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Afrika – Der vergessene Kontinent? Autorin: Nadine Dinkel

Burundi? Wo genau liegt das überhaupt? In den deutschen Medien liest man kaum etwas über den Staat, in dem zehn Millionen Menschen leben. Zumindest gab es im Jahr 2014 fast keine Berichterstattung über den zentralafrikanischen Staat. Warum? Sicherlich nicht, weil dort nichts Berichtenswertes passierte. Vielmehr interessiert sich der durchschnittliche Leser, Zuschauer oder User einfach nicht sonderlich dafür. Das wiederum liegt auch daran, dass die Medien demjenigen, der sich für die Geschehnisse in Afrika interessiert, kaum Informationen bieten. Das Interesse an einem Thema wächst meist erst dann (auf Seiten des Lesers, wie auch in den Medien), wenn es Auswirkungen auf Europa, Deutschland oder das eigene Leben hat. So etwa bei der aktuellen Flüchtingskrise. Es mag hart klingen, ist aber so. Oder wann haben Sie das letzte Mal einen Artikel über Geschehnisse in Afrika gelesen? Moment, ist zwar schon beinahe zwei Jahre her, aber zur Ebola-Krise haben Sie viel gelesen. Stimmt, hat aber nichts mit Burundi zu tun.

Ihr Interesse ist geweckt und Sie möchten sich über Burundi informieren? Das könnte schwierig werden – zumindest, wenn Sie mehr interessiert, als die momentan prekäre politische Lage in dem zentralafrikanischen Staat. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass viele Medien keine Auslandskorrespondenten in Afrika haben. Gerade einmal 20 feste Korrespondenten deutscher Medien für den gesamten afrikanischen Kontinent. Keine personellen Ressourcen, keine Informationen, keine Nachrichten über Afrika. So einfach ist das.

Ist es nicht. Denn plötzlich tut sich etwas in Burundi… eine verfassungswidrige dritte Amtszeit des Präsidenten, ein gescheiterter Putschversuch, gewalttätige Ausschreitungen, Kritiker werden bedroht und angegriffen, Menschen fliehen, Menschen sterben. 2015 taucht Burundi wieder in den deutschen Medien auf – wenn auch spärlich und mit überwiegend negativen Berichten. Afrika, der K-Kontinent. K wie Kriege, Krisen, Katastrophen.

Und schon wird die nächste Kritik laut, es werde immer nur negativ über Afrika berichtet. Doch lässt sich ein derart schreckliches Bild, wie das der aktuellen politischen Situation in Burundi „korrigieren“ oder spiegelt es nicht vielmehr die traurige Realität wider? Die politische Lage in Burundi ist prekär, die Spannungen nehmen zu. Die Vereinten Nationen sprechen von einem bevorstehenden Völkermord. „Auf den ersten Blick scheint die Berichterstattung übertrieben und auf das Negative fokussiert. Es scheint, als würden sich die Probleme binnen weniger Monate wieder legen. Aber die Gefahr eines Genozids ist real, es muss gehandelt werden“, sagt die burundische Radiojournalistin Diane Nininahazwe.

Es gibt Bilder, die sich nicht „korrigieren“ lassen. Doch wir als Journalisten haben die Möglichkeit, andere Blickwinkel einzunehmen, Betroffene zu Wort kommen zu lassen oder das Afrika fernab der Kriege, Konflikte und Katastrophen zu zeigen. Und wenn das alles nicht möglich ist, dann schaffen wir es vielleicht zumindest, unsere Leser, Zuschauer oder User für bestimmte Themen zu sensibilisieren.

 

Wie sieht gute Berichterstattung über Afrika aus? – Zwei gelungene Projekte:

JournAfrica! ist eine Internetplattform für Journalismus aus Afrika über Afrika – jenseits der Klischees und Vorurteile.

 

 

Africa on the Move ist ein multimediales Projekt der Deutschen Welle, dass junge Afrikaner und Afrikanerinnen zu Wort kommen lässt, die mit ihren besonderen Fähigkeiten ihr Land verändern möchten.

