Das Ende der Unsichtbarkeit

Homo- und Transsexuelle in Marokko: Online-Emanzipation und digitaler Pranger

Homo- und Transsexualität sind in Marokko strafbar. Im Netz streben Schwule, Lesben und Transsexuelle nach Emanzipation und Wandel – und stehen gleichzeitig am digitalen Pranger. Eine Studentin und Filmemacher, die Marokko Richtung Europa verlassen haben, berichten von ihren Erfahrungen mit Identitätssuche und Widerstand im Netz.

Foto: Hernan Pinera, „Alleyway“ | flickr.com | CC BY-SA 2.0

Eine Rückkehr nach Marokko war undenkbar – Nadias Geschichte

Mit 18 reist Nadia Abidar (Name geändert) – noch äußerlich als Mann – von Marokko nach Deutschland, um Elektrotechnik zu studieren. Das war vor fast fünf Jahren. Heute lebt Nadia noch immer in Deutschland. „Eine Rückkehr nach Marokko war für mich undenkbar“, sagt sie. Nadia Abidar ist transsexuellTranssexualität bedeutet, dass ein Mensch sich nicht dem ihm zugeordneten Geschlecht zugehörig fühlt. Seine sexuelle Identität unterscheidet sich von seinem biologischen Geschlecht, welches auf Grundlage der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale festgelegt wird. Transsexuelle Menschen unterziehen sich teilweise Geschlechtsumwandlungen, also Operationen, bei denen die körperlichen Geschlechtsmerkmale dem gefühlten Geschlecht der Personen angepasst werden.. In biologischer Hinsicht wurde sie als Mann geboren. „Ich bin in Deutschland die Frau geworden, die ich innerlich schon immer war.“

Marokko gilt nach Ansicht der Bundesregierung als sicheres Herkunftsland. Vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise soll das Land offiziell als solches eingestuft werden. Was die Bundesrepublik unter dem Begriff des sicheren Herkunftslandes versteht, wird in Art. 16a des Grundgesetzes definiert.

Demzufolge gilt ein Staat als sicher, wenn in ihm weder politische Verfolgung noch „unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung und Behandlung stattfindet“. Doch in Marokko „anders“ zu sein oder gar offen damit umzugehen, ist keineswegs „sicher“.

Als Teenager fasst Nadia den Entschluss, ihren Eltern zu sagen, dass ihr 15-jähriger Sohn eine Tochter ist. Angesichts der drohenden Konsequenzen verlässt sie jedoch wieder der Mut: „Transsexuelle Personen wie ich leben dort als Ausgestoßene oder werden verfolgt. Du bist trans, dann wirst du vom Staat und der Familie bestraft, wenn du das zeigst.“

Als Nadia sich Jahre später in Deutschland endlich traut, ihren Eltern ihr Geheimnis anzuvertrauen, schlägt ihr die erwartete Ablehnung entgegen. Aus Scham und Angst vor ihren Mitmenschen verleugnen sie Nadias Transsexualität und streichen ihr die finanzielle Unterstützung, um Druck auszuüben. „Sie forderten mich auf, nach Hause zu kommen und mich in einen Mann zurückzuverwandeln.“

Einen Zufluchtsort, abseits der traditionellen und tief religiösen marokkanischen Gesellschaft, findet Nadia damals wie heute in Internetforen wie „Susans’s Place Transgender Resources„. Hier trifft sie auf Menschen, die ihr in ihrer Situation Mut machen. Daneben sieht sie sich Makeup-Tutorials auf verschiedenen Video-Plattformen an. – Eine weitere Möglichkeit für sie, sich bis zu einem gewissen Grad anonym auszuleben. „Damals habe ich mich aber niemals getraut, Beiträge, die die rote Linie meiner Kultur überschreiten könnten, irgendwo zu posten. Jetzt nutze ich die Meinungsfreiheit des Internets und habe mich auch mit vielen Menschen aus meiner Community bei Facebook vernetzt.“

Nadia bewegt sich heute frei im Netz. Ohne Angst und Anonymisierung tritt sie online Gruppen bei, wie „TransgenderIm Englischen wird zwischen dem biologischen Geschlecht "Sex", und dem soziokulturellen Geschlecht Gender", unterschieden. Im Deutschen gib es allerdings nur einen Oberbegriff: "Geschlecht". Im Englischen wird zwischen dem biologischen Geschlecht "Sex", und dem soziokulturellen Geschlecht Gender", unterschieden. Im Deutschen gib es allerdings nur einen Oberbegriff: "Geschlecht". Gender“ drückt aus, dass geschlechtsspezifische Zuschreibungen dynamisch und veränderbar sind. Der Begriff geht über die biologische Unterscheidung zwischen Geschlechtern hinaus. Gender“ drückt aus, dass geschlechtsspezifische Zuschreibungen dynamisch und veränderbar sind. Der Begriff geht über die biologische Unterscheidung zwischen Geschlechtern hinaus. Germany TGG“ auf Facebook. Mittlerweile ist es für sie sogar „natürlich“ geworden, sich mit Beiträgen in den sozialen Netzwerken klar zu positionieren. So postet oder teilt sie auf Facebook Artikel oder Videos mit klarem Inhalt.

