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Der Widersprecher

Jahrelang hat der Journalist Khoa Le Trung mit Vietnams Staatsmedien zusammengearbeitet. Jetzt fordert er die Regierung heraus. Was treibt ihn an?

Der Artikel, der Khoa Le Trungs Leben für immer verändern wird, ist im Grunde harmlos. Anfang Juli 2017, wenige Tage vor dem G20-Gipfel in Hamburg, schnappt der vietnamesische Journalist, der in Berlin lebt, Berichte aus Vietnams Staatsmedien auf. Von einem offiziellen Staatsempfang des Premierministers Nguyễn Xuân Phúc ist dort immer wieder die Rede. Das kleine Vietnam im Kreis der ganz Großen – das ist die Botschaft, die das Land damals in die Welt hinausschicken will.

Khoa Le Trung ist skeptisch, prüft nach und wird fündig. Kein offizieller Staatsempfang, sondern nur ein bilaterales Gespräch, das ist die Botschaft, die der Journalist dem Spin der Regierung entgegenhält. Politiker behaupten etwas, Journalisten widerlegen es. Ein gewöhnlicher Vorgang, der sich tagtäglich abspielt und nicht weiter erwähnenswert wäre. Doch was auch Khoa Le Trung in diesen Juli-Tagen vor dem G20-Gipfel noch nicht ahnt: Dieser harmlose Artikel wird schon bald eine heftige Kettenreaktion in Gang setzen.

Über zwei Jahre später steht der Journalist in einem Workshop-Raum des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung vor einer Gruppe von Nachwuchs-Journalisten und spricht über die Umweltverschmutzung, die sich in Vietnam abspielt. „Das ist die Realität, die in den Staatsmedien nicht gezeigt wird“, erklärt Khoa Le Trung. Auf einer Leinwand hinter ihm ist die Seite geöffnet, mit der einst alles anfing: thoibao, eine mehrsprachige Online-Zeitung, die sich primär mit Vietnam beschäftigt und von ihm zu Beginn des Jahrtausends gegründet wurde.

Zunächst ist das alles eher ein Hobby. Khoa Le Trung zieht Anfang der 90er-Jahre nach Deutschland, um Mediengestaltung zu studieren. Seine Online-Zeitung läuft später so nebenher, die Klicks halten sich in Grenzen, von Kritik an der Kommunistischen Partei ist damals noch keine Spur. In Vietnam sieht man in ihm wiederum ein nützliches Werkzeug, um auch grenzüberschreitend Einfluss auszuüben. Also bietet man ihm einen Vertrag an, der im Grunde ein Informationstausch ist: Er liefert geschönte Informationen nach Vietnam, im Gegenzug darf er geschönte Informationen aus den Staatsmedien übernehmen. Ein Gleichgewicht, von dem die vietnamesische Regierung gleich doppelt profitiert.

 

„Und dann war ich plötzlich der Feind“

Khoa Le Trung

 

Als Khoa Le Trung in jenen Juli-Tagen des G20-Gipfels es schließlich wagt, die geschönten Informationen aus Vietnam mit eigenen Recherchen in Frage zu stellen, kündigt er damit den Vertrag auf, der jahrelang gehalten hatte. Seine Klickzahlen schnellen in die Höhe, aber das Gleichgewicht kippt. Aus dem Informationstausch wird ein Informationskampf. Es dauert nicht lange, da meldet sich die vietnamesische Botschaft bei ihm. Sie verlangt die sofortige Löschung des Artikels. „Aber das ist doch nur die Wahrheit“, sagt der Journalist, der anschließend von mehreren Veranstaltungen ausgeladen wird. „Am einen Tag wurde ich noch freundlich behandelt“, erinnert er sich. „Und dann war ich plötzlich der Feind.“

Es ist der Moment, in dem sich etwas zu wandeln beginnt. Erst in Khoa Le Trung, der die Skrupellosigkeit der Ein-Parteien-Regierung zum ersten Mal zu spüren bekommt. Dann auf seiner Seite thoibao, die nun zunehmend kritischer über das Land berichtet. „Ich habe gemerkt, dass wahrheitsgemäße Informationen in Vietnam fehlen“, erzählt der Journalist. Aber wieso nur sperrt sich Vietnam so sehr gegen Kritik, selbst gegen solche der harmlosen Art?

Sind Journalisten Lautsprecher oder Widersprecher? Roger Blum im Gespräch über das vietnamesische Mediensystem. © Christiane Fritsch

Der Schweizer Kommunikationswissenschaftler Roger Blum hat sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich internationale Mediensysteme voneinander unterscheiden. In seinem Buch „Lautsprecher und Widersprecher“ beschreibt er die Ausrichtung einer Medienlandschaft anhand ihres Harmoniegrades. Treten die Medien als Widersprecher der Regierung auf, so wie in Deutschland? Oder verkommt die Rolle der Journalisten stattdessen zu Lautsprechern der Staatsspitze, so wie in Vietnam?

Blickt man auf die Weltkarte von Reporter ohne Grenzen, einer Nichtregierungsorganisation, die regelmäßig eine Rangliste der Pressefreiheit ermittelt, wird klar, wie stark die Medien in Vietnam eingeschränkt sind. Die Fläche des Landes ist auf der Karte dunkel gefärbt, so als habe jemand die Nacht über Vietnam ausgekippt. Im Reporter-ohne-Grenzen-Jargon bedeutet das übersetzt: Höchste Alarmbereitschaft! In der Rangliste belegt Vietnam Platz 176. Knapp unter Syrien, knapp über Nordkorea, das sind die Sphären, in denen sich Vietnams Medien bewegen.

 

„Jedes Mediensystem hat seine roten Linien“

Roger Blum

 

Denn private Medien gibt es in Vietnam praktisch keine. TV-Sender, Radio-Sender und Zeitungen stehen stattdessen allesamt unter Regierungskontrolle und werden konsequent auf Parteilinie getrimmt. Mit immer schärferen Gesetzen und Einschüchterungsversuchen wird eine Atmosphäre geschaffen, die potenziell kritische Journalisten in die Selbstzensur treibt. Als sich mit dem Internet neue Kanäle öffneten, verhängte die Regierung Haftstrafen gegen Blogger. Wenn der Wissenschaftler Roger Blum sagt, dass jedes Mediensystem seine roten Linien hat, dann scheinen diese roten Linien in Vietnam derzeit näher und näher zu kommen.

Ein Journalist wie Khoa Le Trung ist in diesem System nicht vorgesehen. Aber das ist eben die Krux mit dem grenzüberschreitenden Einfluss: Er kann sich auch umdrehen. Plötzlich ist da ein Widersprecher unter Lautsprechern. Er lebt tausende Kilometer entfernt. Und entzieht sich somit dem direkten Einflusses des vietnamesischen Staates.

Am 23. Juli 2017, etwa zwei Wochen nach den Turbulenzen des G20-Gipfels, wird der Vietnamese Trịnh Xuân Thanh, der in Deutschland Asyl ersucht hatte, in seine Heimat entführt. Die deutsche Politik ist entsetzt, zwischen den Ländern beginnt eine Eiszeit. Und Khoa Le Trung macht sich sofort an die Arbeit. Er spricht mit der Anwältin des Entführten, schreibt etliche Artikel, stellt wieder die Version Vietnams in Frage. Die Klickzahlen steigen und steigen.

 

„Manchmal muss man eben ein bisschen mutig sein“

Khoa Le Trung

 

Khoa Le Trung kämpft gegen ein autoritäres Regime. Kann er Erfolg haben? © Vera Baumann/Amelie Schardt

Der Konflikt zwischen dem Journalisten und seinem Heimatland eskaliert schließlich. Erst wird thoibao in Vietnam gesperrt, dann kommt es zu staatlichen DDOS-Angriffen. Das Landeskriminalamt schaltet sich ein. In Vietnams Medien wird Khoa Le Trungs Gesicht abgebildet. Er gilt nun als Staatsfeind. Morddrohungen sind die Folge. Ein Journalist schreibt gegen das System an – und das System wehrt sich mit allen Mitteln.

