Beiträge

Textilproduktion in Albanien: „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“

Wegen schlechter Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern stehen viele Textilunternehmen in der Kritik. Im Fall von Albanien liegt die Verantwortung allerdings nicht nur bei den Firmen – man muss das Gesamtbild betrachten.

Die Maximilianstraße in München. (Foto: Sylvia Suppé)

Wenn in der Vorweihnachtszeit die Abende länger werden, entfaltet die Maximilianstraße ihre Wirkung erst so richtig. Hell erleuchtete Schaufenster tauchen Münchens Prachtstraße in einen goldenen Schimmer, opulent ausgestattete Dekorationen und viele Ziffern auf den Preisschildern versprechen den Flaneuren: Bei Dolce & Gabbana, Armani oder Versace kauft man nicht einfach nur Kleidung, sondern feingearbeitete Kunst und hochwertige Luxusprodukte. „Made in Italy“, das spricht für sich – möchte man meinen.

Wer die Spur der teuren Kleidungsstücke zurückverfolgt, landet oft in denselben Orten, in denen auch weniger glamouröse Marken wie H&M oder Deichmann produzieren lassen. Es sind keine kleinen Designwerkstätten, sondern Fabriken mit mehreren Hundert Beschäftigten, in denen gearbeitet wird. Und sie befinden sich nicht in Italien, sondern in einem südosteuropäischen Land mit knapp drei Millionen Einwohnern und gut tausend registrierten Textilunternehmen[1]: Albanien.

Der kleine Balkanstaat läuft klassischen Produktionsländern wie China und Bangladesch zunehmend den Rang ab in Sachen Textilarbeit, denn die Vorteile sind offensichtlich: Vor der politischen Öffnung Albaniens in den 1990er Jahren fand der überwiegende Teil der Kleidungsherstellung innerhalb der Grenzen des damals sozialistischen Landes statt. Gut ausgebildete Arbeitskräfte gibt es deshalb heute noch en masse. Ein bewusst niedrig angesetzter Mindestlohn von 22.000 albanischen Lek im Monat, umgerechnet rund 165 €, und politische Stabilität machen das OSZE- und WHO-Mitglied für Investoren zusätzlich attraktiv – gerade für italienische Firmen. Die geografische Nähe (ca. 70 km Luftlinie von Küste zu Küste) und bei den Albanern weitverbreitete Italienischkenntnisse erweisen sich als unschlagbarer Standortvorteil, sodass geschätzt 80 Prozent der jährlich in Albanien gefertigten Kleidungsstücke auf die gegenüberliegende Adriaseite exportiert werden.

„Outward Processing Trade“ und die Folgen

Dass auf den Etiketten dieser Produkte trotzdem „Made in Italy“ prangt, liegt daran, dass sie zwar in Albanien gefertigt, aber nicht komplett hergestellt werden. Hinter „Outward Processing Trade“ oder kurz OPT[2] verbirgt sich ein Produktionssystem, das es europäischen Unternehmen ermöglicht, halbfertig vorproduzierte Teile von Kleidungsstücken ins Ausland zu liefern und dort weiterverarbeiten zu lassen. Der Re-Import ist anschließend zollfrei, sodass arbeitsintensive Schritte legal in lohngünstige Länder ausgelagert werden können, ohne das Label der Inlandsproduktion zu verlieren. „Passive Veredelung“ nennt sich das Verfahren auf Deutsch und ermöglicht bis zu 13-mal höhere Verkaufspreise, während meist weniger als fünf Prozent des Erlöses auf Lohnkosten entfallen. Veredelt werden vor allem Gewinne.

Ordensschwester Christina leitet eine katholische Ambulanzstation in Shkodra, einer größeren Stadt im Norden Albaniens. Eine ihrer Patientinnen hat sich in einer Textilfabrik an einer 200 Grad heißen Maschine den Handrücken verbrannt. Die tiefe Wunde geht bis auf den Knochen, die Heilung wird lange dauern. Trotzdem drängt sie auf eine baldige Rückkehr zur Arbeit, denn ein langer Ausfall kann sie den Job kosten. 16.000 Lek (ca. 123 €) verdient die Patientin in der Textilfabrik. Nicht viel für Acht-Stunden-Schichten an sechs Tagen in der Woche und deutlich unterhalb des Mindestlohns. Trotzdem kann sie auf dieses Einkommen nicht verzichten.

Wenn der Lohn nicht für die Miete reicht

Wie schwierig die Situation für die meist weiblichen Angestellten in Albaniens Textilfabriken ist, zeigen Berichte der „Clean Clothes Campaign“ (CCC). Seit 1989 kämpft die Nichtregierungsorganisation für mehr Rechte und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit. Ihre Untersuchungen zeigen, dass neben weiteren Arbeitsrechtsverletzungen (Arbeitszeiten, Arbeitsschutz, Krankheitsfall) etwa die Hälfte der Arbeiterinnen in Albanien weniger als den gesetzlich festgelegten Mindestlohn verdient. Laut Zahlen der zivilgesellschaftlichen Organisation „Coherent Development Albania“ (CoDe) sind Überstunden die Regel, meistens werden sie nicht vorschriftsmäßig vergütet. Schwester Christina berichtet zudem von Fällen, in denen selbst diejenigen Arbeitgeber, die sich offiziell an gesetzliche Regelungen halten und Abgaben sowie Löhne überweisen, Teile des Gehalts in bar wieder einfordern – sonst würde den Angestellten gekündigt.

