Pressefreiheit Kenias in Gefahr? Kontroverse Gesetze auf dem Prüfstand Drei unterschiedliche Perspektiven auf zwei Gesetze, die Kenias Medienlandschaft bestimmen. Ein Feature.

Die Verabschiedung zweier Gesetze führte 2013 in Kenia zu Demonstrationen von Journalisten. Expertenmeinungen von Prof. Levy Obonyo und Eric Chinje und einschlägige Mediensichten beleuchten deren Auswirkungen.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, erzählt von einem jungen, namentlich nicht genannten Journalisten, der einen Artikel über die Ölindustrie schreiben möchte. Er recherchiert ausgiebig, macht seine Arbeit laut Chinje sehr gut. Er findet heraus, dass es geheime, beinahe betrügerische Absprachen zwischen einigen Leuten in der Ölindustrie und der Regierung gibt. Der junge Journalist will dem weiter nachgehen. Er erhält nun Anrufe  – aus der Ölindustrie als aus der Regierung. Und zwar genau von den Personen, deren Verhältnis seiner Meinung nach zu eng war. Sein Artikel fand daraufhin ein jähes Ende. Und das ist der Punkt, so Eric Chinje, an dem die Gesetzgebung in einen falschen Bereich greift. So wie diesem jungen Journalisten ergeht es vielen in Kenia – oder?

Bei dem Gesetz, das Chinje anspricht, handelt es sich um den 2013 verabschiedeten Media Council Act (MCA). Auch die gleichzeitig verabschiedete Ergänzung zum Kenya Information and Communication Act (KICA) ist Teil der Diskussion, die sehr umstritten geführt wird. So sieht beispielsweise Professor Levy Obonyo von der Daystar University in Nairobi den MCA als „fairly progressive“ an. Eric Chinje ist der Ansicht, dass die Regierung damit „beyond being fair“ handelte. Das Committee to Protect Journalists (CPJ) nennt den MCA und die Ergänzung des KICA eine „anti-press legislation“, die zur Selbstzensur von Journalisten führen wird. Ein Thema, drei Meinungen – zunächst aber eine kurze Einführung.

Der Media Council Act erklärt

Beim Media Council Act handelt es sich um einen „Act of Parliament to give effect to Article 34(5) of the Constitution“, wie es im offiziellen Gesetzestext lautet. Einfach ausgedrückt bestätigt der Parlamentsbeschluss den Media Council Kenias, den man als das kenianische Äquivalent zum Deutschen Presserat – zumindest im Printbereich – bezeichnen kann. 2004 begann der Rat als eine selbstregulierende Institution, die von Medien-Stakeholdern mit dem Ziel einer unabhängigen Medienregulierung Kenias gegründet wurde. Drei Jahre später transformierte der Media Act von 2007 den Media Council in eine gesetzliche Institution und es entstand eine Art „Hybrid-System“, wie Professor Obonyo es nennt. Der Media Council erhielt nun staatliche Finanzierungsmittel. 2013 wurde dann der Media Council Act offiziell in die Verfassung Kenias aufgenommen und die Media Council Complaint’s Commission gegründet.

Der Media Council: Rolle und Aufgaben

Der nachstehende Link verweist auf die Homepage des Media Councils. Dort ist eine ausführliche Darstellung der Rolle und Aufgaben zu finden, wie sie der Rat selbst präsentiert.

Who we are

Code of Conduct

Der „Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya“ ist das kenianische Pendant zum Deutschen Pressekodex. Anhand von 25 Schagworten gibt er den Journalisten eine korrekte Arbeitsweise vor.

Diese sind unter dem nachstehenden Link in voller Länge nachzulesen:

Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya

  • Accuracy and fairness
  • Independence
  • Integrity
  • Accountability
  • Opportunity to Reply
  • Unnamed Sources
  • Confidentiality
  • Misrepresentation
  • Obscenity, taste and tone in reporting
  • Paying for news and articles
  • Covering ethnic, religious and sectarian conflict
  • Recording interviews and telephone conversations
  • Privacy
  • Intrusion into grief and shock
  • Gender non-discrimination
  • Financial journalism
  • Letters to the editor
  • Protection of children
  • Victims of sexual offences
  • Use of pictures and names
  • Innocent relatives and friends
  • Acts of violence
  • Editor’s responsibilities
  • Advertisements
  • Hate speech 

 

Die Zielsetzungen und das Selbstverständnis des Media Council entsprechen im Sinn denen des Deutschen Presserats. In mindestens einem Punkt unterscheiden sich die beiden aber gravierend. In Deutschland trägt der Presserat den pejorativen Spitznamen „zahnloser Papiertiger“, denn dessen schärfste Sanktion ist eine öffentliche Rüge. Medien sind nicht einmal dazu verpflichtet, diese auch selbst zu veröffentlichen. Beim deutschen Presserat handelt es sich um einen eingetragenen Verein, der die freiwillige Selbstkontrolle gedruckter Medien übernimmt. Anlass der Gründung war es – unter anderem – ein Bundespressegesetz zu vermeiden, also einen „Gegenentwurf zu staatlicher Kontrolle“ zu präsentieren, wie es auf der Internetpräsenz des Presserats heißt.

Kenianische Journalisten protestieren in Nairobi vor Regierungsgebäuden gegen die neuen Gesetze.

Dies ist des Pudels Kern in der Diskussion um den Media Council Act in Kenia. Dadurch, dass der Code of Conduct – das Pendant zum Pressekodex in Deutschland – im Gesetz verankert wurde, müssen kenianische Journalisten deutlich härtere Sanktionen fürchten als ihre deutschen Kollegen. Sollten sie von einem Tribunal für schuldig befunden werden, eine dieser Regeln zu brechen, müssen die Journalisten mit einer Strafe von bis zu 500.000 kenianischen Schillingen rechnen – Medienunternehmen sogar mit bis zu 20 Millionen (ca. 4.500 Euro respektive 180.000 Euro; Stand Januar 2017). Kenianische Medienhäuser erwirtschafteten jährlich durchschnittlich circa 1,2 Millionen Schilling (knapp 11.000 Euro), so David Ohito, stellvertretender Vorsitzender der Kenya Editor’s Guild, in einem Bericht des CPJ. Fragen nach der Verhältnismäßigkeit der Sanktionen werden so ebenfalls Bestandteil der Diskussion.

„Professionalization of the industry“

Danach gefragt, wie er den Media Council Act von 2013 mit seinen eigenen Worten beschreiben würde, entgegnete Prof. Levy Obonyo dieser sei „fairly progressive“. Denn der MCA – und sein Vorgänger von 2007 – bringe „statutory and non-statutory components together to produce a hybrid system“. Durch die vom Parlament verliehene Macht könnten Menschen zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie von den Vorgaben abwichen. Das Interessante daran sei aber, „that it is driven by the industry itself“, Journalisten also quasi nicht von fachfremden Personen be- und verurteilt würden. Darin sieht er das bereits erwähnte Hybridsystem gestärkt.

Prof. Levy Obonyo während seiner Einführungsrede zur Kenia-Panel-Diskussion der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Die Vorteile des Systems sind Obonyo zufolge, dass viele Fälle, die vorher vor Gericht verhandelt worden wären, nun der Media Council entscheidet. In den Gerichten säßen zwar Rechtsexperten, diese hätten aber oftmals keine Sympathien für die Medien übrig. Daher seien die Urteile in der Vergangenheit oftmals zu harsch ausgefallen. Obonyo fürchtet in diesen Fällen um die Freiheit der Presse. Journalisten verfielen nach derartigen Erfahrungen in eine Angststarre, um nicht ein weiteres Mal dieselben Fehler zu begehen. Diese Angst sei während ihrer journalistischen Arbeit ständig unterschwellig präsent. Obonyo ist der Meinung, dass der Media Council diesbezüglich besonders hilfreich sei. Es wäre weniger einschüchternd vor einen Rat von Kollegen zu treten, als vor Gericht aussagen zu müssen. Zudem würde sich die Regierung nun sogar an den Media Council wenden, um dort ihre Beschwerden vorzutragen, statt Medienleute vorzuladen. Das gebe den Medien die Gelegenheit „to defend itself before a panel that understands what the industry goes through“ – dies sei das progressive Element der Gesetzgebung.

