Der Preis des „weißen Goldes“ Umida Niyazova lebt mittlerweile seit zehn Jahren in Berlin. Zehn Jahre, in denen sie Usbekistan nicht mehr gesehen hat. In ihrer Heimat hat sich die 42-jährige Journalistin für Bürgerrechte stark gemacht und den staatlichen Baumwollanbau kritisiert. Lehrer, Ärzte, Studenten – Hunderttausende werden alljährlich zum Baumwollpflücken auf die Felder geschickt. Damit sich endlich etwas ändert, führt Niyazova ihren Kampf von Berlin aus weiter.

Im Dezember 2006 wird Umida Niyazovas Laptop bei ihrer Ankunft am Flughafen von Taschkent konfisziert. Die usbekische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin ist auf dem Heimweg von einer Fortbildung in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek. Auf ihrem Laptop findet die Polizei Recherchematerial zum Andischan-Massaker  sowie einen unfertigen Artikel über die älteste Tochter von Islom Karimov, der Usbekistan von 1991 bis zu seinem Tod im September 2016 mit harter Hand regiert. Der Inhalt von Niyazovas Laptop wird als Gefahr für die öffentliche Sicherheit eingestuft. Sie kommt vor Gericht – Anklage: Propaganda für religiösen Extremismus. Umida Niyazova wird zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Journalistin und Menschenrechtlerin Umida Niyazova/ Quelle: UGF

Elf Jahre später sitzt die heute 42-Jährige im Konferenzraum der Berliner Zentrale von Human Rights Watch Deutschland, mit Blick auf den Hackeschen Markt. Der Menschenrechtsorganisation habe sie es zu verdanken, dass es ihr damals besser erging als anderen Inhaftierten, von denen viele gefoltert wurden. Aber dank des Einsatzes von Human Rights Watch hätten auch die deutsche Bundesregierung und die Europäische Union in ihrem Fall Druck auf das usbekische Regime ausgeübt. Niyazova kommt schließlich nach vier Monaten frei. Sie wird jedoch weiterhin überwacht und darf Taschkent nicht verlassen.

Als Niyazova verhaftet wird, ist sie in Usbekistan keine Unbekannte. Seit den späten 1990er Jahren deckt die studierte Elektroingenieurin Korruption und Machtmissbrauch im Umfeld des Langzeitpräsidenten Karimov auf und kämpft gegen die Verletzung von Menschenrechten in ihrem Heimatland – als Journalistin bei Internews sowie als Aktivistin mit den Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch und Freedom House. Ein Fokus ihrer Arbeit richtet sich dabei auf den staatlich kontrollierten Baumwollanabau. Der Textil-Rohstoff ist eine der wichtigsten Einnahmequellen Usbekistans, der zentralasiatische Staat der fünftgrößte Baumwollexporteur der Welt. Fast die Hälfte seiner Fläche ist von Baumwollfeldern bedeckt.

Jedes Jahr pflücken rund 2,7 Millionen Usbekinnen und Usbeken während der von September bis Mitte November andauernden Erntezeit das „weiße Gold“. Ein Drittel von ihnen tut dies unter Zwang: Angestellte des öffentlichen Sektors wie Ärzte und Lehrer sowie bis vor kurzem auch Studenten werden für die Erntearbeit von den Kliniken, Schulen und Universitäten in Bussen zu den Feldern gefahren. Dort pflücken sie zehn Tage oder – im Falle der Studenten – zweieinhalb Monate lang Baumwolle, acht bis zehn Stunden am Tag. Entschädigung: sechs bis acht US-Cents pro Kilogramm Baumwolle, beziehungsweise zwei bis drei Dollar am Tag. Davon müssen sie den Transport, ihr Essen sowie ihre zumeist prekären Unterkünfte bezahlen.

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Die Arbeiter werden in Bussen zu den Baumwollfeldern gefahren. Quelle: UGF

Die Bedeutung der Baumwolle in Usbekistan reicht weit zurück, in die Zeit, als das Land eine Teilrepublik der Sowjetunion war. Seit den 1920er Jahren wurde ihr Anbau systematisch gefördert. Davon zeugt auch der heutige Zustand des Aralsees, den sich Usbekistan mit seinem Nachbarn Kasachstan teilt. Da das Wasser des Sees in Kanälen zu den Baumwollfeldern umgeleitet wurde, ist das einst viertgrößte Binnengewässer der Erde heute in weiten Teilen nur noch eine Salzwüste.

Die Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern hat ihre Wurzeln ebenfalls in der sowjetischen Ära. Umida Niyazova erinnert sich noch heute an den Moment, als ihre Mutter, eine Lehrerin, zur Ernte gerufen wurde:

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Umida Niyazova erzählt im Büro von Human Rights Watch von ihrer ersten Erinnerung an die Zwangsarbeit.

