Beiträge

Ein Tag im Leben Ein Kenianer auf der Bildkorrekturen Konferenz

Samuel Mwangi als fiktionaler kenianischer Durchschnittsbürger besucht die diesjährige Bildkorrekturen Konferenz und gibt Einblicke in das kenianische Leben mit Bezug zur digitalen Vernetzung.

„WLAN ‚Leipziger‘ – Then continue to browser“

Das liest Samuel Mwangi als erstes, als er am 17. November 2016 den dritten Stock des zeitgenössischen Forums in Leipzig betritt. Er ist hier um die Tagung zum Thema „Bildkorrekturen – Digital Divide“ zu besuchen. In seinem Heimatdorf in Kenia gibt es zwar inzwischen Internet, das auch insgesamt stark im ganzen Land verbreitet ist, aber kostenfreies WLAN gibt es trotzdem nicht so einfach an jeder Ecke.

Samuel sieht im Eingangsbereich direkt viele Menschen, die ihre Smartphones gezückt haben, um diese kostenlos zur Verfügung gestellte Internetverbindung sofort zu nutzen. Samuel kommt aus einem ländlicheren Teil Kenias und besitzt zwar ein Smartphone versucht aber damit möglichst selten ins Internet zu gehen, da dort die Preise dafür noch vergleichsweise astronomisch sind.

Samuel ist schon gespannt auf die erste Bildkorrekturen Keynote. Die ganze Konferenz ist auf Englisch ausgelegt, daher hat er auch keinerlei Probleme dem Programm jeder Zeit zu folgen. In Samuels Heimat ist Englisch eine Amtssprache. Über Übersetzungs- oder Ausdrucksfehler wie sie ab und an auf der Konferenz gemacht werden, kann er daher nur schmunzeln. Zum Beispiel erläutert die Moderatorin der Konferenz, Dr. Julia Schmitt-Thiel bevor die erste Keynote beginnt, einige organisatorische Aspekte. Unter anderem fällt die Devise, „widen your angel of view“. Neben Samuel gibt es noch andere Teilnehmer auf der Konferenz, beispielsweise von der Deutschen Welle Akademie, deren Amtssprache im jeweiligen Heimatland ebenfalls Englisch ist. Daher wird der kleine Fehler bald verbessert.

Zusätzlich dazu wird von Schmitt-Thiel auch die Socialmedia Seite der Konferenz vorgestellt. Es gibt mehrere Hashtags für die Konferenz (#digidev und #bildkorr16) und es wurden auch extra Accounts auf allen gängigen Social Media Plattformen angelegt. Samuel findet es interessant, dass auf Instagram und Twitter extra Accounts angelegt wurden. Denn er persönlich hat weder Twitter noch Instagram.

Die junge Frau, die die erste Keynote hält, Julia Manske, ist älter als er, so wie es fast alle auf der Tagung sind. Samuel ist gerade mal 19. Manske hält einen sehr spannenden Vortrag und spricht viele Punkte an, denen Samuel nur zustimmen kann. Dass es durch M-Pesa beispielsweise viel sicherer für Schulkinder geworden ist, da sie ihre Schulgebühren nicht mehr persönlich an einem bestimmten allseits bekannten Tag mit in ihre Schule bringen müssen. Oder aber, dass der Zugang zu Mobilfunk in Kenia inzwischen sehr gut ist, die Preise für eine Internetverbindung dennoch weiterhin zu teuer sind.

Danach gibt es eine kleine Pause bevor es mit der zweiten Grundsatzrede weitergeht. Ein sogenanntes World Cafe findet statt. Dabei sollen sich die Teilnehmer der Konferenz kennenlernen können, während eine Frage zum Thema „digital divide“ diskutiert wird. Samuel stellt sich an einen der Tische und hört sich die Diskussion zu der Frage „How often do you upgrade your gadgets?“ an. Insgesamt sind sich alle einig, niemand muss sofort das neuste vom neusten haben. Samuel passt also mit seinem nicht gerade brandneuen Smartphone fast schon sehr gut zum Rest der Diskussionsrunde.

Nach dieser kurzen Verschnaufpause spricht Eric Chinje. Er ist in Kamerun geboren und schon seit vielen Jahren im Bereich Medien in ganz Afrika tätig. Außerdem ist er der CEO der African Media Initiative. Chinje überrascht Samuel und den Rest seiner Zuhörer und improvisiert einfach mal eben aus dem Ärmel geschüttelt seinen Vortrag, nachdem seine Notizen sich auf seinem Tablet nicht öffnen lassen.

