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Du bist, was Du isst – aber was Du trägst ist egal? Im Gegensatz zur Lebensmittelindustrie ist Nachhaltigkeit in der Textil- und Modebranche immer noch immer noch ein Randgruppenthema. 2016 haben Textilien im fairen Handel nur sechs Prozent des Umsatzes ausgemacht, Kaffee, Lebensmittel und Südfrüchte hingegen insgesamt 82 Prozent. Wie stehen die Teilnehmer*Innen der Bildkorrekturen 2017 zum Thema Fair Fahion? Inga Mohwinkel und Pia Schönfeld haben Einstellungen, Erwartungen und Bildkorrekturen eingefangen.

 

Brauch ich das? – Raus aus der Verbraucherfalle Von Viktoria Hausmann

Jede Frau kennt dieses Problem. Wir stehen vor einem Schrank voller Sachen und haben nichts anzuziehen. Immer! Kaum muss Frau zu einem bestimmten Anlass — sei es ein Date, die Hochzeit der besten Freundin oder eine wichtige mündliche Prüfung — findet sich einfach nicht das Richtige im Schrank. Das Outfit, das wir im Kopf haben, mit dem wir Eindruck machen wollen, fehlt. Es ist entweder alles gerade zu eng. Aus der Mode. Schon kaputt. Oder wir haben einfach dieses eine bestimmte Teil nicht! Dieses It-Piece, dass jetzt gerade alle haben!
Abhilfe ist schnell gefunden: Einfach zur Lieblingsmodekette oder gleich im Internet bestellen. Kostet ja fast nix! Und schon hat sie wieder zugeschnappt. Die Verbraucherfalle! Häufig merken wir das erst, wenn der Schrank so dermaßen überquillt, dass man ihn nicht mehr zukriegt. Dann heißt es ausmisten, aber auch das ist ein fest einkalkuliertes Manko der Modeindustrie. Wir spenden längst so viele Altkleider an Dritte Welt Länder, wie Uganda, dass sie dort teilweise ungenutzt auf Müllkippen enden und den lokalen Textilmarkt zerstören. Echte Fashion Crimes sind nämlich nicht Socken in Sandalen, sondern Ausbeutung und Umweltverschmutzung!

„20 Prozent aller neu produzierten Kleidungsstücke werden gar nicht verkauft, sondern sofort weggeworfen,“ erklärt Friederike von Wedel-Parlow. Sie war Professorin für den internationalen Studiengang „Sustainabilty and Fashion“ an der ESMOD in Berlin und hat das Beneficial Design Institute gegründet. Sie berät nachhaltige Modefirmen und ist Befürworterin des Cradle-to-Cradle-Prinzips – einer Produktionsform bei der Neues aus Altem recycelt wird. Das Ziel von Cradle-to-Cradle ist ein geschlossener Kreislauf aus wiederverwertbaren Nährstoffen. Dadurch soll Abfall praktisch auf Null reduziert werden. Noch gibt es jedoch wenig Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Sie ist die Industrie mit der zweitgrößten Umweltverschmutzung der Welt. Nur geschlagen von der Ölindustrie! Sie verschwendet Unmengen an Wasser um Kleidung herzustellen und veredelt Textilien mit Chemikalien, die zum Großteil in der EU verboten sind. Das kritisiert auch die Journalistin Carolin Wahnbaeck, die häufig über die Zustände in Textilfabriken berichtet: „H&M verbrennt haufenweise Kleidung mit kleinen Fehlern. Und zwar direkt in den Fabrikhöfen in Bangladesch. Da hängen sogar schon teilweise die Preisschilder dran. Sie wissen einfach, das wird nicht verkauft und zünden es deswegen an!“

Recycling? Upcycling? Nachhaltig Kleiden – Friederike von Wedel-Parlow (Dritte v. links) im Gespräch mit Martin Wittmann (Wittmann Textil-Recycling) und Julie Keiza (Kimuli Fashion) bei der Bildkorrekturen 2017 (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Davon kriegt der Otto-Normalverbraucher allerdings nur wenig mit. Billigteile, die schnell out und ebenso schnell kaputt sind, wandern dann auch gleich in den Müll: „Viele sagen, das war so billig, das wasch ich nicht mal. Stattdessen werfen sie es nach einmal tragen weg,“ kritisiert von Wedel-Parlow: „Verbraucher müssen wieder verstehen, dass Kleidung einen echten Wert hat! Wir müssen zurück zu den Wurzeln. Noch vor zwei, drei Generationen haben die Menschen viele ihrer Kleidungsstücke selbst hergestellt. Sie ein Leben lang getragen und manchmal sogar an ihre Kinder weitergegeben.“

Die wichtigste Verbraucherregel ist also „Use what you have“. Am besten man trägt Kleidung, die man schon hat bis sie kaputt geht. Bei Lieblingsteilen gelingt das Vielen von uns auch, wenn sie schon löchrig und fusslig sind. Viele Modemagazine und Fashionblogger geben mittlerweile Tipps, wie man seine Lieblingsteile oder einfache Basics immer so kombinieren kann, dass es gar nicht groß auffällt, dass man sie ständig trägt. Andere wie die US-Fashionbloggerin Sheena zeigen anhand eines Kleidungsstücks —einer Art Alltags-Uniform — wie man seinen individuellen Stil prägt. Vorbilder sind erfolgreiche Unternehmer, wie Steve Jobs, Marc Zuckerberg und Vera Wang, die immer die gleichen Outfits tragen, weil man so unnötige Entscheidungen vermeidet und das Gehirn somit angeblich kreativer und effizienter arbeiten kann.
Ein ähnlicher Trend ist die sogenannte Capsule Wardrobe. Ein funktioneller, optimal kombinierbarer aber minimalistischer Kleider-Mix. Die französische Modedesignerin Justine Leconte gibt auf ihrem YouTube-Chanel tiefere in Einblicke in die Materie.

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Sehr sehenswert: Justine Lecontes Video über die Fast Fashion Trap (Quelle: YouTube Justine Leconte officiel, © Justine Leconte)

In einem reduzierten Kleiderschrank entsteht mehr Überblick. Man kann sich zum Beispiel eine Sommer- und eine Winterkapsel bauen und fünf Lieblingsjeans, drei Röcke und ein Dutzend Oberteile kombinieren, die man sowieso am liebsten trägt. Ungeliebte Sachen werden aussortiert, getauscht oder gespendet. Für Unterwäsche, Sportsachen oder Abendkleider kann man extra Kapseln bauen. Außerdem kann man sie beliebig mit Schuhen oder Accessoires ergänzen. Blogger und Stylisten aus den USA schwören auf eine Kapsel aus nur 37 Teilen.

Das sind gute Alternativen in einer Welt, die uns vorgaukelt, dass wir ständig neue Kleider brauchen. Soll man also mehr mit dem Kopf kaufen? Gut überlegen, was man braucht und nur etwas fair Produziertes nehmen? „Mode ist etwas sehr Emotionales,“ sagte Carolin Wahnbaeck: „Man kauft etwas, weil man es mag! Das Bauchgefühl der Leute muss überzeugt werden, weil sie nicht mit dem Kopf konsumieren.“ Wahnbaeck ist ein großer Fan von Tauschmärkten und qualitativ hochwertigen Sachen: „Ich habe auch Outfits von vor zehn Jahren, die ich wahnsinnig gerne trage. Die dreckigsten Kleidungstücke, die man hat, sind immer die Allerneusten! Da sind noch alle Chemikalien drin!“ Kleidertauschen sieht sie als gute Alternative zu Sales: „Es ist viel besser als neue Kleider zu kaufen. Je klassischer ein Kleidungsstück ist, umso länger wird es einem bleiben. Wer jedem Trend hinterherläuft, wird nie eine nachhaltige Garderobe haben.“

„Wir brauchen einen Fair Fashion H&M auf jeder Shopping-Meile!“ Carolin Wahnback (Rechts im Bild) ist für ein Umdenken der Verbraucher (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Ein eigener Stil ist also besser, als jeden Trend mitzumachen! Schließlich steht nicht jedem alles! Menschen, die etwas rund sind, keine Taille haben oder ein anderes nicht genormtes Körpermerkmal, wie zu kurze Beine oder ein breites Kreuz, tun sich oft schwer in die typischen Trends zu passen. Die Massenware ist nämlich so geschnitten, dass sie vor allem an Models und Kleiderpuppen gut aussieht. Dieses Schnittmuster bleibt bei allen Größen gleich. Sie tut also nichts dafür individuellen Körpern zu schmeicheln. Ähnlich ist es mit dem Hautton. Nicht jedem stehen Pastell- oder Neonfarben. Im schlimmsten Fall sieht man durch die falsche Farbe alt oder unscheinbar aus, aber das ist nichts gegen die Folgen, die der ständige Modekaufrausch auf die Umwelt und die ausgebeuteten Arbeiterinnen hat. Man sollte sich also öfter fragen, ob man wirklich etwas Neues braucht! Der große Fashion Trend 2018 ist übrigens Ugly Chic. Rosa Crocs mit Plateausohlen und Glitzersteinchen? Da kann man getrost passen!

