Beiträge

Vertuschte Zwangsarbeit

Jeden Herbst werden alle Usbekinnen und Usbeken zur Baumwollernte gezwungen. Freie Berichterstattung über die Missstände ist aufgrund des repressiven Regimes kaum möglich. Nach dem Tod des alten Präsidenten gab es Ausblick auf Besserung – doch zu viele Akteure profitieren von der Zwangsarbeit.

Der ehem. usbekische Präsident Islan Karimov (1938-2016). (Quelle: kremlin.ru, CC 4.0)

Als am 2. September 2016 die Nachricht von Islam Karimovs Tod die Runde machte, herrschte fast so etwas wie Aufbruchstimmung in Usbekistan. Karimov hatte die ehemalige Sowjetrepublik in Zentralasien während seiner 25-jährigen Präsidentschaft in eine der schlimmsten Diktaturen weltweit verwandelt. Als das Regime den bisherigen Premierminister Shavkat Mirziyoyev als Nachfolger Karimovs präsentierte, waren die Dissidenten in Land nach anfänglicher Skepsis sogar optimistisch, dass er entscheidende Reformen zur Liberalisierung Usbekistans anstoßen würde.

Schon vor den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2016 sendete das Regime erste Zeichen der Entspannung. Im November entließ der Staat Samandar Kukanov, einen der weltweit am längsten eingeschlossenen politischen Gefangenen, nach 23 Jahren aus der Haft. Auch nach der formellen Wahl Mirziyoyevs zum Präsidenten signalisierte das Regime den Willen zu Reformen und setzte Anfang 2017 den 18 Jahre lang inhaftierten Journalisten Muhammad Bekschanow auf freien Fuß. Doch hinter der vermeintlichen Entspannung steckte ein anderer Plan: Das Aufpolieren des usbekischen Images in der Welt, um ausländische Investoren anzulocken. Denn unter dem neuen Präsidenten wurde die ökonomische Fortentwicklung zur wichtigsten Priorität in Usbekistan.

„Uzbekistan’s government continued to show a blatant disregard for constitutional provisions, leaving freedom of expression and freedom of the press virtually nonexistent in the country.“

— (Freedom House: Freedom of the Press 2016)

Freiheit der Presse mit Füßen getreten

Schnell stellte sich heraus: Eine nachhaltige Verbesserung der Menschenrechtssituation scheint kaum im Interesse des Regimes zu liegen. Diese Erfahrung musste Edda Schlager Ende 2016 machen. Als einzige deutsche Journalistin, die aus Zentralasien berichtet, reiste sie vor den Präsidentschaftswahlen mit einem Touristenvisum nach Usbekistan, um die Stimmung im Land zu einzufangen. Am 10. November wurde sie von Sicherheitskräften festgenommen und verhört – noch am selben Tag kam sie vor Gericht und wurde aus dem Land geworfen und mit einem dreijährigen Einreiseverbot belegt.

Edda Schlagers eintägige Verhaftung ist ein beispielhafter Fall, der die Einschränkung der Pressefreiheit in Usbekistan dokumentiert. Auch wenn die usbekische Verfassung eigentlich Meinungs- und Pressefreiheit unterstützt, ist eine freie Berichterstattung aus und in Usbekistan in der Praxis nicht möglich. Polizeikräfte an jeder Ecke bestimmen das Stadtbild in Usbekistan, offen mit einem Mikrofon durch die Straßen zu laufen ist nicht möglich. Wenn Journalisten oder Menschenrechtler doch erwischt werden, so drohen ihnen nicht nur Repressalien in Form von Lizenzentzug oder Jobverlust – auch Folter ist in den usbekischen Gefängnissen an der Tagesordnung.