 

Journalisten in Burundi – Bleiben oder fliehen? Autorin: Nadine Dinkel

Erst vor zehn Jahren ging in Burundi ein Bürgerkrieg mit rund 300.000 Toten zu Ende. Auch jetzt liest man in den Medien von einer „Spirale der Gewalt“. Seit April 2015 kommt es immer wieder zu Protesten und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der burundischen Bevölkerung, Oppositionellen und der Regierung. Anlass ist, dass der burundische Präsident Pierre Nkurunziza sich dazu ermächtigen ließ, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Die burundische Verfassung sieht jedoch maximal zwei Amtszeiten vor. Nach einem gescheiterten Putschversuch im Mai ließ die burundische Regierung alle unabhängigen Medienhäuser gewaltsam schließen. Seitdem kommt es immer wieder zu Protesten, bei denen nach Schätzungen der Vereinten Nationen allein im Jahr 2015 mindestens 240 Menschen ums Leben kamen. Regierung und Opposition geben sich gegenseitig die Schuld an den Morden. Binnen eines Jahres sind mehr als 200.000 Menschen aus Burundi geflohen – hauptsächlich in die Nachbarländer Ruanda und TansaniaDie Vereinten Nationen warnen vor einem bevorstehenden Genozid.

 

Stummschaltung der privaten Medien

Die Pressefreiheit in Burundi ist erheblich eingeschränkt. Seit der gewaltsamen Schließung aller privaten Medienhäuser herrscht beinahe ein Informationsblackout. Informationen erhält die burundische Bevölkerung nur noch über staatliche Medien, die von der Regierung kontrolliert und zu ihren Zwecken instrumentalisiert werden. Kritische Stimmen werden gewaltsam stumm geschalten. Nur etwa fünf Prozent der unabhängigen burundischen Journalisten, die zuvor für private Medienhäuser gearbeitet haben, sind im Land geblieben und berichteten weiterhin.

Auch die Journalistin Diane Nininahazwe war mit ihrer kritischen Berichterstattung zunehmend in das Visier der Regierung geraten. Noch vor wenigen Monaten berichtete sie aus der burundischen Hauptstadt Bujumbura über die politischen Geschehnisse des Landes. Bis zur Schließung am 14. Mai 2015 arbeitete sie als Radiojournalistin für den privaten Radiosender Bonesha FM. Außerdem ist sie als Korrespondentin des US-amerikanischen Radiosenders Voice of America tätig.

 

Irgendwann bleibt nur die Flucht

Trotz der akuten Bedrohung von Journalisten durch die burundische Regierung ließ sich Diane Nininahazwe zunächst nicht an ihrer Arbeit hindern. Sie berichtete weiterhin für den US-amerikanischen Radiosender Voice of America. Dies änderte sich schlagartig, als am 24. Juni eine Granate auf ihrem Grundstück explodierte. Ein Anschlag, der ihr als Journalistin galt. Diane arbeitete gerade an einer Story über unaufgeklärte nächtliche Entführungen in Gihanga, einer Stadt nördlich der Hauptstadt Bujumbura. Für einen Bericht sprach sie vor Ort mit der burundischen Armee. Kurz darauf erhielt sie mehrere anonyme Drohungen, darunter eine konkrete Todesdrohung, dann folgte der Anschlag. Niemand wurde bei der Explosion verletzt. Dennoch blieb Diane nur die Flucht in das Nachbarland Ruanda. Dort kam sie bei ihren Geschwistern unter, ihre Eltern bleiben in Burundi.

