World Café @ Bildkorrekturen Verschiedene Kulturen, ein Kernthema und viel Diskussionsbereitschaft

  • Mehr als 20 verschiedene Kulturen trafen im World Café aufeinander, um sich näher kennenzulernen und sich über ein Thema auszutauschen: Digitalization & Development – das diesjährige Thema der Bildkorrekturen.

  • In der ersten Runde hatten die Studierenden die Möglichkeit sich näher kennenzulernen. Sie unterhielten sich über ihre Lieblingsthemen, über die sie den ganzen Tag sprechen könnten, über Songs, die auf keiner guten Party fehlen dürfen und auch über ihre Aufgaben auf der Tagung.

  • In der zweiten Runde kam das Thema der Tagung „Digitalization & Development“ wortwörtlich auf den Diskussionstisch. Die Studierenden tauschten persönliche Erfahrungen im Zusammenhang mit Cyberbullying aus und diskutierten über Themen wie Überwachung und Zensur im digitalen Zeitalter.

  • Das Thema Digitalisierung wurde von den Studierenden durchaus kritisch beleuchtet. Auch Skepsis gegenüber neuen Entwicklungen und deren Einfluss auf unser Leben brachten die Studierenden zum Ausdruck. Besonders oft war vom Facebook-Algorithmus und der damit einhergehenden Filter Bubble die Rede.

  • Oft stellten die Teilnehmer kulturelle und gesetzliche Unterschiede zwischen ihren Ländern fest, insbesondere wenn es um das Thema Pressefreiheit ging. Eine Studentin der DWAK berichtete zum Beispiel vom Problem der „Selbstzensur“ in ihrem Heimatland Kolumbien.

  • An einem anderen Tisch werden lockerere Töne angeschlagen. Es geht um die Frage, was man am meisten vermissen würde, wenn man eine Woche lang vom Internet getrennt wäre. Daraufhin Prof. Dr. Markus Behmer (Universität Bamberg): „Ein Tage ohne Internet wäre großartig – keine E-Mails. Aber schon nach einem Tag würde ich es vermissen. Insbesondere die SMS und E-Mails von meinen Töchtern.“

  • Neben Themen der Digitalisierung tauschten sich die Studenten auch über ihre zukünftige Rolle als Journalisten aus.

  • Die Moderation des World Cafés übernahmen die Bamberger Studierenden…

  • … und machten in ihrer Doppelrolle als Teilnehmer und Moderator ihre ganz eigenen Erfahrungen: „Es war ziemlich viel was auf einen eingeprasselt ist in dem Moment. Es war aber auch interessant, weil ich an meinem Tisch sehr viele unterschiedliche Leute hatte: Menschen aus verschiedenen Ländern, Unis und Institutionen und sogar eine syrische Journalistin im Exil. Das fand ich super.“ (Theresa Hoffmann, Universität Bamberg)

  • Natürlich hatten auch die Referenten (Eric Chinje aus Kenia, rechts) Spaß daran, sich am internationalen Austausch zu beteiligen.

  • Sarah Schneidereit, (Universität Leipzig, links) zieht ihr Fazit: „Was ich total spannend fand war, dass man sich auch über die Mediennutzung unterhalten hat. Man merkt, dass die Leute, die nicht aus Deutschland kommen, die Medien zum Teil anders nutzen und auch die Dinge ein bisschen anders sehen als wir hier und dementsprechend auch die Konferenz vielleicht ein bisschen anders für sich nutzen.“

  • Auch Nadia Issufo (rechts im Bild) hat das World Café gefallen: “I liked it because it was a good opportunity to share with others some experience about the new platforms, the social media. I think at the end we have the same opinions about digitalization, about how to use the platforms, the social media.”

Kenias digitale Revolution. Zeit zum Umdenken. Ein Bericht aus dem Kenia-Panel

Wie das Smartphone Kenia revolutioniert: Die High-Tech-Entwicklung der Republik verläuft rasant, trotzdem profitiert nicht jeder von der digitalen Revolution. Niko Wald (inothernews.de), Eric Chinje (CEO African Media Initiative) und Isabell Pfaff (Süddeutsche Zeitung) diskutieren über Chancen und Probleme des technischen Wandels – eine gute Gelegenheit für junge Journalisten, die eigene Sicht auf den afrikanischen Kontinent zu schärfen.

Sehen Sie hier: Eindrücke aus dem Panel und erfahren Sie anschließend mehr über die digitale Revolution in Kenia.

Wie das Smartphone Kenia revolutionierte

Eine heruntergekommene Telefonzelle, die nur mit Telefonkarte funktioniert, mitten im Nirgendwo – ein derartiges Bild gibt es in Deutschland schon seit Jahrzehnten nicht mehr. In Kenia dagegen schon, wie ein Foto zeigt, das Niko Wald im vergangenen Jahr bei einem Kenia-Aufenthalt aufgenommen hat. Die gute alte Telefonzelle war dort vor einigen Jahren noch das einzige Kommunikationsmittel in ländlichen Gebieten.

Die meisten Haushalte in entlegenen Gegenden besitzen keinen Festnetzanschluss – ergo auch keinen Internetzugang. Zwar wurden seitens der afrikanischen und ausländischen Regierungen Bemühungen zur Überbrückung dieser digitalen Ungleichheit unternommen, allerdings gestaltet sich eine Ausstattung aller Haushalte mit einem Internetzugang bislang schwierig. Es hätte die Verlegung eines Festnetzanschlusses für jedes einzelne Haus bedeutet – ein sehr zeitaufwendiges und vor allem kostenintensives Vorhaben. Nicht so bei Smartphone und Co. – durch die vergleichsweise günstigen Endgeräte wird Internet zunehmend einer breiten Masse zugänglich, wie die nachfolgenden Grafiken veranschaulichen.