Das Regime tut alles dafür, seine Bürgerinnen und Bürger nur mit den Informationen der Staats-propaganda zu füttern. Medien müssen sich beim Staat registrieren und erhalten nur in den seltensten Fällen eine Lizenz. Seit der Niederschlagung der Proteste in Andijan 2005 können auch ausländische Journalisten und Medienhäuser ihrer Arbeit kaum noch nachkommen. Darüber hinaus kontrolliert das staatliche Telekom-munikationsunternehmen sämt-liche Internet-Services und blockiert für die Bürgerinnen und Bürger den Zugang zu missliebigen Seiten von Medien oder Menschenrechtsorganisationen. Im Pressefreiheits-Ranking der Nichtregierungs-organisation Freedom House steht Usbekistan auf dem drittletzten Platz – nur Nordkorea und Turkmenistan missachten die Freiheit der Medien noch stärker.

Zwangsarbeit bei der Baumwollernte

Frau bei der Ernte in Usbekistan 2015 (© Simon Buxton/Anti-Slavery)

Aus Sicht des Regimes gibt es genug Gründe, die Arbeit von Journalisten einzuschränken. Jeden Herbst werden alle Bürgerinnen und Bürger des Landes zur minimal bezahlten Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern einberufen. Während der Ernte verebbt das öffentliche Leben, selbst essenzielle Ein-richtungen wie Krankenhäuser oder Schulen stehen weitgehend still. Für die Regierung ist das ein riesiges Geschäft: Als weltweit fünftgrößter Exporteur von Baumwolle verdient das Regime laut Angaben von Human Rights Watch und dem usbekisch-deutschen Forum für Menschenrechte (UGF) jährlich über eine Milliarde Dollar, die in eine schwarze Staatskasse wandern.

Und so scheint das Regime empfindlich zu reagieren, wenn man ihm mit finanziellen Einbußen droht. Als Human Rights Watch und das UGF 2017 berichteten, dass Weltbank-Projekte im Land in Verbindung mit Zwangsarbeit standen, intervenierte der Chef der Finanzinstitution Jim Yong Kim beim usbekischen Präsident Mirziyoyev. Die Folge: die Situation besserte sich zumindest kurzzeitig – das System der Zwangsarbeit besteht aber weiterhin. So kommt es bei der Verbesserung der Menschenrechtslage in Usbekistan vielleicht auch auf die internationale Gemeinschaft an. Denn der Reformdruck von innen ist nur schwach ausgeprägt. Trotz des Wechsels an der Spitze Usbekistans profitieren zu viele Akteure von diesem auf Ausbeutung und Überwachung basierenden System. Wenn die Menschenrechtslage in Usbekistan nachhaltig verbessert werden soll, kommt es wie im Falle der Weltbank vor allem auf die internationale Gemeinschaft und Menschenrechtsgruppen an. Denn der Tod des Diktators 2016 hat das usbekische Regime nicht grundlegend verändert. Doch der Optimismus von damals scheint noch nicht komplett verflogen: „Es haben sich ein paar Türen geöffnet”, meint Edda Schlager. „Man muss sie nur noch durchqueren.“

„Cotton is mandatory for everyone. The government gave the orders [to pick] and you will not go against those orders. If I refuse, they will fire me… We could lose the bread we eat.“

Lehrer aus dem Turtkul-Distrikt in Karakalpakstan, lt. Human Rights Watch & UGF („We can’t refuse to pick cotton“, 2017)

Ein verkürztes Bild

In Deutschland gibt es kaum Interesse an Usbekistan. Dabei hat das Land in Zentralasien sehr wohl eine Bedeutung für die Bundesrepublik. Ist das Ignoranz oder Unwissen? Eine Spurensuche in Politik und Medien.

Usbekistan gehört zu den Ländern, von denen die meisten Menschen in Deutschland eigentlich gar kein Bild haben. Wer sich etwas auskennt, denkt vielleicht an den austrocknenden Aralsee, oder weiß, dass in Usbekistan einst die Seidenstraße verlief. Aber egal ob Usbekistan, Tadschikistan oder Turkmenistan: Länder mit der Endung „-stan” bilden aus deutscher Sicht einen ziemlich weißen Fleck auf der Landkarte. Stellvertretend für die gesamte Region Zentralasien liegt Usbekistan so weit abseits jeglicher öffentlicher Wahrnehmung, dass selbst eine Google-Suche nach dem Land in etwa so viele Ergebnisse liefert, wie die Suche nach einer beliebigen deutschen Kleinstadt.