Ein Tablet hat Samuel nicht, aber er findet, dass Chinje mit einem guten Beispiel vorangeht und zeigt, dass es auch ohne funktionieren kann. Trotz dieser Rückkehr ins Analogzeitalter, geht immer noch vieles Digitale im Hintergrund von statten. Auf Instagram und Twitter werden Chinje und seine Keynote noch während des Haltens mehrmals verlinkt und erwähnt. Samuel überlegt sich deshalb ob es nicht doch langsam Zeit wird sich einen Twitteraccount zuzulegen.

Danach machen sich die Konferenzteilnehmer gesammelt auf den Weg zum Leipziger Rathaus. Dort gibt es eine Podiumsdiskussion, die unglücklicherweise für Samuel auf Deutsch gehalten wird. Jedoch wird auch eine Simultanübersetzung für die Englischsprechenden Konferenzteilnehmer angeboten, so dass Samuel die Diskussion trotzdem verfolgen kann.

Es geschieht während der Diskussion wie auch den Rest der Konferenz über vieles gleichzeitig. Einige Studierende der Deutsche Welle Akademie streamen die Podiumsdiskussion live auf der Facebook Seite von Bildkorrekturen. Das bekommt Samuel aber nur durch einige andere anwesende Zuhörer mit, da er zwar einen Facebook Account hat, aber mit seinem Handy wegen den entstehenden Kosten nicht darauf zugreifen will.

Der erste Tag der Bildkorrekturen Konferenz neigt sich dem Ende zu. Samuel fand diesen ersten der drei geplanten Tage unglaublich anregend und er konnte viele neue Eindrücke und Erfahrungen sammeln. Mit freudiger Erwartung auf die nächsten zwei Tage geht er am Abend in sein Bett und ist sich sicher, dass er noch viele weitere interessante Erlebnisse und Möglichkeiten vor sich hat, sich neues Wissen anzueignen. Vielleicht ist es neben Twitter auch an der Zeit sich einen Instagram Account zu holen um das meiste aus der Konferenz und deren vorbildlicher Social Media Präsenz herauszuholen.

Kriege, Krisen, Krankheiten? Taucht Afrika in europäischen Medien auf, handelt es sich meist um Negativ-Nachrichten. So vermitteln einseitige, oft fehlerhafte Darstellungen ein verzerrtes Bild des schwarzen Kontinents. Umgekehrt weist die Berichterstattung afrikanischer Medien über Deutschland und benachbarte Länder große Mängel auf. Das Projekt „Journalism in a Global Context“ soll dies zukünftig verbessern.

Die Idee ist einfach: Afrikanische und deutsche Journalismus-Institute sollen miteinander vernetzt werden, um den Austausch zwischen Afrika und Europa zu fördern. Auf deutscher Seite beteiligen sich das Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus der TU Dortmund und das Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Bamberg. Zusammen mit dem Verein Africa Positive planen sie eine webbasierte Plattform.Dort sollen afrikanische und deutsche Nachwuchsjournalisten gemeinsam an Beiträgen arbeiten, die sich vor allem mit der Situation von Migranten auf dem Weg nach Europa und der Lebensrealität in Deutschland beschäftigen. Dies geschieht im Rahmen universitärer Kurse. Indem die Studierenden unterschiedliche Perspektiven kennenlernen, wird der Blick über den Tellerrand und damit eine professionelle Auslandsberichterstattung gefördert. Zudem soll die Plattform die Zusammenarbeit in Forschung und Lehre unterstützen.

Medien bedienen Stereotype

In der aktuellen Flüchtlingskrise wird das Informationsdefizit über afrikanische Länder besonders deutlich. Europäische Medien fokussieren vor allem die Auswirkungen der Zuwanderung auf das Inland und die Flüchtlingspolitik in der Europäischen Union. Fluchtursachen und -motive blenden sie meist aus. „Die Flüchtlingswelle wird mit Hunger und Krieg erklärt. Dabei liegen die Ursachen viel tiefer – korrupte Regierungen, internationale Multis, die die Rohstoffe der afrikanischen Länder ausbeuten, und die globale Waffenindustrie tragen massive Mitverantwortung“, kritisiert Eric Chinje, Präsident der African Media Initiative. Die Medien berichten oftmals vereinfachend – sie bedienen weitverbreitete Stereotype, die den Lesern vertraut sind. Afrika wird meist mit Kriegen, Krisen und Krankheiten in Verbindung gebracht – die Flüchtlingskrise bildet dabei keine Ausnahme.