 

Verdiente Auszeit

Ab Sommer 2015 lebte Diane als erste Stipendiatin des Auszeit-Stipendiums von Reporter ohne Grenzen und der taz Panter Stiftung in einer kleinen Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Der Aufenthalt in Berlin sollte ihr helfen wieder zu Kräften zu kommen. Da sich die politische Lage in Burundi weiter zugespitzt hat, wurde Dianes Aufenthalt bis Ende Januar 2016 verlängert. Mit Ablauf des Stipendiums muss Diane Deutschland verlassen. Bis die politische Lage in Ruanda es ihr erlaubt zurückzukehren sucht sie erneut Zuflucht in Ruanda.

 

Zum Interview mit der burundischen Journalistin Diane Nininahazwe

 

Pressefreiheit in Afrika
Zeit zum Durchatmen: Das Auszeit-Stipendium

Das Auszeit-Stipendium ist ein gemeinsames Projekt der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen und der taz Panter Stiftung. Es ermöglicht Journalisten und Journalistinnen aus Kriegs- und Krisengebieten einen bis zu dreimonatigen Aufenthalt in Berlin. Das Programm richtet sich vorwiegend an Journalisten und Journalistinnen, die in einem repressiven Umfeld tätig sind oder aufgrund ihrer Tätigkeit bedroht oder verfolgt werden. In Berlin erhalten die Stipendiaten die Möglichkeit, sich eine Auszeit zu nehmen und Abstand zu gewinnen. Sie können die Zeit aber auch zum Schreiben und Denken nutzen und das politische Leben in Berlin erkunden.

Rund 270 Journalisten und Journalistinnen aus aller Welt haben sich für das Stipendium beworben, das 2015 zum ersten Mal vergeben wurde. Bewerbungen kamen unter anderem aus Bolivien, Südafrika, Afghanistan, Syrien und der Ukraine. Die erste Stipendiatin ist die burundische Radiojournalistin Diane Nininahazwe.

Sie möchten mehr über das Auszeit-Stipendium erfahren oder sich bewerben?

https://www.reporter-ohne-grenzen.de/hilfe-schutz/auszeit-stipendium/

Medienlandschaft in Burundi

Ursprünglich gab es in Burundi staatliche und private Medien. Noch bis Ende Februar 2015 war es Journalisten möglich, relativ frei zu berichten. Nachdem der burundische Präsident Pierre Nkurunziza entgegen der Verfassung für eine dritte Amtszeit kandidierte, kam es zu politischen Unruhen im Land. Am 14. Mai 2015 wurden alle privatwirtschaftlichen und somit regierungsunabhängigen Medienhäuser von der burundischen Regierung gewaltsam geschlossen. Diese hatten zuvor regierungskritisch berichtet. 95 Prozent der unabhängigen Journalisten flohen in die Nachbarländer, insbesondere nach Ruanda.

Offiziell gibt es derzeit in Burundi nur noch staatliche Medien. Diese werden von der Regierung kontrolliert und zu Propagandazwecken eingesetzt. Inoffiziell erhält die burundische Bevölkerung noch Informationen über soziale Medien. Doch viele Burundier haben keinen Zugang zu Internet oder Smartphone. Zuvor sendeten zehn private Radiosender aus Burundi – Radio ist das wichtigste Medium für eine Bevölkerung, in der viele weder lesen noch schreiben können. Neben den staatlichen Radiosendern bleiben nun nur noch die beiden Auslandssender Voice of America und Radio France Internationale, die aus Washington D.C. bzw. Paris senden. Doch die Sender berichten auf Englisch oder Französisch –  Sprachen, die in Burundi nur die Gebildeten sprechen, denn Amtssprache ist Kirundi. Die breite Masse der burundischen Bevölkerung erreicht also nur noch die staatlichen Medien.

Von Pressefreiheit und Gender in der Türkei – eine Momentaufnahme Erfahrungen einer türkischen Journalistin

Angesichts der aktuellen Lage türkischer Medien, ist die Diskussion über Genderthemen fast Luxus. Diesen Zustand verdeutlicht die Journalistin Sevgi Akarçeşme.