Auch Niyazova selbst musste als Studentin Baumwolle pflücken. Doch, sagt sie, zu Sowjetzeiten sei die Arbeit erträglicher gewesen. Die Zwangsarbeiter seien besser bezahlt worden und das zu pflückende Soll pro Arbeiter sei niedriger gewesen. Bis heute bestimmt die usbekische Regierung in einem Jahresplan, wie viel Baumwolle geerntet werden muss. Für 2017 sah sie einen Mindestertrag von 3,5 Millionen Tonnen vor. Diese Landesquote wird auf die Regionen heruntergerechnet. Deren Vorsitzende legen fest, wie viel Baumwolle jede ihnen unterstehende, öffentliche Institution zu ernten hat. Letztere, also beispielsweise Schulen oder Krankenhäuser, müssen dann anhand der vorgegebenen Quoten bestimmen, wie viele ihrer Angestellten auf die Felder geschickt werden und welchen Ernteertrag jeder Einzelne von ihnen zu erbringen hat. Zu Sowjetzeiten fiel diese Pro-Kopf-Quote geringer aus als heute, da für die Baumwollernte vor allem Maschinen eingesetzt wurden. Seit der Unabhängigkeit Usbekistans Anfang der 1990er Jahre hat sich das geändert: Heute wird zu 90 Prozent von Hand gepflückt, da die so geerntete Baumwolle von höherer Qualität ist. Denn Maschinen grasen alles ab, auch Ungeziefer und verunreinigte Blüten, während Handpflücker nur das pure, „weiße Gold“ ernten.

Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis im Mai 2007 wird es für Umida Niyazova zunehmend schwierig, ihre Arbeit als Journalistin und Menschenrechtsaktivistin fortzuführen: Sie darf ihre Wohnung zwischen 10 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht verlassen und wird vom usbekischen Geheimdienst noch stärker und offensichtlicher überwacht als zuvor. Wieder erhält sie Hilfe von Human Rights Watch. Am Ende setzt sich die Europäische Union dafür ein, dass Niyazova im Herbst 2008 mit ihrem damals dreijährigen Sohn ausreisen kann. Ihr Ehemann hat das Land bereits früher verlassen. Heute arbeitet er als Journalist für Radio Free Europe in Prag und fährt jedes Wochenende zu seiner Familie nach Berlin. In der deutschen Hauptstadt arbeitet Umida Niyazova nach ihrer Ankunft zunächst für Human Rights Watch. 2009 gründet sie mit anderen usbekischen Exilanten das Uzbek-German Forum for Human Rights UGF. Von ihrer neuen Heimat aus kämpft sie weiter gegen die Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan.

Mit einer weiteren festangestellten Mitarbeiterin sowie Teilzeit-Angestellten koordiniert Umida Niyazova von Berlin aus die Arbeit des UGF. Sie schreibt über die Menschenrechtslage in Usbekistan, arbeitet mit anderen NGOs zusammen und versucht, für ihre Anliegen Gehör bei europäischen Politikern zu finden. In Usbekistan ist für Niyazova und ihr Team ein Netz von Informanten auf den Baumwollfeldern unterwegs. Sie sprechen mit den Zwangsarbeitern und schreiben Berichte über die aktuelle Lage im Land. Mit ihren Informanten kommuniziert Umida Niyazova über geheime Kanäle, zu denen sie nichts Näheres sagen will, um ihre Leute vor Ort nicht zu gefährden. Dank diesen gelangen in Niyazovas Berliner Büro Informationen, welche die immer noch verheerende Menschenrechtssituation in Usbekistan beleuchten. Ein Beispiel dafür ist die Mitschrift der demütigenden Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent, die Radio Free Europe Anfang November zugespielt wurde.

Mitschrift der Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent

Mitschrift der Ansprache eines Distriktvorstehers in der Region Taschkent/      Quelle: UGF

All dies mag nicht zu aktuellen Bildern aus Usbekistan passen: Im Land herrscht Aufbruchsstimmung. Nach dem Tod Islom Karimovs Ende vergangenen Jahres ist mit Shavkat Mirziyoyev ein neuer Mann an die Spitze Usbekistans getreten. Mirziyoyev war zwar unter Karimov Premierminister und ist genauso Teil der alteingesessenen usbekischen Machtelite wie sein Vorgänger, doch bei vielen im Land weckt er die Hoffnung auf bessere Zeiten. Umida Niyazova bestätigt, dass sich unter Mirziyoyev eine Öffnung des Landes abzeichnet. Aber sie warnt, dass sich diese – ähnlich wie in China oder Russland – auf die wirtschaftliche Liberalisierung beschränken werde und das autoritäre, auf Repression seiner Bürger setzende System erhalten bleibe.