Kenia fast gleichauf mit Deutschland

Kenia liegt mit 68,4 Prozent Internetnutzern gar nicht so weit hinter Deutschland wie man vermuten könnte. (Quelle: Statista 2016)

Internet - ein Luxusgut

In Deutschland ist der zu entrichtende Betrag für einen Internetzugang mit 0,6 (Mobiles Internet) bzw. 1,0 Prozent (Festnetzanschluss) des Einkommens  kaum nennenswert. Betrachten wir das deutsche, durchschnittliche Bruttosozialprodukt allerdings in Relation mit dem Kostenaufwand in Kenia (45 Prozent des BIP), bedeutet das einen Kostenaufwand von 555 Euro bzw. 1000 Euro für den deutschen Durchschnittsbürger bedeuten. Es ist relativ offensichtlich, dass hier eine digitale Ungleichheit vorherrscht. Denn Internet scheint in Afrika immer noch ein Luxusgut zu sein, das vor allem wohlhabenden und gebildeten Kreisen vorbehalten ist.

Afrika in den Medien

Berichterstattung von Afrika über Afrika

Aktuelle Befunde zeigen, dass afrikanische Medien nur über ihr eigenes Land, aber kaum über andere Länder berichten. „Weniger als ein Prozent der Nachrichten ist über andere afrikanische Länder“, stellt Eric Chinje mit Bedauern fest. Der CEO der African Media Initiative kritisiert, dass Journalisten in Afrika ihre Informationen lediglich aus drei Quellen beziehen: von Journalisten-Kollegen, der Agence France-Presse und der Chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. Dieser Mangel an Ressourcen sei seiner Meinung nach bedenklich und verlangt nach Lösungen. Um Missstände in den Medien zu diskutieren und Lösungen zu erarbeiten, hat seine Initiative daher zu einer Konferenz geladen: mit Verlegern, Journalisten, Medienpersonen. Denn Kommunikation sei der Schlüssel für den Fortschritt in Kenia.

Eric Chinje: „Zu meiner Zeit als Journalist hatten wir noch ein Massenpublikum: einen Fernseher, eine Radiostation, erreichten eine ganze Nation. Aber durch die Digitalisierung teilt sich das Publikum auf.“

Deutsche Berichterstattung über Afrika

Afrika hat einige Phasen der Digitalisierung übersprungen und ist sozusagen direkt in der mobilen Ära angekommen. Das veränderte nicht nur die Kommunikation, sondern auch den Journalismus. Isabel Pfaff bemerkt: „Die Digitalisierung hat meine Arbeit komplett verändert: Sie hat sie nicht unbedingt erleichtert, aber es stehen mir nun mehr Quellen zur Verfügung: Afrika-Experten, Journalisten, Einheimische …“

Aber werden diese neu gewonnen Ressourcen auch genutzt? Berichterstattung über Afrika steht oft in der Kritik nur die drei Ks zu bedienen: Kriege, Katastrophen und Krankheiten. Aus diesem Grund wurde in Leipzig die Non-Profit-Medienagentur„JournAfrica!“ gegründet, bei der Afrikaner über Afrika schreiben. Das Ziel: eine abwechslungsreiche Berichterstattung über den Kontinent. Allerdings hat eine Studie gezeigt, dass die Berichterstattung größtenteils mit den traditionellen Massenmedien übereinstimmt. Es scheint vielmehr, dass Journalisten – ganz gemäß der Nachrichtenwerttheorie – im Allgemeinen dazu tendieren eher über negative Ereignisse zu schreiben.

 

Hören Sie hier: Nach der Paneldiskussion befragten wir das Publikum: Was denken sie über die Berichterstattung und was könnten die Journalisten in Zukunft verbessern?

 

Das Bild korrigieren – in Fakt und Fiktion

 

Die Wirtschaft in Afrika ist in den letzten Jahren massiv gewachsen. Und China hat diese Möglichkeit zuerst erkannt und Milliarden Dollar in Afrika investiert, vor allem in Form von Finanz-, Bergbau und Rohstoffbeteiligungen.

Eric Chinje, Vorsitzender der African Media Initiative (AMI)

„Geld hat keine Farbe“ (Eric Chinje)

Afrika und eine blühende Wirtschaft? Dieses Bild kennen viele Leser, Zuhörer und Zuschauer in Deutschland nicht. Das wirft die Frage auf: Haben unsere Medien versagt, ein richtiges Bild von Afrika zu vermitteln? Die Antwort lautet teilweise: Denn sie neigen zur Stereotypisierung. Deutsche fiktionale Filme zeigen meist eine wunderschöne weiße Europäerin, die sich für unterprivilegierte Kinder in Kenia oder Namibia engagiert. Schöne Landschaften, ein von Armut geprägtes Land und Charaktere mit dem Herz am rechten Fleck. Es gibt allerdings auch gelungene Dokumentationen über Afrika, von Weltspiegel oder Phoenix, nur bilden diese bislang leider die Ausnahme und nicht die Regel.

 

 

 

Professor Dr. Behmer (Uni Bamberg)

In der abschließenden Panel-Diskussion bringt Professor Dr. Behmer (Uni Bamberg) das Problem auf den Punkt:

„Manchmal vergisst man, dass Afrika ein Kontinent ist, und kein Land.“

Um eine Veränderung zu bewirken, müssen wir zunächst bei uns selbst anfangen: unser Bild muss sich verändern. Die Revolution hat längst begonnen und es ist Zeit zum Umdenken.