„Stereotype sind notwendig, um Komplexität zu reduzieren. Nur werden diese in den Medien zu wenig hinterfragt. Es ist einfach, in eingefahrenen Gleisen weiterzufahren. Die Gleise zu verlassen, bedeutet viel Aufwand.“
Markus Behmer, Professor an der Universität Bamberg und Mitbegründer des Projekts

Ferner bleibt die Migration innerhalb des Kontinents weitgehend unbeachtet, denn die meisten Menschen fliehen in angrenzende Nachbarländer. Laut dem Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen lebten 2014 neun von zehn Flüchtlingen in Entwicklungsländern.

Teil der Problematik ist auch die geringe Zahl westlicher Korrespondenten; so ist häufig nur ein Reporter für 33 afrikanische Länder zuständig.

„Die Afrikaner kennen Afrika nicht“

In Afrika fehlt es bei der Auslandsberichterstattung an einer entsprechenden Ausbildung der Journalisten. Wird über andere Länder informiert, dienen oft internationale Nachrichtenagenturen oder ausländische Fernsehprogramme wie die BBC als Quelle. „Die Afrikaner kennen Afrika nicht. Weniger als ein Prozent der Inhalte thematisiert andere afrikanische Länder”, so Eric Chinje bei der diesjährigen Bildkorrekturen-Konferenz. Dabei wäre eine intensive Beschäftigung mit den Nachbarländern Voraussetzung für wirtschaftliche Zusammenarbeit und politischen Austausch. Die Defizite in der Berichterstattung sind somit mitverantwortlich, dass innerhalb Afrikas kaum Überlegungen zu Ursachen und Lösungsmöglichkeiten der Flüchtlingskrise vorhanden sind. Die Artikel der Studierenden beschäftigen sich auch mit diesen Themen. Sie werden einer großen Leserschaft zugänglich gemacht, schließen so Informationslücken in der afrikanischen Bevölkerung und verbessern daher auch die Vernetzung innerhalb des Kontinents.

Falsche Hoffnungen an Europa

Außerdem zeigen viele afrikanische Medien nur Ausschnitte aus der Realität des Lebens in Europa. Da sie ihren journalistischen Aufgaben nicht gerecht werden, haben sich soziale Medien zu einer wichtigen Informationsquelle entwickelt. Bilder von Bekannten, die in Deutschland angekommen sind, ermutigen so den ein oder anderen, selbst zu fliehen. Es entsteht ein Teufelskreis aus mangelhafter Ausbildung, defizitärer Berichterstattung und Flucht. Hier setzt „Journalism in a Global Context“ an mehreren Punkten an: Zum einen thematisieren die Beiträge der Studierenden das Leben in Deutschland und Alternativen zur Flucht; zum anderen fördert das Projekt die journalistische Ausbildung junger Afrikaner, um eine differenziertere Berichterstattung auch langfristig sicherzustellen.

Fünf Dinge, die Indien besser kann als Deutschland

Die Nachrichten über Indien, die bei uns hängen bleiben, bedienen oft Vorurteile: Bollywood, Techies und Massenvergewaltigungen. Zeit, ein paar neue Seiten zu zeigen – von denen wir vielleicht auch noch was lernen können. Jürgen Webermann, ARD-Korrespondent für Indien, verrät uns fünf Dinge, die seiner Meinung nach in Indien besser laufen als in Deutschland:

Wenn die Kuh mit auf’s Bild muss Klischees über Indien in den Medien - und wie sie sich überwinden lassen

Indien ist vielfältig, dennoch verbreiten Medien über das Land häufig Klischees. Deutsche Journalisten wollen gegensteuern, indem sie über mehr berichten als nur über Gewalt und Armut. Dafür benötigen sie WhatsApp und einige Dolmetscher.

Jürgen Webermann berichtet für die ARD seit 2013 aus Indien (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)

Wenn dem indischen Außenministerium etwas besonders wichtig ist, dauert es nicht lange, bis auf Jürgen Webermanns Handy ein WhatsApp-Chat aufploppt. Webermann schaut dann auf sein Display und öffnet die Nachricht vom Minister-Sprecher, ohne sich darüber zu wundern, wer ihm da schreibt. Längst hat sich der Indien-Korrespondent daran gewöhnt, wie in Indien politische PR gemacht wird: mit Social Media statt mit drögen Pressemitteilungen.