Dr. Monika Kleck. (Foto: Sylvia Suppé)

Dr. Monika Kleck hat lange für die kirchliche Organisation Renovabis gearbeitet und Hilfsprojekte in Albanien koordiniert. Mehrmals im Jahr reiste sie selbst ins Land, um sich vor Ort persönlich einen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Ihre Beobachtungen bestätigen die Ergebnisse des CCC-Berichts: „In Sachen Lebenshaltungskosten ist es so, dass die Leute oft in einem Haus wohnen, das ihnen gehört – weil man von dem, was sie verdienen, kaum die Miete zahlen könnte“. Berechnungen der „Clean Clothes Campaign“ gehen davon aus, dass der Mindestlohn nur etwa ein Viertel des Existenzminimums einer durchschnittlichen Familie abdeckt. Zugleich versuchen die Familien sich ihre wahre Situation nicht anmerken zu lassen. „Die Häuser sind meistens schnell hochgezogen, sie sehen auf den ersten Blick groß und protzig aus, aber innen ist so gut wie nichts drin“, so Dr. Kleck. Obst und Gemüse bauen die Männer im eigenen Garten an, weil die Lebensmittelpreise zu hoch sind – reguläre Arbeit finden gerade sie oft nicht. „Sich um die Kinder kümmern, im Café sitzen, Backgammon spielen, das sind die positiven Fälle. Es gibt auch genug Männer, die trinken“. Den Lebensunterhalt verdienen die Frauen in den Fabriken.

Bildkorrekturen: Veränderung oder Verdrängung?

Albanien als Thema der Bildkorrekturen-Konferenz
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig diskutieren jedes Jahr Studierende, Journalist*innen sowie Fachleute über entwicklungspolitische Themen. Die Vorschläge der Expert*innen zeigen eine Vielzahl von Möglichkeiten auf, wie sich die Situation der albanischen Fabrikarbeiterinnen verbessern ließe. Sie reichen von mehr medialer Aufmerksamkeit für das Thema über Forderungen nach besseren Bildungsangeboten und wirksamerer gewerkschaftlicher Organisation der Angestellten bis hin zu stärkerem Druck auf supranationaler Ebene. Aus westlicher Perspektive klingen diese Vorschläge sinnvoll – ob sie allerdings erfolgsversprechend sind, wirkt zweifelhaft, wenn man sich mit den Menschen außerhalb der wissenschaftlich fokussierten NGO-Filterblase unterhält.

Sowohl Ordensschwester Christina als auch Dr. Kleck sehen die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken als offenes Geheimnis an, von dem die Menschen in Albanien wissen, über das aber nicht gesprochen wird. Gewerkschaften existieren, deren Führer pflegen jedoch enge Beziehungen zu Politik und Wirtschaft. Ihre Interessen liegen laut Berichten oftmals eher auf dem eigenen finanziellen Vorteil als auf dem Schutz der Arbeiterinnen. Denn: „Es gibt Gesetze und es wird kontrolliert, aber die Kontrolleure sind bestechlich. Diese Schattenwirtschaft gibt es definitiv“. Ähnlich sieht es in einem weiteren Geschäftsbereich Albaniens aus, in dem nur selten der Mindestlohn gezahlt wird: den Callcentern. Dr. Kleck hat gesellschaftliche Projekte in vielfältigen Bereichen betreut und auch mit jungen Menschen zusammengearbeitet, die oftmals gut ausgebildet sind: „In den Callcentern, die haben alle studiert. Aber die haben alle viele Bewerbungen geschrieben und keine Arbeit in ihrem Bereich bekommen“. Gute Bildung allein scheint demnach nicht vor unterbezahlter Arbeit zu schützen. „Wenn man in diesen Nähfabriken 200 bis 300 Euro bekommt, ist das miserabel. Wenn man aber weiß, dass auch ein Lehrer nicht mehr als 400, 500 Euro hat, relativiert sich das etwas“, so Dr. Kleck.

Politologin Artemisa Ljarja war eine der Expertinnen auf der Konferenz.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Spricht man die Konferenzteilnehmer auf diese Themen an, winken sie nur resigniert ab: Korruption und Politikversagen seien keine guten Gesprächsthemen – sie werden eher als unveränderliche Komponente hingenommen. Die Stimmung changierte zwischen Frustration und Verdrängung.

Die albanische Landflucht ab den 1990er Jahren

Schulen, Straßen, Brücken:
verwahrloste Infrastruktur in Albaniens Bergregionen
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Die Migrationsbewegungen innerhalb Albaniens, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, legen allerdings nahe, dass die momentane Situation auf dem Arbeitsmarkt gewollt ist: „Um das Jahr 2000 herum oder auch schon seit den 90er Jahre sind sehr viele Leute, die früher in den Bergen lebten, in die Ebene gezogen sind, also in die Küstenregionen. Das liegt daran, dass der Staat die Berge systematisch vernachlässigt hat“, meint Dr. Kleck. Schulen, Krankenhäuser, sogar Straßen und Brücken wurden kaum noch instand gehalten, die Bewohner dadurch zum Verlassen der Region geradezu gezwungen.

Das schwierige Leben der Bergbewohner, hier nahe Fushë-Arrëz.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

„Ich muss wirklich sagen, es ist absolut schwierig in der Bergregion zu überleben“. Hinzu kommt, dass unter den Bewohnern immer wieder Gerüchte lanciert worden sind, der Staat würde Umsiedlern in die Küstenregionen kostenlos Land zur Verfügung stellen. Die Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung auf Besserung trieb viele Menschen in die Städte, wo auch die Textilfabriken angesiedelt sind.

„Das hat dazu geführt, dass in den größeren Städten, Tirana, Durrës, aber auch Lezha, Shkodra richtige Siedlungen neu entstanden sind von diesen Familien, die aus den Bergen dorthin gezogen sind“, so Dr. Kleck weiter. „Und diese Siedlungen sind meist sehr, sehr ärmlich“. Sie kommen den Vorstellungen von Slums in Asien oder Afrika sehr nahe.

