Good Guy vs. Bad Guy Wer produziert fairer: Billig-Discounter KiK oder das Öko-Label hessnatur? Eine Podiumsdiskussion mit Überraschungen.

Leipzig – Bildkorrekturen 2017. Für viele Teilnehmer der Tagung zum Thema Fair Fashion waren es diese Minuten, in denen sich die meisten Bilder korrigiert haben: Die Kurzvorträge mit einer anschließenden Diskussion zwischen KiK und hessnatur, zwei in der Modebranche tätige Unternehmen, wie sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite der Billig-Discounter, der seinen Kunden ein komplettes Outfit für unter 30 Euro verspricht. Demgegenüber steht hessnatur, ein Naturtextilien-Versandhaus, das mit Mode aus fairem Handel und nachhaltigen, natürlichen Stoffen wirbt. Wer hier die Rolle des Bösewichts einnimmt scheint im ersten Moment jedem auf der Hand zu liegen. Dass am Ende aber nicht das Öko-Label hessnatur, sondern der Billigproduzent überzeugte, überraschte die meisten.

KiK und Hess Natur im Vergleich:

  • KiK
  • Mitarbeiter
  • Anzahl Shops
  • Umsatz
  • größte Produktionsländer
  • KiK
  • 25.000
  • 3.500
  • 1,95 Mrd. € (2016)
  • China, Bangladesch, Pakistan
  • Hess Natur
  • 370
  • 6
  • 66 Mio. € (2015)
  • China, Bangladesch, Rumänien

Billigpreise und Nachhaltigkeit Hand in Hand?

Ins Rennen wurde seitens von KiK Ansgar Lohmann geschickt, der die CSR-Abteilung (Corporate Social Responsibility) des Unternehmens leitet und damit die Verantwortung für alle sozialen und nachhaltigen Belange des Unternehmens trägt. In einer 30-minütigen Präsentation stellte er den Teilnehmern die von KiK gefahrene Strategie in diesem Bereich vor. Klar wird dabei sofort, dass hier ein absoluter Profi spricht, der weiß was er sagen darf, kann und muss. Im Fokus standen natürlich die Maßnahmen der Textilfirma, die zu einer Verbesserung der ökologischen und sozialen Faktoren bei der Produktion ihrer Güter führen sollen. Oder bereits führen? Sicher ist nach dem Vortrag: KiK scheint stark bemüht zu sein, dem Ruf entgegenzuwirken, auf Kosten von Menschen aus der dritten Welt Billigklamotten zu produzieren.

Ansgar Lohmann, Leiter CSR KiK (Bildrechte: Engagement Global/ Bodo Tiedemann)

„Die Kernfrage ist doch: Wie kann es möglich sein, dass günstige Preise und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen können?“, bringt Lohmann es gleich zu Beginn auf den Punkt. „Was ich hier betonen möchte ist, dass KiK kein Fast-Fashion-Händler ist“. Dieser Begriff ist insofern wichtig, als dass er beschreibt, dass KiK alle paar Wochen eine neue Kollektion auf den Markt bringe. Stattdessen würden 70 Prozent des Sortiments aus sogenannten „Never-out-of-Stock“-Artikeln bestehen, also Basics, die es das ganze Jahr über zu kaufen gibt. Dies mache es dem Unternehmen möglich bei den Fabriken sehr große Mengen einzukaufen, langfristigere Verträge abzuschließen und ihnen acht bis zehn Monate Zeit für die Produktion zu geben – zum Vergleich: bei Fast-Fashion-Labels wie H&M, Zara und Co läge die übliche Zeitspanne laut Lohmann zwischen vier und sechs Wochen.

 

Wie kann ein T-Shirt so günstig sein?

Dass derart günstige Preise zustande kommen, sei letztendlich ein Zwischenspiel von verschiedenen Faktoren und auf keinen Fall alleine vom Preis des Produktes abhängig. Zum einen sind die KiK-Filialen an vergleichsweise günstigen Standorten positioniert. Sie befinden sich nie in den Haupteinkaufsstraßen, aber dennoch an Orten mit hoher Kundenfrequenz. Auch beim Marketing spart der Discounter, indem er ein sehr geringes Budget für Werbung aufwendet. Die direkte Kommunikation und Verhandlungen mit den Fabriken vor Ort, ohne eine Zwischeninstanz, spare ebenfalls hohe Kosten ein. Zudem werden laut Lohnmann 99 Prozent der Ware über den Seeweg transportiert – das sei günstiger und zudem umweltfreundlicher.

„Am Ende des Tages sind es wir, aus den westlichen Ländern, die dafür sorgen müssen, dass Standards eingehalten weden.“

Nach dem tragischen Einsturz der Rana-Plaza Fabrik in Bangladesch von 2013, in der auch KiK Ware produzierte, stand das Unternehmen in der Bringschuld ernste Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen vor Ort zu ergreifen. 25 Angestellte kümmern sich nicht zuletzt aus diesem Grund aktuell im CSR Bereich des Unternehmens um Audits, soziale Projekte, Multi-Stakeholder-Beziehungen, Umweltmanagement und regelmäßige Besuche in den Fabriken vor Ort. Bei der CSR-Strategie orientiere man sich laut Lohmann insbesondere an den UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte: „Protect, Respect and Remedy“. Auch als Mitglied des „Bündnis für nachhaltige Textilien“ steht KiK in der Verantwortung sich für faire Bezahlungen und nachhaltige Produktion zu engagieren: „Am Ende des Tages sind es wir, aus den westlichen Ländern, die dafür sorgen müssen, dass Standards eingehalten werden. Es ist eine Schande, dass sich die Regierungen vor Ort nicht für die Sicherheit ihrer Bürger einsetzen“, so Lohmann.

Wer legt die Messlatte höher?

Ansgar Lohmann und Sven Bergmann bei der Diskussion (Bildrechte: Pia Schönfeld)

Klingt alles erst einmal gar nicht so übel für einen Fashion-Discounter. Also wie sieht das Ganze seitens von hessnatur aus? Für das Öko-Label war stellvertretend deren Pressesprecher Sven Bergmann auf der Bildkorrekturen-Tagung, der deutlich zurückhaltender in seinem Auftreten war als sein Konkurrent. In seiner Präsentation überzeugt er in Punkto Fair Fashion zunächst mit Fakten zum Unternehmen: hessnatur ist Pionier in der Produktion von nachhaltigen Klamotten, sie waren das erste Unternehmen weltweit, das Bio-Baumwolle zur Produktion verwendet hat, außerdem ist das Label als erstes Mitglied in das Textilbündnis eingetreten. Zudem engagiere man sich in Ländern wie Bangladesch mit sozialen und nachhaltigen Projekten. Untermauert wird diese Aussage auch auf der Unternehmenswebsite sowie in externen Quellen und Berichten zu hessnatur.

Das Unternehmen zeigt hohe Transparenz in Bezug auf die einzelnen Produktionsschritte. So sind beispielsweise auf der Website von hessnatur auf einer interaktiven Weltkarte Informationen zu Produkten und zur Herstellung in den einzelnen Kontinenten, oder der Weg eines T-Shirts nachzuvollziehen. Detailreiche Beschreibungen von Projekten, Sozialstandards, wie die Bezahlung eines existenzsichernden Lohns und Materialien sind ebenfalls zu finden und auch externe Berichte lassen keinen Aufschluss darüber zu, dass das Label nicht so nachhaltig wirtschaftet, wie es selbst behauptet.

