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Kleidung aus dem Container

Textilrecycler Martin Wittmann (M.) diskutiert mit Designerin Juliet Namujju (l.) und Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute. (Quelle: Engagement Global/Bodo Tiedemann).

Man begegnet ihnen in den kuriosen Meldungen, wenn die Feuerwehr Eingeschlossene befreien muss. Doch Altkleider-Container stehen für ein Geschäftsmodell, von dem niemand wirklich weiß, ob es überhaupt richtig ist.

Es sind wohl die liebsten Container der Deutschen gleich nach den Altglas-Sammelbehältern: Altkleider-Container. Am Bahnhof, auf dem Supermarkt-Parkplatz, am kleinen Wertstoffhof – kaum eine Gemeinde in Deutschland ist ohne die metallenen Sammelboxen für gebrauchte Textilien. Die nackten Zahlen sind erst einmal beeindruckend: 800 000 bis eine Million Tonnen an Altkleidern werden in Deutschland jedes Jahr in solche Container geworfen, darin sind sich alle Schätzungen einig. Das heißt, jeder Deutsche lässt im Schnitt zehn bis zwölf Kilo jährlich im dunklen Schlitz verschwinden. Als Spende. Geld bekommt er dafür keines.

Die Altkleider-Branche

Für rund 5000 solcher Kleidercontainer ist Martin Wittmann in letzter Instanz zuständig. Er ist Geschäftsführer einer Firma aus Niederbayern. Das Geschäftsmodell: Die Container werden aufgestellt und entleert, die Textilien weiterverkauft. In Deutschland gehört die Lorenz Wittmann GmbH zu den Top 5 in der Branche. Außerdem ist Martin Wittmann der oberste Repräsentant der Branche, im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung ist er Vizepräsident, als Vorsitzender des Fachverbandes Textilrecycling spricht er für 130 Firmen. Sein eigenes Unternehmen sammelt die Klamotten und verkauft sie dann an große Sortierunternehmen, welche die Ware aufteilen. Circa die Hälfte der Sammlungen wird tatsächlich wieder getragen, besonders gut erhaltene Stücke gehen an Secondhand-Läden in wohlhabende europäische Länder. Der weitaus größere Teil wird aber nach Osteuropa, den Mittleren Osten und Afrika verkauft. Die zweite Hälfte einer Altkleider-Sammlung wird größtenteils ebenfalls wiederverwertet, aber sie landet nicht im Schrank: Putzlappen und Dämmmaterialien für die Industrie entstehen aus diesem Recycling-Prozess. Zehn Prozent der Sammlungen werden letztendlich entsorgt, sie haben zu schlechte Qualität um noch einmal verarbeitet zu werden.

Neben kommerziellen Unternehmen fungieren auch Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder die Johanniter oft als Aufsteller von Altkleider-Containern, in der öffentlichen Wahrnehmung sind sie allerdings stärker vertreten, als sie tatsächlich sind. Sie verwenden die Erlöse aus dem Verkauf der Kleider für ihre Arbeit. „Deine Spende hilft uns, zu helfen“, solche oder ähnliche Slogans stehen auf den Containern. Damit kann man ja eigentlich nichts falsch machen, dürfte sich der sozial- und umweltbewusste Bürger denken, wenn er seine alte Winterjacke im Container entsorgt. Sie wird recycelt und im besten Fall hat man auch noch eine milde Gabe gespendet. Er liefert den Rohstoff für eine ganze Branche kostenlos. Klappe auf, Klamotten einwerfen, gutes Gewissen garantiert. Aber ist es wirklich so einfach?

Job-Vernichtung durch Altkleider? – „Das ist einfach nicht wahr.“

Das Narrativ in den Medien zeichnete im Gegensatz dazu vor allem in den 90er-Jahren ein sehr negatives Bild. Damals stieg die Zahl der Altkleider-Container stark an. Auch die Firma von Martin Wittmann wechselte in dieser Zeit auf das Geschäftsmodell, zuvor war das Unternehmen vor allem im Entsorgungsbereich tätig. Früher gingen die Deutschen anders mit ihren Altkleidern um, erklärt Wittmann. Die Entsorgung zur Wiederverwertung lief über Straßensammlungen in den Kommunen. Sportverein oder die Kirchengemeinde holten die Kleidersäcke ab. Doch wie so vieles, hat sich die Altkleider-Verwertung nun zunehmend individualisiert. Doch was für den europäischen Konsumenten vielleicht bequemer wurde, wurde gleichzeitig scharf kritisiert: Die Altkleider aus Europa würden vor allem in Afrika die dortige heimische Textilindustrie vernichten. Die dortige Bevölkerung greife lieber auf billige Klamotten aus zweiter Hand zurück, deswegen kollabiere dieser wichtige Wirtschaftszweig.

Es ist eine Kritik, die schwierig zu überprüfen ist. Wirklich verlässliche Zahlen sind schwer zu recherchieren. Fakt ist, viele Menschen in den ärmeren afrikanischen Ländern tragen importierte Kleidung. Fakt ist auch, die Kritik ist immer noch in den Köpfen der Menschen präsent und wird auch immer noch vorgetragen. Auch auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig zum Thema „Fashion & Development“ ist sie ein zentraler Punkt, um den eine Diskussion zum Thema Recycling kreist. Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute, sagt etwa, in Kenia seien von ehemals 500 000 Arbeitsplätzen in der Textil-Industrie nur noch zehn Prozent übrig.

Die Kritik sei veraltet, monieren andere Experten und die Container-Branche selbst. Mittlerweile seien nicht die gebrauchten europäischen Kleider, sondern spottbillige asiatische Neuware das Problem für die Textilindustrie in Afrika. Viele Berichte und Geschichten über die Thematik betonen mittlerweile die positiven Aspekte der Containerladungen, welche in Richtung Süden gehen. Auch Martin Wittmann, der in der Diskussion zwangsläufig in die Rolle des Verteidigers gedrängt wird, sagt zum Niedergang der afrikanischen Kleiderproduktion: „Wir hören oft, dass wir daran schuld seien. Das ist einfach nicht wahr.“ Statt den Verlust von Jobs zu verursachen, generiere man mit den Altkleidern neue Arbeitsplätze: Kleinhändler, welche Kleidung an- und verkaufen oder die Weiterverarbeitung der Altkleider sind die Beispiele, welche oft genannt werden.

Kommunalisierung und Trittbrettfahrer

Unabhängig von den Auswirkungen in anderen Teilen der Erde: Die gesamte Branche der Altkleider-Container wächst. Vor allem die Kommunen haben das Geschäft für sich entdeckt. Sie wollen nicht mehr nur Aufstellungsgenehmigungen ausgeben, sie mischen mittlerweile selbst mit. Die Stadt München betreibt zum Beispiel seit 2012 in Eigenregie ein kommunales Sammelsystem. Wobei „Eigenregie“ nicht ganz den Kern trifft: Die Arbeit selbst, das Ausleeren und Verwerten übernimmt ein Vertragspartner, ein kommerzielles Unternehmen. Die bayerische Landeshauptstadt schielt vor allem auf den finanziellen Aspekt. 4500 Tonnen Altkleider pro Jahr sollen zusammenkommen, pro Tonne rechnet man mit 350 Euro Erlös – macht gut 1,5 Millionen Euro für das Stadtsäckel pro Jahr laut Rechnung für 2017. Der Trend zur „Kommunalisierung“ werde sich fortsetzen, erwartet Martin Wittmann. Denn die Behörden von Gemeinden, Städten und Landkreisen haben eben entdeckt, dass sich mit diesem System Geld verdienen lässt. Und sie haben einen entscheidenden Vorteil auf ihrer Seite. Sie vergeben die Genehmigungen für das Aufstellen der Container auf öffentlichem Grund. Bei kommerziellen Unternehmen können sie eine solche verweigern. Schließt die öffentliche Hand einen Vertrag mit einem bestimmten Unternehmen, dann kann dieses natürlich bevorzugt werden. Die Firma von Martin Wittmann hat zum Beispiel seit 2009 einen Vertrag mit dem Landkreis Erding. Altkleider-Container im Erdinger Land sind demzufolge fest in Wittmann-Hand. Ein Umstand, den vor allem die Hilfsorganisationen beklagen. Waren sie früher weit vertreten, so haben sie jetzt im Landkreis Erding fast keine Container mehr stehen, nur noch auf ihren Privatgrundstücken.

Wo Geld zu holen ist, da sind auch die schwarzen Schafe nicht weit. Container, die einfach ohne Genehmigung aufgestellt werden, in der Hoffnung, dass die normalen Bürger den Unterschied nicht bemerken. Für die seriösen Unternehmen ein „Thema, das uns schwer belastet“, wie Martin Wittmann sagt. Allein eine einzige kriminelle Organisation habe 15 bis 20 000 Altkleider-Container in Deutschland platziert, sagt Wittmann. Erkennen könne man die illegal aufgestellten Container daran, dass keinerlei Kontaktdaten oder Firmennamen aufgebracht seien.

Neben der illegalen Konkurrenz springt nun aber auch der Einzelhandel auf das Thema Altkleider an. Große Modeketten, H & M ist das bekannteste Beispiel, stellen Sammelboxen in ihren Filialen auf. Die Kunden können ihre gebrauchten Klamotten dort zurückgeben. Martin Wittmann sieht darin eher ein Marketinginstrument, und er ist beileibe nicht der einzige Experte, der dahinter Greenwashing vermutet. Wirkliche Nebenbuhler für seine Branche sieht er hier aber nicht heranwachsen: „Wir sind der Meinung, dass das nicht den großen Erfolg haben wird.“ Die großen Mengen würden weiterhin über Container abgewickelt. Grund: Kein Kunde habe große Lust, mit einem Altkleidersack in die Innenstadt-Filialen der Modehäuser zu fahren.

Recyling oder Konsumreduzierung?