Zementsack meets Fashion: Von der Baustelle auf die Kleiderstange

Wenn Juliet Namujju nicht auf dem Laufsteg zu sehen ist, läuft sie durch Ugandas Hauptstadt Kampala und sammelt Müll ein. Daraus näht sie mit tauben und gelähmten Menschen neue Kleider. Mit ihrem Label Kimuli Fashion möchte sie sich weltweit für nachhaltige Mode einsetzen.

Sie ist eine echte Fashionista aus Uganda: Juliet Namujju. Die 21-Jährige präsentiert auf ihrer Modenschau auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig nachhaltige Mode: Hippe elektronische Musik tönt aus den Boxen, während die Fashiondesignerin mit strahlendem Lächeln zwischen ihren Models hindurchläuft. Die Kleider in warmen Farben erinnern an afrikanische Mode – erst beim genaueren Betrachten fällt auf, dass in Jacken und Röcken auch alte Zementsäcke eingearbeitet sind.

Juliets Label Kimuli Fashion ist eines von wenigen ugandischen Labels, die auf Upcycling – das Wiederverwerten von Materialien – setzen. Und eines von wenigen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen: in ihrem Unternehmen sind es drei von sechs Mitarbeitern.

Aus alt mach neu: Upcycling in der Puppenstube

Juliet erzählt, dass es in Uganda nicht schwierig sei, ein Fashionlabel zu gründen. In ihrem Land gebe es eine große Modeindustrie. Aber bis sie ihren ersten Shop vor zwei Jahren eröffnen konnte, war es ein langer Weg. Juliets Eltern starben, als sie noch ein Kind war, daher wuchs sie bei ihrer Großmutter auf. „Meine Oma war für mich eine große Inspiration“, sagt sie. „Wir hatten kein Geld, um neue Anziehsachen für meine Puppen zu kaufen. Aber meine Oma war Schneiderin und brachte mir schon früh das Nähen bei. Also fing ich an, aus ihren übrig gebliebenen Stoffresten Kleider für meine Puppen zu nähen.“ Juliet kam das erste Mal mit Upcycling in Kontakt und entdeckte ihre Leidenschaft für Mode.

Hier spricht die Designerin über ihre Mode:

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Für viele Ugander sei Upcycling ein Tabuthema: „Die meisten denken, es sei nur eine sinnlose Spielerei und Zeitverschwendung“, erzählt Juliet. „Sie sehen in meinen Klamotten nur Müll. Das sei keine Mode, sagen sie.“

Juliet wuchs in Kampala auf, der Hauptstadt Ugandas. Hier fallen rund 1200 bis 1500 Tonnen Müll täglich an, aber nur etwa 40 Prozent der Abfälle werden eingesammelt. „Wenn du nach Kampala kommst, denkst du sofort: Was ist das für eine Stadt?!“, so Juliet. „Überall liegen Plastikflaschen und Verpackungen herum.“

Umweltbewusstsein und Inklusion: Der Bevölkerung die Augen öffnen

Juliet läuft deswegen mit den Bewohnern Kampalas durch die Straßen und sammelt achtlos weggeworfene Zementsäcke und Tetra Paks ein. Sie möchte die Bevölkerung sensibilisieren – den Menschen zeigen, dass man Müll auch auf eine kreative Art und Weise wiederverwerten kann. Vielleicht würde sich dann auch das Bild von Upcycling-Mode in Uganda ändern, hofft die 21-Jährige. Bisher schätzt Namujju, dass etwa 80 Prozent ihrer Kunden Touristen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass dies aber auch an den Preisen liegt: Umgerechnet 75 Euro kostet beispielsweise eine Regenjacke aus Zementsack. Etwas preiswerter sind hingegen Etuis, Armbänder und Ketten: Sie kosten meist weniger als zehn Euro. Jedoch verdient ein Ugander durchschnittlich nur etwa 45 Euro im Monat.

Die Hälfte ihrer Einnahmen kommen aber Menschen mit Behinderungen zugute. Die andere Hälfte werde zur Deckung der Produktionskosten benötigt. Diese waren vor allem zu Beginn sehr hoch, da Juliet spezielle Nähmaschinen anschaffen musste, die an die Bedürfnisse ihrer behinderten Mitarbeiterinnen angepasst sind. Um besser mit ihren tauben Kolleginnen kommunizieren zu können, lernte Juliet in zusätzlichen Kursen die Gebärdensprache.

Weitere Bilder von Juliet

 

„Es war, als würden sie sich selbst hassen.“

„Die Arbeit mit behinderten Menschen liegt mir sehr am Herzen“, sagt Juliet. „Als ich noch sehr klein war, verlor mein Vater bei einem Autounfall beide Beine. Er konnte nicht mehr arbeiten und wurde wegen seiner Behinderung diskriminiert. Er wurde immer pessimistischer und verlor seinen Lebenswillen. Kurze Zeit später starb er.“ Das sei in Uganda keine Seltenheit: Behinderte Menschen würden oft diskriminiert und ihre Behinderung als eine Strafe Gottes angesehen. Teilweise sollen sie sogar von ihren eigenen Verwandten weggesperrt, vor der Öffentlichkeit versteckt oder aus der Familie verstoßen werden. „Behinderte Menschen glauben oft nicht mehr an sich selbst und ihre Fähigkeiten“, sagt Juliet. Zu dieser Erkenntnis gelangte sie, als sie vor wenigen Monaten versuchte, Teilnehmer für einen Näh-Workshop zu gewinnen. Sie zog durch die Dörfer und versuchte, die Menschen direkt anzusprechen. Der Workshop war für Menschen mit Behinderung kostenlos, trotzdem meldete sich kaum jemand an. Erst nach stundenlangem, tagelangem Überzeugen“, so Juliet. „Es war, als würden sie sich selbst hassen. Als würden sie lieber allein sein in ihren Dörfern und niemanden sehen wollen.“

Expandieren und weltweit ein Zeichen setzen

„Ich möchte die Augen der Leute für Menschen mit Behinderungen öffnen – in Uganda und auf der ganzen Welt“, sagt Juliet. „Damit diese Menschen nicht mehr als andersartig angesehen, sondern als ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft akzeptiert werden.“ Ihr Traum sei es, noch viel mehr Menschen mit Behinderung zu beschäftigen und in weitere Länder zu expandieren. Dabei hat sie sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mehr als 3.000 Menschen möchte sie in Afrika zu einem neuen Lebenswillen verhelfen, indem sie ihnen einen Arbeitsplatz anbietet. Derzeit verkaufe sie ihre Mode in Uganda, Deutschland und Polen. Zukünftig möchte sie auch Märkte in Österreich oder sogar den USA erschließen. Um nicht nur auf dem Bildkorrekturen-Laufsteg ein Zeichen zu setzen, sondern auf der ganzen Welt.

 

„Ignore cheapness – save your money“ Interview with Ed van Hinte

The fashion industry is speeding up. Leading fashion retailers are producing up to 12 collections per year. Fast fashion is flooding the market. The cheaper the better. Ed van Hinte is a Dutch industrial designer and self confessed „consumption critic“. I talked to him about the problems of the fashion system, sustainable fashion concepts, and how to extend the lifespan of our clothes.

What do you think is the most urgent problem with our clothing regarding sustainability?
The whole fashion system is destructive, because of what it does to the environment, the enormous material flow, pricing pressure and low payment for those who do the work.
The most urgent problem is probably the speed of fashion. Fast fashion is cheap, so it maybe should be something even immaterial. An idea is, you go to a shop and dress up and take pictures of yourself and pay for that and then leave.

