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Wie man Leben rettet und aus Scheiße Geld macht

 

 Jedem Ort sein Stilles Örtchen: Sanitär-Experten stellen Konzepte vor, die auf den Südosten Afrikas abgestimmt sind.

Johannes Rück, Sprecher der German Toilet Organization, erklärt wie in Sambia eine Biogasanlage eine Schulkantine mit Strom versorgt. Wie man mit Wasserfiltern Leben rettet, erklärt Jörg Henkel, Projektleiter der italienischen Nichtregierungsorganisation ACRA-CCS in Tansania. Bevor Helfer aktiv werden, müssen sie die Situation bei einem so genannten ‚Monitoring‘ beobachten und einschätzen. Überraschendes passiert trotzdem oft – und ein Toilettenhäuschen wird schnell zu einem Tresor für Kokosnüsse.

 

Wassermanagement zählt zu den größten Problemen, mit denen sich Hilfsorganisationen konfrontiert sehen.

In  Sierra Leone haben Entwicklungshelfer beim Bau von Toiletten mit dem Mangel an Wasser und Akzeptanz zu kämpfen. In einem nordirakischen Flüchtlingscamp müssen kurzfristig Abwässer von mehreren hundert Bewohnern einer  Zeltstadt abgepumpt werden. Jochen Moninger von der Welthungerhilfe berichtet aus Sierra Leone und Tihomir Lipohar aus einem Camp in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak.

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»Sanitation is more important than independence.«

Mahatma Gandhi, 1925

2,5 Milliarden Menschen haben keine sauberen Toiletten – mehr als ein Drittel der der Weltbevölkerung. Experten von Nichtregierungsorganisationen helfen beim Aufbau sanitärer Anlagen und berichten aus Sambia, Tansania, Sierra Leone und einem Flüchtlingscamp im Nordirak.

Sanitärversorgung weltweit

2,5 Milliarden Menschen leiden unter dem Fehlen sauberer Toiletten – jeder Dritte.

Das Fehlen sanitärer Anlagen belastet Boden und Grundwasser und führt unter anderem zu Durchfallerkrankungen. Alle zwanzig Sekunden stirbt ein Mensch an einer Durchfallerkrankung, das ist mehr als an Aids, Masern und Malaria zusammengenommen. Damit sind Durchfallerkrankungen die häufigste Todesursache für Kleinkinder in Entwicklungsländern. Mit Filtern kann das Wasser von Bakterien und Spulwürmern, die durch Darm und Lunge kriechen, befreit werden.  Zugleich zeigt das Beispiel Wasserfilter, dass Hilfsorganisationen oftmals zu schnell zum nächsten Dorf fahren: Sie verteilen Wasserfilter, ohne sie den Einwohnern ausreichend zu erklären. »Frauen haben sich die Wasserfilter auf die Augen gelegt, wenn sie schlafen wollten. Rinderzüchter haben die Filter auf die Hörner ihrer Watussi-Rinder gesteckt, um sie zu verzieren.« Die Botschafterin des Südsudan, H.E. Sitona Abdalla Osman, kennt etliche solcher Geschichten. Für den Aufbau von sanitären Einrichtungen ist eine intensive Begleitung und Schulung der Bevölkerung notwendig, sagen vier Experten, die seit vielen Jahren in Afrika und der Arabischen Halbinsel tätig sind. Frauen – der Tradition nach für Haushalt und Krankenversorgung zuständig – können so unabhängiger werden. Und nebenbei: Es stärkt das Selbstbewusstsein, wenn ›frau‹ alles selbst reparieren kann.

Tansania

»Die sanitäre Grundversorgung muss als Priorität erkannt werden. Die Regierung hat das Problem über Jahre hinweg vernachlässigt.«

Jörg Henkel, Projektleiter, ACRA-CCS


Jörg Henkel, ACRA-CCS, Projektleiter


Jörg Henkel im Interview

Beim Fußball gegen Spulwürmer punkten

Jörg Henkel will die Sterblichkeitsrate in Tansania senken

Iringa Stadt, eine Stadt mit 160.000 Einwohnern im südlichen Hochland Tansanias: Neben einem Bolzplatz reckt ein Mann ein Plakat mit einem ungewöhnlichen Schlachtruf in die Luft. »Händewaschen mit Seife!« ist auf Bantu, einer der 128 Sprachen Tansanias, in großen Lettern zu lesen. Jörg Henkel, Projektleiter bei der italienischen Nichtregierungsorganisation ACRA-CCS, die seit März 2014 ein Sanitärversorgunsprojekt durchführt, erklärt die Wichtigkeit dieser Botschaft.