Siedlungen am Rand Albaniens großer Städte, hier in Shkodra. (Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Slumartige Verhältnisse in Europa.
(Foto: Renovabis / Dr. Monika Kleck)

Finanzielle Abhängigkeit als Mittel

Neben hoher Arbeitslosigkeit erzeugt vor allem das Gesundheitssystem finanzielle Abhängigkeit, der Krankenhausalltag von Ordensschwester Christina zeigt das sehr deutlich: Eine ihrer Patientinnen wurde bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. „Drei Wochen lag sie im Militärhospital und die haben sie einfach liegen gelassen. Jeden Tag musste die Familie Verbandszeug und Antibiotika selbst in der Apotheke kaufen. Dann wurde sie nach Hause geschickt – jetzt ist die Familie pleite“. Dr. Kleck bezeichnet das öffentliche Gesundheitssystem sogar als kollabiert: „Wenn man in die Krankenhäuser geht, dann sagen die Ärzte meistens: ‚Ich hab da und da meine Privatklinik‘. Nur dort wird man ordentlich behandelt und zahlt dann auch ganz ordentlich“.

Dass in Albanien rund 150.000 Menschen und damit fast die Hälfte aller im produzierenden Gewerbe Tätigen in der Textilindustrie arbeiten, liegt also mit daran, dass von verschiedenen Seiten diesem System zugearbeitet wird. Es gibt kaum Arbeitsplätze für Gutausgebildete, dafür eine umso größere Zahl an Arbeitsuchenden. Deren Lage wird durch das Überangebot zusätzlich prekär – alle sind ersetzbar. Wohlfahrtsstaatliche Unterstützung in Form von Sozialhilfe wird selten ausgezahlt und reicht kaum zum Leben. So bleibt denjenigen, die zum Arbeiten nicht ins Ausland gehen wollen oder können, oft nur der Weg in einen der Billiglohnsektoren. So schlecht die Stellen auch bezahlt sein mögen und so widrig die Arbeitsbedingungen, vielen Menschen in Albanien sichern sie das Überleben. Schwester Christina berichtet von einer weiteren Patientin: Sie „arbeitet seit 15 Jahren in einer Schuhfabrik. Sie suchte mit einer Verletzung am Auge bei uns nach Hilfe. Sie verdient lediglich 13.000 Lek plus Versicherung, trotzdem bat sie mich, alles fest zu verbinden, damit der Staub in der Fabrik nicht in die Wunde kommen konnte“. Die eigene Gesundheit muss zurückstehen, die Arbeit geht vor – bei einem Gehalt von unter 100 Euro.

Erfolg auf dem Rücken der einfachen Leute

Ungewöhnlich deutlich sprach US-Botschafter Donald Lu das Zusammenkommen von Vetternwirtschaft, Korruption und Justizversagen in Albanien an. Bei einer Festrede vor einigen Monaten erhob er schwere Vorwürfe – und niemand widersprach ihm. Zu offensichtlich sind die Anzeichen.

Dr. Klecks Fazit fällt ähnlich deutlich aus: „In Albanien kommt viel zusammen: Eine korrupte Regierung, ein dysfunktionales Staatssystem, ein fast zusammengefallenes Gesundheitssystem, fehlende Arbeitsplätze“. Gerne wird dieser größere Rahmen ausgeblendet und die Verantwortung für die Situation der Textilarbeiterinnen den Fabrikbesitzern und Modekonzernen zugeschoben – zu Recht, denn sie sind es, die ihre Angestellten schlecht bezahlen und unter gefährlichen Bedingungen arbeiten lassen. Doch zugleich gehen wirtschaftliche Akteure nur soweit, wie ein Staat sie lässt. Albaniens Politik der letzten Jahrzehnte scheint darauf ausgelegt zu sein, die gegenwärtige Situation erst erschaffen zu haben: Billige Arbeitskräfte in großer Zahl, die für das eigene Überleben nahezu alles machen – der Nährboden für schnelles Wirtschaftswachstum. Die Produktionsbedingungen erscheinen so weniger als Ursache und eher als ein Symptom für die Gesamtsituation im Land.

Schaut man auf die nackten Zahlen, kann man im Falle Albaniens von einer Erfolgsgeschichte sprechen: Das kleine Balkanland glänzt mit wirtschaftlichen Wachstumsraten, die meist doppelt so hoch wie der europäische Durchschnitt liegen – allerdings zum Preis der schlechtesten Arbeitsbedingungen und des höchsten Armutsrisikos auf dem Kontinent.[3] „Man muss am Gesamtsystem arbeiten“, meint deshalb Dr. Kleck.

Überleben ohne Leben

Für die Beschäftigten der Textilindustrie reicht es oft zum Überleben – nicht jedoch zum Leben: „Für Lebensmittel oder Kleidung, da gibt es Märkte, die das ganz billig verkaufen, aber der Preis im Geschäft ist ein anderer. Hygieneartikel sind teilweise teurer als in München“, so Dr. Kleck. CoDe Albania kommt zu dem Schluss, dass die Fabrikarbeiterinnen und ihre Familien deshalb nicht nur in den Unternehmen ausgebeutet werden, sondern auch sozial exkludiert werden. „Ein würdevolles Leben als Mitglieder der Gesellschaft ist damit nicht möglich“. Was in Deutschland in Artikel 1 des Grundgesetzes steht, wird in Albanien geschäftlichen Interessen geopfert.

Der Sprung zurück auf die Maximilianstraße könnte größer nicht sein: Wer sich das erhabene Gefühl des weihnachtlichen Schaufensterbummels in Zukunft nicht nehmen lassen will, muss sich nicht mitschuldig fühlen. Im Hinterkopf behalten sollte man aber, dass nur ein Bruchteil des Kaufpreises der sündhaft teuren Schuhe den Lohn der albanischen Arbeiterinnen ausmacht, während das Gros die Geschäftsbilanzen der Modekonzerne schmückt.

