Hilfsorganisationen – Mitgefühl wecken oder Stereotype verstärken?

Geht es um Hilfsorganisationen in Deutschland, fallen einem zahlreiche Namen, vielleicht sogar ganze Werbeslogans der Organisationen ein. Kein Wunder, ob an der Bushaltestelle oder am Bahnhof, die großen Plakate mit weinenden Kinderaugen oder hungernden Menschen kennen wir alle. Gerade zur Weihnachtszeit werben die Organisationen um Spenden, immer mit der impliziten Botschaft, auch mal an Andere zu denken – Menschen denen es schlechter geht als uns. Dabei bleibt der schale Beigeschmack, ob diese Bilder nur Mitgefühl wecken oder auch bereits bestehende Bilder in uns verstärken – Stereotype?

Afrika ist ein gutes Beispiel. Das Wissen über den Kontinent und seine verschiedenen Länder beschränkt sich bei vielen Deutschen auf ein Mindestmaß. Ausgenommen natürlich wir beschäftigen uns tatsächlich bewusst mit dem Kontinent. Ansonsten sehen wir aber eben oftmals das, was uns von Außen über Medien oder Werbung an uns herangetragen wird. Dazu gehören auch die Plakate von Hilfsorganisationen. In der täglichen Berichterstattung nehmen afrikanische Länder eine Nebenrolle ein, es sei denn es geht um Kriege, Konflikte oder Hungersnöte. Selbstverständlich ist es wichtig über diese Themen zu berichten. Genauso wäre es jedoch auch wichtig, in einer Welt in der wir aufgrund von GlobalisierungUnter Globalisierung wird die weltweite Vernetzung zu einem einheitlichen Markt von Ware, Kapital und Dienstleistungen verstanden. Der Prozess der Globalisierung wird insbesondere durch neue Technologien n den Bereichen des Kommunikations-, Informations- und Transportwesens gefördert. Zum Begriff der Globalisierung gehören ebenfalls die Begriffe Global Player, GlobalVillage, Global Governance, Joint Venture, Traide, Vulnerabilität, Sonderwirtschaftszonen, Rentenkapitalismus und Transformation. und Digitalisierung immer mehr zusammenwachsen, uns endlich gegenseitig besser kennenzulernen und voneinander zu lernen. Es gibt nicht nur Kriege und Hungersnöte in Afrika über die es zu berichten gilt.

Über Afrikas Vielfalt und das Potential von Ländern wie Kenia

Um beim Beispiel Afrika zu bleiben, wäre es zunächst wichtig die Vielfalt dieses Kontinents stückweise zu begreifen. Afrika sollte nicht gänzlich in die Schublade der Hilfsbedürftigkeit geschoben werden. Der Kontinent besteht aus 54 Staaten und kann in verschiedene Regionen unterteilt werden. Eine gängige Unterteilung Afrikas ist die in Subsahara-Afrika und Nordafrika, wobei die Wüste Sahara hier als geografische und klimatische Übergangszone verstanden wird. Alles was südlich der Sahara liegt wird daher als Subsahara-Afrika bezeichnet. Der Großteil der afrikanischen Länder zählt zu diesem Gebiet. Selbstverständlich gibt es aber auch zwischen diesen 49 Ländern,  zum Teil große Unterschiede hinsichtlich Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Politik. Neben Ländern wie Äthiopien, Ghana, Nigeria, Senegal oder Uganda zählt unter anderem auch Kenia zu der Region Subsahara-Afrika. Kenia gehört zu den Ländern, die sich in den letzten Jahren stark entwickelt haben.

Vor allem wirtschaftlich gesehen, ist das Land im Gegensatz zu anderen Ländern in Ostafrika gut aufgestellt und hat Potential weiter zu wachsen. Die Landwirtschaft ist zwar nach wie vor eine wichtige Einnahmequelle, doch vor allem der Dienstleistungssektor und die IT-Branche spielen eine immer größere Rolle. Die Digitalisierung ist daher für Kenia enorm wichtig. Doch nicht nur für die Wirtschaft ist die zunehmende Digitalisierung eine Bereicherung, sondern auch für die Politik. Durch die wachsende Internetnutzung haben Bürger die Möglichkeit sich besser zu informieren. Das politische Mitspracherecht kann durch das Internet verbessert werden, was wiederum zu einer Stabilisierung der Politik beitragen kann. Auch der Bildungssektor profitiert von der Digitalisierung, da der Zugang für Lehrmaterial für Schüler durch das Internet erleichtert werden kann. Laut der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing der Bundesrepublik Deutschland „Germany Trade & Invest“, hat Afrika generell ein großes Potenzial wenn es um Internetwachstum geht. „Lag die Internetdurchdringung in Afrika 2012 noch bei 16% wird sie bis 2025 auf 50% steigen“, so schreibt die Gesellschaft auf ihrer Webseite.