Für jeden, der die Container weiterhin nutzt, bleibt trotzdem die Ungewissheit: Wie viel Gutes tue ich damit? Unabhängig von der moralischen Frage fordern mittlerweile viele Experten ein Umdenken beim Konsum von Kleidung: Entscheidend sei gar nicht, ob man recycelt oder nicht, schädlich sei vor allem die schiere Menge an Klamotten, die der globale Norden konsumiert. „Wir sollten lieber die gesamte Produktion, von der Recycling ein Teil ist, verringern“, sagt zum Beispiel der prominente Designer Ed van Hinte auf der Bildkorrekturen-Konferenz. Es ist die Frage nach dem Guten im Schlechten. Wenn die Kleidung sowieso vorhanden ist, dann ist es per se wohl besser, sie zu spenden, als sie zu entsorgen. Für Martin Wittmann ist das Motto vom „Weniger konsumieren“ aber auch kein Widerspruch zur Geschäftsphilosophie seiner Branche. „Lieber mehr Klasse als Masse“ habe er bei seinen Altkleider-Sammlungen, erklärt er. Ein Grund dafür ist, dass die Fasergemische von Billigkleidung schwieriger zu recyclen sind. Außerdem ist minderwertige Ware natürlich kurzlebiger, das bedeutet, mehr Müll landet in den Containern. „Fast Fashion führt zu einem Qualitätsabfall“, sagt Wittmann.

Zementsack meets Fashion: Von der Baustelle auf die Kleiderstange

Wenn Juliet Namujju nicht auf dem Laufsteg zu sehen ist, läuft sie durch Ugandas Hauptstadt Kampala und sammelt Müll ein. Daraus näht sie mit tauben und gelähmten Menschen neue Kleider. Mit ihrem Label Kimuli Fashion möchte sie sich weltweit für nachhaltige Mode einsetzen.

Sie ist eine echte Fashionista aus Uganda: Juliet Namujju. Die 21-Jährige präsentiert auf ihrer Modenschau auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig nachhaltige Mode: Hippe elektronische Musik tönt aus den Boxen, während die Fashiondesignerin mit strahlendem Lächeln zwischen ihren Models hindurchläuft. Die Kleider in warmen Farben erinnern an afrikanische Mode – erst beim genaueren Betrachten fällt auf, dass in Jacken und Röcken auch alte Zementsäcke eingearbeitet sind.

Juliets Label Kimuli Fashion ist eines von wenigen ugandischen Labels, die auf Upcycling – das Wiederverwerten von Materialien – setzen. Und eines von wenigen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen: in ihrem Unternehmen sind es drei von sechs Mitarbeitern.

Aus alt mach neu: Upcycling in der Puppenstube

Juliet erzählt, dass es in Uganda nicht schwierig sei, ein Fashionlabel zu gründen. In ihrem Land gebe es eine große Modeindustrie. Aber bis sie ihren ersten Shop vor zwei Jahren eröffnen konnte, war es ein langer Weg. Juliets Eltern starben, als sie noch ein Kind war, daher wuchs sie bei ihrer Großmutter auf. „Meine Oma war für mich eine große Inspiration“, sagt sie. „Wir hatten kein Geld, um neue Anziehsachen für meine Puppen zu kaufen. Aber meine Oma war Schneiderin und brachte mir schon früh das Nähen bei. Also fing ich an, aus ihren übrig gebliebenen Stoffresten Kleider für meine Puppen zu nähen.“ Juliet kam das erste Mal mit Upcycling in Kontakt und entdeckte ihre Leidenschaft für Mode.

Hier spricht die Designerin über ihre Mode:

[embedyt] https://www.youtube.com/watch?v=oTx6smeK3ow[/embedyt]

 

Für viele Ugander sei Upcycling ein Tabuthema: „Die meisten denken, es sei nur eine sinnlose Spielerei und Zeitverschwendung“, erzählt Juliet. „Sie sehen in meinen Klamotten nur Müll. Das sei keine Mode, sagen sie.“

Juliet wuchs in Kampala auf, der Hauptstadt Ugandas. Hier fallen rund 1200 bis 1500 Tonnen Müll täglich an, aber nur etwa 40 Prozent der Abfälle werden eingesammelt. „Wenn du nach Kampala kommst, denkst du sofort: Was ist das für eine Stadt?!“, so Juliet. „Überall liegen Plastikflaschen und Verpackungen herum.“

Umweltbewusstsein und Inklusion: Der Bevölkerung die Augen öffnen

Juliet läuft deswegen mit den Bewohnern Kampalas durch die Straßen und sammelt achtlos weggeworfene Zementsäcke und Tetra Paks ein. Sie möchte die Bevölkerung sensibilisieren – den Menschen zeigen, dass man Müll auch auf eine kreative Art und Weise wiederverwerten kann. Vielleicht würde sich dann auch das Bild von Upcycling-Mode in Uganda ändern, hofft die 21-Jährige. Bisher schätzt Namujju, dass etwa 80 Prozent ihrer Kunden Touristen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass dies aber auch an den Preisen liegt: Umgerechnet 75 Euro kostet beispielsweise eine Regenjacke aus Zementsack. Etwas preiswerter sind hingegen Etuis, Armbänder und Ketten: Sie kosten meist weniger als zehn Euro. Jedoch verdient ein Ugander durchschnittlich nur etwa 45 Euro im Monat.

Die Hälfte ihrer Einnahmen kommen aber Menschen mit Behinderungen zugute. Die andere Hälfte werde zur Deckung der Produktionskosten benötigt. Diese waren vor allem zu Beginn sehr hoch, da Juliet spezielle Nähmaschinen anschaffen musste, die an die Bedürfnisse ihrer behinderten Mitarbeiterinnen angepasst sind. Um besser mit ihren tauben Kolleginnen kommunizieren zu können, lernte Juliet in zusätzlichen Kursen die Gebärdensprache.

Weitere Bilder von Juliet

 

„Es war, als würden sie sich selbst hassen.“

„Die Arbeit mit behinderten Menschen liegt mir sehr am Herzen“, sagt Juliet. „Als ich noch sehr klein war, verlor mein Vater bei einem Autounfall beide Beine. Er konnte nicht mehr arbeiten und wurde wegen seiner Behinderung diskriminiert. Er wurde immer pessimistischer und verlor seinen Lebenswillen. Kurze Zeit später starb er.“ Das sei in Uganda keine Seltenheit: Behinderte Menschen würden oft diskriminiert und ihre Behinderung als eine Strafe Gottes angesehen. Teilweise sollen sie sogar von ihren eigenen Verwandten weggesperrt, vor der Öffentlichkeit versteckt oder aus der Familie verstoßen werden. „Behinderte Menschen glauben oft nicht mehr an sich selbst und ihre Fähigkeiten“, sagt Juliet. Zu dieser Erkenntnis gelangte sie, als sie vor wenigen Monaten versuchte, Teilnehmer für einen Näh-Workshop zu gewinnen. Sie zog durch die Dörfer und versuchte, die Menschen direkt anzusprechen. Der Workshop war für Menschen mit Behinderung kostenlos, trotzdem meldete sich kaum jemand an. Erst nach stundenlangem, tagelangem Überzeugen“, so Juliet. „Es war, als würden sie sich selbst hassen. Als würden sie lieber allein sein in ihren Dörfern und niemanden sehen wollen.“

Expandieren und weltweit ein Zeichen setzen

„Ich möchte die Augen der Leute für Menschen mit Behinderungen öffnen – in Uganda und auf der ganzen Welt“, sagt Juliet. „Damit diese Menschen nicht mehr als andersartig angesehen, sondern als ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft akzeptiert werden.“ Ihr Traum sei es, noch viel mehr Menschen mit Behinderung zu beschäftigen und in weitere Länder zu expandieren. Dabei hat sie sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mehr als 3.000 Menschen möchte sie in Afrika zu einem neuen Lebenswillen verhelfen, indem sie ihnen einen Arbeitsplatz anbietet. Derzeit verkaufe sie ihre Mode in Uganda, Deutschland und Polen. Zukünftig möchte sie auch Märkte in Österreich oder sogar den USA erschließen. Um nicht nur auf dem Bildkorrekturen-Laufsteg ein Zeichen zu setzen, sondern auf der ganzen Welt.

 

Pressefreiheit Kenias in Gefahr? Kontroverse Gesetze auf dem Prüfstand Drei unterschiedliche Perspektiven auf zwei Gesetze, die Kenias Medienlandschaft bestimmen. Ein Feature.

Die Verabschiedung zweier Gesetze führte 2013 in Kenia zu Demonstrationen von Journalisten. Expertenmeinungen von Prof. Levy Obonyo und Eric Chinje und einschlägige Mediensichten beleuchten deren Auswirkungen.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, erzählt von einem jungen, namentlich nicht genannten Journalisten, der einen Artikel über die Ölindustrie schreiben möchte. Er recherchiert ausgiebig, macht seine Arbeit laut Chinje sehr gut. Er findet heraus, dass es geheime, beinahe betrügerische Absprachen zwischen einigen Leuten in der Ölindustrie und der Regierung gibt. Der junge Journalist will dem weiter nachgehen. Er erhält nun Anrufe  – aus der Ölindustrie als aus der Regierung. Und zwar genau von den Personen, deren Verhältnis seiner Meinung nach zu eng war. Sein Artikel fand daraufhin ein jähes Ende. Und das ist der Punkt, so Eric Chinje, an dem die Gesetzgebung in einen falschen Bereich greift. So wie diesem jungen Journalisten ergeht es vielen in Kenia – oder?

Bei dem Gesetz, das Chinje anspricht, handelt es sich um den 2013 verabschiedeten Media Council Act (MCA). Auch die gleichzeitig verabschiedete Ergänzung zum Kenya Information and Communication Act (KICA) ist Teil der Diskussion, die sehr umstritten geführt wird. So sieht beispielsweise Professor Levy Obonyo von der Daystar University in Nairobi den MCA als „fairly progressive“ an. Eric Chinje ist der Ansicht, dass die Regierung damit „beyond being fair“ handelte. Das Committee to Protect Journalists (CPJ) nennt den MCA und die Ergänzung des KICA eine „anti-press legislation“, die zur Selbstzensur von Journalisten führen wird. Ein Thema, drei Meinungen – zunächst aber eine kurze Einführung.

Der Media Council Act erklärt

Beim Media Council Act handelt es sich um einen „Act of Parliament to give effect to Article 34(5) of the Constitution“, wie es im offiziellen Gesetzestext lautet. Einfach ausgedrückt bestätigt der Parlamentsbeschluss den Media Council Kenias, den man als das kenianische Äquivalent zum Deutschen Presserat – zumindest im Printbereich – bezeichnen kann. 2004 begann der Rat als eine selbstregulierende Institution, die von Medien-Stakeholdern mit dem Ziel einer unabhängigen Medienregulierung Kenias gegründet wurde. Drei Jahre später transformierte der Media Act von 2007 den Media Council in eine gesetzliche Institution und es entstand eine Art „Hybrid-System“, wie Professor Obonyo es nennt. Der Media Council erhielt nun staatliche Finanzierungsmittel. 2013 wurde dann der Media Council Act offiziell in die Verfassung Kenias aufgenommen und die Media Council Complaint’s Commission gegründet.