Viele Menschen kommen früher oder später an einen Punkt, an dem sie entscheiden müssen, was ihnen wichtig ist. Ist es all das wert? Der Polizeischutz bei der Arbeit? Der nicht-verlängerte Pass, weil der Gang in die Botschaft zu gefährlich wäre? Der Verzicht auf Urlaub in der Heimat, weil sich dort ein ‚Unfall‘ ereignen könnte?

Khoa Le Trung hat sich für das Weitermachen entschieden. „Manchmal muss man eben ein bisschen mutig sein“, sagt er. Er stört sich daran, dass sich Vietnam als nachhaltiges Land inszeniert, obwohl es keine Medien gibt, die die Einhaltung der Nachhaltigkeitsziele kontrollieren. Er freut sich darüber, wenn vietnamesische Staatsmedien einen Falschbericht löschen, nachdem thoibao diesen widerlegt hat. Und er wirkt geradezu begeistert, wenn er von seinen anonymen Informationsquellen erzählen kann, die manchmal sogar von höchster Parteiebene kommen.

Kann man von Deutschland aus ein autoritäres Regime in Asien ins Wanken bringen – mit nichts anderem als Informationen? Es wirkt wie der Versuch, Wasser in ein löchriges Glas zu füllen. Aber je länger man sich mit dem Journalisten unterhält, desto klarer wird, dass da jemand fest daran glaubt, mit seiner Arbeit etwas verändern zu können. Denn was selbst ein harmloser Artikel so alles anrichten kann, das weiß Khoa Le Trung ja nur allzu gut.

 

„Ich wusste zu viel, um zu schweigen“ Pressefreiheit in Usbekistan: Reporter zwischen Aktivismus und Journalismus

Verfolgt, verhaftet, gefoltert – Journalist sein in einer Diktatur bedeutet meist für die Wahrheit zu kämpfen. Ist es dennoch möglich eine Grenze zum Aktivismus zu ziehen? Einblicke in das Leben der usbekischen Journalistin Umida Niyazova.

Dezember 2006. Es ist Winter in Taschkent in Usbekistan. Umida Niyazova steigt aus dem Flugzeug, die Sicherheitsleute erwarten sie bereits. Auf ihrem Laptop werden sie den Report über das Massaker von Andischan finden. Niyazova weiß, was das für ihr Leben bedeutet. Sie weiß, was die Regierung in Usbekistan mit Regimekritikern macht. Denn sie hat über die Gräueltaten berichtet.

Die 42-jährige Usbekin ist Journalistin. Eine schmale Frau mit Bob, dunklen Augen, weichen Gesichtszügen. Im Gespräch über ihre Arbeit blickt sie gefasst in die Augen ihres Gegenübers.

In einem Land, in dem es keine freie Presse gibt und die Arbeit von Journalisten nicht geschützt sondern verurteilt wird, sei es schwer zwischen Aktivismus und Journalismus zu unterscheiden, sagt Niyazova. „Es ist schwer objektiv zu bleiben, wenn du selbst Teil des Verbrechens wirst, über das du gerade noch berichtet hast.“

Umida Niyazova wurde in Usbekistan wegen ihrer journalistischen Arbeit zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
(Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Im Dezember 2006, auf dem Flughafen in Taschkent, kommt Umida Niyazova zum ersten Mal selbst in Berührung mit dem usbekischen Sicherheitsapparat. Damals ließ man sie nach siebenstündiger Befragung und der Beschlagnahmung ihres Laptops gehen. Doch ein halbes Jahr später landet sie vor Gericht – beschuldigt, Propaganda für religiöse Extremisten zu betreiben. Sie stelle eine „Gefährdung der nationalen Sicherheit“ dar, heißt es in dem Gerichtsurteil vom 1. Mai 2007.

Von der Übersetzerin zur Menschenrechtlerin

Niyazova sprach mit Opfern und Zeugen des Massakers von Andischan, bei dem 2005 Hunderte Regierungsgegner von Sicherheitskräften erschossen wurden – angeblich, weil sie einen islamistischen Aufstand planten. Die Wahrheit kennt niemand, denn die Regierung unterbindet bis heute eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle. Auch die EU kommt mit ihrer Forderung nach einer internationalen Untersuchungskommission nicht weiter.

Doch bereits während des Höhepunkts der Repressionspolitik unter Machthaber Islam Karimov 1999 schloss sich die Reporterin der NGO „Internews Network“ an. Sie habe auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen wollen und wurde so auch zur Aktivistin. Ein russischer Aktivist bat sie damals, usbekische Gerichtsurteile zu übersetzen. Im ganzen Land wurden zu dieser Zeit Terroranschläge verübt, tausende Menschen als Islamisten verdächtigt und ohne Beweise festgenommen.

In autoritären Systemen vermischen sich Journalismus und Aktivismus häufig

Für ihre Arbeit als Journalistin wurde Niyazova im Jahr 2007 zu sieben Jahren Haft verurteilt. Aktuell sitzen zehn Reporter in Usbekistan im Gefängnis. Das Land steht auf Platz 169 der Rangliste der Pressefreiheit, hinter der Türkei und vor Nordkorea. Das ermittelte die NGO Reporter ohne Grenzen für das Jahr 2017. Folter und willkürliche Verhaftungen sind noch immer Teil des Justizsystems. Die Organisation dokumentiert Zensur und Verstöße gegen die Presse- und Informationsfreiheit weltweit.

Doch was hat das mit der Vermischung von Aktivismus und Journalismus zu tun? Ein Journalist beobachtet und beschreibt, ein Aktivist kämpft und will überzeugen. In autoritären Systemen verwischen die Grenzen jedoch am häufigsten, bestätigt Christoph Dreyer von Reporter ohne Grenzen. In einem Land wie Usbekistan bestimme schließlich die Regierung, welche Sichtweise zugelassen ist, erklärt er. „Sie versucht die öffentliche Meinung gleichzuschalten. Alle, die sich nicht in das System einfügen, übernehmen eine Oppositionsrolle. Journalisten wie Aktivisten.“

Dreyer betont wie wichtig die Unterscheidung ist: „Anders als Aktivisten, dürfen sich Journalisten nicht zum Sprachrohr einer Sache machen. Sonst werden sie unglaubwürdig.“ Das müssten vor allem Journalisten in Diktaturen verstehen. Denn nur wer als Journalist objektiv bleibt, könne beispielsweise auch auf die Unterstützung von ausländischen Medien und Organisationen hoffen.

Ausländische Journalisten bekommen nur schwer ein Visum

Doch um überhaupt an Informationen zu gelangen, müssen Journalisten in Usbekistan Grenzen überschreiten. Und auch für internationale Medien ist die Recherche über Menschenrechtsverletzungen in dem zentralasiatischen Land sehr schwer. Die deutsche Journalistin Edda Schlager hat das am eigenen Leib gespürt: „Sobald man aus dem System staatlich gelenkter Medien herausfällt, ist man ein verdächtiges Objekt. Man bekommt sozusagen ein Etikett von den Strafverfolgungsbehörden aufgeklebt. Die stellen sich die Frage nach Journalismus oder Aktivismus gar nicht.“

Edda Schlager ist aktuell die einzige freie deutsche Journalistin in Zentralasien. (Foto: Engagement Global / Bodo Tiedemann)

Schlager lebt seit über zehn Jahren in Zentralasien, ist eine der einzigen Korrespondentinnen in diesem Gebiet. Sie berichtete bereits mehrfach über Usbekistan und wurde dort 2016 sogar festgenommen, weil sie nach dem Tod Karimovs kurzfristig mit einem Touristenvisum statt eines Journalistenvisums einreiste.

Schlager distanziert sich zwar klar von aktivistisch motivierter Berichterstattung. Doch auf offiziellem Wege ein Journalistenvisum zu bekommen, sei für westliche Reporter nahezu unmöglich, sagt sie: „Die Auflagen sind hoch und wer aus Usbekistan berichten will, muss sich Monate zuvor um eine Akkreditierung bewerben.“ Themen wie Zwangsarbeit, Menschenrechtsverletzungen und die Arbeit des Polizei- und Geheimdienstapparates seien tabu.

