Ein verkürztes Bild

In Deutschland gibt es kaum Interesse an Usbekistan. Dabei hat das Land in Zentralasien sehr wohl eine Bedeutung für die Bundesrepublik. Ist das Ignoranz oder Unwissen? Eine Spurensuche in Politik und Medien.

Usbekistan gehört zu den Ländern, von denen die meisten Menschen in Deutschland eigentlich gar kein Bild haben. Wer sich etwas auskennt, denkt vielleicht an den austrocknenden Aralsee, oder weiß, dass in Usbekistan einst die Seidenstraße verlief. Aber egal ob Usbekistan, Tadschikistan oder Turkmenistan: Länder mit der Endung „-stan” bilden aus deutscher Sicht einen ziemlich weißen Fleck auf der Landkarte. Stellvertretend für die gesamte Region Zentralasien liegt Usbekistan so weit abseits jeglicher öffentlicher Wahrnehmung, dass selbst eine Google-Suche nach dem Land in etwa so viele Ergebnisse liefert, wie die Suche nach einer beliebigen deutschen Kleinstadt.

Dabei ist es nicht so, dass in dem Land nichts Interessantes passieren würde. Als Teil der Sowjetunion wurde Usbekistan einst eine wichtige Rolle zugewiesen: der Baumwollanbau für das ganze Reich. Trotz der schwierigen Bedingungen in dem von Wüsten geprägten Land, ist Usbekistan bis heute einer der weltweit größten Exporteure für Baumwolle.

Obwohl sich usbekische Baumwolle in den allermeisten deutschen Kleiderschränken finden dürfte, ist wohl den wenigsten bekannt, dass diese Baumwolle jedes Jahr von tausenden usbekischen Zwangsarbeitern geerntet wird. Egal ob Lehrer, Anwälte, Ärzte, Senioren, oder (zumindest offiziell) bis vor kurzem auch Kinder: Jeden Herbst müssen unzählige Usbeken ihre Heimat und Arbeitsstellen für die Ernte verlassen, um unter schweren Bedingungen und hohem Druck Baumwolle für das Vaterland zu ernten.

“Etwas besser als Nordkorea”

Für die Repressivität des Staates gibt es für die usbekische Menschenrechts-Aktivistin Umida Niyazova nur wenige vergleichbare Länder auf der Welt: „Usbekistan ist der klassische autoritäre Staat. Etwas besser als Nordkorea, aber schlechter als die Türkei oder Russland.” Anders als bei diesen Ländern gibt es allerdings in Deutschland und anderswo kaum Aufmerksamkeit für die Situation in Usbekistan. Schließlich droht hier niemand mit Atombomben und im Vergleich zu Ländern wie Afghanistan oder Pakistan wirkt Usbekistan von außen ruhig und stabil.

Umida Niyazova wurde in Usbekistan wegen ihrer journalistischen Arbeit zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Grund für die prekäre Menschenrechtssituation und Isolation in Usbekistan war lange der autoritäre Staatspräsident Islom Karimov, der schon zu Sowjetzeiten in der Führung des Landes war und seit der Unabhängigkeit 25 Jahre bis zu seinem Tod 2016 regierte. Unter ihm wurden unzählige Menschen gefoltert, zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und die usbekische Presse unterdrückt. Einen traurigen Höhepunkt fand die Härte im Umgang mit unbequemen Kritikern 2005 bei dem Massaker in Andischan. Das usbekische Militär tötete damals hunderte unbewaffnete Menschen bei einer Protestdemonstration. Ein Ereignis, das bis heute weder auf Europäischer Ebene noch von der deutschen oder US-amerikanischen Regierung öffentlich thematisiert wird.

Dabei hätte gerade Deutschland gute Möglichkeiten durch öffentliche Kritik etwas zu bewirken. Und zwar nicht nur, was die weltweite Aufmerksamkeit angeht, meint die Vorsitzende des Usbekisch-Deutschen Forums für Menschenrechte Umida Niyazova. Deutschland hat gute Beziehungen zu Usbekistan und wird – anders als Amerika – innerhalb des Landes ernst genommen.

Deutschland nutzt seinen Einfluss nicht

Schließlich halfen deutsche Bemühungen auch Umida Niyazova selbst, als sie 2007 in Usbekistan wegen ihrer Arbeit als Menschenrechts-Aktivistin und Journalistin zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Nach wenigen Wochen wurde sie freigelassen und konnte Asyl in Deutschland beantragen. Obwohl sie für diese Bemühungen dankbar ist, kritisiert Niyazova: „In Sachen Menschenrechtsverletzungen macht Deutschland keinen Gebrauch von seinem Einfluss in der Region. Es gibt fast keine öffentliche Kritik”.

Sie vermutet, dass die Bundesregierung versucht, die konstruktiven Gespräche aufrechtzuerhalten, um so hinter verschlossenen Türen in Fällen wie ihren eingreifen zu können. Doch ändern wird sich auf diese Weise wohl nichts, meint Niyazova. „Das wurde viele Jahre versucht. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, ein wenig kritischer sein”. Denn obwohl der neue Präsident Shavkat Mirziyoyev zuletzt Hoffnungen auf einen politischen Wandel weckte, lassen jüngste Verhaftungen von Journalisten und Homosexuellen Zweifel an einer Verbesserung der Menschenrechte in Usbekistan aufkommen.