Je älter die Menschen hier sind, desto länger haben sie ohne hygienische Toilette gelebt – desto schwieriger wird es, sie von den Vorteilen zu überzeugen.Mit Blick auf das Alter erreicht ACRA-CCS bei diesem Fußballturnier den Durchschnittsbürger Tansanias: Der Altersdurchschnitt liegt bei 18,5 Jahren. Die Präsidialrepublik ist im Vergleich zu den Nachbarländern politisch stabil. Allerdings hat die Opposition kaum Einfluss und die Regierung verschleppt die Bearbeitung drängender Probleme: »Die sanitäre Grundversorgung muss als Priorität erkannt werden“, sagt Jörg Henkel, „Die Regierung hat das Problem über Jahre hinweg vernachlässigt.“ In einer Mischung aus Stolz und Scham wird das Fehlen einer flächendeckenden Sanitärversorgung totgeschwiegen, wie fast alles rund um das Thema Toilette: Während zwei Prozent der Einwohner von Städten der Zugang zu einer Toilette fehlt, sind es in ländlichen Gebieten 16 Prozent.

Wo Wasser und Nahrung knapp sind, sind Parasiten umso schädlicher

Insgesamt ist die Sanitärversorgung in Tansania deutlich besser als in Sierra Leone oder im benachbarten Sambia. Die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren ist mit 108 von 1000 hoch, aber niedriger als in Sambia (148) und Sierra Leone (182). Ein Grund sind Viren, die Durchfallerkrankungen hervorrufen. Ein anderer sind Spulwürmer: Sie nisten sich im Darm ein, ernähren sich auf Kosten ihres Wirts und legen jeden Tag bis zu 200.000 Eier. Die ausgeschiedenen Eier bleiben bis zu vier Jahre lang ansteckend und belasten Wasser, das zum Trinken gebraucht wird. Deshalb verteilt Jörg Henkel Wasserfilter, denn er weiß: Wo Wasser und Nahrung knapp sind, ist es umso schlimmer, wenn bei einer Durchfallerkrankung Feuchtigkeit verloren geht oder Parasiten den Körper zusätzlich schwächen.

Verbesserte Sanitärversorgung stärkt die soziale Position der Frau

Um die Frauenrechte steht es in Tansania nicht gut. Umso wichtiger ist es, sie im Bereich der Haushaltsführung zu unterstützen. Auf 1000 Einwohner kommen in Tansania 0,008 Ärzte. Traditionell sind Frauen dazu verpflichtet, Kranke zu versorgen und Wasser zu holen. Durch die Verbesserung der Hygienesituation und den vereinfachten Zugang zu sauberem Wasser wird Zeit für andere Tätigkeiten frei. Im Erfolgsfall stärkt das die soziale Stellung von Frauen. Doch in das eingespielte Leben eines Dorfes einzugreifen bürgt auch Gefahren: Fällt der tägliche Gang zum Wasserholen – ein oft kilometerweiter Fußmarsch – weg, verlieren Frauen eine Aufgabe und ein Stück Unabhängigkeit. Der Zusammenhalt eines Dorfes kann schwinden, wenn der tägliche Austausch beim Wasserholen wegfällt. Indem sich Jörg Henkel mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut macht, begegnet er diesen Problemen. Er weiß: Eine saubere Toilette kann Leben retten – ein guter Lohn für eine schwere Arbeit.