Das wusste auch Umida Niyazova. „Anfangs sollte ich nur Gerichtsurteile übersetzen. Doch irgendwann wusste ich zu viel, um zu schweigen“, sagt sie. „Ich bin Journalistin geworden, weil ich etwas verändern wollte“.

Engagierten Journalismus gibt es auch in Deutschland

Diesen Satz würden wohl auch Journalisten aus demokratischen Staaten unterschreiben. Denn auch dort habe es schon immer Reporter gegeben, die sich für bestimmte Themen besonders stark interessieren und auf ein bestimmtes Problem hinweisen möchten, erklärt Christoph Dreyer. „Vor allem in Zeiten von Populismus und pauschaler Medienkritik wurde auch in Deutschland ein Denkprozess hin zum engagierten Journalismus angestoßen“, so Dreyer. Dennoch dürfe sich dieser nie in eine politische Schublade stecken lassen.

Umida Niyazova ist heute nur noch Aktivistin. Auf internationalen Druck hin wurde ihre Haftstrafe nach einer Woche in eine Bewährungsstrafe umgewandelt, doch dafür musste sie einen Deal eingehen: Die Regierung forderte ein „Reuebekenntnis“, außerdem darf Niyazova seit diesem Zeitpunkt nicht mehr als Journalistin in Usbekistan arbeiten. Ein Triumph der Machthaber?

Niyazova fand Exil in Berlin, 2010 gründete sie dort das „Uzbek-German Forum for Human Rights“ (Usbekisch-deutsches Forum für Menschenrechte) und versucht nun aus der Ferne Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan aufzudecken, Journalisten wie Edda Schlager mit Informationen und Kontakten vor Ort zu versorgen.

Pressefreiheit Kenias in Gefahr? Kontroverse Gesetze auf dem Prüfstand Drei unterschiedliche Perspektiven auf zwei Gesetze, die Kenias Medienlandschaft bestimmen. Ein Feature.

Die Verabschiedung zweier Gesetze führte 2013 in Kenia zu Demonstrationen von Journalisten. Expertenmeinungen von Prof. Levy Obonyo und Eric Chinje und einschlägige Mediensichten beleuchten deren Auswirkungen.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, erzählt von einem jungen, namentlich nicht genannten Journalisten, der einen Artikel über die Ölindustrie schreiben möchte. Er recherchiert ausgiebig, macht seine Arbeit laut Chinje sehr gut. Er findet heraus, dass es geheime, beinahe betrügerische Absprachen zwischen einigen Leuten in der Ölindustrie und der Regierung gibt. Der junge Journalist will dem weiter nachgehen. Er erhält nun Anrufe  – aus der Ölindustrie als aus der Regierung. Und zwar genau von den Personen, deren Verhältnis seiner Meinung nach zu eng war. Sein Artikel fand daraufhin ein jähes Ende. Und das ist der Punkt, so Eric Chinje, an dem die Gesetzgebung in einen falschen Bereich greift. So wie diesem jungen Journalisten ergeht es vielen in Kenia – oder?

Bei dem Gesetz, das Chinje anspricht, handelt es sich um den 2013 verabschiedeten Media Council Act (MCA). Auch die gleichzeitig verabschiedete Ergänzung zum Kenya Information and Communication Act (KICA) ist Teil der Diskussion, die sehr umstritten geführt wird. So sieht beispielsweise Professor Levy Obonyo von der Daystar University in Nairobi den MCA als „fairly progressive“ an. Eric Chinje ist der Ansicht, dass die Regierung damit „beyond being fair“ handelte. Das Committee to Protect Journalists (CPJ) nennt den MCA und die Ergänzung des KICA eine „anti-press legislation“, die zur Selbstzensur von Journalisten führen wird. Ein Thema, drei Meinungen – zunächst aber eine kurze Einführung.

Der Media Council Act erklärt

Beim Media Council Act handelt es sich um einen „Act of Parliament to give effect to Article 34(5) of the Constitution“, wie es im offiziellen Gesetzestext lautet. Einfach ausgedrückt bestätigt der Parlamentsbeschluss den Media Council Kenias, den man als das kenianische Äquivalent zum Deutschen Presserat – zumindest im Printbereich – bezeichnen kann. 2004 begann der Rat als eine selbstregulierende Institution, die von Medien-Stakeholdern mit dem Ziel einer unabhängigen Medienregulierung Kenias gegründet wurde. Drei Jahre später transformierte der Media Act von 2007 den Media Council in eine gesetzliche Institution und es entstand eine Art „Hybrid-System“, wie Professor Obonyo es nennt. Der Media Council erhielt nun staatliche Finanzierungsmittel. 2013 wurde dann der Media Council Act offiziell in die Verfassung Kenias aufgenommen und die Media Council Complaint’s Commission gegründet.

Der Media Council: Rolle und Aufgaben

Der nachstehende Link verweist auf die Homepage des Media Councils. Dort ist eine ausführliche Darstellung der Rolle und Aufgaben zu finden, wie sie der Rat selbst präsentiert.

Who we are

Code of Conduct

Der „Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya“ ist das kenianische Pendant zum Deutschen Pressekodex. Anhand von 25 Schagworten gibt er den Journalisten eine korrekte Arbeitsweise vor.

Diese sind unter dem nachstehenden Link in voller Länge nachzulesen:

Code of conduct for the Practice of journalism in Kenya

  • Accuracy and fairness
  • Independence
  • Integrity
  • Accountability
  • Opportunity to Reply
  • Unnamed Sources
  • Confidentiality
  • Misrepresentation
  • Obscenity, taste and tone in reporting
  • Paying for news and articles
  • Covering ethnic, religious and sectarian conflict
  • Recording interviews and telephone conversations
  • Privacy
  • Intrusion into grief and shock
  • Gender non-discrimination
  • Financial journalism
  • Letters to the editor
  • Protection of children
  • Victims of sexual offences
  • Use of pictures and names
  • Innocent relatives and friends
  • Acts of violence
  • Editor’s responsibilities
  • Advertisements
  • Hate speech 

 

Die Zielsetzungen und das Selbstverständnis des Media Council entsprechen im Sinn denen des Deutschen Presserats. In mindestens einem Punkt unterscheiden sich die beiden aber gravierend. In Deutschland trägt der Presserat den pejorativen Spitznamen „zahnloser Papiertiger“, denn dessen schärfste Sanktion ist eine öffentliche Rüge. Medien sind nicht einmal dazu verpflichtet, diese auch selbst zu veröffentlichen. Beim deutschen Presserat handelt es sich um einen eingetragenen Verein, der die freiwillige Selbstkontrolle gedruckter Medien übernimmt. Anlass der Gründung war es – unter anderem – ein Bundespressegesetz zu vermeiden, also einen „Gegenentwurf zu staatlicher Kontrolle“ zu präsentieren, wie es auf der Internetpräsenz des Presserats heißt.

Kenianische Journalisten protestieren in Nairobi vor Regierungsgebäuden gegen die neuen Gesetze.

Dies ist des Pudels Kern in der Diskussion um den Media Council Act in Kenia. Dadurch, dass der Code of Conduct – das Pendant zum Pressekodex in Deutschland – im Gesetz verankert wurde, müssen kenianische Journalisten deutlich härtere Sanktionen fürchten als ihre deutschen Kollegen. Sollten sie von einem Tribunal für schuldig befunden werden, eine dieser Regeln zu brechen, müssen die Journalisten mit einer Strafe von bis zu 500.000 kenianischen Schillingen rechnen – Medienunternehmen sogar mit bis zu 20 Millionen (ca. 4.500 Euro respektive 180.000 Euro; Stand Januar 2017). Kenianische Medienhäuser erwirtschafteten jährlich durchschnittlich circa 1,2 Millionen Schilling (knapp 11.000 Euro), so David Ohito, stellvertretender Vorsitzender der Kenya Editor’s Guild, in einem Bericht des CPJ. Fragen nach der Verhältnismäßigkeit der Sanktionen werden so ebenfalls Bestandteil der Diskussion.