Ihre Miene ist ernst. Ihr Blick fest in die Kamera gerichtet. Ihre Mimik verleiht der Botschaft Nachdruck. Free Media cannot be silenced steht in weißen Großbuchstaben auf dem rot hinterlegten Plakat, das Sevgi Akarçeşme vor sich in die Höhe hält. Harte und ernüchternde Worte einer Journalistin aus der Türkei, einem Land, das unserem geographisch nahe, aber gesellschaftlich derzeit ferner nicht sein könnte. „Wir als Medienschaffende werden im Moment in der Türkei förmlich erstickt“, zieht die Journalistin ihr Fazit.

Schnell beleidigt

Pressefreiheit ist derzeit ein schwieriges Terrain in der Türkei. Unter dem Vorwand der Terrorgesetzgebung kann jeder, der sich regierungskritisch äußert, verhaftet werden. Aufgrund ihrer Multiplikatorfunktion fallen Journalisten häufiger als Zielscheibe ins Visier der Polizei, insbesondere Frauen. „Journalistinnen werden immer öfter gezielt angegriffen, da sie als verletzlich und schwach gelten“, erklärt Sevgi Akarçeşme. Gleichzeitig erinnert sie sich an die Redaktionsdurchsuchung vom 14. Dezember 2014, die erste von zweien innerhalb eines Jahres:

„Es war einer der denkwürdigsten Momente während meiner bisherigen Tätigkeit. Wir warteten die ganze Nacht lang in der Redaktion. Wir warteten auf die Polizei. Als sie endlich da war, standen Hunderte Menschen draußen vor der Redaktion, vielleicht waren es um die Tausend. Wir protestierten friedlich. Sie nahmen unseren Chefredakteur fest.“

Ein Jahr später sitzt sie selbst auf der Anklageband. Der Vorwurf lautet Beleidung des Ministerpräsidenten Davutoğlu. Ein Nutzer hatte sich unter ihrem Tweet abfällig über diesen geäußert. De facto eine Verurteilung aufgrund des Kommentars eines Dritten. Ein Jahr und fünf Monate auf Bewährung lautet die Strafe. Begeht sie dasselbe Vergehen innerhalb der nächsten fünf Jahre erneut, tritt die Strafe in Kraft.

Quelle: Twitter / @SevgiAkarcesme

 

Twitter als Ventil der Gesellschaft

In der Türkei gehört es zum journalistischen Handwerkszeug, regelmäßig auch in den sozialen Medien zu publizieren. Fast 110.000 Menschen folgen den Aktivitäten von Sevgi Akarçeşme auf Twitter. „Die sozialen Medien sind das einzige Milieu, in dem die Menschen ungefilterte Informationen erhalten. „Wenn man mutig genug ist, sich regierungskritisch zu äußern, fangen Menschen an, Dir zu folgen“, berichtet sie auf der Tagung.

 

 

 

„Manchmal bin ich es leid und möchte am liebsten aufgeben. Das ist natürlich nur meine innere Stimme. Dann wiederum denke ich, dass jede Nachricht, die ich schreibe oder mit meinen Followern teile, eine Veränderung in der Gesellschaft bewirken kann. Wir sollten nicht aufgeben.“

Sevgi Akarçeşme ist eine Frau auf der Überholspur. Eine derjenigen, die Erfolg nicht vom Geschlecht abhängig machen. Das zeigt ihre jüngste Ernennung zur Chefredakteurin der englischsprachigen Ausgabe Zaman Today. Sie lässt auf einen positiven Schritt in der patriarchal geprägten türkischen Gesellschaft hoffen.

Über Sevgi Akarçeşme

Sevgi Akarçeşme ist 1979 in Istanbul geboren und stammt aus einer religiös-traditionellen Familie. Sie studierte Politikwissenschaft, Öffentliche Verwaltung und Internationale Beziehungen in Ankara und Istanbul sowie in den USA. Dort arbeitete sie mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Temple University und bei einem Think Tank, bevor sie im April 2008 in die Türkei zurückkehrte, um u.a. für die türkische Regierung tätig zu werden. Seit Juli 2012 arbeitet Sevgi Akarçeşme als Redakteurin für Zaman, die auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei, und Today’s Zaman, deren englischsprachige Ausgabe. Mitte Dezember 2015 wurde sie zur Chefredakteurin von Today’s Zaman befördert.