Without actually buying something?
You would pay because it would change your image. The clothes themselves would be much more expensive because you don’t have to buy them anymore.
The more obvious idea is that fast fashion is no longer made of textiles. We are all wearing clothes made out of fabric, but that could be different. We should make those kinds of clothes out of materials you can throw away with your newspaper, out of easy recyclable materials, that don’t take energy. The fashion industry has to focus on innovation and development. Yesterday, I mentioned the elastic paper material for instance. The paper is developed in the atmosphere of packaging. Clothing is also packaging.

Are there already clothes made out of paper or is that just an idea?
As far as I know there is a machine now, developed this year by GruppoX in Italy for the packaging industry. There are experiments with paper clothes and in 1967 Scotch produced paper dresses that you could buy for one dollar plus two soap coupons. The principle could be translated into fashion, but not as a one-time gimmick. It is good for industries to learn from each other and mix things up.

What do you think about recycling regarding our clothing?
Fast fashion items should be made out of material that can be recycled easily. Also, you can extend the lifespan of your clothes by wearing them longer. Maybe you can wear them for 15 to 20 years. I have clothes like this. These socks I am wearing are 15 or 20 years old. For this purpose, the clothes have to be such good quality that you can recycle them in a responsible way.

You say that we should extend the lifespan of our clothes by wearing them for up to 20 years. How is this compatible with the new trends that are coming up every season and what would the job of a fashion designer would be like?
As a fashion designer, you could design just slow clothes, very comfortable long-lasting winter clothes for instance. You could also decide to get involved in fast recyclable fashion and design new collections every second day.

How does this work for High-end Fashion Brands like Gucci or Chanel?
They are exceptional. These brands are not mass clothing producers and they are quite expensive. So, what happens to those clothes is that they are collected by people who like them very much and keep them for a long time. That is a different story than with the cheap fast fashion clothing. There is no material flow. What these brands should do is put some of their money into the well-being of the people producing their clothes. There is an economic model which is not based on growth. It is called the doughnut economy developed by Kate Raworth. It says basically that the economy is shaped like a doughnut. The ring itself is the optimum quality for people to survive. Inside the doughnut is where the social circumstances are very bad, so you have to reduce that and get the people from there into the doughnut by spending money. Outside the doughnut you find excess and too much waste. So, you also have to spend money to reduce waste, you should rather get an economy of quality than an economy of quantity. As a fashion designer, you can keep an eye on that.

Companies that produce sustainable fashion are mostly not the leading companies in the fashion industry. How can we make big companies like H&M and Zara produce their clothes more sustainably?
They have to be forced. As long as their business is booming they don’t really care. People are not very considerate. They do not think about sustainability or who produced their clothes. You have to find a way to get under their skin. And this is true for consumers as well as for producers. But for producers it is way more difficult. They are focused on sales revenue. But making more money is not always necessarily good for the environment. What they do with the profits should also be a part of their business plan. They have to invest their profits so that they can produce their clothes in a more sustainable way as well as pay fair wages to their workers.

What is your concrete suggestion that is practicable for everybody to make clothes more sustainable?
Ignore Black Friday, ignore special offers, ignore cheap clothes. For instance, I bought these pants I am wearing yesterday. They are from „Brax“ and when I bought them I got a radio with them. I did not expect it, I don’t need it. This is a good example on how they try to speed up fashion. Somehow, we have to stop that, because that’s what people always fall for. Sales and special offers. People sometimes buy just for the sake of buying. They buy it because it’s cheap even if they don’t need it. They don’t think about it and that is the problem. The first step would be ignoring cheapness. Save your money.

„Waste is not waste until you waste it!“ Interview with Juliet Namujju

Juliet Namujju is a Ugandan fashion designer and the CEO of Kimuli Fashionability. At the young
age of twenty-one, she was able to build up her own label that revolves around taking waste in
Uganda and creating something entirely new with it. This form of designing and creating clothes is
called upcycling.
Kimuli Fashionability was created in November 2015 at the Social Innovation Academy (SINA) in
Mpigi by Juliet Namujju to produce and create innovative fashion and accessory products. With
combining plastic waste like sugar sacks or cement sacks and African fabrics and garments like
kitenge, sisal or backcloth she creates truly African products in a country full of western fabrics and
cheap, low-quality products imported from most Asian countries.
Juliet Namujju made it her task to step against all of this waste that is being overproduced and not
recycled enough to help our planet be a better one. She and her team members go to waste pits
and collect different types of waste that they can upcycle. Saving the environment is only one of
two reasons Juliet Namujju is doing this. She wants to promote beautiful African garments and
fabrics which she combines with the plastic waste.
Upcycling is all about saving the planet we live on and reusing our worlds plastic waste which is
not environmentally sustainable and does not rot. Plastic waste is an enemy especially to the
animals living on this planet. Tons and tons of plastic waste alight every year in our oceans. Fish,
other Sea animals as well as Birds cannot differentiate between their food and plastic waste,
leading to many animals dying because of it. It is simply destroying our Eco System.

Bildquelle: Engagement Global / Bodo Tiedemann

When and how did you make the decision to open up your own label?
I started last year. Since I was young I loved working with people with disabilities which made me
start building my brand and including people with disabilities. They lack skills, they are vulnerable
and they are being discriminated. Giving them an opportunity, a chance, to teach them the skills
they need for fashion and design will make a good impact on them, their community as well as the
society we live in.
Was it hard to build up your label?
I come from an organization that teaches us not to give up because of bigger challenges but to
look at big things and slowly accomplishes it. „Social Innovation Academy“(SINA) in Uganda
accompanies young people on their way to become an entrepreneur.
Why did you make the decision to do upcycling?
Upcycling is one of the unique ideas in Africa.My grandmother was a Ugandan fashion designer as
well as a tailor. From a young age, I had the opportunity to take her remaining pieces and sew
flowers and dresses for my dolls out of them. I was able to see that waste could be something very
useful. At that age, I didn’t even realize that I was upcycling waste. When I grew up I developed
that passion I have now for upcycling waste and designing something out of it. To be unique from
all fashion designers in Africa.
What type of waste do you use for your upcycling?
Everything plastic waste we can find like sugar sacks, empty milk packets, rice sacks and cement
sacks. Collecting them from rubbish pits, bringing them with us and washing them. After that, we
sew them together with our African fabrics. In that way, we can bring together environmental
sustainability and the traditional African garments and fabrics.
What is your inspiration for creating your designs?
I and my team work very tight together in the creative process of designing our clothes without
copying from other fashion designers. It can also depend on the customer. You may find a person
who comes up with its own idea or design. The design you have in mind could also not work for
 your customer considering the fit, the size, the customer’s figure and the overall look of the item. I
will not hesitate or beat around the bush if the design will not look good on you.
What is your favorite design at the moment?
The rain and waterproof jacket. It got developed last year with one of my customers from Poland
and was instantly trending. It also sold out. It has not been branded yet but that will be done
shortly. They are gonna be restrictions on the design and idea behind the item so that no other
fashion designer can copy it. It is unique and I am very proud of it.
What would you tell a designer thinking about going into upcycling?
Upcycling is all about promoting and saving the environment, about reusing waste. You have to be
creative. You will get waste but will fail with doing something out of it. You can not take yourself to
be a higher person because you have to touch the waste and wash it. As the fashion designer has
to be an example to your workers and even to other members of your company. You have to be
able to make your own hands dirty. That will give you the opportunity to evolve the passion for
collecting waste and creating something out of it.

„Ich arbeite gerne bei KiK“ Interview mit Ansgar Lohmann

Nach dem tragischen Zusammensturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013, in der auch „Kik“ produzieren ließ, kam Ansgar Lohmann ins Unternehmen. Er ist unter anderem verantwortlich für die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards sowie den Brandschutz. Im Interview erzählt er von den Herausforderungen seiner Arbeit als Supply Chain Manager.

Wie kamen Sie zum Unternehmen KiK?

Ich bekam vom damaligen Geschäftsführer für das Thema Nachhaltigkeit ein Stellenangebot. Er fragte mich, ob ich im Bereich Supply Chain Management Verbesserungen herbeiführen könnte. Natürlich habe ich das Angebot als reizvolle Herausforderung angesehen. Meine Motivation war, dem Unternehmen zu helfen, die erforderlichen Schritte einzuleiten. Ich arbeite gerne bei KiK.