Bereits vor zwei Jahren bekamen indische Journalisten zu spüren, was es heißt, wenn Spitzenpolitiker lieber twittern als mit ihnen zu reden: Nach seiner Wahl im Mai 2014 ließ sich Premierminister Narendra Modi zunächst mehrere Monate Zeit, bis er den Zeitungen des Landes Interviews gab. Erst als die Presseleute diese Praxis öffentlich monierten, sprach der Premier mit ihnen. Denn ähnlich wie Donald Trump liebt es Modi, der auf Twitter 26 Millionen Follower hat, seine Statements und Vorhaben direkt in den sozialen Medien zu verbreiten. Dort erreicht er seine Wähler schneller als beim Gespräch mit einem Reporter, und zudem hat er selbst die Hoheit darüber, wie die Informationen beim Publikum ankommen. Das Nachsehen haben die klassischen Medien, sie bangen um die Exklusivität ihrer Stories.

 

Korrespondent für ein Viertel der Weltbevölkerung

Darüber, wie er an gute Stories kommt, muss sich Jürgen Webermann meist keine Sorgen machen. Im Gegenteil: Für die ARD berichtet er seit 2013 als Hörfunk-Korrespondent über ein gewaltiges Territorium: ganz Südasien, darunter Indien und Afghanistan; eine Region, in der fast zwei Milliarden Menschen leben – ein Viertel der Weltbevölkerung. Geschichten gibt es für Webermann dort immer und überall. Gleichzeitig fordert ihn die Größe der Region heraus: Ständig besteht das Risiko, Bedeutsames zu verpassen, Stereotype abzubilden oder ganze Bevölkerungsgruppen zu stigmatisieren, etwa jene Millionen Menschen, die in den noch immer bitterarmen ländlichen Gegenden von Indien leben.

Nur etwa zehn deutschsprachige Journalisten berichten regelmäßig aus Indien, darunter Reporter für die Neue Zürcher Zeitung, die Zeit, das ZDF oder für die Deutsche Welle (DW). Für die DW, den deutschen Auslandssender, hat auch Christoph Kober eine Zeit lang in Indien gearbeitet, sein Schwerpunkt sind Wirtschaftsthemen. Die Indien-Klischees, die ihm immer wieder begegnen, ermüden ihn: “Man könnte flapsig sagen: In jedem Beitrag des ZDF über Indien läuft irgendwann eine Kuh durchs Bild, weil die Leute das von Indien erwarten.” Das, was Journalisten wie Jürgen Webermann und Christoph Kober tun, beeinflusst das Bild der Deutschen von Indien maßgeblich. Allein 60 Radiosender strahlen Webermanns Beiträge aus, darunter der Deutschlandfunk und sämtliche Sender der ARD. Was Webermann sagt, das hören Millionen. Und was er kommentiert, formt deren Meinungen über ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern. Deshalb möchte er nuancieren und einordnen, so gut es geht.

 

Rassistische Stereotype bringen Quote

„Wird in Indien eine Touristin vergewaltigt, springen wir nicht gleich auf das Thema auf“, sagt Webermann. In Europa werde ja auch nicht jede Vergewaltigung einer Touristin in den Medien hochgejazzt. Das Problem dabei: Geschichten aus Indien über solche Vorfälle funktionieren gut in Deutschland, so Webermann. Sie bringen Klicks und Quote. „Auch weil sie rassistische Stereotype bedienen, von dunkelhäutigen Männern, die wie Tiere über Frauen herfallen. Dagegen wehren wir uns.“ Ignorieren will Webermann Themen wie Vergewaltigungen aber auch nicht. Wichtig sei es, einen Kontext zu schaffen.

Zum Jahrestag der Gruppenvergewaltigung, bei der 2012 sechs Männer in Neu-Delhi eine junge Frau misshandelt haben, bieten Webermann und seine Kollegen etwa eine Reportage-Serie an, in der die unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft abgebildet werden. Dabei geht es nicht nur um Frauen, die schwere körperliche Gewalt erleben, sondern auch um solche, die beruflich erfolgreich sind, aber an Glasdecken stoßen. „Und das sind Probleme, die es auch bei uns im Westen gibt”, sagt Webermann.

Mit Vorurteilen über seine Landsleute wird auch der indische Kommunikationswissenschaftler Jacob Puthenparambil konfrontiert, der derzeit an der TU Dresden promoviert. Besonders häufig bekommt der 37-Jährige zwei Fragen gestellt: Ernährt sich wirklich jeder Inder vegetarisch? Und sind eigentlich alle Inder IT-Experten? Sicher, es sind Vorurteile der harmloseren Art, aber auch sie werden von den Medien vermittelt, findet Puthenparambil, der in London studierte und in Singapur eine PR-Agentur leitet. Um sich über Deutschland und über das Bild der Deutschen über Indien zu informieren, verfolgt er die englische Ausgabe von Spiegel Online oder die Deutsche Welle. Problematisch ist laut Jacob Puthenparambil die Tatsache, dass sich westliche Journalisten hauptsächlich in den zwei indischen Metropolen Neu-Delhi und Mumbai aufhalten. Dort seien Armut, Hunger und Korruption aber nicht so ausgeprägt wie auf dem Land. “Neu-Delhi und Mumbai sind aber nicht Indien”, sagt Puthenparambil. „Das ist genauso falsch, wie von New York oder San Francisco auf die gesamte USA zu schließen.“