Ein kurzer Blick auf die türkische Medienlandschaft

Die Medienlandschaft ist wirtschaftlich stark konzentriert und mit anderen wirtschaftlichen Interessen in großen Holdings verbunden. Diese Verflechtung birgt Gefahren für die Pressefreiheit, da die Unternehmen wegen Aufträgen bemüht sind gute Beziehungen zu Regierungsstellen zu pflegen. Das Fernsehen ist oft staatlich gelenkt und gibt Informationen gar nicht, verfälscht oder regierungskonform wider.

Die fünf auflagenstärksten türkischen Tageszeitungen und deren politisch-ideologische Ausrichtung sind (Stand Januar 2016):

  • Zaman (1.1017.757, religiös-konservativ, regierungskritisch)
  • Posta (442.852, Boulevardzeitung)
  • Hürriyet (379.865, liberal-konservativ, regierungskritisch)
  • Sabah (345.943, mitte-rechts, regierungsnah)
  • Sözcü (345.126, kemalistisch, regierungsfern)

 

 

Nachrichtenportal JournAfrica! bietet Deutschland neue Afrika-Bilder Da ansetzen, wo andere gar nicht erst hinschauen: Tammo Strunk berichtet in Leipzig über JournAfrica!, das erste deutsche Nachrichtenportal für Journalismus aus Afrika.

Tammo Strunk (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Tammo Strunk (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Tammo Strunk ist neben Philipp Lemmerich und Raoul Jochum einer der Gründer des Projekts JournAfrica! und stellt dieses auf der Bildkorrekturen-Tagung vor. Mit dem Online-Magazin gibt es seit gut einem Jahr ein deutschsprachiges Nachrichtenportal für Journalismus aus Afrika. Hier berichten afrikanische JournalistInnen aus über 50 Ländern und liefern Geschichten unmittelbar vom Ort des Geschehens.

In Deutschland herrsche eine einseitige Berichterstattung über Afrika vor, die von Krisen und Kriegen beherrscht wird – und genau das sei es, was die Gründer von JournAfrica! störte, erklärt Tammo Strunk. Die Macher wollen mehr bieten als die nächste Schreckensmeldung – spannende Alltagsgeschichten vom „vergessenen Kontinent“ sollen Stereotype brechen und den Blickwinkel erweitern. „Vor meinem Studium war ich einige Monate im südlichen Afrika unterwegs und die Bilder und die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, haben sich überhaupt nicht mit den Bildern gedeckt, die ich vorher im Kopf hatte“, berichtet Strunk. „Die Medien in Deutschland tragen dazu bei, dass wir hier ein sehr negatives und einseitiges Afrika-Bild haben.“

Zum einen sehen die Gründer das Problem darin, dass die deutschen Medienhäuser in der Krise stecken und es kaum noch Korrespondenten in Afrika gibt. „Korrespondenten können entweder gar nicht oder nur noch sehr selten vor Ort sein“, prangert Strunk an. Das Problem liegt aber nicht nur bei den Medien: „Das Interesse der deutschen Rezipienten an Afrika fehlt, da wir alle uns immer in den gleichen Strukturen bewegen – gleiche Nachrichtenseiten, gleiche Klicks, gleiche Kontakte.“ Der zentrale Punkt sei, einen Bezug zwischen der Lebenswelt hier und vor Ort herzustellen.