Sanitärversorgung

in Städten

2 Prozent der Einwohner von Städten haben keinen Zugang zu einer sauberen Toilette.

in ländlichen Gebieten

16 Prozent der Bewohner ländlicher Gebiete leiden unter dem Fehlen sauberer Toiletten.


Starke Unterschiede: Während  2 Prozent der Einwohner von Städten keinen Zugang zu sauberen Toiletten haben, fehlt 16 Prozent der Bevölkerung ländlicher Regionen eine Toilette.



Sambia

»Wir wollen das Tabu rund um die Toilette nicht verstärken. Wir wollen, dass sich jeder über seine Toilette freuen kann.«

Johannes Rück, Sprecher der German Toilet Organization 


Johannes Rück, Sprecher der German Toilet Organization


Johannes Rück im Interview

Neue Konzepte für ein Menschenrecht

Die German Toilet Organization baut eine Biogasanlage an einer Schule in Sambia – und setzt ein Zeichen gegen desolate Toilettenversorgung

»Es gibt zwei unterschiedliche Arten von Toiletten in Sambia: Die Westliche und die Afrikanische«, so ist es im Reiseratgeber »Wikitravel« zu lesen. Man könnte sie auch »südasiatische« Toilette nennen, oder »Toilette ländlicher Gebiete«. Gemeint ist eine so genannte Pit Latrine, eine Sickergrube im Boden, mit Glück um einen Sichtschutz erweitert. Die versickernden Fäkalien belasten Boden und Grundwasser. Belastetes Wasser gelangt in Brunnen, wird getrunken und ruft Durchfallerkrankungen hervor. Jeden Tag sterben 4000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen mangelnder Hygiene. Besonders betroffen ist Afrika südlich der Sahara. In Sambia haben 87 Prozent der Bevölkerung keinen Zugang zu gesundheitlich unbedenklichen Toiletten. 

In Industrieländern wird aus Klärschlamm Strom gewonnen: Die Fäkalien werden in einem Faulturm gelagert, das Methangas wird in einem Blockheizkraftwerk in Strom umgewandelt. Die German Toilet Organization (GTO) setzt diese Technik an einer Schule in Sambias Hauptstadt Lusaka ein: Das entstandene Biogas wird zum Kochen in der Schulkantine verwendet, mit den Exkrementen werden Pflanzen im Schulgarten gedüngt. Die Nichtregierungsorganisation ist 2006 entstanden, als sich Soziologen, Sanitär-Experten und Kommunikations-Profis zusammengefunden haben, um die Sanitärversorgung in Entwicklungsländern und Katastrophengebieten zu verbessern.

 »Jeder hat ein Recht auf Wasser und Sanitärversorgung.«

Um ihre Unterstützung auf einheitlichen Grundsätzen aufbauen zu können, haben Hilfsorganisationen die so genannten Sphere-Standards entwickelt. »Jeder hat ein Recht auf Wasser- und Sanitärversorgung« ist darin zu lesen. Dafür müssen Mindeststandards festgelegt werden: Wie viel Gramm Seife braucht ein Mensch im Monat? Und wie viel Tonnen Seife können realistisch in ein Katastrophengebiet transportiert werden? Überlegungen wie diese spielen bei der Festlegung von Mindeststandards eine wichtige Rolle. Durch eine verbesserte Sanitärversorgung können Durchfallerkrankungen reduziert werden. Wie stark der Effekt auf lange Sicht sein wird, bleibt abzuwarten. Klar: Es kann nur Hilfsgelder einwerben, wer auch Erfolge nachweisen kann. In der Durchführung von Studien liegt aber auch ein Kostenfaktor. UNICEF hat eine Studie in Yaouri, einer Stadt in Niger, durchgeführt und festgestellt: Das Krankheitsrisiko sank innerhalb eines Jahres von 19 auf elf Prozent.

