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Integration durch Information Die russischstämmige Minderheit in Estland konsumiert überwiegend Medien aus Russland, Nachrichten über ihr Heimatland finden sie dort nur selten. Für Qualitätsjournalismus auf Russisch fehlt vor allen Dingen das Geld.

1991 erklärte Estland seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Heute ist noch knapp ein Drittel der estnischen Bevölkerung russischsprachig.

„The connection has timed out – the server is taking too long to respond“. Diese Nachricht erscheint am Morgen des 27. April 2007 auf Tausenden von privaten Bildschirmen in Estland. Das Land, das beim Thema Digitalisierung weltweit als Vorreiter und zukunftsweisend gilt, war das Ziel eines Hackerangriffs geworden, der große Teile der digitalen Infrastruktur lahmlegte. Webseiten von Banken, Zeitungen und der Regierung sowie die Notrufnummern waren nicht mehr erreichbar.

Der Hackerangriff vor fast zehn Jahren war eine Reaktion auf die Verlegung eines
sowjetischen Kriegerdenkmals für den Zweiten Weltkrieg, das im Zentrum Tallinns stand. Für die Esten bedeutete es eine Erinnerung an die sowjetische Besatzung, für die in Estland beheimatete russischstämmige Minderheit ein Symbol für die Befreiung von dem Nazi-Regime, das von 1941 bis 1944 in Estland herrschte. Begleitet wurde die Verlegung von wütenden Demonstrationen, die auch aufgrund übermäßiger Polizeigewalt zu einem Toten und über 100 Verletzten führten.
Der „Bronzene Soldat“ steht mittlerweile symbolisch für den Riss in der estnischen Gesellschaft, der sich zwischen der russischsprachigen Minderheit und dem Rest der Bevölkerung abzeichnet. Für fast ein Drittel der 1,3 Millionen Esten ist Russisch die Muttersprache. Besonders im Osten des Landes beherrschen große Teile der ethnischen Russen die einzige offizielle Amtssprache nur schlecht oder gar nicht. Laut dem Innenministerium des Landes besitzen über 80.000 Menschen, etwa 6,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, keine Staatszugehörigkeit – ein Problem, das fast ausschließlich die russischsprachige Minderheit betrifft. Teile der russischstämmigen Bevölkerung leben in einer Parallelgesellschaft, fühlen sich dem estnischen Staat nicht zugehörig – und bekommen kaum etwas von ihm mit. Es gibt russische Schulen, russische Läden und natürlich empfängt man russisches Fernsehen, liest russische Zeitungen.
Die Medien in der Vertrauenskrise
Diese Sprachbarriere stellt die Medienlandschaft des gemessen an der Einwohnerzahl viertkleinsten EU-Landes vor eine große Herausforderung. Den estnischen Medien begegnen große Teile der russischsprachigen Bevölkerung mit Skepsis. Lediglich 38 Prozent vertrauen laut einer Studie des Wissenschaftlers Peeter Vihalemm von 2012 estnischen
Nachrichtenportalen in russischer Sprache, das estnische Fernsehen erreicht hier sogar nur Werte von 25 Prozent. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk Eesti Rahvusringhääling (ERR) versucht ab Mitte der Neunziger Jahre, diesem Problem mit Fernsehprogrammen auf Russisch zu begegnen, doch als die finanzielle Medienkrise auch nicht vor Estland Halt macht, wird bei den Kürzungen das Budget für die russischsprachigen Programme weitestgehend eingefroren.
Auch andere Versuche, die russische Minderheit mit Hilfe von traditionellen Medien in ihrer Muttersprache am öffentlichen politischen und gesellschaftlichen Diskurs in Estland partizipieren zu lassen, scheitern überwiegend an finanziellen Mitteln. Ein Versäumnis, findet Journalist Pavel Ivanov. Der 47-jährige Sohn eines Russen und einer Estin arbeitete im Zuge seiner bisherigen Berufslaufbahn bei verschiedenen russischsprachigen Medien. Er sieht in
seinem Fach den Mörtel, der die gespaltene estnische Gesellschaft wieder vereinen kann: “Russischer Journalismus in Estland ist die einzige Form von Journalismus auf der Welt, der den Russen in Estland erklärt, wie wir in Estland leben.” Lediglich ein Prozent der russischen Medieninhalte werden derzeit laut Ivanov tatsächlich auf Russisch produziert, was vor allem an der Struktur der Medienlandschaft liege: ”90 Prozent der russischsprachigen Medien sind im Besitz von Esten. Das heißt, der größte Teil des Budgets fließt in die estnischen Medien und nur ein kleiner Teil wird dazu benutzt, Medieninhalte zu kopieren und auf Russisch zu übersetzen.”
Neue Wege für den Journalismus
Doch wie so oft in der digitalen Vorreiter-Nation der EU scheint die Lösung dieser Problematik nur ein paar Mausklicks entfernt zu sein. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der russischsprachigen Online-Nachrichtenportale rasant zugenommen. Das Internet bietet die Möglichkeit, auch mit geringen finanziellen Mitteln für ein Nischenpublikum journalistische Inhalte produzieren und verbreiten zu können. Diese Entwicklung wird die Medienlandschaft in Estland in den kommenden Jahren wohl nachhaltig verändern. Auch die klassischen Medien interessieren sich wieder mehr für den russischstämmigen Teil der Bevölkerung. Ende 2015 startete der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit RTV+ den Versuch, einen Fernsehsender auf Russisch zu betreiben. Eines der Hauptziele sei es nach eigenen Angaben, auf Propaganda aus Russland zu reagieren.
Den russischsprachigen Esten wird in Zukunft der Zugang zu unabhängigem Journalismus in ihrer Muttersprache und somit auch die Teilhabe am öffentlichen Diskurs weiter erleichtert werden. Der estnischen Demokratie kann das nur guttun.