ARD-Korrespondent Jürgen Webermann kennt diese Bedenken, auch sein Studio befindet sich mitten in Neu-Delhi und somit in einem der wenigen, modernen, digitalisierten Zentren Indiens. Verlässt er für Reportagen die Stadt, wird die Arbeit komplizierter für ihn. Etwa wenn es nicht mehr reicht, nur auf Englisch miteinander zu sprechen. „Das ist ein großes Hindernis“, sagt Webermann. „Wenn ich mit Leuten Hindi spreche, helfen mir zwei indische Producer beim Übersetzen. Schwieriger wird es, wenn es für eine Reportage über Hunger nach Maharashtra geht, wo Marati gesprochen wird. Dann brauche ich auch noch jemanden, der von Marati auf Hindu und dann wiederum ins Englische übersetzt. Vieles kann dadurch verloren gehen.“

 

Ist das Publikum nicht offen für Differenzierungen?

Was verloren gehen kann, wenn eine Nachricht nicht vollständig wiedergegeben wird, hat Webermann auch im November 2013 erfahren, als er sich dazu entschlossen hat, nach Bangalore zu reisen. Der Grund: Erstmals gelang es Indien, eine Rakete zum Mars zu schicken. Die Mission war von geringer wissenschaftlicher Relevanz, das Budget lag mit 60 Millionen US-Dollar unter dem eines Hollywood-Films. Aber Indien jubelte. Indes ergoss sich in den Kommentarspalten der ARD-Websites der Hohn. Warum nur, fragten dort viele, leistet es sich ein armes Land mit so viel Hunger eine Rakete ins All zu schießen? Webermann hatte zunächst eine ähnliche Einschätzung wie die Kommentatoren, aber anstatt weiter zu spekulieren, reiste er zur indischen Weltraumagentur, ins 2.000 Kilometer südlich gelegenen Bangalore, um einen zweiten Bericht zu erstellen. „Was ich dort vorfand, war der Muff einer 80er-Jahre-Behörde in Deutschland, es roch nach Bohnerwachs, nach Spießigkeit und es war alles andere als schick“, sagt Webermann. Statt auf Patriotismus und Pathos fokussierten sich die Forscher auf das Wesentliche. Ohnehin war das primäre Ziel nicht die Marslandung, sondern eine Rekrutierungskampagne: Dank der Aufmerksamkeit für die Mars-Mission hätten sich sofort 200.000 College-Absolventen um einen Job beworben, die sonst wohl zu besser zahlenden Firmen gegangen wären. Mit den jungen Fachleuten sei es wiederum möglich, an wichtigen Verbesserungen zu forschen, die allen Indern zugutekommen, etwa an Satelliten, die genauere Wettervorhersagen oder Internet für entfernte Regionen ermöglichen.

Nun gehört es aber zu den Paradoxien der Mediengesellschaft, dass nuancierte Berichte zwar leicht zu finden sind, das Publikum diese aber nicht unbedingt mit großer Aufmerksamkeit würdigt. So auch bei Webermanns zweiter Geschichte über die Weltraumagentur. “Das Interesse war wirklich gering“, sagt er. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass das Publikum offen war für diese Differenzierung.“ Was aber sollen deutsche Medien tun, wenn aufgewärmte Klischees stets besser funktionieren als Differenzierung? Jacob Puthenparambil gibt einen pragmatischen Rat, von dem die deutschen Zuschauer nur wenig hätten: „Die Medien sollten ihr Publikum vergrößern und mehr auf Englisch berichten“, empfiehlt der indische Kommunikationswissenschaftler. “Schon jetzt sprechen Millionen Inder Englisch. Die wollen wissen, wie der Westen über sie denkt.” Und Millionen Inder, die Jahr für Jahr ins Internet kommen, haben erstmals die Möglichkeit dazu.

Jürgen Webermann spricht über den Digital Divide (CC: EG / Foto-Zentrum Leipzig)

Hilfsorganisationen – Mitgefühl wecken oder Stereotype verstärken?