In Sambia leben 37 unterschiedliche ethnische Gruppen – kulturelle Unterschiede treten beim Thema Toilette deutlich hervor

Die kulturelle Identität spielt eine wichtige Rolle, will man die Würde eines Menschen wirksam schützen. Heute leben in Sambia 14,3 Millionen Menschen, aus 37 unterschiedlichen ethnischen Gruppen. Allein die Hauptstadt Lusaka zählt 1,5 Millionen Einwohner. Stämme entwickeln eigene Bräuche, um sich voneinander abzugrenzen. Auch innerhalb eines Landes gehen Traditionen auseinander –  die Unterschiede zwischen Kontinenten sind ungleich stärker. Für eine Organisation wie die GTO, die in vielen Ländern tätig ist, liegt darin eine besondere Herausforderung, wie Sprecher Johannes Rück erläutert: »Jeder geografische Kontext braucht eigene Lösungen – zumal die Toilette kulturell ein sehr sensibles Thema ist.« 

Als die Schule wächst, kommt es zu Problemen

Die Schule in Sambia zieht immer mehr junge Leute an –  doch als 120 neue Schülerinnen und Schüler die Schultoiletten benutzen, kommt es zu Problemen: Der Durchfluss in der Kläranlage erhöht sich, der Klärschlamm wird für die Pflanzen zu nährstoffreich. Dringend werden Sanitärexperten vor Ort gebraucht – doch es ist nicht einfach, sie schnell und günstig zusammenzuziehen. Thilo Panzerbieter, Geschäftsführer der GTO, aktiviert seine Netzwerke. Ein zweiter Biogasreaktor wird gebaut und mit dem ersten verbunden. Das Thema bleibt mit Ängsten behaftet: Zunächst will keiner mehr das Wasser nutzen, obwohl es ausreichend gefiltert ist. Die Projektpartner der GTO bepflanzen den nährstoffreichen Boden mit Bananenbäumen, Binsen und Schilfrohr. Mit den Pflanzen wächst das Vertrauen in die Technik nach. Heute wird das Abwasser zum Düngen eines Obstgartens verwendet. Die GTO will die Erfahrungen aus dem Projekt bündeln und über Ländergrenzen hinweg verbreiten. Das Projekt soll ein Vorbild dafür geben, wie man ein Sanitärsystem gestalten kann an Orten, an denen viele Menschen zusammenkommen. Die GTO setzt sich weiterhin für den Nachwuchs ein: Derzeit unterstützt sie den Aufbau der Zambian Toilet Organization.


Sanitärversorgung

87 Prozent der Bevölkerung leiden unter dem Fehlen sauberer Toiletten.


Weniger Durchfallerkrankungen durch Sanitärversorgung, Zeitraum: ein Jahr

Als in Yaouri, einer Stadt in Niger, die Sanitärversorgung verbessert wurde, sank die Zahl der Durchfallerkrankungen um 8 Prozent im ersten Jahr.



Sierra Leone

»Die Menschen hier haben es die ganze Zeit über geschafft, ohne Toilette zu leben. Jetzt müssen wir sie überzeugen.«

Jochen Moninger, Welthungerhilfe, Landeskoordinator Sierra Leone


Jochen Moninger, Welthungerhilfe, Landeskoordinator Sierra Leone

Menschen von Toiletten überzeugen

Jochen Moninger von der Welthungerhilfe kämpft mit sauberen Toiletten gegen Ebola und Cholera

Toiletten sind für weite Teile der ländlichen Bevölkerung von Sierra Leone nicht nur ein Fremdwort, sie müssen davon regelrecht überzeugt werden, erklärt Jochen Moninger, der seit zehn Jahren für die Entwicklungshilfe der Welthungerhilfe in Sierra Leone tätig ist: Viele verstehen nicht, wozu eine Toilette nützlich sein soll.

„Die meisten Menschen haben es die ganze Zeit geschafft ohne diese Einrichtungen zu leben“, berichtet der Entwicklungshelfer. In erster Linie versucht seine Organisation Anreize dafür zu schaffen, dass die Menschen in Toiletten investieren. Auch hygienische Aspekte kommen bei den Projekten zur Sprache.

Hauptproblem bei der Verrichtung der Notdurft im Freien ist die Übertragbarkeit von Krankheiten, die über das Grundwasser in die Brunnen gelangen und sich somit schnell ausbreiten. Cholera, unbehandelt eine tödliche Durchfallerkrankung, ist in Sierra Leone ein ernstes Problem. Weltweit ist die Kindersterblichkeit laut Unicef in Sierra Leone am höchsten: 182 von 1.000 Kindern sterben dort vor ihrem fünften Geburtstag. Davon ist ein Drittel auf Durchfallerkrankungen zurückzuführen.