Viel mehr als Copy-Paste Der Journalist Pavel Ivanov hat im Laufe seiner Berufslaufbahn bereits für eine Vielzahl russischsprachiger Fernseh- und Hörfunkprogramme, Zeitungen und Online-Magazine in Estland gearbeitet. Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig sprach er über seine bisherigen Jobs, die Bedeutung einer bilingualen Medienlandschaft und die Social-Media-affine russischsprachige Minderheit.

Pavel Ivanov zuckt mit den Schultern. “Ich bin irgendwie ein Selfmade Man.“ Glück habe sicherlich auch eine Rolle gespielt, sagt er nüchtern. Der ernst dreinblickende 47-Jährige bezieht sich auf seinen schnellen Aufstieg in der estnischen Medienbranche. Sein Lebenslauf sollte sich nur schwerlich auf eine einzige DIN-A4 Seite komprimieren lassen. Vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen über Tageszeitung, Magazin, Rundfunk und Online – Ivanov, geboren in der Hauptstadt Tallinn, kreiert seit 1987
als Reporter, Moderator, Produzent und Redakteur journalistische Inhalte. Neben seinen wechselnden Aufgabengebieten konstant geblieben, ist die Sprache, auf der er publiziert. Als Sohn einer Estin und eines Russen ist er bilingual aufgewachsen und fühlt sich der russischsprachigen Minderheit zugehörig. Die macht rund ein Drittel der Bevölkerung aus und erklärt die hohe Nachfrage nach Berichterstattung auf Russisch, das bis zur Unabhängigkeit der kleinsten Ex-Sowjetrepublik als gleichberechtigte Amtssprache galt.
Von vor und hinter der Kamera auf die “andere Seite”
Als anfänglicher Reporter bei der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt ETV (seit 2007 ERR) wird Ivanov kurze Zeit später zum Moderator einer Nachrichtensendung, die er daran anknüpfend als Programmdirektor betreut. Nach nur fünf Jahren verlässt er das Fernsehen – für einen Perspektivwechsel, wie er es nennt. „Ich war noch so jung und hatte das Gefühl, genug vom Fernsehen zu haben. Ich wollte weiter.“
Nahtlos anschließend an seine kurze aber abwechslungsreiche Karriere als Fernsehjournalist beginnt er einen Job als Medienberater im Innenministerium: „Die Seite zu wechseln, war eine tolle Erfahrung.” Die eigene Sichtweise ändere sich, wenn man seiner vorherigen Profession plötzlich “gegenüberstehe”. “Das hat mir ein umfassenderes Bild des Journalismus’ in Estland vermittelt.“

EG / Foto-Zentrum Leipzig Pavel Ivanov war Teilnehmer der Estland-Paneldiskussionen zu den Themen „Digital Empowerment & Media“ sowie „Digital Empowerment & Society“.

