M-Pesa – Kenia als Vorreiter in der Welt der mobilen Zahlungssysteme

Wer hierzulande versucht an der Kasse sein Bier, seine Kaugummis oder sein Duschgel anders als bar zu begleichen, wird dabei zumeist mindestens schief angeschaut. Kleinstbeträge mobil zu bezahlen ist wahrlich nicht üblich; oft können (Kredit-)Kartenzahlungen erst ab einem Mindestbetrag (in der Regel zwischen 5 und 20 Euro) getätigt werden.

Viel moderner, ganz anders und an die digitalisierte Welt angepasster geht es dagegen in Kenia zu. Im südafrikanischen Land können selbst Minibeträge einfach und bargeldlos beglichen werden. Und dazu braucht es nicht einmal ein Konto. Es reicht ein SMS-fähiges Handy. Die Rede ist vom Bezahlsystem M-Pesa, wobei das M für „mobil“ steht und „pesa“ übersetzt aus Swahili so viel wie Bargeld bedeutet.

Unerwarteter Erfolgsschlager seit 2007

Als das Projekt M-Pesa 2007 an den Markt ging, sollte es für das bereitstellende Unternehmen Safaricom zusammen mit Vodafone nach eigener Aussage lediglich ein kleines Zusatzgeschäft werden. Doch es kam anders: Statt der anvisierten 70.000 Kundinnen und Kunden waren es bereits am Ende des ersten Jahres über zwei Millionen.

Heute zählt Safaricom über 24 Millionen M-Pesa-Kunden. 2015 wurden rund 25 Milliarden US-Dollar transferiert. Und dass das Wachstum kein Ende nimmt, lassen die ersten drei Quartale des vergangenen Jahres erahnen, in denen bereits der gleiche Betrag wie im gesamten Jahr zuvor überwiesen wurde.

M-Pesa ist mittlerweile aber nicht nur in Kenia verfügbar, sondern auch in Tansania, Mosambik, Ghana, in der Demokratischen Republik Kongo, in Afghanistan, Indien, Lesotho, Ägypten, Rumänien und Albanien.

Einfacher und unkomplizierter geht’s fast nicht

Doch wie und wieso funktioniert M-Pesa gerade in Kenia so gut? Für die Verwendung des Dienstes bedarf es nicht einmal eines Smartphones, sondern lediglich eines Mobiltelefons. Knapp 96 Prozent der kenianischen Haushalte besitzen ein solches.

Als förderlich für den Erfolg von M-Pesa kann die spärliche Abdeckung des Landes mit nur rund 2700 Geldautomaten angesehen werden. Zudem besitzt ein Großteil der Kenianer kein eigenes Konto. Die Eröffnung eines solchen virtuellen Bezahlkontos ist hingegen kinderleicht. Die Registrierung erfolgt bei einem der 120.000 M-Pesa Agenten im Land, die unter anderem Betreiber von lokalen Tankstellen, Mobilfunkshops, Lebensmittel- oder einfachen Tante-Emma-Läden im eigenen oder nächsten Dorf sein können. Um Agent zu werden, muss man eine Lizenz bei Safaricom für umgerechnet rund 950 Euro erwerben. Nachdem die Registrierung beim Agenten abgeschlossen ist, erhält der Kunde eine SIM-Karte, die M-Pesa-fähig ist, eine Nummer und ein Passwort. Das Konto kann nun bei jedem Agenten mit Bargeld aufgeladen werden.

Der Erfolg M-Pesas beruht aber zweifelsfrei auf der Tatsache, dass viele Kenianer, vornehmlich Männer, weit entfernt von ihrem Heimatdorf und in den Städten arbeiten, gleichzeitig aber Geld an die Ehefrauen, Eltern oder andere Familienmitglieder transferieren müssen. Genau diese Funktion macht M-Pesa für Millionen Bürgerinnen und Bürger Kenias so wertvoll. Das Geldversenden ist nämlich seit der Einführung der Applikation vor zehn Jahren ohne teure und unzuverlässige Umwege über Mittelsmänner möglich. Die hohe Kriminalitäts- und Diebstahlrate in einigen Teilen des Landes und Stadtteilen muss als weiterer Faktor für den Durchbruch M-Pesas und seiner viel sichereren Methode des Geldüberweisens gewertet werden. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände nach den Wahlen 2007 machten eine sichere Art und Weise des Versandes von Geld attraktiv. Gleichzeitig trat damit auch ein gewisser Schneeballeffekt ein: Je mehr Menschen es nutzten, desto mehr Sinn machte es für andere sich dafür zu registrieren.