Eigeninitiative gefragt: Anwohner werden in den Toilettenbau einbezogen

Die Regierung und auch zahlreiche NGOs haben in den letzten Jahren immer wieder versucht, sanitäre Anlagen in dem Land zu bauen. Viele davon halten nur wenige Jahre. „Wenn die dann kaputt gehen, warten die betroffenen Menschen, bis wieder jemand kommt und diese wieder aufbaut“, erklärt Moninger. Seine Organisation geht dieses Problem deshalb anders an. „Wir legen ganz starken Wert darauf, dass Toiletten von der Zielgruppe mitbezahlt werden.“, so Moninger. Erstens müssen die Bewohner durch ihre eigene Arbeitskraft mit anpacken beim Bau der Anlagen. Zweitens müssen die Betroffenen Reparaturgrundlagen erlernen, um die Anlage selbstständig zu pflegen und zu warten. Drittens müssen die Nutzer bereit sein, eigenes Geld in die Hand zu nehmen. Nur wenn ein Eigenbeitrag geleistet wird, zeigen sich die Menschen auch bereit Verantwortung zu übernehmen, erklärt der Projektkoordinator.

Zum Duschen bleiben maximal 40 Sekunden

Bei Planung und Bau der Anlagen kehrt sich die Welthungerhilfe ganz bewusst vom Konzept der Dorftoilette ab. Auch hier spielt das Verantwortungsbewusstsein eine Rolle. Wer seine Toilette selbst baut, dafür bezahlt und deren Eigentümer ist, wird auch verantwortungsvoller damit umgehen. Einige Dorfbewohner gehen sogar noch weiter und bieten ihre Toilette auch anderen Menschen an und lassen sich dafür bezahlen. Auch Duschen, die gegen Gebühr genutzt werden können, werden von der Bevölkerung gut angenommen. Es sei durchaus gewollt, dass der Nachbar neidisch werde und sich selbst eine eigene Toilette wünscht, so Moninger. Wegen des fehlenden Abwassernetzes verfügen fast alle Toiletten über Latrinengruben. Alle fünf Jahre müssen die Häuschen versetzt werden. Eine öffentliche Wasserversorgung über ein Wasserversorgungsnetz gibt es nur in wenigen städtischen Räumen.

Lediglich 57 Prozent der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Wasser. Auch Moninger steht an acht Monaten im Jahr nur Regenwasser zur Verfügung. Ansonsten muss er Wasser in sein eigenes Haus pumpen. Duschen kann er deshalb nur 30 bis 40 Sekunden. Sein Blick fällt bleibt dabei immer wieder auf dem großen Wasserkanister, berichtet er.
Grundsätzlich sei es auch möglich, die neu gebauten Toiletten mit Wasser zu versorgen. Allerdings darf man die Menschen nicht überfordern, erklärt Moninger. Besser sei es, die Menschen in kleinen Schritten an sanitäre Grundversorgung zu gewöhnen, zunächst nur einfache Toiletten ohne Waschbecken zu bauen und später durch eine adäquate Wasserversorgung aufzuwerten, so seine Erfahrung.


13 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu sauberen Toiletten.


43 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Wasser.


Von 1000 Kindern sterben 182 vor ihrem sechstem Lebensjahr.


Autonome Region Kurdistan, Nordirak

»Ein Flüchtlingscamp nachhaltig mit Wasser zu versorgen heißt: Zisternen statt Lastwagen.«

Tihomir Lipohar, Arbeiter-Samariter-Bund, Emergency Coordinator


Tihomir Lipohar, Emergency Coordinator, Arbeiter-Samariter-Bund


Tihomir Lipohar im Interview

Toiletten für Vertriebene

ASB-Helfer berichten von der Sanitärversorgung in zwei irakischen Flüchtlingscamps

Tausende Kriegsflüchtlinge, die der selbst ernannte Islamische Staat aus ihrer Heimat vertrieben hat, suchen Zuflucht in den Camps im Norden des Landes. In diesen Tagen beginnen die Vorbereitungen für den Winter. Bis zu 30.000 Menschen werden mit Einbruch der kühlen Jahreszeiten hier erwartet. Im November 2014 sind die Lager fertiggestellt worden. Viele Flüchtlinge lebten zuvor in Schulen oder Turnhallen. Neben der logistischen Herausforderung, die Familien mit dem Nötigsten zu versorgen, müssen auch adäquate Sanitäreinrichtungen zur Verfügung gestellt werden. Tihomir Lipohar und Carsten Stork stellen die Konzepte der Toiletten- und Hygieneversorgung in der Region vor.