Dabei ist es nicht so, dass in dem Land nichts Interessantes passieren würde. Als Teil der Sowjetunion wurde Usbekistan einst eine wichtige Rolle zugewiesen: der Baumwollanbau für das ganze Reich. Trotz der schwierigen Bedingungen in dem von Wüsten geprägten Land, ist Usbekistan bis heute einer der weltweit größten Exporteure für Baumwolle.

Obwohl sich usbekische Baumwolle in den allermeisten deutschen Kleiderschränken finden dürfte, ist wohl den wenigsten bekannt, dass diese Baumwolle jedes Jahr von tausenden usbekischen Zwangsarbeitern geerntet wird. Egal ob Lehrer, Anwälte, Ärzte, Senioren, oder (zumindest offiziell) bis vor kurzem auch Kinder: Jeden Herbst müssen unzählige Usbeken ihre Heimat und Arbeitsstellen für die Ernte verlassen, um unter schweren Bedingungen und hohem Druck Baumwolle für das Vaterland zu ernten.

“Etwas besser als Nordkorea”

Für die Repressivität des Staates gibt es für die usbekische Menschenrechts-Aktivistin Umida Niyazova nur wenige vergleichbare Länder auf der Welt: „Usbekistan ist der klassische autoritäre Staat. Etwas besser als Nordkorea, aber schlechter als die Türkei oder Russland.” Anders als bei diesen Ländern gibt es allerdings in Deutschland und anderswo kaum Aufmerksamkeit für die Situation in Usbekistan. Schließlich droht hier niemand mit Atombomben und im Vergleich zu Ländern wie Afghanistan oder Pakistan wirkt Usbekistan von außen ruhig und stabil.

Umida Niyazova wurde in Usbekistan wegen ihrer journalistischen Arbeit zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Grund für die prekäre Menschenrechtssituation und Isolation in Usbekistan war lange der autoritäre Staatspräsident Islom Karimov, der schon zu Sowjetzeiten in der Führung des Landes war und seit der Unabhängigkeit 25 Jahre bis zu seinem Tod 2016 regierte. Unter ihm wurden unzählige Menschen gefoltert, zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und die usbekische Presse unterdrückt. Einen traurigen Höhepunkt fand die Härte im Umgang mit unbequemen Kritikern 2005 bei dem Massaker in Andischan. Das usbekische Militär tötete damals hunderte unbewaffnete Menschen bei einer Protestdemonstration. Ein Ereignis, das bis heute weder auf Europäischer Ebene noch von der deutschen oder US-amerikanischen Regierung öffentlich thematisiert wird.

Dabei hätte gerade Deutschland gute Möglichkeiten durch öffentliche Kritik etwas zu bewirken. Und zwar nicht nur, was die weltweite Aufmerksamkeit angeht, meint die Vorsitzende des Usbekisch-Deutschen Forums für Menschenrechte Umida Niyazova. Deutschland hat gute Beziehungen zu Usbekistan und wird – anders als Amerika – innerhalb des Landes ernst genommen.

Deutschland nutzt seinen Einfluss nicht

Schließlich halfen deutsche Bemühungen auch Umida Niyazova selbst, als sie 2007 in Usbekistan wegen ihrer Arbeit als Menschenrechts-Aktivistin und Journalistin zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Nach wenigen Wochen wurde sie freigelassen und konnte Asyl in Deutschland beantragen. Obwohl sie für diese Bemühungen dankbar ist, kritisiert Niyazova: „In Sachen Menschenrechtsverletzungen macht Deutschland keinen Gebrauch von seinem Einfluss in der Region. Es gibt fast keine öffentliche Kritik”.

