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Landläufige Meinungen In zwei Panels wurde auf den Bildkorrekturen die Zukunft Afghanistans diskutiert: Viele Visionen, dafür wenig Optimismus

Zwei Panels sollten auf der Bildkorrekturen-Konferenz zunächst Klischees über das Land Afghanistan diskutieren. Vertreter aus Medien und Politik Afghanistans traten dabei in den Dialog. Zunächst diskutierten die afghanische Kü̈nstlerin und politische Aktivistin Nahid Shahalimi und die Moderatorin Mariam Sediqi. Die wissenschaftliche Sicht auf die Situation der Medien lieferte Dr. Kefa Hamidi von der Universität Leipzig. Schnell wurde klar: Afghanistan ist ein kompliziertes Land mit einer ungewissen Zukunft. Für Frauen ist das Leben dort besonders kompliziert, dennoch kämpfen einige für ihre Freiheit und das Recht auf Selbstbestimmung – teilweise mit Erfolg. Dies ging aus den Reden der drei Diskussionsteilnehmer hervor. Jeder von ihnen hat eine andere Sicht auf die Zukunft seines Landes.

Negative Artikel, viel Gewalt

Das Interesse des Publikums konzentrierte sich vor allem auf eine der drei Teilnehmerinnen: Nahid Shahalimi. Die Debatte wurde – passend bei einer Veranstaltung zum Thema Gender – von einer Frau dominiert. Shahalimi faszinierte das Publikum mit ihrem Optimismus für Afghanistan. Ihre zentrale Aussage: „Don’t show afghan women as victims!“ – stellt afghanische Frauen nicht als Opfer dar. Sie zeigte die Geschichten von Frauen, die ein sehr erfolgreiches Leben führen. Die meisten Fragen aus dem Publikum waren an sie gerichtet. Hat Afghanistan überhaupt eine Zukunft? Ja, wenn den Leuten die Möglichkeit gegeben werde, ihr eigenes Leben zu leben, so Shahalimi. Geht es afghanischen Frauen insgesamt nicht trotz allem sehr schlecht? Doch, Afghanistan sei einer der gefährlichsten Orte der Welt für eine Frau, meint die Aktivistin. Was kann der Westen tun, um den Frauen Afghanistans zu helfen? Die westlichen Medien müssten aufhören, ständig negative Artikel über Frauen in Afghanistan zu schreiben. Mariam Sediqi, die dritte Teilnehmerin, teilte den Optimismus von Nahid Shalahimi nicht – dafür habe sie zu viel Gewalt gegen Frauen in Afghanistan erlebt.

Nach dem Panel begaben sich die drei Teilnehmer ins Publikum, um Gespräche mit den Zuschauern zu führen. Am Nachmittag diskutierten Susanne Koelbl, Auslandsreporterin vom Magazin DER SPIEGEL und Shalla Shaiq, die als Journalistin einen Radiosender in Kundus betreibt. Obwohl sich Alltag und Lebensumstände der beiden Frauen sehr unterscheiden, gleichen sich doch ihre Ansichten und Tätigkeiten. Koelbl unternimmt regelmäßig Reisen in den Nahen Osten. Gut nachvollziehbar trug sie Anekdoten aus ihrer dortigen Arbeit als SPIEGEL-Korrespondentin vor. Etwa, wie sie auf ihrer letzten Reise zum ersten Mal eine Burka trug. Im Gespräch mit Moderator Hamidi lieferte sie neue Denkanstöße: Das neue Erstarken der Taliban, erklärte Koelbl, sei Folge der langwierigen bürokratischen Vorgänge im Land. Der Staat könne sich nicht immer durchsetzen, meinte die Journalistin. Fühlten sich Bürger ungerecht behandelt, würden diese sich lieber an die effektiver handelnden Taliban wenden, als an die Regierung. Shalla Shaiq lebt als Journalistin in Afghanistan unter ständiger Bedrohung. Nicht nur, weil es dem Journalismus schlecht gehe: Shaiq ist besorgt, dass so viele, vor allem Junge und talentierte Menschen das Land Richtung Westen verlassen, sich der Taliban anschließen oder sogar in den Fängen des Islamischen Staates landen.