Was bedeutet für Sie persönlich Nachhaltigkeit?

Für mich bedeutet Nachhaltigkeit, den Menschen in den Mittelpunkt der geschäftlichen Aktivitäten zu stellen. Ökonomisches und gesellschaftliches Handeln sollte miteinander verbunden werden. Um das zu erreichen, kann man für bessere Sozial- und Umweltstandards sowie für Menschenrechte einstehen. Wir als Unternehmen haben sicherlich einen großen Hebel in der Hand, allerdings ist es immer besser, in einer Gruppe aufzutreten. Nachhaltigkeit bedeutet, Humanressourcen und Umweltbelange mit der wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens in Einklang zu bringen.

Das sind alles schöne Ideen. Ganz konkret: Wie kann man die Sicherheitsstandards kontrollieren?

Die Installation der Brandschutzgewerke muss in regelmäßigen Abständen überprüft werden. Die Verabredungen mit den Fabrikanten werden von ihnen nicht immer eingehalten. Es kommt vor, dass das benötigte Equipment nicht eingekauft oder eingebaut wird. Um beispielsweise Feuerschutztürensysteme, Hydrantensysteme, Blitzableiter oder Gebäudestatik zu gewährleisten, müssen wir permanent selber vor Ort sein und uns einen eigenen Eindruck verschaffen. Wir sind regelmäßig vor Ort, da das der beste Weg ist, um die Sicherheit zu überprüfen.

Reisen Sie persönlich auch an die Standorte?

Ja, vier bis fünf Monate im Jahr bin ich im Ausland. Meine Agenda besagt, jedes Beschaffungsland einmal im Jahr aufzusuchen. Ich bereise die Standorte, um zu überprüfen, ob die getroffenen Verabredungen auch richtig eingehalten wurden. Ich muss mir selbst ein Bild über alles machen.

Sicherheit ist ja nur ein Aspekt. Welche Schwierigkeiten begegnen Ihnen beim Gewährleisten der Sozialstandards?

Es ist wichtig zu beachten, nicht der einzige Auftraggeber in einer Fabrik zu sein. Es wäre ideal, wenn es weitere Auftraggeber gäbe, die wiederum ein eigenes Sozialmanagementsystem dort forcieren würden. Mit mehreren Auftraggebern und dem gleichen Anspruch in eine Fabrik zu gehen, vergrößert die Hebelwirkung und die Wahrscheinlichkeit, Veränderungen herbeiführen zu können. In einer Fabrik, in der wir der einzige westliche Auftraggeber sind und in der parallel für Russen, Chinesen und Brasilianer produziert wird, haben wir ein Problem. Diese Auftraggeber interessieren Sozialstandards nicht im gleichen Maß. Für uns ist es gut, wenn westliche Auftragnehmer, also aus Europa, Amerika oder Australien vorzufinden sind. Das sind jene, die das Thema Menschenrechte und Sozialmanagement schon am Weitesten vorangetrieben haben.

Wie weit engagiert sich KiK für den Existenzlohn?

KiK hat sich Anfang 2017 dafür ausgesprochen, in Bangladesch den Mindestlohn um 10 Prozent zu erhöhen. Von jetzt auf gleich. Zusätzlich sind wir im Textilbündnis Mitglied in der Arbeitsgruppe für Sozialstandards und dort geht es um die sogenannten „living wages“. Es ist kein einfaches Thema, zumal wir als Unternehmen nicht sagen können: „Erhöhe doch jetzt einfach mal den Lohn, lieber Fabrikant“. Das Thema living wage ist von vielen Komponenten abhängig. Wir haben die Möglichkeit, den politischen und sozialen Dialog in Gang zu bringen. Wir bestimmen aber niemals das Lohnniveau mit unseren Preisen. Wir unterhalten uns über einen sogenannten Vollkostenpreis, der Material, Fertigung und Profitmarge des Anbieters beinhaltet, darin ist der Lohn enthalten. Lohnsteigerungen würden direkt durchschlagen in Form eines höheren Beschaffungspreises. Lohnpreissteigerungen dürfen nie isoliert von den makroökonomischen Gegebenheiten betrachtet werden, denn sie bedeuten Inflation, höheres Zinsniveau, Verknappung der Kredite und Einschränkung der Investitionstätigkeit. Beide Seiten der Medaille müssen betrachtet werden.

Welches Ziel würden Sie persönlich gerne für KiK erreichen?

Mein persönlicher Wunsch ist, dass sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen in den Betrieben sich nicht mehr fürchten müssen, an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Die Betriebe sollen insoweit sicher sein, dass kein Arbeiter einen Brand oder einen Gebäudeeinsturz befürchten muss.

Ist es ein realistisches Ziel oder eher ein Wunsch?

Natürlich ist das ein Wunsch. Optativ gesprochen arbeiten wir ja auch mit anderen Unternehmen zusammen. Das beste Beispiel ist das Brandschutzabkommen in Bangladesch, mit zweihundert Unterzeichnern, die die Gewerke optimieren wollen. In Pakistan sind wir leider noch alleine. Dort haben wir die Initiative selber gegründet. Ich bin positiv gestimmt, dass wir es als Vorreiter-Unternehmen schaffen können und andere Unternehmen ebenfalls dazu bewegen können.

Von politischen Wesen und Geldbeuteln auf zwei Beinen

Ausgerechnet während des „Black Friday“ widmet sich die Bildkorrekturen-Konferenz 2017 den Themen Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Welche Eindrücke bleiben? Ein Rückblick auf ein intensives Wochenende.

Regelmäßig am vierten Freitag im November, dem Freitag nach Thanksgiving, beginnt die Weihnachtseinkaufsaison für die Amerikaner und die Amerikanisierten der westlichen Hemisphäre. Die Leute kaufen am sogenannten “Black Friday” ein, als würde ihr Geld morgen endgültig das Haltbarkeitsdatum überschreiten und schlecht werden. Es gibt Videos, etwa aus den USA oder Brasilien, in denen sich Menschen in postapokalyptischer Raserei gegenseitig zu Boden ringen, um eine Levi’s 501 oder den neuesten Samsung-Flatscreen zum halben Preis zu ergattern. Im deutschsprachigen Raum geht der durchschnittliche Konsument dem ehrlichen Faustkampf am Primark-Wühltisch eher aus dem Weg, er bestellt am “Black Friday” lieber bequem online, gerne acht T-Shirts zum Preis von vier.

Wie treffend, dass die Bildkorrekturen-Konferenz zu Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie ausgerechnet am “Black Friday” stattfindet. Bettina Musiolek von der Clean Clothes Campaign mahnt auf dem Podium im Leipziger Veranstaltungszentrum Westbad, wo die Bildkorrekturen-Konferenz stattfindet, der Konsument sei kein Geldbeutel auf zwei Beinen, sondern ein politisches Wesen, während gleichzeitig anderswo in Shopping-Malls Nasenbeine für Handtaschen gebrochen werden. Der Kontrast könnte dramaturgischer nicht sein.

Nicht minder dramaturgisch: Das Aufeinandertreffen von Sven Bergmann, Unternehmenssprecher des ökologisch produzierenden Modelabels Hessnatur und Ansgar Lohmann, – Achtung, modediskurstypisches Wortungetüm – Corporate-Social-Responsibility-Beauftragter des Textil-Discounters Kik. Lohmann verdankt seinen Job dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im Jahr 2013. Unter anderem Kik ließ dort unter menschenunwürdigen Bedingungen Kleidung produzieren und ignorierte die Baufälligkeit des Gebäudes. 1135 Menschen starben bei dem Einsturz, 2438 Menschen wurden verletzt. Das Ausmaß der Katastrophe sorgte weltweit für Entsetzen und zwang Firmen wie Kik, zumindest nach außen hin mehr Verantwortung für seine Mitarbeiter zu propagieren, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Öffentlichkeit über den großen Erfolg der neuen Verantwortlichkeit zu unterrichten, das ist der Job von Ansgar Lohmann. Ein archaischer Wettkampf gut-böse entbrennt, das Plenum findet Bergmann gut und Lohmann verlogen, kritische bis wütende Tweets werden abgesetzt.