 

 

 

 

Lesen Sie weiter: Digitalisierung – Die Lösung aller Probleme?

Die Digitalisierung hat das Leben der Afrikaner zweifelsohne verändert: vor allem sozial schwache Menschen können von den neuen Apps profitieren. Ob die Kluft zwischen Arm und Reich dadurch aufgehoben wird, sei allerdings dahingestellt. Denn wir dürfen  trotz der rasanten Veränderungen nicht vergessen: Die meisten afrikanischen Staaten sind nach wie vor ein Entwicklungsländer.

"Silicon Savannah" - Wie Apps das Leben der Kenianer bereichern

  • Ushahidi
  • M-Pesa
  • I-Cow

Initiative "One Laptop - One Child"

Bildung ist ein kostbares Gut in jedem Land. Die Initiative „One Laptop – One Child“, die wie der Name schon vermuten lässt, jedem Kind einen Laptop bereitstellt, scheint daher im ersten Moment ein tolles Programm. Aber wir Deutschen neigen dazu, dies aus einer privilegierten Perspektive zu betrachten. Kenia ist, auch wenn es sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt hat, immer noch ein Entwicklungsland. Und es fehlt vor allem in ländlichen Gegenden an grundlegender Infrastruktur wie Versorgungssystemen. Dixie-Klos sind dort zumeist der Standard. Da stellt sich – nicht ohne eine gewisse Ironie die Frage: Ist diese Initiative wirklich eine Bereicherung, wenn es zwar an Hygienestandards mangelt, aber die Kinder in der Lage sind, Hygiene und Cholera googlen.

Die W-Fragen

Auch wenn die Digitalisierung in Afrika viele Vorteile bringt, ist sie dennoch mit Vorsicht zu genießen. Es gilt immer kritisch zu hinterfragen:

  • Wer steckt hinter diesen Start-Ups, die Verbesserung versprechen? Wer sind die Investoren? Oftmals fallen bei Nachforschungen Namen wie Microsoft, Facebook oder IBM
  • Wer profitiert von der verkauften Hard- und Software?
  • Wer kontrolliert die Netzwerke?
  • Wer ist in Besitz der Daten? Und wie werden diese Daten von der Regierung genutzt?
  • Wer hätte ein Interesse daran, Meinungen mithilfe des Internets zu lenken bzw. zu manipulieren?

 

 

 

Diskutieren Sie mit

Nachdem wir Ihnen Zahlen und Fakten präsentiert haben, wollen wir von Ihnen wissen: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in Kenia ein? Wird der Digital Divide durch Smartphone und Co. überbrückt? Und angesichts der wachsenden Wirtschaft – wo wird Kenia in 10 Jahren stehen?

 

 

Wie Kenia die Digitale Kluft überwindet Perspektiven eines Landes im Wandel

Von M-Pesa bis Ushahidi – immer mehr innovative Technologien entstehen in den Start-Ups Nairobis. Doch erreicht der digitale Fortschritt die gesamte kenianische Bevölkerung? Prof. Martin Emmer (Freie Universität Berlin), Prof. Levi Obonyo (Daystar University, Nairobi) und Dr. Wilson Ugangu (Multimedia University of Kenya, Nairobi) geben Einblick, wie die ostafrikanische Republik versucht, den Digital Divide zu überwinden.

Prof. Levi Obonyo erläutert, wie Kenia den Digital Divide überwinden kann.

„Mit dem digitalen Fortschritt, wie ihn Europa bereits erreicht hat, können wir in Kenia niemals mithalten. Manche Entwicklungsländer haben uns was die Infrastruktur angeht längst überholt“, so Professor Levi Obonyo.

Obonyo, erst Journalist, nun Professor für Kommunikation und Medienwissenschaften an der Daystar University in Nairobi, und früherer Vorstand des Media Council von Kenia gibt ein erstes Bild vom digitalisierten Kenia. Der Kommunikations- und Medienwissenschaftler zeigt zu Beginn des Panels auf, wie es um die digitale Kluft in der ostafrikanischen Republik bestellt ist. 45 Prozent des Landes sind an das Breitbandnetz angeschlossen, die Großstädte sind überwiegend mit 4G, dem Mobilfunkstandard der 4. Generation, versorgt. Dies spricht für den digitalen Fortschritt, den das Entwicklungsland inzwischen erreicht hat. Jedoch sei der Durchschnittskenianer laut Obonyo nur wenig an hochentwickelten Technologien interessiert. Ein Großteil der Bevölkerung nimmt an der voranschreitenden Digitalisierung kaum Teil. Es herrscht eine vergleichsweise hohe Analphabetenrate von etwa 20 Prozent und ländliche Gebiete sind nach wie vor nicht flächendeckend an das Breitbandnetz angeschlossen. Ein Mobilfunkvertrag ist für viele Kenianer mit monatlichen Kosten von etwa 750 Kenia-Schilling (umgerechnet knapp sieben Euro) schlichtweg zu teuer.

Dennoch erfährt das in Nairobi entwickelte Bezahlsystem M-Pesa einen wahren Boom: 84 Prozent des Landes sind laut Obonyo mit dem Bezahldienst abgedeckt und auch in ländlichen Regionen können Kenianer so ihre Bankgeschäfte erledigen. Wer nicht über einen M-Pesa-Zugang verfügt, vertraut einem Nachbarn oder Bekannten das Abwickeln von Geschäften an – für die deutschen Zuhörer im Saal nur schwer vorstellbar. Auf die Nachfrage, wie man ohne Bedenken jemandem viel Geld anvertrauen könnte, entgegnet Obonyo gelassen: „Wohin sollte er damit verschwinden?“ Eine erste Bildkorrektur: Kenianer bringen ihren Landsleuten in finanziellen Angelegenheiten großes Vertrauen entgegen.