Der Fortschritt ist angekommen

Derzeit leiden die Afghanen unter Anschlägen und einem Wiedererstarken der Taliban. Viele besonders durch Frauen erkämpfte Freiheiten sind wieder stärker bedroht. Wie geht es weiter mit Afghanistan? Welche Zukunft hat das Land? Was wird aus den Frauen, die sich in den letzten Jahren bescheidene Freiheiten erkämpften? Das sind die drängendsten Fragen der Teilnehmer des Panels “Gender & Gesellschaft“ in Afghanistan. „Die Aussichten sind sehr düster“, sagte Shalla Shaig, die als Frau mit Nargis FM einen Radiosender für Frauen betreibt, „wir haben in den letzten Jahren viele Chancen vertan.“ Einmal gemachte Fortschritte würden immer wieder über den Haufen geworfen, sagte auch Spiegel-Auslandsreporterin Susanne Koelbl. Immer wieder bekam Shaiq Drohungen durch die Taliban. Die Radiostation ist regelmäßig Anschlagsziel: Drei Mal durch Raketenbeschuss und einmal durch einen Selbstmordattentäter. „Wir leben ständig mit der Angst“, konstatiert Shaig. Trotz der Widrigkeiten macht Shaiq mit viel Geduld und auch Trotz weiter: „Man muss in jeder Gesellschaft einmal anfangen, um etwas zu verändern.“

Wie solle eines der ärmsten Länder der Welt in wenigen Jahren eine Entwicklung schaffen, für die die westlichen Gesellschaften Jahrhunderte gebraucht hätten?, fragte Susanne Koelbl. Leider seien bei der Arbeit von Frauen in Afghanistan immer noch die Männer der der Schlüssel, nur durch ihre Akzeptanz sei ein Fortschritt möglich, so die Reporterin. Früher seien die Männer strikt gegen erwerbstätige Frauen gewesen. Inzwischen gäbe es sogar Ehemänner die ihre Frauen für Interviews zum Sender brächten, sagte Shaiq. „Man sieht nicht immer die Hartnäckigkeit der Frauen, aber sie ist da, und sie ist mächtig“, sagte Koelbl, „aber nur dort, wo sie ihre Familien und ihre Männer lassen.“ Heute gäbe es Twitter und Skype, der Fortschritt sei auch in Afghanistan angekommen, urteilte die Reporterin, egal was passiere die Entwicklung der Frauen sei nicht aufzuhalten, denn sie könnten sich inzwischen allein organisieren.

Dunkel und schwarz

Und so war Shalla Shaig, die in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten muss, am Ende hoffnungsvoller als ihre deutsche Kollegin. „Ich bin optimistisch“, sagte sie, „die neue Regierung hat zwar unlösbare Probleme zu bewältigen, aber nichts kann so schlimm werden wie die Herrschaft der Taliban.“ Denn die sei nur dunkel und schwarz.

„Ich trug zum ersten Mal in meinem Leben eine Burka“ Seit rund 15 Jahren berichtet Susanne Koelbl als Journalistin über Afghanistan. Ihr Geschlecht war ihr bei der Arbeit aber nie ein Nachteil – bis auf einige Ausnahmen.

Ein selbstbewusster Blick, der graue Anzug passt perfekt, das Makeup sitzt und auch die blonde Frisur ist makellos. Dennoch ist in Susanne Koelbls Gesicht ein Hauch von Müdigkeit und Überanstrengung zu sehen. Kein Wunder, die erfahrene Journalistin hat eine lange Reise hinter sich: Sie kommt geradewegs aus dem fernen Afghanistan, um den Interessierten der diesjährigen Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig Rede und Antwort stehen zu können. Gerade noch rechtzeitig hat sie es zu ihrem Panel geschafft. Jedoch muss sich Koelbl mehrmals aufgrund eines Hustenanfalls kurz vom Publikum entschuldigen: Anzeichen einer anrollenden Erkältung.

Afghanistan: ein zerrissenes Land                     

Doch was hatte Koelbl in Afghanistan zu suchen? Das Land befindet sich seit rund 40 Jahren im Bürgerkrieg und gilt aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse vor allem für Frauen als heißes Pflaster. Ganz einfach: Koelbl ist Auslandsreporterin für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Seit 1991 berichtet sie aus den verschiedensten Krisenregionen der Welt, darunter auch Afghanistan.

„Das Land nötigt einem ein gewisses Wachstum ab“, sagt Koelbl. „Das ist natürlich eine sehr fremde Welt gewesen und ich bin da hinein gewachsen – das ist ein sehr interessantes Land“.