Geht es um Hilfsorganisationen in Deutschland, fallen einem zahlreiche Namen, vielleicht sogar ganze Werbeslogans der Organisationen ein. Kein Wunder, ob an der Bushaltestelle oder am Bahnhof, die großen Plakate mit weinenden Kinderaugen oder hungernden Menschen kennen wir alle. Gerade zur Weihnachtszeit werben die Organisationen um Spenden, immer mit der impliziten Botschaft, auch mal an Andere zu denken – Menschen denen es schlechter geht als uns. Dabei bleibt der schale Beigeschmack, ob diese Bilder nur Mitgefühl wecken oder auch bereits bestehende Bilder in uns verstärken – Stereotype?

Afrika ist ein gutes Beispiel. Das Wissen über den Kontinent und seine verschiedenen Länder beschränkt sich bei vielen Deutschen auf ein Mindestmaß. Ausgenommen natürlich wir beschäftigen uns tatsächlich bewusst mit dem Kontinent. Ansonsten sehen wir aber eben oftmals das, was uns von Außen über Medien oder Werbung an uns herangetragen wird. Dazu gehören auch die Plakate von Hilfsorganisationen. In der täglichen Berichterstattung nehmen afrikanische Länder eine Nebenrolle ein, es sei denn es geht um Kriege, Konflikte oder Hungersnöte. Selbstverständlich ist es wichtig über diese Themen zu berichten. Genauso wäre es jedoch auch wichtig, in einer Welt in der wir aufgrund von Globalisierung und Digitalisierung immer mehr zusammenwachsen, uns endlich gegenseitig besser kennenzulernen und voneinander zu lernen. Es gibt nicht nur Kriege und Hungersnöte in Afrika über die es zu berichten gilt.

Über Afrikas Vielfalt und das Potential von Ländern wie Kenia

Um beim Beispiel Afrika zu bleiben, wäre es zunächst wichtig die Vielfalt dieses Kontinents stückweise zu begreifen. Afrika sollte nicht gänzlich in die Schublade der Hilfsbedürftigkeit geschoben werden. Der Kontinent besteht aus 54 Staaten und kann in verschiedene Regionen unterteilt werden. Eine gängige Unterteilung Afrikas ist die in Subsahara-Afrika und Nordafrika, wobei die Wüste Sahara hier als geografische und klimatische Übergangszone verstanden wird. Alles was südlich der Sahara liegt wird daher als Subsahara-Afrika bezeichnet. Der Großteil der afrikanischen Länder zählt zu diesem Gebiet. Selbstverständlich gibt es aber auch zwischen diesen 49 Ländern,  zum Teil große Unterschiede hinsichtlich Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Politik. Neben Ländern wie Äthiopien, Ghana, Nigeria, Senegal oder Uganda zählt unter anderem auch Kenia zu der Region Subsahara-Afrika. Kenia gehört zu den Ländern, die sich in den letzten Jahren stark entwickelt haben.

Vor allem wirtschaftlich gesehen, ist das Land im Gegensatz zu anderen Ländern in Ostafrika gut aufgestellt und hat Potential weiter zu wachsen. Die Landwirtschaft ist zwar nach wie vor eine wichtige Einnahmequelle, doch vor allem der Dienstleistungssektor und die IT-Branche spielen eine immer größere Rolle. Die Digitalisierung ist daher für Kenia enorm wichtig. Doch nicht nur für die Wirtschaft ist die zunehmende Digitalisierung eine Bereicherung, sondern auch für die Politik. Durch die wachsende Internetnutzung haben Bürger die Möglichkeit sich besser zu informieren. Das politische Mitspracherecht kann durch das Internet verbessert werden, was wiederum zu einer Stabilisierung der Politik beitragen kann. Auch der Bildungssektor profitiert von der Digitalisierung, da der Zugang für Lehrmaterial für Schüler durch das Internet erleichtert werden kann. Laut der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing der Bundesrepublik Deutschland „Germany Trade & Invest“, hat Afrika generell ein großes Potenzial wenn es um Internetwachstum geht. „Lag die Internetdurchdringung in Afrika 2012 noch bei 16% wird sie bis 2025 auf 50% steigen“, so schreibt die Gesellschaft auf ihrer Webseite.

Konflikte gibt es auf der ganzen Welt, Brennpunkte aber benötigen schnelle Hilfe

Kennen wir nur die Probleme afrikanischer Länder?