Verantwortung der Journalisten

Um ihren Glauben an eine wohlwollende Politik ist es hingegen weniger gut bestellt. Im Land herrscht die Angst, die Regierung könnte rigoros gegen Aktivitäten in Social Media vorgehen und Zugriffe beschränken. Gerade deshalb kommt laut Dr. Wilson Ugangu, Dozent für Medienwissenschaften an der Multimedia University in Nairobi, den Journalisten eine bedeutende Rolle zu.

„Es ist nicht nur die Verantwortung der Journalisten herauszufinden, was die Politik vor uns versteckt. Sie müssen auch ein kollektives Bewusstsein schaffen. Journalisten sind in der Lage, die Realität der Menschen fernab der Hauptmedien darzustellen. Hier kommt ihnen die digitale Vernetzung sehr zugute. Dank der Digitalisierung sind Journalisten heute viel besser positioniert als jemals zuvor.“

Ugangu gibt Einblick in die Arbeitsweise kenianischer Journalisten. Er lehrt an der Multimedia University of Kenya und befasst sich unter anderem mit den Medien in Kenia und Afrika und deren Funktion in Demokratie und politischer Partizipation. Journalisten vernetzen sich in einer WhatsApp-Gruppe und tauschen Informationen aus – medien- und regionenübergreifend. Gerade für die deutschen Konferenzteilnehmer eine weitere Bildkorrektur, da dies im Berufsalltag deutscher Journalisten nicht denkbar wäre. Nicht nur diese digitale Vernetzung via Messenger ist ein gutes Beispiel dafür, wie Journalisten digitale Medien zugutekommen.

Möglichkeit der politischen Partizipation

Mit der digitalen Entwicklung in Subsahara-Afrika beschäftigt sich auch Prof. Martin Emmer, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er untersucht die Entwicklung von Informationstechnologien und deren Funktion im Rahmen politischer Partizipation. Neben dem Mobile-Banking-System M-Pesa ist auch die Crowdsourcing-Plattform Ushahidi ein gutes Beispiel, wie gut interaktive Plattformen angenommen werden. Auf dieser interaktiven Website kann man in einer Karte Orte von Gewalt und Protest markieren.

„Die Grenzen zwischen Medien und Gesellschaft verschwimmen immer mehr. Gerade die Plattform Ushahidi stellt ein gutes Beispiel dar, wie Bürger sich dank neuer Technologien am politischen Diskurs beteiligen können.“

Dies sind nur wenige Beispiele für Kenias aufstrebende Internet-Start-Up-Szene, die hilft, die Digitalisierung im Land voranzutreiben. Mit dem Aufkommen neuer Technologien wie M-Pesa oder Ushahidi entstand für die Hauptstadt Nairobi und deren Umland der Begriff „Silicon Savannah“, der auf den bedeutenden IT-Standort „Silicon Valley“ in Kalifornien Bezug nimmt.

Der Digital Divide ist real

Die Digitale Kluft in der kenianischen Gesellschaft lässt sich dennoch nicht leugnen, wie Obonyo auf den Punkt bringt: „Auch wenn Kenia durch die digitalen Dienste und Apps, die in den Tech-Hubs und Start-Ups entstehen, bereits stark digitalisiert zu sein scheint, gibt das kein repräsentatives Bild unseres Landes.“Als einen Grund führt er große Unterschiede in der Medienkompetenz an, da die Analphabetenrate gerade in ländlichen Gebieten nach wie vor hoch ist. Deshalb möchte die Regierung frühzeitig ansetzen und die Digitalisierung auch an Schulen weiter voranbringen. Inwiefern Initiativen wie „One Laptop per Child“, das jedem Schulkind kostenlos einen Laptop zur Verfügung stellt, dazu beitragen, wird von den anwesenden Wissenschaftlern kritisch betrachtet. „Programme wie diese sind vorsichtig zu bewerten, da man die Bedürfnisse der Menschen vor Ort nicht außer Acht lassen darf“, so Emmer. In manchen Teilen Kenias fehlt es nach wie vor an grundlegenderen Dingen wie basaler Infrastruktur oder sanitären Anlagen. Diese Probleme wird ein Internetanschluss oder ein kostenlos zur Verfügung gestellter Laptop nicht lösen. So bleibt nicht nur die digitale Kluft eine zu meisternde Herausforderung für Kenia.

Rund 30 Zuhörer verfolgten das erste Kenia-Panel. Prof. Emmer (2.v.l.), Prof. Obonyo (Mitte) und Dr. Ugangu (2.v.r.) zeigen auf, wie digitalisiert Kenia tatsächlich ist. Sabrina Huther (l.) und Kilian Schrenk (r.) von der Universität Bamberg moderierten.

 

Weiterführende Informationen zur Digitalisierung in Kenia finden Sie hier:

Analphabetismus und Bildungsreform

Nach wie vor gilt Kenia als Entwicklungsland. Die Analphabetenrate beträgt derzeit ca. 20 Prozent, im Jahr 2015 konnten 74 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Wie die Regierung das mit Bildungsreformen ändern will, lesen Sie hier.