Prof. Obonyo sieht sonst keine großen Veränderungen durch den Media Council Act von 2013. Der Zusatz von 2013 hatte eher einen verwaltungstechnischen Charakter im Hinblick auf die Struktur des Rates. Die grundlegenden Änderungen seien bereits seit 2007 in Kraft. Gebeten, die Thematik mit einem Wort zu erklären, antwortete Obonyo: „Professionalization. Professionalization of the industry.“

„Disturbing but acceptable“

Eric Chinje sieht die Lage bereits etwas kritischer als sein Kollege Obonyo. Es gebe laut Chinje den ständigen Versuch, für Journalisten eine Umwelt zu schaffen, in der sie ihre Möglichkeiten ausschöpfen können. Und genau das wäre es, was der Media Council versucht zu schaffen. Die Regierung habe jedoch andere Anliegen, die eine solche Umwelt freier Meinungsäußerung beeinträchtigen. Daraus resultiere eine ständige Spannung zwischen den beiden Akteuren. Diese nennt Chinje „healthy“, solange sie nicht aus den falschen Gründen angestrebt wird. Im Fall Kenias könne die Spannung aber nicht als gesund bezeichnet werden. Die Regierung „went a little beyond being fair“.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, hielt einen der Keynote-Vorträge auf der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Gleichzeitig sieht er die Journalisten in einer Position, die den Anschein erwecke, sie müsse die Regierung bekämpfen. Beide Akteure sollten aber eigentlich gemeinsame Interessen verfolgen. Sie sollten das beste Interesse des Landes und seiner Bürger verfolgen. Auf die Frage, ob die Regierung bei der Verabschiedung des Media Council Act zu weit gegangen wäre, antwortete Eric Chinje: „Too far maybe not, but the government definitely tried to go farther than it should have, yes.“

Dank dieses Gesetzes herrsche in Kenia unter Journalisten nun ein stärkeres Gefühl der Selbstzensur, als es der Fall sein dürfe. Ein starker Vorwurf. Allerdings relativiert Chinje diese Aussage zumindest in Teilen. Er fügt hinzu, dass das eine einfache Erklärung wäre. Journalisten müssten nun konzentrierter an ihre Arbeit gehen.

You really can no longer be flippant, you have to understand, you have to investigate, you have to research, so that you’re clear about what you’re saying.

Was das Gesetz also auf eine äußerst merkwürdige Art ebenfalls getan hat, den Journalisten eine höhere Verantwortung zu übertragen und – für die Entschlossenen und Hartarbeitenden – die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern.

Allerdings berichtete Chinje im Anschluss von dem zu Beginn erwähnten Journalisten, in dessen Arbeit ein nicht zulässiger Eingriff stattfand. Wenn sich Journalisten in eine Lage gedrängt fühlen, in der sie denken, dass sie vorsichtig sein müssten was sie sagen und schreiben, und sie das von einer bestimmten Qualität ihrer Arbeit abhält, dann sei das ein Problem. Chinje glaube, dass das Gesetz damit seine Befugnisse übersteige. Letztendlich habe das aber guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt. Zwar habe der MCA Einschränkungen mit sich gebracht, Chinje könne aber mit diesen leben. Dennoch meint er, „it would be good if it were revisited“. Eric Chinjes Zusammenfassung lautete: „Disturbing but acceptable“.

„Draconian anti-press legislation“

Was manche Protestanten mit Klebeband vor dem Mund subtil zum Ausdruck bringen möchten, ist auf diesem Spruchband explizit zu lesen.

Die (kenianischen) Pressestimmen sind hierbei aber um einiges deutlicher. Wie bereits erwähnt, sind die Sanktionen bei Nicht-Einhaltung des Code of Conduct mit Recht als unverhältnismäßig anzusehen. Zudem könne den verurteilten Journalisten die Akkreditierung entzogen werden. Hinzu kommen weitere scharfe Vorwürfe von Journalisten an dieses Gesetz: Der Code of Conduct sei „government-dictated“ und das Tribunal, das durch den KICA entstand, „government-regulated“, so das Onlineportal des kenianischen Fernsehsenders Citizen TV. Das Committee to Protect Journalists meint, dass kritische Berichterstattung damit effektiv zum Schweigen gebracht wird. Tom Rhodes, Ost-Afrika-Beauftragter des CPJ, ergänzte, dass Journalisten und Pressekanäle sich so selbstzensieren müssten, um zu überleben.

Ist die Pressefreiheit unter diesen Umständen noch gewährleistet?

Eine klare Antwort auf diese Frage ist nur schwer möglich. Wie Prof. Obonyo schilderte, haben die Gesetze auch Vorteile. Diese sind allerdings nur gegeben, solange der Media Council unabhängig von der Regierung handeln kann. Sobald das regierungsnahe Tribunal die Bearbeitung der Rechtsverletzungen übernimmt, wird es für kenianische Journalisten gefährlich. Bereits die Angst vor derartigen Überschreitungen kann zu Lähmungen in ihrer Arbeit führen. Dennoch meint Eric Chinje, dass die Gesetze guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt hätten.

Das größte Problem der Gesetzgebungen ist es einen Pressekodex im Gesetz zu verankern. Der Deutsche Presserat kann für seine „Machtlosigkeit“ geschmäht werden. Allerdings darf die Presse – wie im Fall Kenias – nicht durch die Regierung beeinträchtigt werden. Entscheiden aber Regierungsorgane wie das Communications and Multimedia Appeals Tribunal in Kenia über die Rechtmäßigkeit journalistischer Handlungen, dann ist das ein unzulässiger Einschnitt in die Pressefreiheit. Victor Briwe – Deputy Chief Executive des Media Council – sieht es ähnlich: „The code of ethics is our problem. It shouldn’t be part of the law.“ Und wenn Journalisten aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung ihrer Arbeit nicht in der nötigen Qualität nachgehen können, ist das wie Eric Chinje sagt ein großes Problem. Besonders Fälle wie die des jungen Journalisten aus Chinjes Erzählung dürfen nicht stattfinden.

Sind wir nicht alle ein bisschen #digital Die Tagung ist vorbei, doch was bleibt sind die Einträge auf den Social Media Kanälen. Ein Rückblick via Social Media Posts.

Drei Tage wurde diskutiert, aufgeklärt und informiert über die Bilder, die sich überwiegend durch die Medien in unsere Köpfe eingebrannt haben. Im Fokus stand dabei immer die Entwicklung der Digitalisierung. Doch wie ist eigentlich unser eigenes digitales Verhalten?

Ein Leben ohne Internet – undenkbar?!

„73% der Menschen in Afrika besitzen ein Handy“, klärt Julia Manske von der Stiftung Neue Verantwortung auf. „In Indien gibt es mehr Handys als Toiletten“, so Mr. Nair im Indien Panel. Können wir uns ein Leben ohne Internet überhaupt noch vorstellen? Handys und das Internet sind zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Auch auf der Tagung nutzten die Leute die Social Media Kanäle, um sich auszutauschen, zu unterhalten, zu informieren.

Die Tagung beginnt und somit auch die Bereitschaft zu posten  …

Auf der Tagung standen die Panels zu Kenia, Estland und Indien stets im Fokus.

#Zitate, die nicht nur in den Köpfen bleiben

#Fragen, die Diskussionsbedarf weckten

#Networking

Nicht nur im World Café wurden verschiedene Fragen an die Studenten gestellt, die Diskussionen über das eigene digitale Verhalten anregen sollten. Auch beim ständigen Networking diskutierten die Teilnehmer rege. Dabei wurde deutlich, dass sich kaum mehr einer ein Leben ohne Internet vorstellen kann.

„Das Leben wäre kompliziert, hart und viel langsamer“, so die Studenten bei einer Umfrage zum Thema Ein Leben ohne Internet … Einige Studenten betonten, dass sie hin und wieder versuchen, bewusst auf das Internet zu verzichten, merken aber schnell dass es kaum mehr möglich ist – gerade auch für angehende Journalisten, die am liebsten in Echtzeit informieren wollen (Verlinkung auf Liveberichterstattung DWA).

#Posts der Referenten

„Ich tweete dann, wenn ich der Welt etwas zu sagen habe“, so Eric Chinje über sein eigenes Social Media Verhalten. Er kann sich ein Leben ohne Social Media kaum mehr vorstellen. „Für mich ist das Internet wie ein Motor“, sagt er. Auch auf der Konferenz hat er fleißig getweetet.

Dr. Wilson Ugangu hatte sein Handy an den drei Konferenztagen zuhause gelassen. Doch dank Eric Chinjes Bereitschaft zu tweeten hat er es trotzdem auf Twitter geschafft:

Jochen Spangenberg hat bereits über 12 000 Tweets seit seinem Beitritt auf Twitter 2009 gesendet. Doch schließlich gehört die Medienlandschaft zu seinem Spezialgebiet.

Social Media ermöglicht es …

… vom passiven Zuhörer zum aktiven Teilnehmer zu werden. Die Konferenz lebt von Diskussionen, die durch Twitter und Co. noch verstärkt werden. Doch letztendlich ist eine digitale Teilnahme nur eine halbe Teilnahme, denn Networking ist face-to-face immer noch am schönsten.