 

„Ich glaube, Sie halten hier gerade nur das Bild des „Good Guy“ aufrecht, was soweit ich informiert bin immer weniger damit zu tun hat, was Sie wirklich tun.“

Nach den beiden Einführungspräsentationen zu den beiden Unternehmen ist die Diskussionsrunde eröffnet – und damit auch das Feuer gegen den Vertreter von KiK. Ansgar Lohmann muss seinen Arbeitergeber aufgrund kritischer Nachfragen verteidigen, hat jedoch für alles eine schlüssige Antwort, die wichtigsten Zahlen parat und lässt sich nicht in die Ecke treiben – ein professioneller Auftritt. Für Bergmann von hessnatur ist es zunächst entspannt, denn der Bösewicht ist hier nicht er.

Für ihn wird es erst ungemütlich, als sich Dr. Bettina Musiolek, eine Vertreterin der NGO Clean Clothes Campaign, zu Wort meldet: „Ich habe eine Frage an Sie Herr Bergmann. Ich muss sagen, dass Ihre Aktivitäten im Bereich CSR in den letzten zwölf Jahren eher zurückgegangen als angestiegen sind. Ich glaube, Sie halten hier gerade nur das Bild des „Good Guy“ aufrecht, was soweit ich informiert bin immer weniger mit dem zu tun hat, was Sie wirklich tun.“ Als Antwort weist Bergmann zunächst wieder auf die sozialen Projekte des Unternehmens hin, muss sich auf weitere Nachfragen hin jedoch auch der Frage nach einem fairen Lohn stellen und gesteht: „Wir sind noch nicht so weit, dass wir allen Arbeitern in unserer Produktionskette einen „Living-Wage“ zahlen können“. Kurzer Rückblick: Auf der Unternehmenswebsite wird genau mit der Gewährleistung dieses Sozialstandards, dem „payment of a living wage“, geworben.

Was unterscheidet also am Ende des Tages das Öko-Label hessnatur vom Billig-Discounter KiK? Einen Lohn der zum Leben reicht kann keiner von beiden garantieren. Keiner der beiden will sich mit dem Begriff von Fast Fashion identifizieren. Soziale Projekte gibt es ebenfalls auf beiden Seiten. Sicherlich ist hessnatur dem Billig-Discounter KiK in Bezug auf Nachhaltigkeit und Sozialstandards um einiges voraus. Die Bemühungen scheinen jedoch seitens des vermeintlichen „Bösewichts“ aktuell größer zu sein. Möglich ist jedoch auch, dass der Auftritt des Sprechers von KiK am Ende einfach mehr überzeugt hat, als der des hessnatur-Vertreters. Fest steht zumindest, dass sich ein Bild korrigiert hat: Vielleicht sind die vermeintlich Bösen gar nicht so böse und die Guten gar nicht so gut sind wie sie scheinen.

Stimmen zur Konferenz

Du bist, was Du isst – aber was Du trägst ist egal? Im Gegensatz zur Lebensmittelindustrie ist Nachhaltigkeit in der Textil- und Modebranche immer noch immer noch ein Randgruppenthema. 2016 haben Textilien im fairen Handel nur sechs Prozent des Umsatzes ausgemacht, Kaffee, Lebensmittel und Südfrüchte hingegen insgesamt 82 Prozent. Wie stehen die Teilnehmer*Innen der Bildkorrekturen 2017 zum Thema Fair Fahion? Inga Mohwinkel und Pia Schönfeld haben Einstellungen, Erwartungen und Bildkorrekturen eingefangen.

 

Im Gespräch mit Ellen Köhrer

Für sie ist Grün das neue Schwarz – die Journalistin, Autorin und Bloggerin Ellen Köhrer. Wie ist sie zum Thema Fair Fashion gekommen? Und welche Möglichkeiten gibt es für uns Verbraucher, faire Mode zu erwerben? Dies und vieles mehr haben wir Ellen Köhrer während der Konferenz gefragt.

Der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza 2013: Mit 1135 Toten das schlimmste Unglück in der Geschichte Bangladeschs. Ellen Köhrer hatte 2012 selbst vor Ort eine Textilfabrik besucht und dabei die Arbeitsbedingungen hautnah miterlebt. Wir haben nachgefragt, was sie bei diesem Besuch empfunden hat….

Woher kommt meine Kleidung? Auf Nachfrage können selbst die Modehändler nicht beantworten, woher ihre Ware kommt und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wird. Welche Tipps gibt Ellen Köhrer uns mit auf den Weg zum fairen Shoppen?

Über Ellen Köhrer

Geboren in Stuttgart, absolvierte Ellen Köhrer ihr Diplom in Journalistik und Betriebswirtschaft. Heute ist sie unter anderem für zahlreiche und namhafte Kunden, darunter NGOs, Stiftungen sowie Print- und Onlinemedien (Taz, Welt, Frankfurter Rundschau, GEOlino u. v. a.) tätig.

Am Herzen liegen der freien Journalistin, Autorin und Bloggerin dabei besonders Themen rund um die Mode- und Textilindustrie sowie Aspekte der Nachhaltigkeit und Entwicklungspolitik. Als einschneidendes Erlebnis in ihrer über 20-jährigen beruflichen Laufbahn, beschreibt Ellen Köhrer ihren Aufenthalt in Bangladesch. Hier besuchte sie nicht nur eine Textilfabrik, sondern interviewte darüber hinaus Gründer von Sozialunternehmen der Modebranche, um neben den Schattenseiten der Modeproduktion, gelungene Konzepte aufzuzeigen.

In den Jahren darauf folgte unter anderem ihr Blog Grün ist das neue Schwarz sowie die Veröffentlichung ihres Buches „Fashion Made Fair – Modern. Innovativ. Nachhaltig“ mit Magdalena Schaffrin (Prestel Verlag). Dieses stellt unter anderem Modemarken vor, die ihre Mode nachhaltig produzieren.

Aktuell lebt und arbeitet Ellen Köhrer in Berlin, wo es zahlreiche Modeläden gibt, die schönes Design und faire, nachhaltige Produktionsbedingungen vereinen.

 

 

 

 

Woher kommt meine Kleidung? Nachhaltigkeit in der Modeindustrie - Ein weiter Weg

Nur etwa fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Textilien wurden hier produziert. Stellt sich die Frage: Wo genau kommt mein Lieblingsteil her? Und ist es für den Verbraucher möglich, den Weg seiner Kleidung zurückzuverfolgen?

Vom Rohstoff, zur Verarbeitung und Veredelung und schließlich in die Läden ist es ein weiter Weg. Hinter jedem Kleidungsstück stecken viele einzelne Produktionsschritte, die meist in unterschiedlichen Ländern erfolgen. So kann die Jeans bis zu 20.000km zurücklegen, bevor sie im Kleiderschrank landet. Die Komplexität der Lieferkette macht es jedoch schwierig, den Weg der Kleidung nachzuvollziehen.

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Quelle: Rick Cheadle | CC0 1.0 / pixabay.com
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USA: Anbau und Ernte der Baumwolle

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Türkei: Die Baumwolle wird in Spinnereien zu Garn gesponnen.

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Taiwan: Aus dem Baumwollgarn wird in den Webereien der Jeansstoff hergestellt.

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Polen: Produktion der chemischen Indigofarbe, die zum Einfärben des Jeansstoffes benötigt wird

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Tunesien: Einfärben des Jeansstoffs mit der Indigofarbe

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Bulgarien: Veredelung des Jeansstoffs, sodass dieser weich und knitterarm wird

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China: Hier wird die Jeans zusammengenäht

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Frankreich: Die Jeans bekommt ihren letzten Schliff, indem sie bspw. mit Bimsstein aus Griechenland gewaschen wird, wodurch der „Stone-washed-Effekt“ entsteht.