Letztendlich müssen wir in Europa begreifen, dass der Kontinent Afrika nicht schläft, nur weil wir womöglich nicht viel über Entwicklungen in der Berichterstattung hören. Möglicherweise müssen wir auch lernen neugierig zu bleiben und uns noch mehr für andere Länder um uns herum zu interessieren, der Digitalisierung sei Dank eigentlich kein Problem. Was wiederum die Hilfsbedürftigkeit Afrikas angeht, so gibt es speziell in Subsahara-Afrika immer noch große Armut, Krisen und Nöte. Unter anderem gibt es nach wie vor Probleme mit der Trinkwasser – und Gesundheitsversorgung der Menschen. Ebenso herrscht noch immer in vielen Gebieten Krieg. Konflikte über Ethnien und Terroranschläge verteilen sich über den ganzen Kontinent. Aufgrund des Flüchtlingsstroms begreifen wir nun auch in Deutschland, dass wir die Augen nicht vor den Problemen in anderen Kontinenten verschließen können. Wir wachsen alle zusammen.

Probleme und Konflikte verteilen sich auf der ganzen Welt, aber es gibt eben auch Brennpunkte, die schnelle und gezielte Unterstützung benötigen. Hier sind Hilfsorganisationen gefragt. Sie leisten eine Menge. Zum einen müssen sie vor Ort herausfinden, welche Hilfe konkret benötigt wird und Hilfskonzepte erstellen. Zum anderen müssen sie in dem Teil der Welt, der nicht von diesen Problemen bedroht ist, potentielle Spender erreichen. Dabei sollten sie aber darauf achten, die vorherrschenden Bedrohungen in dem zu helfenden Land menschenwürdig und authentisch darzustellen. Schließlich sollten nicht auch noch Stereotype bedient werden. Bei der Öffentlichkeitsarbeit von Hilfsorganisationen wird oft mit emotionalen Bildern von leidenden Menschen gearbeitet um wiederum andere helfende Menschen zu erreichen.

Isabel Pfaff

Niko Wald

Wenn wir über Stereotype sprechen, sollten wir auch Hilfsorganisationen nicht in einen Topf schmeißen. Zwei Menschen schon lange mit dem Thema Afrika auseinandersetzen sind Isabel Pfaff und Niko Wald. Sie haben eine klare Haltung gegenüber Hilfsorganisationen und deren Umgang mit emotionalen, teilweise klischeebehafteten Bildern. Durch seine Arbeit bei bekannten NGOs in Deutschland hat Niko Wald bereits Erfahrungen mit der Öffentlichkeitsarbeit von Hilfsorganisationen sammeln können: „Seriöse Organisationen haben auch eine professionelle Bildsprache. Sie stellen die Würde des Menschen in den Mittelpunkt. Seriöse Organisationen tun alles, damit Menschen nicht dauerhaft von Hilfe abhängig sind.“ Auch Isabel Pfaff sieht es durchaus kritisch, dass manche Organisationen mit klischeehaften Bildern arbeiten. Allerdings kennt sie das Problem, mit dem auch Hilfsorganisationen kämpfen. Als Journalistin bei der Süddeutschen Zeitung, berichtet sie oft über Afrika und im Speziellen über Subsahara-Afrika. Ihr liegt der Kontinent am Herzen. Sie stellt dennoch immer wieder fest, dass sich Menschen in Deutschland kaum für Afrikathemen interessieren:

„Das ist ein Problem und das ärgert mich auch, aber ich glaube, man muss trotzdem weiter machen“ (Isabel Pfaff)

Sie erklärt, dass es Hilfsorganisationen womöglich oft ähnlich ergeht, da sie die Menschen hier vor Ort erreichen müssen, um auf Themen und Probleme in Afrika aufmerksam zu machen. Die Redakteurin könne sich daher vorstellen, dass Organisationen manchmal auch auf weniger differenzierte Botschaften zurückgreifen, um überhaupt einen Teil der Bevölkerung in Deutschland zu erreichen. Es stellt sich die Frage, ob die Möglichkeiten des Internets auch für Hilfsorganisationen eine Option sein können, sich und ihre Projekte ausführlicher und offener zu präsentieren? Niko Wald sieht mithilfe des Internets durchaus Chancen für Organisationen ihre Arbeit in mehreren Dimensionen darstellen zu können. „Storytelling ist ein großartiges Instrument, um Spenderinnen und Spender in mehr Facetten zu informieren als das etwa ein Flyer oder ein Plakat könnte. Es ist eine intensivere, authentischere – und aufrichtige – Art, zu vermitteln, um was es geht und warum es wichtig ist, hinzuschauen und Aufmerksamkeit, Zeit und vielleicht auch Geld beizusteuern.“ Es scheint demnach als böte das Internet durchaus Möglichkeiten für Organisationen sich und ihre Projekte transparenter darzustellen. In welchem Maße Hilfsorganisationen diese Option in kommender Zeit auch nutzen werden, bleibt abzuwarten. Möglicherweise besteht auch für den Journalismus die Möglichkeit, eher unliebsame Themen durch Storytelling-Maßnahmen für die Leserschaft interessanter aufzubereiten.

