Good Guy vs. Bad Guy Wer produziert fairer: Billig-Discounter KiK oder das Öko-Label hessnatur? Eine Podiumsdiskussion mit Überraschungen.

Leipzig – Bildkorrekturen 2017. Für viele Teilnehmer der Tagung zum Thema Fair FashionGrundsätzlich ist Kleidung dann fair, wenn die Menschen, die sie herstellen, selbstbestimmt agieren, grundlegende Rechte haben, von Ihrer Arbeit leben können und durch diese Arbeit keine gesundheitlichen Schäden davontragen. Geregelte Arbeitszeiten, Rechtssicherheit, Vermeidung von Kinderarbeit und keine Diskriminierung aufgrund von Religion, Rasse oder Herkunft sind die Basis einer fairen Produktion. Die aufwändigere Herstellung fairer Mode hat im Verkauf einen etwas höheren Preis zur Folge. waren es diese Minuten, in denen sich die meisten Bilder korrigiert haben: Die Kurzvorträge mit einer anschließenden Diskussion zwischen KiK und hessnatur, zwei in der Modebranche tätige Unternehmen, wie sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite der Billig-Discounter, der seinen Kunden ein komplettes Outfit für unter 30 Euro verspricht. Demgegenüber steht hessnatur, ein Naturtextilien-Versandhaus, das mit Mode aus fairem Handel und nachhaltigen, natürlichen Stoffen wirbt. Wer hier die Rolle des Bösewichts einnimmt scheint im ersten Moment jedem auf der Hand zu liegen. Dass am Ende aber nicht das Öko-Label hessnatur, sondern der Billigproduzent überzeugte, überraschte die meisten.

KiK und Hess Natur im Vergleich:

  • KiK
  • Mitarbeiter
  • Anzahl Shops
  • Umsatz
  • größte Produktionsländer
  • KiK
  • 25.000
  • 3.500
  • 1,95 Mrd. € (2016)
  • China, Bangladesch, Pakistan
  • Hess Natur
  • 370
  • 6
  • 66 Mio. € (2015)
  • China, Bangladesch, Rumänien

Billigpreise und NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." Hand in Hand?

Ins Rennen wurde seitens von KiK Ansgar Lohmann geschickt, der die CSR-Abteilung (Corporate Social Responsibility) des Unternehmens leitet und damit die Verantwortung für alle sozialen und nachhaltigen Belange des Unternehmens trägt. In einer 30-minütigen Präsentation stellte er den Teilnehmern die von KiK gefahrene Strategie in diesem Bereich vor. Klar wird dabei sofort, dass hier ein absoluter Profi spricht, der weiß was er sagen darf, kann und muss. Im Fokus standen natürlich die Maßnahmen der Textilfirma, die zu einer Verbesserung der ökologischen und sozialen Faktoren bei der Produktion ihrer Güter führen sollen. Oder bereits führen? Sicher ist nach dem Vortrag: KiK scheint stark bemüht zu sein, dem Ruf entgegenzuwirken, auf Kosten von Menschen aus der dritten Welt Billigklamotten zu produzieren.

Ansgar Lohmann, Leiter CSR KiK (Bildrechte: Engagement Global/ Bodo Tiedemann)

„Die Kernfrage ist doch: Wie kann es möglich sein, dass günstige Preise und NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." Hand in Hand gehen können?“, bringt Lohmann es gleich zu Beginn auf den Punkt. „Was ich hier betonen möchte ist, dass KiK kein Fast-Fashion-Händler ist“. Dieser Begriff ist insofern wichtig, als dass er beschreibt, dass KiK alle paar Wochen eine neue Kollektion auf den Markt bringe. Stattdessen würden 70 Prozent des Sortiments aus sogenannten „Never-out-of-Stock“-Artikeln bestehen, also Basics, die es das ganze Jahr über zu kaufen gibt. Dies mache es dem Unternehmen möglich bei den Fabriken sehr große Mengen einzukaufen, langfristigere Verträge abzuschließen und ihnen acht bis zehn Monate Zeit für die Produktion zu geben – zum Vergleich: bei Fast-Fashion-Labels wie H&M, Zara und Co läge die übliche Zeitspanne laut Lohmann zwischen vier und sechs Wochen.