 

 

 

Silicon Savannah: Treffpunkt für Techies aus aller Welt Wie in Kenias Hauptstadt die nächsten IT-Pioniere tüfteln

Innovative Startups und geniale Apps kommen nur aus Europa und Amerika? Falsch gedacht! Die kenianische IT-Szene boomt und hat uns in Sachen Digitalisierung sogar einiges voraus.

Was ist eigentlich diese Silicon Savannah? Begrifflich ist diese Beschreibung der kenianischen IT-Szene natürlich angelehnt an die Innovationshochburg Silicon Valley im Norden Kaliforniens. Geographisch gemeint ist damit vor allem Kenias Hauptstadt Nairobi, das technische Zentrum des Landes, in dem sich beispielsweise auch der Sitz von Safaricom, Kenias größtem Mobilfunkunternehmen, befindet. Vor Ort benutze den Namen Silicon Savannah aber fast niemand, erklärt Prof. Dr. Martin Emmer von der Freien Universität Berlin, der vor zwei Jahren selbst Nairobi und seine Gründercliquen besuchte. „Es ist eher ein Label, das von außen aufgedrückt wurde“, erklärt er.

Das Kernstück der Silicon Savannah bildet das sogenannte iHub. 2010 von eBay-Gründer Pierre Omidyar ins Leben gerufen und mit mittlerweile 10.000 Mitgliedern, bietet das Gebäude ehrgeizigen Jungunternehmern „Co-Working-Spaces“ mit kostenlosem WiFi. Hier können sie sich über ihre Startup-Visionen austauschen und Projekte evaluieren. Für den nötigen Koffeinschub beim Ideenausbrüten sorgt eine eigene schicke iHub-Kaffeebar. „Die Arbeit im iHub ist sehr anwendungsbezogen und die Mitglieder international stark vernetzt“, erzählt Emmer. „Es gibt beispielsweise gute Verbindungen zu den Universitäten in Yale oder Stanford. Forscher kommen entweder aus dem Ausland nach Kenia, um hier ihre Projekte zu realisieren oder Kenianer gehen zum Studieren und Arbeiten nach Amerika.“

 

„Die Arbeit im iHub ist sehr anwendungsbezogen und die Mitglieder international stark vernetzt. Es gibt beispielsweise gute Verbindungen zu den Universitäten in Yale oder Stanford.“ – Prof. Dr. Martin Emmer

 

Anders als sein amerikanisches Vorbild erlebte das Silicon Savannah nicht einen großen, zentrierten Boom, sondern entstand durch die Ansiedlung vieler einzelner Unternehmen wie iHub, Nailab, 88mph oder m:lab, die sich inzwischen in und um Nairobi herum verteilen. 60 Kilometer außerhalb der Hauptstadt soll nun zusätzlich ein staatlich geleitetes IT-Mammutprojekt entstehen: Konza Technology City. Eine 14 Milliarden Dollar teure, künstliche Stadt, die bis 2025 fertiggestellt werden und dann 200.000 Arbeitsplätze bieten soll. Zunächst ist die Niederlassung von 14 Unternehmen geplant. Samsung, Huawei und BlackBerry sind bereits interessiert. Gegner des Projektes sehen in Konza City jedoch eine riesige Fehlinvestition und gar eine Gefahr für die aufstrebenden Startups in Nairobi, die nach ihrer Meinung weitaus vielversprechender seien. Zudem fällt in Gesprächen über Konza City immer wieder das böse K-Wort – Korruption. „Die teilweise undurchsichtigen, staatlichen Anstrengungen für so ein riesiges Projekt reichen nicht aus“, meint auch Dr. Wilson Ugangu, Senior Lecturer an der Multimedia University of Kenya. „Der private Sektor muss in diese Projekte investieren, damit es schneller vorangehen kann. Das hat man schon bei M-Pesa gesehen. Wäre das ein rein staatliches Projekt gewesen, würde es die App heute noch nicht geben.“

Vielversprechende Anfänge, große Ziele

Grundsätzlich stehen die Zeichen für Digitalisierung in Kenia also gut. Seit der Verlegung des ersten Untersee-Glasfaserkabels im Jahr 2009 erlebt das Land gar einen wahren Digitalisierungs-Boom. Phasen wie der Aufbau eines Festnetzes für Telefon und Internet wurden hier einfach übersprungen, direkt ins mobile Zeitalter. Dabei profitiert Kenia von hochaktuellen, bereits erprobten und relativ günstigen IT-Produkten, die es aus beispielsweise aus europäischen Ländern übernehmen kann. Doch was bringt die fortschreitende Digitalisierung eigentlich für seine Einwohner? Neue Arbeitsplätze in der IT-Branche könnten zum Beispiel die Arbeitslosenrate von 40 Prozent senken. Zudem hat für viele Kenianer das Mobiltelefon in jeglicher Form bereits heute großen Einfluss auf den Alltag – egal ob smart oder retro. Das haben auch die Entwickler in Nairobis Hubs erkannt und deshalb eine Vielzahl sinnvoller und gern genutzter Anwendungen entwickelt.

Spezielle Lösungen für spezielle Bedürfnisse

Die Interessenfelder Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung liegen bei Technikprojekten also klar im Trend. So wurden im Silicon Savannah in den vergangenen Jahren hilfreiche Apps wie z.B., Ushahidi (Krisen-Crowdsourcing), Eneza (mobile Lernplattform), M-Kopa (Heim-Solaranlagen) oder M-Farm (Preisinformation und Plattform für Bauern) gegründet. Das sind wichtige Themen für Afrika, die demnach auch von vielen NGOs gefördert werden. Sie alle helfen der afrikanischen Bevölkerung bei der Entwicklung selbstbestimmter, besserer Lebensverhältnisse. Hier werden Hilfeempfänger zu Kunden, Kinder zu Digital Natives und die Unabhängigkeit wird durch den Zugang zu Informationen gestärkt. Junge, ambitionierte und gut ausgebildete Afrikaner wollen keine Spenden, sondern günstige Kredite, Investitionen und die Freiheit, endlich ihr eigenes Geld mit ihren eigenen Ressourcen, Ideen und ihrem Know-How verdienen zu können.

 

„Der private Sektor muss in diese Projekte investieren, damit es schneller vorangehen kann. Das hat man schon bei M-Pesa gesehen. Wäre das ein rein staatliches Projekt gewesen, würde es die App heute noch nicht geben.“ – Dr. Wilson Ugangu

 

Das wiederum zieht das Interesse großer internationaler Firmen auf sich. Die meisten Apps sind jedoch speziell für afrikanische Interessen entwickelt worden, der Erfolg vor Ort kann also meist nicht einfach auf andere Länder übertragen werden. Doch die Global Player erkennen trotzdem langsam das Potenzial, das in Afrikas Tech Scene steckt. Facebook, IBM, Google – sie alle gründen nicht mehr einfach nur Sales Shops sondern beginnen größere Investitionen zu tätigen, z.B. in Form von Research and Development Centern. Sie haben also nicht nur einfach eine Hoffnung, hier handelt es sich um klare Businesserwartungen. Jetzt gilt es nur das Wissen in Afrika zu halten und sich nicht von ausländischen Angeboten überrollen zu lassen. Denn so wichtig externe Investitionen sind, so gefährlich sind sie vor allem für kleinere Unternehmen in der Startphase, deren Ideen aufgekauft werden und im globalen Konzern verschwinden oder die erst gar nicht zum Zug kommen, weil die Investoren ihre Nische besetzen. Hier wäre es eigentlich an den jeweiligen Regierungen, diese afrikanischen Ressourcen zu schützen und die landeseigene Wirtschaft müsste ebenfalls in die Geschäfte einsteigen. In Kenia ist dies jedenfalls bis jetzt noch deutlich zu selten der Fall.

„No connection to the grassroots“: Die Technik-Elite der Hubs

Wie bei allen Techies findet man auch hier eine bunte Mischung aus Programmierern, Wirtschafts- und Informatikstudenten oder andere junge Nerds mit den entsprechenden Kenntnissen. In den Hubs, die als Inkubatoren für neue Ideen dienen sollen, treffen sie dann nicht nur auf Gleichgesinnte sondern auch auf Investoren für ihre Ideen. Grundvoraussetzung um Teil dieser Community zu werden, ist natürlich eine gute Ausbildung. Hier gibt es in Kenia allerdings immer noch große Unterschiede innerhalb der Bevölkerungsschichten und ein starkes Stadt-Land Gefälle was Bildung und damit auch den Wohlstand angeht.