Kenia im Spiegel der Medien

Hoch entwickelte Technologien einerseits und soziale Probleme eines Entwicklungslandes andererseits. Welches Bild von Kenia wird in den Medien vermittelt? Gibt es ein Bild, das es zu korrigieren gilt? Was vor allem ausländische Journalisten an der Berichterstattung über das ostafrikanische Land verbessern können, lesen Sie hier.

Modernes Bezahlsystem M-Pesa

Innovativ, einfach und mit jedem Endgerät nutzbar: Das mobile Bezahlsystem M-Pesa wurde in Nairobi entwickelt und gestaltet das Leben vieler Kenianer auch ohne Internetanschluss oder Smartphone deutlich leichter. Mehr dazu finden Sie hier.

Politische Partizipation mit Ushahidi

„Ushahidi“, was in Swahili „Zeuge“ bedeutet, ist die passende Bezeichnung für diese Webanwendung, die in der Zeit nach der Präsidentschaftswahl 2007 entstand. Die Wahl des Präsidenten Mwaki Kibaki war umstritten und es kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Anhängern von Regierung und Opposition. Dabei wurden über 1.500 Menschen getötet. „Ushahidi“ wurde in Nairobi vom gleichnamigen Softwareunternehmen ins Leben gerufen. Auf dieser Website werden in einer interaktiven Karte Orte der Gewalt gesammelt, die Augenzeugen via Mail und Textnachricht an die Betreiber senden.

One Laptop per Child

Die gemeinnützige Initiative „One Laptop per Child“ (kurz OLPC) aus Miami, Florida, hat zum Ziel, die Bildung für Kinder in Entwicklungsländern zu verbessern. Hierfür stellt sie Kindern technische Geräte wie Laptops oder Togglelets zur Verfügung, um ihnen den Zugang zur digitalisierten Welt zu ermöglichen. Oft stehen Initiativen wie diese in der Kritik, da es in Entwicklungsländern häufig weitaus wichtigere Grundbedürfnisse zu befriedigen gilt.

 

Digitalisierung ohne Nebenwirkungen? Estland ist Europas digitaler Musterschüler. Doch sind die Esten selbst so weit wie die Politik und Infrastruktur ihres Landes? Ihr Beispiel zeigt, wie ein komplett vernetzter Alltag eine Gesellschaft verändern kann.

Man stelle sich vor: Wer seine Steuererklärung machen will, erledigt das mit ein paar Klicks online. Für ein Rezept vom Hausarzt kann der PC gleich an bleiben. Und das achtjährige Kind schreibt als Hausaufgabe nebenan seine ersten HTML-Codes. Was in Deutschland nach Zeitreise klingt, ist nur eine Flugreise entfernt: Willkommen in Estland.

Weiterlesen

Digitale Kolonialmächte Die Digitalisierung kann das Leben erleichtern, auch und gerade in sogenannten Entwicklungsländern. Bei aller Euphorie – wir sollten darauf achten, wer darüber bestimmt, wie wir in Zukunft leben. Ein Kommentar von Hannah Knuth, Matthias Bolsinger und Robin Köhler

Erster Annäherungsversuch: Facebook-CEO Mark Zuckerberg und Indiens Premier Narendra Modi (Foto: Narendra Modi, „Facebook CEO Mr. Mark Zuckerberg calls on Shri Modi“, https://www.flickr.com/photos/narendramodiofficial/15541405942)

Februar 2016, Facebook-Investor Marc Andreessen ist außer sich. „Anti- Kolonialismus war für das indische Volk über Jahrzehnte wirtschaftlich katastrophal“, twittert er. Und wird prompt von Facebooks CEO Mark Zuckerberg zurückgepfiffen. Zu spät: Ein Shitstorm brach über Andreessen herein.

Was war passiert?

Indien hatte sich gerade gegen die Einführung von „Free Basics“ entschieden, Facebooks Internet-Service, der vielen Millionen Bürgern mit einer App den kostenlosen Zugang zum Web ermöglicht hätte – allerdings nur zu ausgewählten Seiten. Indiens Telekom-Aufsicht stoppte „Free Basics“ und verwies auf die Netzneutralität: Kein Provider dürfe irgendwelche Inhalte im Netz diskriminieren.

Es war wie so häufig bei der Digitalisierung in sogenannten Entwicklungsländern: Ein mächtiger Konzern mit großen Versprechen trifft auf

eine Bevölkerung mit großen Sorgen. In Indien siegte die Skepsis. Unternehmer wie Andreessen mögen das für dumm und provinziell halten, für albernen Anti-Kolonialismus. Doch sie irren. Das Misstrauen ist berechtigt. Und der Kolonialismus-Vergleich gar nicht so verkehrt.

Denn tatsächlich verhielt sich Facebook wie eine Kolonialmacht: Trat auf wie ein Heiland, sprach von Gleichheit und Freiheit, verschwieg sein Profitinteresse und warf der renitenten Bevölkerung Undankbarkeit vor.

Diese koloniale Attitüde zwingt uns nachzudenken. Vielleicht sollten wir bei der Digitalisierung von einer Entwicklung der zwei Geschwindigkeiten sprechen, von einer alten und einer neuen Digitalisierung. Die alte, die des globalen Nordens, war eine Digitalisierung der gleichmäßigen Schritte. Gesellschaft und Technik entwickelten sich weitgehend parallel. Die führenden Digitalkonzerne und deren Macht wuchsen kontinuierlich. Doch sie sahen sich einer wohlhabenden Bevölkerung gegenüber, die sich mit der Aussicht auf Fortschritt nur schwer erpressen ließ.