Bergmann-Lohmann-Dichotomien sind zu undifferenziert

Die komplexe Struktur der globalen Modeindustrie auf solche Bergmann-Lohmann-Dichotomien herunterzubrechen, kann jedoch nicht im Interesse einer Konferenz sein, die um Differenzierung bemüht ist. Mitorganisator und Podiumsgast Prof. Markus Behmer, der an der Universität Bamberg Kommunikationswissenschaft lehrt, formuliert das Ziel der Bildkorrekturen-Konferenz so: “Uns geht es darum, Stereotypen und Klischees in unseren Köpfen, aber auch in den Medien zu bekämpfen. Wir sind hier, um vereinfachte Bilder zu korrigieren.”

Und es wäre zu einfach, das wird im Laufe der Konferenz immer klarer, die monokausale Schuld an den katastrophalen Umständen in der internationalen Modeindustrie bei Kik, H&M oder anderen Modegiganten festzumachen. Die Frage, die alle Konferenztage durchzieht, lautet: Wer trägt noch Verantwortung? Daran, dass Firmen wie Zara oder H&M den Markt jedes Jahr mit 24 unter menschenunwürdigen Umständen produzierten Modekollektionen überfluten, tonnenweise Überreste alter Kollektionen einfach verbrannt werden und Menschen in Usbekistan oder Indien für die Baumwollproduktion faktisch versklavt werden, ganz abgesehen von verheerenden Umweltschäden durch den enormen Wasserverbrauch und den Einsatz heftigster Pestizide im Baumwollanbau? Um nur drei der erschütternden Einsichten während der Konferenz aufzuzählen. Drei Viertel aller Kleidungsstücke mit dem verkaufsfördernden Label “Made in Italy” kommen in Wahrheit aus Albanien, produziert von Menschen, die von ihrem Arbeitslohn nicht mal durch den halben Monat kommen. Äthiopien entwickelt sich deshalb zum neuen Bangladesch, weil in Äthiopien kein lästiger Mindestlohn gezahlt werden muss wie in Bangladesch seit dem Rana-Plaza-Vorfall 2013. Die Herstellung einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser. Nochmal drei.

Wer also trägt noch Verantwortung? Und was muss sich ändern, damit das System sich ändert? Denn die Missstände in der Modeindustrie seien systemisch bedingt, diese Einschätzung fällt häufig während des Wochenendes. Schuld sei der neoliberale Kapitalismus, der auf Ungleichheit beruhe und unreguliert die Ungleichheit immer weiter vergrößere. Da generelle Systemkritik aber selten einen produktiven Output hat, konzentrieren sich die Podiumsreferenten auch auf konkrete Punkte.

Die Produktion einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser

Die Verantwortung liege durchaus beim Verbraucher, referiert unter anderem Bettina Musiolek. Bewusster Konsum sei das Zauberwort: Schließlich bleibe etwa die Hälfte der Kleidung im durchschnittlichen bundesdeutschen Kleiderschrank völlig ungebraucht. Neben Beschränkung des Konsums sei es ebenso wichtig, Materialen im Produktionsprozess zu sparen, sagt der niederländische Industriedesigner Ed van Hinte. Sprich: Es müssen Wege gefunden werden, eine Jeans zu produzieren, ohne dabei 8000 Liter Wasser zu verbrauchen.

Außerdem werden verschiedene kreative Möglichkeiten der nachhaltigen Modeproduktion vorgestellt, deren Aufzählung die Anglizismenzahl in diesem Text sprengen würde (cradle to cradle, upcycling, slow fashion). Auf dieser Seite steht dem interessierten Leser ein Kurzwörterbuch zu vertiefenden Lektüre bereit. Entscheidend ist: Alle vorgestellten Prinzipien, Handlungsmöglichkeiten und Ansätze sind ehrenwert, aber nur kleine Puzzleteile und bestenfalls geeignet, um ein Umdenken bei Menschen zu fördern, die sowieso bereits sensibel für Umwelt- und Gerechtigkeitsthemen sind. Es ändert nichts daran, dass für die große Mehrheit der Konsumenten ein T-Shirt von H&M für 5 Euro interessanter ist als eine geupcycelte Regenjacke aus alten Reissäcken aus der Modelinie der ugandischen Designerin und Aktivistin Juliet Namujju. 20 Prozent auf alles am “Black Friday” bequem frei Haus mit Amazon ist auch wesentlich interessanter als ein Pullover aus irischer Lammwolle von Hessnatur für 120€.

Staat muss Verantwortung übernehmen

Für eine wirklich nachhaltige Veränderung der Produktionsverhältnisse in der Modeindustrie müsse der Staat Verantwortung übernehmen, sagt Sarah Lincoln, Referentin für Menschenrechte bei der Organisation Brot für die Welt. Regierungen müssten durch politische Intervention aktiv gegensteuern. Genauer: Durchsetzung des Mindestlohns, unabhängige Prüfungen und Qualitätssiegel, verbindliche ökologische Richtlinien, Regulierungen im globalisierten Produktionsprozess. Es brauche diese Gesetze, um die Eigenlogik der Modeindustrie, die alles andere als nachhaltig und fair funktioniert (mit wenigen Ausnahmen, die jedoch gesamtwirtschaftlich kaum ins Gewicht fallen), zu durchbrechen. Dieselbe Argumentation findet sich im Metadiskurs über den Kapitalismus etwa bei dem Star-Ökonomen Thomas Piketty, in dessen Bestseller “Das Kapital im 21. Jahrhundert”.

Was bleibt also? Zunächst die Erkenntnis: Es muss sich unbedingt etwas ändern. Jeder kann in seinem kleinen Radius durch bewussten Konsum dazu beitragen, ein globales Umdenken zu fördern. Es gibt viele spannende Ideen und Ansätze, die die etwa 120 Nachwuchsjournalisten im Plenum interessiert in ihre Blöcke notieren. Während so Artikel entstehen, bricht der “Black Friday” draußen vor der Tür neue Umsatzrekorde. Es ist noch ein langer Weg.

Der „Aha-Effekt“

Hessnatur – Mode, die Umwelt und Mensch respektiert. Sven Bergmann ist verantwortlich für die Unternehmenskommunikation. Sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, ist für ihn eine Leidenschaft. Mehr als nur ein Bestandteil seiner Arbeit. Wir sprechen mit ihm über seine Ziele, Anforderungen an Produktion und Projekte und die große Frage: „Nachhaltige Mode auf internationalen Laufstegen?“

Sven Bergmann, Pressesprecher Hessnatur, Foto: Engagement Global/Bodo Tiedeman

Haben Sie sich für Hessnatur oder hat sich Hessnatur für Sie entschieden?        

Ich habe mir das Unternehmen nicht speziell oder fokussiert ausgesucht, sondern wollte einfach für eine längere Zeit in ein richtiges Unternehmen rein und nicht immer nur für zwei Jahre in eine Agentur. Als Hessnatur mich nach meiner Bewerbung eingeladen hat, habe ich eigentlich sofort festgestellt: Hier ist etwas anders. Die Einarbeitungszeit, die textile Fachschulung, die Art wie die Mitarbeiter miteinander umgehen, welche Substanz dahintersteckt. Das war für mich 2013 ein riesen „Aha-Erlebnis“. Sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, war immer mehr als ein Beruf für mich. Es ist eine Passion, die sich nicht wie Arbeit anfühlt. Die Mitarbeiter im Unternehmen sind wie eine große Familie. Und das ist eine komplett neue Erfahrung, im Vergleich zu den anderen 20 Unternehmen, für die ich vorher gearbeitet habe.

 

Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?

Das ist gar nicht so einfach. Nachhaltigkeit heißt für mich, dass verantwortungsvoll produziert wird, mit Rücksicht auf Mensch, Natur und Umwelt.

 

Hohe Ziele. Können Sie die bei Hessnatur umsetzen?

Auf jeden Fall. Hessnatur ist der Modepionier. Es ist das erste Unternehmen, was überhaupt in diesem Bereich gearbeitet hat. Wir waren bei vielen Projekten, Standards und Entwicklungen Vorreiter. Ich bin da ganz selbstbewusst: Vieles, was heute normal ist und wofür sich andere Unternehmen inzwischen auch engagieren, haben wir angestoßen. Hessnatur war oft 10 oder auch 20 Jahre der Marktentwicklung voraus. Aber auch bei Hessnatur wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Die Leute müssen bereit sein, eben nicht nur 39 € für eine Jeans zu bezahlen sondern 100 €. Es muss ein gewisses Preisniveau da sein, um Nachhaltigkeit auch auf allen Stufen der textilen Wertschöpfungskette durchsetzen zu können. Das sind die Voraussetzungen.

