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„Alle sollen wissen, was konkret von ihnen erwartet wird“

Das viel kritisierte Bündnis für nachhaltige Textilien hat große Pläne für das Jahr 2018. Ob es die von Bundesminister Gerd Müller ins Leben gerufene Initiative schaffen wird, weiter zu wachsen und den Markt zu verändern? Dr. Jürgen Janssen, Leiter des Bündnissekretariats, gibt sich im Interview positiv.

Im Sommer 2017  haben die Mitglieder erstmals Jahrespläne für verbindliche „Roadmaps“ erstellt. Haben Sie in diesem halben Jahr schon Verbesserungen gesehen?

Wir können noch nicht sagen, ob und was sich konkret verbessert hat. Wir gehen aber auf jeden Fall davon aus das sich etwas tut. Es sind insgesamt über 1500 Maßnahmen, die alle Mitglieder gemeinsam in die zusammengefassten Pläne reingeschrieben haben. Für den großen Tanker „Textilwirtschaft“ ist dies eine Richtungsänderung.

Viele Ihrer Mitglieder sind ausgetreten. Was sind die Gründe dafür?

In den letzten Monaten hatten wir auch einige neue Beitritte. Wir finden, es ist eine relativ normale Entwicklung, dass es bei einer völlig freiwilligen, ohne interne Regelungen funktionierenden Initiative, bei Steigerung des Anforderungsniveaus für die Mitglieder, eine Bereinigung gibt. Einige Mitglieder waren von anderen Anforderungen und Voraussetzungen ausgegangen. Diese hatten nicht geglaubt, dass das Textilbündnis tatsächlich Verpflichtungen einführen würde. Verpflichtungen sind nicht nur konkrete Maßnahmen, sondern insbesondere die geforderte Transparenz. Natürlich soll über die Ergebnisse berichtet werden. Für einige ehemaligen Mitglieder war dies ein Schritt, den sie noch nicht mitgehen wollen.

Wie wollen Sie für die Zukunft wieder mehr Mitglieder gewinnen?

Um die Mitgliederzahl zu steigern, muss Klarheit im Hinblick auf den Zeitraum 2018 bis 2020 geschaffen werden. Alle Mitglieder sollen wissen, was exakt von ihnen erwartet wird. In der Anfangsphase des Textilbündnisses war das noch nicht der Fall.Mit der Formulierung des Anforderungskatalogs ergibt sich für die Unternehmen Planungssicherheit. Dann wissen die Mitglieder worauf sie sich einlassen.

 Die NGOs haben sie bezüglich der Roadmaps kritisiert. Wie gehen Sie damit um?

Sehr proaktiv. Wir haben die erste Runde des Roadmap-Prozesses angeschoben als ein Element der Bündnisarbeit. Es ist die erste Runde und diese ist noch nicht hunderprozentig ausgereift. Das System, Ziele zu setzen, sie nachzuverfolgen und dann darüber zu berichten, ist völlig neu. Das gibt es so noch nirgends. Für den Roadmap-Prozess 2018 haben wir eine ganze Reihe von Veränderungen und Verbesserungen vorgenommen unter Beteiligung der NGOs. Diese schauen natürlich mit einem anderen Blick auf die Themen als Unternehmen. Aber auch die NGOs sind verpflichtet, eigene Roadmaps abzugeben. Sie sollen zeigen, wie sie ganz konkret die Ziele des Bündnisses verfolgen und unterstützen wollen. In diesem Bereich haben wir sehr viel Feedback von den NGOs bekommen. Diese sagten, dass die Formulierung der Ziele zum Teil nicht passt und geändert werden muss. An diesem Punkt stehen wir momentan.

 

Keine weißen Westen Erst jetzt gibt sich das Textilbündnis verbindliche Ziele – warum dauert das so lange?

„Ich wünsche Ihnen fair produzierte Kleidung unterm Weihnachtsbaum“, sagt Bernhard Felmberg zum Abschied. Dass das in Deutschland momentan die Ausnahme ist, weiß er selbst. Felmberg sitzt für das Entwicklungsministerium im Textilbündnis, einem Zusammenschluss von Bundesregierung, Zivilgesellschaft und Unternehmen des deutschen Textilmarkts, darunter Größen wie H&M, Esprit, Aldi, Lidl und Tchibo. Es soll die ökologischen und sozialen Bedingungen in der Textilwirtschaft verbessern und für mehr faire Kleidung unterm Baum und im Schrank sorgen.

Nun, drei Jahre nach seiner Gründung, hat das Textilbündnis zum ersten Mal verbindliche Zeit- und Mengenziele für alle Mitglieder beschlossen. Bislang gaben sich die Teilnehmer, die zusammen immerhin die Hälfte des deutschen Textilmarkts abdecken, lediglich individuelle Ziele.