Sie vermutet, dass die Bundesregierung versucht, die konstruktiven Gespräche aufrechtzuerhalten, um so hinter verschlossenen Türen in Fällen wie ihren eingreifen zu können. Doch ändern wird sich auf diese Weise wohl nichts, meint Niyazova. „Das wurde viele Jahre versucht. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, ein wenig kritischer sein”. Denn obwohl der neue Präsident Shavkat Mirziyoyev zuletzt Hoffnungen auf einen politischen Wandel weckte, lassen jüngste Verhaftungen von Journalisten und Homosexuellen Zweifel an einer Verbesserung der Menschenrechte in Usbekistan aufkommen.

Desinteresse in deutschen Medienhäusern

Aber Usbekistan wird nicht nur auf politischer Ebene vernachlässigt. Auch in den deutschen Medien ist das Land unterrepräsentiert. Aktuell gibt es genau eine freie deutsche Journalistin, die aus Zentralasien berichtet. Edda Schlager ist eine Frau mit kurzen blonden Haaren und einer sehr direkten Art. Genau diese Art braucht die Quereinsteigerin für ihren Job. Edda Schlager schlägt sich mittlerweile seit zwölf Jahren durch die Länder mit dem „– stan” am Ende und ist dabei zum großen Teil auf sich selbst gestellt. Bevor sie in die Gegend reiste und begann dort zu leben, hatte auch sie wenig Ahnung, was sie erwarten würde. „Ich wusste nicht mal, wo Usbekistan liegt, bevor ich hinging.“ Es war jedoch nicht nur Neugierde, die sie in die Ferne trieb, auch ein wenig Pragmatismus steckte dahinter. Zu Beginn dachte Edda Schlager, es wäre sicher ein Leichtes Themen aus Zentralasien an deutschsprachige Medien zu verkaufen, da es hier doch kaum freie Korrespondenten gäbe.

Edda Schlager ist aktuell die einzige freie deutsche Journalistin in Zentralasien. (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Doch relativ schnell erkannte die Journalistin, dass ihre Vorstellung nicht der Realität entsprach. Das Interesse an Themen aus Usbekistan geht in deutschen Redaktionen gegen Null. Edda Schlager steht zwar in gutem Kontakt mit vielen Zeitungsredaktionen, doch oftmals gibt es auf ihre Vorschläge wenig positive Reaktion. „Wenn ich dann einmal ein Thema durch gekriegt habe, dann weiß ich, dass ich die nächsten drei Monaten mich nicht mehr melden muss.“

Im Schatten von Russland und der Ukraine

Natürlich haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten Zentralasien durch Korrespondenten abgedeckt. Sie arbeiten kaum mit freien Journalisten zusammen. Doch die Korrespondenten der ARD und des ZDF finden wenig Zeit für Themen aus Usbekistan und seinen Nachbarländern. Sie haben ihren Hauptsitz in Moskau und sind für Russland, die Ukraine, Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Moldawien und ganz Zentralasien zuständig. Bei einem Team von drei Leuten im Fernseh-Korrespondenzbüro der ARD, bleiben da zahlreiche Themen auf der Strecke. Dessen ist sich auch Golineh Atai bewusst, die seit fünf Jahren in dem ARD-Büro arbeitet: „Gerade in den Krisenjahren von 2013 bis 2016 ist vieles vernachlässigt worden. Da haben wir fast ausschließlich über Russland und die Ukraine berichtet.“ Auch aktuell steht Zentralasien nicht auf Platz 1 der Prioritätenliste. Viele gesellschaftliche Themen aus Russland werden nun von der Redaktion aufgearbeitet. Beispielsweise der Alltag von Frauen im Land oder die Surfkultur an den Stränden. Der Reiz ist groß für deutsche Redaktionen über Russland zu berichten.