 

Wie lässt sich eine Produktion von Hessnatur beschreiben?

Bei uns gilt eine faire Produktion für das komplette Sortiment. Unsere Sozialstandards und ökologischen Richtlinien gelten für alle Artikel, für alle Produkte. Wir sind ein Unternehmen, das alles in einer Hand hat. Wir verkaufen nicht andere Artikel, auch nicht im Großhandel oder in anderen Kanälen, sondern haben einen eigenen Online-Shop, einen eigenen Katalog und unsere eigenen Stores. Alle Vertriebswege sind in eigener Hand und das gesamte Sortiment ist nach Vorgabe von Hessnatur kontrolliert produziert.

 

Sie tun Gutes, aber reden Sie auch darüber?

Wir machen schon unheimlich viel und versuchen, das, was wir machen, auch nach außen zu tragen. Teilweise stoßen wir da aber auch auf Erschöpfungszustände, um das mal vorsichtig auszudrücken. Man kann eben nicht x-beliebig lange Etiketten drucken, dicke Nachhaltigkeitsberichte schreiben und Texte ohne Ende online stellen, denn letzten Endes ist das nicht das, was überspringt. Deshalb versuchen wir zu zeigen, wie wir arbeiten. Wir stellen Informationen über Projekte online, machen Kampagnen oder beteiligen uns z.B. am Fashion-Revolution-Day. Dass wir dadurch mehr Kunden für uns begeistern wollen als wir haben, versteht sich auch von selbst. Transparenz spielt eine große Rolle, aber man darf die Leute auch nicht überfrachten. Innerhalb von drei bis fünf Sekunden fällt die Entscheidung, ob man weiterliest oder nicht.

 

Wie oft ist Hessnatur vor Ort und überprüft diese Projekte?

So oft wie möglich. Je langfristiger eine Lieferantenbeziehung ist, desto seltener muss man vor Ort sein. Wenn man weiß, dass es dort gut läuft, braucht man nicht so oft dahin reisen. Bei einem neuen Lieferanten sind wir öfter vor Ort. Nicht nur wir, sondern auch z.B. die Fair Wear Foundation überprüft die Produktionsstätten. Sie hat in den meisten Ländern, in denen wir produzieren, Büros vor Ort. Sie gehen nicht nur ins Unternehmen an sich rein, sondern treffen Mitarbeiter auch dort wo sie sich zum Mittagessen aufhalten. Mit allem Vorbehalt ist einmal im Jahr in jedem Fabrikbetrieb entweder jemand von der Fair Wear Foundation oder jemand von uns.

 

Fashion Week in Berlin – Wollen Sie die großen Designer von Ihren Projekten überzeugen?

Es gibt da einen ständigen Austausch, vor allem durch unser Design-Team. Unsere Designerinnen und Designer sind in diesen Themen drin und verfolgen natürlich die Modewelt. Meine große Klammer, mit der ich das immer einbinde, ist die große Konvergenz der Systeme. Es gibt Hessnatur oder die kleineren Anbieter, die aus der Nische kommen, die mehr Kunden gewinnen wollen. Den Aspekt der Nachhaltigkeit berücksichtigen wir schon, jetzt wollen wir aber auch modischer werden. Es gibt natürlich auch die Großen, die modisch sind und nachhaltiger werden möchten. Beide bewegen sich also in die gleiche Richtung. Die große Frage ist: „Wer ist schneller?“. Bei den Lebensmitteln haben die großen Vier das Rennen gewonnen, also Edeka, Rewe, Aldi und Lidl. Ich würde sagen im Bekleidungsmarkt ist das Rennen noch offen.

 

Denken Sie das nachhaltige Mode Potenzial für die internationalen Laufstege hat?

Das ist ein riesiges Thema und das Alleinstellungsmerkmal von Berlin. Es gibt natürlich dieses Rennen zwischen New York, Paris, London und Mailand. Ich glaube, wenn es rein um Mode geht, kann Deutschland nicht mithalten. Aber ein starkes Argument für Deutschland jetzt ist die Verbindung von Nachhaltigkeit und Mode. Der Green Showroom hat in den letzten Jahren immer mehr Zuspruch bekommen. Ich glaube, dass interessiert die internationale Modewelt an Berlin – wie kommen Mode und Nachhaltigkeit zusammen.

 

Ist Ökologie trendy?

Hemmschwellen, die vorher noch vorhanden waren, sind nicht mehr da. Bezeichnungen wie „Öko-Mode, Schlabber-Mode, sieht nicht so toll aus“ sind definitiv vorbei. Auch gesellschaftlich hat sich etwas fundamental verändert. Dazu gehören nicht nur die jüngeren Erwachsenen. Es sind teilweise auch ältere Kunden, die zu uns zurückkommen und sich freuen, wenn die Kollektionen modischer werden. Und das ist ja etwas Positives.

 

 

Keine weißen Westen Erst jetzt gibt sich das Textilbündnis verbindliche Ziele – warum dauert das so lange?

„Ich wünsche Ihnen fair produzierte Kleidung unterm Weihnachtsbaum“, sagt Bernhard Felmberg zum Abschied. Dass das in Deutschland momentan die Ausnahme ist, weiß er selbst. Felmberg sitzt für das Entwicklungsministerium im Textilbündnis, einem Zusammenschluss von Bundesregierung, Zivilgesellschaft und Unternehmen des deutschen Textilmarkts, darunter Größen wie H&M, Esprit, Aldi, Lidl und Tchibo. Es soll die ökologischen und sozialen Bedingungen in der Textilwirtschaft verbessern und für mehr faire Kleidung unterm Baum und im Schrank sorgen.

Nun, drei Jahre nach seiner Gründung, hat das Textilbündnis zum ersten Mal verbindliche Zeit- und Mengenziele für alle Mitglieder beschlossen. Bislang gaben sich die Teilnehmer, die zusammen immerhin die Hälfte des deutschen Textilmarkts abdecken, lediglich individuelle Ziele.

Von 2018 bis 2020 sollen sie besonders an drei Bereichen arbeiten: dem Chemikalieneinsatz, den Sozialstandards und der Verwendung von Naturfasern. So müssen zertifizierte Chemikalien benutzt, Abwässer besser geklärt, ein Prozess zum Umgang mit Kinder- oder Zwangsarbeit etabliert und der Anteil an nachhaltiger und Bio-Baumwolle erhöht werden. Auch müssen sie Produzenten und Geschäftspartner systematisch erfassen – ob die Liste auch veröffentlicht wird, bleibt aber den Mitgliedern überlassen.

Die Ziele sind zunächst bemerkenswert, denn kein deutsches Unternehmen muss Teil des Textilbündnisses sein, das 2014 von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ins Leben gerufen wurde. Er gründete es als Reaktion auf den Einsturz einer Kleiderfabrik in Bangladesch 2013, in der auch deutsche Firmen hatten produzieren lassen. Mehr als 1.100 Menschen starben damals, über 2.400 wurden verletzt. Seitdem setzt er auf die Freiwilligkeit der Branche statt auf harte Vorgaben. Allen Beteiligten ist aber klar: Sollte das Bündnis keine ausreichenden Erfolge erzielen, könnten Gesetze folgen. Kritikern gehen die Ambitionen schon jetzt nicht weit genug und es dauert ihnen zu lange. „Wir brauchen ein Gesetz! Die Bundesregierung ist in der Pflicht dafür zu sorgen, dass deutsche Unternehmen in ihren Lieferketten Menschen- und Arbeitsrechte achten“, forderte kürzlich eine Vertreterin von Brot für die Welt auf der Konferenz „Fashion and Development“ in Leipzig.

Die Kleiderstange hängt voll, doch ist die Auswahl nachhaltig?

Wer verstehen will, weshalb es im Textilbündnis so langsam vorangeht, muss sich die Beteiligten genauer ansehen. Auf den Bündnistreffen kommen Vorreiter für Nachhaltigkeit wie hessnatur und Vaude mit Größen des günstigen Segments wie NKD, KiK und Primark zusammen. 99 Unternehmen mit unterschiedlichen Kunden und Nachhaltigkeitsstrategien treffen aufeinander. Die einen bremsen, den anderen geht es nicht schnell genug. Das aktuelle Papier ist der größtmögliche Konsens von sehr unterschiedlichen Interessen.

