Die Rolle der Frauen in der Türkei Die Türkei: Ein Land zwischen Modernisierung und Tradition. Die Turkologin Ellinor Morack spricht über Widersprüche und die ambivalente Rolle der Frau in der Türkei.

Die AKP, seit 2002 an der Regierung, hat dem Land mit einem Wirtschaftsaufschwung einen noch nie dagewesenen Wohlstand beschert. In den vergangenen Jahren hat sich die Türkei zu einer stabilen und prosperierenden Wirtschaftsnation entwickelt. Das Land am Bosporus steht auf Platz 18 der Rangliste der größten Ökonomien und ist auch Teil der G20. Debatten um Meinungsfreiheit und über den Schutz von Minderheiten sind jedoch auch Teil des Landes. Nach anfänglichen Fortschritten, wie dem gesetzlich festgeschriebenen Schutz von Minderheiten, wird die Kritik an Präsident Recep Tayyip Erdogan immer lauter.

Die Stellung der Frau und die Geschlechterverhältnisse in der Türkei sind von großen Widersprüchen und Ungleichheiten gekennzeichnet. Dabei führte schon Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk zahlreiche gleichstellende Maßnahmen durch: das Wahlrecht für Frauen führte die Türkei 1934 ein, vor Frankreich und Italien. Trotz diesen frühen Bestrebungen und der heute rechtlich existenten Gleichberechtigung, sieht die gesellschaftliche Realität anders aus: Im aktuellen Gender Gap Report 2015 des World Economic Forums rangiert die Türkei auf Platz 130 von 145. Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist eines der am weitesten verbreiteten Probleme. Fast 300 Frauen wurden 2014 in der Türkei von Männern ermordet, allein im Januar 2015 waren es bereits 27 Morde. Das sind etwa doppelt so viele Frauenmorde wie in Deutschland im gleichen Zeitraum, bei einer etwas kleineren Bevölkerung. Nach einer Studie der Istanbuler Sabancı-Universität haben 42 Prozent aller Frauen über 15 Jahren, das sind in etwa elf Millionen Frauen, in ihrem Leben häusliche Gewalt physischer oder sexueller Natur erfahren.

Ellinor Morack (Universität Bamberg, links), Ebru Tasdemir (Mitte), Dr. Gizem Melek (Yasar Universität Izmir, rechts)

Ellinor Morack (Universität Bamberg, links), Ebru Tasdemir (Mitte), Dr. Gizem Melek (Yasar Universität Izmir, rechts)

Was sind die Ursachen für diese alarmierenden Zahlen?

Ellinor Morack, akademische Rätin am Lehrstuhl für Turkologie an der Universität Bamberg, führt als einen Grund die genaueren Statistiken an: Anzeigen werden eher aufgenommen, es werde eher ermittelt und weniger vertuscht. Zudem ist für die Expertin die Urbanisierung ein weiterer Grund für die zunehmende Gewalt an Frauen. Die meisten Leute leben heutzutage in großen Apartment-Blocks, wo im Gegensatz zu dem früher eher dörflichen und gemeinschaftlichen Zusammenleben oftmals kein Kontakt zu den Nachbarn vorhanden ist. Bei Vorfällen von häuslicher Gewalt sei die Chance daher geringer, dass Nachbarn eingreifen oder dass Frauen zu Nachbarn flüchten. Gegenseitiger Schutz und Solidarität würden nicht mehr so gut funktionieren.

Als weiteren Grund nennt Morack die schnelle wirtschaftliche Entwicklung, die unter der AKP-Regierung stattgefunden hat und die zu einem Wertewandel geführt habe. Arme Menschen wurden in der Türkei früher kaum stigmatisiert, sondern durch solidarische Netzwerke aufgefangen. Dieses füreinader Einstehen nehme ab, zugleich werde Armut zunehmend als Stigma wahrgenommen. Zahlreiche Studien weltweit belegen, dass die Arbeitslosigkeit des Mannes ein wesentlicher Risikofaktor für Frauenmorde ist.

Die Türkei hat seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges im März 2011 rund 2,2 Millionen Syrern Zuflucht gewährt. Dazu kommen Kämpfe im Kurdengebiet zwischen PKK-Rebellen und der türkischen Armee mit immer mehr Opfern. Unliebsame Berichterstattung wird seitens der Regierung versucht zu vermeiden. Die Zahl unabhängiger und offen regierungskritischer Zeitungen und Fernsehsender wird immer kleiner und die Regierung geht immer härter gegen Oppositionelle und Kritiker vor. Diese Konflikte und die Spaltung zwischen sehr religiösen und sehr westlich-säkular orientierten Menschen erschwert laut Ellinor Morack die demokratische Meinungsfindung erheblich. Massive Konflikte zwischen Regierung und Kritikern seien daher vorprogrammiert. Gesellschaftlicher Wandel hänge jedoch davon ab, dass es zivilgesesellschaftliches Engagement gibt. Betroffene Personen müssen etwas gegen Diskriminierung tun und auch andere mobilisieren. Auch in Deutschland sind viele Verbesserungen nur auf massiven Druck der Frauenbewegungen vorgenommen worden.