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Deutschland: Verkauf der fertigen Jeans

Quelle: Rick Cheadle | CC0 1.0 / pixabay.com

Quelle: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26972

Quelle: Public Domain| https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26972

 

Woher stammt das verwendete Material?

Baumwolle gehört zu den weltweit am häufigsten genutzten Rohstoffen in der Textilindustrie. Zu den größten Produzenten für Baumwolle zählen China mit 30 Prozent, Indien mit 20 Prozent und die Vereinigten Staaten mit 15 Prozent des weltweiten Baumwollanbaus.

Wo genau die Baumwolle herkommt, die für ein Kleidungsstück Verwendung fand, wird jedoch nur in Ausnahmefällen angegeben. Nämlich dann, wenn es sich um einen „ökologisch sicheren“ Anbau handelt. Der Blick auf das Etikett gibt dem Verbraucher diesbezüglich also nur selten Auskunft.

Die Produktionsländer der Textilindustrie

„Made in Bangladesch“, „Made in Kambodscha“ oder „Made in China“ – um Verbrauchern möglichst preiswerte Ware zu liefern, führt der Kampf um die günstigsten Produktionskosten die Hersteller in Billiglohnländer, in denen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen vorherrschen.  Ein Großteil der Textilien wird somit im asiatischen Raum produziert.  Doch auch „Made in Europe“ ist kein Garant für faire Arbeitsbedingungen: Besonders in rumänischen, albanischen und türkischen Textilfabriken arbeiten die Menschen für Löhne unterhalb des Existenzminimums. Wer glaubt, nur Anbieter günstiger Textilprodukte lassen ihre Ware in Billiglohnländern herstellen, täuscht sich! Oftmals nutzen Luxusmarken dieselben Textilfabriken wie die Discounter. So garantieren auch hohe Preise oder Markennamen nicht zwangsläufig faire Herstellungsbedingungen.

Als sichere Herkunftsländer können beispielsweise Schweden oder die Niederlande eingestuft werden, wo inzwischen zumindest ein Bruchteil der H&M-Ware hergestellt wird.

Nachgefragt: Wo kommt meine Kleidung her?

Mir war aufgefallen, dass sich auf dem Etikett meines neuen C&A-Kleides lediglich Informationen über die Materialzusammensetzung (v.a. Polyester als die am häufigsten genutzte Kunstfaserart in der Textilverarbeitung) und Pflegehinweise zu finden sind.  Ein Produktionsland ist nicht angegeben. Grund genug sich einmal zu erkundigen!

Ich bei C&A – einem der umsatzstärksten Unternehmen des deutschen Textilhandels – nachgefragt. Dass Verbraucher nur schwer Informationen bezüglich der Produktionsorte der Kleidungsstücke erhalten, erstaunte mich nicht. In den Geschäften selbst wird man zunächst zum Store-Manager geschickt, der keine verlässliche Auskunft geben kann. Mein Gespräch mit dem Leiter einer C&A-Filliale stellt sich als enttäuschend heraus: Nach dem Verweis auf die „allgemein hohen Qualitätsstandards“ folgt lediglich der Tipp, sich auf der Webseite genauere Informationen einzuholen.

„Wear the change“ – Große Versprechen auf den Webseiten und Ungewissheit der Kunden

Die Online-Auftritte der Textilunternehmen strotzen vor Beiträgen zum Thema Nachhaltigkeit. Entsprechende Kampagnen sind geschickt platziert. „Wear the change“ heißt es bei C&A, um für die neue Kollektion zu werben, die durch nachhaltige Materialien wie Bio-Baumwolle oder recycelte Stoffe, einen Wechsel markieren und somit neue Kunden locken soll. Desweiteren findet sich auf der Internetseite von C&A eine Rubrik, die sich dem Thema Nachhaltigkeit widmet. Informationen, wie das Unternehmen faire Produktionsbedingungen und ökologische Nachhaltigkeit fördert, werden hier zur Verfügung gestellt. Ebenso findet sich eine Übersicht über die weltweiten Lieferanten. Es entsteht der Eindruck, dass der Textilriese auf ökologisch und sozial faire Produkte Wert legt und darüber hinaus bemüht ist, die Lieferkette transparent zu gestalten.

Rückschlüsse darüber, wo genau mein Kleid nun herkommt, finden sich auf der Internetseite natürlich nicht. Die letzte Möglichkeit, nähere Informationen zu erhalten, besteht also darin, sich direkt an den Kundenservice zu wenden. Und tatsächlich bekomme ich nach einigen Tagen eine ausführliche Antwort des C&A-Kundenservices.  Jedoch ausschließlich mit den Informationen, die auf der Internetseite präsentiert werden.

Alle Bio-Baumwoll-Produkte sind entweder nach OCS oder GOTS zertifiziert. Aber woher stammt die übrige Baumwolle, die immerhin den größeren Anteil ausmacht? Das bleibt (zumindest für mich) ungewiss.

Der Vermerk, dass die Kennzeichnung  mit einem ‚country of origin‘ generell problematisch ist, da ein Artikel sowohl von unterschiedlichen Lieferanten als auch aus unterschiedlichen Ländern bezogen werden kann, soll mich vertrösten.

Für mich bleibt die Herkunft meines Kleides letztlich unklar.

Kleine Schritte auf einem weiten Weg

Beim Blick auf die Modebranche, wird ersichtlich, dass die Textilunternehmen längst unter Zwang stehen, „faire“ Kampagnen ins Leben zu rufen. So erscheint beispielsweise der neue Katalog des schwedischen Konzerns H&M auf Recycling-Papier und auch bei den Textilien wird mehr und mehr auf nachhaltige Materialen zurückgegriffen. Doch das sind nur kleine Schritte. Und ein Teil der Verantwortung liegt auch bei den Verbrauchern, die durch ihr Kaufverhalten den Markt mitbestimmen!

Warum kaufen wir eigentlich so viel?

Durchschnittlich kaufen die Deutschen zwischen 40 und 70 Kleidungsstücke pro Jahr. Das sind pro Kopf circa zwölf Kilogramm Kleidung jährlich. Damit ist Deutschland zusammen mit den USA und der Schweiz an der Weltspitze des Klamottenkonsums.

Klar, es geht darum, jedem Trend zu folgen. Angetrieben von sozialen Medien, wie Instagram oder den zahlreichen Modeblogs, verbreiten sich die Trends im Eiltempo – und verschwinden ebenso schnell wieder. Um der Nachfrage hinterher zu kommen, bringen große Textilunternehmen, wie H&M oder Zara, im Wochenrhythmus neue Kollektionen auf den Markt.

Das Bedürfnis, jedem Trend zu folgen, hat zur Konsequenz, dass Kurzlebigkeit den Kleiderschrank bestimmt. Doch machen einen die vielen Sachen am Ende glücklicher? Sicher, Mode kann unser Selbstbewusstsein beflügeln.Wer sich in seiner Kleidung wohlfühlt, ist selbstsicherer und strahlt dies meist auch auf Andere aus. Doch machen Kleider wirklich Leute? Fest steht: Leute machen Kleider! Und das leider zumeist für Hungerlöhne unter widrigen Arbeitsbedingungen. Zeit also das Kaufverhalten zumindest zu überdenken…

 

Welche Alternativen gibt es?

Mode sollte nicht zum Wegwerfartikel verkommen. Warum also die Lieblingshose nicht reparieren, wenn eine Naht aufgeht? Oder warum den Pullover, den man nicht mehr mag, nicht einfach tauschen?

Indem man Kleidung auf Online-Plattformen, in Secondhand-Läden oder auf Flohmärkten verkauft, kann aus den Teilen, die ungenutzt im Kleiderschrank liegen, Geld gemacht werden.