„Professionalization of the industry“

Danach gefragt, wie er den Media Council Act von 2013 mit seinen eigenen Worten beschreiben würde, entgegnete Prof. Levy Obonyo dieser sei „fairly progressive“. Denn der MCA – und sein Vorgänger von 2007 – bringe „statutory and non-statutory components together to produce a hybrid system“. Durch die vom Parlament verliehene Macht könnten Menschen zur Verantwortung gezogen werden, wenn sie von den Vorgaben abwichen. Das Interessante daran sei aber, „that it is driven by the industry itself“, Journalisten also quasi nicht von fachfremden Personen be- und verurteilt würden. Darin sieht er das bereits erwähnte Hybridsystem gestärkt.

Prof. Levy Obonyo während seiner Einführungsrede zur Kenia-Panel-Diskussion der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Die Vorteile des Systems sind Obonyo zufolge, dass viele Fälle, die vorher vor Gericht verhandelt worden wären, nun der Media Council entscheidet. In den Gerichten säßen zwar Rechtsexperten, diese hätten aber oftmals keine Sympathien für die Medien übrig. Daher seien die Urteile in der Vergangenheit oftmals zu harsch ausgefallen. Obonyo fürchtet in diesen Fällen um die Freiheit der Presse. Journalisten verfielen nach derartigen Erfahrungen in eine Angststarre, um nicht ein weiteres Mal dieselben Fehler zu begehen. Diese Angst sei während ihrer journalistischen Arbeit ständig unterschwellig präsent. Obonyo ist der Meinung, dass der Media Council diesbezüglich besonders hilfreich sei. Es wäre weniger einschüchternd vor einen Rat von Kollegen zu treten, als vor Gericht aussagen zu müssen. Zudem würde sich die Regierung nun sogar an den Media Council wenden, um dort ihre Beschwerden vorzutragen, statt Medienleute vorzuladen. Das gebe den Medien die Gelegenheit „to defend itself before a panel that understands what the industry goes through“ – dies sei das progressive Element der Gesetzgebung.

Prof. Obonyo sieht sonst keine großen Veränderungen durch den Media Council Act von 2013. Der Zusatz von 2013 hatte eher einen verwaltungstechnischen Charakter im Hinblick auf die Struktur des Rates. Die grundlegenden Änderungen seien bereits seit 2007 in Kraft. Gebeten, die Thematik mit einem Wort zu erklären, antwortete Obonyo: „Professionalization. Professionalization of the industry.“

„Disturbing but acceptable“

Eric Chinje sieht die Lage bereits etwas kritischer als sein Kollege Obonyo. Es gebe laut Chinje den ständigen Versuch, für Journalisten eine Umwelt zu schaffen, in der sie ihre Möglichkeiten ausschöpfen können. Und genau das wäre es, was der Media Council versucht zu schaffen. Die Regierung habe jedoch andere Anliegen, die eine solche Umwelt freier Meinungsäußerung beeinträchtigen. Daraus resultiere eine ständige Spannung zwischen den beiden Akteuren. Diese nennt Chinje „healthy“, solange sie nicht aus den falschen Gründen angestrebt wird. Im Fall Kenias könne die Spannung aber nicht als gesund bezeichnet werden. Die Regierung „went a little beyond being fair“.

Eric Chinje, CEO der African Media Initiative, hielt einen der Keynote-Vorträge auf der Bildkorrekturen-Konferenz 2016.

Gleichzeitig sieht er die Journalisten in einer Position, die den Anschein erwecke, sie müsse die Regierung bekämpfen. Beide Akteure sollten aber eigentlich gemeinsame Interessen verfolgen. Sie sollten das beste Interesse des Landes und seiner Bürger verfolgen. Auf die Frage, ob die Regierung bei der Verabschiedung des Media Council Act zu weit gegangen wäre, antwortete Eric Chinje: „Too far maybe not, but the government definitely tried to go farther than it should have, yes.“

Dank dieses Gesetzes herrsche in Kenia unter Journalisten nun ein stärkeres Gefühl der Selbstzensur, als es der Fall sein dürfe. Ein starker Vorwurf. Allerdings relativiert Chinje diese Aussage zumindest in Teilen. Er fügt hinzu, dass das eine einfache Erklärung wäre. Journalisten müssten nun konzentrierter an ihre Arbeit gehen.

You really can no longer be flippant, you have to understand, you have to investigate, you have to research, so that you’re clear about what you’re saying.

Was das Gesetz also auf eine äußerst merkwürdige Art ebenfalls getan hat, den Journalisten eine höhere Verantwortung zu übertragen und – für die Entschlossenen und Hartarbeitenden – die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern.

Allerdings berichtete Chinje im Anschluss von dem zu Beginn erwähnten Journalisten, in dessen Arbeit ein nicht zulässiger Eingriff stattfand. Wenn sich Journalisten in eine Lage gedrängt fühlen, in der sie denken, dass sie vorsichtig sein müssten was sie sagen und schreiben, und sie das von einer bestimmten Qualität ihrer Arbeit abhält, dann sei das ein Problem. Chinje glaube, dass das Gesetz damit seine Befugnisse übersteige. Letztendlich habe das aber guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt. Zwar habe der MCA Einschränkungen mit sich gebracht, Chinje könne aber mit diesen leben. Dennoch meint er, „it would be good if it were revisited“. Eric Chinjes Zusammenfassung lautete: „Disturbing but acceptable“.

„Draconian anti-press legislation“

Was manche Protestanten mit Klebeband vor dem Mund subtil zum Ausdruck bringen möchten, ist auf diesem Spruchband explizit zu lesen.

Die (kenianischen) Pressestimmen sind hierbei aber um einiges deutlicher. Wie bereits erwähnt, sind die Sanktionen bei Nicht-Einhaltung des Code of Conduct mit Recht als unverhältnismäßig anzusehen. Zudem könne den verurteilten Journalisten die Akkreditierung entzogen werden. Hinzu kommen weitere scharfe Vorwürfe von Journalisten an dieses Gesetz: Der Code of Conduct sei „government-dictated“ und das Tribunal, das durch den KICA entstand, „government-regulated“, so das Onlineportal des kenianischen Fernsehsenders Citizen TV. Das Committee to Protect Journalists meint, dass kritische Berichterstattung damit effektiv zum Schweigen gebracht wird. Tom Rhodes, Ost-Afrika-Beauftragter des CPJ, ergänzte, dass Journalisten und Pressekanäle sich so selbstzensieren müssten, um zu überleben.

Ist die Pressefreiheit unter diesen Umständen noch gewährleistet?

Eine klare Antwort auf diese Frage ist nur schwer möglich. Wie Prof. Obonyo schilderte, haben die Gesetze auch Vorteile. Diese sind allerdings nur gegeben, solange der Media Council unabhängig von der Regierung handeln kann. Sobald das regierungsnahe Tribunal die Bearbeitung der Rechtsverletzungen übernimmt, wird es für kenianische Journalisten gefährlich. Bereits die Angst vor derartigen Überschreitungen kann zu Lähmungen in ihrer Arbeit führen. Dennoch meint Eric Chinje, dass die Gesetze guten Journalismus in Kenia nicht gestoppt hätten.

Das größte Problem der Gesetzgebungen ist es einen Pressekodex im Gesetz zu verankern. Der Deutsche Presserat kann für seine „Machtlosigkeit“ geschmäht werden. Allerdings darf die Presse – wie im Fall Kenias – nicht durch die Regierung beeinträchtigt werden. Entscheiden aber Regierungsorgane wie das Communications and Multimedia Appeals Tribunal in Kenia über die Rechtmäßigkeit journalistischer Handlungen, dann ist das ein unzulässiger Einschnitt in die Pressefreiheit. Victor Briwe – Deputy Chief Executive des Media Council – sieht es ähnlich: „The code of ethics is our problem. It shouldn’t be part of the law.“ Und wenn Journalisten aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung ihrer Arbeit nicht in der nötigen Qualität nachgehen können, ist das wie Eric Chinje sagt ein großes Problem. Besonders Fälle wie die des jungen Journalisten aus Chinjes Erzählung dürfen nicht stattfinden.