Die Gründer von JournAfrica! (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Die Gründer von JournAfrica! (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Das will JournAfrica! mit spannenden Alltagsgeschichten schaffen, die eine große Leserschaft ansprechen und das Interesse an Afrika steigern sollen. „Wir haben schon richtig gute Storys gebracht. Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist über die mit Graffiti verzierten Busse in Kenia , die Matatubusse, die da im Nahverkehr eingesetzt werden. Da fahren die Leute nicht gewöhnlich mit ihrem Linienbus, sondern warten bis ihr Matatubus vorbeikommt und steigen in den ein, weil sie mögen, wie er gestaltet ist, was für Musik darin läuft, sie kennen die Leute die darin mitfahren“, erzählt Strunk begeistert. Die Geschichten findet die Redaktion von JournAfrica! entweder selbst durch Medienscanning oder sie werden ihnen direkt von den JournalistInnen aus Afrika vorgeschlagen.

Die Zukunft von JournAfrica! hat Strunk ganz klar vor Augen: „Wir wollen die jetzige Korrespondentenstruktur von

Tammo Strunk wäjrend des Kongo Panels auf der Bildkorrekturen Tagung in Leipzig (Foto: Theresa Boll)

Tammo Strunk während des Kongo Panels auf der Bildkorrekturen Tagung in Leipzig (Foto: Theresa Boll)

Afrika gar nicht ersetzen, wir wollen sie ergänzen. Wir wollen einen Mehrwert für Leute bieten, die sich hintergründiger und anders informieren wollen und auch Bock haben, mal andere Seiten der Welt kennen zu lernen, aber nicht die Chance haben, da mal hinzureisen.“ Die Gründer rechnen fest damit, dass ihr Magazin noch stark an Bekanntheit gewinnen wird und haben sich als langfristiges Ziel gesetzt, ihre vielfältige Afrikaberichterstattung weiter auszubauen.

Ein großer Meilenstein für das Projekt wurde Ende 2015 bereits gelegt: Um die Finanzierung der Plattform in 2016 stemmen zu können, starteten die Macher von JournAfrica! ein Crowfunding- Projekt, dessen Einnahmen in voller Höhe in den laufenden Betrieb von JournAfrica! fließen sollen. Das Crowdfunding- Ziel von 12.000 Euro wurde pünktlich zum Jahreswechsel erreicht.

JournAfrica! ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins treemedia e.V. aus Leipzig, der Mitte 2014 von Raoul Jochum, Tammo Strunk und Philipp Lemmerich gegründet wurde. Das junge Team verortet sich selbst an der Schnittstelle zwischen Journalismus, politischer Kommunikation und Medienentwicklung. Bisher arbeitet das zwölfköpfige Team ehrenamtlich an der Plattform. Die JournalistInnen und FotografInnen aus über 50 Ländern des afrikanischen Kontinents erhalten jedoch ein Honorar von durchschnittlich 50 Euro. Die Artikel erscheinen bislang in unregelmäßigen Abständen, doch das soll sich ändern. Ziel ist es, mindestens ein bis zwei Artikel pro Woche zu veröffentlichen. JournAfrica! plant dafür eine Finanzierung durch entwicklungspolitische Stiftungen, Crowdfunding und Spenden. Innerhalb des nächsten Jahres will JournAfrica! mit einem Community-/Abo-Modell auch über die Plattform Geld verdienen und so eine nachhaltige Finanzierung sichern.

Energiewende in den Medien – Der Blickwinkel junger Journalisten

„Turn or Burn? Klimawandelszenarios sind oft dramatisch. Wie können Medien einen richtigen Weg zwischen Panikmache und Verharmlosung finden?“ Mit dieser und weiteren Fragen befassten sich die Tagungsteilnehmer in kleinen Workshops.

Schmelzende Gletscher, hungernde Eisbären, überflutete Städte: Nach Meinung der Diskussionsteilnehmer sollten dramatische Bilder dieser Art in der Berichterstattung nicht per se negativ gesehen werden, denn mitunter wirken sie emotionalisierend beim Publikum. Insbesondere bei einem abstrakten Thema wie dem Klimawandel kann ein aufsehenerregendes Foto als „Türöffner“ fungieren und so Interesse schaffen – auch für komplexe Fakten. Jedoch könnten zu viele solcher symbolgeladerner Fotos auch  Abstumpfung beim Rezipienten führen und damit kontraproduktiv sein.

