Silicon Savannah: Treffpunkt für Techies aus aller Welt Wie in Kenias Hauptstadt die nächsten IT-Pioniere tüfteln

Innovative Startups und geniale Apps kommen nur aus Europa und Amerika? Falsch gedacht! Die kenianische IT-Szene boomt und hat uns in Sachen Digitalisierung sogar einiges voraus.

Was ist eigentlich diese Silicon Savannah? Begrifflich ist diese Beschreibung der kenianischen IT-Szene natürlich angelehnt an die Innovationshochburg Silicon Valley im Norden Kaliforniens. Geographisch gemeint ist damit vor allem Kenias Hauptstadt Nairobi, das technische Zentrum des Landes, in dem sich beispielsweise auch der Sitz von Safaricom, Kenias größtem Mobilfunkunternehmen, befindet. Vor Ort benutze den Namen Silicon Savannah aber fast niemand, erklärt Prof. Dr. Martin Emmer von der Freien Universität Berlin, der vor zwei Jahren selbst Nairobi und seine Gründercliquen besuchte. „Es ist eher ein Label, das von außen aufgedrückt wurde“, erklärt er.

Das Kernstück der Silicon Savannah bildet das sogenannte iHub. 2010 von eBay-Gründer Pierre Omidyar ins Leben gerufen und mit mittlerweile 10.000 Mitgliedern, bietet das Gebäude ehrgeizigen Jungunternehmern „Co-Working-Spaces“ mit kostenlosem WiFi. Hier können sie sich über ihre Startup-Visionen austauschen und Projekte evaluieren. Für den nötigen Koffeinschub beim Ideenausbrüten sorgt eine eigene schicke iHub-Kaffeebar. „Die Arbeit im iHub ist sehr anwendungsbezogen und die Mitglieder international stark vernetzt“, erzählt Emmer. „Es gibt beispielsweise gute Verbindungen zu den Universitäten in Yale oder Stanford. Forscher kommen entweder aus dem Ausland nach Kenia, um hier ihre Projekte zu realisieren oder Kenianer gehen zum Studieren und Arbeiten nach Amerika.“

 

„Die Arbeit im iHub ist sehr anwendungsbezogen und die Mitglieder international stark vernetzt. Es gibt beispielsweise gute Verbindungen zu den Universitäten in Yale oder Stanford.“ – Prof. Dr. Martin Emmer

 

Anders als sein amerikanisches Vorbild erlebte das Silicon Savannah nicht einen großen, zentrierten Boom, sondern entstand durch die Ansiedlung vieler einzelner Unternehmen wie iHub, Nailab, 88mph oder m:lab, die sich inzwischen in und um Nairobi herum verteilen. 60 Kilometer außerhalb der Hauptstadt soll nun zusätzlich ein staatlich geleitetes IT-Mammutprojekt entstehen: Konza Technology City. Eine 14 Milliarden Dollar teure, künstliche Stadt, die bis 2025 fertiggestellt werden und dann 200.000 Arbeitsplätze bieten soll. Zunächst ist die Niederlassung von 14 Unternehmen geplant. Samsung, Huawei und BlackBerry sind bereits interessiert. Gegner des Projektes sehen in Konza City jedoch eine riesige Fehlinvestition und gar eine Gefahr für die aufstrebenden Startups in Nairobi, die nach ihrer Meinung weitaus vielversprechender seien. Zudem fällt in Gesprächen über Konza City immer wieder das böse K-Wort – Korruption. „Die teilweise undurchsichtigen, staatlichen Anstrengungen für so ein riesiges Projekt reichen nicht aus“, meint auch Dr. Wilson Ugangu, Senior Lecturer an der Multimedia University of Kenya. „Der private Sektor muss in diese Projekte investieren, damit es schneller vorangehen kann. Das hat man schon bei M-Pesa gesehen. Wäre das ein rein staatliches Projekt gewesen, würde es die App heute noch nicht geben.“

Vielversprechende Anfänge, große Ziele

Grundsätzlich stehen die Zeichen für Digitalisierung in Kenia also gut. Seit der Verlegung des ersten Untersee-Glasfaserkabels im Jahr 2009 erlebt das Land gar einen wahren Digitalisierungs-Boom. Phasen wie der Aufbau eines Festnetzes für Telefon und Internet wurden hier einfach übersprungen, direkt ins mobile Zeitalter. Dabei profitiert Kenia von hochaktuellen, bereits erprobten und relativ günstigen IT-Produkten, die es aus beispielsweise aus europäischen Ländern übernehmen kann. Doch was bringt die fortschreitende Digitalisierung eigentlich für seine Einwohner? Neue Arbeitsplätze in der IT-Branche könnten zum Beispiel die Arbeitslosenrate von 40 Prozent senken. Zudem hat für viele Kenianer das Mobiltelefon in jeglicher Form bereits heute großen Einfluss auf den Alltag – egal ob smart oder retro. Das haben auch die Entwickler in Nairobis Hubs erkannt und deshalb eine Vielzahl sinnvoller und gern genutzter Anwendungen entwickelt.

Spezielle Lösungen für spezielle Bedürfnisse

Die Interessenfelder Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung liegen bei Technikprojekten also klar im Trend. So wurden im Silicon Savannah in den vergangenen Jahren hilfreiche Apps wie z.B., Ushahidi (Krisen-Crowdsourcing), Eneza (mobile Lernplattform), M-Kopa (Heim-Solaranlagen) oder M-Farm (Preisinformation und Plattform für Bauern) gegründet. Das sind wichtige Themen für Afrika, die demnach auch von vielen NGOs gefördert werden. Sie alle helfen der afrikanischen Bevölkerung bei der Entwicklung selbstbestimmter, besserer Lebensverhältnisse. Hier werden Hilfeempfänger zu Kunden, Kinder zu Digital Natives und die Unabhängigkeit wird durch den Zugang zu Informationen gestärkt. Junge, ambitionierte und gut ausgebildete Afrikaner wollen keine Spenden, sondern günstige Kredite, Investitionen und die Freiheit, endlich ihr eigenes Geld mit ihren eigenen Ressourcen, Ideen und ihrem Know-How verdienen zu können.

 

„Der private Sektor muss in diese Projekte investieren, damit es schneller vorangehen kann. Das hat man schon bei M-Pesa gesehen. Wäre das ein rein staatliches Projekt gewesen, würde es die App heute noch nicht geben.“ – Dr. Wilson Ugangu

 

Das wiederum zieht das Interesse großer internationaler Firmen auf sich. Die meisten Apps sind jedoch speziell für afrikanische Interessen entwickelt worden, der Erfolg vor Ort kann also meist nicht einfach auf andere Länder übertragen werden. Doch die Global Player erkennen trotzdem langsam das Potenzial, das in Afrikas Tech Scene steckt. Facebook, IBM, Google – sie alle gründen nicht mehr einfach nur Sales Shops sondern beginnen größere Investitionen zu tätigen, z.B. in Form von Research and Development Centern. Sie haben also nicht nur einfach eine Hoffnung, hier handelt es sich um klare Businesserwartungen. Jetzt gilt es nur das Wissen in Afrika zu halten und sich nicht von ausländischen Angeboten überrollen zu lassen. Denn so wichtig externe Investitionen sind, so gefährlich sind sie vor allem für kleinere Unternehmen in der Startphase, deren Ideen aufgekauft werden und im globalen Konzern verschwinden oder die erst gar nicht zum Zug kommen, weil die Investoren ihre Nische besetzen. Hier wäre es eigentlich an den jeweiligen Regierungen, diese afrikanischen Ressourcen zu schützen und die landeseigene Wirtschaft müsste ebenfalls in die Geschäfte einsteigen. In Kenia ist dies jedenfalls bis jetzt noch deutlich zu selten der Fall.

„No connection to the grassroots“: Die Technik-Elite der Hubs

Wie bei allen Techies findet man auch hier eine bunte Mischung aus Programmierern, Wirtschafts- und Informatikstudenten oder andere junge Nerds mit den entsprechenden Kenntnissen. In den Hubs, die als Inkubatoren für neue Ideen dienen sollen, treffen sie dann nicht nur auf Gleichgesinnte sondern auch auf Investoren für ihre Ideen. Grundvoraussetzung um Teil dieser Community zu werden, ist natürlich eine gute Ausbildung. Hier gibt es in Kenia allerdings immer noch große Unterschiede innerhalb der Bevölkerungsschichten und ein starkes Stadt-Land Gefälle was Bildung und damit auch den Wohlstand angeht.

Dr. Wilson Ugangu ist entsprechend skeptisch und stellt die Frage in den Raum: „Was passiert eigentlich außerhalb von Silicon Savannah?“ Er sieht in den Gründern eine Art Elite, die wenig mit der übrigen Bevölkerung zu tun hat. Während sie sich in ihren schicken Büros in der Hauptstadt treffen, lernen Kinder auf dem Land noch im Freien Lesen und Schreiben. Auch Prof. Dr. Martin Emmer beurteilt den Trend kritisch, dass nicht nur junge Afrikaner in den Hubs tätig sind sondern auch internationale Geeks regelmäßig Abstecher nach Nairobi machen. Der globale Austausch ist natürlich sinnvoll und richtig. Wenn dann aber beispielsweise hippe Technikfreaks aus Stanford nach Nairobi jetten, um für zwei Wochen im angesagten iHub zu arbeiten, werden sie sicherlich nicht ausreichend mit der übrigen, sehr viel facettenreicheren Bevölkerung Nairobis außerhalb der Hubs in Kontakt kommen.

Chancen durch eigenes Know-How

Alles in allem lässt sich trotzdem eine positive Bilanz für die Digitalisierung in Kenia ziehen. Die IT-Branche wächst rasant, die digitale Infrastruktur verbessert sich immer mehr und das Land kann erprobte Technologien aus dem Ausland nutzen und so erheblich Zeit und Ressourcen sparen. Die Kenianer sind gleich ins mobile Zeitalter gesprungen und können auf spezielle Anwendungen für ihre Bedürfnisse zurückgreifen. Wichtig ist nun, dass die technische Elite den Kontakt zur Bevölkerung nicht verliert oder sich das Land von großen globalen Investoren überrumpeln lässt. Auf die Regierung scheint man sich dabei wenig verlassen zu können. Sie hat – abgesehen von ein paar hehren und vor allem prestigeträchtigen Zielen wie Konza City – noch wenig zum Schutz oder der Stärkung ihrer wertvollen Wissens-Ressourcen beigetragen. Glaubt man den Experten, wird sich daran auch nicht viel ändern. Hoffnungen und Sorgen vereinen sich also gleichermaßen in den ausländischen Investoren und technologischen Zentren wie der Silicon Savannah. Es bleibt nun an den Kenianern selbst, ihr Land durch ihr Know-How voranzutreiben. Und wer weiß: Manche handeln Afrika auch schon als den nächsten großen Markt nach Indien und China.

 

  • Ein Stück Kalifornien in Kenia: Der Name Silicon Savannah zeichnet die Hauptstadt Nairobi als IT-Zentrum aus.

  • Wo alles begann: Das iHub ist das Herzstück des Silicon Savannah. Hier feilen Jungunternehmer an ihren Startup-Ideen – Co-Working-Spaces, freies WLAN und Kaffeebar inklusive.

  • Eine Klasse übersprungen: Seit der Verlegung des ersten Untersee-Glasfaserkabels 2009 startete Kenia sofort ins digitale Zeitalter durch.

  • Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung prägen die Entwicklung von Kenias erfolgreichsten Apps wie das Krisen-Crowdsourcing-Programm Ushahidi …

  • … oder die Geldtransfer-App M-Pesa, die mittlerweile zum bestbekannten Beispiel für Kenias Technik-Fortschrittlichkeit geworden ist.

  • Chance oder Abschottung? Die Hubs könnten kenianischen IT-Talenten Jobs verschaffen oder aber eine neue Technik-Elite herausbilden.

  • Positive Bilanz: Die stetig zunehmende Digitalisierung und innovative Startups haben Kenia bereits erfolgreich zu mehr Eigenentwicklung verholfen.

Privatsphäre in Kenia und Deutschland – Ein kurzer Überblick

Die Möglichkeiten große und vor allem viele Daten digital zu speichern ist in den letzten Kahrzehnten exponentiell gestiegen: Von der Diskette, über die Festplatte bis hin zur Cloud. Unter dem Schlagwort Big Data wird darüber diskutiert, wie Datensätze aus unterschiedlichen Quellen kombiniert, ausgewertet und kommerziell genutzt werden können. Wie steht es dabei um die Privatsphäre des einzelnen Nutzers? Welche Gesetze gibt es in Afrika und Europa, speziell in Kenia und Deutschland?

Wer heute über Privatsphäre spricht, spricht immer auch von Datenschutz. Denn gerade auf mobilen Geräten wie Smartphones oder Tablets sammelt sich mkit der Zeit ein wahrer Datenschatz: Hier werden Termine in den Kalender eingetragen, Nachrichten geschrieben, telefoniert, Onlineshops genutzt und Musik gehört. In Kenia wird sogar fast ausschließlich damit bezahlt. Das Leben spielt sich im Netz ab und wer im 21. Jahrhundert seine Privatsphäre schützen will, muss man auch seine persönlichen Daten schützen.