 

[1] Zahlen von INSTAT (Republic of Albania Institute of Statistic) aus dem Jahr 2015

[2] European Commission: Taxation and Customs Union

[3] Clean Clothes Campaign: Country Profile – Albania

Bildkorrekturen-Podcast #1: Mythos „Made in Europe“ – Saubere Kleidung aus Europa?  Ein Gespräch mit Bettina Musiolek und Edith Dietrich

„Made in Europe“ – das steht für Qualität, Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen. Wer in Europa produzieren lässt, setzt auf die Verlässlichkeit regulierter Märkte und bestehender Verträge. Ein Gütesiegel, das sich nicht nur Autobauer und Lebensmittelproduzenten nur allzu gerne auf die Fahnen schreiben. Auch in der Textilindustrie setzen viele namhafte Hersteller aus Deutschland oder Italien auf die vermeintlich saubere Produktion in Europa.

Die Realität in den Fabriken in Albanien, Mazedonien oder Rumänien gibt allerdings ein anderes Bild ab: Die Auslagerung der Produktion von Kleidung und Schuhen in osteuropäische Länder bezahlen die ArbeiterInnen. Mit Hungerlöhnen, 12-Stunden-Schichten und blutigen Fingern. Unbemerkt vom öffentlichen Fokus haben sich auch in Europa Sweatshops etabliert, in denen Arbeitsrechte mit Füßen getreten werden und Ausbeutung die Regel ist.

Bettina Musiolek, Mitbegründerin der deutschen Clean Clothes Campaign und Verantwortliche für das Referat Wirtschaft und Menschenrechte im Entwicklungspolitischen Netzwerk Sachsen e.V., weiß um die Scheinheiligkeit des Mythos „Made in Europe“. Seit Jahren recherchiert und publiziert sie zu den Verhältnissen in den Kleider- und Schuhfabriken in den Niedriglohnländern Osteuropas. Auch Edith Dietrich, freie Fernsehjournalistin für den WDR, konnte sich während ihrer verdeckten Recherchen in Rumänien ein Bild machen.

In unserem Podcast von der bildkorrekturen-Konferenz 2017 in Leipzig erzählen sie von den Zuständen in den Textilfabriken, von der Systematik der Einschüchterung, von intransparenten Profiteuren und – nicht zuletzt – von der Verantwortung, die Politik, Unternehmen und Konsumenten zukommt.

„Verbraucher sind keine Geldbeutel auf zwei Beinen“ – Bettina Musiolek glaubt an das Bewusstsein der Konsumenten

Nachsehen, wie es vor der eigenen Haustüre aussieht: Edith Dietrich wurde von Bettina Musiolek auf das Thema ihrer letzten Recherchen gebracht

Es gibt auch Anlass für Optimismus: Je mehr das Thema in den öffentlichen Fokus rückt, desto größer ist die Chance, dass sich die Zustände ändern

Albanien – Billige Modeproduktion vor Europas Haustür

Aufnahmen aus einer albanischen Modefabrik

Näherinnen in einer albanischen Modefabrik (Quelle: Erjona Rusi)

Die albanische Journalistin Erjona Rusi steht wieder an einer Bushaltestelle, irgendwo am Stadtrand von Tirana. Für eine Recherche versucht sie, mit Näherinnen einer Textilfabrik ins Gespräch zu kommen. Nach Ende der Schicht verlassen sie in Scharen das Gebäude und fahren mit dem Bus nach Hause. „Ich gehe nicht direkt zur Fabrik, dort würden die Frauen nie offen mit mir sprechen“, sagt Rusi.

In Albanien, am Rande Europas, wird fleißig für den europäischen Markt produziert. Die Textilbranche ist neben der Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftssektor des Landes. 20 Prozent der Bevölkerung sind hier beschäftigt. Wenn die T-Shirts und Schuhe in den Fashionboutiquen Westeuropas landen, steht dann oft „Made in EU“ darauf. Ein Label, das zunächst nach guten Arbeitsbedingungen für die Näherinnen und fairen Löhnen klingt. Doch die Realität in den Fabriken sieht oft anders aus.

Das hat Bettina Musiolek für die Studie Labour on a Shoestring herausgefunden. Sie leitet das   EineWeltBüro in Sachsen und ist Mitbegründerin der deutschen Clean Clothes Campaign, welche sich unter anderem für bessere Arbeits- und Produktionsbedingungen in der osteuropäischen Textilindustrie engagiert. In den Fabriken herrschen oft unzumutbare Arbeitsbedingungen. Dicht gedrängt sitzen die Arbeiterinnen an den Nähmaschinen. Die Luft ist stickig; im Sommer ist es oft unerträglich heiß, im Winter fehlen die Heizungen. Meist tragen die Näherinnen keine Handschuhe oder Atemmasken. Die würden zwar vor den Chemikalien schützen, sie aber erheblich bei der Arbeit behindern. Viele Frauen leiden daher unter Kopfschmerzen, Allergien oder Hautproblemen. All das haben Erjona Rusi und das Team von Bettina Musiolek in persönlichen Gesprächen mit den Näherinnen erfahren.


Von der Arbeit unter diesen harten Bedingungen können viele Näherinnen noch nicht einmal leben. Der Mindestlohn ist in Albanien mit 140 Euro Netto im Monat an sich schon niedrig und deckt laut der Studie Labour on a Shoestring nur 24 Prozent des Bedarfs einer vierköpfigen Familie. Aber in vielen Fällen erhalten die Arbeiterinnen nicht einmal diesen. Der Verdienst einer albanischen Näherin liegt somit im Schnitt unter dem einer chinesischen. Neben der Arbeit in der Fabrik bewirtschaften deshalb viele noch ein eigenes Feld, auf dem sie Gemüse für den Eigenbedarf anbauen.