 

Wie kann ein T-Shirt so günstig sein?

Dass derart günstige Preise zustande kommen, sei letztendlich ein Zwischenspiel von verschiedenen Faktoren und auf keinen Fall alleine vom Preis des Produktes abhängig. Zum einen sind die KiK-Filialen an vergleichsweise günstigen Standorten positioniert. Sie befinden sich nie in den Haupteinkaufsstraßen, aber dennoch an Orten mit hoher Kundenfrequenz. Auch beim Marketing spart der Discounter, indem er ein sehr geringes Budget für Werbung aufwendet. Die direkte Kommunikation und Verhandlungen mit den Fabriken vor Ort, ohne eine Zwischeninstanz, spare ebenfalls hohe Kosten ein. Zudem werden laut Lohnmann 99 Prozent der Ware über den Seeweg transportiert – das sei günstiger und zudem umweltfreundlicher.

„Am Ende des Tages sind es wir, aus den westlichen Ländern, die dafür sorgen müssen, dass Standards eingehalten weden.“

Nach dem tragischen Einsturz der Rana-Plaza Fabrik in Bangladesch von 2013, in der auch KiK Ware produzierte, stand das Unternehmen in der Bringschuld ernste Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen vor Ort zu ergreifen. 25 Angestellte kümmern sich nicht zuletzt aus diesem Grund aktuell im CSR Bereich des Unternehmens um Audits, soziale Projekte, Multi-Stakeholder-Beziehungen, Umweltmanagement und regelmäßige Besuche in den Fabriken vor Ort. Bei der CSR-Strategie orientiere man sich laut Lohmann insbesondere an den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte: „Protect, Respect and Remedy“. Auch als Mitglied des „Bündnis für nachhaltige Textilien“ steht KiK in der Verantwortung sich für faire Bezahlungen und nachhaltige Produktion zu engagieren: „Am Ende des Tages sind es wir, aus den westlichen Ländern, die dafür sorgen müssen, dass Standards eingehalten werden. Es ist eine Schande, dass sich die Regierungen vor Ort nicht für die Sicherheit ihrer Bürger einsetzen“, so Lohmann.

Wer legt die Messlatte höher?

Ansgar Lohmann und Sven Bergmann bei der Diskussion (Bildrechte: Pia Schönfeld)

Klingt alles erst einmal gar nicht so übel für einen Fashion-Discounter. Also wie sieht das Ganze seitens von hessnatur aus? Für das Öko-Label war stellvertretend deren Pressesprecher Sven Bergmann auf der Bildkorrekturen-Tagung, der deutlich zurückhaltender in seinem Auftreten war als sein Konkurrent. In seiner Präsentation überzeugt er in Punkto Fair FashionGrundsätzlich ist Kleidung dann fair, wenn die Menschen, die sie herstellen, selbstbestimmt agieren, grundlegende Rechte haben, von Ihrer Arbeit leben können und durch diese Arbeit keine gesundheitlichen Schäden davontragen. Geregelte Arbeitszeiten, Rechtssicherheit, Vermeidung von Kinderarbeit und keine Diskriminierung aufgrund von Religion, Rasse oder Herkunft sind die Basis einer fairen Produktion. Die aufwändigere Herstellung fairer Mode hat im Verkauf einen etwas höheren Preis zur Folge. zunächst mit Fakten zum Unternehmen: hessnatur ist Pionier in der Produktion von nachhaltigen Klamotten, sie waren das erste Unternehmen weltweit, das Bio-Baumwolle zur Produktion verwendet hat, außerdem ist das Label als erstes Mitglied in das Textilbündnis eingetreten. Zudem engagiere man sich in Ländern wie Bangladesch mit sozialen und nachhaltigen Projekten. Untermauert wird diese Aussage auch auf der Unternehmenswebsite sowie in externen Quellen und Berichten zu hessnatur.