 

In Kenia wird die Privatsphäre in der Verfassung geregelt, ein Gesetz zum Datenschutz gibt es aber noch nicht
In Afrika gibt es in vielen Ländern bereits Gesetzesentwürfe zum Datenschutz. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise in Südafrika der „PoPI Act“ (Protection of Personal Information Act) beschlossen. Dadurch versichern südafrikanische Institutionen, dass sie mit persönlichen Daten verantwortungsbewusst umgehen. Außerdem können sie bei Verstößen zur Rechenschaft gezogen werden.

Auch andere Länder Afrikas erachten Schutz von persönlichen Daten im Zuge der Digitalisierung als wichtig. Kenia legte beispielsweise im Jahr 2013 den Entwurf zur „Data Protection Bill 2013“ vor. Denn obwohl in der Verfassung von Kenia unter Punkt 31 die Privatsphäre geschützt ist, „Privacy“, ist darin der Schutz der perönlichen Daten noch nicht eingeschlossen.

Every person has the right to privacy, which includes the right not to have
(a) their person, home or property searched;
(b) their possessions seized;
(c) information relating to their family or private affairs unnecessarily required or revealed; or
(d) the privacy of their communications infringed.

Die „Data Protection Bill 2013“ sollte im Mai 2014 dem Parlament präsentiert werden. 2016 wird darüber immer noch debatiert, ein Gesetz wurde bis heute noch nicht verabschiedet. Aufgrund der bereits erwähnten Verflechtung der Privatsphäre und dem Datenschutz, wird es erst mit diesem Gesetz möglich sein, den in Artikel 31 (c) und (d) genannten Schutz der Privatsphäre zu garantieren.

 

Datenschutz ist in EU-Mitgliedsstaaten ein Grundrecht, bei der Umsetzung gibt es allerdings noch Gesetzeslücken
Für die EU ist der Schutz persönlicher Daten ein Grundrecht. Ab Mai 2018 gilt die Datenschutz-Grundverordnung der EU zum Schutz von personenbezogenen Daten. Die einzelnen Länder dürfen die dort festgeschriebenen Regelungen nicht abändern. Es gibt allerdings verschiedene Öffnungsklauseln.

In Deutschland schützt das allgemeine Persönlichkeitsrecht die Privatsphäre. Dabei ist immer auch Artikel 1 Absatz 1 im Grundgesetz zu beachten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“.

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“ (Art. 2 Abs. 1 GG).

Das Datenschutzgesetz der EU wird in Deutschland durch das Bundesdatenschutzgesetz umgesetzt.

§ 1 Zweck und Anwendungsbereich des Gesetzes (BDSG)
(1) Zweck dieses Gesetzes ist es, den Einzelnen davor zu schützen, dass er durch den Umgang mit seinen personenbezogenen Daten in seinem Persönlichkeitsrecht beeinträchtigt wird.

Des Weiteren gibt es das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Es ist nicht explizit im Grundgesetz erwähnt, wurde allerdings vom Bundesverfassungsgericht in einem Volkszählungsurteil im Jahr 1983 festgelegt. Das Grundgesetz wird dabei im Prinzip um den Schutz persönlicher Daten erweitert.

 

Fazit oder „I don’t want to live in a world where there’s no privacy“

Die Privatsphäre und deren Schutz ist theoretisch in jeder Demokratie verankert. Es sollte also auch zukünftig als Ziel angesehen werden, persönliche Daten zu schützen. Je mehr Wege es gibt, Daten einzusehen, desto mehr muss die Gesellschaft und folglich die Politik Regeln finden, diese zu schützen. Daher sollte die EU sich darum bemühen, mögliche Gesetzeslücken zu schließen, denn Datenschutz macht heutzutage einen großen Anteil der Privatsphäre aus – und diese ist in Deutschland im Grundgesetz verankert. Auch die Entwicklung in Afrika, die zunehmende Vorlage von Gesetzesentwürfen zum Datenschutz, ist zu begrüßen. Die Verabschiedung dieser Gesetze sollte sich allerdings beschleunigen, denn die persönlichen Daten sind bereits vorhanden.  Edward Snowden hat uns dies vor Augen geführt und um es abschließend mit seinen Worten auszudrücken: „I don’t want to live in a world where there’s no privacy and therefore no room for intellectual exploration and creativity“.

Politische Teilnahme durch Digitalisierung?

Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Martin Emmer gibt Einblicke in seine Forschung zur Digitalisierung und deren Auswirkungen auf die politische Partizipation der Menschen in Deutschland und Ghana.

Prof. Emmer während der Keynote.

 

„I see a new Athenian Age of democracy forged in the fora the GII (Global Information Infrasctrucutre) will create.“ – Al Gore

 

Mit diesem Zitat beginnt der Wissenschaftler am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin die dritte Keynote der Bildkorrekturen-Tagung 2016. Professor Emmer gibt dem ehemaligen Vizepräsidenten der USA teilweise Recht: Auf der einen Seite habe Kommunikation vieles verbessert, auf der anderen Seite wissen wir aber, dass trotzdem noch Potential nach oben bestünde und lange nicht alles perfekt sei. „Ein Problem stellt hier vor allem die Teilnahme an der Digitalisierung dar“, so Emmer.

Was ist politische Teilnahme?

Emmers Definition von politischer Partizipation grenzt sich von älteren Definitionen ab, da sie kommunikative und partizipative Aktivitäten verbindet. Ältere Erklärungen konzentrieren sich nur auf die Partizipation und lassen die Kommunikation außen vor. Individuelle politische Kommunikation besteht laut Emmer aus folgenden Aktivitäten:

  • Politische Information
  • Interpersonelle politische Kommunikation und
  • Politisch-partizipierende Kommunikation.

Letztere findet online und offline statt. Emmer betont in diesem Zusammenhang, dass Teilnahme auch immer Kommunikation ist. Ein Beispiel nennt er im Vorgang des Wählens: „Die Bürger kommunizieren durch die Wahl ihren politischen Willen an das politische System“.

Information gegen Hetze

Anhand seiner Studie „Mobile digital citizenship beyond the Western State: A comparative study on Germany and Ghana” untersuchte Emmer den Onlinezugriff, die politische Partizipation und Kommunikation sowie die politischen Einstellungen der Probanden. Die 1500 Teilnehmer wurden hier über einen Zeitraum von sieben bzw. acht Jahren einmal jährlich befragt. Ein wichtiges Ergebnis der Studie stellt die direkte Auswirkung des Onlinezugriffs auf politische Information und interpersonelle Kommunikation dar. Weiterhin wirkt sich der Onlinezugriff indirekt auf politisch-partizipierende Kommunikation aus. Einen zusätzlichen Effekt bildet die indirekte Beziehung von politischer Information und der politischen Einstellung des generellen Vertrauens.

Die Ergebnisse der Studie weisen laut Emmer allerdings auch Grenzen auf. Soziale Medien konnten zum Erhebungszeitraum Anfang der 2000er Jahre noch nicht erfasst werden, da sie zu dieser Zeit schlichtweg noch nicht oder nur in geringem Ausmaß existierten. Außerdem führt der Wissenschaftler an, dass man nicht wissen kann, was die Menschen genau tun, wenn sie online sind. Er fragt: „Informieren sie sich wirklich über politische Themen? Und wenn ja, nehmen sie nur im positiven oder auch im negativen Sinn an politischer Diskussion teil?“ Unter einer negativen Teilnahme kann beispielsweise die Hetze gegen Ausländer in sozialen Medien verstanden werden. Ein weiterer Kritikpunkt an vielen Arbeiten in diesem Bereich ist, dass derartige Studien meist nur für höher entwickelte Länder wie zum Beispiel die USA durchgeführt werden. Für weniger entwickelte Länder gilt im wissenschaftlichen Kontext oft die Prämisse, dass sich die Forschung in hoch entwickelten Ländern einfach auf diese übertragen lässt. Dies wird dadurch begründet, dass sich Entwicklungen in den hoch entwickelten Länder einige Jahre später in ähnlichem Maße in weniger entwickelten Ländern wiederholen. Aber stimmt diese Vermutung überhaupt?

Ghanaer politisch aktiver?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, führte Professor Emmer eine Vergleichsstudie von Deutschland und Ghana in diesem Bereich durch. Ein Fazit: Obwohl in Deutschland mehr Menschen Zugang zum Internet haben (Deutschland: 80%, Ghana 50-60%), nutzen die Deutschen im Vergleich das Internet weniger zur politischen Diskussion (Deutschland: 8%, Ghana: 22%). Auch politische Inhalte werden in Deutschland weniger häufig online geteilt als in Ghana. Für die Anzahl der Kommentare unter politischen Artikel verhält es sich ähnlich.

DeutschlandGhana
Internetzugriff80%ca. 55%
Teilnahme an politischer Diskussion7,9%22,1%
Teilen von politischen Inhalten online 7,9%20,7%
Kommentieren von politischen Artikeln online 2,4%21,4%

Ausweitung der Forschung unumgänglich

Abschließend gibt er eine Zusammenfassung seiner Ergebnisse. Eine separate Analyse des Einflusses bestimmter Medien auf die politische Kommunikation ist notwendig – wie beispielsweise der von Smartphones oder Sozialen Medien. Außerdem fordert Emmer: „Dieser Bereich muss auch in weniger entwickelten Ländern stärker erforscht werden, um strukturelle, kulturelle und politische Einflussfaktoren auf die politische Partizipation erkennen zu können.“

Vereinbarkeit von Forschung und Digitalisierung

Die Keynote endet mit einer angeregten Diskussion. Eine Frage bezieht sich beispielsweise auf die schnelle Entwicklung, die mit der Digitalisierung einhergeht, und deren Auswirkungen auf die Forschung in diesem Bereich. Hier betont Martin Emmer Vorteile, wie neue digitale Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben. Auch die Nachteile seien allerdings nicht zu vernachlässigen. Diese bestehen beispielsweise darin, dass durch die Digitalisierung alle neuen Methoden sehr schnell funktionieren müssen.

In den folgenden Videos beantwortet Prof. Emmer weitere Fragen zum Thema:

Digital Divide
Forschung in Subsahara-Ländern
Soziale Medien
Dynamische Forschung

 

Teil 4: Digital Immigrants aus dem analogen Steinzeitalter Beim Thema Digitalisierung sehen wir plötzlich ganz schön unterentwickelt aus.

Wir sind es gewohnt immer vornedran zu sein. Deutschland ist eines der politisch einflussreichsten Länder Europas, eine wohlhabende Wirtschaftsmacht und ein beliebter Partner für internationale Beziehungen. Beim Thema Digitalisierung sehen wir aber plötzlich ganz schön unterentwickelt aus. Wie kann das sein?


Während in Estland und Kenia bereits Kinder in der Schule zu kleinen Digital Natives erzogen werden, sitzen unsere Schüler noch immer im analogen Steinzeitalter fest. Im vermeintlich hoch technisierten Deutschland werden häufig nur die Gefahren eines frühzeitigen Umgangs mit digitalen Medien gesehen. Von Tablets im Unterricht, Lernaufgaben per SMS oder virtuellen Klassenbüchern kann nicht die Rede sein. Sicherlich muss man diese Angebote sinnvoll in den Unterricht einbauen, einen Lehrer können Computer nicht ersetzen. Doch warum wird das natürliche Interesse der Jugend an technischen Neuheiten nicht deutlich mehr genutzt? Sei es spielerisch, als Präventionsmaßnahme oder in Bezug auf Medienkompetenz – die Chancen und Möglichkeiten sind riesig.

Stattdessen bleiben wir stehen bei Papier und Tafelkreide und schließen bedeutende technische Entwicklungen aus dem Lernalltag aus. Laut ICILS-Studie 2013 werden Computer in keinem anderen Land der Welt (!) seltener im Unterricht eingesetzt als in Deutschland. So entsteht immer mehr eine analoge Parallelwelt Schule, in der Kinder nicht ausreichend für die Aufgaben in zukünftigen Arbeits- und Lebenswelten ausgebildet werden. Dabei muss es eigentlich eine Kernaufgabe jeder Bildungseinrichtung sein, den Schülern zu vermitteln, wie die Dinge im hier und jetzt um uns herum funktionieren. Nicht nur zu Zeiten Pythagoras’ oder Caesars. Programmier- und Kodierkenntnisse werden bald nicht mehr nur von Nerds und Geeks verlangt werden, wie ein Blick nach Estland zeigt. Hier sind sie schon heute in vielen „normalen“ Jobs Voraussetzung.