Heute war Erjona Rusi nicht erfolgreich – keine der Arbeiterinnen wollte mit ihr sprechen. Viele von ihnen sind eingeschüchtert und wollen in der Öffentlichkeit nicht von ihrer Situation erzählen. Denn gerade Frauen sind auf die Jobs in den Textilfabriken angewiesen. Für sie gibt es in vielen Gegenden kaum Alternativen – die Arbeitslosigkeit in Albanien liegt bei etwa 15 Prozent.

 

Made in EU


ist ursprünglich eine Herkunftsbezeichnung für Produkte aus der Europäischen Union gewesen, die 2003 von der EU-Kommission vorgeschlagen wurde. 2014 war geplant, das Label verpflichtend für alle EU-Länder zu etablieren. Doch die Richtlinie wurde unter anderem von Deutschland blockiert, sodass es nicht zur einheitlichen Belabelung kam. Derzeit können europäische Unternehmen auf freiwilliger Basis und anstelle einer expliziten Länderkennzeichnung, ihre Produkte auch mit dem EU-Siegel auszeichnen.

 


Albanien ist kein Mitgliedsstaat der EU, sondern seit 2014 lediglich ein Beitrittskandidat. Trotzdem wird innerhalb Albaniens oft für europäische Modeunternehmen produziert.

 „Solange Albanien nicht volles Mitglied der EU ist, können Produkte oder Waren, die dort hergestellt werden, nicht mit „Made in EU“ gekennzeichnet werden“, sagt Alceo Smerilli,  Pressesprecher der Europäischen Kommission für Europäische Nachbarschaftspolitik und EU-Beitrittsverhandlungen.

 

Diese eigentlich klare Regelung umgehen jedoch viele internationale Textilunternehmen. Sie produzieren in mehreren Ländern und verschleiern durch vielschichtige, oft intransparente Prozesse wo und wie sie Klamotten für den europäischen Markt produzieren. Unternehmen gehen dabei oft folgendermaßen vor:

„Viele der Unternehmen lagern einen Teil der Produktion beispielsweise nach Albanien aus. Oft wird nur der letzte Fertigungsschritt in einem EU-Land gemacht – beispielsweise in Italien“, sagt Bettina Musiolek.

 

 

Auf diese Weise werde eine Kennzeichnung mit „Made in EU“ oder auch „Made in Italy“ möglich, so Musiolek. Ein Unternehmen, von dem sie vermutet, dass es so arbeitet, ist beispielsweise Zalando. Auf mehrere Anfragen reagierte das Unternehmen allerdings nicht.

Die komplexen Lieferketten haben vor allem für die albanischen Näherinnen negative Auswirkungen, wie Musiolek im Video erklärt:

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=p–ireBp8pQ[/embedyt]

 

Trotz der schlechten Arbeitsbedingungen in den Fabriken ist Albanien auf die Textilbranche angewiesen. Das liegt auch an der historischen Bedeutung des Sektors: Industrie wurde zu kommunistischen Zeiten massiv ausgebaut, so Dr. Dhimiter Doka von der Universität Tirana. „Unter dem Motto ‘mit aller Kraft für Albanien’ spielte die Textilindustrie eine große Rolle für das Land“, so Doka. Gelenkt wurde alles vom Staat, die Arbeiterinnen wurden nicht besser oder schlechter bezahlt als in anderen Industriezweigen. Von Generation zu Generation wurde das Know-How weitergegeben.

Als 1990 in Albanien der Kommunismus zusammenbrach, wandelte sich auch die Wirtschaft tiefgreifend. Ein riesiger, aber veralteter Textilbereich stand einer geringen Nachfrage entgegen. Mitte der 90er Jahre bricht die Textilproduktion vollends zusammen und erholt sich erst zu Beginn der 2000er Jahre. An das Lohnniveau aus Kommunismus-Zeiten können die neu strukturierten Wirtschaftszweige allerdings nicht anknüpfen.

In eine ehemalige Fabrik wurden neue Wohnungen gebaut.

Im ehemaligen Textilkombinat Josef Stalin wohnen heute Menschen. (Quelle: Jana Lapper)

Heute arbeitet immer noch ein großer Teil der Bevölkerung im Textilsektor. Verlieren wollen die Albanerinnen ihre Jobs unter keinen Umständen, betont die albanische Journalistin Erjona Rusi auf der Bildkorrekturen-Konferenz im November. Zum einen fände man aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage kaum Jobs, zum anderen sei der Textilbereich für viele Arbeiterinnen trotz der schlechten Arbeitsbedingungen nach wie vor die einzige Option. Deshalb wolle keiner, dass sich die ausländische Textilindustrie zurückzieht, lediglich die Bedingungen sollen sich für die Arbeitenden zum Positiven verändern.

Damit das geschehen kann, muss sich jedoch auf vielen Ebenen etwas verändern, weiß Bettina Musiolek. Sie sieht die größte Verantwortung bei den Unternehmen. Diese müssten für bessere Arbeitsbedingungen und fairere Löhne sorgen. Aber auch Verbraucher sollten anfangen, in den Modegeschäften nachzufragen, woher die Kleidung komme.

Die EU schiebt indes die Verantwortung von sich: Staaten, die Mitglied der EU werden wollen, seien verpflichtet ihre Rechtsvorschriften an die der EU anzugleichen, so Smerilli. Doch auf politischer Landesebene werden oft keine Entscheidungen getroffen, um potentielle Industriepartner nicht abzuschrecken.

Fest steht: Alle Akteure sind mitverantwortlich für die derzeitige Situation in den Textilfabriken Albaniens. Nur bei den Leidtragenden lässt sich eine klare Feststellung machen – das sind die albanischen Näherinnen.

