oft nicht klar, und deshalb wird immer mit dieser Zahl 11.000 argumentiert. Journalisten, die sich nicht so stark in die Materie einarbeiten, machen das häufig in Form von Interviews oder Befragungen. Es gibt auch kritische Experten in Brasilien. Dank meiner Zeit in der Böllschen Stiftung konnte ich Journalisten zu Kontakten mit ihnen verhelfen.

Warum konnte der Bau trotz dieser hohen Medienaufmerksamkeit und massiven Kritik verschiedenster Seiten dennoch nicht verhindert werden?

Weil ein starker politischer Wille da ist. Ich glaube, dass man das Verhalten der brasilianischen Regierung von außen nicht gut beeinflussen kann. Oft hat eine Einmischung eher einen gegenteiligen Effekt, die Brasilianer mischen sich ja auch nicht in das deutsche Wattenmeer ein. Ich finde es grundsätzlich richtig, dass die Brasilianer selbst entscheiden sollten, ob sie einen Staudamm wollen oder nicht. Aber sie sollen es demokratisch und unter Wahrung der Gesetze und Menschenrechte entscheiden können. So ein Staudamm muss demokratisch ausgehandelt sein – und das ist bei Belo Monte eben nicht passiert. Unsere Rolle ist also auch beschränkt, das muss man sehen. Weder die Presse noch die Aktivisten können so ein Bauwerk unbedingt verhindern, aber sie können den Preis verdeutlichen – und damit vielleicht erreichen, dass nicht alle Großprojekte durchgezogen werden. Man darf die Hoffnung auf Lernprozesse nicht aufgeben.