Goethe sagte: „Nichts ist schrecklicher als ein Lehrer, der nicht mehr weiß als das, was die Schüler wissen sollen.“ In Deutschland wissen die Schüler allerdings heute in der Regel schon allein durch Alltagserfahrungen mehr als ihre Lehrer, sind fitter im Umgang mit neuen Medien und zeigen dadurch den Mangel an digitaler Ausbildung direkt auf. Blamabel für eine selbsternannte Dichter- und Denkernation. Doch wäre es falsch den Fehler allein bei den Lehrkräften zu suchen. Dort ist nach einer Studie der Telekom Stiftung von 2015 das Bewusstsein für einen Wandel bereits entstanden. Demnach sehen nur 35,6% der Lehrer die pädagogische Unterstützung in Sachen Computernutzung für ihre Schüler ausreichend und wünschen sich zu 81,5%, dass bereits die Universitäten besser auf einen Einsatz von digitalen Medien im Unterricht vorbereiten sollten. Es reicht also nicht, einfach nur jedem Kind einen Laptop oder ein Tablet in die Hand zu drücken, Mediendidaktik durch kompetente Lehrkräfte ist genauso entscheidend. Doch nicht nur in der Wirtschaft, auch im Bildungssystem mahlen die Mühlen im Bürokratie-Staat Deutschland langsam. Und so produzieren deutsche Bildungseinrichtungen nicht nur wertvolles Wissen sondern v.a. auch viel alten Staub. Es bleibt nur zu hoffen, dass hier bald mehr Schwung in alte Systeme kommt. Sonst wird der deutsche Nachwuchs abgehängt.

Teil 3: Das Recyclingpapier-Monster Beim Thema Digitalisierung sehen wir plötzlich ganz schön angestaubt aus.

Wir sind es gewohnt immer vornedran zu sein. Deutschland ist eines der politisch einflussreichsten Länder Europas, eine wohlhabende Wirtschaftsmacht und ein beliebter Partner für internationale Beziehungen. Beim Thema Digitalisierung sehen wir aber plötzlich ganz schön angestaubt aus. Wie kann das sein?


Im Rathaus von Leipzig herrscht Papierkrieg, so wie in vielen Behörden in Deutschland. Der Leipziger Pressesprecher, Matthias Hasberg, schilderte dies erst kürzlich den Teilnehmern der Bildkorrekturen Konferenz im November 2016. Die üblichen Schauermärchen vom Ämtergang sind hier immer noch Realität. Nummer ziehen, unmenschlich lange Wartezeiten und einschläfernd langsame Bearbeitungswege ­– Beamtenalltag zwischen grauem Recycling-Papier und Yucca-Palmen. Von einem Ende des Gebäudes bis zum anderen kann ein Dokument mit der Hauspost schon einmal Wochen unterwegs sein. Deshalb haben sich die Leipziger ganz ungehorsam Schlupflöcher installiert. Sehr dringende Dokumente werden ausgedruckt, eingescannt und an die entsprechende Stelle als E-Mail Anhang geschickt. Rechtskräftig ist das natürlich alles nicht aber – psssst – immerhin kann es weitergehen, bis die Schriftstücke dann in Originalform nachgeliefert werden. Im Verwaltungsungeheuer Deutschland ganz normaler, abstruser Usus.

Warum machen wir es uns eigentlich so schwer? Wie es leichter gehen kann, zeigen die Esten. Durch die Digitalisierung ihres Staates können sie sich nicht nur viele Behördengänge schenken, sie können sogar die ganze Regierung online wählen. Alles ist hier „e“ oder „i“: e-Cabinet, e-Tax, iVoting, ePrescription. Und in Deutschland? Da überwiegt die Angst vor Datenklau, Missbrauch und Manipulation. Dass diese Ängste nicht ganz unbegründet sind zeigen Beispiele aus dem amerikanischen Alltag und Wahlkampf, wenn Krankenakten zu tausenden gehackt werden oder Präsidentschaftswahlen eine erstaunliche Wende nehmen. Und jetzt? Sollen wir uns als Konsequenz dem allen komplett verschließen und uns für alle Zeiten an vorsintflutartigen Abläufen wie im Rathaus in Leipzig festhalten? Das typisch deutsche Misstrauen und die Zurückhaltung müssen durch eine starke Online-Sicherheitspolitik made in Germany zurückgedrängt werden, damit auch unsere Staats- und Verwaltungsorgane im 21. Jahrhundert ankommen können.

Teil 2: Arrogante Amateure oder schüchterne Schisser? Beim Thema Digitalisierung sehen wir plötzlich ganz schön lahm aus.

Wir sind es gewohnt immer vornedran zu sein. Deutschland ist eines der politisch einflussreichsten Länder Europas, eine wohlhabende Wirtschaftsmacht und ein beliebter Partner für internationale Beziehungen. Beim Thema Digitalisierung sehen wir aber plötzlich ganz schön lahm aus. Wie kann das sein?


In Deutschland stinkt der Fisch nicht nur vom Kopf an. Im Grunde modert es an allen Ecken und Enden. Hier hat sich ein skeptischer und lähmend misstrauischer Umgang mit der Digitalisierung tief in der Gesellschaft verankert und digitale Begriffe sind auch 2016 noch für viele unbekanntes Gewässer. Nur 38% der Bevölkerung können nach einer Studie aus 2016 von TNS Infratest den Begriff „Social Media“ überhaupt beschreiben. Bei Begriffen wie „Internet der Dinge“ oder „Big Data“ liegen die Prozentwerte im einstelligen Bereich.

Deutschland muss sein Selbstbild also dringend korrigieren. In manchen Bereichen mögen wir Vorreiter sein, in anderen sind wir es sicher nicht. Wer zahlt beispielsweise heute bereits mit seinem Handy im Supermarkt? Die wenigsten, obwohl es die Technik NFC nun schon seit Beginn der 2000er gibt. In Afrika dagegen, das von Europa und der ganzen Welt gerne pauschal als der Entwicklungskontinent schlechthin gesehen wird, wird das Mobilfunknetz schon länger nicht mehr nur zum Telefonieren genutzt. Hier kann man Geld via „M-Pesa“ von einem Handy zum anderen verschicken, sich Bargeld aus seinem Mobilfunkguthaben auszahlen lassen oder per SMS bezahlen. In Kenia, wie in anderen afrikanischen Ländern, wurde damit eine große Lücke im Bankensystem geschlossen. Nun können auch Kleinverdiener und Menschen ohne Internetzugang banken. Hat Deutschland mit seinem funktionierenden (Online-)Bankensystem so etwas also nur einfach nicht nötig oder leiten uns vielleicht doch eher irrationale Ängste und fehlendes Vertrauen? Die Logik kann jedenfalls nicht sein: Wer sensible Daten wie Finanzen, persönliche Angaben oder Bilder online speichert und diese dann gestohlen oder missbraucht werden, ist selbst Schuld. Es braucht schlicht und einfach mehr Sicherheit damit Vertrauen entstehen kann. Die Bürger müssen in Deutschland ihre Politik viel stärker zur Verantwortung ziehen damit diese sie ausreichend schützt – egal ob off- oder online.

Vom Analphabetismus zum Bildungsboom? Aufschwung der (digitalen) Bildung in Kenia

Analphabetismus und Bildung in Kenia – Alte Kreiden und überfüllte Klassenräume? Ein genauerer Blick darauf, wie es heute um Schule und Ausbildung in dem afrikanischen Land steht.

Viele von uns checken nach dem Aufstehen als erstes das Smartphone. Was gibt es Neues in der Welt? Hat man eine neue Whatsapp-Nachricht von einem Freund? Fällt die erste Vorlesung vielleicht aus? Welche Busverbindung ist die schnellste wenn es regnet und man nun doch nicht mit dem Fahrrad fahren möchte? Für viele von uns ist das ganz selbstverständlich.

Aber was, wenn man nichts davon verstehen kann?

Die Quote der Analphabeten in Deutschland ist höher als vermutet: Laut einer Studie aus dem Jahr 2011, die vom Bundeministerium für Bildung und Forschung durchgeführt wurde, sind etwa 14 Prozent der deutschen Bevölkerung sogenannte funktionale Analphabeten. Das heißt, dass die schriftsprachliche Kompetenz dieser Erwachsenen niedriger ist, als es minimal erforderlich ist, um den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Laut derselben Studie betrifft Analphabetismus im engeren Sinne jedoch nur etwa vier Prozent der deutschen Bevölkerung.

Ein Blick auf andere Länder zeigt, vielerorts ist die Lage noch schlechter. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung in Kenia sind Analphabeten. Unterschiede sind hier auch zwischen den Geschlechtern auszumachen. Im Jahre 2015 wurde festgehalten, dass 74 Prozent der Frauen lesen und schreiben können. Das heißt ein Viertel der weiblichen kenianischen Bevölkerung ist darauf angewiesen, dass ihnen jemand Texte vorliest, oder dass sie ganz einfach ohne Schrift auskommen müssen. Einkaufslisten? Im Gedächtnis. Die Nachrichten? Bekommt man zum Beispiel von den Nachbarn oder aus dem Radio. Das Radio ist aufgrund der in manchen Gebieten wenig ausgebauten Infrastruktur sowieso das wichtigste Informationsinstrument für die kenianische Bevölkerung. Dieses ist auch das einzige Medium, das sich ohne jegliche Schreib- oder Lesekompetenz problemlos nutzen lässt.

Kenia hat dieses Problem jedoch schon erkannt und vor einigen Jahren eine Schulreform durchgeführt, die die Lage bereits deutlich verbessert hat.

Bildungssystem 8-4-4

Seit der Bildungsreform in den 2000er-Jahren steigt die Zahl der Schüler, die im Anschluss an die Schule Universitäten besuchen rasant an und man kann von einem regelrechten „Hochschul-Bildungsboom“ sprechen. Der Aufschwung beginnt in der rechtlich verankerten „freien und umfassenden Grundschulbildung“, die in staatlichen Kindergärten, Vorschulen und Grundschulen umgesetzt werden soll.

Allgemein ist das Bildungssystem in Kenia nach dem 8-4-4 Prinzip aufgebaut: Acht Jahre Grund- bzw. Gesamtschule (Primary School), vier Jahre weiterführende Schule (Secondary School), vier Jahre Universität oder eine andere Hochschule. Die weiterführenden Schulen können dabei staatlich oder privat geführt sein. Eine weitere Möglichkeit bieten Harambee-Schulen, die keinerlei Zuschüsse seitens der Regierung erhalten.

Aufgrund der häufig schlechten Ausstattung der Schulen müssen die Kinder oft auf Privatschulen ausweichen, um qualitativ hochwertige Bildung zu erhalten. Jedoch muss für Privatschulen, weiterführende Schulen sowie Universitäten Schulgeld bezahlt werden. In vielen Fällen sind die Kosten zu hoch und die Kinder werden nur teilweise oder gar nicht zur Schule geschickt. Ein Teufelskreis aus Armut und Analphabetentum kann entstehen.

Trotz der Widrigkeiten gibt es auch Chancen. Dazu soll die Bildungsreform beitragen: Die Primary und Secondary School bietet neben dem üblichen Fächerspektrum auch technische Grundkurse an. Damit soll sichergestellt werden, dass sich die Schüler auch ohne Besuch einer Universität oder Hochschule beruflich weiterbilden können. Allerdings werden erst auf dieser „späten“ Bildungsstufe auch ausführlichere Kurse mit IT-Bezug angeboten. Viele haben demnach vorher kaum Zugriff auf die digitale Welt.

Digitale Schule auf Rädern

Ohne Abschluss hat man in Deutschland kaum Chancen auf gute Jobs. Warum sollte das in Kenia anders sein? –  Um mehr Chancen zu schaffen und allgemein die „digitale Ausbildung“ der Kenianer zu verbessern gibt es die digitale Schule auf Rädern – den Free Digital Education Bus der Craft Silicon Foundation. Da sich viele nicht einmal ein Busticket leisten können, kommt auf diese Weise der Unterricht zu den Schülern und ist kostenfrei. Der Bus ist mit 32 Computern ausgestattet, die mit Solarenergie betrieben werden. Interessierte können hier unter anderem lernen, wie man surft, Tabellen oder Businesspläne erstellt, scannt und druckt. Anfang September 2016 haben bereits etwa 8000 junge Menschen den Computerbus genutzt und so ihre ersten Schritte in die digitale Welt gemacht. Und die Arbeit trägt Früchte, wie man am Beispiel von Ali Noor sieht: Nach sechswöchigem Basis-Kurs in der digitalen Schule auf Rädern und einem anschließendem sechsmonatigen Graphik-Design Kurs, war er in der Lage sich selbstständig zu machen:

„After graduating with web design and graphic design skills, I started my own business of printing T-shirts and designs on coffee mugs, and brochures’’.

Der Free Digital Education Bus: Die Schüler bekommen Hilfestellung, helfen sich gegenseitig und dürfen sich am Ende über ein Zertifikat freuen.