 

Von Denis Gießler, Jana Lapper und Marie Ludwig

Panel 3 (Nachmittag): Der Mythos „Made in Europe“

Albanien ist genauso günstig wie China, aber liegt direkt vor unserer Haustür – so wirbt die italienische Wirtschaft für den Standort Albanien. Das läuft unter dem Label „Made in Europe“. Konsumenten glauben, dass sie faire und ökologische Mode kaufen – und werden damit in die Irre geführt. Drei Expertinnen wissen, dass die albanischen Näherinnen die Leidtragenden sind.

Ornela Liperi


Ornela Liperi ist Chefredakteurin von Monitor, das einzig wöchentlich erscheinende Wirtschaftsmagazin in Albanien. 1997 machte sie ihren Abschluss in Marketing an der Wirtschaftsfakultät in Tirana. Sie hat zahlreiche Paper, Studien und Artikel veröffentlicht, die sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung und Integration in Albanien beschäftigen.

Edith Dietrich


Edith Dietrich studierte Slawistik und Soziologie und dreht seit 1997 Filme zu wirtschaftlichen Themen für den WDR und die ARD. Sie ist Dozentin an der HMKW University in Köln und lehrt an der Deutschen Welle Akademie. Bei ihren Recherchen hat sie exklusive Einblicke in die globale Modeindustrie gewonnen.

[/av_one_half]
Erjona Rusi

Erjona Rusi ist eine albanische Journalistin, die seit mehr als 16 Jahren für verschiedene Medien arbeitet. Derzeit arbeitet sie im Team des Nachmittagsprogramms für die albanische öffentliche Sendeanstalt. Als Korrespondentin arbeitete sie mit dem Balkan Investigative Reporting Network, dem Guardian und dem österreichischen Magazin Datum zusammen.

Panel 3 (Vormittag): Der Mythos „Made in Europe“

Albanien ist für italienische Modelabels besonders attraktiv: Niedrige Löhne auf chinesischem Niveau, dafür aber in unmittelbarer Nähe zum italienischen Markt. Ein guter Deal für die italienischen Unternehmen, denn das Aushängeschild „Made in Europe“ suggeriert sozial wie ökologisch unbedenkliche Produktionsbedingungen. Doch ArbeiterInnen in den Produktionsländern wie Italien und Albanien klagen über Ausbeutung durch schlechte Arbeitsbedingungen und unterdurchschnittliche Löhne.

Deborah Lucchetti

Quelle: privat


Deborah Lucchetti ist eine ehemalige Metallarbeiterin und Gewerkschafterin und arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten an Arbeits- und Menschenrechten und einer gerechteren Globalisierung. In ihrem Vortrag stellt die Koordinatorin der italienischen Niederlassung der „Clean Clothes Campaign“ die Ergebnisse der jüngsten Forschungen über die Lieferketten italienischer Luxus- und populärer Schuh- und Bekleidungsmarken dar und räumt mit dem Vorurteil auf, dass teure Produkte „Made in Italy“ oder „Made in Europe“ unter fairen Bedingungen hergestellt werden.

Artan Xhiani

Quelle: privat


Artan Xhiani arbeitet bei UHY Elite und ist Mitglied von „Confindustria of Albania“. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in Buchhaltung und Steuerberatung sowie über internationale Finanzkenntnisse. Er leitet eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit über 200 Kunden aus verschiedenen Branchen, darunter die Mode- und Bekleidungsindustrie. Darüber hinaus ist er Dozent für Hochschulwesen im Finanzmanagement.

Artemisa Ljarja

Albanien – Europas unentdecktes Land

Wer das erste Mal als Tourist nach Albanien reist, ist überrascht: unberührte Traumstrände inmitten eindrucksvoller Landschaften. Das Land setzt immer mehr auf den Tourismus. Dank der Digitalisierung könnte Albanien es schon bald schaffen, seinem Nachbarland Griechenland Konkurrenz zu machen.

Traumziel Albanien

Wilde Flüsse, hohe Berge, weite Täler: Albanien hat alles, was ein florierendes Ferienziel haben sollte. Auch die Touristenzahlen haben das in den vergangenen Monaten bewiesen. (Foto: privat)

Saranda ist eine kleine Stadt im Süden Albaniens. Hier kommen die Fähren aus Griechenland und Italien an. Im Sommer leben hier drei Mal so viele Menschen wie im Winter. Die Stadt profitiert vom Tagestourismus, ist aber längst nicht mehr nur Badeort für Landsleute aus Albanien und dem Kosovo, auch aus den angrenzenden Ländern kommen Besucher. Zunehmend sind unter den Strandbesuchern auch Westeuropäer, auch, wenn sie weit in der Unterzahl bleiben. Die meisten von ihnen sind schon von weitem erkennbar: helle Haare, ungebräunte Haut.

Viele Touristen kommen mit der Fähre von Korfu nach Saranda.

 

Leart vermietet in Saranda ein kleines Apartment. Es besteht aus einem einzigen Raum, mit Küchenzeile, großem Bett, einem kleinen Badezimmer. Keine zehn Minuten zu Fuß sind es von hier zum Stadtstrand von Saranda. Leart holt seine Besucher von der Fähre mit dem Auto ab, bietet noch eine kleine Stadtrundfahrt an, bevor es dann zur Unterkunft geht. Er fährt bis zu den großen Hotels im Osten der Stadt, die sich an der Küste drängen. „200 Euro kostet dort eine Nacht. Das ist unglaublich. So viel Geld!“, sagt er. Für den 26-Jährigen ist es unvorstellbar, diese Summe für eine Übernachtung aufzubringen. Eine Nacht in seinem Airbnb-Apartment kostet für zwei Personen 36 Euro.