Der Media Council: Rolle und Aufgaben

Der nachstehende Link verweist auf die Homepage des Media Councils. Dort ist eine ausführliche Darstellung der Rolle und Aufgaben zu finden, wie sie der Rat selbst präsentiert.

Who we are

Code of Conduct

Der „Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya“ ist das kenianische Pendant zum Deutschen Pressekodex. Anhand von 25 Schagworten gibt er den Journalisten eine korrekte Arbeitsweise vor.

Diese sind unter dem nachstehenden Link in voller Länge nachzulesen:

Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya

  • Accuracy and fairness
  • Independence
  • Integrity
  • Accountability
  • Opportunity to Reply
  • Unnamed Sources
  • Confidentiality
  • Misrepresentation
  • Obscenity, taste and tone in reporting
  • Paying for news and articles
  • Covering ethnic, religious and sectarian conflict
  • Recording interviews and telephone conversations
  • Privacy
  • Intrusion into grief and shock
  • Gender non-discrimination
  • Financial journalism
  • Letters to the editor
  • Protection of children
  • Victims of sexual offences
  • Use of pictures and names
  • Innocent relatives and friends
  • Acts of violence
  • Editor’s responsibilities
  • Advertisements
  • Hate speech 

 

Die Zielsetzungen und das Selbstverständnis des Media Council entsprechen im Sinn denen des Deutschen Presserats. In mindestens einem Punkt unterscheiden sich die beiden aber gravierend. In Deutschland trägt der Presserat den pejorativen Spitznamen „zahnloser Papiertiger“, denn dessen schärfste Sanktion ist eine öffentliche Rüge. Medien sind nicht einmal dazu verpflichtet, diese auch selbst zu veröffentlichen. Beim deutschen Presserat handelt es sich um einen eingetragenen Verein, der die freiwillige Selbstkontrolle gedruckter Medien übernimmt. Anlass der Gründung war es – unter anderem – ein Bundespressegesetz zu vermeiden, also einen „Gegenentwurf zu staatlicher Kontrolle“ zu präsentieren, wie es auf der Internetpräsenz des Presserats heißt.

Kenianische Journalisten protestieren in Nairobi vor Regierungsgebäuden gegen die neuen Gesetze.

Dies ist des Pudels Kern in der Diskussion um den Media Council Act in Kenia. Dadurch, dass der Code of Conduct – das Pendant zum Pressekodex in Deutschland – im Gesetz verankert wurde, müssen kenianische Journalisten deutlich härtere Sanktionen fürchten als ihre deutschen Kollegen. Sollten sie von einem Tribunal für schuldig befunden werden, eine dieser Regeln zu brechen, müssen die Journalisten mit einer Strafe von bis zu 500.000 kenianischen Schillingen rechnen – Medienunternehmen sogar mit bis zu 20 Millionen (ca. 4.500 Euro respektive 180.000 Euro; Stand Januar 2017). Kenianische Medienhäuser erwirtschafteten jährlich durchschnittlich circa 1,2 Millionen Schilling (knapp 11.000 Euro), so David Ohito, stellvertretender Vorsitzender der Kenya Editor’s Guild, in einem Bericht des CPJ. Fragen nach der Verhältnismäßigkeit der Sanktionen werden so ebenfalls Bestandteil der Diskussion.

„Professionalization of the industry“

Danach gefragt, wie er den Media Council Act von 2013 mit seinen eigenen Worten beschreiben würde, entgegnete Prof. Levy Obonyo dieser sei „fairly progressive“. Denn der MCA – und sein Vorgänger von 2007 – bringe „statutory and non-statutory components together to produce a hybrid system“. Durch die vom Parlament verliehene Macht könnten Menschen zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie von den Vorgaben abwichen. Das Interessante daran sei aber, „that it is driven by the industry itself“, Journalisten also quasi nicht von fachfremden Personen be- und verurteilt würden. Darin sieht er das bereits erwähnte Hybridsystem gestärkt.

Prof. Levy Obonyo während seiner Einführungsrede zur Kenia-Panel-Diskussion der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Die Vorteile des Systems sind Obonyo zufolge, dass viele Fälle, die vorher vor Gericht verhandelt worden wären, nun der Media Council entscheidet. In den Gerichten säßen zwar Rechtsexperten, diese hätten aber oftmals keine Sympathien für die Medien übrig. Daher seien die Urteile in der Vergangenheit oftmals zu harsch ausgefallen. Obonyo fürchtet in diesen Fällen um die Freiheit der Presse. Journalisten verfielen nach derartigen Erfahrungen in eine Angststarre, um nicht ein weiteres Mal dieselben Fehler zu begehen. Diese Angst sei während ihrer journalistischen Arbeit ständig unterschwellig präsent. Obonyo ist der Meinung, dass der Media Council diesbezüglich besonders hilfreich sei. Es wäre weniger einschüchternd vor einen Rat von Kollegen zu treten, als vor Gericht aussagen zu müssen. Zudem würde sich die Regierung nun sogar an den Media Council wenden, um dort ihre Beschwerden vorzutragen, statt Medienleute vorzuladen. Das gebe den Medien die Gelegenheit „to defend itself before a panel that understands what the industry goes through“ – dies sei das progressive Element der Gesetzgebung.

Prof. Obonyo sieht sonst keine großen Veränderungen durch den Media Council Act von 2013. Der Zusatz von 2013 hatte eher einen verwaltungstechnischen Charakter im Hinblick auf die Struktur des Rates. Die grundlegenden Änderungen seien bereits seit 2007 in Kraft. Gebeten, die Thematik mit einem Wort zu erklären, antwortete Obonyo: „Professionalization. Professionalization of the industry.“

„Disturbing but acceptable“

Eric Chinje sieht die Lage bereits etwas kritischer als sein Kollege Obonyo. Es gebe laut Chinje den ständigen Versuch, für Journalisten eine Umwelt zu schaffen, in der sie ihre Möglichkeiten ausschöpfen können. Und genau das wäre es, was der Media Council versucht zu schaffen. Die Regierung habe jedoch andere Anliegen, die eine solche Umwelt freier Meinungsäußerung beeinträchtigen. Daraus resultiere eine ständige Spannung zwischen den beiden Akteuren. Diese nennt Chinje „healthy“, solange sie nicht aus den falschen Gründen angestrebt wird. Im Fall Kenias könne die Spannung aber nicht als gesund bezeichnet werden. Die Regierung „went a little beyond being fair“.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, hielt einen der Keynote-Vorträge auf der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Gleichzeitig sieht er die Journalisten in einer Position, die den Anschein erwecke, sie müsse die Regierung bekämpfen. Beide Akteure sollten aber eigentlich gemeinsame Interessen verfolgen. Sie sollten das beste Interesse des Landes und seiner Bürger verfolgen. Auf die Frage, ob die Regierung bei der Verabschiedung des Media Council Act zu weit gegangen wäre, antwortete Eric Chinje: „Too far maybe not, but the government definitely tried to go farther than it should have, yes.“

Dank dieses Gesetzes herrsche in Kenia unter Journalisten nun ein stärkeres Gefühl der Selbstzensur, als es der Fall sein dürfe. Ein starker Vorwurf. Allerdings relativiert Chinje diese Aussage zumindest in Teilen. Er fügt hinzu, dass das eine einfache Erklärung wäre. Journalisten müssten nun konzentrierter an ihre Arbeit gehen.

You really can no longer be flippant, you have to understand, you have to investigate, you have to research, so that you’re clear about what you’re saying.

Was das Gesetz also auf eine äußerst merkwürdige Art ebenfalls getan hat, den Journalisten eine höhere Verantwortung zu übertragen und – für die Entschlossenen und Hartarbeitenden – die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern.

Allerdings berichtete Chinje im Anschluss von dem zu Beginn erwähnten Journalisten, in dessen Arbeit ein nicht zulässiger Eingriff stattfand. Wenn sich Journalisten in eine Lage gedrängt fühlen, in der sie denken, dass sie vorsichtig sein müssten was sie sagen und schreiben, und sie das von einer bestimmten Qualität ihrer Arbeit abhält, dann sei das ein Problem. Chinje glaube, dass das Gesetz damit seine Befugnisse übersteige. Letztendlich habe das aber guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt. Zwar habe der MCA Einschränkungen mit sich gebracht, Chinje könne aber mit diesen leben. Dennoch meint er, „it would be good if it were revisited“. Eric Chinjes Zusammenfassung lautete: „Disturbing but acceptable“.

„Draconian anti-press legislation“

Was manche Protestanten mit Klebeband vor dem Mund subtil zum Ausdruck bringen möchten, ist auf diesem Spruchband explizit zu lesen.

Die (kenianischen) Pressestimmen sind hierbei aber um einiges deutlicher. Wie bereits erwähnt, sind die Sanktionen bei Nicht-Einhaltung des Code of Conduct mit Recht als unverhältnismäßig anzusehen. Zudem könne den verurteilten Journalisten die Akkreditierung entzogen werden. Hinzu kommen weitere scharfe Vorwürfe von Journalisten an dieses Gesetz: Der Code of Conduct sei „government-dictated“ und das Tribunal, das durch den KICA entstand, „government-regulated“, so das Onlineportal des kenianischen Fernsehsenders Citizen TV. Das Committee to Protect Journalists meint, dass kritische Berichterstattung damit effektiv zum Schweigen gebracht wird. Tom Rhodes, Ost-Afrika-Beauftragter des CPJ, ergänzte, dass Journalisten und Pressekanäle sich so selbstzensieren müssten, um zu überleben.

Ist die Pressefreiheit unter diesen Umständen noch gewährleistet?

Eine klare Antwort auf diese Frage ist nur schwer möglich. Wie Prof. Obonyo schilderte, haben die Gesetze auch Vorteile. Diese sind allerdings nur gegeben, solange der Media Council unabhängig von der Regierung handeln kann. Sobald das regierungsnahe Tribunal die Bearbeitung der Rechtsverletzungen übernimmt, wird es für kenianische Journalisten gefährlich. Bereits die Angst vor derartigen Überschreitungen kann zu Lähmungen in ihrer Arbeit führen. Dennoch meint Eric Chinje, dass die Gesetze guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt hätten.