Trotzdem bewertet Koelbl die Lage in Afghanistan negativ: „Das Land ist in keinem guten Zustand“, berichtet sie. „Die Armee ist zu schwach, um es zu kontrollieren“. Afghanistan hat in den letzten Jahrzehnten sehr viel erlebt: Erst die Besatzung durch die Sowjetunion in den siebziger Jahren, dann die Herrschaft der Mudschahedin sowie Taliban und schließlich die Intervention westlichen Mächte zur Bekämpfung der Unterdrückung. Letzteres hat aber wenig Erfolg gezeigt, nicht zuletzt wegen der vielen, rivalisierenden Ethnien im Land sowie Korruption in Politik und Gesellschaft.

Politik ist wichtiger als Religion

Die kritische Situation im Land und den wiedererstarkenden Einfluss der Taliban hat auch Koelbl zu spüren bekommen. Auf ihrem Weg zurück nach Deutschland war sie gezwungen, eine gefährliche achtstündige Autofahrt von der Provinz Kunduz in die Hauptstadt Kabul zu unternehmen. Die Provinzhauptstadt wurde erst vor kurzem vorübergehend von den Taliban eingenommen: „Aus Sicherheitsgründen trug ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Burka“, sagt sie.

Es gab noch eine andere Situation, in dem ihr Geschlecht ein Nachteil war – nämlich als sie ein Interview mit Abdul Rasul Sayyaf, einem afghanischen Politiker und Salafisten, führen wollte. „Er hat enge Beziehungen zu den Fundamentalisten in Saudi Arabien und hat mich viele Jahre nicht empfangen,  angeblich weil er keine weiblichen Journalisten als Gesprächspartner akzeptiert“, sagt Koelbl. Sayyafs Meinung änderte sich jedoch schlagartig, als er bei dem letzten Wahlkampf als Präsidentschaftskandidat antrat. „Sie sehen also, diese religiösen Überzeugungen werden gelegentlich auch einmal umgebogen, wenn es nützlich ist“.

Ansonsten hat Koelbl an sich keine großen Diskriminierungen aufgrund ihres Geschlechts gespürt: „Ich fühle mich mehr benachteiligt, weil ich keine Amerikanerin bin, bei den US-Top Shots, aber ich fühlte mich nie benachteiligt, weil ich eine Frau bin“.

Viel gelernt in Afghanistan

Das Land hat viel von Koelbl gefordert, aber auch einiges zurückgegeben. „Afghanistan hat mich gezwungen, den Kontext besser zu verstehen“, erzählt sie. Die vielen und involvierten Länder, so wie Pakistan, USA, Russland und China haben von ihr abverlangt, sich weiter mit der Materie auseinanderzusetzen. Dazu war sie unter anderem nach Saudi Arabien gereist, hat neun Monate an der Universität von Michigan über die Konflikte im Nahen Osten geforscht und auch einige Zeit in China gewohnt, um ein sich Bild der dortigen Interessen zu verschaffen.

Nicht alles ist schwarz

Trotz des Krieges und der Korruption hat Afghanistan aber auch seine guten Seiten. Koelbl berichtet von der Treue und Freundlichkeit der Menschen, „die mich tief berühren“. So erzählt die Reporterin, wie sie zuletzt im November im Land noch zwei Weihnachtsgeschenke gekauft hat und ein Schmuckstück erwerben wollte. Dazu brachte sie dem Juwelier ein Beispiel: Einen gefassten Stein, den sie dann aber auf dessen Verkaufstresen vergaß. Zu ihrem Glück kam der Mann Koelbl aber hinterhergelaufen, als sie noch einmal an seinem Stand vorbeikam. Er brachte den vergessenen Gegenstand zurück. Und das, obwohl die Journalistin schon lange fort war.

Dr. Hamidis Mission Wissenschaftliche Betrachtung einer Heimat

Dr. Hamidi spricht langsam und deutlich. Er wirkt unaufgeregt, geht nicht hin und her, referiert im nüchternen Ton. Hamidi bedeutet sein Thema viel, denn es hat viel mit seiner persönlichen Geschichte zu tun. Auf der Bildkorrekturen Konferenz beschreibt Hamidi im Afghanistan-Panel die wissenschaftliche Sicht auf sein Land. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich „Historische und Systematische Kommunikationswissenschaft“ an der Universität Leipzig. Ursprünglich sollte seine Biographie eine andere werden. Medizin studieren sollte er, so der Wunsch seiner Eltern, als er sein Abitur in Afghanistan abschloss. Eine rationale Entscheidung. Eine vielversprechende Profession in dem durch Unruhen gezeichnetem Land.