Golineh Atai und ihre Kollegen würden jedoch auch gerne mehr Berichterstattung zu Themen aus Zentralasien machen. Ereignisse wie Wahlen in Kirgistan schreiben sie immer in ihren Wochenausblick, der an die Redaktionen in Deutschland geht. Doch sie haben ähnliche Probleme wie Edda Schlager. Themen aus Zentralasien sind kaum gewünscht. „Für unsere Kollegen in Deutschland ist das terra incognita.“ Golineh Atai beschreibt, dass die Redakteure kaum wissen, welche Bedeutung die Länder für Deutschland haben.

Die ARD-Korrespondenten in Moskau waren zuletzt vor zwölf Jahren in Usbekistan selbst. Dabei spielt jedoch nicht nur das geringe Interesse deutscher Redaktionen eine Rolle, sondern auch die repressive Politik der usbekischen Regierung. Nach dem Massaker in Andischan wurden kaum noch ausländische Journalisten in das Land gelassen. Zu groß war die Angst, dass diese etwas über die Hintergründe ermitteln könnten. Die Auflagen waren streng und sind es immer noch.

Eine bessere Zukunft in Sicht?

Erst diesen Sommer wollte Golineh Atai mit einem Fernsehteam nach Usbekistan reisen, um einen Beitrag über Land- und Wasserwirtschaft dort zu berichten. Sie hatten viel Geld und Zeit investiert und es schließlich auch geschafft ein Visum zu bekommen. Dennoch wurde die Reise letztendlich abgesagt. „Die Befürchtungen waren einfach zu groß, dass wir vor Ort nicht viel machen können.“ Im nächsten Jahr soll nun ein weiterer Anlauf gestartet werden. Hier wird ein weiterer großer Punkt, warum die Berichterstattung aus Usbekistan so schwierig ist, klar. Die Planungsunsicherheit ist sowohl für freie Journalisten wie Edda Schlager, als auch Korrespondenten wie Golineh Atai ein Problem.

Beide Journalistinnen würden sich jedoch mehr Aufmerksamkeit und Engagement für Usbekistan wünschen. „Usbekistan hat sehr wohl eine Bedeutung für Deutschland“, sagt Golineh Atai. „Besonders in der Wasser-Diplomatie, aber auch Extremismus, der in Zentralasien entsteht, könnte die nächsten Jahre noch ein großes Thema werden.“ Umida Niyazova hat noch ein anderes Anliegen. Sie möchte ein breiteres Bild mit mehr gesellschaftlichen Themen aus ihrem Heimatland, wie beispielsweise der häufig vorkommenden häuslichen Gewalt. So würde eventuell nicht nur das Interesse bei den deutschen Bürgern, sondern ebenso in der deutschen Politik wachsen. Auch Edda Schlager hofft auf mehr Vielfalt bei den Themen aus Usbekistan in deutschen Medien. „Es ist kein falsches Bild von Usbekistan in den deutschen Medien, aber ein verkürztes.“

Der Preis des „weißen Goldes“ Umida Niyazova lebt mittlerweile seit zehn Jahren in Berlin. Zehn Jahre, in denen sie Usbekistan nicht mehr gesehen hat. In ihrer Heimat hat sich die 42-jährige Journalistin für Bürgerrechte stark gemacht und den staatlichen Baumwollanbau kritisiert. Lehrer, Ärzte, Studenten – Hunderttausende werden alljährlich zum Baumwollpflücken auf die Felder geschickt. Damit sich endlich etwas ändert, führt Niyazova ihren Kampf von Berlin aus weiter.

Im Dezember 2006 wird Umida Niyazovas Laptop bei ihrer Ankunft am Flughafen von Taschkent konfisziert. Die usbekische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin ist auf dem Heimweg von einer Fortbildung in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Auf ihrem Laptop findet die Polizei Recherchematerial zum Andischan-Massaker  sowie einen unfertigen Artikel über die älteste Tochter von Islom Karimov, der Usbekistan von 1991 bis zu seinem Tod im September 2016 mit harter Hand regiert. Der Inhalt von Niyazovas Laptop wird als Gefahr für die öffentliche Sicherheit eingestuft. Sie kommt vor Gericht – Anklage: Propaganda für religiösen Extremismus. Umida Niyazova wird zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Journalistin und Menschenrechtlerin Umida Niyazova/ Quelle: UGF