Das größte Problem der Gesetzgebungen ist es einen Pressekodex im Gesetz zu verankern. Der Deutsche Presserat kann für seine „Machtlosigkeit“ geschmäht werden. Allerdings darf die Presse – wie im Fall Kenias – nicht durch die Regierung beeinträchtigt werden. Entscheiden aber Regierungsorgane wie das Communications and Multimedia Appeals Tribunal in Kenia über die Rechtmäßigkeit journalistischer Handlungen, dann ist das ein unzulässiger Einschnitt in die Pressefreiheit. Victor Briwe – Deputy Chief Executive des Media Council – sieht es ähnlich: „The code of ethics is our problem. It shouldn’t be part of the law.“ Und wenn Journalisten aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung ihrer Arbeit nicht in der nötigen Qualität nachgehen können, ist das wie Eric Chinje sagt ein großes Problem. Besonders Fälle wie die des jungen Journalisten aus Chinjes Erzählung dürfen nicht stattfinden.

Weniger Stereotype wagen

Die Berichterstattung über afrikanische Länder ist nach wie vor von Stereotypen geprägt. Bereits die Ausbildung kann darüber entscheiden, ob und wie junge Journalisten für die Problematiken der Afrika-Berichterstattung sensibilisiert werden.

Ein Gedankenexperiment: „Wir haben 100 Leute gefragt: Nennen Sie Begriffe, die Sie mit Afrika verbinden.“ In der beliebten Spielshow „Familien Duell“ mussten in den 90er Jahren Familien die häufigsten Antworten auf eine Frage erraten, die zuvor 100 Personen gestellt worden war. Was wären wohl die Antworten? Vermutlich eher Begriffe wie Hunger, Armut, Aids oder Kriege und wohl weniger Kultur, Vielfalt oder Wachstum.

Es ist erstaunlich, dass das Bild des Kontinentes Afrika nach wie vor von negativen Stereotypen dominiert und verzerrt wird, schließlich gehören mehrere afrikanische Länder zu den weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Zudem weckt die rasante Digitalisierung in Ländern wie Kenia das Interesse von Investoren (z.B. in der„Silicon Savannah“).

Warum bleibt Afrika in den westlichen Köpfen trotz alledem der „K-Kontinent“ – geprägt von Krisen, Katastrophen, Kriegen, Krankheiten? Einer der Sündenböcke sind sicherlich die Vorurteile in den Redaktionen. „Die Journalisten sagen häufig: ‚Für Afrika interessieren sich die Menschen bei uns nicht so sehr. Also müssen wir die Geschichten erzählen, bei denen man an Vorerwartungen anknüpfen kann‘“, meint Markus Behmer, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Bamberg. „Und genau deshalb, weil die Medien immer das gleiche und insgesamt nicht viel über Afrika berichten, interessieren sich die Leute nicht so sehr dafür.“ Ein verhängnisvoller Kreislauf.

(K)eine Afrika-Expertin

Sich als Afrika-Expertin zu bezeichnen findet Isabel Pfaff ein wenig vermessen, dennocherfüllt die Redakteurin im Ressort Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung intern genau diese Rolle. „Wir sind faktisch zwei Leute, die schwerpunktmäßig zu Afrika arbeiten in der Zeitung. Da fungieren wir halt erst einmal als Afrika-Experten, auch wenn wir uns in viele Dinge erst einmal einarbeiten müssen“, erklärt Pfaff. „Ich fände es auch besser, wenn es anders wäre: Wenn ich zum Beispiel Ost-Afrika-Expertin wäre, aber die deutsche Medienwelt funktioniert in Bezug zu Afrika leider so.“ Die Berichterstattung abseits der K-Themen gestaltet sich schwierig:

„Es ist schwierig. Einerseits, weil wir diese Klischees haben in Deutschland und auch in der Redaktion. Es ist aber auch deshalb schwierig, weil auf diesem großen Kontinent diese Dinge auch weiterhin passieren. Als Journalistin will ich die Leute auch nicht hängen lassen, die unter diesen Situationen leiden – und die Situationen gibt es.“ – Isabel Pfaff, Süddeutsche Zeitung

„Das heißt natürlich nicht, dass das überall so ist. Genauso muss man Artikel darüber schreiben, dass sich viele Dinge verbessert haben. So sollte man es flankieren“, fügt Pfaff hinzu. Das nötige Hintergrundwissen kann sie unter anderem aus ihrem Afrikanistik-Studium beziehen. Doch nicht jeder Journalist, der über Afrika berichtet, hat sich mit der Thematik wissenschaftlich auseinandergesetzt. Manchmal seien diese Korrespondenten jedoch genau deswegen gut in ihrem Job. „Sie schauen mit einem ganz unbedarften Blick auf die Themen und das stört mich als Fachfrau dann vielleicht, weil ich oft das Gefühl habe, dass es verzerrend oder gar falsch ist, aber für Nicht-Experten funktioniert dieser Ansatz wohl besser“, erklärt Pfaff. Ihr Afrikanistik-Studium sei trotzdem eine wichtige Ausbildungsstation gewesen. „Ich weiß inzwischen, dass das einem die Arbeit nicht unbedingt erleichtert, weil man viele Schattierungen sieht, die letztlich nicht im Artikel landen können. Von daher: Es ist vielleicht der richtige Weg, aber es ist auch ein steiniger.“

In der Ausbildung Bilder korrigieren

Petra Kohnen (2. v. l.) arbeitet mit Studierenden aus aller Welt.

Wie also sieht die perfekte Ausbildung aus, um angehende Journalisten für die Probleme der Berichterstattung über Afrika zu sensibilisieren? Markus Behmer betont, wie wichtig es ist, dass Studierende sich mit Menschen aus afrikanischen Ländern austauschen und Netzwerke aufbauen, die sie auch nach ihrem Studium noch nutzen können. „Die Hoffnung besteht, dass es viel stärker wirkt, wenn man Menschen im direkten Gespräch begegnet, als wenn man nur etwas darüber liest.“ Bereits seit 15 Jahren sei genau das der Anspruch der Bildkorrekturen-Tagung. Zudem können Reisen in die jeweiligen Länder helfen stereotype Bilder zu korrigieren. Das weiß auch Petra Kohnen, die Leiterin der Internationalen Studienprogramme der Deutschen Welle Akademie: „Wir haben deutsche Studierende, die immer sehr überrascht sind, wenn wir zum Beispiel nach Ägypten gehen und dort die Umwelt eine sehr geringe Rolle spielt. Wir denken, dass wir unsere Umweltstandards mit rüberbringen. Das ist auch ein Bild, welches wir korrigieren müssen: Dass die darauf jetzt nicht gerade gewartet haben…“

Hauptsache digital?

Auch wenn im Internet unzählige Informationen über afrikanische Länder nur einen Klick entfernt sind, darf der direkte Kontakt mit den Menschen vor Ort nicht fehlen. Dennoch hat die Digitalisierung sowohl die Arbeit der Redakteure als auch die Ausbildung dazu verändert. Isabel Pfaff denkt, dass die Digitalisierung helfe, Stereotype zu vermeiden: „Schon allein, weil man viel öfter Afrikaner sprechen lassen kann als es sicher vorher der Fall war.“ Trotz der Informationsfülle befürchtet sie nicht, dass nur noch in sozialen Medien wie Twitter und nicht mehr vor Ort recherchiert wird: „Das ist in Bezug auf Afrika Unsinn, weil es ja nicht so war, dass wir früher zehn Leute auf dem Kontinent hatten, die Berichterstattung vor Ort gemacht haben, sondern wir hatten genauso wie jetzt eine Person und die hatte damals nicht diese ganzen Quellen zur Verfügung, die es heute gibt.“ Vielmehr helfen die sozialen Medien, schneller an afrikanische Haltungen und Meinungen heranzukommen.

Ein Heimspiel für angehende Journalisten, die sich zu der Generation der Digital Natives zählen dürfen? „Man kann die modernen Medien dazu nutzen, um dann tatsächlich zu verifizieren, ob Strategien, ob politische Agenden und so weiter tatsächlich so umgesetzt werden“, erklärt Kohnen. Dennoch sei es wichtig, dass die Studierenden lernen Inhalte aus dem Netz auf ihre Echtheit und ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Wenn die jungen Redakteure soziale Medien als Informationsquelle nutzen, ist es folglich enorm wichtig kritisch zu bleiben.

„Die digitalen Medien sind manchmal eher dazu geneigt Stereotype zu verfestigen, weil viele sich in ihren Filter-Bubbles und ihren Echo-Räumen bewegen.  Aber die Chance ist zumindest da: Die Chance, dass andere Stimmen laut werden – gerade in Staaten, wo wenig Medienfreiheit ist.“ – Markus Behmer, Universität Bamberg

Mit Filter-Bubbles und Echo-Räumen ist gemeint, dass Algorithmen in den sozialen Medien nur die Inhalte einblenden, die den Nutzer vermeintlich interessieren. Dadurch wird das eigene Informationsspektrum eingeengt und andere Meinungen können untergehen. Die sozialen Medien werden zu Echo-Kammern, in denen Gleichgesinnte ihre Auffassungen wie ein Echo zurückbekommen. Gleichzeitig betont Behmer aber auch, dass es in vielen Staaten Afrikas eine lebendige Blogger-Szene gebe und so auch neue Stimmen Gehör fänden. „Die brauchen allerdings Verstärker. Die Verstärker müssen wiederum die Leitmedien sein. Damit über diese Medien dann eben wieder berichtet wird und das dann wiederum an die Ohren mehrerer Menschen kommt.“

Das von Stereotypen geprägte Afrika-Bild mag in vielen westlichen Köpfen allzu tief festsitzen. Doch eine geeignete Ausbildung der Journalisten ist nur eine von vielen Möglichkeiten, um mit Vorurteilen aufzuräumen. Auch Projekte wie „Journalism in a Global Context“ oder „JournAfrica!“ wollen das Afrika-Bild korrigieren.

Kriege, Krisen, Krankheiten? Taucht Afrika in europäischen Medien auf, handelt es sich meist um Negativ-Nachrichten. So vermitteln einseitige, oft fehlerhafte Darstellungen ein verzerrtes Bild des schwarzen Kontinents. Umgekehrt weist die Berichterstattung afrikanischer Medien über Deutschland und benachbarte Länder große Mängel auf. Das Projekt „Journalism in a Global Context“ soll dies zukünftig verbessern.