Wie können Verbraucher aktiv werden?

Die Clean Clothes Campaign setzt sich seit 1989 für die Rechte der Arbeiter und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der internationalen Textilindustrie ein. Die Organisation fordert Verbraucher auf, nachzufragen, unter welchen Arbeitsbedingungen die Textilien hergestellt wurden. Indem Käufer, die Shopkarte“ der Clean Clothes Campaign im Geschäft abgeben, kann das Interesse an fairen Kleidungsstücken signalisiert und somit Druck auf die Modeunternehmen ausgeübt werden.

Welche Textilsiegel gibt es?

Aus welchem Material ist mein Kleidungsstück? Wie wurden die notwendigen Rohstoffe angebaut und verarbeitet?  Unter welchen Arbeitsbedingungen wurde die Kleidung produziert?

Konsumenten, die auf soziale, ökonomische sowie ökologische Nachhaltigkeit der Kleidungsstücke achten wollen, sehen sich mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. So gibt es eine Reihe von Gütesiegeln, die sich zumeist jedoch nur auf einen Aspekt der Produktion beziehen. Beispielsweise stellen Siegel wie Global Organic Textile Standards (GOTS), EU Ecolabel oder bluesign sicher, dass es sich um kontrollierten ökologischen Anbau handelt und weder Pestizide noch gentechnisch-verarbeitete Pflanzen genutzt wurden. Während das Fair Trade Siegel Baumwolle bezeichnet, die zu fairen Preisen gehandelt wird und somit faire Löhne für Plantagenarbeiter fördert, bietet die Fair Wear Foundation (FWF) ein Zertifikat für soziale gerechte Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken.

Hilfreich, um im Dschungel der Gütesiegel nicht den Überblick zu verlieren, ist der „Label-Check“  der Clean Clothes Campaign sowie der Ratgeber „Textil-Label unter der Detox-Lupe“ von Greenpeace.

 

 

 

 

 

 

 

 

Kleidung aus dem Container

Textilrecycler Martin Wittmann (M.) diskutiert mit Designerin Juliet Namujju (l.) und Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute. (Quelle: Engagement Global/Bodo Tiedemann).

Man begegnet ihnen in den kuriosen Meldungen, wenn die Feuerwehr Eingeschlossene befreien muss. Doch Altkleider-Container stehen für ein Geschäftsmodell, von dem niemand wirklich weiß, ob es überhaupt richtig ist.

Es sind wohl die liebsten Container der Deutschen gleich nach den Altglas-Sammelbehältern: Altkleider-Container. Am Bahnhof, auf dem Supermarkt-Parkplatz, am kleinen Wertstoffhof – kaum eine Gemeinde in Deutschland ist ohne die metallenen Sammelboxen für gebrauchte Textilien. Die nackten Zahlen sind erst einmal beeindruckend: 800 000 bis eine Million Tonnen an Altkleidern werden in Deutschland jedes Jahr in solche Container geworfen, darin sind sich alle Schätzungen einig. Das heißt, jeder Deutsche lässt im Schnitt zehn bis zwölf Kilo jährlich im dunklen Schlitz verschwinden. Als Spende. Geld bekommt er dafür keines.

Die Altkleider-Branche

Für rund 5000 solcher Kleidercontainer ist Martin Wittmann in letzter Instanz zuständig. Er ist Geschäftsführer einer Firma aus Niederbayern. Das Geschäftsmodell: Die Container werden aufgestellt und entleert, die Textilien weiterverkauft. In Deutschland gehört die Lorenz Wittmann GmbH zu den Top 5 in der Branche. Außerdem ist Martin Wittmann der oberste Repräsentant der Branche, im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung ist er Vizepräsident, als Vorsitzender des Fachverbandes Textilrecycling spricht er für 130 Firmen. Sein eigenes Unternehmen sammelt die Klamotten und verkauft sie dann an große Sortierunternehmen, welche die Ware aufteilen. Circa die Hälfte der Sammlungen wird tatsächlich wieder getragen, besonders gut erhaltene Stücke gehen an Secondhand-Läden in wohlhabende europäische Länder. Der weitaus größere Teil wird aber nach Osteuropa, den Mittleren Osten und Afrika verkauft. Die zweite Hälfte einer Altkleider-Sammlung wird größtenteils ebenfalls wiederverwertet, aber sie landet nicht im Schrank: Putzlappen und Dämmmaterialien für die Industrie entstehen aus diesem Recycling-Prozess. Zehn Prozent der Sammlungen werden letztendlich entsorgt, sie haben zu schlechte Qualität um noch einmal verarbeitet zu werden.

Neben kommerziellen Unternehmen fungieren auch Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz oder die Johanniter oft als Aufsteller von Altkleider-Containern, in der öffentlichen Wahrnehmung sind sie allerdings stärker vertreten, als sie tatsächlich sind. Sie verwenden die Erlöse aus dem Verkauf der Kleider für ihre Arbeit. „Deine Spende hilft uns, zu helfen“, solche oder ähnliche Slogans stehen auf den Containern. Damit kann man ja eigentlich nichts falsch machen, dürfte sich der sozial- und umweltbewusste Bürger denken, wenn er seine alte Winterjacke im Container entsorgt. Sie wird recycelt und im besten Fall hat man auch noch eine milde Gabe gespendet. Er liefert den Rohstoff für eine ganze Branche kostenlos. Klappe auf, Klamotten einwerfen, gutes Gewissen garantiert. Aber ist es wirklich so einfach?

Job-Vernichtung durch Altkleider? – „Das ist einfach nicht wahr.“

Das Narrativ in den Medien zeichnete im Gegensatz dazu vor allem in den 90er-Jahren ein sehr negatives Bild. Damals stieg die Zahl der Altkleider-Container stark an. Auch die Firma von Martin Wittmann wechselte in dieser Zeit auf das Geschäftsmodell, zuvor war das Unternehmen vor allem im Entsorgungsbereich tätig. Früher gingen die Deutschen anders mit ihren Altkleidern um, erklärt Wittmann. Die Entsorgung zur Wiederverwertung lief über Straßensammlungen in den Kommunen. Sportverein oder die Kirchengemeinde holten die Kleidersäcke ab. Doch wie so vieles, hat sich die Altkleider-Verwertung nun zunehmend individualisiert. Doch was für den europäischen Konsumenten vielleicht bequemer wurde, wurde gleichzeitig scharf kritisiert: Die Altkleider aus Europa würden vor allem in Afrika die dortige heimische Textilindustrie vernichten. Die dortige Bevölkerung greife lieber auf billige Klamotten aus zweiter Hand zurück, deswegen kollabiere dieser wichtige Wirtschaftszweig.

Es ist eine Kritik, die schwierig zu überprüfen ist. Wirklich verlässliche Zahlen sind schwer zu recherchieren. Fakt ist, viele Menschen in den ärmeren afrikanischen Ländern tragen importierte Kleidung. Fakt ist auch, die Kritik ist immer noch in den Köpfen der Menschen präsent und wird auch immer noch vorgetragen. Auch auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig zum Thema „Fashion & Development“ ist sie ein zentraler Punkt, um den eine Diskussion zum Thema Recycling kreist. Friederike Wedel-Parlow, Gründerin des Beneficial Design Institute, sagt etwa, in Kenia seien von ehemals 500 000 Arbeitsplätzen in der Textil-Industrie nur noch zehn Prozent übrig.