Im globalen Süden ist das anders. Bei der neuen Digitalisierung treffen Großkonzerne wie Facebook und Google auf strukturschwache Regionen, die den Unternehmen entweder die Hand reichen – oder über Jahre hinweg der technologischen Entwicklung anderer Staaten hinterherlaufen.

Natürlich, es gibt auch dort eine behutsame Form der Digitalisierung, eine Entwicklung „von unten”. Das mobile Bezahlsystem „M-Pesa“, in Kenia entwickelt, von Vodafone über das Land hinaus verbreitet, ist vielleicht das beste Beispiel dafür: Hunderttausende Menschen können dank „M-Pesa” per Mobiltelefon Geld versenden – der Service erleichtert das Leben, ohne Freiheit zu beschneiden.

Dieses Beispiel darf aber nicht über die Asymmetrien der Digitalisierung hinwegtäuschen. Daten sind der Rohstoff der Zukunft. Und die in dieser Hinsicht reichen Länder des globalen Südens sollten sich vorsehen, kein zweites Mal zum Rohstofflager des Nordens zu werden.

Die Digitalisierung ist für sich betrachtet weder richtig noch falsch. Aber es gilt darauf zu achten, wer ihre Bedingungen diktiert und wer nicht. Nur so kann verhindert werden, dass digitale Kolonialmächte wachsen.

Indiens Zurückweisung von „Free Basics“ mag anti-koloniale Züge tragen. In jedem Fall war sie ein Zeichen, das über Indien hinaus wirken kann: Wir lassen uns nicht erpressen. Und das ist gut so.

„Manche Länder schaffen es nicht alleine“ Wie verändert Digitalisierung das Leben in Entwicklungsländern? Welche Ziele haben Facebook, Google und Co.? Ein Gespräch mit Julia Manske

Digitalisierung macht vor Grenzen keinen Halt – längst ist sie in den sogenannten Entwicklungsländern angekommen. Auch dort wirft sie wichtige Fragen auf. Wie reagieren nationale Regierungen auf die Macht der Global Player? Wie steht es um den Datenschutz? Und welche Ideen von dort werden unser Leben verändern?

Robin Köhler (links) im Gespräch mit Julia Manske (Foto: EG/Foto-Zentrum Leipzig)

Darüber sprechen wir mit Julia Manske vom Think Tank „Stiftung Neue Verantwortung“. Manske beschäftigt sich mit Open Data, Data Governance und Datenschutz. Sie arbeitete über drei Jahre für Vodafone, wo sie für internationale Forschungsprojekte und soziale Innovationen verantwortlich war. Für das Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation hat sie sich mit den Erfolgsbedingungen der afrikanischen Startup-Szene befasst.

Ein Deutscher unter Indern Wie Christoph Kober es schaffte, sich in der Fremde wohl zu fühlen

Der ganze Bus starrt ihn an. Christoph Kober starrt zurück. Er starrt auf die nackten Füße des Fahrers, dann auf das handtellergroße Loch, das der Rost in den Boden des Busses gefressen hat. Das war vor elf Jahren, auf Christoph Kobers erster Reise ins australische Hinterland. Damals war der angehende Journalist Austausch-Student an einer Universität in Manipal, später wurde er Austausch-Journalist bei der Times of India. „In Indien ist vieles einfacher, vieles chaotischer“, sagt Kober. „Man muss sich in das Land erst einfühlen.“ Wie er das geschafft hat, erzählt er im Interview – mit und ohne Worte.

Wie war der erste Tag in der Redaktion der Times of India?

„Der Tag hat erst um 15 Uhr begonnen. Ich wurde sehr freundlich und warm empfangen. Vor 17 Uhr trifft man in der Redaktion aber normalerweise niemanden, denn alle sind tagsüber auf Recherche unterwegs. Dafür geht man erst um 23 Uhr nach Hause. Das Produkt, das dabei am Ende herauskommt, fand ich optisch furchtbar. Das Layout war wahrscheinlich der größte Kulturschock: Sehr wenig Platz, sehr viele Geschichten auf einer Seite. Die Geschichten wiederum sind total zielgruppenorientiert. Der Zeitungsmarkt in Indien ist genauso fragmentiert wie die indische Gesellschaft. Die Times of India ist zum Beispiel für ein gebildetes Publikum und für Leute im Ausland. Die Lebensrealität der Landbevölkerung kommt darin gar nicht vor – höchstens bei Skandalgeschichten, wenn sich zum Beispiel jemand umbringt. Solche Themen, Geschichten über Dörfer und Bauern, übernehmen die regionalen Zeitungen.“

 

Wie sehen die Blicke aus, die Ihnen in Indien auf der Straße begegnen?

„In Indien gibt es zwei Extreme. Es gibt offene Leute, die das Fremde begeistert annehmen, aber genauso viele fremdenfeindliche Menschen. Als Journalist hat das Vor- und Nachteile. Manchmal sind wir sehr leicht ins Gespräch gekommen, weil die Leute mir gerne ihre Meinung mitteilen wollten – oft auch ungefragt. Die finden das natürlich beeindruckend, wenn man 8000 Kilometer weit geflogen ist, um in einem kleinen indischen Dorf jemanden zu interviewen. Manchmal war es für mich als Europäer also sogar leichter. Der Nachteil ist, dass man auffällt wie ein bunter Hund – und zwar wirklich immer. Einfach mal eine Szene beobachten, das geht nicht.“

 

Wie kommen Sie bei indischen Schwiegermüttern an?