Die Idee ist einfach: Afrikanische und deutsche Journalismus-Institute sollen miteinander vernetzt werden, um den Austausch zwischen Afrika und Europa zu fördern. Auf deutscher Seite beteiligen sich das Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus der TU Dortmund und das Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg. Zusammen mit dem Verein Africa Positive planen sie eine webbasierte Plattform.Dort sollen afrikanische und deutsche Nachwuchsjournalisten gemeinsam an Beiträgen arbeiten, die sich vor allem mit der Situation von Migranten auf dem Weg nach Europa und der Lebensrealität in Deutschland beschäftigen. Dies geschieht im Rahmen universitärer Kurse. Indem die Studierenden unterschiedliche Perspektiven kennenlernen, wird der Blick über den Tellerrand und damit eine professionelle Auslandsberichterstattung gefördert. Zudem soll die Plattform die Zusammenarbeit in Forschung und Lehre unterstützen.

Medien bedienen Stereotype

In der aktuellen Flüchtlingskrise wird das Informationsdefizit über afrikanische Länder besonders deutlich. Europäische Medien fokussieren vor allem die Auswirkungen der Zuwanderung auf das Inland und die Flüchtlingspolitik in der Europäischen Union. Fluchtursachen und -motive blenden sie meist aus. „Die Flüchtlingswelle wird mit Hunger und Krieg erklärt. Dabei liegen die Ursachen viel tiefer – korrupte Regierungen, internationale Multis, die die Rohstoffe der afrikanischen Länder ausbeuten, und die globale Waffenindustrie tragen massive Mitverantwortung“, kritisiert Eric Chinje, Präsident der African Media Initiative. Die Medien berichten oftmals vereinfachend – sie bedienen weitverbreitete Stereotype, die den Lesern vertraut sind. Afrika wird meist mit Kriegen, Krisen und Krankheiten in Verbindung gebracht – die Flüchtlingskrise bildet dabei keine Ausnahme.

„Stereotype sind notwendig, um Komplexität zu reduzieren. Nur werden diese in den Medien zu wenig hinterfragt. Es ist einfach, in eingefahrenen Gleisen weiterzufahren. Die Gleise zu verlassen, bedeutet viel Aufwand.“
Markus Behmer, Professor an der Universität Bamberg und Mitbegründer des Projekts

Ferner bleibt die Migration innerhalb des Kontinents weitgehend unbeachtet, denn die meisten Menschen fliehen in angrenzende Nachbarländer. Laut dem Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen lebten 2014 neun von zehn Flüchtlingen in Entwicklungsländern.

Teil der Problematik ist auch die geringe Zahl westlicher Korrespondenten; so ist häufig nur ein Reporter für 33 afrikanische Länder zuständig.

„Die Afrikaner kennen Afrika nicht“

In Afrika fehlt es bei der Auslandsberichterstattung an einer entsprechenden Ausbildung der Journalisten. Wird über andere Länder informiert, dienen oft internationale Nachrichtenagenturen oder ausländische Fernsehprogramme wie die BBC als Quelle. „Die Afrikaner kennen Afrika nicht. Weniger als ein Prozent der Inhalte thematisiert andere afrikanische Länder”, so Eric Chinje bei der diesjährigen Bildkorrekturen-Konferenz. Dabei wäre eine intensive Beschäftigung mit den Nachbarländern Voraussetzung für wirtschaftliche Zusammenarbeit und politischen Austausch. Die Defizite in der Berichterstattung sind somit mitverantwortlich, dass innerhalb Afrikas kaum Überlegungen zu Ursachen und Lösungsmöglichkeiten der Flüchtlingskrise vorhanden sind. Die Artikel der Studierenden beschäftigen sich auch mit diesen Themen. Sie werden einer großen Leserschaft zugänglich gemacht, schließen so Informationslücken in der afrikanischen Bevölkerung und verbessern daher auch die Vernetzung innerhalb des Kontinents.

Falsche Hoffnungen an Europa

Außerdem zeigen viele afrikanische Medien nur Ausschnitte aus der Realität des Lebens in Europa. Da sie ihren journalistischen Aufgaben nicht gerecht werden, haben sich soziale Medien zu einer wichtigen Informationsquelle entwickelt. Bilder von Bekannten, die in Deutschland angekommen sind, ermutigen so den ein oder anderen, selbst zu fliehen. Es entsteht ein Teufelskreis aus mangelhafter Ausbildung, defizitärer Berichterstattung und Flucht. Hier setzt „Journalism in a Global Context“ an mehreren Punkten an: Zum einen thematisieren die Beiträge der Studierenden das Leben in Deutschland und Alternativen zur Flucht; zum anderen fördert das Projekt die journalistische Ausbildung junger Afrikaner, um eine differenziertere Berichterstattung auch langfristig sicherzustellen.

Appschmiede Afrika Eine Sammlung digitaler Projekte aus Afrika

In den Köpfen vieler Menschen steht Afrika nach wie vor für Armut, Hungersnöte und Babys mit aufgeblähten Bäuchen. Dabei ist das ein vollkommen veraltetes Bild. Viele Länder Afrikas haben eine stetig wachsende und kauffreudige Mittelschicht. Vor allem die immer weiter und schneller fortschreitende Digitalisierung gibt jungen, kreativen Unternehmen die Möglichkeit, ihre Ideen mit wenigen Mitteln umzusetzen. Sie lassen Nutzer ihre Bankgeschäfte übers Handy abwickeln, medizinische Ratschläge über eine App erfragen oder ihren Kindern Zugang zu Bildung verschaffen. Sie wollen mit ihren Projekten gegen Korruption und Arbeitslosigkeit ankämpfen – oder einfach nur unterhalten.

In der nachfolgenden interaktiven Karte finden sich 30 Apps und digitale Projekte aus Afrika. Klickt man auf die verschiedenen Symbole, erscheint eine kurze Beschreibungen und ein Link zur Website des jeweiligen Projekts. Die Sammlung hat bei Weitem nicht den Anspruch, vollständig zu sein. Sie soll vielmehr einen Überblick darüber geben, welche Chancen die Digitalisierung dem Kontinent bietet – und wie diese bereits jetzt genutzt werden.

Unter der Karte werden alle Apps und digitale Projekte noch einmal nach Kategorien sortiert aufgezählt.

Hinweis: Da gerade in den größeren Städten viele Projekte ihren Ursprung haben, lohnt es sich, in die Karte hineinzuzoomen.

Gesundheit

Ask Without Shame, Uganda

Dokita Eyes, Togo

Flare, Kenia

GetIn, Uganda

Gifted Mom, Kamerun

Leap, Kenia

OMOMI, Nigeria

Vula, Südafrika

Bildung

AkiraChix, Kenia

Eduze, Südafrika

Elimu, Kenia

Eneza Education, Kenia

Shule Direct, Tansania

Tuteria, Nigeria

Xander, Südafrika

Arbeit

Domestly, Südafrika

DumaWorks, Kenia

iCow, Kenia

MFarm, Kenia

Sauti, Kenia

Finanzen

M-Pesa, Kenia

SnapScan, Südafrika

Unterhaltung

BattaBox, Nigeria

Genii Games Limited, Nigeria

Pelichat, Südafrika

Gastronomie

Afrifood, Ruanda

Bottles, Südafrika

Information

LegalForms, Nigeria

Ushahidi, Kenia

Verkehr

Afritaxi, Ruanda

 

Sie kennen noch ein spannendes digitales Projekt aus Afrika, das super in unsere Karte passen würde? Kein Problem: Kommentieren Sie einfach den Namen des Projekts und am besten gleich die Website des Entwicklers unter diesen Artikel. Wir nehmen das Projekt dann so schnell wie möglich in unsere interaktive Karte auf.  

Zwei Menschen, die das Bild von Afrika verändern möchten

Isabel Pfaff

  • arbeitet als Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung
  • ist zuständig für den Ressort Außenpolitik (Schwerpunkt Afrika)
  • studierte zuvor Afrikanistik, Politikwissenschaft und Geschichte
  • hat bereits einige Artikel über Entwicklungshilfe geschrieben

 

 

Niko Wald

  • arbeitet derzeit als Referent im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
  • studierte Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre und arbeitete als Journalist
  • arbeitete zuvor unter anderem bei „Brot für die Welt“ und „Diakonie Katastrophenhilfe“
  • arbeitet seit Jahren mit Partnerinnen und Partnern in afrikanischen Länder zusammen

Journafrica: Afrika ist anders, als wir denken Wer berichtet schon von kenianischen Graffiti-Künstlern? Das Online-Magazin „Journafrica“ tut genau das.

Die Artikel auf www.Journafrica.de stammen von afrikanischen Journalisten und berichten vom Leben abseits der Kriege und Krisen des Kontinents. Die Redaktion in Deutschland prüft und übersetzt die Texte. Ein Gespräch mit „Journafrica“-Mitbegründer Philipp Lemmerich.

„Journafrica“-Gründer Lemmerich: „Der Eindruck von unseren Artikeln ist hip, cool, urban und yeah!“

„Journafrica“-Gründer Lemmerich: „Der Eindruck von unseren Artikeln ist hip, cool, urban und yeah!“

Philipp Lemmerich, Sie geben ein Online-Magazin über Afrika heraus. Mit Krisen beschäftigen sich die Artikel aber meist nicht. Was haben Sie gegen harte Themen?
Lemmerich: Ich habe den Eindruck, die meisten Berichte über Afrika handeln von den drei großen „K“s: Kriege, Krisen, Katastrophen. Aber die Bilder, die das in unserem Kopf hinterlässt, entsprechen nicht den Bildern vor Ort. Eine Geschichte über eine Krise ist vielleicht nur eine von Hunderttausend Geschichten, die sich in Afrika abspielen. Von denen wollen wir erzählen.

Hat das überhaupt Nachrichtenwert?
Einen klassischen Nachrichtenwert haben die wenigsten unserer Geschichten. Aber ich glaube, Auslandsjournalismus sollte nicht nur Nachrichten vermitteln. Es geht darum, andere Länder zu zeigen, und zwar aus mehreren Perspektiven. Wenn ich als großes Nachrichtenportal aber nur einmal im Jahr über Swasiland berichte, vermittle ich ein einseitiges Bild. Vor allem wenn dieser eine Artikel dann nur von Armut handelt.

„Fakt ist, die meisten von uns interessieren sich nicht die Bohne für Afrika“. Das haben Sie in ihrem Vortrag bei der Konferenz „Bildkorrekturen“ gesagt. Kann das ein Artikel über Hip-Hop aus Swasiland ändern?
Ja, ich denke schon. Ich finde, man erreicht die Leute durch niedrigschwellige Geschichten. Wir Akademiker denken da vielleicht zu oft auf der Meta-Ebene. Wenn jemand in Deutschland Bock auf Hip Hop hat und durch den Artikel herausfindet, dass es in afrikanischen Ländern auch Hip Hop gibt, dann wird er sich auf diesem Weg für Afrika interessieren.