Die Kritik sei veraltet, monieren andere Experten und die Container-Branche selbst. Mittlerweile seien nicht die gebrauchten europäischen Kleider, sondern spottbillige asiatische Neuware das Problem für die Textilindustrie in Afrika. Viele Berichte und Geschichten über die Thematik betonen mittlerweile die positiven Aspekte der Containerladungen, welche in Richtung Süden gehen. Auch Martin Wittmann, der in der Diskussion zwangsläufig in die Rolle des Verteidigers gedrängt wird, sagt zum Niedergang der afrikanischen Kleiderproduktion: „Wir hören oft, dass wir daran schuld seien. Das ist einfach nicht wahr.“ Statt den Verlust von Jobs zu verursachen, generiere man mit den Altkleidern neue Arbeitsplätze: Kleinhändler, welche Kleidung an- und verkaufen oder die Weiterverarbeitung der Altkleider sind die Beispiele, welche oft genannt werden.

Kommunalisierung und Trittbrettfahrer

Unabhängig von den Auswirkungen in anderen Teilen der Erde: Die gesamte Branche der Altkleider-Container wächst. Vor allem die Kommunen haben das Geschäft für sich entdeckt. Sie wollen nicht mehr nur Aufstellungsgenehmigungen ausgeben, sie mischen mittlerweile selbst mit. Die Stadt München betreibt zum Beispiel seit 2012 in Eigenregie ein kommunales Sammelsystem. Wobei „Eigenregie“ nicht ganz den Kern trifft: Die Arbeit selbst, das Ausleeren und Verwerten übernimmt ein Vertragspartner, ein kommerzielles Unternehmen. Die bayerische Landeshauptstadt schielt vor allem auf den finanziellen Aspekt. 4500 Tonnen Altkleider pro Jahr sollen zusammenkommen, pro Tonne rechnet man mit 350 Euro Erlös – macht gut 1,5 Millionen Euro für das Stadtsäckel pro Jahr laut Rechnung für 2017. Der Trend zur „Kommunalisierung“ werde sich fortsetzen, erwartet Martin Wittmann. Denn die Behörden von Gemeinden, Städten und Landkreisen haben eben entdeckt, dass sich mit diesem System Geld verdienen lässt. Und sie haben einen entscheidenden Vorteil auf ihrer Seite. Sie vergeben die Genehmigungen für das Aufstellen der Container auf öffentlichem Grund. Bei kommerziellen Unternehmen können sie eine solche verweigern. Schließt die öffentliche Hand einen Vertrag mit einem bestimmten Unternehmen, dann kann dieses natürlich bevorzugt werden. Die Firma von Martin Wittmann hat zum Beispiel seit 2009 einen Vertrag mit dem Landkreis Erding. Altkleider-Container im Erdinger Land sind demzufolge fest in Wittmann-Hand. Ein Umstand, den vor allem die Hilfsorganisationen beklagen. Waren sie früher weit vertreten, so haben sie jetzt im Landkreis Erding fast keine Container mehr stehen, nur noch auf ihren Privatgrundstücken.

Wo Geld zu holen ist, da sind auch die schwarzen Schafe nicht weit. Container, die einfach ohne Genehmigung aufgestellt werden, in der Hoffnung, dass die normalen Bürger den Unterschied nicht bemerken. Für die seriösen Unternehmen ein „Thema, das uns schwer belastet“, wie Martin Wittmann sagt. Allein eine einzige kriminelle Organisation habe 15 bis 20 000 Altkleider-Container in Deutschland platziert, sagt Wittmann. Erkennen könne man die illegal aufgestellten Container daran, dass keinerlei Kontaktdaten oder Firmennamen aufgebracht seien.

Neben der illegalen Konkurrenz springt nun aber auch der Einzelhandel auf das Thema Altkleider an. Große Modeketten, H & M ist das bekannteste Beispiel, stellen Sammelboxen in ihren Filialen auf. Die Kunden können ihre gebrauchten Klamotten dort zurückgeben. Martin Wittmann sieht darin eher ein Marketinginstrument, und er ist beileibe nicht der einzige Experte, der dahinter Greenwashing vermutet. Wirkliche Nebenbuhler für seine Branche sieht er hier aber nicht heranwachsen: „Wir sind der Meinung, dass das nicht den großen Erfolg haben wird.“ Die großen Mengen würden weiterhin über Container abgewickelt. Grund: Kein Kunde habe große Lust, mit einem Altkleidersack in die Innenstadt-Filialen der Modehäuser zu fahren.

Recyling oder Konsumreduzierung?

Für jeden, der die Container weiterhin nutzt, bleibt trotzdem die Ungewissheit: Wie viel Gutes tue ich damit? Unabhängig von der moralischen Frage fordern mittlerweile viele Experten ein Umdenken beim Konsum von Kleidung: Entscheidend sei gar nicht, ob man recycelt oder nicht, schädlich sei vor allem die schiere Menge an Klamotten, die der globale Norden konsumiert. „Wir sollten lieber die gesamte Produktion, von der Recycling ein Teil ist, verringern“, sagt zum Beispiel der prominente Designer Ed van Hinte auf der Bildkorrekturen-Konferenz. Es ist die Frage nach dem Guten im Schlechten. Wenn die Kleidung sowieso vorhanden ist, dann ist es per se wohl besser, sie zu spenden, als sie zu entsorgen. Für Martin Wittmann ist das Motto vom „Weniger konsumieren“ aber auch kein Widerspruch zur Geschäftsphilosophie seiner Branche. „Lieber mehr Klasse als Masse“ habe er bei seinen Altkleider-Sammlungen, erklärt er. Ein Grund dafür ist, dass die Fasergemische von Billigkleidung schwieriger zu recyclen sind. Außerdem ist minderwertige Ware natürlich kurzlebiger, das bedeutet, mehr Müll landet in den Containern. „Fast Fashion führt zu einem Qualitätsabfall“, sagt Wittmann.

Brauch ich das? – Raus aus der Verbraucherfalle Von Viktoria Hausmann

Jede Frau kennt dieses Problem. Wir stehen vor einem Schrank voller Sachen und haben nichts anzuziehen. Immer! Kaum muss Frau zu einem bestimmten Anlass — sei es ein Date, die Hochzeit der besten Freundin oder eine wichtige mündliche Prüfung — findet sich einfach nicht das Richtige im Schrank. Das Outfit, das wir im Kopf haben, mit dem wir Eindruck machen wollen, fehlt. Es ist entweder alles gerade zu eng. Aus der Mode. Schon kaputt. Oder wir haben einfach dieses eine bestimmte Teil nicht! Dieses It-Piece, dass jetzt gerade alle haben!
Abhilfe ist schnell gefunden: Einfach zur Lieblingsmodekette oder gleich im Internet bestellen. Kostet ja fast nix! Und schon hat sie wieder zugeschnappt. Die Verbraucherfalle! Häufig merken wir das erst, wenn der Schrank so dermaßen überquillt, dass man ihn nicht mehr zukriegt. Dann heißt es ausmisten, aber auch das ist ein fest einkalkuliertes Manko der Modeindustrie. Wir spenden längst so viele Altkleider an Dritte Welt Länder, wie Uganda, dass sie dort teilweise ungenutzt auf Müllkippen enden und den lokalen Textilmarkt zerstören. Echte Fashion Crimes sind nämlich nicht Socken in Sandalen, sondern Ausbeutung und Umweltverschmutzung!