Proteste nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan, Taksim, Istanbul. Von VOA (Voice of America) [Public domain], via Wikimedia Commons

Zuletzt brachte der grausame Mord an der Studentin Özgecan Aslan tausende Menschen auf die Straße, die öffentlich gegen Gewalt und alltäglichen Sexismus demonstrierten. Unter den Hashtags #Sendeanlat („Erzähle deine Geschichte“) und #OezgecanAslan schilderten Mädchen und Frauen von ihren eigenen Gewalterfahrungen. Aussagen von Erdogan, Frauenbewegungen haben nichts mit der türkischen Kultur zu schaffen und Gleichstellung sei unnatürlich machen die zunehmende Polarisierung deutlich und lassen Zweifel aufkommen, ob ein ernsthafter Kulturwandel in der Türkei in naher Zukunft möglich ist.

 

 

Turkologie

Die Turkologie ist ein Fach mit philologischen Wurzeln, das sich mit der Erforschung der Turksprachen, der turksprachigen Literatur und darüber hinaus der Geschichte und Kultur der turksprachigen Völker befasst.

Die Bamberger Turkologie ist historisch ausgerichtet und erforscht vorwiegend die Geschichte des Osmanischen Reiches sowie der modernen Türkei im 19. und 20. Jahrhundert.

Ellinor Morack

Ellinor Morack ist seit 2015 Akademische Rätin am Lehrstuhl für Turkologie an der Universität Bamberg. Nach ihrem Studium an der Freien Universität Berlin forschte sie von 2013 bis 2015 an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Frauen in der Türkei: Ein historischer Abris
  • 1908 wurde der erste türkische Frauenverein „Osmanische Wohlfahrtsorganisation der Frauen“ von Istanbuler Frauen gegründet.
  • In den 1920er-Jahren führte Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938) ein Modernisierungsprojekt mit zwei wichtigen Ziele durch: die Anpassung des politischen, ökonomischen und sozialen Lebens an westliche Standards und die Verbannung des Islams aus dem öffentlichen Raum.
  • Ein wichtiger Bestandteil dieses Modernisierungsprojekts war die Aufwertung der Stellung der Frau. Seit 1913 gilt die allgemeine Schulpflicht auch für Mädchen.
  • 1926 trat ein modernes säkulares Zivilrechtsbuch – nach Schweizer Vorbild – in Kraft, welches das islamische Gesetz der Scharia Dieses Zivilgesetzbuch verbot die Polygamie, etablierte die Zivilehe als Norm und erkannte den Frauen das Scheidungsrecht sowie Vormundschaft für die Kinder zu.
  • 1930 wurde Frauen das Wahlrecht in Lokalwahlen zugestanden.
  • Im Dezember 1934 führte das türkische Parlament das aktive und passive Wahlrecht für Frauen auf nationaler Ebene ein.
  • In den 1960er und 70er Jahren entstanden in der Türkei Studentenbewegungen, die sich u.a. mit der Benachteiligung der Frauen im öffentlichen sowie im privaten Bereich auseinandersetzten.
  • Etablierung von Frauenorganisationen in den 1980er Jahren und Reformierung einiger Gesetze bezüglich der Gleichstellung, wie etwa die Abschaffung der Arbeitserlaubnis durch den Ehemann.
  • Massendemonstration 1987 in Istanbul gegen häusliche Gewalt. Die Demonstration gilt als erste offene demokratische Opposition während der vom Militär dominierten türkischen Politik der 1980er-Jahre.
  • Wahl von Tansu Çiller von der konservativen DYP (Doğru Yol Partisi, türkisch für: Partei des Rechten Weges) zu ersten Ministerpräsidentin der Türkischen Republik 1993.
  • Umsetzung des Gesetzes über den Schutz von Kindern und Frauen vor häuslicher Gewalt im Jahr 1998.
  • Durch die Reformierung des Familienrechts im Jahr 2001 wurde die juristisch festgelegte Rolle des Mannes als Familienoberhaupt aufgehoben.
  • Reformen im Arbeitsrecht und die Schaffung von Familiengerichten im Jahr 2003. Durch Frauenrechtsorganisationen, und auch durch internationalen Drucks seitens der Vereinten Nationen und der EU, wurde die Gleichberechtigung als konkrete Zielsetzung in der Politik formuliert.