Desinteresse in deutschen Medienhäusern

Aber Usbekistan wird nicht nur auf politischer Ebene vernachlässigt. Auch in den deutschen Medien ist das Land unterrepräsentiert. Aktuell gibt es genau eine freie deutsche Journalistin, die aus Zentralasien berichtet. Edda Schlager ist eine Frau mit kurzen blonden Haaren und einer sehr direkten Art. Genau diese Art braucht die Quereinsteigerin für ihren Job. Edda Schlager schlägt sich mittlerweile seit zwölf Jahren durch die Länder mit dem „– stan” am Ende und ist dabei zum großen Teil auf sich selbst gestellt. Bevor sie in die Gegend reiste und begann dort zu leben, hatte auch sie wenig Ahnung, was sie erwarten würde. „Ich wusste nicht mal, wo Usbekistan liegt, bevor ich hinging.“ Es war jedoch nicht nur Neugierde, die sie in die Ferne trieb, auch ein wenig Pragmatismus steckte dahinter. Zu Beginn dachte Edda Schlager, es wäre sicher ein Leichtes Themen aus Zentralasien an deutschsprachige Medien zu verkaufen, da es hier doch kaum freie Korrespondenten gäbe.

Edda Schlager ist aktuell die einzige freie deutsche Journalistin in Zentralasien. (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Doch relativ schnell erkannte die Journalistin, dass ihre Vorstellung nicht der Realität entsprach. Das Interesse an Themen aus Usbekistan geht in deutschen Redaktionen gegen Null. Edda Schlager steht zwar in gutem Kontakt mit vielen Zeitungsredaktionen, doch oftmals gibt es auf ihre Vorschläge wenig positive Reaktion. „Wenn ich dann einmal ein Thema durch gekriegt habe, dann weiß ich, dass ich die nächsten drei Monaten mich nicht mehr melden muss.“

Im Schatten von Russland und der Ukraine

Natürlich haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten Zentralasien durch Korrespondenten abgedeckt. Sie arbeiten kaum mit freien Journalisten zusammen. Doch die Korrespondenten der ARD und des ZDF finden wenig Zeit für Themen aus Usbekistan und seinen Nachbarländern. Sie haben ihren Hauptsitz in Moskau und sind für Russland, die Ukraine, Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Moldawien und ganz Zentralasien zuständig. Bei einem Team von drei Leuten im Fernseh-Korrespondenzbüro der ARD, bleiben da zahlreiche Themen auf der Strecke. Dessen ist sich auch Golineh Atai bewusst, die seit fünf Jahren in dem ARD-Büro arbeitet: „Gerade in den Krisenjahren von 2013 bis 2016 ist vieles vernachlässigt worden. Da haben wir fast ausschließlich über Russland und die Ukraine berichtet.“ Auch aktuell steht Zentralasien nicht auf Platz 1 der Prioritätenliste. Viele gesellschaftliche Themen aus Russland werden nun von der Redaktion aufgearbeitet. Beispielsweise der Alltag von Frauen im Land oder die Surfkultur an den Stränden. Der Reiz ist groß für deutsche Redaktionen über Russland zu berichten.

Golineh Atai und ihre Kollegen würden jedoch auch gerne mehr Berichterstattung zu Themen aus Zentralasien machen. Ereignisse wie Wahlen in Kirgistan schreiben sie immer in ihren Wochenausblick, der an die Redaktionen in Deutschland geht. Doch sie haben ähnliche Probleme wie Edda Schlager. Themen aus Zentralasien sind kaum gewünscht. „Für unsere Kollegen in Deutschland ist das terra incognita.“ Golineh Atai beschreibt, dass die Redakteure kaum wissen, welche Bedeutung die Länder für Deutschland haben.

Die ARD-Korrespondenten in Moskau waren zuletzt vor zwölf Jahren in Usbekistan selbst. Dabei spielt jedoch nicht nur das geringe Interesse deutscher Redaktionen eine Rolle, sondern auch die repressive Politik der usbekischen Regierung. Nach dem Massaker in Andischan wurden kaum noch ausländische Journalisten in das Land gelassen. Zu groß war die Angst, dass diese etwas über die Hintergründe ermitteln könnten. Die Auflagen waren streng und sind es immer noch.

Eine bessere Zukunft in Sicht?

Erst diesen Sommer wollte Golineh Atai mit einem Fernsehteam nach Usbekistan reisen, um einen Beitrag über Land- und Wasserwirtschaft dort zu berichten. Sie hatten viel Geld und Zeit investiert und es schließlich auch geschafft ein Visum zu bekommen. Dennoch wurde die Reise letztendlich abgesagt. „Die Befürchtungen waren einfach zu groß, dass wir vor Ort nicht viel machen können.“ Im nächsten Jahr soll nun ein weiterer Anlauf gestartet werden. Hier wird ein weiterer großer Punkt, warum die Berichterstattung aus Usbekistan so schwierig ist, klar. Die Planungsunsicherheit ist sowohl für freie Journalisten wie Edda Schlager, als auch Korrespondenten wie Golineh Atai ein Problem.

Beide Journalistinnen würden sich jedoch mehr Aufmerksamkeit und Engagement für Usbekistan wünschen. „Usbekistan hat sehr wohl eine Bedeutung für Deutschland“, sagt Golineh Atai. „Besonders in der Wasser-Diplomatie, aber auch Extremismus, der in Zentralasien entsteht, könnte die nächsten Jahre noch ein großes Thema werden.“ Umida Niyazova hat noch ein anderes Anliegen. Sie möchte ein breiteres Bild mit mehr gesellschaftlichen Themen aus ihrem Heimatland, wie beispielsweise der häufig vorkommenden häuslichen Gewalt. So würde eventuell nicht nur das Interesse bei den deutschen Bürgern, sondern ebenso in der deutschen Politik wachsen. Auch Edda Schlager hofft auf mehr Vielfalt bei den Themen aus Usbekistan in deutschen Medien. „Es ist kein falsches Bild von Usbekistan in den deutschen Medien, aber ein verkürztes.“