Von 2018 bis 2020 sollen sie besonders an drei Bereichen arbeiten: dem Chemikalieneinsatz, den Sozialstandards und der Verwendung von Naturfasern. So müssen zertifizierte Chemikalien benutzt, Abwässer besser geklärt, ein Prozess zum Umgang mit Kinder- oder Zwangsarbeit etabliert und der Anteil an nachhaltiger und Bio-Baumwolle erhöht werden. Auch müssen sie Produzenten und Geschäftspartner systematisch erfassen – ob die Liste auch veröffentlicht wird, bleibt aber den Mitgliedern überlassen.

Die Ziele sind zunächst bemerkenswert, denn kein deutsches Unternehmen muss Teil des Textilbündnisses sein, das 2014 von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) ins Leben gerufen wurde. Er gründete es als Reaktion auf den Einsturz einer Kleiderfabrik in Bangladesch 2013, in der auch deutsche Firmen hatten produzieren lassen. Mehr als 1.100 Menschen starben damals, über 2.400 wurden verletzt. Seitdem setzt er auf die Freiwilligkeit der Branche statt auf harte Vorgaben. Allen Beteiligten ist aber klar: Sollte das Bündnis keine ausreichenden Erfolge erzielen, könnten Gesetze folgen. Kritikern gehen die Ambitionen schon jetzt nicht weit genug und es dauert ihnen zu lange. „Wir brauchen ein Gesetz! Die Bundesregierung ist in der Pflicht dafür zu sorgen, dass deutsche Unternehmen in ihren Lieferketten Menschen- und Arbeitsrechte achten“, forderte kürzlich eine Vertreterin von Brot für die Welt auf der Konferenz „Fashion and Development“ in Leipzig.

Die Kleiderstange hängt voll, doch ist die Auswahl nachhaltig?

Wer verstehen will, weshalb es im Textilbündnis so langsam vorangeht, muss sich die Beteiligten genauer ansehen. Auf den Bündnistreffen kommen Vorreiter für Nachhaltigkeit wie hessnatur und Vaude mit Größen des günstigen Segments wie NKD, KiK und Primark zusammen. 99 Unternehmen mit unterschiedlichen Kunden und Nachhaltigkeitsstrategien treffen aufeinander. Die einen bremsen, den anderen geht es nicht schnell genug. Das aktuelle Papier ist der größtmögliche Konsens von sehr unterschiedlichen Interessen.

So verwundert es auch kaum, dass sich das Textilbündnis noch immer vor klaren Aussagen bei zentralen Fragen drückt, etwa bei der Bezahlung der Textilarbeiter in den Fabriken. Mitglieder müssen laut den neuen Zielvorgaben jährlich lediglich an einer einzigen schwammigen „Maßnahme mitarbeiten, die darauf abzielt, Beschäftigten in Produktionsländern existenzsichernde Löhne zu zahlen.“ Damit verdienen Arbeiter jedoch nicht zwangsläufig mehr Geld. Felmberg vom Entwicklungsministerium räumt ein: „Das Thema existenzsichernde Löhne möchten wir 2018 noch stärker behandeln.“ Das Textilbündnis wird vom Entwicklungsministerium aktuell nur bis Ende 2018 finanziert, doch Felmberg ist zuversichtlich, dass es unabhängig von der künftigen Regierungskoalition fortgeführt wird. „Es ist das größte Multistakeholder-Bündnis weltweit. Tiefgreifende Entwicklungen brauchen ihre Zeit“, sagt er.

Dahinter steckt die Hoffnung, dass sich auf dem Textilmarkt vollziehen könnte, was schon bei Lebensmitteln eingesetzt hat: Ein breiteres Angebot an nachhaltigen Produkten, auch in Discountern, und das wachsende Kundeninteresse dafür. Die Branche kämpft auch mit der Transparenz: Derzeit lassen sich die vielen Arbeitsschritte von der Baumwollernte hin zum fertigen T-Shirt kaum nachvollziehen. Bis es in einem deutschen Geschäft liegt, muss die Baumwolle gepflückt, zu Fäden verarbeitet, gefärbt und gewebt werden, anschließend genäht, verschickt und verkauft. Bei chemischen Fasern ist die Kette ähnlich lang, mit vielen Möglichkeiten für Regelverletzungen.

Als nächsten Schritt peilt das Textilbündnis die internationale Vernetzung an, denn noch ist es ein nationaler Zusammenschluss. Ob das Unternehmen dazu bewegt, freiwillig existenzsichernde Löhne zu zahlen, bleibt fraglich. Das tun häufig nicht einmal die Vorreiter – es gilt als zu großer Wettbewerbsnachteil. Und so könnte es noch dauern, bis unterm Weihnachtsbaum faire, bezahlbare Kleidung liegt.

Fotos: Julia Klaus