Die meisten Ihrer Themen sind urban, kreativ, liberal. Für die konservative Landbevölkerung interessieren Sie sich also nicht?
Stimmt schon, der Eindruck von unseren Artikeln ist hip, cool, urban und „yeah!“. Und das soll so sein. Als wir in den ersten Monaten gemischte Themen hatten, haben sich die Leser beschwert und gesagt: Solche Artikel kennen wir schon. Die Berichte in unserem Magazin sind nicht ausgewogen, weil wir bewusst ein Gegengewicht zur allgemeinen Berichterstattung suchen.

Wer liest eigentlich „Journafrica“?
Noch sind unsere Leser vor allem junge Leute mit akademischem Hintergrund und Afrika-Bezug. Zugegeben: Damit bewegen wir uns in einer eigenen Blase. Unser größter Gewinn wäre eine regelmäßige Zusammenarbeit mit großen Medien in Deutschland. Wie das genau aussehen soll, weiß ich noch nicht – ich könnte mir zum Beispiel eine Kolumne im Politikteil einer überregionalen Tageszeitung vorstellen.

Woher wissen Sie, dass Ihre Autoren unabhängig sind? Die Artikel stammen von afrikanischen Journalisten vor Ort, an der Recherche sind Sie in Deutschland nicht beteiligt.
Wir sind ein Team von zehn Leuten und prüfen alle eingereichten Artikel. Außerdem checken wir die Identität von jedem unserer Mitarbeiter. Die meisten, die für uns schreiben, haben schon vorher im Netz veröffentlicht. Da kann man sich schon ein Bild machen. Wenn in den Artikeln politische Meinungen deutlich werden, kennzeichnen wir das als Kommentar.

Sie etikettieren also Berichte Ihrer Autoren zu Kommentaren um?
Ja, das kommt manchmal vor. Ich habe den Eindruck, dass in einigen afrikanischen Ländern die Trennung von Nachricht und Kommentar nicht so wichtig ist wie bei uns. Die Autoren drücken Werturteile und ihr subjektives Empfinden viel offener aus. Manchmal streichen wir in Reportagen auch die Abschnitte, die eine Meinung beinhalten, und geben den Journalisten ein entsprechendes Feedback.

Haben Ihre Autoren schon Probleme mit ihren Regierungen bekommen?
Ja, auch wenn die meisten unserer Artikel nicht besonders politisch sind. Einer unserer Journalisten aus Burundi schreibt beispielsweise nur unter Pseudonym. Ein anderer Autor ist vor Kurzem nach Belgien geflohen, er wurde zuhause vors Justizministerium zitiert.

Stichwort Selbstzensur: Wirkt bei Ihren Autoren die sprichwörtliche Schere im Kopf?
Das weiß nicht.

Vor der Gründung von „Journafrica“ haben Sie selbst einige Monate in Togo Radio gemacht. Worüber haben Sie da berichtet?
Ich war sehr blauäugig. Ich habe aus einem damals noch akademischen Kontext über Mülltrennung und Umweltschutz berichtet. Die Leute vor Ort dachten sich wohl: Aha, da spricht wieder der weiße Mann, der alles besser weiß. Es war einfach eurozentristisch und ich habe mich überfordert gefühlt. Obwohl ich schon eine Weile dort war, hatte ich einfach nicht gelernt, wie es in Togo läuft. Vielleicht bleibt man als Europäer eben doch immer ein Tourist.

INFOBOX

Im Netz ist „Journafrica“ unter www.Journafrica.de zu finden, sowie auf Facebook (www.facebook.com/Journafrica) und Twitter (twitter.com/Journafrica).

Die Texte stammen von Journalisten aus 25 afrikanischen Ländern. Ein Schwerpunkt liegt in Ost- und Westafrika, Artikel aus Nordafrika gibt es derzeit nicht.

Das Team von „Journafrica“ besteht aus etwa zehn Leuten. Sie pflegen die Website, übersetzen und redigieren die Texte und entscheiden über die Themenvorschläge der Autoren.

Finanziert wird das Online-Magazin durch Fördergelder und Spenden. Die freien Autoren werden für jeden Artikel bezahlt. In einer Crowdfunding-Kampagne haben die Macher Geld gesammelt, um das Projekt im Jahr 2016 fortzusetzen.

ZUR PERSON

Philipp Lemmerich hat in Kiel und Leipzig Politikwissenschaft studiert. Er lebt als freier Journalist in Berlin und leitet das Online-Magazin „Journafrica“.

Die Angst eritreischer Flüchtlinge vor regimetreuen Dolmetschern

Nutzen regimetreue Tigrinya-Dolmetscher*innen beim BAMF ihre Machtposition aus, um eritreische Geflüchtete im Asylinterview einzuschüchtern? Eine Recherche von Elisabeth Kimmerle und Lucas Grothe.

In Eritrea müssen Frauen und Männer einen zeitlich praktisch unbegrenzt Militärdiesnt leisten - und sind dabei struktureller, körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt. Foto: Lucas Grothe

In Eritrea müssen Frauen und Männer einen zeitlich praktisch unbegrenzt Militärdiesnt leisten – und sind dabei struktureller, körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt. Foto: Lucas Grothe

Ein einziger Satz kann entscheiden: Anerkennung oder Ablehnung. Wenige Worte können ausschlaggebend dafür sein, ob geflüchtete Eritreer*innen Schutz in Deutschland bekommen. In der Asylanhörung sitzt der Flüchtling einem Entscheider vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gegenüber, dem er detailliert seine Fluchtgründe schildern soll. Zwischen ihnen ein Dolmetscher – er ist die Schlüsselfigur in der Asylanhörung, denn er ist der einzige, der beide Sprachen beherrscht. Der Dolmetscher muss in seinem Beruf zwei Dinge können: Reden und Schweigen. Er muss inhaltsgetreu verdolmetschen, was der Flüchtling in der Anhörung berichtet. Und er muss darauf verzichten, eigene Kommentare in das Gespräch einzubringen. Vor allem aber muss er schweigen über alles, was er im Asylinterview über den Geflüchteten erfährt. Doch was, wenn er Teil des Regimes ist, vor dem die Eritreer*innen geflüchtet sind? Was, wenn er falsch übersetzt oder den Geflüchteten einschüchtert?

Regimetreue Dolmetscher*innen setzen eritreische Geflüchtete unter Druck

Eine Studie über Tigrinya-Dolmetscher in Anhörungen vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, die in den kommenden Wochen in der Zeitschrift Moderne Sprachen veröffentlicht wird, liefert Anhaltspunkte dafür, dass regimetreue eritreische Dolmetscher*innen für das BAMF arbeiten. „Es soll vorgekommen sein, dass der Dolmetscher in der Anhörung sagt: Hör auf, so über dein Land zu sprechen“, berichtet die Verfasserin der Studie, Eden Mengis. Aus den Interviews, die sie mit eritreischen Geflüchteten und Dolmetscher*innen geführt hat, geht hervor, dass es in Asylanhörungen wiederholt zu Einschüchterungsversuchen gegenüber eritreischen Geflüchteten gekommen sein soll. Freweyni Habtemariam, die als vereidigte Dolmetscherin seit vielen Jahren für Behörden und Gerichte ins Tigrinische dolmetscht, bestätigt diesen Verdacht: „Zu mir kommen gruppenweise Flüchtlinge, die sich darüber beschweren, dass sie im Asylinterview unter Druck gesetzt wurden, nichts Kritisches über die eritreische Regierung zu sagen.“

Ein Satz mit gravierenden Folgen

„Sprich nicht so über dein Land!“ Das ist ein Satz, der den Ausgang des Asylverfahrens verändern kann. Wenn ein Dolmetscher ihn zum Geflüchteten auf der eritreischen Amtssprache Tigrinya sagt, bemerkt der Entscheider das nicht, weil er die Sprache nicht versteht. Doch der Asylbewerber bekommt Angst: Wie soll er vor einem regimetreuen Dolmetscher offenlegen, warum er aus Eritrea geflohen ist – einem Land, in dem Flucht unter Strafe steht? Wie soll er über seinen Herkunftsort, seine Familienverhältnisse in einem Land berichten, in dem Angehörige der Geflüchteten wegen Fluchthilfe ins Gefängnis kommen können? Die Konsequenzen dieses einen Satzes können weitreichend sein: Beschließt der Geflüchtete, Details auszusparen, kann das BAMF seinen Asylantrag als unglaubwürdig einstufen oder als unbegründet ablehnen. Der Asylbewerber riskiert damit eine Abschiebung nach Italien, dem Land, über das die meisten Eritreer*innen nach Europa kommen. Gibt er vor dem regimetreuen Dolmetscher Einzelheiten über seine Familie preis, gefährdet er schlimmstenfalls seine Angehörigen in Eritrea. Schon mit der Flucht nach Europa werden Eritreer*innen vom repressiven Regime ihres Heimatlandes kriminalisiert. In dem Land am Horn von Afrika werden alle Männer und Frauen ab 18 Jahren zum sogenannten National Service – einem Militär- oder Zivildienst – eingezogen, der in der Praxis mehrere Jahrzehnte dauern kann. Ein Grund für die Flucht nach Europa – und für die Anerkennung als Flüchtling in Deutschland.

Dringen über die Dolmetscher*innen private Informationen nach Eritrea?

„Ich sehe eindeutig die Gefahr, dass diese hochsensiblen Informationen von den regimetreuen Dolmetschern an die eritreische Botschaft weitergeleitet werden“, erklärt Eden Mengis, die selbst als Konferenzdolmetscherin arbeitet. „Was damit in Eritrea an Unrecht geschehen kann, ist viel folgenreicher als die konkreten Konsequenzen für die Asylsuchenden.“ Dass regimetreue Dolmetscher*innen tatsächlich Informationen über eritreische Geflüchtete an die Botschaft übermitteln, ist schwer nachzuweisen. Doch in einem UN-Bericht über Eritrea, der im Juni 2015 erschienen ist, geht die Untersuchungskommission davon aus, dass die eritreischen Bespitzelungsstrukturen, die die Bevölkerung unter ständiger Angst halten, bis nach Europa reichen und dass das Regime in der eritreischen Diaspora Spione einsetzt, um an Informationen über die Geflüchteten zu gelangen. Dass auch Dolmetscher*innen als Spitzel arbeiten könnten, legt ein Gespräch nahe, das Freweyni Habtemariam mit einem Eritreer geführt hat, der in einem eritreischen Ministerium arbeitet: „Er wusste nicht, dass ich Oppositionelle bin und hat mir gesagt: Wir bekommen das, was die Flüchtlinge erzählen, von den Dolmetschern geschickt. Wir sind gut informiert. Das hat mir schon zu denken gegeben“, sagt sie.