So verwundert es auch kaum, dass sich das Textilbündnis noch immer vor klaren Aussagen bei zentralen Fragen drückt, etwa bei der Bezahlung der Textilarbeiter in den Fabriken. Mitglieder müssen laut den neuen Zielvorgaben jährlich lediglich an einer einzigen schwammigen „Maßnahme mitarbeiten, die darauf abzielt, Beschäftigten in Produktionsländern existenzsichernde Löhne zu zahlen.“ Damit verdienen Arbeiter jedoch nicht zwangsläufig mehr Geld. Felmberg vom Entwicklungsministerium räumt ein: „Das Thema existenzsichernde Löhne möchten wir 2018 noch stärker behandeln.“ Das Textilbündnis wird vom Entwicklungsministerium aktuell nur bis Ende 2018 finanziert, doch Felmberg ist zuversichtlich, dass es unabhängig von der künftigen Regierungskoalition fortgeführt wird. „Es ist das größte Multistakeholder-Bündnis weltweit. Tiefgreifende Entwicklungen brauchen ihre Zeit“, sagt er.

Dahinter steckt die Hoffnung, dass sich auf dem Textilmarkt vollziehen könnte, was schon bei Lebensmitteln eingesetzt hat: Ein breiteres Angebot an nachhaltigen Produkten, auch in Discountern, und das wachsende Kundeninteresse dafür. Die Branche kämpft auch mit der Transparenz: Derzeit lassen sich die vielen Arbeitsschritte von der Baumwollernte hin zum fertigen T-Shirt kaum nachvollziehen. Bis es in einem deutschen Geschäft liegt, muss die Baumwolle gepflückt, zu Fäden verarbeitet, gefärbt und gewebt werden, anschließend genäht, verschickt und verkauft. Bei chemischen Fasern ist die Kette ähnlich lang, mit vielen Möglichkeiten für Regelverletzungen.

Als nächsten Schritt peilt das Textilbündnis die internationale Vernetzung an, denn noch ist es ein nationaler Zusammenschluss. Ob das Unternehmen dazu bewegt, freiwillig existenzsichernde Löhne zu zahlen, bleibt fraglich. Das tun häufig nicht einmal die Vorreiter – es gilt als zu großer Wettbewerbsnachteil. Und so könnte es noch dauern, bis unterm Weihnachtsbaum faire, bezahlbare Kleidung liegt.

Fotos: Julia Klaus

Pressefreiheit Kenias in Gefahr? Kontroverse Gesetze auf dem Prüfstand Drei unterschiedliche Perspektiven auf zwei Gesetze, die Kenias Medienlandschaft bestimmen. Ein Feature.

Die Verabschiedung zweier Gesetze führte 2013 in Kenia zu Demonstrationen von Journalisten. Expertenmeinungen von Prof. Levy Obonyo und Eric Chinje und einschlägige Mediensichten beleuchten deren Auswirkungen.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, erzählt von einem jungen, namentlich nicht genannten Journalisten, der einen Artikel über die Ölindustrie schreiben möchte. Er recherchiert ausgiebig, macht seine Arbeit laut Chinje sehr gut. Er findet heraus, dass es geheime, beinahe betrügerische Absprachen zwischen einigen Leuten in der Ölindustrie und der Regierung gibt. Der junge Journalist will dem weiter nachgehen. Er erhält nun Anrufe  – aus der Ölindustrie als aus der Regierung. Und zwar genau von den Personen, deren Verhältnis seiner Meinung nach zu eng war. Sein Artikel fand daraufhin ein jähes Ende. Und das ist der Punkt, so Eric Chinje, an dem die Gesetzgebung in einen falschen Bereich greift. So wie diesem jungen Journalisten ergeht es vielen in Kenia – oder?

Bei dem Gesetz, das Chinje anspricht, handelt es sich um den 2013 verabschiedeten Media Council Act (MCA). Auch die gleichzeitig verabschiedete Ergänzung zum Kenya Information and Communication Act (KICA) ist Teil der Diskussion, die sehr umstritten geführt wird. So sieht beispielsweise Professor Levy Obonyo von der Daystar University in Nairobi den MCA als „fairly progressive“ an. Eric Chinje ist der Ansicht, dass die Regierung damit „beyond being fair“ handelte. Das Committee to Protect Journalists (CPJ) nennt den MCA und die Ergänzung des KICA eine „anti-press legislation“, die zur Selbstzensur von Journalisten führen wird. Ein Thema, drei Meinungen – zunächst aber eine kurze Einführung.

Der Media Council Act erklärt

Beim Media Council Act handelt es sich um einen „Act of Parliament to give effect to Article 34(5) of the Constitution“, wie es im offiziellen Gesetzestext lautet. Einfach ausgedrückt bestätigt der Parlamentsbeschluss den Media Council Kenias, den man als das kenianische Äquivalent zum Deutschen Presserat – zumindest im Printbereich – bezeichnen kann. 2004 begann der Rat als eine selbstregulierende Institution, die von Medien-Stakeholdern mit dem Ziel einer unabhängigen Medienregulierung Kenias gegründet wurde. Drei Jahre später transformierte der Media Act von 2007 den Media Council in eine gesetzliche Institution und es entstand eine Art „Hybrid-System“, wie Professor Obonyo es nennt. Der Media Council erhielt nun staatliche Finanzierungsmittel. 2013 wurde dann der Media Council Act offiziell in die Verfassung Kenias aufgenommen und die Media Council Complaint’s Commission gegründet.

Der Media Council: Rolle und Aufgaben

Der nachstehende Link verweist auf die Homepage des Media Councils. Dort ist eine ausführliche Darstellung der Rolle und Aufgaben zu finden, wie sie der Rat selbst präsentiert.

Who we are

Code of Conduct

Der „Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya“ ist das kenianische Pendant zum Deutschen Pressekodex. Anhand von 25 Schagworten gibt er den Journalisten eine korrekte Arbeitsweise vor.

Diese sind unter dem nachstehenden Link in voller Länge nachzulesen:

Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya

  • Accuracy and fairness
  • Independence
  • Integrity
  • Accountability
  • Opportunity to Reply
  • Unnamed Sources
  • Confidentiality
  • Misrepresentation
  • Obscenity, taste and tone in reporting
  • Paying for news and articles
  • Covering ethnic, religious and sectarian conflict
  • Recording interviews and telephone conversations
  • Privacy
  • Intrusion into grief and shock
  • Gender non-discrimination
  • Financial journalism
  • Letters to the editor
  • Protection of children
  • Victims of sexual offences
  • Use of pictures and names
  • Innocent relatives and friends
  • Acts of violence
  • Editor’s responsibilities
  • Advertisements
  • Hate speech 

 

Die Zielsetzungen und das Selbstverständnis des Media Council entsprechen im Sinn denen des Deutschen Presserats. In mindestens einem Punkt unterscheiden sich die beiden aber gravierend. In Deutschland trägt der Presserat den pejorativen Spitznamen „zahnloser Papiertiger“, denn dessen schärfste Sanktion ist eine öffentliche Rüge. Medien sind nicht einmal dazu verpflichtet, diese auch selbst zu veröffentlichen. Beim deutschen Presserat handelt es sich um einen eingetragenen Verein, der die freiwillige Selbstkontrolle gedruckter Medien übernimmt. Anlass der Gründung war es – unter anderem – ein Bundespressegesetz zu vermeiden, also einen „Gegenentwurf zu staatlicher Kontrolle“ zu präsentieren, wie es auf der Internetpräsenz des Presserats heißt.

Kenianische Journalisten protestieren in Nairobi vor Regierungsgebäuden gegen die neuen Gesetze.

Dies ist des Pudels Kern in der Diskussion um den Media Council Act in Kenia. Dadurch, dass der Code of Conduct – das Pendant zum Pressekodex in Deutschland – im Gesetz verankert wurde, müssen kenianische Journalisten deutlich härtere Sanktionen fürchten als ihre deutschen Kollegen. Sollten sie von einem Tribunal für schuldig befunden werden, eine dieser Regeln zu brechen, müssen die Journalisten mit einer Strafe von bis zu 500.000 kenianischen Schillingen rechnen – Medienunternehmen sogar mit bis zu 20 Millionen (ca. 4.500 Euro respektive 180.000 Euro; Stand Januar 2017). Kenianische Medienhäuser erwirtschafteten jährlich durchschnittlich circa 1,2 Millionen Schilling (knapp 11.000 Euro), so David Ohito, stellvertretender Vorsitzender der Kenya Editor’s Guild, in einem Bericht des CPJ. Fragen nach der Verhältnismäßigkeit der Sanktionen werden so ebenfalls Bestandteil der Diskussion.