Ein Deutscher unter Indern Wie Christoph Kober es schaffte, sich in der Fremde wohl zu fühlen

Der ganze Bus starrt ihn an. Christoph Kober starrt zurück. Er starrt auf die nackten Füße des Fahrers, dann auf das handtellergroße Loch, das der Rost in den Boden des Busses gefressen hat. Das war vor elf Jahren, auf Christoph Kobers erster Reise ins australische Hinterland. Damals war der angehende Journalist Austausch-Student an einer Universität in Manipal, später wurde er Austausch-Journalist bei der Times of India. „In Indien ist vieles einfacher, vieles chaotischer“, sagt Kober. „Man muss sich in das Land erst einfühlen.“ Wie er das geschafft hat, erzählt er im Interview – mit und ohne Worte.

Wie war der erste Tag in der Redaktion der Times of India?

„Der Tag hat erst um 15 Uhr begonnen. Ich wurde sehr freundlich und warm empfangen. Vor 17 Uhr trifft man in der Redaktion aber normalerweise niemanden, denn alle sind tagsüber auf Recherche unterwegs. Dafür geht man erst um 23 Uhr nach Hause. Das Produkt, das dabei am Ende herauskommt, fand ich optisch furchtbar. Das Layout war wahrscheinlich der größte Kulturschock: Sehr wenig Platz, sehr viele Geschichten auf einer Seite. Die Geschichten wiederum sind total zielgruppenorientiert. Der Zeitungsmarkt in Indien ist genauso fragmentiert wie die indische Gesellschaft. Die Times of India ist zum Beispiel für ein gebildetes Publikum und für Leute im Ausland. Die Lebensrealität der Landbevölkerung kommt darin gar nicht vor – höchstens bei Skandalgeschichten, wenn sich zum Beispiel jemand umbringt. Solche Themen, Geschichten über Dörfer und Bauern, übernehmen die regionalen Zeitungen.“

 

Wie sehen die Blicke aus, die Ihnen in Indien auf der Straße begegnen?

„In Indien gibt es zwei Extreme. Es gibt offene Leute, die das Fremde begeistert annehmen, aber genauso viele fremdenfeindliche Menschen. Als Journalist hat das Vor- und Nachteile. Manchmal sind wir sehr leicht ins Gespräch gekommen, weil die Leute mir gerne ihre Meinung mitteilen wollten – oft auch ungefragt. Die finden das natürlich beeindruckend, wenn man 8000 Kilometer weit geflogen ist, um in einem kleinen indischen Dorf jemanden zu interviewen. Manchmal war es für mich als Europäer also sogar leichter. Der Nachteil ist, dass man auffällt wie ein bunter Hund – und zwar wirklich immer. Einfach mal eine Szene beobachten, das geht nicht.“

 

Wie kommen Sie bei indischen Schwiegermüttern an?

„Mit der anderen Hautfarbe und der entfernten Herkunft geht in der indischen Gesellschaft eine gewisse Faszination einher. Wer aus dem Westen kommt, wird vor allem als Sinnbild für Reichtum gesehen – egal ob das jetzt stimmt oder nicht. Deshalb zahlen Europäer bei Rikschafahrten gerne mal den dreifachen Preis. Damit muss man sich abfinden. Es sind ja auch nur kleine Beträge, 50 Cent.“ 

 

Wie sieht es in Indien mit der Pressefreiheit aus?

„Ich denke, dass da die Digitalisierung eine große Chance für Indien ist. Es gibt viele Online-Medien, die als Korrektiv gegen die etablierten Zeitungen wirken und sich in die Berichterstattung einschalten.“ 

 

Wie finden Sie Bollywood-Filme?

 

“Habe ich etwas Falsches gesagt?” Der indische Blogger und Journalist Sanjay Kumar kämpft mit seiner Arbeit für Meinungsvielfalt in Indien und gegen den Kurs der neuen Regierung. Im Interview spricht er mit Erik Häußler, Johanna Sagmeister und Marlene Thiele über Journalismus in Indien, Denkverbote und Twitter-Trolle.

Sanjay Kumar, Sie arbeiten seit 20 Jahren als Journalist in Indien und wurden dort auch ausgebildet, inzwischen arbeiten Sie aber hauptsächlich für die ARD und andere nicht-indische Medien vor Ort. Wie kommt das?

Kumar: In der Vergangenheit wurden unbequeme Wahrheiten unterdrückt und Journalisten haben ihre Jobs verloren. Das hat dazu geführt, dass die meisten indischen Medien einseitig berichten. Wir müssen aber auch die andere Seite erzählen. Deshalb wird die Rolle von internationalen Medien wichtiger, weil sie dieses einseitige Bild der hiesigen Medien erweitern.

Twitter-Interview mit Sanjay Kumar: Was ist der größte Unterschied zwischen indischem und deutschem Journalismus? “Ich glaube, es kommt darauf an, was für eine Art Journalismus man praktiziert. Liberaler Journalismus wird in Indien belagert, jedoch nicht in Deutschland.”

 

Warum berichten indische Medien nicht ausgewogen? 

Kumar: Schauen wir uns beispielsweise den indisch-pakistanischen Konflikt an. Traditionsgemäß gab es schon immer nur eine Erzählweise. Es wurde die Haltung der Regierung übernommen – und das ist eine sehr nationalistische. Dabei haben die Medien ihre eigentliche Rolle vergessen: die Menschen aufzuklären und verschiedene Realitäten und Wahrheiten wiederzugeben. Und aktuell wird durch die neue hindu-nationalistische Regierung unter Narendra Modi versucht, indische Muslime noch stärker auszuschließen. Dagegen wehre ich mich. Ich kämpfe dafür, wieder eine größere Liberalisierung zu erreichen.

Was bedeutet Twitter für Sie als Journalist? “Durch Twitter halte ich mich auf dem aktuellen Stand der Dinge und bleibe informiert und werde alarmiert wenn sich Situationen entwickeln. Für mich ist es gleichzeitig auch eine Kriegszone, in der ich Rechtsextreme konfrontiere.”

 

Wer ist Sanjay Kumar? Der 46-jährige Journalist stammt aus der ostindischen Stadt Mokama. In Delhi hat er Englische Literatur und Linguistik studiert und in Chennai die Journalistenschule besucht. Seit über acht Jahren arbeitet er nun als TV-Produzent für das ARD-Studio in Delhi und schreibt seit sechs Jahren für die pakistanischen Zeitungen Express Tribune und Dawn. Das ganze Porträt lest ihr hier.

Wieso sind gerade soziale Medien dafür ein gutes Mittel?

Kumar: Ich bin jetzt seit rund sechs Jahren auf Twitter aktiv und nutze es immer häufiger. Es bietet mir eine neue Möglichkeit, mich auszudrücken und mich mit anderen auszutauschen. Gerade deshalb, weil ich auf Twitter ein anderes Publikum erreiche. In meinem Fall sind das viele Follower aus Pakistan, weil ich für das pakistanische Online-Medium “The Diplomat” schreibe. Dafür ernte ich dann wiederum viele Hasskommentare. Es wird mir vorgeworfen, ich sei ein Agent der pakistanischen Regierung und werde für deren Zwecke missbraucht.

Von wem kommen diese Anfeindungen?

Kumar: Viele meiner indischen Follower sind vom rechten Flügel, die auch bei uns die Foren im Internet dominieren. Es gibt viele Trolle. Gerade wenn es um den indisch-pakistanischen Konflikt geht, herrscht eine gewalttätige Sprache. Sie wollen im Grunde, dass ich Selbstzensur betreibe, aber das werde ich sicher nicht. Viele meiner Kollegen hingegen tun es. Der freie Raum für Journalisten schrumpft.

Wie gehen Sie mit den Kommentaren um?

Kumar: Nach meinem letzten kritischen Bericht bekam ich 5000 hasserfüllte Kommentare – das ging eine Woche lang so, ununterbrochen. Das war zu einer Zeit, als der Konflikt sehr angespannt war. Ich antworte nicht auf die Kommentare, aber ich lösche sie auch nicht. Mir sind die egal.