Die Angst der Geflüchteten vor dem Regime bleibt

Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, kennt die Vorwürfe, dass das BAMF in Anhörungen regimetreue Tigrinya-Dolmetscher*innen einsetze. „Die Hinweise auf regimetreue eritreische Dolmetscher sind ein Problem, das im Auge behalten werden muss. Wir beobachten, dass es in vielen Fällen ein großes Misstrauen unter eritreischen Geflüchteten gibt, was die Dolmetscher angeht“, erklärt er. Allerdings sei es schwierig, empirisch zu belegen, dass regimetreue Dolmetscher*innen Flüchtlinge in Asylinterviews einschüchtern oder Informationen an die eritreische Botschaft weiterleiten.

 

Ungewisse Zukunft: Auch aus der eritreischen HauptstadtAsmara flüchten viele Menschen nach Europa. Foto: Lucas Grothe

Ungewisse Zukunft: Auch aus der eritreischen HauptstadtAsmara flüchten viele Menschen nach Europa. Foto: Lucas Grothe

Das liegt auch daran, dass eritreische Geflüchtete in Deutschland Angst haben, sich öffentlich über das Regime zu äußern, vor dem sie geflohen sind. Wie groß das Misstrauen der Asylsuchenden gegenüber der eritreischen Regierung ist, bekommen auch Journalist*innen zu spüren: Bei der Recherche zu diesem Artikel ist kein Flüchtling bereit, über Einschüchterungsversuche von regimetreuen Dolmetscher*innen zu sprechen, nicht einmal anonymisiert.

Intransparenz beim Bundesamt

Auch die Zusammenarbeit des Bundesamts mit Tigrinya-Dolmetscher*innen ist intransparent. Zwar antwortet das BAMF auf Anfrage, das Bundesamt lege „großen Wert darauf, nur zuverlässige und geeignete Dolmetscher einzusetzen und die Qualität der Arbeit kontinuierlich zu kontrollieren und zu bewerten“. Die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses sei obligatorisch, des Weiteren würden Kontakte des Dolmetschers zu Behörden seines Heimatlandes in die Auswahlentscheidung einbezogen. Dem stehen Aussagen von Seghen Gebreyosus von United4Eritrea entgegen, einer Initiative, die nach den Beschwerden über regimetreue Dolmetscher*innen versucht hat, zu überprüfen, in wie vielen Fällen eritreische Flüchtlinge in ihrer Asylanhörung eingeschüchtert wurden. „Es ist sehr schwierig, das aufzuklären. Die Liste mit Dolmetschern, die vom BAMF veröffentlicht wurde, ist veraltet. Weil so viele eritreische Flüchtlinge kommen, werden die Dolmetscher nicht im Verzeichnis aufgenommen, sondern sie arbeiten auf Rechnung, sind also nicht beim BAMF angestellt“, erklärt Gebreyosus. Teilweise würden die Dolmetscher*innen nur temporär vereidigt. „Anscheinend ist die Not so groß, dass man sagt: Wir brauchen jeden, der uns helfen kann.“

Missstände gibt es nicht erst seit letztem Jahr“

Georgia Mais vom Berufsverband Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer in Norddeutschland e. V. (ADÜ Nord) bekräftigt diese Einschätzung: „Missstände gibt es nach unseren Informationen nicht erst seit letztem Jahr. Ich sehe nicht, dass die Kriterien, die wir als Berufsverband fordern – sei es hinsichtlich der Berufsethik oder der Professionalität – ausreichend berücksichtigt werden“, sagt Mais, die als Diplom-Übersetzerin seit 20 Jahren im ADÜ Nord aktiv ist. „In den aktuellen Stellenausschreibungen ist schwammig von ethischen Grundsätzen die Rede, aber ich höre von Kollegen, dass der Entscheider zulässt, dass der Dolmetscher wesentlich mehr oder weniger redet als der Asylbewerber und auch kommentiert. Da müsste jeder Entscheider hellhörig werden“, berichtet sie. Ihre Beobachtungen stützen sich auf Berichte von freiwilligen Helfer*innen, die mit arabisch sprechenden Flüchtlingen arbeiten. Im Namen des ADÜ Nord hat Mais einen offenen Brief an das Bundesamt mitverfasst, in dem die Entscheider*innen aufgefordert werden, bei Zweifeln an der adäquaten Verdolmetschung zu intervenieren. Dazu komme, dass das BAMF Dolmetscher*innen weit unter Tarif bezahle: Für Termine am Gericht liege der Stundensatz gemäß dem Justizvergütungs- und Entschädigungsgesetz (JVEG) bei 70 bis 75 Euro, für Asylanhörungen bekämen Dolmetscher*innen jedoch nur 25 Euro pro Stunde. „Das Bundesamt versucht, die Kosten für die Dolmetscher so gering wie möglich zu halten“, bestätigt Cornelia Remde vom Verein beeidigter Dolmetscher und Übersetzer Sachsen. Auch der Vorstandsvorsitzenden des Berufsverbands mit Sitz in Dresden ist das Problem der regimetreuen Dolmetscher*innen bekannt. „Es gibt Gerüchte, dass regimetreue Dolmetscher durchaus auch beim BAMF eingesetzt werden, aber wir haben keine Beweise. Die Frage ist: Wie prüft das Bundesamt die Dolmetscher? Das BAMF definiert keine Qualitätsstandards“, kritisiert Remde.

Das Black Box-Problem der Asylanhörung

Bernd Mesovic von Pro Asyl teilt die Einschätzung, dass das Bundesamt „bundesweit ein Qualitätsproblem mit Dolmetschern“ habe. Die Überprüfung von Dolmetscher*innen sei ein ernstzunehmendes strukturelles Problem des Bundesamts. „Es ist kaum leistbar für das BAMF, die Qualität der Dolmetschleistung zu prüfen. Weil keine externen Beobachter am Verfahren beteiligt sind, entsteht hier das Black Box-Phänomen“, erklärt er. Als

Neben der katastrophalen Menschenrechtslage ist auch die marode Wirtschaft ein Fluchtgrunde für viele Eritreer*innen. Foto: Lucas Grothe

Neben der katastrophalen Menschenrechtslage ist auch die marode Wirtschaft ein Fluchtgrunde für viele Eritreer*innen. Foto: Lucas Grothe

Kontrollmöglichkeit schlägt Mesovic vor, gelegentlich einen weiteren Dolmetscher hinzuzuziehen – was zur Folge haben könnte, dass dann korrekt übersetzt wird – oder Tonbandaufnahmen zu machen. Allerdings müsse man die Qualität von der politischen Einstellung der Dolmetscher*innen trennen. „Die Behauptung der politischen Manipulation eines Dolmetschers ist schwerwiegend. Wie kann ein Dolmetscher beweisen, dass er unverdächtig ist?“, gibt er zu bedenken. Der Kontakt zur Botschaft ist kein zwingendes Indiz dafür, dass ein Dolmetscher regimetreu ist, da viele Eritreer*innen die Dienste der Botschaft in Anspruch nehmen müssen, um etwa Dokumente aus ihrem Heimatland ausgestellt zu bekommen. Eden Mengis plädiert in ihrer Studie dennoch dafür, dass das Bundesamt keine Dolmetscher*innen einstellt, die Kontakte zur eritreischen Botschaft haben. „Das wäre ein Abwägen, weil dadurch Dolmetscher ausgeschlossen werden, die auf die Botschaft angewiesen sind, weil sie zum Beispiel Unterlagen brauchen. Aber viel schlimmer ist, wenn Menschenrechtsverletzungen in Eritrea begangen werden, weil regimetreue Dolmetscher Zugang zu sensiblen Informationen hatten“, erklärt sie. Zwar könne nicht abschließend festgestellt werden, dass die Botschaft gezielt Dolmetscher*innen in die Asylanhörungen einschleust, aber die Vermutung liege nahe, so Mengis. Problematisch sei zudem, wenn Geflüchtete von Dolmetscher*innen eingeschüchtert würden.

Einzelfälle oder strukturelles Problem?

Das BAMF weist die Vorwürfe zurück: „Die von Ihnen geschilderten Situationen sind uns nicht als generelles Problem bei eritreischen Dolmetschern bekannt. Weder liegen uns hierzu Hinweise aus den Außenstellen noch von anderer Seite vor“, antwortet die Pressestelle des Bundesamts auf Anfrage. Die Problemlage ist kompliziert, das sieht auch Seghen Gebreyosus von United4Eritrea ein. „Natürlich sprechen wir immer noch von Einzelfällen, aber wir wissen nicht, wie viele Fälle es noch gibt. Gerade, weil es so schwer nachzuvollziehen ist. Im Nachhinein kann man nicht aufklären, ob falsch verdolmetscht wurde oder nicht. Es gibt keine Tonbandaufnahmen aus der Anhörung“, wendet sie ein. Bei fast 11000 Asylanträgen von eritreischen Geflüchteten im vergangenen Jahr handelt es sich bei den wenigen dokumentierten Beschwerden für das Bundesamt statistisch um Einzelfälle, die keine Reaktion erfordern. Doch hinter jedem Einzelfall, in dem ein Tigrinya-Dolmetscher nicht neutral verdolmetscht oder seine Verschwiegenheitspflicht verletzt, steht ein Mensch, der mit den gravierenden Konsequenzen leben muss. Dass die Dunkelziffer weit höher liegt, ist angesichts der Angst eritreischer Geflüchteter, sich öffentlich über das Regime zu äußern und der intransparenten Zusammenarbeit des Bundesamts mit Dolmetscher*innen denkbar. Die Initiative United4Eritrea überlegt, dem BAMF ihre Mithilfe bei der Überprüfung der Tigrinya-Dolmetscher*innen anzubieten, und auch Pro Asyl will das Problem im Auge behalten. „Da wird ein strukturelles Problem weggeredet“, kritisiert Bernd Mesovic. „Man kann aber nicht über die Einzelfälle hinweggehen, weil es da um Existenzen geht.“

Trotz tausender Kilometer, die eritreische Schutzsuchende auf ihrerFlucht bis nach Deutschland zurückgelegt haben, können sie sich also scheinbar nicht immer dem langen Arm des Regimes entziehen. Eine Sensibilisierung für das Thema scheint im BAMF derzeit wenig vorhanden zu sein. Und das, obwohl in der Asylanhörung jedes (falsch) übersetzte Wort über die Zukunft der Geflüchteten entscheiden kann.