 

Craft Silicon Foundation

Die Craft Silicon Foundation wurde 2009 gegründet und ist eine non-profit Organisation, die dazu beitragen möchte den digital divide zu überbrücken. Dazu bietet sie kostenlose Trainings für die Verbesserung der digitalen Ausbildung der 18-25 Jährigen in Nairobi (hauptsächlich in dem Slums Kawangware, Kibera, Mathare und Waruku) an. Mit dem mobilen Computerbus ermöglicht die Foundation Zugang zum Internet und lehrt allgemein Kompetenzen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik. Außerdem gibt es komplette Kursprogramme, die mit Examen abgeschlossen und zertifiziert werden können.

Mit ihren Aktivitäten möchte die Craft Silicon Foundation die sozio-ökonomische Entwicklung in Kenia vorantreiben.

 

Die Bildungsreform, der damit verbundene Boom und die bisherigen Erfolge des mobilen Computerbusses illustrieren, dass es durchaus einen Ausweg aus dem Teufelskreis Armut und Analphabetentum geben kann und sich Kenia im digitalen Aufschwung befindet.

Ein Tag im Leben Ein Kenianer auf der Bildkorrekturen Konferenz

Samuel Mwangi als fiktionaler kenianischer Durchschnittsbürger besucht die diesjährige Bildkorrekturen Konferenz und gibt Einblicke in das kenianische Leben mit Bezug zur digitalen Vernetzung.

„WLAN ‚Leipziger‘ – Then continue to browser“

Das liest Samuel Mwangi als erstes, als er am 17. November 2016 den dritten Stock des zeitgenössischen Forums in Leipzig betritt. Er ist hier um die Tagung zum Thema „Bildkorrekturen – Digital Divide“ zu besuchen. In seinem Heimatdorf in Kenia gibt es zwar inzwischen Internet, das auch insgesamt stark im ganzen Land verbreitet ist, aber kostenfreies WLAN gibt es trotzdem nicht so einfach an jeder Ecke.

Samuel sieht im Eingangsbereich direkt viele Menschen, die ihre Smartphones gezückt haben, um diese kostenlos zur Verfügung gestellte Internetverbindung sofort zu nutzen. Samuel kommt aus einem ländlicheren Teil Kenias und besitzt zwar ein Smartphone versucht aber damit möglichst selten ins Internet zu gehen, da dort die Preise dafür noch vergleichsweise astronomisch sind.

Samuel ist schon gespannt auf die erste Bildkorrekturen Keynote. Die ganze Konferenz ist auf Englisch ausgelegt, daher hat er auch keinerlei Probleme dem Programm jeder Zeit zu folgen. In Samuels Heimat ist Englisch eine Amtssprache. Über Übersetzungs- oder Ausdrucksfehler wie sie ab und an auf der Konferenz gemacht werden, kann er daher nur schmunzeln. Zum Beispiel erläutert die Moderatorin der Konferenz, Dr. Julia Schmitt-Thiel bevor die erste Keynote beginnt, einige organisatorische Aspekte. Unter anderem fällt die Devise, „widen your angel of view“. Neben Samuel gibt es noch andere Teilnehmer auf der Konferenz, beispielsweise von der Deutschen Welle Akademie, deren Amtssprache im jeweiligen Heimatland ebenfalls Englisch ist. Daher wird der kleine Fehler bald verbessert.

Zusätzlich dazu wird von Schmitt-Thiel auch die Socialmedia Seite der Konferenz vorgestellt. Es gibt mehrere Hashtags für die Konferenz (#digidev und #bildkorr16) und es wurden auch extra Accounts auf allen gängigen Social Media Plattformen angelegt. Samuel findet es interessant, dass auf Instagram und Twitter extra Accounts angelegt wurden. Denn er persönlich hat weder Twitter noch Instagram.

Die junge Frau, die die erste Keynote hält, Julia Manske, ist älter als er, so wie es fast alle auf der Tagung sind. Samuel ist gerade mal 19. Manske hält einen sehr spannenden Vortrag und spricht viele Punkte an, denen Samuel nur zustimmen kann. Dass es durch M-Pesa beispielsweise viel sicherer für Schulkinder geworden ist, da sie ihre Schulgebühren nicht mehr persönlich an einem bestimmten allseits bekannten Tag mit in ihre Schule bringen müssen. Oder aber, dass der Zugang zu Mobilfunk in Kenia inzwischen sehr gut ist, die Preise für eine Internetverbindung dennoch weiterhin zu teuer sind.

Danach gibt es eine kleine Pause bevor es mit der zweiten Grundsatzrede weitergeht. Ein sogenanntes World Cafe findet statt. Dabei sollen sich die Teilnehmer der Konferenz kennenlernen können, während eine Frage zum Thema „digital divide“ diskutiert wird. Samuel stellt sich an einen der Tische und hört sich die Diskussion zu der Frage „How often do you upgrade your gadgets?“ an. Insgesamt sind sich alle einig, niemand muss sofort das neuste vom neusten haben. Samuel passt also mit seinem nicht gerade brandneuen Smartphone fast schon sehr gut zum Rest der Diskussionsrunde.

Nach dieser kurzen Verschnaufpause spricht Eric Chinje. Er ist in Kamerun geboren und schon seit vielen Jahren im Bereich Medien in ganz Afrika tätig. Außerdem ist er der CEO der African Media Initiative. Chinje überrascht Samuel und den Rest seiner Zuhörer und improvisiert einfach mal eben aus dem Ärmel geschüttelt seinen Vortrag, nachdem seine Notizen sich auf seinem Tablet nicht öffnen lassen.

Ein Tablet hat Samuel nicht, aber er findet, dass Chinje mit einem guten Beispiel vorangeht und zeigt, dass es auch ohne funktionieren kann. Trotz dieser Rückkehr ins Analogzeitalter, geht immer noch vieles Digitale im Hintergrund von statten. Auf Instagram und Twitter werden Chinje und seine Keynote noch während des Haltens mehrmals verlinkt und erwähnt. Samuel überlegt sich deshalb ob es nicht doch langsam Zeit wird sich einen Twitteraccount zuzulegen.

Danach machen sich die Konferenzteilnehmer gesammelt auf den Weg zum Leipziger Rathaus. Dort gibt es eine Podiumsdiskussion, die unglücklicherweise für Samuel auf Deutsch gehalten wird. Jedoch wird auch eine Simultanübersetzung für die Englischsprechenden Konferenzteilnehmer angeboten, so dass Samuel die Diskussion trotzdem verfolgen kann.

Es geschieht während der Diskussion wie auch den Rest der Konferenz über vieles gleichzeitig. Einige Studierende der Deutsche Welle Akademie streamen die Podiumsdiskussion live auf der Facebook Seite von Bildkorrekturen. Das bekommt Samuel aber nur durch einige andere anwesende Zuhörer mit, da er zwar einen Facebook Account hat, aber mit seinem Handy wegen den entstehenden Kosten nicht darauf zugreifen will.

Der erste Tag der Bildkorrekturen Konferenz neigt sich dem Ende zu. Samuel fand diesen ersten der drei geplanten Tage unglaublich anregend und er konnte viele neue Eindrücke und Erfahrungen sammeln. Mit freudiger Erwartung auf die nächsten zwei Tage geht er am Abend in sein Bett und ist sich sicher, dass er noch viele weitere interessante Erlebnisse und Möglichkeiten vor sich hat, sich neues Wissen anzueignen. Vielleicht ist es neben Twitter auch an der Zeit sich einen Instagram Account zu holen um das meiste aus der Konferenz und deren vorbildlicher Social Media Präsenz herauszuholen.

Kenia am Scheideweg – Demokratie unter Beobachtung

2007 Präsidentschafts- und Parlamentswahlen und im Anschluss bürgerkriegsähnliche Zustände mit tausenden Toten; 2013 Wahlen unter Beobachtung mit knappem Ausgang, aber weitgehender Akzeptanz. Daher lautet wohl die entscheidende Frage für Kenia und seine Demokratie: Was geschieht 2017, wenn im August die nächsten Präsidentschafts- und County-Wahlen anstehen?

Mitte des Jahres 2016 waren die deutschen Medien voll von Berichten über Proteste und (Polizei-)Gewalt in Kenia. Die Auseinandersetzungen führte Raila Odinga, Ex-Ministerpräsident und Oppositionsführer, an. Er prangerte schon zu diesem frühen Zeitpunkt Wahlbetrug an. Seine Kritik entlud sich an der Zusammensetzung der Wahlkommission IEC, die angeblich der regierenden Jubilee Party nahe stehe.

Die Berichte in den hiesigen Medien darüber ebbten allerdings schnell wieder ab. Wo steht Kenia also ein halbes Jahr vor den Wahlen und wie schaut seine demokratische Verfasstheit aus?

Hier lohnt zunächst ein Blick in die jüngere (politische) Vergangenheit:

1963 - 1991

Am 12. Dezember 1961 erlangte Kenia seine Unabhängigkeit von Großbritannien. Vorangegangen war ein gewaltsamer Freiheitskampf, der mindestens 100.000 Tote forderte. Die Unabhängikeitsbewegung ist eng mit dem Namen Jomo Kenyatta verbunden. Er wurde kurze Zeit später der erste Präsident des Landes.

De facto war Kenia seit jeher ein Einparteienstaat. Die Kenyan National Union (KANU) sollte knapp 40 Jahre die Politik des Landes bestimmen. Sie ist allerdings keine Partei in unserem Sinne: Sie hält keine regelmäßigen Parteiversammlungen ab und ist nur der Exekutive unterstellt.

Auch wenn es eine freie Presse und relativ offene Debatten im Parlament gab, entlud sich die Kritik vor allem an Kenyattas kompromisslosem Umgang mit politischer Gegnerschaft. Oginga Odinga (Vize-Präsident und Generalsekretär der KANU) beispielsweise kritisierte die westliche Einstellung und den Kapitalismus des Landes und gründete eine neue Partei, die Kenya People’s Union (KPU). Diese wurde nach ersten Erfolgen von Kenyatta sofort verboten.

Nach Kenyattas Tod 1978 übernahm verfassungsgemäß Vizepräsident Daniel arap Moi, der Nachfolger Odingas, die Macht. Er bemühte sich zunächst darum, viele der Repressalien Kenyattas rückgängig zu machen, entließ zahlreiche Gefangene und intensivierte die Bemühungen um die Korruptionsbekämpfung. Als Odinga erneut den Versuch einer Parteigründung unternahm, reagierte Moi wie sein Vorgänger und ging noch einen Schritt weiter: Er erließ im Mai 1982 ein Parteienverbot, das Kenia nun auch de iure zu einem Einparteienstaat machte. Vor allem in Folge eines gescheiterten Putschversuches von Luftwaffenoffizieren im August desselben Jahres weitete Moi die Repressionen und Verfolgung politischer Gegner aus. Freie Debatte im Parlament wurde erstickt, es fungierte lediglich noch dazu, Mois Gesetzesvorhaben zu bestätigen. Seine Regierungsweise – und meist auch die Kenyattas – können daher als autokratisch bis diktatorisch bezeichnet werden, beide blieben aber loyal zum Westen.

Ab 1990 führte zunehmender Druck aus dem Ausland (anfangs v.a. Norwegens, dann der USA, Kanadas, Großbritanniens, der Niederlande, Japans und Deutschlands und auch der Weltbank) mit Forderungen nach Beendigung von Korruption und Autokratie dazu, dass die KANU am 3. Dezember 1991 auf einem Sonderparteitag beschloss, das Gesetz zum Einparteienstaat abzuschaffen.

1992 - 2006

Die Hoffnung auf Veränderung und weitere Demokratisierung des Landes keimte auf, als 1992 für die Wahlen wieder mehr als eine Partei zugelassen wurde.

Diese werden allgemein allerdings nicht als frei und fair betrachtet. Vor allem wurde die Wählerregistrierung von der Regierung manipuliert und Gewalt gegen die Opposition verübt. Hinzu kamen parteiische Medien, Unregelmäßigkeiten in Wahllokalen und bei der Stimmenauszählung sowie Wahlgesetze, die Mois Partei und ihn selbst begünstigten. So konnte er seine Präsidentschaft verteidigen. Die Opposition wollte dies noch anfechten, doch das Ausland drängte dazu, die angeheizte Lage nicht weiter zu verschärfen.

In der Folgezeit kam es zur Gründung neuer Parteien: zum Beispiel die FORD-Kenya (Forum for the Restoration of Democracy–Kenya) von Kenneth Matiba und Odinga. Hier führten aber Konflikte zum Auseinanderdriften in FORD-Asili („Wahre Herkunft“) um Matiba und FORD-Kenya um Odinga. Nach dessen Tod 1994 spaltete sich letztere weiter auf. Den Streitereien lag zumeist die ethnische Vielfältigkeit des Landes zugrunde; jede Ethnie beanspruchte die Führung(sposten).  Außerdem gründete sich die Democratic Party of Kenya (DP) um Ex-Vizepräsident und Ex-KANU-Mitglied Mwai Kibaki, welche eher regierungsnah einzustufen ist.