Wie finden Journalisten die Balance?

Gerade das Thema Energiewende scheint anfällig, da die stete Berichterstattung seit den 1980ern bereits zu einem gewissen Überdruss beim Publikum geführt hat. Wie kann es den Medien dennoch gelingen, die breite Öffentlichkeit nachhaltig zu informieren? In acht kleinen Workshops fiel oft der Begriff „lokaler Bezug“. Indem der Journalist die Themen auf den unmittelbaren Lebensraum und alltägliche Dinge „herunterbricht“ und anschaulich Geschichten erzählt statt nur trockene Fakten zu liefern, lässt sich die Komplexität reduzieren und können auch scheinbar ausgetretene Pfade neu erkundet werden. Einige Diskussionsteilnehmer forderten gar ein spezielles Energie-Ressort – wie bei Politik, Wirtschaft oder Kultur –, um alle Seiten zu beleuchten.

Enormes Fachwissen von Nöten

Dieser 360°-Blick könne den Journalisten von einer bipolaren zu einer multipolaren Sichtweise führen und die Gefahr mindern, sich von Lobbygruppen und PR-Agenturen vereinnahmen zu lassen. „Wir dürfen nicht über etwas reden, dass wir nicht verstehen“, betonte der Moderator der abschließenden Workshopzusammenfassung, Prof. Dr. Johannes Grotzky. Das Theme Energiewende ist so komplex, dass die Berichtenden ein enormes Fachwissen haben müssen, um die Thematik korrekt zu vermitteln. Gerade in der journalistischen Ausbildung könnte diesem Aspekt noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Experten wie Studierende waren sich einig, dass ein Bedarf an speziellen Fachjournalisten bestehe. Da uns das Thema wohl noch über Generationen hinweg beschäftigen wird, ein Job mit Zukunft.


Foto: Stefanie Schulze

Sollen die Medien dazu beitragen, die Bereitschaft zum Wandel zu stärken – oder fallen sie damit aus ihrer Rolle als neutrale Vermittler?

 „Es ist wichtig, Themen zu setzen und Fakten zu nennen. Aber es ist nicht Aufgabe der Medien, das Publikum mitzunehmen,“ lautete eine kontovers diskutierte These einer Workshop-Gruppe.


Foto: Julia Habermann

Rund um die Energiewende geht es oft um abstrakte Daten, viele Abkürzungen kommen vor. Wie kann es gelingen, dies für ein breites Publikum verständlich zu vermitteln?

„Es ist für viele schwer zu fassen, was Energiewende eigentlich bedeutet. Mut zur Erklärung sollte daher ein Leitsatz des Journalismus sein.“


Foto: Julia Habermann

Foto: Julia Habermann

Wie können die Medien vermeiden, „oberlehrerhaft“ zu erscheinen?

„Oftmals ist es schwierig, als Journalist nicht oberlehrerhaft zu wirken. Alltagsbeispiele und Personalisierung könnten eine Lösung sein.“


Foto: Stefanie Schulze

Ist nötiges Expertenwissen ein Einfallstor für PR-Inhalte?

„Um sich mit dem Thema umfassend auseinander zu setzen, muss man auch Unternehmensinfos nutzen. Wichtig ist hierbei jedoch Transparenz. Zudem sollte man immer mehrere Meinungen hören und auch abbilden.“


Foto: Julia Habermann

Von Deutschland lernen? In den Medien erscheint es immer wieder so, als sei Deutschland der Klassenprimus in Bezug auf den Klimawandel.

„Wir dürfen nie das eigene Land als Maßstab anlegen für alles, was um uns herum ist.“, resümierte Prof. Dr. Grotzky. „Immer den eigenen Maßstab mit anderen Maßstäben abgleichen, damit man am Schluss auf eine gemeinsame Sprache kommt.“