„20 Prozent aller neu produzierten Kleidungsstücke werden gar nicht verkauft, sondern sofort weggeworfen,“ erklärt Friederike von Wedel-Parlow. Sie war Professorin für den internationalen Studiengang „Sustainabilty and Fashion“ an der ESMOD in Berlin und hat das Beneficial Design Institute gegründet. Sie berät nachhaltige Modefirmen und ist Befürworterin des Cradle-to-Cradle-Prinzips – einer Produktionsform bei der Neues aus Altem recycelt wird. Das Ziel von Cradle-to-Cradle ist ein geschlossener Kreislauf aus wiederverwertbaren Nährstoffen. Dadurch soll Abfall praktisch auf Null reduziert werden. Noch gibt es jedoch wenig Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Sie ist die Industrie mit der zweitgrößten Umweltverschmutzung der Welt. Nur geschlagen von der Ölindustrie! Sie verschwendet Unmengen an Wasser um Kleidung herzustellen und veredelt Textilien mit Chemikalien, die zum Großteil in der EU verboten sind. Das kritisiert auch die Journalistin Carolin Wahnbaeck, die häufig über die Zustände in Textilfabriken berichtet: „H&M verbrennt haufenweise Kleidung mit kleinen Fehlern. Und zwar direkt in den Fabrikhöfen in Bangladesch. Da hängen sogar schon teilweise die Preisschilder dran. Sie wissen einfach, das wird nicht verkauft und zünden es deswegen an!“

Recycling? Upcycling? Nachhaltig Kleiden – Friederike von Wedel-Parlow (Dritte v. links) im Gespräch mit Martin Wittmann (Wittmann Textil-Recycling) und Julie Keiza (Kimuli Fashion) bei der Bildkorrekturen 2017 (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Davon kriegt der Otto-Normalverbraucher allerdings nur wenig mit. Billigteile, die schnell out und ebenso schnell kaputt sind, wandern dann auch gleich in den Müll: „Viele sagen, das war so billig, das wasch ich nicht mal. Stattdessen werfen sie es nach einmal tragen weg,“ kritisiert von Wedel-Parlow: „Verbraucher müssen wieder verstehen, dass Kleidung einen echten Wert hat! Wir müssen zurück zu den Wurzeln. Noch vor zwei, drei Generationen haben die Menschen viele ihrer Kleidungsstücke selbst hergestellt. Sie ein Leben lang getragen und manchmal sogar an ihre Kinder weitergegeben.“

Die wichtigste Verbraucherregel ist also „Use what you have“. Am besten man trägt Kleidung, die man schon hat bis sie kaputt geht. Bei Lieblingsteilen gelingt das Vielen von uns auch, wenn sie schon löchrig und fusslig sind. Viele Modemagazine und Fashionblogger geben mittlerweile Tipps, wie man seine Lieblingsteile oder einfache Basics immer so kombinieren kann, dass es gar nicht groß auffällt, dass man sie ständig trägt. Andere wie die US-Fashionbloggerin Sheena zeigen anhand eines Kleidungsstücks —einer Art Alltags-Uniform — wie man seinen individuellen Stil prägt. Vorbilder sind erfolgreiche Unternehmer, wie Steve Jobs, Marc Zuckerberg und Vera Wang, die immer die gleichen Outfits tragen, weil man so unnötige Entscheidungen vermeidet und das Gehirn somit angeblich kreativer und effizienter arbeiten kann.
Ein ähnlicher Trend ist die sogenannte Capsule Wardrobe. Ein funktioneller, optimal kombinierbarer aber minimalistischer Kleider-Mix. Die französische Modedesignerin Justine Leconte gibt auf ihrem YouTube-Chanel tiefere in Einblicke in die Materie.

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Sehr sehenswert: Justine Lecontes Video über die Fast Fashion Trap (Quelle: YouTube Justine Leconte officiel, © Justine Leconte)

In einem reduzierten Kleiderschrank entsteht mehr Überblick. Man kann sich zum Beispiel eine Sommer- und eine Winterkapsel bauen und fünf Lieblingsjeans, drei Röcke und ein Dutzend Oberteile kombinieren, die man sowieso am liebsten trägt. Ungeliebte Sachen werden aussortiert, getauscht oder gespendet. Für Unterwäsche, Sportsachen oder Abendkleider kann man extra Kapseln bauen. Außerdem kann man sie beliebig mit Schuhen oder Accessoires ergänzen. Blogger und Stylisten aus den USA schwören auf eine Kapsel aus nur 37 Teilen.

Das sind gute Alternativen in einer Welt, die uns vorgaukelt, dass wir ständig neue Kleider brauchen. Soll man also mehr mit dem Kopf kaufen? Gut überlegen, was man braucht und nur etwas fair Produziertes nehmen? „Mode ist etwas sehr Emotionales,“ sagte Carolin Wahnbaeck: „Man kauft etwas, weil man es mag! Das Bauchgefühl der Leute muss überzeugt werden, weil sie nicht mit dem Kopf konsumieren.“ Wahnbaeck ist ein großer Fan von Tauschmärkten und qualitativ hochwertigen Sachen: „Ich habe auch Outfits von vor zehn Jahren, die ich wahnsinnig gerne trage. Die dreckigsten Kleidungstücke, die man hat, sind immer die Allerneusten! Da sind noch alle Chemikalien drin!“ Kleidertauschen sieht sie als gute Alternative zu Sales: „Es ist viel besser als neue Kleider zu kaufen. Je klassischer ein Kleidungsstück ist, umso länger wird es einem bleiben. Wer jedem Trend hinterherläuft, wird nie eine nachhaltige Garderobe haben.“

„Wir brauchen einen Fair Fashion H&M auf jeder Shopping-Meile!“ Carolin Wahnback (Rechts im Bild) ist für ein Umdenken der Verbraucher (© Bodo Tiedemann für Engagement Global)

Ein eigener Stil ist also besser, als jeden Trend mitzumachen! Schließlich steht nicht jedem alles! Menschen, die etwas rund sind, keine Taille haben oder ein anderes nicht genormtes Körpermerkmal, wie zu kurze Beine oder ein breites Kreuz, tun sich oft schwer in die typischen Trends zu passen. Die Massenware ist nämlich so geschnitten, dass sie vor allem an Models und Kleiderpuppen gut aussieht. Dieses Schnittmuster bleibt bei allen Größen gleich. Sie tut also nichts dafür individuellen Körpern zu schmeicheln. Ähnlich ist es mit dem Hautton. Nicht jedem stehen Pastell- oder Neonfarben. Im schlimmsten Fall sieht man durch die falsche Farbe alt oder unscheinbar aus, aber das ist nichts gegen die Folgen, die der ständige Modekaufrausch auf die Umwelt und die ausgebeuteten Arbeiterinnen hat. Man sollte sich also öfter fragen, ob man wirklich etwas Neues braucht! Der große Fashion Trend 2018 ist übrigens Ugly Chic. Rosa Crocs mit Plateausohlen und Glitzersteinchen? Da kann man getrost passen!

Eine Pflanze als Politikum Baumwolle in Usbekistan

Baumwolle ist in Usbekistan allgegenwärtig. Die Pflanze ziert Brunnen, Hochhäuser, Mauern und das Wappen des zentralasiatischen Landes. 3,5 Millionen Tonnen wurden 2011 geerntet, eine Milliarde Dollar verdient der Staat jährlich mit dem Handel der Malvengewächse. Damit gehört Usbekistan zu den größten Baumwollexporteuren der Welt. Doch zu welchem Preis wird dort geerntet?

Baumwolle ist in Usbekistan Staatsangelegenheit. Bauern müssen die Pflanzen zu festgesetzten Kontingenten anbauen und an den Staat verkaufen. Falls sie sich dem widersetzen, droht ihnen der Verlust ihrer Felder, Strafanzeigen und Verurteilungen. Um eine reibungslose und vor allem preisgünstige Ernte zu garantieren, werden jedes Jahr im Herbst Million Usbeken zur Arbeit in den Baumwollfeldern gezwungen. Einberufen werden Staatsangestellte wie Lehrer, Ärzte oder Krankenschwestern. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. In den Krankenhäusern fehlen Chirurgen für lebenswichtige Operationen, Schulen werden geschlossen und öffentliche Aufgaben nicht wahrgenommen.