Vom Bürgerkrieg nach Deutschland

Als eines von acht Kindern erlebte Kefa Hamidi seine Jugend in der islamischen Republik. „Heute“, so Hamidi, „habe ich meine Familie hier“. Mit Frau und Kindern lebt er in Leipzig. Geprägt und sozialisiert wurde Hamidi jedoch in einer anderen Kultur, fern ab der deutschen. Mit 18 Jahren musste sich Hamidi dieser Herausforderung stellen. Sein Land und seine afghanische Familie verlassen. Der Ausbruch des Bürgerkrieges bewegte ihn dazu, in Deutschland politisches Asyl zu beantragen. Doch Dr. Hamidi ließ nicht alles in Afghanistan zurück. Der Wunsch, zu studieren und sich weiterzubilden war ein ständiger Begleiter.

Kommunikationswissenschaft, ein Zufall.

Vier Jahre lang musste Hamidi sein Ziel zurückstellen, denn während er in Deutschland auf die Bewilligung seines politischen Asyls wartete, durfte er weder studieren, noch arbeiten. „Ich habe die gleichen Erfahrungen gemacht, die auch alle Flüchtlinge hier machen“, resümiert er. Mit viel Unterstützung und Geduld kam 1996 schließlich die gute Nachricht, das gute Gefühl. Hamidi durfte bleiben und das Flüchtlingsheim verlassen, um endlich zu studieren. Als seine größte Herausforderung sieht er heute jedoch nicht sein Studium. Nein, nicht einmal den Umweg von einem abgebrochenen Jurastudium, über ein Doppelstudium der Medienwissenschaft und Deutsch als Fremdsprache bis hin zum Abschluss in Kommunikationswissenschaft im Jahr 2006. „Die größte Herausforderung war“, so Hamidi, „sich hier zu integrieren“. Sich zu beweisen und mehr zu leisten als der Durchschnitt. Besser zu sein als die anderen. Ein Streben, das durch den Wunsch nach Akzeptanz in der Gesellschaft geprägt wurde. Akzeptanz ist für Hamidi nicht gleichbedeutend mit Leistungsorientierung. Es bedeutet für ihn, sich nach 18 Jahren Sozialisation in Afghanistan, in einer neuen Umgebung, einem neuen Sozialisationskontext, zurechtfinden zu können. Das hat er geschafft. „Ich denke auf Deutsch“, sagt er. Das sage wohl alles.

Zwischen Information und Mission

Ganz zurückgelassen hat er seine Heimat aber nie. In der Magisterarbeit greift er seine Wurzeln in einem völlig neuen Kontext auf: Aus der Sicht der Wissenschaft. „Was in Afghanistan um 2005/2006 geschehen ist war ein weltweites Thema. Ein wichtiges Ereignis in der Weltpolitik. Diese Diskussion hat auch mich geprägt“, erklärt er. Jene Veränderungen wurden anschließend auch Schwerpunkt seiner Doktorarbeit. Unter dem Titel „Zwischen Information und Mission“ erforschte Hamidi berufliche Einstellungen und Leistungen von Journalisten in Afghanistan: Sie verstehen sich einerseits als Informationsvermittler, wie deutsche Journalisten auch. Andererseits sind sie geprägt von ihrer Mission etwas Positives zu bewirken, indem sie etwa Missstände thematisieren um zur Demokratisierung der Gesellschaft beizutragen, statt aus Angst zu schweigen.

Information und Mission: Der Titel seiner Doktorarbeit ist ebenfalls eng verbunden mit Hamidis persönlicher Geschichte. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Leipzig steht er heute vor einer ähnlichen Zweiteilung. Er will einerseits die rasanten Entwicklungen in Afghanistan aus wissenschaftlicher Sicht reflektieren, andererseits die Außensicht auf sein früheres Heimatland korrigieren. „Die Berichterstattung über Afghanistan ist allzu oft schwarz-weiß.“ Es gebe in der Sicht von außen nur Gut und Böse. „Es könnte eine Aufgabe sein, das Facettenreichtum zu erklären“, findet er. Denn das Selbstverständnis der afghanischen Journalisten weicht kaum von dem der europäischen Kollegen ab. Ihr Beitrag zur Demokratie wird dennoch häufig unterschätzt.