Wer sind ihre Twitter Follower? “Meine Twitter Follower sind Intellektuelle, Gegner und Freunde. Meine Gegner sind beleidigend und intolerant.”

 

Lassen Sie die Reaktionen wirklich so kalt? Haben Sie keine Angst, dass Sie auch außerhalb des Internets angegriffen werden?

Kumar: Naja, als es so schlimm war, dachte ich morgens vor dem Joggen schon, ob ich heute nicht besser eine andere Route laufe. Gerade wenn so viel kommentiert wird und selbst enge Freunde sagen: „Schande über dich”, fühle ich mich nicht nur professionell, sondern auch persönlich angegriffen und frage mich: Habe ich etwas Falsches gesagt?

Wie schaffen Sie es dann, sich nicht entmutigen zu lassen?

Kumar: Ich sage mir dann immer wieder, dass alle, die regierungskritisch berichten, von Trollen betroffen sind. Manchmal werde ich ja sogar selbst zum Troll. lacht

Wen konfrontieren Sie, wenn sie selbst zum Troll werden?

Kumar: Ich konfrontiere berühmte Meinungsmacher auf Facebook und sage ihnen, dass sie ihren Pflichten als aufklärender Journalist nicht gerecht werden. Viele Menschen lesen deren Artikel, mit welchen sie dem rechten Flügel in die Hände spielen. Ich sage ihnen, dass sie ehrlich sein sollen und es als studierte Menschen und Intellektuelle doch eigentlich besser wissen müssen. Ich fordere Sie auf Facebook und Twitter heraus, indem ich sage: Nein, du liegst falsch.

 

Wie wird sich Indien digital entwickeln? “Digitale Medien werden größer. Beobachten sollte man, welchen Einfluss digitale Medien auf den politischen Diskurs haben. Wird es zum Gefangenen der Rechten?

 

Wie werden sich die digitalen Medien in Zukunft auf den politischen Diskurs auswirken?

Kumar: Im Moment ist das Vertrauen in Zeitungen noch größer als das in die Meinungen im Netz. Aber den Leuten fällt es zunehmend schwerer, sich blind auf die traditionellen Medien zu verlassen. Im Internet erhält man nur Vertrauen, wenn man als unparteiisch gilt und nicht mit einer bestimmten Partei in Verbindung gebracht wird. Ich werde zum Beispiel nicht mit einer bestimmten politischen Partei assoziiert, sondern mit einem Standpunkt. Ich glaube, dass das liberale, säkulare Indien im Interesse der Menschen dieses Landes ist. Aber wir müssen aufpassen, dass das Internet nicht zum Gefangenen der Rechtsextremen wird.

 

Was ist ein Inder ohne Smartphone? “Ohne Smartphone ist man weniger privilegiert, am Rand des politischen Diskurses und unberührt von rechter Propaganda. Aber auch nicht Teil eines neuen politischen Diskurses.”

 

Hilft Digitalisierung dabei, dem Volk eine Stimme zu geben oder unterdrückt es Stimmen? 

Kumar: Ich denke, dass beides der Fall ist. Natürlich kann ich meine Meinung sagen und damit auch viele Menschen erreichen. Gleichzeitig habe ich aber auch das Gefühl, dass hierzulande rechte Stimmen das Internet dominieren und andere unterdrücken. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass viele Inder im Alltag immer noch um ihre Lebensgrundlage kämpfen. Für sie hat die Digitalisierung nicht oberste Priorität. Es wird daher noch eine lange Zeit dauern, bis alle Menschen in Indien an das Internet angeschlossen sind und an der Digitalisierung teilhaben können.

Online gegen das System „Indien ist multikulturell, multiethnisch und multireligiös“ - mit dieser Meinung steht Sanjay Kumar zunehmend alleine da. Die rechtskonservative Regierung unter Narendra Modi verwandelt sein Land immer mehr in einen Hindu-Staat. Der gelernte Fernsehjournalist kämpft dagegen: Was in den traditionellen Medien nicht mehr geschrieben werden kann, schreibt er in seinem Blog, in internationalen oder pakistanischen Online-Magazinen und auf Twitter.

Dort heißt Sanjay Kumar @destinydefier und beschreibt sich als “ein in Neu-Delhi lebender Journalist, spezialisiert auf nationale und internationale Politik, außerdem ein sehr aktiver Blogger und Kolumnist”. Er teilt Artikel rund um Populismus, schreibt auf 140 Zeichen kritische Kommentare zur aktuellen Politik und postet Reisefotos mit seiner Frau – mal in Leipzig, mal in Boston. @destinydefier vereint den professionellen und den privaten Sanjay Kumar – er findet, man könne das nicht trennen, schließlich vertrete man seine Meinung ja immer, auch nach Feierabend. Den Twitter-Account hat Sanjay Kumar seit 2009, doch das ist nicht sein einziges Medium: Seit mehr als zwölf Jahren arbeitet er nun schon als Journalist, vorrangig fürs Fernsehen und für Online-Magazine.

Nur mit Passion kannst du in diesem Beruf bestehen“

Auf den ersten Blick wirkt Kumar nicht wie einer, der gegen das System kämpft. Der kleine, etwas rundliche Mann besitzt sehr viel indische Höflichkeit, die man leicht als Schüchternheit missverstehen kann. Geboren wurde er 1970 als ältester Sohn einer einfachen Familie in “einer sehr kleinen Stadt”, wie Kumar erzählt. „Mokama hatte vielleicht 30.000 bis 50.000 Einwohner und ein paar Dörfer drumherum.“ Heute hat die ostindische Stadt mit rund 100.000 Einwohnern bereits Großstadtniveau, der indische Maßstab ist aber ein anderer. Mokama liegt mitten in Bihar, Indiens ärmsten und instabilsten Bundesstaat. Wie die meisten Leute dort sind auch Kumars Eltern Bauern und Händler, einfache Leute aus der zweitniedrigsten Kaste, die neben ihm noch vier weitere Kinder versorgen mussten. Sie schickten Sanjay Kumar ab der zehnten Klasse auf die höhere Schule einer größeren Stadt, wo er das erste Mal mit der englischen Sprache konfrontiert wurde: „Meine neuen Freunde kamen alle von englischen Schulen und hatten eine Art eigene Community, zu der ich nicht so richtig dazu gehörte. Ich wusste, ohne Englisch wird das nichts, deshalb habe ich mich hingesetzt und gepaukt.“ In Kumars Schule gab es keine Englischkurse, also hat er sich mit dem Radio ausgeholfen und die englischen Nachrichten mit denen auf Hindi verglichen. „Ich habe jeden Tag zehn bis 15 Wörter gelernt. Nach zwei Jahren habe ich dann englische Bücher gelesen und schließlich sogar englische Literatur studiert.“ Der Zugang zur englischen Sprache eröffnete Kumar auch den Zugang zur Welt: Er war hungrig nach Wissen, las sich ein in Geschichte und Weltpolitik und begann einzelne Dinge aufzuschreiben. Die journalistische Arbeit wurde zu Sanjay Kumars Leidenschaft. Also folgte auf seine zwei Masterabschlüsse noch eine Journalistenschule und dann der typische Karriereweg eines Nachwuchsjournalisten: Praktikum bei einem Fernsehsender in Mumbai, der erste Job in Delhi, die Bezahlung eher unterirdisch, die Begeisterung für den Beruf dafür umso größer. Beim Journalismus ist Geld eher eine Nebensache, findet Kumar: „Wirklich wichtig ist die Leidenschaft. Nur mit Passion kannst du in diesem Beruf bestehen.“

Für die Wahrheit sieht es in Indien schlecht aus

Passion für Menschen, Kulturen und natürlich für die Wahrheit. Für letztere sieht es in Indien schlecht aus, findet Sanjay Kumar, gerade mit der Berichterstattung über den pakistanisch-indischen Konflikt ist er mehr als unzufrieden: „Die traditionellen indischen Medien haben eine sehr einseitige Sicht auf die Welt und folgen damit ganz der politischen Leitlinie. Schuld sind immer Pakistan und die Muslime. Die Leute lesen und hören diese Sichtweise nun schon seit Generationen und haben sie für sich übernommen. Das ist ein großes Problem.“

Um sich nicht an diese Maschinerie anpassen zu müssen, flüchtete Kumar in die internationalen Medien und berichtet nun seit acht Jahren als Produzent für die ARD aus Indien. Dazu kamen Artikel für The Diplomat, einem internationalen Online-Magazin mit Fokus auf den asiatischen Raum.