Die zwei vom Arbeiter Samariter Bund (ASB) unterstützten Flüchtlingscamps befinden sich unweit der irakischen Stadt Domiz. Jede Familie, in der Regel mit sechs Personen, bewohnt hier eines der vielen Zelte. Zwei ausländische Hilfsorganisationen und die autonome Regierung Kurdistan betreiben die Zeltstädte. Dabei verfolgen die beiden Camps verschiedene Konzepte.

Vier Sanitärcontainer für bis zu 150 Familien

Im ersten Lager stehen den Menschen moderne Sanitärcontainer zur Verfügung, vergleichbar mit Toilettenanlagen auf Großkonzerten in Deutschland. Die Anlagen sind nach dem neuesten Standard gebaut,

allerdings handelt es sich um Gemeinschaftscontainer. Betrieben wird das Camp von einer türkischen Regierungsorganisation. Den Nachteil erklärt Tihomir Lipohar: 100 bis 150 Familienzelte müssen sich vier Sanitärcontainer teilen. Die Lösung der anderen Hilfsorganisation im direkt daneben liegenden Camp bietet den Bewohnern deutlich mehr Privatsphäre: Hier teilen sich zwei Familien eine gemeinsame in Beton eingelassene Latrine direkt hinter dem Zelt. Jede Familie verfügt über eine eigene abschließbare Duschkabine. „Sieht aber nicht so ästhetisch aus“, räumt Lipohar ein.

Zur Versorgung wurde extra ein Kanalsystem gebaut, das zu einer großen Klärgrube führt. Aus eigens für das Camp angelegte Tiefbrunnen wird Frischwasser geschöpft, das Abwasser wird einer Klärgrube zugeleitet. Die Wasserversorgung funktioniert vergleichsweise gut, erklärt Tihomir Lipohar: In andere Camps muss das Wasser per Lastwagen erst kilometerweit hintransportiert werden. In den beiden Lagern, die das ASB unterstützt, ist es nicht einfach, die Abwasserversorgung zu organisieren. „Man hat uns gebeten, ob wir eventuell mit Zisternen helfen, könnten das schmutzige Wasser abzuführen“, erklärt der Entwicklungshelfer mit kroatischen Wurzeln. Tonnenweise Schmutzwasser muss mittels Lkws aus den Kläranlagen abtransportiert werden.

In der Enge des Camps breiten sich Krankheiten rasend schnell aus

Weiterer Schwerpunkt der Entwicklungsarbeit ist die Bildung. Besonders in den Wintermonaten kann es wegen mangelnder Hygiene in der Enge des Camps zu einer schnellen Verbreitung von Krankheiten kommen. Die Hilfsorganisationen versuchen, mit Hygienemaßnahmen vorzubeugen: Sie verteilen Waschutensilien und leisten Aufklärungsarbeit. Um eine ausreichende Versorgung sicherzustellen, können die Hilfsorganisationen auf die sogenannten SPHERE Standards zurückgreifen. Diese Richtlinien legen Mindestwerte fest, die für eine ausreichende Versorgung sichergestellt sein müssen. Beispielsweise wird die Verteilung von 250g Badeseife pro Person und Monat als Mindestmaß definiert. Für eine ausreichende Sanitärversorgung wird eine Toilette je 20 Einwohner festgelegt.