„Mit der anderen Hautfarbe und der entfernten Herkunft geht in der indischen Gesellschaft eine gewisse Faszination einher. Wer aus dem Westen kommt, wird vor allem als Sinnbild für Reichtum gesehen – egal ob das jetzt stimmt oder nicht. Deshalb zahlen Europäer bei Rikschafahrten gerne mal den dreifachen Preis. Damit muss man sich abfinden. Es sind ja auch nur kleine Beträge, 50 Cent.“ 

 

Wie sieht es in Indien mit der Pressefreiheit aus?

„Ich denke, dass da die Digitalisierung eine große Chance für Indien ist. Es gibt viele Online-Medien, die als Korrektiv gegen die etablierten Zeitungen wirken und sich in die Berichterstattung einschalten.“ 

 

Wie finden Sie Bollywood-Filme?

 

Integration durch Information Die russischstämmige Minderheit in Estland konsumiert überwiegend Medien aus Russland, Nachrichten über ihr Heimatland finden sie dort nur selten. Für Qualitätsjournalismus auf Russisch fehlt vor allen Dingen das Geld.

1991 erklärte Estland seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Heute ist noch knapp ein Drittel der estnischen Bevölkerung russischsprachig.

„The connection has timed out – the server is taking too long to respond“. Diese Nachricht erscheint am Morgen des 27. April 2007 auf Tausenden von privaten Bildschirmen in Estland. Das Land, das beim Thema Digitalisierung weltweit als Vorreiter und zukunftsweisend gilt, war das Ziel eines Hackerangriffs geworden, der große Teile der digitalen Infrastruktur lahmlegte. Webseiten von Banken, Zeitungen und der Regierung sowie die Notrufnummern waren nicht mehr erreichbar.

Der Hackerangriff vor fast zehn Jahren war eine Reaktion auf die Verlegung eines
sowjetischen Kriegerdenkmals für den Zweiten Weltkrieg, das im Zentrum Tallinns stand. Für die Esten bedeutete es eine Erinnerung an die sowjetische Besatzung, für die in Estland beheimatete russischstämmige Minderheit ein Symbol für die Befreiung von dem Nazi-Regime, das von 1941 bis 1944 in Estland herrschte. Begleitet wurde die Verlegung von wütenden Demonstrationen, die auch aufgrund übermäßiger Polizeigewalt zu einem Toten und über 100 Verletzten führten.
Der „Bronzene Soldat“ steht mittlerweile symbolisch für den Riss in der estnischen Gesellschaft, der sich zwischen der russischsprachigen Minderheit und dem Rest der Bevölkerung abzeichnet. Für fast ein Drittel der 1,3 Millionen Esten ist Russisch die Muttersprache. Besonders im Osten des Landes beherrschen große Teile der ethnischen Russen die einzige offizielle Amtssprache nur schlecht oder gar nicht. Laut dem Innenministerium des Landes besitzen über 80.000 Menschen, etwa 6,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, keine Staatszugehörigkeit – ein Problem, das fast ausschließlich die russischsprachige Minderheit betrifft. Teile der russischstämmigen Bevölkerung leben in einer Parallelgesellschaft, fühlen sich dem estnischen Staat nicht zugehörig – und bekommen kaum etwas von ihm mit. Es gibt russische Schulen, russische Läden und natürlich empfängt man russisches Fernsehen, liest russische Zeitungen.
Die Medien in der Vertrauenskrise
Diese Sprachbarriere stellt die Medienlandschaft des gemessen an der Einwohnerzahl viertkleinsten EU-Landes vor eine große Herausforderung. Den estnischen Medien begegnen große Teile der russischsprachigen Bevölkerung mit Skepsis. Lediglich 38 Prozent vertrauen laut einer Studie des Wissenschaftlers Peeter Vihalemm von 2012 estnischen
Nachrichtenportalen in russischer Sprache, das estnische Fernsehen erreicht hier sogar nur Werte von 25 Prozent. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Eesti Rahvusringhääling (ERR) versucht ab Mitte der Neunziger Jahre, diesem Problem mit Fernsehprogrammen auf Russisch zu begegnen, doch als die finanzielle Medienkrise auch nicht vor Estland Halt macht, wird bei den Kürzungen das Budget für die russischsprachigen Programme weitestgehend eingefroren.
Auch andere Versuche, die russische Minderheit mit Hilfe von traditionellen Medien in ihrer Muttersprache am öffentlichen politischen und gesellschaftlichen Diskurs in Estland partizipieren zu lassen, scheitern überwiegend an finanziellen Mitteln. Ein Versäumnis, findet Journalist Pavel Ivanov. Der 47-jährige Sohn eines Russen und einer Estin arbeitete im Zuge seiner bisherigen Berufslaufbahn bei verschiedenen russischsprachigen Medien. Er sieht in
seinem Fach den Mörtel, der die gespaltene estnische Gesellschaft wieder vereinen kann: “Russischer Journalismus in Estland ist die einzige Form von Journalismus auf der Welt, der den Russen in Estland erklärt, wie wir in Estland leben.” Lediglich ein Prozent der russischen Medieninhalte werden derzeit laut Ivanov tatsächlich auf Russisch produziert, was vor allem an der Struktur der Medienlandschaft liege: ”90 Prozent der russischsprachigen Medien sind im Besitz von Esten. Das heißt, der größte Teil des Budgets fließt in die estnischen Medien und nur ein kleiner Teil wird dazu benutzt, Medieninhalte zu kopieren und auf Russisch zu übersetzen.”
Neue Wege für den Journalismus
Doch wie so oft in der digitalen Vorreiter-Nation der EU scheint die Lösung dieser Problematik nur ein paar Mausklicks entfernt zu sein. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der russischsprachigen Online-Nachrichtenportale rasant zugenommen. Das Internet bietet die Möglichkeit, auch mit geringen finanziellen Mitteln für ein Nischenpublikum journalistische Inhalte produzieren und verbreiten zu können. Diese Entwicklung wird die Medienlandschaft in Estland in den kommenden Jahren wohl nachhaltig verändern. Auch die klassischen Medien interessieren sich wieder mehr für den russischstämmigen Teil der Bevölkerung. Ende 2015 startete der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit RTV+ den Versuch, einen Fernsehsender auf Russisch zu betreiben. Eines der Hauptziele sei es nach eigenen Angaben, auf Propaganda aus Russland zu reagieren.
Den russischsprachigen Esten wird in Zukunft der Zugang zu unabhängigem Journalismus in ihrer Muttersprache und somit auch die Teilhabe am öffentlichen Diskurs weiter erleichtert werden. Der estnischen Demokratie kann das nur guttun.