Homo- und Transsexuelle in Marokko: Ein illegales Leben

Homosexualität ist im marokkanischen Rechtssystem illegal – eine Straftat. Das Strafgesetzbuch fordert mindestens sechs Monate Haft. Es können aber auch bis zu drei Jahre werden. Auch Geldstrafen sind vorgesehen: bislang zwischen 200 und 1000 Dirham, umgerechnet etwa 20 bis 100 Euro. Bald soll das Gesetz aber erneuert werden. Ein Entwurf von 2015 sieht vor, die Höhe der Geldstrafen zu verzehnfachen.

Und die Behörden setzen durchaus um, was im Gesetz steht: Im Juni 2016 sind so beispielsweise zwei Männer aus Guelmine, im Süden Marokkos, von Richtern zu sechs Monaten Haft wegen homosexueller Handlungen verurteilt worden.
Fehlende Rechte und ein fehlender staatlicher Schutz in Form von Antidiskriminierungsgesetzen zwingen Menschen aus dem LGBT-Spektrum seit Jahrzehnten in soziale Isolation. Für viele, wie für Nadia, bleibt nur die Flucht ins Ausland – oder ins Netz, in der Hoffnung, dass die Digitalisierung einen Rückzugsort und eine Plattform für Unterstützung und Widerstand bietet.

Spätestens mit dem arabischen Frühling hat es einige Versuche gegeben, der LGBT-Gemeinschaft in Marokko publizistisch eine Stimme zu geben. 2010 etwa wurde mit großen Hoffnungen das Magazin „Mithly“ gegründet, später das „Aswat QUEERDie etymologische Bedeutung des Wortes "queer" bezieht sich auf Dinge, Handlungen und Personen, die von den vermeintlich vorherrschenden Normen innerhalb einer Gesellschaft abweichen. Also zunächst einmal alles, was irgendwie anders ist. Im englischen Sprachraum wurde das Wort lange dazu gebraucht, um Menschen zu degradieren, deren Lebensweisen nicht der heterosexuellen Norm entspricht. Genau diese Menschen eroberten die Bezeichnung Queer später für sich. Das Schimpfwort wurde zunächst zum Szene-Begriff und schließlich auch zu einem akademischen Terminus. Die Queer-Bewegung ist seit den 70er und 80er Jahren ein Sammelbecken für alle, die ihre sexuelle Identität selbst definieren möchten und sich weigern, diese den eingeschränkten Kategorien Hetero- oder Homosexuell zuzuordnen. Magazine“. Heute führen die Adressen der Magazine ins Nichts oder in einen Bereich, der nur autorisierten Personen zugänglich ist. Bislang haben sich die Magazine nicht lange online halten können. „Zu gefährlich, zu viel Widerstand“, sagt Nadia.

LGBT in den Sozialen Medien: Bunter Aktivismus, ernste Thematik

Ein etwas anderes Bild dagegen zeigt sich in den Sozialen Medien: Hier haben Aktivistengruppen wie das „Collectif ASWAT“ oder die “Mouvement Alternatif pour les Libertés Individuelles – Maroc“ eine weitreichende Plattform geschaffen. Professionell gestaltete Grafiken und Videos machen auf die Situation Homo- und Transsexueller in Marokko aufmerksam. Die Aktivisten sprechen selbst von Online-Kampagnen, die sich gegen den politischen Status Quo richten.

Neue Medien sind zentraler Bestandteil dieser Arbeit. Ein Beispiel: Im Rahmen einer Social-Media-Kampagne unter dem Hashtag #LoveIsNotACrime haben Aktivisten Anfang Dezember 2016 ein Video-„Tutorial“ veröffentlicht. Es erklärt, wie sich Schwule, Lesben und Transsexuelle gegenüber der marokkanischen Polizei verhalten sollen.