Machen müssen sie es selbst“

Hamidi blickt optimistisch auf Afghanistan und seinen Weg zur Demokratisierung nach dem Taliban-Regime: „Ich sehe, dass sich viel in dem Land geändert hat, seit ich es verlassen habe. Trotz aller Probleme glaube ich, dass das Land es schaffen wird.“ Wie auch Dr. Hamidi, muss Afghanistan seinen Weg bestreiten, seine Prüfung bestehen. Unterstützung von außen wie den deutschen Bundeswehr-Einsatz hält er dabei für notwendig. Doch die politische Stabilisierung des Landes kann nicht allein durch fremde Hilfe geschehen. Für Hamidi bleibt eine Voraussetzung unabdingbar: „Machen müssen die Afghanen es selbst.“

Die Dolmetscher der Tagung Die Menschen hinter den Kulissen

Man sieht sie an jedem Tag der Konferenz und doch nimmt man sie hinter ihren Glaskabinen kaum wahr. Vier Dolmetscher berichten über ihre Arbeit.

Die Dolmetscher im Gespräch

  • Romy Bartsch dolmetscht seit 2005; Cornelia Schmidt seit 2003. Bei den Bildkorrekturen arbeiteten sie im Tandem u.a. beim Türkei-Panel.
  • Harald Kirschner dolmetscht seit 1985 und Tino Berndt seit 2009. Bei den Bildkorrekturen übersetzten sie u.a. gemeinsam im Afghanistan-Panel.
  • Alle vier arbeiten mit den Sprachkombinationen Englisch, Spanisch, Deutsch.
Sie fühlen sich im Sprachenmix wohl (v.l.n.r.: Romy Bartsch, Cornelia Schmidt, Harald Kirschner, Tino Berndt) | © Engagement Global / Christiane Fritsch

Sie fühlen sich im Sprachenmix wohl (v.l.n.r.: Romy Bartsch, Cornelia Schmidt, Harald Kirschner, Tino Berndt) | © Engagement Global / Christiane Fritsch

Wissenswertes zum Beruf des Dolmetschers

  • Am Anfang des Studiums üben die angehenden Dolmetscher mit einem deutschen Text, den sie zeitversetzt bzw. so gleichzeitig wie möglich nachsprechen müssen. Diese Übung beschreibt die Technik, die man für den Beruf erlernen muss.
  • In der Regel bzw. je nach Schwierigkeitsgrad lösen sich die Dolmetscher bei der Arbeit alle dreißig Minuten ab. Bei der OECD wird sogar zu dritt in einer Kabine gearbeitet und im zwanzig Minuten-Rhythmus gewechselt.
  • Dolmetscher sind in der Regel Freiberufler.

 

Vor der Konferenz

…ist eine umfangreiche und vielseitige Vorbereitung unerlässlich

Bartsch: Wir müssen uns über alle möglichen Perspektiven informieren, um eine breite Einsicht zu gewinnen. Ich habe immer ganz gerne eine Bild zu den Rednern. Falls man sie noch vor der Konferenz erreicht, kann man genauer nachfragen, um was es gehen wird. YouTube ist heutzutage sehr hilfreich. Man findet teilweise Reden derjenigen, die wir dann dolmetschen und kann schon mal üben.

Kirschner: In der Regel schaut man im Internet nach, wer auftritt und was ungefähr zu erwarten ist. Hintergrundinformationen in Form von Biographien sind manchmal wichtig.

Berndt: Ich habe zur Vorbereitung auf diese Konferenz das Buch zu Afghanistan von Susanne Koelbl gelesen.

Während der Konferenz

…muss man sich in den Redner hineinversetzen

Bartsch: Man darf nicht denken, dass das einfach so durchläuft. Man ist wirklich aktiv dabei. Man versetzt sich in den Redner hinein, um dann auch das in der anderen Sprache zu sagen, was er sagt.

…aber gleichzeitig Distanz wahren

Schmidt: Man muss sich ein Stück weit davon distanzieren. Wenn man selbst sehr emotional mitreingeht, kann man nicht vernünftig arbeiten. Andererseits muss man versuchen, sich in den Redner hineinzuversetzen, und dann so nah wie möglich am Redner und am Text bleiben, emotional aber immer diese Distanz wahren. Gerade vor Gericht oder bei der Polizei, wird es manchmal emotional schwierig.