Konflikte gibt es auf der ganzen Welt, Brennpunkte aber benötigen schnelle Hilfe

Kennen wir nur die Probleme afrikanischer Länder?

Letztendlich müssen wir in Europa begreifen, dass der Kontinent Afrika nicht schläft, nur weil wir womöglich nicht viel über Entwicklungen in der Berichterstattung hören. Möglicherweise müssen wir auch lernen neugierig zu bleiben und uns noch mehr für andere Länder um uns herum zu interessieren, der Digitalisierung sei Dank eigentlich kein Problem. Was wiederum die Hilfsbedürftigkeit Afrikas angeht, so gibt es speziell in Subsahara-Afrika immer noch große Armut, Krisen und Nöte. Unter anderem gibt es nach wie vor Probleme mit der Trinkwasser – und Gesundheitsversorgung der Menschen. Ebenso herrscht noch immer in vielen Gebieten Krieg. Konflikte über Ethnien und Terroranschläge verteilen sich über den ganzen Kontinent. Aufgrund des Flüchtlingsstroms begreifen wir nun auch in Deutschland, dass wir die Augen nicht vor den Problemen in anderen Kontinenten verschließen können. Wir wachsen alle zusammen.

Probleme und Konflikte verteilen sich auf der ganzen Welt, aber es gibt eben auch Brennpunkte, die schnelle und gezielte Unterstützung benötigen. Hier sind Hilfsorganisationen gefragt. Sie leisten eine Menge. Zum einen müssen sie vor Ort herausfinden, welche Hilfe konkret benötigt wird und Hilfskonzepte erstellen. Zum anderen müssen sie in dem Teil der Welt, der nicht von diesen Problemen bedroht ist, potentielle Spender erreichen. Dabei sollten sie aber darauf achten, die vorherrschenden Bedrohungen in dem zu helfenden Land menschenwürdig und authentisch darzustellen. Schließlich sollten nicht auch noch Stereotype bedient werden. Bei der Öffentlichkeitsarbeit von Hilfsorganisationen wird oft mit emotionalen Bildern von leidenden Menschen gearbeitet um wiederum andere helfende Menschen zu erreichen.

Isabel Pfaff

Niko Wald

Wenn wir über Stereotype sprechen, sollten wir auch Hilfsorganisationen nicht in einen Topf schmeißen. Zwei Menschen schon lange mit dem Thema Afrika auseinandersetzen sind Isabel Pfaff und Niko Wald. Sie haben eine klare Haltung gegenüber Hilfsorganisationen und deren Umgang mit emotionalen, teilweise klischeebehafteten Bildern. Durch seine Arbeit bei bekannten NGOs in Deutschland hat Niko Wald bereits Erfahrungen mit der Öffentlichkeitsarbeit von Hilfsorganisationen sammeln können: „Seriöse Organisationen haben auch eine professionelle Bildsprache. Sie stellen die Würde des Menschen in den Mittelpunkt. Seriöse Organisationen tun alles, damit Menschen nicht dauerhaft von Hilfe abhängig sind.“ Auch Isabel Pfaff sieht es durchaus kritisch, dass manche Organisationen mit klischeehaften Bildern arbeiten. Allerdings kennt sie das Problem, mit dem auch Hilfsorganisationen kämpfen. Als Journalistin bei der Süddeutschen Zeitung, berichtet sie oft über Afrika und im Speziellen über Subsahara-Afrika. Ihr liegt der Kontinent am Herzen. Sie stellt dennoch immer wieder fest, dass sich Menschen in Deutschland kaum für Afrikathemen interessieren:

„Das ist ein Problem und das ärgert mich auch, aber ich glaube, man muss trotzdem weiter machen“ (Isabel Pfaff)