Dr. Wilson Ugangu ist entsprechend skeptisch und stellt die Frage in den Raum: „Was passiert eigentlich außerhalb von Silicon Savannah?“ Er sieht in den Gründern eine Art Elite, die wenig mit der übrigen Bevölkerung zu tun hat. Während sie sich in ihren schicken Büros in der Hauptstadt treffen, lernen Kinder auf dem Land noch im Freien Lesen und Schreiben. Auch Prof. Dr. Martin Emmer beurteilt den Trend kritisch, dass nicht nur junge Afrikaner in den Hubs tätig sind sondern auch internationale Geeks regelmäßig Abstecher nach Nairobi machen. Der globale Austausch ist natürlich sinnvoll und richtig. Wenn dann aber beispielsweise hippe Technikfreaks aus Stanford nach Nairobi jetten, um für zwei Wochen im angesagten iHub zu arbeiten, werden sie sicherlich nicht ausreichend mit der übrigen, sehr viel facettenreicheren Bevölkerung Nairobis außerhalb der Hubs in Kontakt kommen.

Chancen durch eigenes Know-How

Alles in allem lässt sich trotzdem eine positive Bilanz für die Digitalisierung in Kenia ziehen. Die IT-Branche wächst rasant, die digitale Infrastruktur verbessert sich immer mehr und das Land kann erprobte Technologien aus dem Ausland nutzen und so erheblich Zeit und Ressourcen sparen. Die Kenianer sind gleich ins mobile Zeitalter gesprungen und können auf spezielle Anwendungen für ihre Bedürfnisse zurückgreifen. Wichtig ist nun, dass die technische Elite den Kontakt zur Bevölkerung nicht verliert oder sich das Land von großen globalen Investoren überrumpeln lässt. Auf die Regierung scheint man sich dabei wenig verlassen zu können. Sie hat – abgesehen von ein paar hehren und vor allem prestigeträchtigen Zielen wie Konza City – noch wenig zum Schutz oder der Stärkung ihrer wertvollen Wissens-Ressourcen beigetragen. Glaubt man den Experten, wird sich daran auch nicht viel ändern. Hoffnungen und Sorgen vereinen sich also gleichermaßen in den ausländischen Investoren und technologischen Zentren wie der Silicon Savannah. Es bleibt nun an den Kenianern selbst, ihr Land durch ihr Know-How voranzutreiben. Und wer weiß: Manche handeln Afrika auch schon als den nächsten großen Markt nach Indien und China.

 

  • Ein Stück Kalifornien in Kenia: Der Name Silicon Savannah zeichnet die Hauptstadt Nairobi als IT-Zentrum aus.

  • Wo alles begann: Das iHub ist das Herzstück des Silicon Savannah. Hier feilen Jungunternehmer an ihren Startup-Ideen – Co-Working-Spaces, freies WLAN und Kaffeebar inklusive.

  • Eine Klasse übersprungen: Seit der Verlegung des ersten Untersee-Glasfaserkabels 2009 startete Kenia sofort ins digitale Zeitalter durch.

  • Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung prägen die Entwicklung von Kenias erfolgreichsten Apps wie das Krisen-Crowdsourcing-Programm Ushahidi …

  • … oder die Geldtransfer-App M-Pesa, die mittlerweile zum bestbekannten Beispiel für Kenias Technik-Fortschrittlichkeit geworden ist.

  • Chance oder Abschottung? Die Hubs könnten kenianischen IT-Talenten Jobs verschaffen oder aber eine neue Technik-Elite herausbilden.

  • Positive Bilanz: Die stetig zunehmende Digitalisierung und innovative Startups haben Kenia bereits erfolgreich zu mehr Eigenentwicklung verholfen.

Privatsphäre in Kenia und Deutschland – Ein kurzer Überblick

Die Möglichkeiten große und vor allem viele Daten digital zu speichern ist in den letzten Kahrzehnten exponentiell gestiegen: Von der Diskette, über die Festplatte bis hin zur Cloud. Unter dem Schlagwort Big Data wird darüber diskutiert, wie Datensätze aus unterschiedlichen Quellen kombiniert, ausgewertet und kommerziell genutzt werden können. Wie steht es dabei um die Privatsphäre des einzelnen Nutzers? Welche Gesetze gibt es in Afrika und Europa, speziell in Kenia und Deutschland?

Wer heute über Privatsphäre spricht, spricht immer auch von Datenschutz. Denn gerade auf mobilen Geräten wie Smartphones oder Tablets sammelt sich mkit der Zeit ein wahrer Datenschatz: Hier werden Termine in den Kalender eingetragen, Nachrichten geschrieben, telefoniert, Onlineshops genutzt und Musik gehört. In Kenia wird sogar fast ausschließlich damit bezahlt. Das Leben spielt sich im Netz ab und wer im 21. Jahrhundert seine Privatsphäre schützen will, muss man auch seine persönlichen Daten schützen.

 

In Kenia wird die Privatsphäre in der Verfassung geregelt, ein Gesetz zum Datenschutz gibt es aber noch nicht
In Afrika gibt es in vielen Ländern bereits Gesetzesentwürfe zum Datenschutz. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise in Südafrika der „PoPI Act“ (Protection of Personal Information Act) beschlossen. Dadurch versichern südafrikanische Institutionen, dass sie mit persönlichen Daten verantwortungsbewusst umgehen. Außerdem können sie bei Verstößen zur Rechenschaft gezogen werden.

Auch andere Länder Afrikas erachten Schutz von persönlichen Daten im Zuge der Digitalisierung als wichtig. Kenia legte beispielsweise im Jahr 2013 den Entwurf zur „Data Protection Bill 2013“ vor. Denn obwohl in der Verfassung von Kenia unter Punkt 31 die Privatsphäre geschützt ist, „Privacy“, ist darin der Schutz der perönlichen Daten noch nicht eingeschlossen.

Every person has the right to privacy, which includes the right not to have
(a) their person, home or property searched;
(b) their possessions seized;
(c) information relating to their family or private affairs unnecessarily required or revealed; or
(d) the privacy of their communications infringed.

Die „Data Protection Bill 2013“ sollte im Mai 2014 dem Parlament präsentiert werden. 2016 wird darüber immer noch debatiert, ein Gesetz wurde bis heute noch nicht verabschiedet. Aufgrund der bereits erwähnten Verflechtung der Privatsphäre und dem Datenschutz, wird es erst mit diesem Gesetz möglich sein, den in Artikel 31 (c) und (d) genannten Schutz der Privatsphäre zu garantieren.

 

Datenschutz ist in EU-Mitgliedsstaaten ein Grundrecht, bei der Umsetzung gibt es allerdings noch Gesetzeslücken
Für die EU ist der Schutz persönlicher Daten ein Grundrecht. Ab Mai 2018 gilt die Datenschutz-Grundverordnung der EU zum Schutz von personenbezogenen Daten. Die einzelnen Länder dürfen die dort festgeschriebenen Regelungen nicht abändern. Es gibt allerdings verschiedene Öffnungsklauseln.

In Deutschland schützt das allgemeine Persönlichkeitsrecht die Privatsphäre. Dabei ist immer auch Artikel 1 Absatz 1 im Grundgesetz zu beachten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“.

„Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“ (Art. 2 Abs. 1 GG).

Das Datenschutzgesetz der EU wird in Deutschland durch das Bundesdatenschutzgesetz umgesetzt.

§ 1 Zweck und Anwendungsbereich des Gesetzes (BDSG)
(1) Zweck dieses Gesetzes ist es, den Einzelnen davor zu schützen, dass er durch den Umgang mit seinen personenbezogenen Daten in seinem Persönlichkeitsrecht beeinträchtigt wird.

Des Weiteren gibt es das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Es ist nicht explizit im Grundgesetz erwähnt, wurde allerdings vom Bundesverfassungsgericht in einem Volkszählungsurteil im Jahr 1983 festgelegt. Das Grundgesetz wird dabei im Prinzip um den Schutz persönlicher Daten erweitert.

 

Fazit oder „I don’t want to live in a world where there’s no privacy“

Die Privatsphäre und deren Schutz ist theoretisch in jeder Demokratie verankert. Es sollte also auch zukünftig als Ziel angesehen werden, persönliche Daten zu schützen. Je mehr Wege es gibt, Daten einzusehen, desto mehr muss die Gesellschaft und folglich die Politik Regeln finden, diese zu schützen. Daher sollte die EU sich darum bemühen, mögliche Gesetzeslücken zu schließen, denn Datenschutz macht heutzutage einen großen Anteil der Privatsphäre aus – und diese ist in Deutschland im Grundgesetz verankert. Auch die Entwicklung in Afrika, die zunehmende Vorlage von Gesetzesentwürfen zum Datenschutz, ist zu begrüßen. Die Verabschiedung dieser Gesetze sollte sich allerdings beschleunigen, denn die persönlichen Daten sind bereits vorhanden.  Edward Snowden hat uns dies vor Augen geführt und um es abschließend mit seinen Worten auszudrücken: „I don’t want to live in a world where there’s no privacy and therefore no room for intellectual exploration and creativity“.