Kumar sieht Indien in den Nationalismus rutschen

Vor zweieinhalb Jahren wurde Narendra Modi zu Indiens neuen Premierminister gewählt, und seitdem sieht Kumar das Land immer mehr in den Nationalismus abrutschen. Kumar glaubt, dass Modis Partei, die rechtskonservative, hindu-nationalistische Bharantiya Janata Party (BJP) Indien zu einem reinen Hindu-Staat machen will, in dem Minderheiten nichts zu sagen haben. „Es passiert bereits viel. Zum Beispiel mischt sich Modi in die eigentlichen freien Institutionen des Landes ein, wie in Schulen, Universitäten oder eben in die Medien”, erklärt der Journalist. „Vor allem werden Minderheiten unterdrückt.” Im indischen Bundesstaat Maharashtra wurde Anfang des Jahres unter Geldstrafe verboten, Rinder zu schlachten oder zu verzehren. Der Beschluss soll aufs ganze Land ausgeweitet werden, obwohl 20% der Bevölkerung nicht hinduistisch glauben und das Fleisch somit durchaus essen dürfen.

Anfang November hat Präsident Modi überraschend die wichtigsten Geldscheine des Landes für wertlos erklären lassen. Sie lassen sich zwar in gültiges Geld eintauschen, dazu braucht man aber Zugang zu einer Bank, muss dort stunden- oder tagelang in der Schlange verharren und schließlich in der Lage sein, die nötigen Formulare zu lesen und auszufüllen. Vor allem ärmere Schichten leiden darunter. Manchen haben Hunger und Kälte bereits das Leben gekostet.

Sanjay Kumar lässt solche Entwicklungen nicht unkommentiert. In The Diplomat schreibt er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Vor fünf Jahren sind auch pakistanische Redakteure auf seine Artikel aufmerksam geworden und nun arbeitet Sanjay Kumar mehrmals im Monat auch für The Express Tribune, eine internationale pakistanische Zeitung, die mit der New York Times kooperiert, ebenso wie für die pakistanische Tageszeitung Dawn.

„Du bist eine Schande, Sanjay. Du hast dich an Pakistan verkauft.“ – es gibt natürlich Kritik, auch von Freunden. Viele Kollegen haben sich notgedrungen an das System angepasst, aber für Sanjay Kumar kommt Selbstzensur nicht infrage. Vor physischer Gewalt fürchtet er sich nicht, aber er weiß, dass die Regierung viele andere Mittel hätte, um ihn unter Druck zu setzen. Sanjay Kumar drückt sich diplomatisch aus. Er sagt nicht, dass er bei Lohnzahlungen aus Pakistan womöglich wegen Landesverrat angeklagt würde, sondern, dass er auf Geld verzichtet, weil dadurch “Schwierigkeiten” entstünden.

Meine Meinung wird gehört“

Kumar schreibt also aus reinem Idealismus – und, um eine Stimme zu haben in einem Indien, dass sich mit der wachsenden Digitalisierung langsam verändert:

„Durch das Internet erreiche ich viele Menschen – manche davon nutzen auch traditionelle indische Medien, andere informieren sich tatsächlich ausschließlich online.” Sanjay Kumar schreibt zwar für internationale und pakistanische Online-Zeitungen, Inder lesen und kommentieren diese Texte aber auch. Oft haben seine Artikel über hundert Kommentare, mal von Pakistani, mal von Indern, mal zustimmend, mal dagegen. „Ich ändere momentan zwar nicht wirklich die Situation, aber meine Meinung wird gehört. Und ich kann in den Kommentarspalten meiner Artikel die Leute zusammenbringen, sodass sie endlich mal wirklich miteinander diskutieren.“

 

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“ – Sanjay Kumar im Interview

Der deutsche Blick auf die Türkei Autor: Yannic Kollum

Sich selbst ein Bild zu machen wäre natürlich die beste Variante. Da dies aber nur in den wenigsten Fällen möglich ist, greift man in der Regel auf Medien zurück. Zwar wird der Blick auf andere Länder dadurch gefiltert, doch erhält man durch die Perspektiven und die Expertise der Berichterstatter auch Informationen, die einem selbst verwehrt geblieben wären. Luisa Seeling, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Bereich Außenpolitik, beantwortet einige Fragen zum Thema Gender in der Türkei sowie zur deutschen Berichterstattung.

 

Berichtet eine Frau anders über die Türkei als ein Mann?

Ich glaube nicht, dass das Geschlecht hierbei eine Rolle spielt. Vor ein paar Monaten hat ein SZ-Kollege einen Text über die Proteste nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan und über das Gewaltproblem in der Türkei geschrieben. Es war ein guter Text, und wenn der Name des Autors nicht über dem Artikel gestanden hätte, wäre wohl nicht spürbar gewesen, dass da ein Mann schreibt.

Welche Rolle spielen Gender-Themen in der Berichterstattung?

Die Medien berichten immer mal wieder über „Frauen in der Türkei“, aber – etwas salopp ausgedrückt – meist entweder als Ausnahme oder als Opfer. Wenn eine Türkin einen einflussreichen politischen Posten bekleidet, schreiben wir darüber, weil wir es überraschend finden. Und wenn es ein brutales Verbrechen gibt, wenn es also um Gewalt gegen Frauen geht, berichten wir auch, wie über den Mord an Özgecan Aslan. Das ist auch richtig so, weil wir Missstände thematisieren müssen. Trotzdem wäre natürlich schön, wenn es irgendwann keiner besonderen Erwähnung mehr bedürfte, dass eine Frau Ministerin, Bürgermeisterin oder Konzernchefin wird. Ich finde außerdem, dass wir uns noch mehr mit alltäglichen Gesellschaftsthemen befassen könnten: Wie organisieren türkische Paare die Kinderbetreuung? Welche Angebote der Familienplanung gibt es? Was bedeutet es in der Türkei, wenn die Großeltern oder Urgroßeltern pflegebedürftig werden? Denn all das betrifft ja ganz unmittelbar das Leben der Frauen.

Viele Menschen haben ein Bild im Kopf von türkischen Frauen, die sich unterordnen. Woher kommt das?

Ich persönlich habe dieses Bild nicht. Dafür kenne ich zu viele Frauen in der Türkei, die tolle Karrieren machen, die sich für ihre Rechte einsetzen und den Mund aufmachen, wenn ihnen etwas nicht passt. Wenn Recep Tayyip Erdoğan Frauen dazu auffordert, mindestens drei Kinder zu bekommen, oder das Abtreibungsrecht verschärfen will, gehen Tausende auf die Straße, um zu protestieren. Ich kenne übrigens auch türkische Männer, die ihre Frauen unterstützen und stolz auf deren Karriere sind.

Man kann also nicht pauschal sagen, dass sich Frauen in der Türkei unterordnen. Trotzdem sind natürlich die patriarchalischen Strukturen allgegenwärtig, es gibt ein großes Gleichberechtigungsproblem. In der Politik und allgemein auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen unterrepräsentiert. Die AKP-Regierung zeigt wenig Interesse daran, das zu ändern. Sie vertritt ein konservatives Frauenbild, Frauen sollen sittsam, folgsam, mütterlich sein. Hinzu kommt ein massives Gewaltproblem – häusliche Gewalt, immer wieder auch furchtbare Morde. Das allerdings ist nicht erst mit der AKP über die Türkei gekommen. Dieses Problem ist viel älter, da haben auch frühere, säkular-kemalistische Regierungen versagt.

Ist Gewalt gegen Frauen eine Frage des sozialen Milieus?