Stig Tanzmann (links) und Hugh Williamson bei ihrer Präsentation auf der Bildkorrekturen-Konferenz 2017 (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Vor allem die staatliche Elite profitiert vom Anbau der Baumwolle, sagt Hugh Williamson, Direktor der Abteilung Europa- und Zentralasien bei Human Rights Watch: „Im usbekischen Baumwollgeschäft ist der Staat der mächtigste Akteur. Er hat das System aufgebaut und profitiert davon“.

Lediglich acht Cent verdienen die ArbeiterInnen pro Kilogramm geerntete Baumwolle. „In acht Stunden Arbeit kann man rund 50 bis 60 Kilogramm ernten. Das sind gerade einmal zwei bis drei Dollar pro Tag“, sagt Umida Nayazova vom Usbekischdeutschen Forum für Menschenrechte (UGF). Dieses Geld bleibt jedoch nicht in den Taschen der ArbeiterInnen. Für die Verpflegung während der Ernte müssen sie selbst aufkommen. Die Arbeit auf den Feldern ist außerdem gefährlich. Jährlich fordert die Erntearbeit Todesopfer, wie das UGF auf ihrer Website beschreibt. Unbekannte Chemikalien, prekäre sanitäre Situationen in den Unterbringungen und der Mangel an sauberem Trinkwasser sind einige der Gründe, die das Arbeiten bei der Baumwollernte zur Gefahr machen.

Als Entschädigung erhalten die Zwangsarbeiter umgerechnet zwei bis drei Dollar am Tag./ Quelle: UGF

Bis vor einigen Jahren kam in der usbekischen Baumwollernte auch Kinderarbeit zum Einsatz. Ganze Schulklassen mussten auf den Baumwollfeldern die Erntearbeit verrichten. Erst nach jahrelangem Druck von internationalen Organisationen und Regierungen, stellte die usbekische Regierung die Beschäftigung von Kindern 2012 ein. Laut Niyazova kann von einem Ende der Kinderarbeit jedoch keine Rede sein: „Kinder werden für die Erntearbeit noch immer aus den Schulen geholt“, sagt sie.

Doch wie lässt sich die Situation auf den usbekischen Baumwollfeldern nachhaltig verbessern? Williamson sieht in der Mechanisierung der Ernte eine Chance. Durch den flächendeckenden Einsatz von Maschinen müssten weniger Menschen auf den Feldern arbeiten und daher käme es auch zu weniger Zwangsarbeit. Wirklich beenden könne die Situation aber nur die Abschaffung des politischen Systems, das die Zwangsarbeit unterstützt, so Williamson. Stig Tanzmann von Brot für die Welt sieht nicht nur bei der Regierung Handelsbedarf. Für ihn müssen Abnehmerfirmen und Kunden ihr Einkaufsverhalten überdenken. „Als Abnehmer profitieren auch sie vom usbekischen Baumwollsystem“, sagt er. Schlussendlich sind die Konsumenten durch den Kauf von Kleidung aus usbekischer Baumwolle für die Situation vor Ort mitverantwortlich.

 

„Die Arbeit auf den Feldern abzulehnen war nicht möglich.“ Muyassar Turaeva

Muyassar Turaeva wurde in Usbekistan geboren. Während ihrer Schulzeit musste sie mehrmals als Erntehelferin auf usbekischen Baumwollfeldern arbeiten. Im Interview erzählt sie von langen Arbeitstagen, psychologischem Druck und warum Gemüse eine Hoffnung ist.

Frau Turaeva, wann arbeiteten Sie das erste Mal auf einem Baumwollfeld?

Turaeva: Das erste Mal wurde ich 1990 zur Baumwollernte herangezogen. Damals war ich in der neunten Klasse. Bis zur elften Klasse mussten wir jedes Jahr bei der Ernte helfen.

War die Arbeit auf den Baumwollfeldern freiwillig?

Turaeva: Nein, die Schulen wurden während der Erntezeit geschlossen und alle Kinder ab der neunten Klasse mussten bei der Baumwollernte helfen. Im ländlichen Raum wurden auch jüngere Kinder zur Baumwollernte herangezogen.

War es möglich, sich von der Arbeit auf den Baumwollfeldern befreien zu lassen?

Turaeva: Die Arbeit auf den Feldern abzulehnen war nicht möglich. Die einzige Möglichkeit nicht arbeiten zu müssen war ein ärztliches Attest. Befreit wurde man aber nur, wenn eine schwerwiegende Krankheit vorlag. Einige Ärzte verdienten viel Geld mit dem Verkauf von Attesten. Aber selbst wer von der Ernte befreit wurde, musste häufig andere öffentliche Diente vollrichten und zum Beispiel das Schulhaus reinigen. Die Befreiung von der Baumwollernte hatte aber auch Folgen.

Welche Folgen?

Turaeva: Ich erinnere mich noch an das erste Jahr Baumwollernten. Meine Mutter schaffte es, dass ich nicht zur Ernte musste. Die Zeit danach in der Schule war sehr schwierig. Der psychologische Druck war enorm. Die Direktorin beleidigte und erniedrigte mich vor allen anderen Kindern, weil ich nicht bei der Baumwollernte geholfen hatte. Ich wurde in der Schule isoliert, das ganze Schuljahr über war ich traumatisiert. Im folgenden Jahr wollte ich unbedingt mit zur Ernte.

Jedes Jahr pflücken rund 2,7 Millionen Usbekinnen und Usbeken während der von September bis Mitte November andauernden Erntezeit Baumwolle./ Quelle: UGF

Wann begann die Ernte und wie sah ein Arbeitstag aus?

Turaeva: Die Ernte dauerte vom 4. September bis Mitte November. An Arbeitstagen standen wir um 6.30 Uhr auf. Um acht Uhr mussten wir auf den Feldern sein und bis etwa 17.30 Uhr ernten. Anschließen wurde unsere Baumwolle gewogen und dann begann der Fußmarsch zurück zur Unterkunft, die häufig 40 Minuten weit entfernt war.

Wo waren die SchülerInnen während der Erntezeit untergebracht?

Turaeva: Als Schulkinder waren wir in Theatern, Sporthallen, Schulen oder Kindergärten untergebracht. Später wohnten wir in privaten Häusern. Bauern räumten zwei Zimmer leer, eins für die Jungs, eins für die Mädchen. Die Küche wurde gemeinsam genutzt. Die Unterkünfte waren umsonst, wir erarbeiteten sie uns mit der geernteten Baumwolle.

Gab es eine Mindestmenge an Baumwolle, die geerntet werden musste?

Turaeva: Ja, wir mussten mindestens 60 Kilogramm ernten. Geld bekamen wir nur, wenn wir mehr als die geforderten 60 Kilo ablieferten. Dann gab es umgerechnet 6 Cent. Heute bekommen die Erntehelfer 55 Cent. Das ist immer noch nicht viel, aber wenigstens eine positive Entwicklung.

Seit 2012 ist Kinderarbeit auf den Baumwollfeldern in Usbekistan verboten. Wie hat sich die Situation seither verändert?