Politische Teilnahme durch Digitalisierung?

Der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Martin Emmer gibt Einblicke in seine Forschung zur Digitalisierung und deren Auswirkungen auf die politische Partizipation der Menschen in Deutschland und Ghana.

Prof. Emmer während der Keynote.

 

„I see a new Athenian Age of democracy forged in the fora the GII (Global Information Infrasctrucutre) will create.“ – Al Gore

 

Mit diesem Zitat beginnt der Wissenschaftler am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin die dritte Keynote der Bildkorrekturen-Tagung 2016. Professor Emmer gibt dem ehemaligen Vizepräsidenten der USA teilweise Recht: Auf der einen Seite habe Kommunikation vieles verbessert, auf der anderen Seite wissen wir aber, dass trotzdem noch Potential nach oben bestünde und lange nicht alles perfekt sei. „Ein Problem stellt hier vor allem die Teilnahme an der Digitalisierung dar“, so Emmer.

Was ist politische Teilnahme?

Emmers Definition von politischer Partizipation grenzt sich von älteren Definitionen ab, da sie kommunikative und partizipative Aktivitäten verbindet. Ältere Erklärungen konzentrieren sich nur auf die Partizipation und lassen die Kommunikation außen vor. Individuelle politische Kommunikation besteht laut Emmer aus folgenden Aktivitäten:

  • Politische Information
  • Interpersonelle politische Kommunikation und
  • Politisch-partizipierende Kommunikation.

Letztere findet online und offline statt. Emmer betont in diesem Zusammenhang, dass Teilnahme auch immer Kommunikation ist. Ein Beispiel nennt er im Vorgang des Wählens: „Die Bürger kommunizieren durch die Wahl ihren politischen Willen an das politische System“.

Information gegen Hetze

Anhand seiner Studie „Mobile digital citizenship beyond the Western State: A comparative study on Germany and Ghana” untersuchte Emmer den Onlinezugriff, die politische Partizipation und Kommunikation sowie die politischen Einstellungen der Probanden. Die 1500 Teilnehmer wurden hier über einen Zeitraum von sieben bzw. acht Jahren einmal jährlich befragt. Ein wichtiges Ergebnis der Studie stellt die direkte Auswirkung des Onlinezugriffs auf politische Information und interpersonelle Kommunikation dar. Weiterhin wirkt sich der Onlinezugriff indirekt auf politisch-partizipierende Kommunikation aus. Einen zusätzlichen Effekt bildet die indirekte Beziehung von politischer Information und der politischen Einstellung des generellen Vertrauens.

Die Ergebnisse der Studie weisen laut Emmer allerdings auch Grenzen auf. Soziale Medien konnten zum Erhebungszeitraum Anfang der 2000er Jahre noch nicht erfasst werden, da sie zu dieser Zeit schlichtweg noch nicht oder nur in geringem Ausmaß existierten. Außerdem führt der Wissenschaftler an, dass man nicht wissen kann, was die Menschen genau tun, wenn sie online sind. Er fragt: „Informieren sie sich wirklich über politische Themen? Und wenn ja, nehmen sie nur im positiven oder auch im negativen Sinn an politischer Diskussion teil?“ Unter einer negativen Teilnahme kann beispielsweise die Hetze gegen Ausländer in sozialen Medien verstanden werden. Ein weiterer Kritikpunkt an vielen Arbeiten in diesem Bereich ist, dass derartige Studien meist nur für höher entwickelte Länder wie zum Beispiel die USA durchgeführt werden. Für weniger entwickelte Länder gilt im wissenschaftlichen Kontext oft die Prämisse, dass sich die Forschung in hoch entwickelten Ländern einfach auf diese übertragen lässt. Dies wird dadurch begründet, dass sich Entwicklungen in den hoch entwickelten Länder einige Jahre später in ähnlichem Maße in weniger entwickelten Ländern wiederholen. Aber stimmt diese Vermutung überhaupt?

Ghanaer politisch aktiver?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, führte Professor Emmer eine Vergleichsstudie von Deutschland und Ghana in diesem Bereich durch. Ein Fazit: Obwohl in Deutschland mehr Menschen Zugang zum Internet haben (Deutschland: 80%, Ghana 50-60%), nutzen die Deutschen im Vergleich das Internet weniger zur politischen Diskussion (Deutschland: 8%, Ghana: 22%). Auch politische Inhalte werden in Deutschland weniger häufig online geteilt als in Ghana. Für die Anzahl der Kommentare unter politischen Artikel verhält es sich ähnlich.

DeutschlandGhana
Internetzugriff80%ca. 55%
Teilnahme an politischer Diskussion7,9%22,1%
Teilen von politischen Inhalten online 7,9%20,7%
Kommentieren von politischen Artikeln online 2,4%21,4%

Ausweitung der Forschung unumgänglich

Abschließend gibt er eine Zusammenfassung seiner Ergebnisse. Eine separate Analyse des Einflusses bestimmter Medien auf die politische Kommunikation ist notwendig – wie beispielsweise der von Smartphones oder Sozialen Medien. Außerdem fordert Emmer: „Dieser Bereich muss auch in weniger entwickelten Ländern stärker erforscht werden, um strukturelle, kulturelle und politische Einflussfaktoren auf die politische Partizipation erkennen zu können.“

Vereinbarkeit von Forschung und Digitalisierung

Die Keynote endet mit einer angeregten Diskussion. Eine Frage bezieht sich beispielsweise auf die schnelle Entwicklung, die mit der Digitalisierung einhergeht, und deren Auswirkungen auf die Forschung in diesem Bereich. Hier betont Martin Emmer Vorteile, wie neue digitale Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben. Auch die Nachteile seien allerdings nicht zu vernachlässigen. Diese bestehen beispielsweise darin, dass durch die Digitalisierung alle neuen Methoden sehr schnell funktionieren müssen.

In den folgenden Videos beantwortet Prof. Emmer weitere Fragen zum Thema:

Digital Divide
Forschung in Subsahara-Ländern
Soziale Medien
Dynamische Forschung

 

Weniger Stereotype wagen

Die Berichterstattung über afrikanische Länder ist nach wie vor von Stereotypen geprägt. Bereits die Ausbildung kann darüber entscheiden, ob und wie junge Journalisten für die Problematiken der Afrika-Berichterstattung sensibilisiert werden.

Ein Gedankenexperiment: „Wir haben 100 Leute gefragt: Nennen Sie Begriffe, die Sie mit Afrika verbinden.“ In der beliebten Spielshow „Familien Duell“ mussten in den 90er Jahren Familien die häufigsten Antworten auf eine Frage erraten, die zuvor 100 Personen gestellt worden war. Was wären wohl die Antworten? Vermutlich eher Begriffe wie Hunger, Armut, Aids oder Kriege und wohl weniger Kultur, Vielfalt oder Wachstum.

Es ist erstaunlich, dass das Bild des Kontinentes Afrika nach wie vor von negativen Stereotypen dominiert und verzerrt wird, schließlich gehören mehrere afrikanische Länder zu den weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. Zudem weckt die rasante Digitalisierung in Ländern wie Kenia das Interesse von Investoren (z.B. in der„Silicon Savannah“).

Warum bleibt Afrika in den westlichen Köpfen trotz alledem der „K-Kontinent“ – geprägt von Krisen, Katastrophen, Kriegen, Krankheiten? Einer der Sündenböcke sind sicherlich die Vorurteile in den Redaktionen. „Die Journalisten sagen häufig: ‚Für Afrika interessieren sich die Menschen bei uns nicht so sehr. Also müssen wir die Geschichten erzählen, bei denen man an Vorerwartungen anknüpfen kann‘“, meint Markus Behmer, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Bamberg. „Und genau deshalb, weil die Medien immer das gleiche und insgesamt nicht viel über Afrika berichten, interessieren sich die Leute nicht so sehr dafür.“ Ein verhängnisvoller Kreislauf.