„Professionalization of the industry“

Danach gefragt, wie er den Media Council Act von 2013 mit seinen eigenen Worten beschreiben würde, entgegnete Prof. Levy Obonyo dieser sei „fairly progressive“. Denn der MCA – und sein Vorgänger von 2007 – bringe „statutory and non-statutory components together to produce a hybrid system“. Durch die vom Parlament verliehene Macht könnten Menschen zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie von den Vorgaben abwichen. Das Interessante daran sei aber, „that it is driven by the industry itself“, Journalisten also quasi nicht von fachfremden Personen be- und verurteilt würden. Darin sieht er das bereits erwähnte Hybridsystem gestärkt.

Prof. Levy Obonyo während seiner Einführungsrede zur Kenia-Panel-Diskussion der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Die Vorteile des Systems sind Obonyo zufolge, dass viele Fälle, die vorher vor Gericht verhandelt worden wären, nun der Media Council entscheidet. In den Gerichten säßen zwar Rechtsexperten, diese hätten aber oftmals keine Sympathien für die Medien übrig. Daher seien die Urteile in der Vergangenheit oftmals zu harsch ausgefallen. Obonyo fürchtet in diesen Fällen um die Freiheit der Presse. Journalisten verfielen nach derartigen Erfahrungen in eine Angststarre, um nicht ein weiteres Mal dieselben Fehler zu begehen. Diese Angst sei während ihrer journalistischen Arbeit ständig unterschwellig präsent. Obonyo ist der Meinung, dass der Media Council diesbezüglich besonders hilfreich sei. Es wäre weniger einschüchternd vor einen Rat von Kollegen zu treten, als vor Gericht aussagen zu müssen. Zudem würde sich die Regierung nun sogar an den Media Council wenden, um dort ihre Beschwerden vorzutragen, statt Medienleute vorzuladen. Das gebe den Medien die Gelegenheit „to defend itself before a panel that understands what the industry goes through“ – dies sei das progressive Element der Gesetzgebung.

Prof. Obonyo sieht sonst keine großen Veränderungen durch den Media Council Act von 2013. Der Zusatz von 2013 hatte eher einen verwaltungstechnischen Charakter im Hinblick auf die Struktur des Rates. Die grundlegenden Änderungen seien bereits seit 2007 in Kraft. Gebeten, die Thematik mit einem Wort zu erklären, antwortete Obonyo: „Professionalization. Professionalization of the industry.“

„Disturbing but acceptable“

Eric Chinje sieht die Lage bereits etwas kritischer als sein Kollege Obonyo. Es gebe laut Chinje den ständigen Versuch, für Journalisten eine Umwelt zu schaffen, in der sie ihre Möglichkeiten ausschöpfen können. Und genau das wäre es, was der Media Council versucht zu schaffen. Die Regierung habe jedoch andere Anliegen, die eine solche Umwelt freier Meinungsäußerung beeinträchtigen. Daraus resultiere eine ständige Spannung zwischen den beiden Akteuren. Diese nennt Chinje „healthy“, solange sie nicht aus den falschen Gründen angestrebt wird. Im Fall Kenias könne die Spannung aber nicht als gesund bezeichnet werden. Die Regierung „went a little beyond being fair“.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, hielt einen der Keynote-Vorträge auf der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Gleichzeitig sieht er die Journalisten in einer Position, die den Anschein erwecke, sie müsse die Regierung bekämpfen. Beide Akteure sollten aber eigentlich gemeinsame Interessen verfolgen. Sie sollten das beste Interesse des Landes und seiner Bürger verfolgen. Auf die Frage, ob die Regierung bei der Verabschiedung des Media Council Act zu weit gegangen wäre, antwortete Eric Chinje: „Too far maybe not, but the government definitely tried to go farther than it should have, yes.“

Dank dieses Gesetzes herrsche in Kenia unter Journalisten nun ein stärkeres Gefühl der Selbstzensur, als es der Fall sein dürfe. Ein starker Vorwurf. Allerdings relativiert Chinje diese Aussage zumindest in Teilen. Er fügt hinzu, dass das eine einfache Erklärung wäre. Journalisten müssten nun konzentrierter an ihre Arbeit gehen.

You really can no longer be flippant, you have to understand, you have to investigate, you have to research, so that you’re clear about what you’re saying.

Was das Gesetz also auf eine äußerst merkwürdige Art ebenfalls getan hat, den Journalisten eine höhere Verantwortung zu übertragen und – für die Entschlossenen und Hartarbeitenden – die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern.

Allerdings berichtete Chinje im Anschluss von dem zu Beginn erwähnten Journalisten, in dessen Arbeit ein nicht zulässiger Eingriff stattfand. Wenn sich Journalisten in eine Lage gedrängt fühlen, in der sie denken, dass sie vorsichtig sein müssten was sie sagen und schreiben, und sie das von einer bestimmten Qualität ihrer Arbeit abhält, dann sei das ein Problem. Chinje glaube, dass das Gesetz damit seine Befugnisse übersteige. Letztendlich habe das aber guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt. Zwar habe der MCA Einschränkungen mit sich gebracht, Chinje könne aber mit diesen leben. Dennoch meint er, „it would be good if it were revisited“. Eric Chinjes Zusammenfassung lautete: „Disturbing but acceptable“.

„Draconian anti-press legislation“

Was manche Protestanten mit Klebeband vor dem Mund subtil zum Ausdruck bringen möchten, ist auf diesem Spruchband explizit zu lesen.

Die (kenianischen) Pressestimmen sind hierbei aber um einiges deutlicher. Wie bereits erwähnt, sind die Sanktionen bei Nicht-Einhaltung des Code of Conduct mit Recht als unverhältnismäßig anzusehen. Zudem könne den verurteilten Journalisten die Akkreditierung entzogen werden. Hinzu kommen weitere scharfe Vorwürfe von Journalisten an dieses Gesetz: Der Code of Conduct sei „government-dictated“ und das Tribunal, das durch den KICA entstand, „government-regulated“, so das Onlineportal des kenianischen Fernsehsenders Citizen TV. Das Committee to Protect Journalists meint, dass kritische Berichterstattung damit effektiv zum Schweigen gebracht wird. Tom Rhodes, Ost-Afrika-Beauftragter des CPJ, ergänzte, dass Journalisten und Pressekanäle sich so selbstzensieren müssten, um zu überleben.

Ist die Pressefreiheit unter diesen Umständen noch gewährleistet?

Eine klare Antwort auf diese Frage ist nur schwer möglich. Wie Prof. Obonyo schilderte, haben die Gesetze auch Vorteile. Diese sind allerdings nur gegeben, solange der Media Council unabhängig von der Regierung handeln kann. Sobald das regierungsnahe Tribunal die Bearbeitung der Rechtsverletzungen übernimmt, wird es für kenianische Journalisten gefährlich. Bereits die Angst vor derartigen Überschreitungen kann zu Lähmungen in ihrer Arbeit führen. Dennoch meint Eric Chinje, dass die Gesetze guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt hätten.

Das größte Problem der Gesetzgebungen ist es einen Pressekodex im Gesetz zu verankern. Der Deutsche Presserat kann für seine „Machtlosigkeit“ geschmäht werden. Allerdings darf die Presse – wie im Fall Kenias – nicht durch die Regierung beeinträchtigt werden. Entscheiden aber Regierungsorgane wie das Communications and Multimedia Appeals Tribunal in Kenia über die Rechtmäßigkeit journalistischer Handlungen, dann ist das ein unzulässiger Einschnitt in die Pressefreiheit. Victor Briwe – Deputy Chief Executive des Media Council – sieht es ähnlich: „The code of ethics is our problem. It shouldn’t be part of the law.“ Und wenn Journalisten aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung ihrer Arbeit nicht in der nötigen Qualität nachgehen können, ist das wie Eric Chinje sagt ein großes Problem. Besonders Fälle wie die des jungen Journalisten aus Chinjes Erzählung dürfen nicht stattfinden.