Das Unternehmen zeigt hohe Transparenz in Bezug auf die einzelnen Produktionsschritte. So sind beispielsweise auf der Website von hessnatur auf einer interaktiven Weltkarte Informationen zu Produkten und zur Herstellung in den einzelnen Kontinenten, oder der Weg eines T-Shirts nachzuvollziehen. Detailreiche Beschreibungen von Projekten, Sozialstandards, wie die Bezahlung eines existenzsichernden Lohns und Materialien sind ebenfalls zu finden und auch externe Berichte lassen keinen Aufschluss darüber zu, dass das Label nicht so nachhaltig wirtschaftet, wie es selbst behauptet.

 

„Ich glaube, Sie halten hier gerade nur das Bild des „Good Guy“ aufrecht, was soweit ich informiert bin immer weniger damit zu tun hat, was Sie wirklich tun.“

Nach den beiden Einführungspräsentationen zu den beiden Unternehmen ist die Diskussionsrunde eröffnet – und damit auch das Feuer gegen den Vertreter von KiK. Ansgar Lohmann muss seinen Arbeitergeber aufgrund kritischer Nachfragen verteidigen, hat jedoch für alles eine schlüssige Antwort, die wichtigsten Zahlen parat und lässt sich nicht in die Ecke treiben – ein professioneller Auftritt. Für Bergmann von hessnatur ist es zunächst entspannt, denn der Bösewicht ist hier nicht er.

Für ihn wird es erst ungemütlich, als sich Dr. Bettina Musiolek, eine Vertreterin der NGO Clean Clothes Campaign, zu Wort meldet: „Ich habe eine Frage an Sie Herr Bergmann. Ich muss sagen, dass Ihre Aktivitäten im Bereich CSR in den letzten zwölf Jahren eher zurückgegangen als angestiegen sind. Ich glaube, Sie halten hier gerade nur das Bild des „Good Guy“ aufrecht, was soweit ich informiert bin immer weniger mit dem zu tun hat, was Sie wirklich tun.“ Als Antwort weist Bergmann zunächst wieder auf die sozialen Projekte des Unternehmens hin, muss sich auf weitere Nachfragen hin jedoch auch der Frage nach einem fairen Lohn stellen und gesteht: „Wir sind noch nicht so weit, dass wir allen Arbeitern in unserer Produktionskette einen „Living-Wage“ zahlen können“. Kurzer Rückblick: Auf der Unternehmenswebsite wird genau mit der Gewährleistung dieses Sozialstandards, dem „payment of a living wage“, geworben.

Was unterscheidet also am Ende des Tages das Öko-Label hessnatur vom Billig-Discounter KiK? Einen Lohn der zum Leben reicht kann keiner von beiden garantieren. Keiner der beiden will sich mit dem Begriff von Fast FashionDer Begriff Fast Fashion beschreibt die extreme Dynamik, die die Modeindustrie in den letzten Jahrzehnten erfasst hat. Waren früher zwei Kollektionen im Jahr üblich, so bringen Modehäuser heute bis zu zwölf Kollektionen pro Jahr auf den Markt. Die Hersteller müssen immer schneller produzieren und die Kleidungsstücke verlieren gleichzeitig ebenso schnell an Attraktivität. identifizieren. Soziale Projekte gibt es ebenfalls auf beiden Seiten. Sicherlich ist hessnatur dem Billig-Discounter KiK in Bezug auf NachhaltigkeitNachhaltigkeit gilt als ökonomische oder soziale Entwicklung, die die Folgen der Entscheidungen in der Gegenwart für die Zukunft antizipiert und sie von diesen Folgen abhängig macht. In ökonomischer Hinsicht beschreibt das Konzept der Nachhaltigkeit eine Wirtschaftsweise, Gewinne bereits sozial- und umweltverträglich zu erwirtschaften, anstatt diese erst in Umwelt- und Sozialprojekte zu reinvestieren." und Sozialstandards um einiges voraus. Die Bemühungen scheinen jedoch seitens des vermeintlichen „Bösewichts“ aktuell größer zu sein. Möglich ist jedoch auch, dass der Auftritt des Sprechers von KiK am Ende einfach mehr überzeugt hat, als der des hessnatur-Vertreters. Fest steht zumindest, dass sich ein Bild korrigiert hat: Vielleicht sind die vermeintlich Bösen gar nicht so böse und die Guten gar nicht so gut sind wie sie scheinen.