Turaeva: Die Situation hat sich verbessert. Die Baumwollfabrikanten stellen freiwillige Helfer für die Ernte ein. Der Preis pro geerntetes Kilo Baumwolle wurde angehoben. Ich denke, das ist eine gute Entwicklung, um die Zwangsarbeit zu bekämpfen. Außerdem hat die usbekische Regierung die Anbauflächen für Baumwolle reduziert. Es werden mehr Gemüse und Früchte angebaut. Das reduziert nicht nur den Wasserverbrauch, sondern auch die Zwangsarbeit bei der arbeitsintensiven Baumwollernte.

Was kann Deutschland tun, um die Situation der Erntehelfer in Usbekistan zu verbessern?

Turaeva: Deutschland kann technische Hilfe im Agrarbereich leisten und in den Ausbau der Frucht- und Gemüseanbaus investieren. Das hilft der usbekischen Regierung, die Anbauflächen für Baumwolle weiter zu verkleinern. Das hätte nicht nur eine positive Auswirkung auf die Umwelt, sondern würde auch die Menschenrechtsverletzungen bei der Baumwollernte reduzieren.

Zementsack meets Fashion: Von der Baustelle auf die Kleiderstange

Wenn Juliet Namujju nicht auf dem Laufsteg zu sehen ist, läuft sie durch Ugandas Hauptstadt Kampala und sammelt Müll ein. Daraus näht sie mit tauben und gelähmten Menschen neue Kleider. Mit ihrem Label Kimuli Fashion möchte sie sich weltweit für nachhaltige Mode einsetzen.

Sie ist eine echte Fashionista aus Uganda: Juliet Namujju. Die 21-Jährige präsentiert auf ihrer Modenschau auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig nachhaltige Mode: Hippe elektronische Musik tönt aus den Boxen, während die Fashiondesignerin mit strahlendem Lächeln zwischen ihren Models hindurchläuft. Die Kleider in warmen Farben erinnern an afrikanische Mode – erst beim genaueren Betrachten fällt auf, dass in Jacken und Röcken auch alte Zementsäcke eingearbeitet sind.

Juliets Label Kimuli Fashion ist eines von wenigen ugandischen Labels, die auf Upcycling – das Wiederverwerten von Materialien – setzen. Und eines von wenigen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen: in ihrem Unternehmen sind es drei von sechs Mitarbeitern.

Aus alt mach neu: Upcycling in der Puppenstube

Juliet erzählt, dass es in Uganda nicht schwierig sei, ein Fashionlabel zu gründen. In ihrem Land gebe es eine große Modeindustrie. Aber bis sie ihren ersten Shop vor zwei Jahren eröffnen konnte, war es ein langer Weg. Juliets Eltern starben, als sie noch ein Kind war, daher wuchs sie bei ihrer Großmutter auf. „Meine Oma war für mich eine große Inspiration“, sagt sie. „Wir hatten kein Geld, um neue Anziehsachen für meine Puppen zu kaufen. Aber meine Oma war Schneiderin und brachte mir schon früh das Nähen bei. Also fing ich an, aus ihren übrig gebliebenen Stoffresten Kleider für meine Puppen zu nähen.“ Juliet kam das erste Mal mit Upcycling in Kontakt und entdeckte ihre Leidenschaft für Mode.

Hier spricht die Designerin über ihre Mode:

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Für viele Ugander sei Upcycling ein Tabuthema: „Die meisten denken, es sei nur eine sinnlose Spielerei und Zeitverschwendung“, erzählt Juliet. „Sie sehen in meinen Klamotten nur Müll. Das sei keine Mode, sagen sie.“

Juliet wuchs in Kampala auf, der Hauptstadt Ugandas. Hier fallen rund 1200 bis 1500 Tonnen Müll täglich an, aber nur etwa 40 Prozent der Abfälle werden eingesammelt. „Wenn du nach Kampala kommst, denkst du sofort: Was ist das für eine Stadt?!“, so Juliet. „Überall liegen Plastikflaschen und Verpackungen herum.“

Umweltbewusstsein und Inklusion: Der Bevölkerung die Augen öffnen

Juliet läuft deswegen mit den Bewohnern Kampalas durch die Straßen und sammelt achtlos weggeworfene Zementsäcke und Tetra Paks ein. Sie möchte die Bevölkerung sensibilisieren – den Menschen zeigen, dass man Müll auch auf eine kreative Art und Weise wiederverwerten kann. Vielleicht würde sich dann auch das Bild von Upcycling-Mode in Uganda ändern, hofft die 21-Jährige. Bisher schätzt Namujju, dass etwa 80 Prozent ihrer Kunden Touristen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass dies aber auch an den Preisen liegt: Umgerechnet 75 Euro kostet beispielsweise eine Regenjacke aus Zementsack. Etwas preiswerter sind hingegen Etuis, Armbänder und Ketten: Sie kosten meist weniger als zehn Euro. Jedoch verdient ein Ugander durchschnittlich nur etwa 45 Euro im Monat.

Die Hälfte ihrer Einnahmen kommen aber Menschen mit Behinderungen zugute. Die andere Hälfte werde zur Deckung der Produktionskosten benötigt. Diese waren vor allem zu Beginn sehr hoch, da Juliet spezielle Nähmaschinen anschaffen musste, die an die Bedürfnisse ihrer behinderten Mitarbeiterinnen angepasst sind. Um besser mit ihren tauben Kolleginnen kommunizieren zu können, lernte Juliet in zusätzlichen Kursen die Gebärdensprache.

Weitere Bilder von Juliet

 

„Es war, als würden sie sich selbst hassen.“

„Die Arbeit mit behinderten Menschen liegt mir sehr am Herzen“, sagt Juliet. „Als ich noch sehr klein war, verlor mein Vater bei einem Autounfall beide Beine. Er konnte nicht mehr arbeiten und wurde wegen seiner Behinderung diskriminiert. Er wurde immer pessimistischer und verlor seinen Lebenswillen. Kurze Zeit später starb er.“ Das sei in Uganda keine Seltenheit: Behinderte Menschen würden oft diskriminiert und ihre Behinderung als eine Strafe Gottes angesehen. Teilweise sollen sie sogar von ihren eigenen Verwandten weggesperrt, vor der Öffentlichkeit versteckt oder aus der Familie verstoßen werden. „Behinderte Menschen glauben oft nicht mehr an sich selbst und ihre Fähigkeiten“, sagt Juliet. Zu dieser Erkenntnis gelangte sie, als sie vor wenigen Monaten versuchte, Teilnehmer für einen Näh-Workshop zu gewinnen. Sie zog durch die Dörfer und versuchte, die Menschen direkt anzusprechen. Der Workshop war für Menschen mit Behinderung kostenlos, trotzdem meldete sich kaum jemand an. Erst nach stundenlangem, tagelangem Überzeugen“, so Juliet. „Es war, als würden sie sich selbst hassen. Als würden sie lieber allein sein in ihren Dörfern und niemanden sehen wollen.“

Expandieren und weltweit ein Zeichen setzen

„Ich möchte die Augen der Leute für Menschen mit Behinderungen öffnen – in Uganda und auf der ganzen Welt“, sagt Juliet. „Damit diese Menschen nicht mehr als andersartig angesehen, sondern als ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft akzeptiert werden.“ Ihr Traum sei es, noch viel mehr Menschen mit Behinderung zu beschäftigen und in weitere Länder zu expandieren. Dabei hat sie sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mehr als 3.000 Menschen möchte sie in Afrika zu einem neuen Lebenswillen verhelfen, indem sie ihnen einen Arbeitsplatz anbietet. Derzeit verkaufe sie ihre Mode in Uganda, Deutschland und Polen. Zukünftig möchte sie auch Märkte in Österreich oder sogar den USA erschließen. Um nicht nur auf dem Bildkorrekturen-Laufsteg ein Zeichen zu setzen, sondern auf der ganzen Welt.