Abzuwarten bleibt, wie sich das Camp in den nächsten Monaten entwickelt. Schon jetzt wollen viele der Flüchtlinge nicht in ihre Heimat zurück, weil sie in ihrem Zuhause Gewalt und Terror der IS erwartet. Das Camp ist zunächst als Übergangslösung geplant. Sollte es langfristig besehen bleiben, entwickelt sich ein solches Camp zwangsläufig zu einer kleinen Stadt, mit allem, was dazugehört, wie Bildung, Schulen oder Verdienstmöglichkeiten, meint Carsten Stork. Damit steigen auch die Anforderungen an Sanitäranlagen und Hygiene. Hier könnte in den nächsten Monaten oder gar Jahren noch viel Arbeit auf die Hilfsorganisationen zukommen. Die Arbeiten könnten den ASB noch über Jahre hinweg beschäftigen.


Mindeststandards: Die so genannten SPHERE-Standards schreiben fest, wie viel von welchen Gütern Notleidenden zusteht.



Energieeffizientes Wohnen in Forchheim Ein Bericht von Mareike Rath

In einer neu erbauten Siedlung in der oberfränkischen Stadt Forchheim wird ein modernes Nahversorgungskonzept umgesetzt, das mithilfe von Bioerdgas eine ganze Siedlung sowohl mit Ökostrom, als auch mit Wärme versorgt.

Der Traum vom energieeffizienten Wohnen – für die Bewohner der 2013 fertig gestellten Siedlung „Wohnen am Stadtpark“ in der Forchheimer Innenstadt ist er wahr geworden. Denn die 48 Ein- und fünf Mehrfamilienhäuser werden nicht mit fossilen Brennstoffen sondern mit Bioerdgas versorgt, das im Gegensatz zu fossilen Energieträgern, wie Erdgas, aus organischen Stoffen gewonnen wird und nicht mithilfe von Bohrungen gefördert werden muss. Die Idee, die neue Siedlung mit erneuerbaren Energien zu versorgen, stammt von den Stadtwerken Forchheim. Mit vielen Projekten leisten die Stadtwerke schon lange ihren Beitrag, um eine energieeffiziente Versorgung in der Stadt und damit die Energiewende umzusetzen. So werden von den Stadtwerken beispielsweise mehrere Energie-Tankstellen in Forchheim betrieben und der Ausbau von Photovoltaik-Anlagen sowie die Modernisierung von Heizungsanlagen aktiv unterstützt.

Das Bioerdgas, mit dem die Häuser beheizt werden, kommt allerdings nicht als Rohstoff in der Natur vor, sondern muss zunächst aus Biomasse gewonnen werden. Die Stadtwerke Forchheim sind deshalb zu einem Sechstel an der Biogasanlage in Eggolsheim, wenige Kilometer vom Stadtgebiet Forchheim, beteiligt. Dort wird die Biomasse zu Biogas verarbeitet und dann in der  sogenannten Erdgasübernahmestation zu Bioerdgas aufbereitet, das dann in das vorhandene Erdgasnetz der Stadt Forchheim eingespeist wird. In einem  Blockheizkraftwerk, das in der Tiefgarage der Siedlung steht, wird aus diesem Bioerdgas Ökostrom erzeugt, der nahezu vollständig in der Siedlung genutzt wird. Da das Blockheizkraftwerk mit dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung arbeitet, kann auch die Abwärme genutzt werden, die bei der Stromproduktion entsteht. Die Abwärme fließt dann zu 100 Prozent in das Heizungssystem der neuen Gebäude. „Mithilfe dieser Technik können bis zu 400 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden. Außerdem werden knapp 340.000 kWh Ökostrom erzeugt, das entspricht ungefähr dem Verbrauch von 80 Drei-Personen-Haushalten im Jahr. Der Strom kann dann aufgrund der Produktion vor Ort mit geringen Verlusten ins Stromnetz eingespeist werden,“ erklärt Matthias Höll, Energieberater der Stadtwerke Forchheim.

Blockheizkraftwerk © Stadtwerke Forchheim GmbH

Blockheizkraftwerk © Stadtwerke Forchheim GmbH

Und das Projekt hat Vorbildfunktion: Für das innovative Energiekonzept bekam die EFG Erdgas Forchheim GmbH, deren Mehrheitseigentümer die Stadtwerke Forchheim sind, den Preis der deutschen Gaswirtschaft für Innovation und Klimaschutz von der Arbeitsgemeinschaft für sparsamen und umweltfreundlichen Energieverbrauch e.V. verliehen.