Diese zerstrittene und zersplitterte Opposition ermöglichte die Wiederwahl Mois. Erstmals seit der Kenyatta-Ära gab es nun Kritik im Parlament an Ministerien, Etats und der Arbeit der Regierung ohne danach Repressionen befürchten zu müssen. Das Parlament verharrte dennoch weiterhin in einer schwachen Position gegenüber einem starken Präsidenten. Eine lebendige und engagierte Medienlandschaft und aktive soziale Organisationen sorgten dafür, dass das Regime unter Beobachtung stand.

Eine kurz vor den Wahlen 1997 beschlossene minimale Verfassungsreform wurde nicht mehr gänzlich umgesetzt. Daher war die Wahlkommission sichtlich überfordert und klagte über zu wenig Personal für Durchführung der Wahlen. Die Wählerregistrierung war wieder unfair ausgestaltet, die öffentlich-rechtlichen Medien blieben einseitig, andere Journalisten wurden vielerorts bedroht. Auch hier kann man noch nicht von freien und fairen Wahlen sprechen, auch wenn es merklich zu einer Verbesserung gegenüber den Wahlen davor gekommen war. Moi erhielt rund 40% der Stimmen, Kibaki von der DP kam auf 31%, Raila Odinga (genannt Raila, Sohn Oginga Odingas, trat mit der National Democratic Party (NDP) an, einer Abspaltung der FORD-K) auf knapp 11%. Die KANU erhielt dank eines für sie günstigen Zuschnitts der Wahlbezirke 113 gegenüber 109 Sitzen der Opposition.

Schon 1992 war es infolge der Wahlen zu Ausschreitungen gekommen. Auch 1997 waren sogenannte Ethnic clashes zu konstatieren.

Präsident Moi band Raila und NDP nach den Wahlen in einer Koalition ein – inklusive Ministerposten. Die Folgezeit war geprägt von der Diskussion um eine Verfassungsreform, die aber vor den nächsten Wahlen nicht umgesetzt werden sollte.

2002 fusionierte Railas Partei mit der KANU, dessen Generalsekretär er daraufhin wurde. Für die Wahlen 2003 machte Moi im Alleingang Uhuru Kenyatta, den Sohn Jomo Kenyattas und einen der Vize-Parteivorsitzenden, zum Kandidaten für das Präsidentschaftsamt. Moi durfte nicht mehr kandidieren (seit 1992 ist nur noch eine Wiederwahl des Präsidenten möglich). Deshalb verließen Raila und Moi-Gegner die KANU und gründeten die LDP (Liberal Democratic Party).

Diesmal einigte sich die Opposition auf einen gemeinsamen Kandidaten für die Wahlen 2002 und gründete die National Alliance of Kenya (NAK), deren Kandidat Kibaki wurde. Auch die LDP und NAK gingen eine Kooperation ein und bildeten die NARC (National Alliance Rainbow Coalition). Kibaki blieb Kandidat, Wamalwa sollte Vize-Präsident werden und Raila Premierminister, ein Amt, das mit der angestrebten Verfassungsreform wiedereingeführt werden sollte.

Es kam zum Regierungswechsel 2002: Mwai Kibaki holte die absolute Mehrheit mit 62,6% der Stimmen. Die Koalition NARC erhielt 125 Sitze, 64 gingen an KANU. Der Machtwechsel vollzog sich friedlich. Damit gingen 40 Jahre KANU-Herrschaft zu Ende.

Bereits in den ersten 100 Tagen wurden Reformen verabschiedet, zahlreiche Entlassungen von dienstalten Funktionären im Staatsdienst vorgenommen und Korruptionsbekämpfung in Angriff genommen. Die Antikorruptionsbemühungen kamen allerdings aufgrund zahlreicher Skandale um die Minister, die sich selbst beziehungsweise ihre eigenen Firmen mit lukrativen Staatsaufträgen versahen, schnell zum Stocken. Der von der Regierung befürwortete und von Raila und seiner LDP sowie von KANU abgelehnte Verfassungsänderungsentwurf mit einem Premierminister ohne Kompetenzen und einer intendierten Dezentralisierung wurde in einem Referendum 2005 mit knapp 57% der Stimmen abgewiesen. Daraufhin entließ Kibaki sein Kabinett. Die LDP und Raila wurden nun gänzlich ausgeschlossen. Das Kabinett wurde weiter auf 34 Minister und 49 Assistenten aufgebläht, um auch bündnisinterne Kritiker zu beschwichtigen.

Das aus dem Verfassungsreferendum siegreich hervorgegangene Bündnis gründete zunächst die Orange Democratic Movement-Kenya (ODM-K). KANU verließ allerdings das Bündnis schnell, die ODM-Bewegung verblieb unter der Führung Railas. Kibaki trat entgegen älterer Versprechungen für die Wahlen 2007 noch einmal an. Kibakis-Angänger formierten sich hinter NARC-K(enya). NARC-K und KANU bildeten die Party of National Unity (PNU).

Damit waren die Reformvorhaben um eine neue Verfassung vorerst gescheitert und es kam zu keinerlei Änderungen.

Seit 2007

Umfragen sahen vor der Wahl 2007 zunächst Raila und die ODM als klaren Wahlsieger, nachdem auch prominente Minister der Regierung der ODM beigetreten waren. Kibakis Wahlkampf ließ den Vorsprung aber schmelzen. Er ernannte außerdem 19 der 22 Mitglieder der Wahlkommission ohne weitere Absprachen der dafür vorgesehenen interparlamentarischen Parteiengruppe. Zusätzlich setzte er sechs neue Richter zwei Tage vor der Wahl ein, nutzte außerdem Staatsgelder für den eigenen Wahlkampf und verschaffte sich so Vorteile. Die Presse berichtete weitgehend ausgewogen, nur die öffentlich-rechtlichen Medien verblieben regierungsfreundlich beziehungsweise -unterstützend.

Die Wahlkommission war besser vorbereitet als 2002. Die Stimmabgabe selbst erfolgte geregelt. Hoher Andrang sorgte für längere Öffnungszeiten der Wahllokale und dafür, dass sich die Auszählung bis in den nächsten Morgen hineinzog. Die Wahlkommission hielt sich nicht an den abgesprochenen Modus der transparenten Auszählungsmethode. Deshalb bemängelte die Opposition früh Manipulationen. Kibaki wurde als Wahlsieger verkündet und bereits eine Stunde später am 30. Dezember 2007 vereidigt. Die Proteste begannen schon am Vortag der Ergebnisverkündigung, da diese so lange auf sich warten ließ.

Daraufhin brachen Aufstände im ganzen Land los, innerhalb eines Tages mussten über hunderte Tote beklagt werden. Kenia war am Rande eines Bürgerkriegs: Tausende flohen. Es kam zu Ethnic Clashes, Brandschatzungen, Vergewaltigungen von Frauen und Kindern. Die Polizei blieb meist machtlos und ergriff häufig vor Ort Partei für eine von beiden Seiten. Alte Landforderungen und Streitigkeiten brachen wieder offen aus. Insgesamt zählte man über 1100 Tote, 117.000 zerstörte Privatgrundstücke und 350.000 Vertriebene.

Ex-UN-Generalsekretär Kofi Annan vermittelte monatelang zwischen Raila und Kibaki, bis diese sich auf die Bildung einer Regierung unter Kibaki mit ODM-Beteiligung und Raila als Premierminister einigen konnten. Das Kabinett umfasste summa summarum 43 Ministerinnen und Minister und 54 Staatssekretäre.

Die Ursachen für die Ausschreitungen lassen sich durch uralte ungeklärte Landkonflikte, schwache Institutionen, anhaltende ethnische Spannungen und das Machtstreben einzelner Politiker (unter anderem Kibakis) erklären. Auslöser waren Wahlfälschungen, die auf beiden Seiten begangen wurden.

Die große Koalition hielt bis zum Ende der Legislaturperiode, in deren Zentrum nun eine Verfassungsreform stand. Für diese stimmten über 68% der Kenianerinnen und Kenianer in einem Referendum bei einer hohen Wahlbeteiligung von 71%. Hauptaspekte der Reform waren die Stärkung des Parlaments und eine konsequente Dezentralisierung, die Beschneidung der Machtfülle des Präsidenten, bessere Repräsentanz von Frauen, eine Justizreform und eine neue Staatsaufbaustruktur (aus 100 Distrikten wurden 42 Counties, die jeweils einen Vertreter in den neu geschaffenen Senat, die zweite Kammer des Parlaments, entsenden). Das Rechtssystem wurde an das Britische angelehnt. Geprägt ist es aber auch von afrikanischen Traditionen. In islamisch dominierten Gebieten gilt zum Teil auch Schariarecht.

Für die Wahlen 2013 formten Uhuru Kenyatta und William Ruto, mehrfacher Minister unter Kibaki bis dieser ihn 2011 seines Amtes enthob, mit der Jubilee-Koalition ein Bündnis aus TNA (The National Alliance, Kenyattas Partei), URP (United Republican Party, Rutos Party) und der UDF (United Democratic Forum Party). Kenyatta wurde als Präsidentschaftskandidat bestimmt. Auf der anderen Seite formierten sich hinter Spitzenkandidat Raila die “Coalition for Reforms and Democracy“ (CORD) aus ODM, Wiper Party, FORD-K und der Federal Party of Kenya.

2013 waren die ersten Wahlen nach neuer Verfassung. Sie brachten eine historisch hohe Wahlbeteiligung von 86% mit sich. Nur vereinzelt wurden Gewaltausbrüche gemeldet. Hauptsächlich blieb es friedlich im Land. Dennoch kam es zu Problemen: technische Ausfälle der elektronischen Wähleridentifizierung machten den Rückgriff auf manuelle Wahlregister notwendig. Auch die elektronische Übertragung der Ergebnisse funktionierte nicht. So waren schnell Erinnerungen an die Wahl 2007 präsent. Mit nur knapp über 50% wurde Kenyatta zum Wahlsieger ausgerufen, Raila kam auf rund 43%. Eine Klage des Unterlegenen wegen Wahlbetrugs wurde vom Obersten Gericht abgewiesen. Raila akzeptierte das Urteil. Für 2013 gab es wohl mehrere Faktoren, die die Wahl haben friedlich ablaufen lassen: ein neuer Polizeichef, ein anerkannter Oberster Richter, Druck aus dem Ausland und die neue Wahlkommission.

 

Kenia am Scheideweg? – Das Wahljahr 2017

Die Jubilee Allianz ist seit letztem Jahr keine Koalition mehr, sondern eine Partei. Der Zusammenschluss hielt bis heute. Das Gespann Kenyatta/Ruto wird aller Voraussicht nach wieder kandidieren. Auf der anderen Seite schien zunächst der mittlerweile 71-jährige Raila Odinga wohl für die CORD–Koalition um die Macht im Lande ins Rennen geschickt zu werden. Doch inzwischen melden auch der Minderheitsführer im Senat, Moses Wetangula, und der Vizevorsitzende der CORD, Stephen Kalonzo Musyoka, Ansprüche auf eine Kandidatur an.

Schon Mitte des vergangenen Jahres machte die Wahl Schlagzeilen, als es Proteste und Ausschreitungen – angeführt von Raila Odinga– wegen der Zusammensetzung der Wahlkommission gab.

Niko Wald, Podiumsgast des Kenia-Panels der Bildkorrekturen-Tagung, Journalist, Politikwissenschaftler und 2013 als Wahlbeobachter für „Brot für die Welt in Kenia“, möchte kein düsteres Bild über Kenia und die bevorstehenden Wahlen zeichnen: Die Diskussion um die Zusammensetzung der Wahlkommission zeige, „dass die Menschen in Kenia sehr großen Anteil an den Wahlen nähmen, sich um die Abstimmung sorgten und partizipieren wollten. Das sehe ich als positives Zeichen.“ Für Wald ist Kenias starke Zivilgesellschaft eine Stärke: „Nach meiner Erfahrung wollen die Menschen am politischen Prozess teilnehmen und partizipieren. Das zeigte auch die hohe Wahlbeteiligung 2013. Es gibt eine Zivilgesellschaft, die sich stark dafür einsetzt, dass es Wahlen mit einem glaubwürdigen Ergebnis gibt. Das ist schon einmal eine sehr wichtige Voraussetzung.“ Trotzdem stehe das ostafrikanische Land auch vor Schwierigkeiten: „Typisch für einen Staat, der aus der Kolonialisierung hervorgegangen ist – was auch mit einer relativ willkürlichen Grenzziehung verbunden war – ist, dass es zum Beispiel vergleichsweise viele Communities gibt und dass viele verschiedene Sprachen gesprochen werden. Das heißt, es gibt besondere Herausforderungen, wenn es um Nation-Building geht, um Wahlen und um die Frage, was Menschen als glaubwürdiges Ergebnis einer Abstimmung empfinden.“

Auch Wilson Ugangu, ebenfalls Podiumsgast auf der Leipziger Tagung, Dozent und stellvertretender Dekan der Fakultät „Media & Communication Studies“ der Multimedia University of Nairobi, sorgt sich um ein als glaubwürdig empfundenes Ergebnis der Wahlen im August, denn die Ereignisse im letzten Jahr seien keine guten Vorzeichen. „Die Wahlen 2007 sind eine offene Wunde in unserer Geschichte. Es gibt sichtbare Anzeichen dafür, dass auch die Wahlen 2017 umstritten sein werden.“ Damit spielt Ugangu nicht nur auf die Proteste 2016 an, sondern meint auch die aktuelle Debatte um die Wählerregistrierung. Regierung und Opposition hatten sich bereits auf einen Kompromiss geeinigt, doch da die Regierung in letzter Minute noch weitere Änderungen einbrachte, kam es zum Jahreswechsel im Parlament zu heftigen, teils auch körperlichen Auseinandersetzungen. „Im Moment geht es um ein glaubwürdiges System der Abstimmung und der Übermittlung von Ergebnissen, das die Integrität des Wahlprozesses gewährleistet“, sagt Ugangu. „Wenn dies nicht garantiert ist, dann wird das Schreckgespenst der Gewalt allgegenwärtig bleiben.“ Während die Opposition auf ein elektronisches System der Wählerregistrierung und Ergebnisübermittlung insistiert, favorisiert Jubilee ein manuelles System. Diese wurden in der Vergangenheit allerdings bereits zu Manipulationen genutzt. Ugangu betont: „Die kenianische Öffentlichkeit erwartet jedoch ein Wahlsystem, das dafür sorgt, dass diejenigen, die verlieren, das auf faire Art und Weise tun, ebenso wie diejenigen, die gewinnen.“ Die Vergangenheit habe gezeigt, dass gerade die Manipulationsanfälligkeit zu Gewalt geführt habe. Die politischen Lager müssen also dringend zu einer parteiübergreifenden Lösung kommen. Nur so können die Hoffnungen auf friedliche Wahlen im August dieses Jahres verwirklicht werden.