M-Pesas niederschwellige und anwenderorientierte Konzipierung erfuhr schnell eine hohe Akzeptanz im Alltag und wird heute beinahe überall als Zahlungsmethode akzeptiert, egal ob es sich um Rechnungen von Handwerkern oder Taxifahrern, um das Schulgeld oder die Blumen am Marktstand in Nairobi handelt. Zudem eignet es sich bereits zum Bezahlen von Kleinstbeträgen (umgerechnet ab neun Cent) und ist im Vergleich zu anderen Geldtransferarten kostengünstig: Die Überweisung von beispielsweise 50 Euro (ca. 5300 Kenia-Schilling) an einen anderen M-Pesa-User kostet umgerechnet circa 70 Cent (also 75 Kenia-Schilling).

Hilft Mobile Pay aus Armut herauszukommen?

Eine weitere wichtige Funktion von M-Pesa stellt die unkomplizierte und schnelle Bereitstellung von Mikrokrediten dar. Jede Sekunde soll es durchschnittlich fünf neue Kreditanfragen geben. Über 70.000 Kenianerinnen und Kenianer erhalten so einen Kleinkredit. Für viele davon hätte es wohl ohne M-Pesa keinen Zugang hierfür gegeben.

Eine erst im Dezember letzten Jahres im amerikanischen Science Magazine veröffentlichte Studie untersuchte die Auswirkungen von Mobile Pay auf die Lebensumstände der Menschen am Beispiel Kenias. Die Bezahlungsmethode habe Kenianerinnen und Kenianern geholfen, Finanzen besser zu verwalten, Geld sicher zu verwahren und schnellere, unangreifbare und günstigere Überweisungen tätigen zu können. Vorher dauerten Geldsendungen meist mehrere Tage – wenn sie denn ankamen. Geographische Distanzen spielen seitdem bei finanziellen Transaktionen keine Rolle mehr. Die Studie besagt außerdem, dass es durch mobile Zahlungssysteme in Kenia gelungen sei, dass es 194.000 kenianischer Haushalte (also knapp 2%) gelungen sei, sich über die Armutsgrenze zu wirtschaften. Besonders Frauen hätten davon profitiert: 185.000 Frauen hätten es nämlich dadurch geschafft, geschäftlich aufzusteigen oder in den Einzelhandel zu wechseln und somit einer Hauptbeschäftigung nachgehen zu können.

Lernen von Kenia?

Sicherlich kann M-Pesa nicht die Armut bekämpfen – der Welthungerindex von der Welthungerhilfe weist Kenia nach wie vor Platz 67 von 104 zu (Stand 2015). M-Pesa revolutionierte allerdings nicht nur das Bezahlsystem, sondern auch das Leben vieler Menschen in Kenia (und darüber hinaus).

In Sachen Mobile Pay ist das ostafrikanische Land nachweislich ein Vorreiter und viel weiter als wir es in Deutschland sind. Mobiles Bezahlen mit Handys oder Smartphones spielt bei uns noch keine nennenswerte Rolle. Ob Visa, Apple, Google oder Ebay (mit Paypal) – alle prophezeien sie regelmäßig, dass Mobile Pay auch nach Europa kommt: Allein, es sind andere Länder, allen voran Kenia, die hier Maßstäbe setzen. Und M-Pesa wird wohl nicht die einzige Innovation sein, die aus dem ostafrikanischen Land heraussticht. Auch im Bereich der Landwirtschaft, der Gesundheit oder Energiewirtschaft macht sich Silicon Savannah auf, die Welt zu revolutionieren – mit Apps wie M-Farm, M-Health, iCow, M-Kopa und Co.

M-Pesa ist dennoch einer der Gründe, die Kenia den Namen Silicon Savannah bescherten. Seit dieser beispiellosen Erfolgsgeschichte schaut nicht nur die Fachwelt im Bereich der Digitalisierung und mobilen Bezahlsysteme auf das ostafrikanische Land.