Energie aus Unkraut: Wuchernde Wasserpflanzen liefern Biogas

Die Goitzsche bei Bitterfeld. Foto: LMBV/Peter Radke

Foto: LMBV/Peter Radke

Der etwas uncharmant klingende Name „Wasserpest“ passt wohl tatsächlich besser als die lateinische Entsprechung „Elodea“. Bezeichnet wird mit beidem eine Wasserpflanze, die es sich in fremden Ökosystemen schnell gemütlich macht. Der Umweltparasit wurde vor zwölf Jahren auch in einen Tagebausee in Bitterfeld geschwemmt. Zwei Jahre später wucherten schon 26.000 Tonnen der Pflanze.

 

Wohin mit 26.000 Tonnen Unkraut?

„Eine Pflanze feinblättrig und dicht wie ein Schwamm, ein richtiger Teppich, wie geflochten“, so beschreibt Herr Schmidt, ein Segler auf der Goitzsche, seinen wildwachsenden Gegner. Das Kraut stirbt jeden Herbst ab und verrottet am Seegrund, befallene Gewässer drohen dann umzukippen.

Eine Lösung für dieses Problem liefert das Forschungsprojekt AquaMak am Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung GmbH (UFZ) in Leipzig. Gemeinsam mit anderen Forschungseinrichtungen wird hier nach einer sinnvollen Nutzung gesucht.

 

Elodea: Von der Ernte zur Energie

Mit der Elodea für die Biogasanlage gibt es das gleiche Problem wie mit vielen anderen nachwachsenden Rohstoffen: Eine einmalige Jahresernte muss gelagert werden, um konstanten Biomasse-Nachschub für das Kraftwerk zu liefern. Bei einer naturgemäß recht feuchten Wasserpflanze kein einfaches Unterfangen.

Minibiogasanlagen im Deutschen Biomasseforschungszentrum DBFZ

Minibiogasanlagen im DBFZ

Die Pflanze ungenutzt beseitigen und einfach der Verrottung zu überlassen, wäre keine gute Alternative. Es würde sich schnell einen stechender, leichenähnlicher Geruch verbreiten. Deshalb soll die Wasserpest als Silage haltbar gemacht werden. Die Tests dazu laufen am Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ) in Leipzig.

 

Das Helmholtzzentrum für Umweltforschung UFZ in Leipzig

Das Helmholtzzentrum für Umweltsforschung UFZ in Leipzig

Ein weltweites Problem

Große Mengen an Wasserpflanzen, die ganze Gewässer verschlucken, gibt es nicht nur in Bitterfeld. Auf der Lister der 100 invasivsten Alien-Spezies der Welt finden sich gleich mehrere von ihnen. Und auch der zuletzt freigewordene Platz, der für den ausgerotteten Virus Rinderpest, wurde nach einer Wahl durch 650 Invasionsbiologen mit einer Wasserpflanze, dem Schwimmfarn, besetzt.

Hinter klingenden Namen wie Hydrilla, Schwimmfarn oder die Wasserhyazinthe verbergen sich Umweltkatastrophen auf allen Kontinenten. Der Victoriasee in Ostafrika liegt unter einer erdrückenden Schicht der Wasserhyazinthe. In Südamerika verdunkelt der Schwimmfarn Seen bis sie absterben und das acht Meter lange Wassergras Hydrilla ist ein ebenso effektiver Killer. Eine Katastrophe für betroffene Gewässer und eine wertvolle weltweite Energiequelle der Zukunft. Denn kostbares Ackerland, wie etwa der so genannte „Energiemais“, besetzen die Pflanzenplagen aus dem Wasser nicht. Ziel des einmaligen Projekts AquaMak ist es, den Energiegehalt der Pflanzen zu bestimmen und Empfehlungen für die Nutzung als Biokraftstoff auszusprechen.

Bildnachweis Titelbild: André Künzelmann/Helmholtzzentrum für Umweltforschung – UFZ