Illegale Hotels, Geldwäsche, Mafaistrukturen

Ohne das Internet und die Digitalisierung könnte Leart sein Apartment nicht vermieten. Er profitiert wie viele andere Albaner auch von der noch recht neuen Möglichkeit, kostenlos ein Inserat aufzugeben und via Airbnb Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen. Um ganze 90 Prozent ist die Zahl der Unterkünfte in Albanien nach Angaben des Unternehmens im vergangenen Jahr gewachsen. Über 1300 Inserate gibt es aktuell für das Land.

Schon einmal hat Albaniens Schönheit Spekulanten auf den Plan gerufen. Um das Millennium wurden in Saranda innerhalb kürzester Zeit, meist ungenehmigt und ohne Bauplan, riesige Hotelklötze aus dem Boden gestampft. Die Betonmischer rotierten damals rund um die Uhr, beinahe jeden Tag schien ein neues, pastellfarbenes Feriendomizil aus Beton und Styropor hinzuzukommen. Die touristische Zukunft Albaniens lag damals in den Händen der Mafia. Die Gier nach Geld ließ die Stadt beinahe kollabieren. Die Behörden kamen kaum hinterher, illegale Bauvorhaben zu stoppen. Und wenn doch, rückte das städtische Abrisskommando an. Noch heute säumen etliche Ruinen das Stadtbild in Saranda.

Seit einiger Zeit bemüht sich die Regierung jedoch ernsthaft, die Korruption einzudämmen, die Rechtstaatlichkeit aufrecht zu halten und Investoren anzuziehen. Auch die Infrastruktur wächst rasant. Neben dem 2008 eröffneten Mutter Theresa-International Airport entstanden auch verbesserte Verbindungen in den Kosovo und den Süden des Landes. Albanien versucht den Schatten der Vergangenheit abzulegen und die neuen Möglichkeiten, die Digitalisierung beschert, bestens zu nutzen.

Schön (und) günstig

Albanien ist attraktiv. Die Landschaft ist teilweise noch nahezu unberührt, die Strände nicht akkurat mit Liegestühlen und Schirmen zugekleistert, wie es in manchen Teilen Italiens oder Spaniens der Fall ist. Dafür ist das Wetter mindestens genauso gut und die Südküste bekannt für türkisfarbenes Meer und schöne Strände. Günstiger ist Albanien sowieso. Mit dem Bus von Dhermi an der Südküste in die Hauptstadt Tirana – eine Strecke vergleichbar mit der von München nach Frankfurt am Main – zahlt man gerade einmal etwa 15 Euro. Ein Einheitspreis, der auch in der Hauptreisesaison nicht ansteigt.

Was bisher nur Landsleute und Besucher aus umliegenden Ländern zu schätzen wussten, hat sich in den vergangenen Jahren durch die digitale Wolke des Internets global verbreitet. Gerade die niedrigen Preise machen das Land vor allem für junge Alternativreisende reizvoll. Ist das Budget klein, die Reiseneugier aber groß, so scheint Albanien die perfekte Adresse für ein paar Tage Tirana oder auch eine Reise entlang der Küste, wenn es länger dauern darf. Der 27-jährige Jonas Rädel aus Leipzig hat Freunde in Albanien und hat das Land schon öfter besucht. 2014 war der Student das erste Mal dort, im Juli dieses Jahres hat er sich erneut auf die Reise gemacht. Was macht für ihn den besonderen Charme aus?

Essensreste, Plastik, Papier: Albanien kämpft gegen wilde Mülldeponien 

Doch nicht alles ist rosig. Und nicht alle Probleme können durch die Digitalisierung gelöst werden. Wo unberührte Strände sind, kommt man ohne Auto auch schlecht hin. Außerdem produzieren viele Touristen auch viel Müll, und den haben die Albaner noch nicht im Griff: Kleine Haufen Plastikflaschen, Tüten mit Essensresten oder Eisstielen finden sich alle paar hundert Meter an den meisten Stränden. Im beliebten und auch überfüllten Saranda sind Mitarbeiter der Gemeinde als Müllsammler unterwegs. In Livadh oder Dhermi aber sind kaum Abfalleimer, dafür immer wieder Müllhaufen zu sehen, erzählt Martin Kerl. Der 26-Jährige war im Sommer 2016 zum ersten Mal in Albanien unterwegs.

Drei Zimmer, Küche, Bad

Doch nicht nur an der Küste, auch in der Hauptstadt Tirana boomt die Vermietung privater Ferienwohnungen. Artan Kristo ist Journalist, mitten im Zentrum Tiranas vermietet er eine Wohnung. Zwei Schlafzimmer, Küchenzeile, zwei Bäder: Hier können viele Menschen unterkommen, und das günstig: Eine Nacht kostet pro Person 14 Euro. Von der Wohnung aus sind die Besucher schnell in der Innenstadt, das Apartment ist sauber und gemütlich. Der 52-Jährige trifft gern verschiedene Menschen, serviert Raki zur Begrüßung, schreibt Kneipentipps auf, fragt nach, wie der Tag seiner Besucher war.

Erst um Juni hat er damit begonnen, das Apartment, das Teil eines großen Hauses ist, indem er auch selbst wohnt, zu vermieten. „In Zukunft möchte ich gerne mehrere freie Zimmer Besuchern zur Verfügung stellen, das jetzige Appartement ist für mich deshalb ein erster Markttest“, sagt der Journalist. Der Test war erfolgreich. Seit er seine Räume vermietet, waren diese nie länger als zehn Tage leer, ehe der nächste Besucherschwung kam. In den sechs Monaten, die er seither Gastgeber ist, hat er bereits 60 Buchungen bestritten – „demnach waren zwischen 150 und 180 Gäste bei mir“, so Artan.