(K)eine Afrika-Expertin

Sich als Afrika-Expertin zu bezeichnen findet Isabel Pfaff ein wenig vermessen, dennocherfüllt die Redakteurin im Ressort Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung intern genau diese Rolle. „Wir sind faktisch zwei Leute, die schwerpunktmäßig zu Afrika arbeiten in der Zeitung. Da fungieren wir halt erst einmal als Afrika-Experten, auch wenn wir uns in viele Dinge erst einmal einarbeiten müssen“, erklärt Pfaff. „Ich fände es auch besser, wenn es anders wäre: Wenn ich zum Beispiel Ost-Afrika-Expertin wäre, aber die deutsche Medienwelt funktioniert in Bezug zu Afrika leider so.“ Die Berichterstattung abseits der K-Themen gestaltet sich schwierig:

„Es ist schwierig. Einerseits, weil wir diese Klischees haben in Deutschland und auch in der Redaktion. Es ist aber auch deshalb schwierig, weil auf diesem großen Kontinent diese Dinge auch weiterhin passieren. Als Journalistin will ich die Leute auch nicht hängen lassen, die unter diesen Situationen leiden – und die Situationen gibt es.“ – Isabel Pfaff, Süddeutsche Zeitung

„Das heißt natürlich nicht, dass das überall so ist. Genauso muss man Artikel darüber schreiben, dass sich viele Dinge verbessert haben. So sollte man es flankieren“, fügt Pfaff hinzu. Das nötige Hintergrundwissen kann sie unter anderem aus ihrem Afrikanistik-Studium beziehen. Doch nicht jeder Journalist, der über Afrika berichtet, hat sich mit der Thematik wissenschaftlich auseinandergesetzt. Manchmal seien diese Korrespondenten jedoch genau deswegen gut in ihrem Job. „Sie schauen mit einem ganz unbedarften Blick auf die Themen und das stört mich als Fachfrau dann vielleicht, weil ich oft das Gefühl habe, dass es verzerrend oder gar falsch ist, aber für Nicht-Experten funktioniert dieser Ansatz wohl besser“, erklärt Pfaff. Ihr Afrikanistik-Studium sei trotzdem eine wichtige Ausbildungsstation gewesen. „Ich weiß inzwischen, dass das einem die Arbeit nicht unbedingt erleichtert, weil man viele Schattierungen sieht, die letztlich nicht im Artikel landen können. Von daher: Es ist vielleicht der richtige Weg, aber es ist auch ein steiniger.“

In der Ausbildung Bilder korrigieren

Petra Kohnen (2. v. l.) arbeitet mit Studierenden aus aller Welt.

Wie also sieht die perfekte Ausbildung aus, um angehende Journalisten für die Probleme der Berichterstattung über Afrika zu sensibilisieren? Markus Behmer betont, wie wichtig es ist, dass Studierende sich mit Menschen aus afrikanischen Ländern austauschen und Netzwerke aufbauen, die sie auch nach ihrem Studium noch nutzen können. „Die Hoffnung besteht, dass es viel stärker wirkt, wenn man Menschen im direkten Gespräch begegnet, als wenn man nur etwas darüber liest.“ Bereits seit 15 Jahren sei genau das der Anspruch der Bildkorrekturen-Tagung. Zudem können Reisen in die jeweiligen Länder helfen stereotype Bilder zu korrigieren. Das weiß auch Petra Kohnen, die Leiterin der Internationalen Studienprogramme der Deutschen Welle Akademie: „Wir haben deutsche Studierende, die immer sehr überrascht sind, wenn wir zum Beispiel nach Ägypten gehen und dort die Umwelt eine sehr geringe Rolle spielt. Wir denken, dass wir unsere Umweltstandards mit rüberbringen. Das ist auch ein Bild, welches wir korrigieren müssen: Dass die darauf jetzt nicht gerade gewartet haben…“

Hauptsache digital?

Auch wenn im Internet unzählige Informationen über afrikanische Länder nur einen Klick entfernt sind, darf der direkte Kontakt mit den Menschen vor Ort nicht fehlen. Dennoch hat die Digitalisierung sowohl die Arbeit der Redakteure als auch die Ausbildung dazu verändert. Isabel Pfaff denkt, dass die Digitalisierung helfe, Stereotype zu vermeiden: „Schon allein, weil man viel öfter Afrikaner sprechen lassen kann als es sicher vorher der Fall war.“ Trotz der Informationsfülle befürchtet sie nicht, dass nur noch in sozialen Medien wie Twitter und nicht mehr vor Ort recherchiert wird: „Das ist in Bezug auf Afrika Unsinn, weil es ja nicht so war, dass wir früher zehn Leute auf dem Kontinent hatten, die Berichterstattung vor Ort gemacht haben, sondern wir hatten genauso wie jetzt eine Person und die hatte damals nicht diese ganzen Quellen zur Verfügung, die es heute gibt.“ Vielmehr helfen die sozialen Medien, schneller an afrikanische Haltungen und Meinungen heranzukommen.

Ein Heimspiel für angehende Journalisten, die sich zu der Generation der Digital Natives zählen dürfen? „Man kann die modernen Medien dazu nutzen, um dann tatsächlich zu verifizieren, ob Strategien, ob politische Agenden und so weiter tatsächlich so umgesetzt werden“, erklärt Kohnen. Dennoch sei es wichtig, dass die Studierenden lernen Inhalte aus dem Netz auf ihre Echtheit und ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Wenn die jungen Redakteure soziale Medien als Informationsquelle nutzen, ist es folglich enorm wichtig kritisch zu bleiben.

„Die digitalen Medien sind manchmal eher dazu geneigt Stereotype zu verfestigen, weil viele sich in ihren Filter-Bubbles und ihren Echo-Räumen bewegen.  Aber die Chance ist zumindest da: Die Chance, dass andere Stimmen laut werden – gerade in Staaten, wo wenig Medienfreiheit ist.“ – Markus Behmer, Universität Bamberg

Mit Filter-Bubbles und Echo-Räumen ist gemeint, dass Algorithmen in den sozialen Medien nur die Inhalte einblenden, die den Nutzer vermeintlich interessieren. Dadurch wird das eigene Informationsspektrum eingeengt und andere Meinungen können untergehen. Die sozialen Medien werden zu Echo-Kammern, in denen Gleichgesinnte ihre Auffassungen wie ein Echo zurückbekommen. Gleichzeitig betont Behmer aber auch, dass es in vielen Staaten Afrikas eine lebendige Blogger-Szene gebe und so auch neue Stimmen Gehör fänden. „Die brauchen allerdings Verstärker. Die Verstärker müssen wiederum die Leitmedien sein. Damit über diese Medien dann eben wieder berichtet wird und das dann wiederum an die Ohren mehrerer Menschen kommt.“

Das von Stereotypen geprägte Afrika-Bild mag in vielen westlichen Köpfen allzu tief festsitzen. Doch eine geeignete Ausbildung der Journalisten ist nur eine von vielen Möglichkeiten, um mit Vorurteilen aufzuräumen. Auch Projekte wie „Journalism in a Global Context“ oder „JournAfrica!“ wollen das Afrika-Bild korrigieren.

Der Mensch hinter dem Text oder Journalisten im digitalen Zeitalter Ein Überblick über die Geschichte des Journalismus und über die Personalisierung der Journalisten mit Stimmen der Tagung.

Das 20. Jahrhundert hat den Journalismus verändert: Mit dem Radio etablierte sich ab 1920 das erste elektronische Massenmedium, ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts boomte das Fernsehen. Seit Mitte der 1990er Jahre revolutionierte das Internet die Informationsübertragung und damit auch den Journalismus. Inzwischen ist das Netz dank Smartphones mobil überall verfügbar, der permanente Internetzugang verändert unsere Mediennutzung. Die neuen Medien ziehen dadurch auch in den Journalismus ein: Ganze Zeitungen sind bei Facebook vertreten, amerikanische Moderatoren haben einen eigenen Youtube-Kanal und Reporter tweeten aus der ganzen Welt.

Dadurch veränderte sich zwangsläufig auch die Rolle des Journalisten. Die Aufgabe eines Journalisten besteht darin, für die Allgemeinheit politisch, wirtschaftlich und kulturell relevante Sachverhalte durch professionelle Beobachtung öffentlich zu machen. Diese Veröffentlichung findet auf andere Art und Weise statt als noch im letzten Jahrhundert. Inzwischen ist sie aktueller und kurzlebiger. Konsumenten nutzen nicht mehr ausschließlich die Zeitung, sondern greifen auf andere Medien zurück. Bei tagesaktuellen Ereignissen nutzen die Menschen vor allem das Fernsehen als Informationsquelle. Um sich über ein (selbst-)bestimmtes Thema zu informieren, löste das Internet 2014 das Fernsehen als Hauptinformationsquelle ab. Die Erwartungshaltung der Konsumenten zeichnet sich hierbei deutlich ab: die Menschen nutzen zunehmend die schnelllebigen Medien des 21. Jahrhunderts.

© IfD Allensbach.

© IfD Allensbach.

Vor allem Tageszeitungen blicken daher einer schweren Krise entgegen. Während im Jahr 2000 noch 54,4% der 20- bis 24-Jährigen Tageszeitungen lasen, sank die Anzahl bei derselben Zielgruppe 2015 auf 28,9%. Die Prognose ist, dass dieser Anteil weiter sinken wird.