Sie erklärt, dass es Hilfsorganisationen womöglich oft ähnlich ergeht, da sie die Menschen hier vor Ort erreichen müssen, um auf Themen und Probleme in Afrika aufmerksam zu machen. Die Redakteurin könne sich daher vorstellen, dass Organisationen manchmal auch auf weniger differenzierte Botschaften zurückgreifen, um überhaupt einen Teil der Bevölkerung in Deutschland zu erreichen. Es stellt sich die Frage, ob die Möglichkeiten des Internets auch für Hilfsorganisationen eine Option sein können, sich und ihre Projekte ausführlicher und offener zu präsentieren? Niko Wald sieht mithilfe des Internets durchaus Chancen für Organisationen ihre Arbeit in mehreren Dimensionen darstellen zu können. „Storytelling ist ein großartiges Instrument, um Spenderinnen und Spender in mehr Facetten zu informieren als das etwa ein Flyer oder ein Plakat könnte. Es ist eine intensivere, authentischere – und aufrichtige – Art, zu vermitteln, um was es geht und warum es wichtig ist, hinzuschauen und Aufmerksamkeit, Zeit und vielleicht auch Geld beizusteuern.“ Es scheint demnach als böte das Internet durchaus Möglichkeiten für Organisationen sich und ihre Projekte transparenter darzustellen. In welchem Maße Hilfsorganisationen diese Option in kommender Zeit auch nutzen werden, bleibt abzuwarten. Möglicherweise besteht auch für den Journalismus die Möglichkeit, eher unliebsame Themen durch Storytelling-Maßnahmen für die Leserschaft interessanter aufzubereiten.

Stereotype können jedoch trotzdem bleiben, da kommt es auf etwas ganz anderes an. Isabel Pfaff sieht es nach wie vor als ihre Aufgabe im Journalismus, Bilder zu brechen ohne dabei die Message aus den Augen zu verlieren:

„Ich will Klischees nicht reproduzieren. Ich will eben gegen solche Bilder arbeiten…“ (Isabel Pfaff)

„Gleichzeitig stehe ich auch oft vor der Situation, dass Dinge, die als Klischee gelten, tatsächlich auch passieren – Kriege, Hungersnöte. Wenn diese Dinge passieren, dann halte ich es schon für meine Pflicht gegenüber den Betroffenen, das auch zu benennen und nicht unter den Teppich zu kehren.“ Es geht also bei der Berichterstattung nicht darum zwanghaft Klischeethemen vom Publikum fernzuhalten nur um Stereotype zu verhindern. Vielmehr geht es um ausgewogene Berichte, welche die Gräuel in anderen Ländern durchaus benennen aber auch Neuigkeiten enthalten, von denen die Leserschaft womöglich noch nicht gehört hat. Für Pfaff bleibt es schwierig, da „das deutsche Publikum oft nur das wahrnimmt, was ohnehin schon seinen Bildern entspricht.“ Dennoch glaubt sie daran, dass man weiterhin ein bisschen gegensteuern muss, um den Menschen auch viel von den positiven Gegebenheiten in den afrikanischen Ländern vermitteln zu können. Der Journalismus trägt daher, ebenso wie die Hilfsorganisationen bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit, die Verantwortung, mit klischeebehafteten Bildern vorsichtig umzugehen. Niko Wald ist bewusst, dass es, was das Bild von Afrika betrifft, leider auch viele negative Beiträge von Hilfsorganisationen gibt. Fairness ist ihm dahingehend besonders wichtig, vor allem bei Bildern: „Fair zum einen gegenüber den Menschen, die auf Fotos oder in Videos zu sehen sind: Sind sie überhaupt gefragt worden, haben sie ihr Einverständnis erklärt und wurde ihnen auch erklärt, was hier in Deutschland mit dem Bild passieren soll? Und fair auch gegenüber den potentiellen Spenderinnen und Spendern:“

„…, dass es wirkliche Bilder aus Projekten sind – und keine Models. Aber auch, dass es Bilder sind, die Menschen nicht emotional unter Druck setzen, wie es zum Beispiel bei vielen Fotos mit Kindern ist.“ (Niko Wald)

Ein Fazit

Was können wir also tun? Erst einmal die Hilfsorganisationen nicht alle unter Generalverdacht stellen. Wir sollten bei den Plakaten am Straßenrand nicht wegschauen, aber wir sollten neugierig bleiben und vielleicht auch mal auf die Webseiten der Organisationen klicken, wenn wir mehr erfahren möchten oder ihnen nicht trauen. Generell würde uns in Deutschland eine Portion Neugier und Weltoffenheit ganz gut tun. Dann könnten Stereotype uns weniger anhaben und engagierte Journalisten, die seit Jahren für Afrikathemen kämpfen, würden zu Recht endlich mehr Interesse und eine größere Leserschaft für ihre Beiträge bekommen.