Elf Jahre später sitzt die heute 42-Jährige im Konferenzraum der Berliner Zentrale von Human Rights Watch Deutschland, mit Blick auf den Hackeschen Markt. Der Menschenrechtsorganisation habe sie es zu verdanken, dass es ihr damals besser erging als anderen Inhaftierten, von denen viele gefoltert wurden. Aber dank des Einsatzes von Human Rights Watch hätten auch die deutsche Bundesregierung und die Europäische Union in ihrem Fall Druck auf das usbekische Regime ausgeübt. Niyazova kommt schließlich nach vier Monaten frei. Sie wird jedoch weiterhin überwacht und darf Taschkent nicht verlassen.

Als Niyazova verhaftet wird, ist sie in Usbekistan keine Unbekannte. Seit den späten 1990er Jahren deckt die studierte Elektroingenieurin Korruption und Machtmissbrauch im Umfeld des Langzeitpräsidenten Karimov auf und kämpft gegen die Verletzung von Menschenrechten in ihrem Heimatland – als Journalistin bei Internews sowie als Aktivistin mit den Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Freedom House. Ein Fokus ihrer Arbeit richtet sich dabei auf den staatlich kontrollierten Baumwollanabau. Der Textil-Rohstoff ist eine der wichtigsten Einnahmequellen Usbekistans, der zentralasiatische Staat der fünftgrößte Baumwollexporteur der Welt. Fast die Hälfte seiner Fläche ist von Baumwollfeldern bedeckt.

Jedes Jahr pflücken rund 2,7 Millionen Usbekinnen und Usbeken während der von September bis Mitte November andauernden Erntezeit das „weiße Gold“. Ein Drittel von ihnen tut dies unter Zwang: Angestellte des öffentlichen Sektors wie Ärzte und Lehrer sowie bis vor kurzem auch Studenten werden für die Erntearbeit von den Kliniken, Schulen und Universitäten in Bussen zu den Feldern gefahren. Dort pflücken sie zehn Tage oder – im Falle der Studenten – zweieinhalb Monate lang Baumwolle, acht bis zehn Stunden am Tag. Entschädigung: sechs bis acht US-Cents pro Kilogramm Baumwolle, beziehungsweise zwei bis drei Dollar am Tag. Davon müssen sie den Transport, ihr Essen sowie ihre zumeist prekären Unterkünfte bezahlen.

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=bGL7vLYooAA[/embedyt]

Die Arbeiter werden in Bussen zu den Baumwollfeldern gefahren. Quelle: UGF

Die Bedeutung der Baumwolle in Usbekistan reicht weit zurück, in die Zeit, als das Land eine Teilrepublik der Sowjetunion war. Seit den 1920er Jahren wurde ihr Anbau systematisch gefördert. Davon zeugt auch der heutige Zustand des Aralsees, den sich Usbekistan mit seinem Nachbarn Kasachstan teilt. Da das Wasser des Sees in Kanälen zu den Baumwollfeldern umgeleitet wurde, ist das einst viertgrößte Binnengewässer der Erde heute in weiten Teilen nur noch eine Salzwüste.

Die Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern hat ihre Wurzeln ebenfalls in der sowjetischen Ära. Umida Niyazova erinnert sich noch heute an den Moment, als ihre Mutter, eine Lehrerin, zur Ernte gerufen wurde:

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=3w2jDjyu9Uc[/embedyt]

Umida Niyazova erzählt im Büro von Human Rights Watch von ihrer ersten Erinnerung an die Zwangsarbeit.