An gewaltsamen Auseinandersetzungen, wie vor 10 Jahren, könnte die Demokratie des Landes und Kenia selbst zerbrechen. Im Moment scheint sie auf wackeligen Beinen zu stehen.

 

Wie weit würdest du gehen, um zu überleben?

Es gibt eine Menge Computerspiele, die sich mit dem Thema Krieg beschäftigen. Doch This War of Mine sticht ganz klar aus der Masse heraus, weil es eben kein Spiel ist, in dem der Held sich mit einer Maschinenpistole bewaffnet und Schlacht um Schlacht gewinnt. Das PC-Spiel , das am 14. November 2014 von 11 Bit Studios veröffentlicht wurde, beschäftigt sich mit den Opfern des Krieges. Das einzige Ziel ist es, am nächsten Tag noch am Leben zu sein. Im Verlauf wird der Spieler ständig mit Extremsituationen konfrontiert und stellt sich dabei moralischen Fragen. „Wie weit würdest du gehen, um zu überleben? Würdest du jemanden töten, wenn du am Verhungern bist?“ sagt Spielentwickler Pavel Miechowski. Es gibt keinen Gewinner, es geht um die pure Vermittlung des alltäglichen Leids.

 

Was kann ein Spiel wie This War of Mine bewirken?

Konflikte im Nahen Osten, wie beispielsweise der Syrien-Krieg, oder aber auch die sogenannte Flüchtlingskrise zeigen, dass das 2014 erschienene Spiel nicht an Aktualität verloren hat. Angesichts der aktuellen politischen Lage ist es sogar wichtiger denn je, sich zu fragen, wie man selbst in einer Krisensituation handeln würde und wie weit man gehen würde, um sein Leben zu retten. Im Folgenden gehen wir der Frage nach, ob das Spiel seinen Ansprüchen gerecht wird und ob es wirklich funktioniert, sich auf diese Weise dem Leid in Kriegsgebieten anzunähern. Können Spiele wie „This War of Mine“ einen authentischen Eindruck vom Leid der Menschen vermitteln? Und dürfen sie das? All diese Fragen sollen in Form von kleinen Let’s Plays und mit Hilfe von verschiedenen Experten beleuchtet werden.

 

Wie sieht das Spiel aus?

Das Spiel des polnischen Entwicklerstudios 11-Bit spielt in einem fiktiven Bürgerkrieg, der optisch an den Balkankonflikt erinnert. Wo genau dieser fiktive Krieg stattfindet ist aber nebensächlich.

In „This War of Mine“ steuert man nicht wie in anderen Simulationen Soldaten, sondern eine kleine Gruppeeinfacher Bürger, die versuchen in der vom Krieg verheerten Stadt zu überleben. Dazu suchen sie Nachts in Ruinen und auch bewohnten Gegenden nach Nahrung und anderen Materialien, mit den Sie ihren Unterschlupf aufwerten können. Zum Überleben sind zunächst einfach Dinge überlebenswichtig, wie etwa ein einfacher Herd oder eine Werkbank, um aus dem zerstörten Unterschlupf eine lebenswürdige Behausung zu schaffen. Eine kleine Entfremdung entsteht dabei durch die 2,5 Dimensionen des Spiels, also eine Draufsicht von der Seite mit angedeuteter Tiefe.

Es bleibt dem Spieler überlassen, ob die Figuren moralisch handeln (nur herrenlose Materialien oder Mittel der Armee einsammeln, anderen Leuten helfen, usw.) oder ob sie stehlen oder gar wehrlose Menschen töten. Verwerfliche Taten wie Diebstahl oder Mord aber auch einfach nur Hunger beeinflussen die Psyche der Charaktere. Das kann von Niedergeschlagenheit bis zu lähmenden Depressionen gehen. Im Zuge des Spiels wird der Spieler mit Gräueltaten, also dem Alltag des Krieges konfrontiert: Vergewaltigungen seitens des Militärs, Übergriffe anderer Zivilisten, Menschen die Nahrung oder Medizin brauchen.

Nach dem Ablauf einer zufälligen Zeitspanne gibt es einen Waffenstillstand, der das Spiel beendet. Bis dahin können jedoch mehrere Monate (mehrere reale Tage Spielzeit) vergehen. Meistens müssen sich die Spieler irgendwann der Entscheidung stellen, ob sie zum Wohl ihrer eigenen kleinen Gemeinschaft anderen schaden oder ihre Charaktere leiden lassen. Nach und nach erfährt man zudem mehr über die Hintergründe der eigenen Charaktere, was die Bindung zwischen Spieler und Figur stärkt und so die Gräuel des Krieges erfahrbar macht.

Die düstere Farbgestaltung der Spielwelt, die elegische Musik sowie der fast permanente sonorisch-dröhnende Hall von Kanonen vergegenwärtigen dem Spieler die Aussichtslosigkeit der Situation.

 

Die Spieler stellen sich vor

Bevor wir angefangen haben, This War of Mine zu spielen, haben wir unsere Erwartungen an das Spiel in kurzen Vorstellungsvideos festgehalten. Unser abschließendes Urteil gibt es ebenfalls in Videoform.

 

Kahwe - konzeptloser Kämpfer

Tag 12: Verluste

Ich startete ziemlich enthusiastisch in das Spiel. Als geübter Spieler bekannter Strategiesimulationen bin ich guter Dinge an die „Arbeit“ gegangen und begann in den ersten Tagen, unserer Behausung auf Vordermann zu bringen. Die jeweiligen Arbeitsprozesse teilte ich nach den Stärken und Schwächen meiner drei Spielhelden ein. Während Katia eine exzellente Händlerin abgab, die unser erbeutetes Gut gewinnbringend verscherbeln konnte, stand der gelernte Koch Bruno meist in der Küche, während Pavle schlief, weil ich ihn nachts regelmäßig auf Beutezug schickte.

Pavle ist für mich ein impulsiver, gutherziger Charakter, der stets versucht Schwächere zu beschützen. Einige Tage zuvor half er einer hilfesuchenden Frau auf der Suche nach ihren Verwandten. Die letzten Vorräte gab er einem hungrigen Kind, das seine kranke Mutter versorgen musste… Wir waren brotlos, aber optimistisch. Pavle erwies sich stets als zuverlässiger Plünderer, der die Leidens-WG am nächsten Tag mit wertvollen Vorräten beglückte.

Der zwölfte Tag begann – wie alle Tage zuvor – aus einer bedrückenden Mischung aus Optimismus und Verzweiflung. Der Supermarkt im Norden der Stadt versprach gute Beute, also entschloss ich mich, Pavle erneut auf nächtlichen Beutezug zu schicken…

Tag 17: Ein jähes Ende?

Nur noch zu zweit kämpften Katia und Bruno im zerbombten Pogoren ums Überleben. Der frühe und überraschende Tod unseres Freundes Pavle brachte das gesamte Versorgungssystem ins Wanken. Seit dem dreizehnten Tag mussten sich Katia und Bruno abwechselnd auf Beutezug begeben, während der/die andere Wache hielt. Schlafmangel, Hunger und Verzweiflung machten sich breit. Während Bruno immer einsilbiger wurde, trauerte Katia nun alleine um Pavle.

Das Duo konzentrierte sich in den nächsten Tagen auf das Wesentlichste. An Verschönerungen oder Verbesserungen am Haus war nicht mehr zu denken. Die Beschaffung von Essbarem um jeden Preis hatte Priorität. Bei einem der Beutezüge verletzte sich Bruno so schwer, dass ich gezwungen war, ihn Medikamente aus dem überfüllten Krankenhaus zu stehlen. Im Nachhinein eine folgenschwere Entscheidung. Ab sofort wurde auf uns geschossen, sobald wir in Sichtweite des städtischen Hospitals auftauchten.

Der verletzte Bruno war keine Hilfe mehr für uns und blieb für die nächsten Tage im Bett. Nur fürs Kochen scheuchte ich ihn hin und wieder auf, damit er aus Katias karger Beute etwas Nahrhaftes zaubern konnte. Als Katia in der 16. Nacht auch noch verletzt wurde, während sie ein Wohnhaus ausraubte und mit leeren Händen nach Hause zurückkehrte, war von meinem anfänglichen Optimismus nichts mehr zu spüren. Katia stand kurz vor dem Hungertod…

Nacht 17: Alle Prinzipien über Bord geworfen

Nachdem Bruno und die völlig erschöpfte Katia die letzten Reserven aufgebraucht haben, hatte ich all meine Vorsätze über Bord geworfen. Vorbei war es mit dem offensiv-impulsiven Spielmodus. Ich wollte nur noch, dass meine beiden Figuren diesen furchtbaren Krieg überleben sollten.

Während Katia ihre Verletzungen auskurierte, schickte ich Bruno los, um lebendig begrabende Menschen aus einem verschütteten Haus zu befreien. War das aus Nächstenliebe? Oder eher die Hoffnung dort etwas Essbares zu finden? Oder wollte ich kurz vor meinem Tod nicht als Krankenhausdieb in Erinnerung bleiben….

Bruno kam mit leeren Händen zurück. Katia lag noch im Bett. Die omnipräsente Verzweiflung machte mir die Entscheidung sehr leicht in das Haus eines alten Ehepaars einzusteigen, um deren Vorräte zu stehlen. Der ultimativen Naturzustand war ausgebrochen…

Sarah - stille Solokämpferin

Tag 1: Das Grau(en) des Krieges

Schon das Startmenü von This War of Mine ist ziemlich beeindruckend. Diese Optik wird sich fortan durch mein Spiel ziehen: Zerbombte Häuser, herumliegende Trümmerteile, Überbleibsel besserer Tage. Obwohl ich die Atmosphäre sehr stark finde, habe ich gleich zu Beginn so meine Probleme mit dem Spiel. Dadurch, dass die Ansicht das komplette Haus zeigt, sind die Charaktere sehr klein und gehen beinahe unter. Mimik, Gestik oder sonst etwas Menschliches, das sie mir ein Stück weit näher bringen könnte, kann ich nicht erkennen. Vielleicht auch nicht unbedingt schlecht, denn so kommt das Grauen des Krieges nicht noch näher an mich als Spieler heran. Und ich kann mich ganz meinem Ziel widmen: Einfach irgendwie überleben, ohne mich zu sehr ins Geschehen hereinziehen zu lassen…

Tag 5: Unverhoffte Hilfe

Bisher bin ich wirklich sehr vorsichtig auf meinen nächtlichen Plünderzügen vorgegangen, weshalb mir in erster Linie Lebensmittel und Medizin fehlen. Meinen ersten Beutezug mit Pavle habe ich abgebrochen, weil in dem Wohnhaus noch zwei Menschen waren und ich nicht riskieren wollte, dass die Situation eskaliert. Nachts wurde mein Unterschlupf bereits mehrfach von Räuberbanden überfallen, da ich keine Vorkehrungen gegen Einbrecher getroffen habe. Am Tag 5 klopft es an meiner Tür. Dieses Mal ist es kein Tauschhändler, der dort steht, sondern mein Nachbar, der mir Hilfe anbietet. Ich bin froh, endlich Nahrungsmittel zu bekommen. Lange hätten meine Leute es auch ohne nicht mehr ausgehalten.