Umida Niyazova bleibt skeptisch, obwohl sie und das Uzbek-German Forum erst kürzlich einen Erfolg im Kampf für die Menschenrechte in Usbekistan verzeichnen konnten. Im Rahmen der UN-Generalversammlung nahm der Präsident der WeltbankDie Weltbank wurde 1944 von den Vereinten Nationen (VN) gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfond (IWF) während einer Währungskonferenz in Bretton Woods gegründet. Damals sie den Wiederaufbau von verwüsteten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg fördern. Heute ist es die Aufgabe der Weltbank, die weltweite Armut zu bekämpfen und bessere Lebensbedingungen in Entwicklungsländern herzustellen. Der Hauptsitz der Weltbank ist Washington D.C., Jim Yong Kim, Shavkat Mirziyoyev zur Seite. Über den Inhalt ihres Gesprächs ist nichts Näheres bekannt, aber kurz darauf kündigte der neue usbekische Staatspräsident an, dass die derzeit rund 200.000 zur Zwangsarbeit verpflichteten Studenten die Baumwollfelder umgehend verlassen dürften. Dass der WeltbankDie Weltbank wurde 1944 von den Vereinten Nationen (VN) gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfond (IWF) während einer Währungskonferenz in Bretton Woods gegründet. Damals sie den Wiederaufbau von verwüsteten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg fördern. Heute ist es die Aufgabe der Weltbank, die weltweite Armut zu bekämpfen und bessere Lebensbedingungen in Entwicklungsländern herzustellen. Der Hauptsitz der Weltbank ist Washington D.C.-Chef seinen Einfluss geltend gemacht hat, dürfte nicht zuletzt dem Report zur Zwangsarbeit in Usbekistan geschuldet sein, den das UGF und Human Rights Watch gemeinsam veröffentlicht haben. Darin klagen sie die WeltbankDie Weltbank wurde 1944 von den Vereinten Nationen (VN) gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfond (IWF) während einer Währungskonferenz in Bretton Woods gegründet. Damals sie den Wiederaufbau von verwüsteten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg fördern. Heute ist es die Aufgabe der Weltbank, die weltweite Armut zu bekämpfen und bessere Lebensbedingungen in Entwicklungsländern herzustellen. Der Hauptsitz der Weltbank ist Washington D.C. an, in Usbekistan Entwicklungs-Projekte zu finanzieren, die auf Zwangsarbeit setzen.

Trotz dieser anscheinend positiven Entwicklung kann sich Umida Niyazova auch hier nicht richtig freuen, denn die Studenten würden einfach durch andere Zwangsarbeiter ersetzt. Zudem koste es nun mehr, sich von der Feldarbeit frei zu kaufen. Wer keine Zwangsarbeit leisten will oder aufgrund einer Krankheit nicht kann, muss einen Ersatz für sich finden und bezahlen. Andernfalls drohen Sanktionen; beispielsweise werden soziale Leistungen gekürzt. Private Unternehmen sind von der Regierung ebenfalls dazu verpflichtet, Arbeiter für die Baumwollernte anzustellen. Und die Preise für solche Leiharbeiter sind seit Ende September gestiegen, sagt Niyazova: Eine Lehrerin beispielsweise müsse nun nicht nur ihren eigenen Arbeitsausfall, sondern auch den eines Studenten bezahlen.

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Im Herbst auf den Baumwollfeldern Usbekistans. Quelle: UGF

Die aktuelle Situation erinnere sie an 2014, als die usbekische Regierung – ebenfalls unter internationalem Druck – die Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern offiziell abschaffte. Davor mussten auch Kinder ab neun oder zehn Jahren ihren Erntedienst leisten. Doch seit sie davon befreit sind, werden mehr Erwachsene zur Zwangsarbeit verpflichtet, darunter viele Lehrer, die während der Erntezeit an den Schulen fehlen. Und es gebe inzwischen auch Hinweise dafür, dass trotz staatlichen Verbots in gewissen Regionen weiterhin Kinder zur Arbeit auf den Baumwollfeldern gezwungen werden:

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Umida Niyazova erklärt in Berlin, weshalb trotz offiziellen Verbots teilweise immer noch Kinder auf den Feldern arbeiten müssen.

Die Arbeit von Umida Niyazova und des Uzbek-German Forums für die Durchsetzung der Menschenrechte in Usbekistan ist also noch lange nicht beendet. Aber trotz allem schöpft auch sie nach der Intervention der WeltbankDie Weltbank wurde 1944 von den Vereinten Nationen (VN) gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfond (IWF) während einer Währungskonferenz in Bretton Woods gegründet. Damals sie den Wiederaufbau von verwüsteten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg fördern. Heute ist es die Aufgabe der Weltbank, die weltweite Armut zu bekämpfen und bessere Lebensbedingungen in Entwicklungsländern herzustellen. Der Hauptsitz der Weltbank ist Washington D.C. Hoffnung, dass grundlegende Veränderungen in ihrem Heimatland möglich sind.

Gerne würde sie nach Usbekistan, zu ihren Eltern und Geschwistern, zurückkehren. Doch Umida Niyazova macht sich wenig Hoffnung, dass das bald möglich sein wird, da sie immer noch als einer der größten Staatsfeinde gelte und erst kürzlich ein mit ihr befreundeter Blogger und ein regimekritischer Schriftsteller verhaftet worden seien.