Viel mehr als Copy-Paste Der Journalist Pavel Ivanov hat im Laufe seiner Berufslaufbahn bereits für eine Vielzahl russischsprachiger Fernseh- und Hörfunkprogramme, Zeitungen und Online-Magazine in Estland gearbeitet. Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig sprach er über seine bisherigen Jobs, die Bedeutung einer bilingualen Medienlandschaft und die Social-Media-affine russischsprachige Minderheit.

Pavel Ivanov zuckt mit den Schultern. “Ich bin irgendwie ein Selfmade Man.“ Glück habe sicherlich auch eine Rolle gespielt, sagt er nüchtern. Der ernst dreinblickende 47-Jährige bezieht sich auf seinen schnellen Aufstieg in der estnischen Medienbranche. Sein Lebenslauf sollte sich nur schwerlich auf eine einzige DIN-A4 Seite komprimieren lassen. Vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen über Tageszeitung, Magazin, Rundfunk und Online – Ivanov, geboren in der Hauptstadt Tallinn, kreiert seit 1987
als Reporter, Moderator, Produzent und Redakteur journalistische Inhalte. Neben seinen wechselnden Aufgabengebieten konstant geblieben, ist die Sprache, auf der er publiziert. Als Sohn einer Estin und eines Russen ist er bilingual aufgewachsen und fühlt sich der russischsprachigen Minderheit zugehörig. Die macht rund ein Drittel der Bevölkerung aus und erklärt die hohe Nachfrage nach Berichterstattung auf Russisch, das bis zur Unabhängigkeit der kleinsten Ex-Sowjetrepublik als gleichberechtigte Amtssprache galt.
Von vor und hinter der Kamera auf die “andere Seite”
Als anfänglicher Reporter bei der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt ETV (seit 2007 ERR) wird Ivanov kurze Zeit später zum Moderator einer Nachrichtensendung, die er daran anknüpfend als Programmdirektor betreut. Nach nur fünf Jahren verlässt er das Fernsehen – für einen Perspektivwechsel, wie er es nennt. „Ich war noch so jung und hatte das Gefühl, genug vom Fernsehen zu haben. Ich wollte weiter.“
Nahtlos anschließend an seine kurze aber abwechslungsreiche Karriere als Fernsehjournalist beginnt er einen Job als Medienberater im Innenministerium: „Die Seite zu wechseln, war eine tolle Erfahrung.” Die eigene Sichtweise ändere sich, wenn man seiner vorherigen Profession plötzlich “gegenüberstehe”. “Das hat mir ein umfassenderes Bild des Journalismus’ in Estland vermittelt.“

EG / Foto-Zentrum Leipzig Pavel Ivanov war Teilnehmer der Estland-Paneldiskussionen zu den Themen „Digital Empowerment & Media“ sowie „Digital Empowerment & Society“.

 

Russischsprachiger Journalismus beinhaltet wichtige soziale Komponente
Ein Bild, das ihn wenig später, als er es als Chefredakteur eines russischen Programms auf ETV wieder mitprägt, ernüchtern wird. Die finanzielle Situation im Sender sei zur
Jahrtausendwende nicht besonders gut gewesen, so Ivanov. Die Einschnitte hätten auch das russischsprachige Programm im Speziellen getroffen: „Den russischsprachigen Medien in Estland wird ein signifikant kleineres Budget zugeschrieben als den estnischen Medien.“ Was dazu führe, dass Erstere oftmals eine Art Copy-Paste-Produkt der Letzteren darstellen, bemängelt er. Dabei seien sie so viel mehr: Insbesondere der russischsprachige Journalismus
in Estland habe eine wichtige soziale Komponente: „Die ethnischen Russen lernen auch durch die Medien, sich in Estland zurechtzufinden.“ Darüber hinaus ermögliche er kritische Berichterstattung über das Nachbarland. „Anders als in Russland ist unsere Presse frei. Wir können schreiben, was und worüber wir wollen.“ Was wiederum nicht bedeute, dass russische Medien nicht konsumiert würden. Die russischsprachige Minderheit im Land sei mit einer um ein Vielfaches größeren Medienlandschaft aufgewachsen. Auch bescheinigt er ihr mehr Aktivität auf sozialen Netzwerken als der estnischen Bevölkerung. Als Grund nennt er die verschiedenen Mentalitäten: „Russen sind vielleicht etwas offener. Ihnen liegt mehr daran, eine Gemeinschaft im Netz zu bilden.“
Nach Redakteursstellen im Hörfunk und Onlinebereich arbeitet Ivanov mittlerweile branchenübergreifend als Freelancer – festlegen will er sich vorerst nicht.