Nacht 5: Plündern oder geplündert werden, das ist hier die Frage

In der fünften Nacht steige ich mit Bruno in ein Reisebüro ein. Dort entdecke ich zum Glück ein paar Lebensmittel, die ich immer noch sehr gut gebrauchen kann. Ich befinde mich gewissermaßen in einer Zwickmühle: Ich muss nächtlich neue Güter heranschaffen, laufe aber parallel Gefahr, dass mein eigener Unterschlupf von anderen Plünderern ausgeraubt wird. Dafür lohnt sich aber der Besuch im Reisebüro und ich nehme einiges mit. Einziges Problem dabei: Bruno wird angegriffen und verletzt, da er zuvor an Privatbesitz gegangen ist.

Tag 14/Nacht 14: Der letzte Überlebende

In den letzten Tagen habe ich mich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Am Tag 10 hat es an meiner Tür geklopft und meine Nachbarn haben mich um Hilfe gebeten. Obwohl sie mich zuvor selbst unterstützt hatten, musste ich sie zurückweisen. Bruno hat sich bei dem Angriff im Reisebüro nämlich doch schwerer verletzt als angenommen. In der Nacht 12 ist er an seinen Verletzungen gestorben, da mein Medizin-Vorrat zu klein war.  Auch Marko hat es in der Nacht 13 erwischt, sodass ich mich ab Tag 14 mit Pavle als Einzelkämpfer durchschlage. Das Traurige daran: Alles funktioniert besser als zuvor mit drei Charakteren.

Tag 23: Versagt

Eigentlich war es bis zum Ende hin ein Leichtes, sich allein durchzuschlagen. Die Plünderzüge in der Nacht waren gefühlt erfolgreicher, da das gefundene Essen nur noch für Pavle benötigt wurde. Das einzige Problem bestand darin, dass er tagsüber Schlaf nachholen musste und deshalb weniger im Unterschlupf bauen konnte. Jegliches Klopfen an der Tür habe ich aus dem Grund auch ignoriert. Am Tag 22 konnte ich Pavle nicht mehr steuern, da er am Boden zerstört gewesen ist. Die Plünderzüge und der nicht aufhören wollende Krieg haben ihm zu stark zugesetzt. Einen Tag später erhängt er sich…

Elena - ehrgeizige Erntediebin

Nacht 4: Gold verliert schnell seinen Glanz

Heute Nacht muss ich Zlata raus schicken, Pavle ist etwas angeschlagen. Er muss sich ausruhen. Zlata kann zumindest genauso viel tragen, wie er. Anton und Cveta halten Wache, Pavle braucht Schlaf. Gut, dass sie zumindest Betten haben.

Sie brauchen Essen, da wird es nötig sein, in die Autowerkstatt zu gehen. Pavle war schon mal dort. Da lebt noch ein junger Mann mit seinem kranken Vater. Er ist bereit gewisse Sachen für Medikamente zu tauschen. Aber ich habe gerade keine Medikamente da. Ich lasse Zlata einpaar Heilpflanzen mitnehmen, vielleicht kann sie dafür etwas zum Essen bekommen.

Sie ist kein Kämpfer, aber alles lasse ich auch nicht mit ihr machen. Für die Heilpflanzen will der junge Mann nicht mal eine Konserve Essen rausrücken. Und selbst die Waffenteile, die ich ihm für die Kräuter abgenommen habe, hat er nur begrenzt rausgerückt. Ich hätte drei Waffenteile gebraucht. Bekommen habe ich aber nur zwei. Damit kann ich zwar nicht viel basteln, aber es ist ein Anfang. Vielleicht finde ich bei einem nächsten Beutegang noch einpaar, mit denen ich dann endlich eine ordentliche Waffe bauen kann.

Der Vater ist etwas aggressiv geworden, da habe ich Zlata auf sie losgehen lassen, weil ich nicht wusste, was ich erwarten sollte. Dass der Bursche aber eine Pistole zieht, hätte ich nicht erwartet. Jetzt ist Zlata tot – er hat sie erschossen, als sie anfing, auf ihn einzuprügeln.

Das heißt, dass ich mich von nun an nur auf Pavle für die nächtlichen Beutezüge beschränken muss. Ich kann mir vorstellen, dass Cveta und Anton anfälliger für Krankheiten und Verletzungen sind, weil sie älter sind. Und außerdem haben sie ein kleineres Inventar als Pavle.

Tag 5: Die Gründe für Depression kann man an den Fingern einer Hand abzählen…

Oder eben nicht! Zlatas Tod macht den anderen Figuren etwas zu schaffen. Sie sind nun nicht nur traurig, sondern auch depressiv. Sie haben das Bedürfnis zu reden, was einen relativ großen Zeitraum am Tag einnimmt. Die kleinen Aufgaben, die sie im Haus haben, wie Brennmaterial oder Wasserfilter herstellen oder gar etwas bauen, dauern jetzt länger als vorgesehen, da sie mitten im Prozess aufhören, um aufgebend den Kopf zu schütteln.

Nacht 5: Like a dog without a bone – Gewissenlos für das eigene Wohl

Pavle zieht heute los, Anton und Cveta halten Wache. Es muss Essen beschafft werden. Die sicherste Variante ist das stille Häuschen, wo das ältere Pärchen lebt.

Pavle kann leider keine Rücksicht auf sie nehmen, sonst verhungert er selbst bald. Essen und Medikamente werden eingepackt, egal was der alte Mann sagt, der ihm ständig durchs Haus folgt und hilflos zusehen muss, wie er ausgeraubt wird. Töten muss Pavle ihn nicht, und seine blinde Frau erst recht nicht. Sie haben keine Waffen, können ihm nicht gefährlich werden. Pavle lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, obwohl die immer hinter ihm lungernde Gestalt schon etwas aus beunruhigend ist. Trotzdem keinen Grund, um jemanden auf dem Gewissen zu haben.

Tag 6: Dem Gewissen kann selbst Pavle nicht entrinnen

Egal wie schnell er läuft, sein Gewissen hat ihn eingeholt. Er läuft kopfschüttelnd durchs Haus und fragt sich ständig, wie er das tun konnte. Er hat den alten Leuten nichts Essenzielles gelassen – kein Essen, keine Medizin. Er bekommt sie nicht aus dem Kopf: Werden sie es schaffen? Werden sie überleben? Ich habe ihnen alles genommen…

Cveta kocht in der Zwischenzeit etwas…

Nacht 16: Take me to church… Vorsicht geboten!

In der Beschreibung stand: Vorsicht geboten. Also hat Pavle diesmal Gewehr und Messer dabei. Die Kirche ist riesig. Er wird bestimmt auf seiner Suche fündig.

Der Kerl, der hinten in der Ecke sitzt, heißt ihn zwar willkommen, aber ich glaube kaum, dass er noch so freundlich sein wird, wenn Pavle sich an seinem Hab und Gut vergreift. Er muss aus dem Bild geschaffen werden.

Das Messer ist weniger aufsehenerregend, als das Gewehr. Aber dem Typ, der aus dem Keller zur Hilfe eilt, droht ein ähnliches Ende. Der Beutezug müsste nun ohne Probleme verlaufen.

Es gibt noch mehr Leute in der Kirche… drei Frauen stehen genau vor dem, was Pavle braucht. Und weil er schon damit angefangen hat, macht er den Job nun fertig. Er kann nicht so viel tragen und muss also wieder die Kirche aufsuchen. Da wäre es natürlich praktisch, wenn er keine Hürden bei dem Sammeln hat.

Tag 18: Charakterlose Hülle seiner selbst

Pavle kann mit den Morden, die er begangen hat, nicht umgehen. Keine Rechtfertigung ist ausreichend, um sein Gewissen auch nur ein kleines bisschen zu beruhigen. Er ist vollkommen zerstört und zu nichts zu gebrauchen. Er kommt noch nicht mal aus dem Bett. Vielleicht sollte ich ihn einige Nächte lang daheim lassen und er kann sich vielleicht ausruhen. Dann ist er möglicherweise in einigen Tagen wieder bei Kräften und kann wieder losziehen.

Tag 21 : Ende, wem Ende gebührt

Pavle hat sich erhängt… Anton ist nun alleine. Er ist extrem deprimiert. Wenn ich das nicht schnell ändern kann, dann droht ihm das gleiche Schicksal wie Pavle.

Dennis - dufter Dorfpolizist

Tag 4 – Die Unbill des Krieges

Nachdem man sich etwas orientiert hat wird schnell klar, wie knapp die Nahrung wirklich ist. Mit viel Glück ist in den Häusern ein wenig Nahrung zu finden. Dafür müssen oft andere Dinge zurückbleiben. Jeden Tag für drei Menschen Mahlzeiten bereitzustellen scheint fast unmöglich, wenn sich nicht noch wahre Fundgruben auftun. Auch das Wasser ist knapp. Die Freude über ein Bröckchen Fleisch vergeht schnell, wenn man merkt, dass es für die Zubereitung an Flüssigkeit mangelt. Zwar blieb Pavle auf seinen Streifzügen bisher unbehelligt, dafür versuchten in der vergangenen Nacht Plünderer in unser Haus einzudringen. Katia wurde verletzt. Mehr Wachen aufzustellen ist nicht möglich, ansonsten würden alle den Tag verschlafen. Katias Wunden können wir vorerst versorgen. Hoffentlich passiert nun nichts Gravierendes.

Nacht 5 – Heldentat

Tag 6 – Gräuel

Neben der Knappheit von – ja eigentlich allem, haben wir nun andere, unmittelbarere Kriegsgräuel kennengelernt. Im Radio wird von Massengräbern in anderen Städten berichtet. In unserer Nähe wurde ein Haus zerstört und ich habe Katia losgeschickt, um zu helfen, die Überlebenden zu bergen. Aber live mitbekommen haben wir es erst in der vergangenen Nacht. Mein Angriff war eher eine Kurzschlussreaktion und ich hätte nicht gedacht, dass Pavle mit einem Küchenmesser gegen den vollbewaffneten Soldaten bestehen kann. Pavle wurde schwer verletzt, aber das Mädchen konnte entkommen. Jetzt wird es schwierig, da unser Held wohl lange Zeit ausfallen wird. Aber ich bin froh, dass ich geholfen habe. Auch wenn es hätte schief gehen können.

Tag 9 – Für uns oder für andere?

Nacht 14 – Rettung an der Scharfschützenkreuzung

Wir schlagen uns wacker. Immer wieder gibt es Krankheiten und Überfälle bei Nacht, bei denen meine Charaktere verletzt werden. Aber häufig schaffen es Bruno und Katia schon mit einer großen Mütze Schlaf wieder auf die Beine zu kommen. Mit den Fallen für Ratten und ähnliche Kleintiere kommen wir einigermaßen über die Runden (in der Not…). Pavle hat in der vergangenen Nacht an der sogenannten „Scharfschützenkreuzung“ einen verletzten Mann zu seinem kleinen, kranken Sohn zurückgebracht. Er wird zu einem richtigen Helden. Dafür hat er allerdings auf dem letzten Meter noch einen Treffer kassiert. Zum Glück hatte er die Schutzweste an, die wir gefunden haben. Es ist gut, wenn man anderen helfen kann. Aber nach den ersten zwei Wochen sind mir die Charaktere sehr ans Herz gewachsen. Selbst der recht brummige Bruno. Daher werde ich es mir nun immer zweimal überlegen, sie in Gefahr zu bringen.

Tag 22 – Ein Fluchtboot für vier

Vor fünf Tagen kam Zlata zu uns. Eine ehemalige Musikstudentin. Im ersten Moment war ich etwas enttäuscht; einen Handwerker hätten wir besser gebrauchen können. Aber sie kann sehr gut Gitarre spielen und heitert damit die anderen auf. Außerdem hat sie in der vergangenen Nacht Essen von einem Hilfscontainer besorgen können. Es ist schon merkwürdig. In der Regel ist man ja derjenige, der für solche Hilfscontainer spendet. Nun ist man der Adressat, das lässt noch mehr mit echten Kriegsleidenden mitfühlen. Trotz den Hilfsmitteln wird es nicht leichter gleich vier Leute täglich satt zu bekommen. Ich habe dennoch Pavle losgeschickt, um einem verhungernden Obdachlosen etwas von unseren Vorräten abzugeben.

Am Hafen habe ich den Schmuggler Karel getroffen. Er bietet uns an, uns mit seinem Boot aus der Stadt zu bringen. Dafür verlangt er aber eine exorbitante Menge Schmuck. Trotz des kleinen Vermögens, das Pavle von dem Mann an der Scharfschützenkreuzung bekommen hat, konnte wir uns die rettende Überfahrt nicht leisten. Aber Karel versprach uns bald wieder aufzusuchen. Nach einigen verzweifelten (und nicht ungefährlichen) Suchaktionen, stieß Pavle schließlich hinter einer verschlossenen Gittertür auf das gesuchte Kleinod. Es war kein Stehlen, aber wenn ich ehrlich bin, wäre ich wohl bald dazu bereit gewesen, um meine Leute endgültig in Sicherheit bringen zu können. Nun müssen wir nur noch warten, bis Karel wieder bei uns anklopft…

Tag 26 – Es ist Karel!