Den Fall der beiden Mädchen Hajar und Sanae haben die Aktivisten über das Netz weltweit bekannt gemacht: Hajar und Sanae wurden am 27. Oktober 2016 in Marrakesch verhaftet, nachdem ein Passant beobachtet haben wollte, wie sich die beiden 16 und 17 Jahre alten Mädchen auf einer Terrasse geküsst hatten. Unter anderem das Aswat Collectif und das Akalyat Magazin haben ihre Facebook- und Twitter-Reichweite (#FreeTheGirls) dazu genutzt, um eine Online-Petition zu bewerben. Zuletzt hat die Petition mehr als 100.000 Unterzeichner gefunden.

Im Dezember 2016 hat ein Gericht in Marrakesch die Mädchen für unschuldig erklärt und freigesprochen.

Abdellah Taïa sieht in Erfolgen wie diesen die große Chance für einen Wandel in der marokkanischen Gesellschaft. „Junge Menschen aus dem arabischen Raum tragen am meisten zu diesem Wandel bei“, sagt der im Pariser Exil lebende Autor.

Taïa ist 43 Jahre alt, ging 1999 ins Exil nach Europa, weil er sich als Schwuler in Marokko nicht mehr sicher fühlte. 2006 outete er sich über ein Magazin in der marokkanischen Öffentlichkeit, was ihm viele Feindseligkeiten einbrachte. Seine Bücher und Filme („Salvation Army“) beinhalten autobiographische Elemente. Es geht um das Schicksal und die Identitätsfindung homosexueller Männer in einem homophoben gesellschaftlichen Umfeld.

Seit Dezember 2016 steht Taïa in Kontakt mit den Aktivisten von Collectif Aswat. Der Grund ist ein Relaunch ihres LGBT-Magazins.

Die Kehrseite der Vernetzung: Digitale Demütigung

Trotz solcher Erfolge bleibt das Netz ein Ort der Feindseligkeiten für die marokkanische LGBT-Gemeinschaft. Soziale Medien werden dabei zum Vehikel für ein digitales Anprangern und Bloßstellen von Menschen aus dem LGBT-Spektrum.
Am 29. Juni 2015 etwa beschuldigte ein Taxifahrer in Fès seinen Fahrgast, ein „Khanit“ zu sein, ein „verweiblichter Mann“. Das tat er auf offener Straße so lautstark, bis sich ein Mob bildete, der die transsexuelle Person beleidigte und schlug. Die Tat wurde gefilmt und ins Netz gestellt. Strafrechtlich verfolgt wurden nur zwei der Männer – und zu vier Monaten Gefängnis verurteilt.

Ähnliches hat sich in Béni Méllal zugetragen, eine Kleinstadt im Landesinneren Marokkos. Ein organisierter Mob, ausschließlich aus Männern zusammengesetzt, griff zwei vermeintlich Homosexuelle in ihrer Wohnung an, zerrte sie auf offene Straße, verprügelte sie und filmte die ganze Aktion, um sie damit in Sozialen Medien bloßzustellen.

„Plötzlich ist es Mode geworden, [homosexuelle] Menschen aufzuspüren, zusammenzuschlagen, zu filmen und das Video online zu stellen. Die Menschen, die das tun, schämen sich oft nicht einmal dafür. Sie zeigen bewusst ihr Gesicht.“ – Abdellah Taïa

Auch auf Kanälen wie YouTube zeigen sich Feindseligkeiten und die gesellschaftliche Ablehnung in Marokko deutlich: Der Filmemacher Marwan Bensaid – ein Pseudonym – hat für eine Pro-LGBT-Kampagne ein filmisches Porträt eines jungen marokkanischen Transmannes gedreht und bei YouTube hochgeladen. Bis heute haben das Video mehr als 300.000 Menschen angeklickt. Neben unterstützenden Kommentaren manifestieren sich hier digital der Hass und die Ablehnung: Viele Reaktionen bestehen aus Feindseligkeiten, Beschimpfungen und Drohungen.

Video-Autor und Uploader Bensaid hat seine Twitter-Seite mittlerweile gelöscht und reagiert auch auf Kontaktanfragen per Mail nicht mehr

Autor Abdellah Taïa sieht diese „Trends“ aber auch als ein Zeichen dafür, dass sich in Marokko etwas verändert. Die Gewaltausbrüche seien Reaktion darauf, dass Schwule, Lesben und Transsexuelle die gesellschaftlich bedingte Scham ablegen. Ausgangspunkt dieses Kampfes um politische Anerkennung und rechtliche Gleichstellung ist das Netz – auch wenn der digitale Pranger nur wenige Klicks entfernt ist.

Artikelbild: „Alleyway“ von Hernán Pinera, Quelle: Flickr.com, CC BY-SA 2.0

Hören Sie hier das ganze Interview mit Abdellah Taia (ca. 9 Minuten, bitte ggf. Untertitel aktivieren)