Digitale Kolonialmächte Die Digitalisierung kann das Leben erleichtern, auch und gerade in sogenannten Entwicklungsländern. Bei aller Euphorie – wir sollten darauf achten, wer darüber bestimmt, wie wir in Zukunft leben. Ein Kommentar von Hannah Knuth, Matthias Bolsinger und Robin Köhler

Erster Annäherungsversuch: Facebook-CEO Mark Zuckerberg und Indiens Premier Narendra Modi (Foto: Narendra Modi, „Facebook CEO Mr. Mark Zuckerberg calls on Shri Modi“, https://www.flickr.com/photos/narendramodiofficial/15541405942)

Februar 2016, Facebook-Investor Marc Andreessen ist außer sich. „Anti- Kolonialismus war für das indische Volk über Jahrzehnte wirtschaftlich katastrophal“, twittert er. Und wird prompt von Facebooks CEO Mark Zuckerberg zurückgepfiffen. Zu spät: Ein Shitstorm brach über Andreessen herein.

Was war passiert?

Indien hatte sich gerade gegen die Einführung von „Free Basics“ entschieden, Facebooks Internet-Service, der vielen Millionen Bürgern mit einer App den kostenlosen Zugang zum Web ermöglicht hätte – allerdings nur zu ausgewählten Seiten. Indiens Telekom-Aufsicht stoppte „Free Basics“ und verwies auf die Netzneutralität: Kein Provider dürfe irgendwelche Inhalte im Netz diskriminieren.

Es war wie so häufig bei der Digitalisierung in sogenannten Entwicklungsländern: Ein mächtiger Konzern mit großen Versprechen trifft auf

eine Bevölkerung mit großen Sorgen. In Indien siegte die Skepsis. Unternehmer wie Andreessen mögen das für dumm und provinziell halten, für albernen Anti-Kolonialismus. Doch sie irren. Das Misstrauen ist berechtigt. Und der Kolonialismus-Vergleich gar nicht so verkehrt.

Denn tatsächlich verhielt sich Facebook wie eine Kolonialmacht: Trat auf wie ein Heiland, sprach von Gleichheit und Freiheit, verschwieg sein Profitinteresse und warf der renitenten Bevölkerung Undankbarkeit vor.

Diese koloniale Attitüde zwingt uns nachzudenken. Vielleicht sollten wir bei der Digitalisierung von einer Entwicklung der zwei Geschwindigkeiten sprechen, von einer alten und einer neuen Digitalisierung. Die alte, die des globalen Nordens, war eine Digitalisierung der gleichmäßigen Schritte. Gesellschaft und Technik entwickelten sich weitgehend parallel. Die führenden Digitalkonzerne und deren Macht wuchsen kontinuierlich. Doch sie sahen sich einer wohlhabenden Bevölkerung gegenüber, die sich mit der Aussicht auf Fortschritt nur schwer erpressen ließ.

Im globalen Süden ist das anders. Bei der neuen Digitalisierung treffen Großkonzerne wie Facebook und Google auf strukturschwache Regionen, die den Unternehmen entweder die Hand reichen – oder über Jahre hinweg der technologischen Entwicklung anderer Staaten hinterherlaufen.

Natürlich, es gibt auch dort eine behutsame Form der Digitalisierung, eine Entwicklung „von unten”. Das mobile Bezahlsystem „M-Pesa“, in Kenia entwickelt, von Vodafone über das Land hinaus verbreitet, ist vielleicht das beste Beispiel dafür: Hunderttausende Menschen können dank „M-Pesa” per Mobiltelefon Geld versenden – der Service erleichtert das Leben, ohne Freiheit zu beschneiden.

Dieses Beispiel darf aber nicht über die Asymmetrien der Digitalisierung hinwegtäuschen. Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Und die in dieser Hinsicht reichen Länder des globalen Südens sollten sich vorsehen, kein zweites Mal zum Rohstofflager des Nordens zu werden.

Die Digitalisierung ist für sich betrachtet weder richtig noch falsch. Aber es gilt darauf zu achten, wer ihre Bedingungen diktiert und wer nicht. Nur so kann verhindert werden, dass digitale Kolonialmächte wachsen.

Indiens Zurückweisung von „Free Basics“ mag anti-koloniale Züge tragen. In jedem Fall war sie ein Zeichen, das über Indien hinaus wirken kann: Wir lassen uns nicht erpressen. Und das ist gut so.

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