Nacht 26 – Leichtsinnig

Tag 27 – Vorwürfe und Hoffnung

Ich bin zu selbstsicher geworden. Pavle, der gute, unermüdliche Pavle ist in einem Lagerhaus angeschossen worden. Er ist schwer verletzt und ist gerade noch so davongekommen. Schon als er sich noch die letzten Meter aus dem Bildschirm geschleppt hat, habe ich mir große Vorwürfe gemacht. Zum Glück gibt es genug Bandagen. Die anderen machen sich große Sorgen, aber ich hoffe, dass Pavle mit etwas Pflege wieder auf die Beine kommt. Immerhin sind mit Zlata drei Leute da, die weitermachen können. Wir haben nun unser Ticket nach draußen. In unserem Inventar ruht ein unscheinbarer Zettel, der uns die Überfahrt bescheinigt und den weiteren Fluchtweg kennzeichnet. Im Radio heißt es sogar, dass der Krieg bald vorbei sein könnte. Friedenstruppen seien auf dem Weg. So oder so, sollte der Kampf ums Überleben für meine Charaktere bald vorbei sein.

Tag 29 – Flucht durch den Schnee

Epilog – Überlebt!

Wir haben es geschafft! Gerade als der Winter einbrach und alles unter einer Schneeschicht verschwand, klopfte Karel wieder an die Tür. Und das war alles. Mit seinem Boot entkamen alle meine vier Charaktere und ließen ihren Unterschlupf hinter sich. Die Bruchbude, die sie in den vier Wochen so mühevoll zu einem Zuhause ausgebaut hatten. Eigentlich war es gar nicht schlecht. Wir hatten Fallen für etwas Frischfleisch, Regenwassersammelbecken, einen Gemüsegarten, einen guten Ofen, sogar eine Destille und eine Gitarre. Wahrscheinlich hätten wir noch eine weitere Woche durchgehalten. Aber ich bin froh, dass wir das nicht herausfinden mussten. Im Epilog wird erzählt, dass alle ihre Familien und Freunde wiedergefunden hätten. Es ist also ein Happy End.

Unsere Experten

Der Spielentwickler

Pavel Miechowski von den 11 Bit Studios im Chat-Interview

Der Computerspiel-Professor

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Fünf Fragen an Prof. Dr. Jochen Koubek (Professor für Angewandte Medienwissenschaft und Digitale Medien an der Universität Bayreuth)

Kennen Sie This War of Mine?

Ich habe es gespielt, als es herausgekommen ist. Aus meiner Sicht ist es ein sehr gelungenes Spiel, das nicht auf Vergnügen und Spaß abzielt, sondern eine zum Teil sehr beklemmende Atmosphäre schafft.

Was ist Ihrer Meinung nach die Aufgabe von Computerspielen?

Wie andere Mediengattungen haben auch Computerspiele verschiedene Funktionen. Im Fokus steht natürlich oft der Unterhaltungswert, aber weshalb sollte ein Spiel nicht auch einmal ein ernstes Thema aufgreifen? This War of Mine zeigt, dass das klappen kann. Ein Film hätte mit dem gleichen Setting und den gleichen Figuren sehr wahrscheinlich nicht die gleiche Wirkung erzielen können. Das Spiel ermöglicht es, eine ganz eigene Geschichte zu erleben und eigene Entscheidungen zu treffen. Der Spieler übernimmt in diesem Fall die Verantwortung für sein Handeln und schaut nicht bloß zu, wie er es bei einem Film der Fall wäre.

Was macht die Simulation This War of Mine so besonders?

Der Begriff Simulation ist in dem Kontext nicht ganz treffend. This War of Mine ist vielmehr ein rhetorisches Spiel, eine Art Modell. Das Spiel ist der Versuch, dem Spieler das Überleben in Kriegssituationen näher zu bringen. Selbst wenn man den Alltag der Menschen in Krisengebieten nicht kennt, bekommt man einen Eindruck davon, wie schlimm es dort sein muss. This War of Mine ist weitaus realistischer als andere Spiele, in denen ein einziger Held ein ganzes Dorf rettet. Es zeigt, dass der Kampf ums Überleben nicht im Handumdrehen gewonnen werden kann. Natürlich ist das Spiel auch fehlerhaft, aber das haben Modelle so an sich.

Was hätten Sie an dem Spiel noch verbessert?

Ein Multi-Player-Modus wäre sicherlich interessant gewesen.

Gibt es einen Trend in der Games-Branche hin zu solchen Spielen mit ernsteren Thematiken?

Die Nachfrage nach „ernsteren“ Spielen ist definitiv da. Vor allem in den Independent-Studios hat man gemerkt, dass viele langsam genug haben von den immer währenden Kämpfen gegen Aliens und Co. Themen wie Überwachungsskandale beschäftigen die Menschen und sind deshalb auch als Spiel-Gegenstand geeignet.

Der Computerspiele-Profi

Kriegsspiel ohne Spektakel
„This War of Mine“ macht keinen Spaß, ist aber lehrreich

Die meisten Computer- und Videospiele – siehe die „Call of Duty“-Reihe – inszenieren Kriege als ein unterhaltsames Spektakel. Spielerische Tiefe, die Konsequenzen der eigenen Taten, aber auch das Schicksal der Zivilisten entfallen dabei komplett. Das Computerspiel „This War of Mine“ des polnischen Entwicklerstudios 11 Bit Studios zeigt bereits mit seinem Einstiegssatz von Ernest Hemingway, dass es eine andere Richtung einschlägt: „Im modernen Krieg krepiert man wie ein Hund und ohne guten Grund.“

In dem Titel gibt es keine Helden oder pompöse Acrion. Es geht schlicht und einfach um das Überleben von Zivilisten in einer vom Krieg zerstörten Stadt. Die Grafik präsentiert sich in einem düsteren 2,5D-Look mit intensiven Farbfiltern. Den einzelnen Überlebenden muss der Spieler unterschiedliche Aufgaben zuweisen. Pavle ist ein schneller Läufer und guter Bastler, Bruno liegt eher das Kochen. Im Spielverlauf müssen aus verschiedenen Einzelteilen überlebensnotwendige Gegenstände wie Betten, Öfen oder Erste-Hilfe-Pakete gebastelt werden. Am linken Bildrand stehen die aktuelle Tageszeit und die Temperatur. Sinkt die Wärme unter ein bestimmtes Level, erkranken die Spielfiguren und sterben bei fehlender Erholung beziehungsweise Medikation.

Am Ende eines jeden Tages weist der Spieler den Figuren für die Nacht noch einmal verschiedene Tätigkeiten zu. Pavle und Bruno bleiben zu Hause und ruhen sich aus, Marko geht auf den nächtlichen Beutezug in einen verwüsteten Supermarkt und sucht nach Konserven. Nahrung und Gegenstände, die in das begrenzte Inventar passen, können im eigenen Haus wiederum in zahlreiche Verbesserungen investiert werden, beispielsweise in ein Radio, um den Verlauf des Krieges mitzuverfolgen, oder einfach nur, um den Ofen mit Brennmaterial zu versorgen.

„This War of Mine“ ist ein schweres Spiel. Sterben die Spielfiguren, bleiben sie für den Rest der Partie auch tot. Zu Beginn wird dem Spieler nichts erklärt, alles muss er sich selbst erarbeiten. „This War of Mine“ ist aber nicht nur schwer, sondern auch unfair. Haben sich die Überlebenden nach mehreren Wochen bereits einigermaßen häuslich eingerichtet und verschiedene Medikamente zur Verfügung, stirbt eine Figur bei einem nächtlichen Beutegang durch einen Scharfschützen, der sich in einem Haus versteckt hielt. Fehler werden gnadenlos bestraft, die Spielmechanik erzeugt beim Spieler nie ein Gefühl der Überlegenheit oder Beherrschbarkeit. Jetzt könnte man den Entwicklern Schlamperei beim Gamedesign vorwerfen. Aber gerade durch diese Unberechenbarkeit vermittelt der Titel eindrucksvoll die lähmende Machtlosigkeit von Menschen im Krieg. Spaß macht das nicht immer unbedingt und Unterhaltung sucht man vergebens. Vielmehr zeigt „This War of Mine“ den Überlebenskampf von Menschen, deren Existenz jeden Tag aufs Neue am seidenen Faden hängt. Und, dass Computerspiele nicht immer Spaß machen müssen.

Denis Gießler

Der Psychologie-Doktor


Vier Fragen an Dr. Markus Barth (Doktor der Psychologie vom sozialpsychologischen Institut der Universität Leipzig).

1. Halten Sie ein solches Spiel für ein adäquates Mittel, die Eindrücke von Kriegsopfern zu vermitteln?

Das Spiel bietet einen Blick auf die Situation von Menschen in Kriegsgebieten. Die sozialpsychologische Forschung hat gezeigt, dass die Fähigkeit, sich in eine andere Person und deren Lebensumwelt hineinzuversetzen, förderlich für das Empfinden von Empathie und Anteilnahme ist. Diese Reaktionen stehen wiederum mit prosozialem Verhalten in Zusammenhang. Im Spiel sehen die Spielenden die Welt durch die Augen der Zivilbevölkerung. Im Idealfall führt das all die schrecklichen Konsequenzen eines Krieges vor Augen und sensibilisiert für das Thema. Ein Spiel kann vielleicht insbesondere solche Zielgruppen erreichen, die andere Wege der Wissensvermittlung weniger attraktiv finden.

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema könnte bei einzelnen Spielenden aber auch unangenehme Gefühle wecken. Es ist fraglich, ob das Spiel geeignete Mittel hat, um Spielende beim Umgang mit diesen Gefühlen zu unterstützen.

2. Kann man überhaupt Ängste (eines Krieges, eines Überlebenskampfes, generell) über PC-Spiele nachvollziehen?

Das ganze Ausmaß einer solchen Extremsituation lässt sich mit einem Spiel sicher nicht nachempfinden. Das Spiel kann aber näherungsweise Rahmenbedingungen schaffen, in denen in abgeschwächter Form Reaktionen bei den Spielenden generiert werden, die typisch für eine bedrohliche oder bedrückende Situation sind. Ganz ähnlich sollen psychologische Laborstudien ja auch nicht Alltag simulieren, sondern Voraussetzungen schaffen, in denen Menschen das interessierende Erleben oder Verhalten zeigen. Spielende werden also in der Regel keine Todesängste ausstehen. Reaktionen wie Anspannung, Verunsicherung oder vielleicht auch Trauer als Ergebnis der Atmosphäre oder der Aufgabenstellung des Spieles sind aber denkbar.

3. Wie hoch schätzten Sie die Gefahr einer Trivialisierung der Inhalte durch die Mechaniken des Spiels (Plündern und Morden nur um Willen des Spielerlebnisses oder des Erreichens von Erfolgen)?

Problematisch wäre es dann, wenn das Spiel unmoralisches Verhalten gezielt belohnte, etwa durch Lob, Anerkennung oder die höchste Punktzahl für die meisten Opfer im Spielverlauf. Dadurch würde ein Lernprozess einsetzen, der vermittelt, dass unmoralisches Verhalten geschätzt und gewünscht ist. Wenn aber auch die negativen Konsequenzen unmoralischen Verhaltens für andere und für das Selbst (Stichwort psychische Belastung) dargestellt werden und als hinreichend unangenehm erlebt werden, ist es weniger wahrscheinlich, dass die Spielenden lernen, weniger moralisch zu sein. Ohnehin scheint das Spiel kein Spiel im üblichen Sinne zu sein. Unterhaltung und Zerstreuung stehen nicht im Vordergrund.

4. Was halten Sie von der Tatsache, dass den Spielern die Wahl gelassen wird, ob sie sich moralisch korrekt oder verwerflich verhalten (inklusive Strafen wie Selbstvorwürfe der spielbaren Charaktere)?

Eine möglichst große Handlungsfreiheit erlaubt es Spielenden, tiefer in die Spielwelt einzutauchen. Wenn es das Ziel der Entwickler war, einen schonungslosen Einblick in das Wesen des Krieges zu geben, dann unterstützt Handlungsfreiheit dieses Vorhaben. Verbote oder vorgegebene Entscheidungen, zu denen es keine Alternativen gibt, werden dagegen von vielen Menschen als störend, teils sogar als ärgerlich empfunden. Wir sind dann häufig motiviert, uns gegen diese Verbote oder Beschränkungen aufzulehnen.

Verbotenes wird zum Teil geradezu anziehend und attraktiv. Es wäre fatal, unmoralisches oder verwerfliches Verhalten auf diese Weise interessant zu machen. Die negativen Folgen, die unmoralisches Verhalten im Spiel hat, können auf subtilere Art dafür sorgen, dass bei späteren Entscheidungen im Spiel die Wahl auf moralisches Verhalten fällt (und dadurch die negativen Folgen vermieden werden können).

 

Unser Fazit