© IfD Allensbach

Die Digitalisierung ermöglicht neben rascher Informationsgewinnung, beispielsweise in Form von Live-Berichterstattungen, auch eine zunehmende Beteiligung der Nutzer: Anrufe, Kommentarfunktionen und ganze Internet-Portale ersetzen den Leserbrief. Stichwort hierbei ist der Begriff „user-generated-content“, welcher im Zusammenhang mit dem World Wide Web entstand. Er bezieht sich vor allem auf Portale wie Wikipedia, Youtube und MySpace, in denen die Nutzer eigene Inhalte kreieren können. Diese Portale und soziale Netzwerke wie Facebook bringen neben den Vorteilen, die eigene Meinung aktiv zu verbreiten und sich besser über verschiedene Themen austauschen zu können, auch Nachteile mit sich. Im Rahmen der US-Präsidentenwahl 2016 wurden sogenannte „Fake News“ via Facebook geteilt. Nutzerkonten von angeblichen Nachrichtenportalen berichteten, dass verschiedene Prominente den republikanischen Kandidaten und späteren Präsidenten Donald Trump wählen würden. Wohingegen man seiner Konkurrentin, der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton, Satanismus und Phädophilie vorwarf.  Problematisch ist hierbei, dass fast 44% der Amerikaner Facebook als Nachrichtenquelle nutzen.

Vor dem Internet fabrizierten die Journalisten diese „Fake News“ noch selbst – in Form von Zeitungsenten, die sie in der nächsten Ausgabe wieder korrigieren konnten. Heute kann theoretisch jeder Nutzer sozialer Medien „Fake News“ dauerhaft generieren und große Menschenmengen damit beeinflussen. Auch Journalisten lassen sich daher von „Fake News“ in die Irre führen. Das hat zur Folge, dass die Grenzen zwischen professionellem Journalismus und Leser-Beiträgen verschwimmen.

Der Künstler Andy Warhol sagte 1968: „In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes“. Diese Aussage wird heutzutage oft auf das Internet und die Möglichkeit jedes Individuums dort reichweitenstarke Inhalte einzustellen bezogen. Es stellt sich die Frage, ob auch der Journalist als Mensch hinter seinen Texten hervortreten sollte, um sich mit seiner Berichterstattung von der Masse abzuheben und persönlich zu berichten – via den neuen Medien.

Ein gutes Beispiel für einen persönlich bekannten Journalisten ist Richard Gutjahr. Der Journalist,  Moderator und Blogger ist der Meinung, dass man heutzutage auf Social Media nicht mehr verzichten könne, da dort die Informationen wesentlich schneller zugänglich seien. Einer großen Öffentlichkeit wurde er als weltweit erster Mensch mit einem iPad bekannt: 2010 stand Gutjahr dafür 23 Stunden vor einem Apple Store an. Er wollte wissen, worin die Faszination liegt wegen einem Produkt zu campieren. Es folgten weitere Liveberichte während des arabischen Frühlings in Kairo und den Terroranschlägen in Nizza und München. Auf einem Vortrag in Hamburg sprach er davon, dass man als Journalist neugierig bleiben muss und niemals vor Neuem zurück schrecken sollte – zu diesem Zeitpunkt testete er gerade Snapchat als Medienkanal.

„Das Internet ist eine natürliche Fortschreibung dessen, was wir Menschen von jeher getan haben: uns informiert und Geschichten erzählt. Bei den klassischen Medien hat mir da etwas gefehlt: der Rückkanal. Der ist jetzt da und wir wissen noch gar nicht so genau, was wir mit diesem Geschenk anfangen wollen und können. Wir tasten uns derzeit alle voran, um das herauszufinden. Ich sehe mich als Journalist geradezu in der Pflicht, mich auf diesem Feld weiterzuentwickeln. Schließlich sind Informationen das, womit wir unser Geld verdienen.“ (Richard Gutjahr im Gespräch mit t3n)

Das Hervortreten hinter dem Bericht liegt allerdings nicht zwangsläufig in den Händen des Journalisten. Die ZEIT veröffentlichte 2015 in ihrem Magazin ein Porträt des Tagesthemen-Moderators Ingo Zamperoni. Er war zu diesem Zeitpunkt als ARD-Korrespondent in Washington und kehrte im Herbst 2016 zu den Tagesthemen zurück. Seitdem ist er gemeinsam mit Caren Miosga Hauptmoderator der Sendung. Bevor er zum ersten Mal nach seiner Rückkehr moderierte, diskutierte die Tagesschau über seinen Schlusssatz – die Zuschauer reichten Vorschläge ein. Ingo Zamperoni will nach eigenen Aussagen die Nachricht im Mittelpunkt sehen, dennoch ist er ein beliebter Journalist und man berichtet über ihn.

Auf der Bildkorrekturen-Tagung äußern sich die eingeladenen Journalisten überwiegend negativ zur Personalisierung des Journalisten.
Die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung Isabell Pfaff arbeitet seit 2014 im Afrika-Ressort. Die Digitalisierung Afrikas vereinfacht den Zugang zu Informationen über aktuelle Ereignisse auf dem Kontinent. Sie spricht sich gegen eine Personalisierung aus, da diese von der Botschaft ablenke. Dennoch habe jeder Journalist Haltungen und diese werden von den Lesern auch in Form von Meinungsbeiträgen eingefordert. Die neuen Medien nutzt sie größtenteils nur als Journalistin, nicht als Privatperson.

„Ich habe erst als Journalist angefangen, Twitter und Facebook zu nutzen. Ich habe das vorher abgelehnt und nutze es auch nur beruflich. Ich twittere nur Dinge, die mit meinem Themengebiet zu tun haben. Ich habe kein Interesse daran, mich stark als Privatsperson darzustellen. […] Ich glaube, man kann das schon relativ gut trennen und viele Journalisten machen das auch. Ich bin eher gegen eine Personalisierung. Es lenkt von der Botschaft ab.“ (Isabell Pfaff)

Der Journalist und Fotograf Niko Wald betreibt seit 1999 einen eigenen Blog. Er schrieb für Non-Profit-Organisationen und arbeitet inzwischen für das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft in der strategischen Kommunikation. Für ihn schließt journalistisches Arbeiten persönliche Bindung zu dem jeweiligen Thema aus.

„Wenn man persönlich zu sehr  in einem Thema involviert ist, kann man journalistisch daran nicht arbeiten.“ (Niko Wald)

Eine gegensätzliche Meinung findet man bei der Tagungsteilnehmerin Brigitte Isaac. Die syrische Journalistin lebt seit einigen Jahren im Exil. In Deutschland kann sie zum ersten Mal frei ihre Meinung äußern. Das war in Syrien nicht möglich. Sie sagt, dass Journalismus objektiv sein sollte, dies aber nicht bei jeder Thematik möglich sei. Botschaften seien oftmals subjektiv. Wenn sie über Syrien spreche, hätte sie auch Gefühle über Syrien.

„If I talk about Syria, I have feelings about Syria.“ (Brigitte Isaac)

Bisher gibt es noch keine klare Prognose, wie der zukünftige Journalismus aussieht und welche Formen die Berichterstattung annehmen wird. In der heutigen Gesellschaft können sich Individuen persönlich entfalten und sich der Welt mitteilen. Es bleibt offen, ob auch im Journalismus eine Personalisierung relevant wird oder ob der Mensch hinter den Text tritt und nur die Nachricht im Vordergrund stehen sollte. Im Bezug auf „Fake News“ könnte die Personalisierung durchaus positiv ausfallen: die Informationen lassen sich leichter der Quelle zuordnen. Eine Personalisierung könnte allerdings auch von der eigentlichen Nachricht ablenken und würde nur eine bestimmte Berufsgruppe repräsentieren: im Bezug auf unsere Tagung wären dies afrikanische und europäische Journalisten. Die Digitalisierung beschleunigt die Informationsbeschaffung. Trotz dieser Entwicklung muss der Journalismus auch zukünftig professionell und authentisch bleiben. Dies bringt Jochen Spangenberg in seiner Keynote auf den Punkt: „Get it first, but first get it right.“

Teil 4: Digital Immigrants aus dem analogen Steinzeitalter Beim Thema Digitalisierung sehen wir plötzlich ganz schön unterentwickelt aus.

Wir sind es gewohnt immer vornedran zu sein. Deutschland ist eines der politisch einflussreichsten Länder Europas, eine wohlhabende Wirtschaftsmacht und ein beliebter Partner für internationale Beziehungen. Beim Thema Digitalisierung sehen wir aber plötzlich ganz schön unterentwickelt aus. Wie kann das sein?