Artan: Irgendwann soll mein Haus für meine Gäste wie ein richtiges Hotel sein. Falls ich später einmal nicht mehr als Journalist arbeiten kann, kann ich so leicht in die Tourismusbranche wechseln.

Australier, Schweizer, Kroaten, Belgier, Deutsche – Menschen aus aller Welt mieten sich für ihren Urlaub bei Artan ein. „Die Leute wählen Airbnb-Appartements zum einen natürlich, um günstig unterzukommen. Vielen ist aber auch die Nähe zu den Einheimischen wichtig – sie wollen das echte albanische Leben kennenlernen“, erzählt der 52-Jährige. Dank des digital verfügbaren Angebots ist das jetzt jederzeit möglich. Die meisten Gäste haben Artan im Sommer besucht, doch auch während der Wintermonate reißt der Besucherstrom nicht ab. „Albanien hat in diesem Jahr einen regelrechten Tourismusboom erlebt“, berichtet Artan. Zwei Gründe, die er dafür nennt: erstens, die albanische Fußballnationalmannschaft hat das Land mit ihrem Erfolg bei der Europameisterschaft bekannter gemacht. Außerdem hätten die Terroranschläge in der Türkei und in Ägypten diesen Ländern den Tourismus geraubt.

Artan verdient gut daran, sein Haus mit Gästen zu teilen. Das Geld, das er durch die Vermietungen einnimmt, investiert er in den Ausbau seines Zimmers. Die Räume sollen so immer gemütlicher und praktischer werden. Genauso wichtig wie das Geld ist Artan aber das persönliche Feedback der Gäste: „Es ist einfach fantastisch, wenn man nette Menschen trifft und diese mich nach ihrer Abreise mit lieben Worten belohnen.“

Geldstrafen bis zu 100.000 Euro für private Vermietungen in Berlin

Die Gastgeber und auch die anbietenden Plattformen verdienen meist sehr gut. Das passt nicht immer allen und hat mitunter sogar weitreichende Folgen. In manchen Ländern ist Airbnb längst problematisch geworden. In Deutschland beispielsweise geht die Stadt Berlin mittlerweile mit einem Gesetz gegen solche Plattformen vor. Seit 1. Mai dieses Jahres ist es demnach illegal, Wohnung privat zu vermieten. Durch das sogenannte Zweckentfremdungsgesetz macht sich jeder strafbar, der eine Wohnung anders nutzt als zum dauerhaften Wohnen. Wer trotzdem vermietet, riskiert Geldstrafen bis zu 100.000 Euro.

Berlin geht damit im weltweiten Vergleich mit am schärfsten gegen Übernachtungsportale wie Airbnb und Wimdu vor. Und das nicht ohne Grund: Laut einer Studie des Immobilienentwicklers GBI will jeder elfte Hauptstadttourist in Deutschland lieber in bei Privatleuten unterkommen als im Hotel. Man will eben mittendrin sein, im Kiez, unter echten Berlinern. Die Suchenden sorgen so jedoch dafür, dass der ohnehin schon angespannte Wohnungsmarkt so noch stärker ins Wanken gerät. Mittlerweile ist die Situation dermaßen angespannt, dass nur noch so gut wie für jeden zwölften Ein-Personen-Haushalt eine Einzimmerwohnung verfügbar ist. In besonders beliebten Bezirken wie Kreuzberg oder Mitte sind die einzigen Immobilien, die noch frei sind, private Ferienunterkünfte.

Auch in Paris kämpft die Stadt mit dem professionellen Betreiben privater Ferienunterkünfte. Allein Airbnb besitzt in der französischen Metropole mehr als 40.000 aktive Anbieter. Auch hier möchte die Regierung nun gegen die Privatvermietungen vorgehen. Albanien blieb von solchen Problemen bisher noch unberührt, Touristen sind willkommen.

Albanien will Griechenland die Touristen ablocken

Nach Krisen und Kriegen hatte Albanien lange Zeit international mit einem ausgesprochenen Negativimage zu kämpfen. Dem versucht sich das Land nun endgültig zu entsagen. War die Küstenstadt Saranda zu kommunistischen Zeiten noch komplett abgeschottet, hat sich gerade hier mit der Öffnung des Landes hin in Richtung Westen im Tourismussektor Entscheidendes getan.

Um mit der angrenzenden griechischen Urlaubsinsel Korfu konkurrieren zu können, soll Saranda nun sogar einen eigenen Flughafen bekommen. Viele Touristen kämen von Korfu aus auf das albanische Festland, sagt Aristotel Bita. Er ist der behördliche Tourismusbeauftragte von Saranda. In Zukunft solle das jedoch umgekehrt laufen:

„Die Touristen sollen hier bei uns in Saranda landen, um dann von hier aus Griechenland wie etwa die Insel Korfu zu besuchen, denn Albanien ist insgesamt viel günstiger für die Touristen. Das sind unsere strategischen Pläne für den Tourismus in Albanien.“

Das Potenzial der albanische Riviera ist riesig. 362 Kilometer atemberaubende, unverdorbene Küste säumen das Bild an der Adria und am Ionischen Meer. Im Landesinneren eignen sich zerklüftete Berglandschaften zum Wandern und für Abenteuersportler. Man findet Landstriche voller griechischer, römischer und byzantinischer Überreste. Und mit mehr als 190 Sonnenstunden im Jahr hat Albanien sogar das gleiche Klima wie St. Tropez.

Nun muss das Land es nur noch schaffen, den Segen des Tourismus anzunehmen und ihn bestmöglich auszuschöpfen, um Albanien wirtschaftlich nach vorne zu bringen. Es gilt, den schlechten Ruf aus vergangenen korrupten und kriminellen Tagen abzustreifen, Erfahrungen im neuen Aufschwung zu sammeln und diese für Land und Leute bestmöglich umzusetzen.