…und rhetorische Herausforderungen meistern

Kirschner: Die Rhetorik ist absolut wichtig. Wenn einer kein guter Redner ist, dann ist es beim Dolmetschen wesentlich schwerer, sich in seine Gedankenwelt hineinzuversetzen. Wer also ständig springt und die Sätze neu anfängt, Einschübe hinter Einschübe setzt und immer weiter verschachtelt, wir sehnsüchtig auf das Verb warten müssen, es aber erst nach gefühlt einer halben Stunde kommt und dann noch verneint wird…dann kann ich nochmal von vorne anfangen. Das sind so die Highlights in unserem Berufsleben.

Nach der Konferenz

…werden hoffentlich Bilder korrigiert

Kirschner: Für Afghanistan wurden schon Bilder korrigiert. Frau Nahid Shahalimi hat berichtet, dass es eben doch auch Frauen in Führungspositionen gibt. Zumindest habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Situation anders ist, als es durch unsere Medien vermittelt wird. Und ich habe auch wirklich mitgenommen, dass es wichtig ist, ein bisschen mehr über die positiven Bilder zu sprechen.

Schmidt: Wir haben vorhin den sehr inspirierenden Vortrag von Journafrica gehört. Das ist ein sehr schöner und unterstützenswerter Ansatz. In dem Vortrag ging es darum, Negativberichterstattung ins Positive umzukehren. Es ist auch für mich verwunderlich, wie wenig man selbst darüber nachdenkt. Wie wenig man über Afrika hört und dass manchmal dann wirklich die Vorstellung herrscht, das alles unter einem Deckel zusammenzufassen sei.

 

 

„Silent revolution of Afghanistan“ – ein Land voll starker Frauen.

Selbstbestimmte Frauen in Afghanistan? Die meisten Geschichten die uns aus dem Land am Hindukusch über die Medien erreichen, zeichnen ein anderes Bild. Doch es gibt sie – zahlreich. Auf der Bildkorrekturen-Konferenz stellte diese Frauen die afghanische Aktivistin und Künstlerin Nahid Shahalimi dem Publikum vor. Shahalimi bezeichnet sie als „silent revolution of Afghanistan“.

Screenshot | Twitter

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Über 20 Gesichter von afghanischen Frauen flimmerten über die Projektion des Beamers. Jede von ihnen hat Nahid Shahalimi persönlich getroffen. Unter ihnen sind nicht nur junge Afghaninnen, der sogenannten „neuen Generation“, sondern auch viele ältere, die die Herrschaft der Taliban nicht aus der Sicht eines Kindes kennengelernt haben.

Ihre Geschichten bewegten während der Konferenz nicht nur das Publikum. Auch Shahalimi wirkte beim Erzählen erneut von dem Einsatz der Frauen, etwas für sich und ihr Land zu tun, gerührt. „Jede von ihnen sollte einen Friedensnobelpreis erhalten“, erklärte Shahalimi mit brüchiger Stimme.

Screenshot | Twitter

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Nicht nur die Geschichte der 70-jährigen Pigeon, die Männer vor dem Terror Al-Qaidas rettete, zeigt, dass die Frauen Afghanistans wehrlos und machtlos sein müssen. Tatsächlich sind sie in den unterschiedlichsten Bereich aktiv dabei, etwas für den Wandel in ihrem Land zu tun.

Let’s make us famous by art, not war. – Zitat einer afghanischen Graffitikünstlerin

Da sind eine Pilotin und eine Architektin, die selbstbestimmt und vor allem erfolgreich vermeintlich „männliche“ Berufe ausüben. Da sind die Frauen des Vereins „Skateistan„, die mithilfe von Skateboardfahren die Grenzen von Stammeszugehörigkeiten und sozialer Herkunft in Afghanistan überwinden wollen.

Screenshot | Twitter

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Doch auch wenn sich die Frauen in sämtlichen gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Bereichen engagieren, der Krieg ist noch immer überall. Die Afghaninnen gehen oftmals hohe Risiken ein, um für sich und die Selbstbestimmung der Frauen in ihrem Land einzustehen.

So auch Mariam Sediqi, die als Moderatorin für das einzige Frauenradio Afghanistans arbeitet. Schon häufig wurde es gefährlich für sie. Drohungen und Angriffe sind keine Seltenheit. Erst vor wenigen Monate musste Sediqi pausieren. Aufgeben wird sie, genauso wie alle anderen Frauen, trotzdem nicht.

Screenshot| Twitter

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