Während in Estland und Kenia bereits Kinder in der Schule zu kleinen Digital Natives erzogen werden, sitzen unsere Schüler noch immer im analogen Steinzeitalter fest. Im vermeintlich hoch technisierten Deutschland werden häufig nur die Gefahren eines frühzeitigen Umgangs mit digitalen Medien gesehen. Von Tablets im Unterricht, Lernaufgaben per SMS oder virtuellen Klassenbüchern kann nicht die Rede sein. Sicherlich muss man diese Angebote sinnvoll in den Unterricht einbauen, einen Lehrer können Computer nicht ersetzen. Doch warum wird das natürliche Interesse der Jugend an technischen Neuheiten nicht deutlich mehr genutzt? Sei es spielerisch, als Präventionsmaßnahme oder in Bezug auf Medienkompetenz – die Chancen und Möglichkeiten sind riesig.

Stattdessen bleiben wir stehen bei Papier und Tafelkreide und schließen bedeutende technische Entwicklungen aus dem Lernalltag aus. Laut ICILS-Studie 2013 werden Computer in keinem anderen Land der Welt (!) seltener im Unterricht eingesetzt als in Deutschland. So entsteht immer mehr eine analoge Parallelwelt Schule, in der Kinder nicht ausreichend für die Aufgaben in zukünftigen Arbeits- und Lebenswelten ausgebildet werden. Dabei muss es eigentlich eine Kernaufgabe jeder Bildungseinrichtung sein, den Schülern zu vermitteln, wie die Dinge im hier und jetzt um uns herum funktionieren. Nicht nur zu Zeiten Pythagoras’ oder Caesars. Programmier- und Kodierkenntnisse werden bald nicht mehr nur von Nerds und Geeks verlangt werden, wie ein Blick nach Estland zeigt. Hier sind sie schon heute in vielen „normalen“ Jobs Voraussetzung.

Goethe sagte: „Nichts ist schrecklicher als ein Lehrer, der nicht mehr weiß als das, was die Schüler wissen sollen.“ In Deutschland wissen die Schüler allerdings heute in der Regel schon allein durch Alltagserfahrungen mehr als ihre Lehrer, sind fitter im Umgang mit neuen Medien und zeigen dadurch den Mangel an digitaler Ausbildung direkt auf. Blamabel für eine selbsternannte Dichter- und Denkernation. Doch wäre es falsch den Fehler allein bei den Lehrkräften zu suchen. Dort ist nach einer Studie der Telekom Stiftung von 2015 das Bewusstsein für einen Wandel bereits entstanden. Demnach sehen nur 35,6% der Lehrer die pädagogische Unterstützung in Sachen Computernutzung für ihre Schüler ausreichend und wünschen sich zu 81,5%, dass bereits die Universitäten besser auf einen Einsatz von digitalen Medien im Unterricht vorbereiten sollten. Es reicht also nicht, einfach nur jedem Kind einen Laptop oder ein Tablet in die Hand zu drücken, Mediendidaktik durch kompetente Lehrkräfte ist genauso entscheidend. Doch nicht nur in der Wirtschaft, auch im Bildungssystem mahlen die Mühlen im Bürokratie-Staat Deutschland langsam. Und so produzieren deutsche Bildungseinrichtungen nicht nur wertvolles Wissen sondern v.a. auch viel alten Staub. Es bleibt nur zu hoffen, dass hier bald mehr Schwung in alte Systeme kommt. Sonst wird der deutsche Nachwuchs abgehängt.

Teil 3: Das Recyclingpapier-Monster Beim Thema Digitalisierung sehen wir plötzlich ganz schön angestaubt aus.

Wir sind es gewohnt immer vornedran zu sein. Deutschland ist eines der politisch einflussreichsten Länder Europas, eine wohlhabende Wirtschaftsmacht und ein beliebter Partner für internationale Beziehungen. Beim Thema Digitalisierung sehen wir aber plötzlich ganz schön angestaubt aus. Wie kann das sein?


Im Rathaus von Leipzig herrscht Papierkrieg, so wie in vielen Behörden in Deutschland. Der Leipziger Pressesprecher, Matthias Hasberg, schilderte dies erst kürzlich den Teilnehmern der Bildkorrekturen Konferenz im November 2016. Die üblichen Schauermärchen vom Ämtergang sind hier immer noch Realität. Nummer ziehen, unmenschlich lange Wartezeiten und einschläfernd langsame Bearbeitungswege ­– Beamtenalltag zwischen grauem Recycling-Papier und Yucca-Palmen. Von einem Ende des Gebäudes bis zum anderen kann ein Dokument mit der Hauspost schon einmal Wochen unterwegs sein. Deshalb haben sich die Leipziger ganz ungehorsam Schlupflöcher installiert. Sehr dringende Dokumente werden ausgedruckt, eingescannt und an die entsprechende Stelle als E-Mail Anhang geschickt. Rechtskräftig ist das natürlich alles nicht aber – psssst – immerhin kann es weitergehen, bis die Schriftstücke dann in Originalform nachgeliefert werden. Im Verwaltungsungeheuer Deutschland ganz normaler, abstruser Usus.

Warum machen wir es uns eigentlich so schwer? Wie es leichter gehen kann, zeigen die Esten. Durch die Digitalisierung ihres Staates können sie sich nicht nur viele Behördengänge schenken, sie können sogar die ganze Regierung online wählen. Alles ist hier „e“ oder „i“: e-Cabinet, e-Tax, iVoting, ePrescription. Und in Deutschland? Da überwiegt die Angst vor Datenklau, Missbrauch und Manipulation. Dass diese Ängste nicht ganz unbegründet sind zeigen Beispiele aus dem amerikanischen Alltag und Wahlkampf, wenn Krankenakten zu tausenden gehackt werden oder Präsidentschaftswahlen eine erstaunliche Wende nehmen. Und jetzt? Sollen wir uns als Konsequenz dem allen komplett verschließen und uns für alle Zeiten an vorsintflutartigen Abläufen wie im Rathaus in Leipzig festhalten? Das typisch deutsche Misstrauen und die Zurückhaltung müssen durch eine starke Online-Sicherheitspolitik made in Germany zurückgedrängt werden, damit auch unsere Staats- und Verwaltungsorgane im 21. Jahrhundert ankommen können.

Teil 2: Arrogante Amateure oder schüchterne Schisser? Beim Thema Digitalisierung sehen wir plötzlich ganz schön lahm aus.

Wir sind es gewohnt immer vornedran zu sein. Deutschland ist eines der politisch einflussreichsten Länder Europas, eine wohlhabende Wirtschaftsmacht und ein beliebter Partner für internationale Beziehungen. Beim Thema Digitalisierung sehen wir aber plötzlich ganz schön lahm aus. Wie kann das sein?


In Deutschland stinkt der Fisch nicht nur vom Kopf an. Im Grunde modert es an allen Ecken und Enden. Hier hat sich ein skeptischer und lähmend misstrauischer Umgang mit der Digitalisierung tief in der Gesellschaft verankert und digitale Begriffe sind auch 2016 noch für viele unbekanntes Gewässer. Nur 38% der Bevölkerung können nach einer Studie aus 2016 von TNS Infratest den Begriff „Social Media“ überhaupt beschreiben. Bei Begriffen wie „Internet der Dinge“ oder „Big Data“ liegen die Prozentwerte im einstelligen Bereich.

Deutschland muss sein Selbstbild also dringend korrigieren. In manchen Bereichen mögen wir Vorreiter sein, in anderen sind wir es sicher nicht. Wer zahlt beispielsweise heute bereits mit seinem Handy im Supermarkt? Die wenigsten, obwohl es die Technik NFC nun schon seit Beginn der 2000er gibt. In Afrika dagegen, das von Europa und der ganzen Welt gerne pauschal als der Entwicklungskontinent schlechthin gesehen wird, wird das Mobilfunknetz schon länger nicht mehr nur zum Telefonieren genutzt. Hier kann man Geld via „M-Pesa“ von einem Handy zum anderen verschicken, sich Bargeld aus seinem Mobilfunkguthaben auszahlen lassen oder per SMS bezahlen. In Kenia, wie in anderen afrikanischen Ländern, wurde damit eine große Lücke im Bankensystem geschlossen. Nun können auch Kleinverdiener und Menschen ohne Internetzugang banken. Hat Deutschland mit seinem funktionierenden (Online-)Bankensystem so etwas also nur einfach nicht nötig oder leiten uns vielleicht doch eher irrationale Ängste und fehlendes Vertrauen? Die Logik kann jedenfalls nicht sein: Wer sensible Daten wie Finanzen, persönliche Angaben oder Bilder online speichert und diese dann gestohlen oder missbraucht werden, ist selbst Schuld. Es braucht schlicht und einfach mehr Sicherheit damit Vertrauen entstehen kann. Die Bürger müssen in Deutschland ihre Politik viel stärker zur Verantwortung ziehen damit diese sie ausreichend schützt – egal ob off- oder online.