 

Russischsprachiger Journalismus beinhaltet wichtige soziale Komponente
Ein Bild, das ihn wenig später, als er es als Chefredakteur eines russischen Programms auf ETV wieder mitprägt, ernüchtern wird. Die finanzielle Situation im Sender sei zur
Jahrtausendwende nicht besonders gut gewesen, so Ivanov. Die Einschnitte hätten auch das russischsprachige Programm im Speziellen getroffen: „Den russischsprachigen Medien in Estland wird ein signifikant kleineres Budget zugeschrieben als den estnischen Medien.“ Was dazu führe, dass Erstere oftmals eine Art Copy-Paste-Produkt der Letzteren darstellen, bemängelt er. Dabei seien sie so viel mehr: Insbesondere der russischsprachige Journalismus
in Estland habe eine wichtige soziale Komponente: „Die ethnischen Russen lernen auch durch die Medien, sich in Estland zurechtzufinden.“ Darüber hinaus ermögliche er kritische Berichterstattung über das Nachbarland. „Anders als in Russland ist unsere Presse frei. Wir können schreiben, was und worüber wir wollen.“ Was wiederum nicht bedeute, dass russische Medien nicht konsumiert würden. Die russischsprachige Minderheit im Land sei mit einer um ein Vielfaches größeren Medienlandschaft aufgewachsen. Auch bescheinigt er ihr mehr Aktivität auf sozialen Netzwerken als der estnischen Bevölkerung. Als Grund nennt er die verschiedenen Mentalitäten: „Russen sind vielleicht etwas offener. Ihnen liegt mehr daran, eine Gemeinschaft im Netz zu bilden.“
Nach Redakteursstellen im Hörfunk und Onlinebereich arbeitet Ivanov mittlerweile branchenübergreifend als Freelancer – festlegen will er sich vorerst nicht.

Online gegen das System „Indien ist multikulturell, multiethnisch und multireligiös“ - mit dieser Meinung steht Sanjay Kumar zunehmend alleine da. Die rechtskonservative Regierung unter Narendra Modi verwandelt sein Land immer mehr in einen Hindu-Staat. Der gelernte Fernsehjournalist kämpft dagegen: Was in den traditionellen Medien nicht mehr geschrieben werden kann, schreibt er in seinem Blog, in internationalen oder pakistanischen Online-Magazinen und auf Twitter.

Dort heißt Sanjay Kumar @destinydefier und beschreibt sich als “ein in Neu-Delhi lebender Journalist, spezialisiert auf nationale und internationale Politik, außerdem ein sehr aktiver Blogger und Kolumnist”. Er teilt Artikel rund um Populismus, schreibt auf 140 Zeichen kritische Kommentare zur aktuellen Politik und postet Reisefotos mit seiner Frau – mal in Leipzig, mal in Boston. @destinydefier vereint den professionellen und den privaten Sanjay Kumar – er findet, man könne das nicht trennen, schließlich vertrete man seine Meinung ja immer, auch nach Feierabend. Den Twitter-Account hat Sanjay Kumar seit 2009, doch das ist nicht sein einziges Medium: Seit mehr als zwölf Jahren arbeitet er nun schon als Journalist, vorrangig fürs Fernsehen und für Online-Magazine.