Frauenrechte in Eritrea: Zwischen gesetzlicher Gleichberechtigung und faktischer Benachteiligung

In Eritrea sind Frauen und Männer gleichberechtigt. So steht es in der Präambel der Konstitution, die 1997 ratifiziert wurde. Grund für die besondere Stellung, die Eritrea den Frauenrechten einräumt, ist die Beteiligung der Frauen am 30-jährigen Unabhängigkeitskrieg der eritreischen Befreiungsarmee EPLF. Bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1991 kämpften eritreische Frauen Seite an Seite mit den Männern gegen die Kolonialmacht Äthiopien. Auch in der Zivilgesellschaft waren die Frauen während des Kriegs emanzipiert: Sie übernahmen für ihre abwesenden Männer die Verantwortung für den Haushalt, die Geschäfte und die Landwirtschaft. Nach der Unabhängigkeit hat Eritrea mehrere Gesetze zur Gleichstellung der Frauen erlassen. So gewährt etwa die Landreform-Proklamation von 1994 und 1997 jedem Bürger unabhängig von Geschlecht, Religion und Ethnie das Recht, Land zu besitzen. Dieses Gesetz ermöglicht Frauen, landwirtschaftliche Betriebe und kleine Geschäfte aufzubauen. Laut dem Jahresbericht der afrikanischen Frauenrechtsorganisation Make Every Woman Count (MEWC) aus dem Jahr 2014 kontrollieren Frauen 40 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen in Eritrea.

Die Arbeitsproklamation von 2001 schützt Frauen im Beruf gesetzlich. In der Verwaltung und im Parlament gilt eine Frauenquote: 30 Prozent der Sitze sind für Frauen reserviert. Bereits 1995 hat Eritrea zudem die internationale Frauenrechtskonvention CEDAW ratifiziert, ein Übereinkommen über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Damit ist die Gleichstellung der Frau gesetzlich vergleichsweise gut geschützt.

In der Praxis sind eritreische Frauen dennoch Diskriminierung und sexueller Gewalt ausgesetzt. Im aktuellen Bericht zur Umsetzung der CEDAW äußert das UN-Komitee vor allem Besorgnis über die negativen Auswirkungen des National Service auf die Rechte der Frau. Der Militärdienst ist in Eritrea für Männer und Frauen von 18 bis 40 Jahren verpflichtend. Eigentlich auf 18 Monate begrenzt, müssen Eritreer*innen den National Service oft auf unbegrenzte Zeit ableisten. Alle Schüler*innen werden im 12. Schuljahr zum Militärdienst im Ausbildungslager Sawa eingezogen. Die UN-Kommission kritisiert die Zwangsrekrutierung, auch von minderjährigen Frauen in den zeitlich unbegrenzten Militärdienst unter Bedingungen, die der Zwangsarbeit ähneln. Berichten zufolge würden Frauen im National Service zudem häufig Opfer sexueller Gewalt durch Offiziere und männliche Rekruten. Als problematisch bewertet das Komitee auch, dass junge Frauen vermehrt frühzeitig die Schule verlassen oder minderjährig schwanger werden, um den Militärdienst zu umgehen. Abseits des National Service besteht für Frauen die Gefahr, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden. Auch Genitalverstümmelung betrachtet die Frauenrechtsorganisation Make Every Woman Count als ein ernstzunehmendes Problem in Eritrea: 89 Prozent aller eritreischen Frauen sind laut MEWC davon betroffen.

„Entweder wir schweigen oder wir retten die Welt“ – Im Gespräch mit Diane Nininahazwe Autorin: Nadine Dinkel

Im Panel zu Burundi sitzt mir die 26-jährige Radiojournalistin Diane Nininahazwe gegenüber. Sie wirkt angespannt und ernst. Wir sehen uns kurze Videosequenzen vom Wahltag in Bujumbura und der Situation von Journalisten in Burundi an. Als Diane die gewaltbeherrschten Bilder aus ihrer Heimat sieht, ist sie sehr bewegt. „Die burundische Regierung tötet Menschen, sie respektiert ihre Rechte nicht.“ Nach politischen Unruhen wurden 2015 alle privaten Radiostationen im Land geschlossen oder zerstört. Pressefreiheit? Die gibt es nicht mehr. Immer mehr burundische Journalisten sind gezwungen, das Land zu verlassen. Obwohl der Radiosender, für den Diane arbeitet, am 14. Mai 2015 geschlossen wird, entscheidet sie sich zu bleiben und weiterhin zu berichten. Immer wieder wird sie von Freunden und ihrer Familie gefragt: „Bist du verrückt, das zu machen?“ Doch für Diane als Journalistin gibt es nur zwei Möglichkeiten: „Entweder wir schweigen und lassen die Bevölkerung im Stich oder wir reden und riskieren zu sterben.“

 

„Wir sollten unsere Mikrofone dazu nutzen, die Welt zu verändern“

Als burundische Journalistin verdient Diane weniger als 100 Dollar im Monat. ‚Journalistin sein‘ ist für sie nicht nur ein Beruf, es ist ihre Berufung, ihre Leidenschaft. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Ich als Journalistin habe die Möglichkeit dazu.“ Medien haben für sie vor allem die Aufgabe, der Bevölkerung eine Stimme zu verleihen und die Regierung zu kritisieren: „Wir Journalisten sind die vierte Gewalt, wer, wenn nicht wir, soll die Gesellschaft verändern?“ Viele zu Unrecht inhaftierte Burundier, darunter auch Journalisten, wurden durch den Druck der Medien wieder frei gelassen. Jetzt stehen die Medien selbst im Visier der Regierung.

 

„Journalisten sind nationale Helden“

Die burundische Bevölkerung schätzt Journalisten, die über Konflikte berichten. „Journalisten sind sehr anerkannt, Ihnen kommt viel Dank zu.“ Dennoch ist es oft schwierig und gefährlich. Burundi ist ein kleines Land, jeder kennt jeden. „Es ist nicht möglich, als Journalist unauffällig unterwegs zu sein. Oft wird man auf der Straße angesprochen: Darüber hättest du nicht berichten sollen!“

 

„Ich mochte das Mikrofon“

Dianes Eltern haben ihren Wunsch, als Journalistin zu arbeiten, immer unterstützt. „Als ich zwölf Jahre alt war, beschloss ich, Journalistin zu werden. Ich mochte das Mikrofon und wollte Sendungen für Kinder machen, den Kindern einen Stimme geben.“ Mit 16 Jahren machte Diane ein dreijähriges Volontariat bei Radio ijwi ry’amahoro („Voice of Peace“), einem katholischen Sender. Später hat Diane an der Universität Kommunikation für Entwicklung studiert. „Mit Journalismus hat das nicht viel zu tun. Journalismus kann man in Burundi nicht studieren. Viele große Journalisten haben überhaupt nicht studiert. Die meisten seien Journalisten aus Leidenschaft und lernten in der Praxis.“

 

Das Geschlecht spielt (k)eine Rolle

„In Burundi sind alle Journalisten gleich. Du wirst bedroht, weil du Journalist bist, nicht weil du eine Frau bist.“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es trotzdem. „Weibliche Journalisten sind vom Schicksal Einzelner oft stärker berührt als ihre männlichen Kollegen. Journalistinnen setzen sich außerdem mit anderen Themen auseinander. Da die Entscheidungsfindung in Medienunternehmen aber überwiegend bei Männern liegt, bekommen diese Themen dann oft wenig Platz im Programm.“

 

Aufgeben ist keine Option

Am 24. Juni 2015 ändert sich Dianes Leben schlagartig. Sie wird bedroht, eine Granate explodiert auf ihrem Grundstück. Sie ist nicht zuhause und überlebt. Ihr Mutter fleht: Wann hörst du endlich mit deiner Arbeit als Journalistin auf? Doch Diane kann und will nicht aufhören. Zunächst versteckt sie sich und schläft jede Nacht woanders, dann flieht sie in das Nachbarland Ruanda. Zum Zeitpunkt unseres Interviews lebt Diane dank der Unterstützung des Auszeit-Stipendiums in Berlin. Informationen über die aktuelle Situation in Burundi bekommt Diane via Internet, Whats App und Facebook. „Meine Kollegen senden Informationen aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, und verbreiten diese über Social Media.“

 

„Burundi ist ein Schatz, ein kleiner Schatz“

Auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie eines Tages zurück nach Burundi könnte, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich bin und bleibe Journalistin. Meine Aufgabe als Journalistin ist es zu zeigen, dass wir die Gesellschaft verändern können.“ Diane musste ihre Heimat Burundi im Sommer 2015 verlassen, in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Ein halbes Jahr lang findet sie Zuflucht in Berlin. Mit Ende des Stipendiums kehrt sie Ende Januar 2016 wieder nach Ruanda zurück, um dort Schutz zu suchen. Wann und ob sie nach Burundi zurückkehren kann, ist nicht absehbar. Dianes Wunsch ist es, eines Tages in ein friedliches Burundi zurückzukehren.

 

„In Burundi gibt es keine Züge“

Unser Interview findet größtenteils auf dem Weg zum Leipziger Bahnhof statt. Diane ist aufgeregt und erklärt mir, dass sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben Zug gefahren sei. In Burundi gibt es keine Züge. Ich warte noch eine Stunde mit ihr am Bahnhof. Wir sprechen über alltägliche Dinge, wie es ihr in Berlin gefällt und ob sie schon andere Städte in Deutschland gesehen hat. Sie mag deutsches Bier und hat noch nie Glühwein getrunken. Zum ersten Mal seit vier Stunden wirkt sie etwas entspannt. Sie lächelt und erzählt ein wenig von ihrer Heimat Burundi, davon, wie sie früher einmal war.

SOS Médias Burundi

Die Pressefreiheit der burundischen Medien hat 2015 erhebliche Einschnitte erfahren. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Eine Gruppe burundischer Journalisten lässt sich nicht einfach stumm schalten. SOS Médias Burundi nutzt die sozialen Medien und informiert via Soundcloud, Twitter und Facebook die burundische Bevölkerung über die Geschehnisse vor Ort.