Auch, ja. Frauen in den ärmeren, bildungsferneren Schichten sind oft schlechter ausgebildet, sie haben keinen Beruf, sind ökonomisch abhängig – ihnen fehlt oft das Handwerkzeug, um sich gegen das patriarchalische System zur Wehr zu setzen. Trotzdem muss man aufpassen, dass man nicht die einfache Gleichung aufmacht: südostanatolisch und fromm – also frauenfeindlich. Geschlechterkonservative Positionen gibt es in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus, nicht nur im ländlichen Südosten. Hinzu kommt, dass die Frauenbewegung in sich gespalten ist: Stramm säkular-kemalistische Frauenrechtlerinnen haben für Kopftuchträgerinnen oft nur Verachtung übrig. Diese Spaltung schwächt die türkische Frauenbewegung.

Kann ein deutscher Journalist mit seiner westlich-liberalen Brille überhaupt die Gender-Situation in der Türkei objektiv abbilden?

Objektiv ist man nie. Jeder hat einen kulturellen Kontext und eine eingefärbte Sicht auf die Dinge. Das ist normal, unvermeidbar und, solange man sich dessen bewusst ist, auch erlaubt. Ich finde auch nicht, dass man sich von demokratischen Maßstäben verabschieden sollte, nur weil man über ein Land schreibt, in dem Politik anders funktioniert als in unseren liberalen europäischen Demokratien. Der Rest ist journalistisches Handwerk: Nachricht und Meinung trennen, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lassen.

Das eigentliche Problem, das Sie mit der Frage ansprechen, ist das des Zugangs. Als ausländischer Journalist hat man in der Regel viele liberale, progressive Freunde und Ansprechpartner, sie leben in Istanbul oder Izmir, arbeiten an der Uni, in der Werbebranche, in den Medien, sind meist nicht übermäßig religiös. Oft wählen sie die Mitte-Links-Partei CHP; AKP-Wähler oder Anhänger der nationalistischen MHP sind in den Freundeskreisen ausländischer Journalisten deutlich seltener. Es ist manchmal schwierig, aus dieser Blase herauszukommen und sich Zugang zu anderen Teilen der Gesellschaft zu verschaffen. Wenn das nicht gelingt, denkt man irgendwann, das ganze Land bestehe aus Erdoğan-Kritikern – und wundert sich sehr, wenn die AKP dann doch die Wahl haushoch gewinnt. Ich finde aber, dass die meisten deutschen Kollegen, die aus der Türkei berichten, sehr ausgewogen und differenziert arbeiten.

Gibt es in Teilen der türkischen Gesellschaft Vorbehalte gegenüber der Berichterstattung westlicher Journalisten – vor allem, wenn es um Gender-Themen geht? Erschwert das die Recherche?

Ich habe in dieser Richtung noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es nicht auf große Begeisterung stößt, wenn man einem konservativen Familienoberhaupt Vorträge darüber hält, wie er seine Frau zu behandeln hat. Ein bisschen Fingerspitzengefühl ist bei der Recherche sicher hilfreich.

Generell ist mein Eindruck, dass sich vor allem AKP-Leute von westlichen Journalisten missverstanden und ungerecht behandelt fühlen, weil die Berichterstattung über die AKP in den vergangenen Jahren immer kritischer geworden ist. Zu Recht, wie ich finde; die türkische Regierung schränkt die demokratischen Freiheiten immer hemmungsloser ein. Darüber muss man schreiben.

Spielt das Thema Geschlechtergleichheit in der Türkei zurzeit überhaupt eine Rolle in den Medien angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen?

In der Tat steht das Thema im Moment nicht ganz oben auf der Agenda. Einfach deshalb, weil in der Türkei in den vergangenen Monaten so wahnsinnig viel passiert ist: Der Konflikt des türkischen Staats mit den Kurden ist wieder ausgebrochen, die Friedensgespräche sind beendet worden. Es gab blutige Anschläge, die Situation an der syrischen Grenze ist angespannt, das Elend der Flüchtlinge nimmt zu; und dann gab es auch noch zwei Parlamentswahlen in diesem Jahr mit extrem polarisierten Wahlkämpfen.

Trotzdem: Immer dann, wenn etwas geschieht, etwa der Mord an der Studentin im Frühjahr 2015, werden die Frauen – und auch einige Männer – wahnsinnig wütend. Dann kocht eine richtige Welle hoch, es gibt Demonstrationen und es wird sehr viel berichtet, in türkischen Medien und im Ausland. Anders als früher diskutiert die Öffentlichkeit über die Situation von Frauen, das ist ein Fortschritt. Ich habe also durchaus den Eindruck, dass sich etwas tut. Das Bewusstsein für die Probleme ist größer geworden. Doch der Kampf für Frauenrechte und gegen die Gewalt bleibt mühsam, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eine konservative Gegenbewegung gibt. Wie sich die Situation von Frauen in den nächsten Jahren entwickelt, wird ganz stark davon abhängen, wie sich die türkische Demokratie insgesamt entwickelt. Zurzeit sieht es nicht gerade rosig aus.

 

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

 

Luisa Seeling

Luisa Seeling ist Journalistin der Süddeutschen Zeitung im Ressort Außenpolitik und beschäftigt sich überwiegend mit dem Themenkomplex Türkei. Im Laufe ihres Studiums, das einen Bachelorabschluss in Europäischen Studien an der Universität Maastricht sowie einen Masterabschluss in Internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin umfasste, entwickelte sich bei ihr der Gedanke, als Journalistin tätig zu werden. Ein Auslandssemester an der Doğuş Universität in Istanbul, das sie im Rahmen ihres Bachelorstudiums absolvierte, weckte ihr Interesse an der im gesellschaftlichen Wandel begriffenen Türkei. Nach diversen journalistischen Tätigkeiten wurde sie 2012 Stipendiatin des Johannes-Rau-Stipendiums der Internationalen Journalisten Programme (IJP), wodurch sie zwei Monate bei der türkischen liberalen Tageszeitung Radikal Gazetesi in Istanbul verbrachte. Sie machte Erfahrungen als Auslandskorrespondentin und konnte durch Recherchen vor Ort (*) ihre Türkei-Expertise noch weiter vertiefen. Ihre Laufbahn bei der SZ begann Luisa Seeling 2013 mit einem Volontariat, Mitte 2015 wurde sie feste Mitarbeiterin der außenpolitischen Redaktion mit dem Schwerpunkt türkische Politik und Gesellschaft.

* Die Ergebnisse ihrer Recherchen in Istanbul finden sich beispielsweise in dem gemeinsam mit Özlem Topçu geschriebenen Text „Verachtung von gestern“ wieder, der 2013 in der ZEIT veröffentlicht wurde.

Internationale Journalisten Programme & Stipendien

An der Wurzel der Korrektur von Bildern steht das Begegnen – egal ob persönlich oder seitens des Berichterstatters. Exakt jener Notwendigkeit, die zu einer besseren Auslandsberichterstattung in Deutschland führen soll, hat sich Internationale Journalisten Programme e.V. verschrieben.

Jedes Jahr bieten die IJP jungen, aufstrebenden Journalisten die Möglichkeit, an internationalen Austauschprogrammen von Medien und Meinungsmachern teilzunehmen. Im Rahmen von journalistischen Stipendien ermöglicht der gemeinnützige Verein die professionelle Begegnung mit anderen Kulturen in weltweit über 40 Staaten, wie beispielsweise der Türkei oder Nationen im südlichen Afrika. Den Teilnehmern eröffnet sich die Gelegenheit, vor Ort ausgiebige Recherchen durchzuführen bzw. allgemein die Kenntnis über Kultur und Land sowie das eigene Netzwerk um internationale Kontakte zu erweitern. Über einen Zeitraum von zwei Monaten arbeiten die Stipendiaten sowohl als Gastredakteure in den ausländischen Redaktionen als auch als Korrespondenten für die jeweiligen Heimatmedien. Der Austausch erfolgt dabei bilateral; geht etwa eine deutsche Stipendiatin in die Türkei, so kommt eine Kollegin oder ein Kollege von dort zu einem deutschen Medium.

Weitere Informationen unter:
http://www.ijp.org/ – Offizielle Homepage der Internationale Journalisten Programme e.V.