Auch Niyazova selbst musste als Studentin Baumwolle pflücken. Doch, sagt sie, zu Sowjetzeiten sei die Arbeit erträglicher gewesen. Die Zwangsarbeiter seien besser bezahlt worden und das zu pflückende Soll pro Arbeiter sei niedriger gewesen. Bis heute bestimmt die usbekische Regierung in einem Jahresplan, wie viel Baumwolle geerntet werden muss. Für 2017 sah sie einen Mindestertrag von 3,5 Millionen Tonnen vor. Diese Landesquote wird auf die Regionen heruntergerechnet. Deren Vorsitzende legen fest, wie viel Baumwolle jede ihnen unterstehende, öffentliche Institution zu ernten hat. Letztere, also beispielsweise Schulen oder Krankenhäuser, müssen dann anhand der vorgegebenen Quoten bestimmen, wie viele ihrer Angestellten auf die Felder geschickt werden und welchen Ernteertrag jeder Einzelne von ihnen zu erbringen hat. Zu Sowjetzeiten fiel diese Pro-Kopf-Quote geringer aus als heute, da für die Baumwollernte vor allem Maschinen eingesetzt wurden. Seit der Unabhängigkeit Usbekistans Anfang der 1990er Jahre hat sich das geändert: Heute wird zu 90 Prozent von Hand gepflückt, da die so geerntete Baumwolle von höherer Qualität ist. Denn Maschinen grasen alles ab, auch Ungeziefer und verunreinigte Blüten, während Handpflücker nur das pure, „weiße Gold“ ernten.

Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis im Mai 2007 wird es für Umida Niyazova zunehmend schwierig, ihre Arbeit als Journalistin und Menschenrechtsaktivistin fortzuführen: Sie darf ihre Wohnung zwischen 10 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht verlassen und wird vom usbekischen Geheimdienst noch stärker und offensichtlicher überwacht als zuvor. Wieder erhält sie Hilfe von Human Rights Watch. Am Ende setzt sich die Europäische Union dafür ein, dass Niyazova im Herbst 2008 mit ihrem damals dreijährigen Sohn ausreisen kann. Ihr Ehemann hat das Land bereits früher verlassen. Heute arbeitet er als Journalist für Radio Free Europe in Prag und fährt jedes Wochenende zu seiner Familie nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt arbeitet Umida Niyazova nach ihrer Ankunft zunächst für Human Rights Watch. 2009 gründet sie mit anderen usbekischen Exilanten das Uzbek-German Forum for Human Rights UGF. Von ihrer neuen Heimat aus kämpft sie weiter gegen die Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan.

Mit einer weiteren festangestellten Mitarbeiterin sowie Teilzeit-Angestellten koordiniert Umida Niyazova von Berlin aus die Arbeit des UGF. Sie schreibt über die Menschenrechtslage in Usbekistan, arbeitet mit anderen NGOs zusammen und versucht, für ihre Anliegen Gehör bei europäischen Politikern zu finden. In Usbekistan ist für Niyazova und ihr Team ein Netz von Informanten auf den Baumwollfeldern unterwegs. Sie sprechen mit den Zwangsarbeitern und schreiben Berichte über die aktuelle Lage im Land. Mit ihren Informanten kommuniziert Umida Niyazova über geheime Kanäle, zu denen sie nichts Näheres sagen will, um ihre Leute vor Ort nicht zu gefährden. Dank diesen gelangen in Niyazovas Berliner Büro Informationen, welche die immer noch verheerende Menschenrechtssituation in Usbekistan beleuchten. Ein Beispiel dafür ist die Mitschrift der demütigenden Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent, die Radio Free Europe Anfang November zugespielt wurde.

Mitschrift der Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent

Mitschrift der Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent/      Quelle: UGF

All dies mag nicht zu aktuellen Bildern aus Usbekistan passen: Im Land herrscht Aufbruchsstimmung. Nach dem Tod Islom Karimovs Ende vergangenen Jahres ist mit Shavkat Mirziyoyev ein neuer Mann an die Spitze Usbekistans getreten. Mirziyoyev war zwar unter Karimov Premierminister und ist genauso Teil der alteingesessenen usbekischen Machtelite wie sein Vorgänger, doch bei vielen im Land weckt er die Hoffnung auf bessere Zeiten. Umida Niyazova bestätigt, dass sich unter Mirziyoyev eine Öffnung des Landes abzeichnet. Aber sie warnt, dass sich diese – ähnlich wie in China oder Russland – auf die wirtschaftliche Liberalisierung beschränken werde und das autoritäre, auf Repression seiner Bürger setzende System erhalten bleibe.