Stereotype können jedoch trotzdem bleiben, da kommt es auf etwas ganz anderes an. Isabel Pfaff sieht es nach wie vor als ihre Aufgabe im Journalismus, Bilder zu brechen ohne dabei die Message aus den Augen zu verlieren:

„Ich will Klischees nicht reproduzieren. Ich will eben gegen solche Bilder arbeiten…“ (Isabel Pfaff)

„Gleichzeitig stehe ich auch oft vor der Situation, dass Dinge, die als Klischee gelten, tatsächlich auch passieren – Kriege, Hungersnöte. Wenn diese Dinge passieren, dann halte ich es schon für meine Pflicht gegenüber den Betroffenen, das auch zu benennen und nicht unter den Teppich zu kehren.“ Es geht also bei der Berichterstattung nicht darum zwanghaft Klischeethemen vom Publikum fernzuhalten nur um Stereotype zu verhindern. Vielmehr geht es um ausgewogene Berichte, welche die Gräuel in anderen Ländern durchaus benennen aber auch Neuigkeiten enthalten, von denen die Leserschaft womöglich noch nicht gehört hat. Für Pfaff bleibt es schwierig, da „das deutsche Publikum oft nur das wahrnimmt, was ohnehin schon seinen Bildern entspricht.“ Dennoch glaubt sie daran, dass man weiterhin ein bisschen gegensteuern muss, um den Menschen auch viel von den positiven Gegebenheiten in den afrikanischen Ländern vermitteln zu können. Der Journalismus trägt daher, ebenso wie die Hilfsorganisationen bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit, die Verantwortung, mit klischeebehafteten Bildern vorsichtig umzugehen. Niko Wald ist bewusst, dass es, was das Bild von Afrika betrifft, leider auch viele negative Beiträge von Hilfsorganisationen gibt. Fairness ist ihm dahingehend besonders wichtig, vor allem bei Bildern: „Fair zum einen gegenüber den Menschen, die auf Fotos oder in Videos zu sehen sind: Sind sie überhaupt gefragt worden, haben sie ihr Einverständnis erklärt und wurde ihnen auch erklärt, was hier in Deutschland mit dem Bild passieren soll? Und fair auch gegenüber den potentiellen Spenderinnen und Spendern:“

„…, dass es wirkliche Bilder aus Projekten sind – und keine Models. Aber auch, dass es Bilder sind, die Menschen nicht emotional unter Druck setzen, wie es zum Beispiel bei vielen Fotos mit Kindern ist.“ (Niko Wald)

Ein Fazit

Was können wir also tun? Erst einmal die Hilfsorganisationen nicht alle unter Generalverdacht stellen. Wir sollten bei den Plakaten am Straßenrand nicht wegschauen, aber wir sollten neugierig bleiben und vielleicht auch mal auf die Webseiten der Organisationen klicken, wenn wir mehr erfahren möchten oder ihnen nicht trauen. Generell würde uns in Deutschland eine Portion Neugier und Weltoffenheit ganz gut tun. Dann könnten Stereotype uns weniger anhaben und engagierte Journalisten, die seit Jahren für Afrikathemen kämpfen, würden zu Recht endlich mehr Interesse und eine größere Leserschaft für ihre Beiträge bekommen.

Zwei Menschen, die das Bild von Afrika verändern möchten

Isabel Pfaff

  • arbeitet als Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung
  • ist zuständig für den Ressort Außenpolitik (Schwerpunkt Afrika)
  • studierte zuvor Afrikanistik, Politikwissenschaft und Geschichte
  • hat bereits einige Artikel über Entwicklungshilfe geschrieben

 

 

Niko Wald

  • arbeitet derzeit als Referent im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
  • studierte Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre und arbeitete als Journalist
  • arbeitete zuvor unter anderem bei „Brot für die Welt“ und „Diakonie Katastrophenhilfe“
  • arbeitet seit Jahren mit Partnerinnen und Partnern in afrikanischen Länder zusammen

India beyond stereotypes and myths of digital boom

As a land of poor farmers with a Twitter savvy Prime Minister, India faces many challenges when it comes to net neutrality and digital inclusion. Forums like Bildkorrekturen provide an opportunity to understand the digital and social reality of India while changing the stereotypes attached to the country.

Web Master:  Pamela Guachamin