Umida Niyazova bleibt skeptisch, obwohl sie und das Uzbek-German Forum erst kürzlich einen Erfolg im Kampf für die Menschenrechte in Usbekistan verzeichnen konnten. Im Rahmen der UN-Generalversammlung nahm der Präsident der Weltbank, Jim Yong Kim, Shavkat Mirziyoyev zur Seite. Über den Inhalt ihres Gesprächs ist nichts Näheres bekannt, aber kurz darauf kündigte der neue usbekische Staatspräsident an, dass die derzeit rund 200.000 zur Zwangsarbeit verpflichteten Studenten die Baumwollfelder umgehend verlassen dürften. Dass der Weltbank-Chef seinen Einfluss geltend gemacht hat, dürfte nicht zuletzt dem Report zur Zwangsarbeit in Usbekistan geschuldet sein, den das UGF und Human Rights Watch gemeinsam veröffentlicht haben. Darin klagen sie die Weltbank an, in Usbekistan Entwicklungs-Projekte zu finanzieren, die auf Zwangsarbeit setzen.

Trotz dieser anscheinend positiven Entwicklung kann sich Umida Niyazova auch hier nicht richtig freuen, denn die Studenten würden einfach durch andere Zwangsarbeiter ersetzt. Zudem koste es nun mehr, sich von der Feldarbeit frei zu kaufen. Wer keine Zwangsarbeit leisten will oder aufgrund einer Krankheit nicht kann, muss einen Ersatz für sich finden und bezahlen. Andernfalls drohen Sanktionen; beispielsweise werden soziale Leistungen gekürzt. Private Unternehmen sind von der Regierung ebenfalls dazu verpflichtet, Arbeiter für die Baumwollernte anzustellen. Und die Preise für solche Leiharbeiter sind seit Ende September gestiegen, sagt Niyazova: Eine Lehrerin beispielsweise müsse nun nicht nur ihren eigenen Arbeitsausfall, sondern auch den eines Studenten bezahlen.

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=Mav6hzeJi44[/embedyt]

Im Herbst auf den Baumwollfeldern Usbekistans. Quelle: UGF

Die aktuelle Situation erinnere sie an 2014, als die usbekische Regierung – ebenfalls unter internationalem Druck – die Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern offiziell abschaffte. Davor mussten auch Kinder ab neun oder zehn Jahren ihren Erntedienst leisten. Doch seit sie davon befreit sind, werden mehr Erwachsene zur Zwangsarbeit verpflichtet, darunter viele Lehrer, die während der Erntezeit an den Schulen fehlen. Und es gebe inzwischen auch Hinweise dafür, dass trotz staatlichen Verbots in gewissen Regionen weiterhin Kinder zur Arbeit auf den Baumwollfeldern gezwungen werden:

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=NGM-wlQjhWE[/embedyt]

Umida Niyazova erklärt in Berlin, weshalb trotz offiziellen Verbots teilweise immer noch Kinder auf den Feldern arbeiten müssen.

Die Arbeit von Umida Niyazova und des Uzbek-German Forums für die Durchsetzung der Menschenrechte in Usbekistan ist also noch lange nicht beendet. Aber trotz allem schöpft auch sie nach der Intervention der Weltbank Hoffnung, dass grundlegende Veränderungen in ihrem Heimatland möglich sind.

Gerne würde sie nach Usbekistan, zu ihren Eltern und Geschwistern, zurückkehren. Doch Umida Niyazova macht sich wenig Hoffnung, dass das bald möglich sein wird, da sie immer noch als einer der größten Staatsfeinde gelte und erst kürzlich ein mit ihr befreundeter Blogger und ein regimekritischer Schriftsteller verhaftet worden seien.