Nur mit Passion kannst du in diesem Beruf bestehen“

Auf den ersten Blick wirkt Kumar nicht wie einer, der gegen das System kämpft. Der kleine, etwas rundliche Mann besitzt sehr viel indische Höflichkeit, die man leicht als Schüchternheit missverstehen kann. Geboren wurde er 1970 als ältester Sohn einer einfachen Familie in “einer sehr kleinen Stadt”, wie Kumar erzählt. „Mokama hatte vielleicht 30.000 bis 50.000 Einwohner und ein paar Dörfer drumherum.“ Heute hat die ostindische Stadt mit rund 100.000 Einwohnern bereits Großstadtniveau, der indische Maßstab ist aber ein anderer. Mokama liegt mitten in Bihar, Indiens ärmsten und instabilsten Bundesstaat. Wie die meisten Leute dort sind auch Kumars Eltern Bauern und Händler, einfache Leute aus der zweitniedrigsten Kaste, die neben ihm noch vier weitere Kinder versorgen mussten. Sie schickten Sanjay Kumar ab der zehnten Klasse auf die höhere Schule einer größeren Stadt, wo er das erste Mal mit der englischen Sprache konfrontiert wurde: „Meine neuen Freunde kamen alle von englischen Schulen und hatten eine Art eigene Community, zu der ich nicht so richtig dazu gehörte. Ich wusste, ohne Englisch wird das nichts, deshalb habe ich mich hingesetzt und gepaukt.“ In Kumars Schule gab es keine Englischkurse, also hat er sich mit dem Radio ausgeholfen und die englischen Nachrichten mit denen auf Hindi verglichen. „Ich habe jeden Tag zehn bis 15 Wörter gelernt. Nach zwei Jahren habe ich dann englische Bücher gelesen und schließlich sogar englische Literatur studiert.“ Der Zugang zur englischen Sprache eröffnete Kumar auch den Zugang zur Welt: Er war hungrig nach Wissen, las sich ein in Geschichte und Weltpolitik und begann einzelne Dinge aufzuschreiben. Die journalistische Arbeit wurde zu Sanjay Kumars Leidenschaft. Also folgte auf seine zwei Masterabschlüsse noch eine Journalistenschule und dann der typische Karriereweg eines Nachwuchsjournalisten: Praktikum bei einem Fernsehsender in Mumbai, der erste Job in Delhi, die Bezahlung eher unterirdisch, die Begeisterung für den Beruf dafür umso größer. Beim Journalismus ist Geld eher eine Nebensache, findet Kumar: „Wirklich wichtig ist die Leidenschaft. Nur mit Passion kannst du in diesem Beruf bestehen.“

Für die Wahrheit sieht es in Indien schlecht aus

Passion für Menschen, Kulturen und natürlich für die Wahrheit. Für letztere sieht es in Indien schlecht aus, findet Sanjay Kumar, gerade mit der Berichterstattung über den pakistanisch-indischen Konflikt ist er mehr als unzufrieden: „Die traditionellen indischen Medien haben eine sehr einseitige Sicht auf die Welt und folgen damit ganz der politischen Leitlinie. Schuld sind immer Pakistan und die Muslime. Die Leute lesen und hören diese Sichtweise nun schon seit Generationen und haben sie für sich übernommen. Das ist ein großes Problem.“

Um sich nicht an diese Maschinerie anpassen zu müssen, flüchtete Kumar in die internationalen Medien und berichtet nun seit acht Jahren als Produzent für die ARD aus Indien. Dazu kamen Artikel für The Diplomat, einem internationalen Online-Magazin mit Fokus auf den asiatischen Raum.

Kumar sieht Indien in den Nationalismus rutschen

Vor zweieinhalb Jahren wurde Narendra Modi zu Indiens neuen Premierminister gewählt, und seitdem sieht Kumar das Land immer mehr in den Nationalismus abrutschen. Kumar glaubt, dass Modis Partei, die rechtskonservative, hindu-nationalistische Bharantiya Janata Party (BJP) Indien zu einem reinen Hindu-Staat machen will, in dem Minderheiten nichts zu sagen haben. „Es passiert bereits viel. Zum Beispiel mischt sich Modi in die eigentlichen freien Institutionen des Landes ein, wie in Schulen, Universitäten oder eben in die Medien”, erklärt der Journalist. „Vor allem werden Minderheiten unterdrückt.” Im indischen Bundesstaat Maharashtra wurde Anfang des Jahres unter Geldstrafe verboten, Rinder zu schlachten oder zu verzehren. Der Beschluss soll aufs ganze Land ausgeweitet werden, obwohl 20% der Bevölkerung nicht hinduistisch glauben und das Fleisch somit durchaus essen dürfen.

Anfang November hat Präsident Modi überraschend die wichtigsten Geldscheine des Landes für wertlos erklären lassen. Sie lassen sich zwar in gültiges Geld eintauschen, dazu braucht man aber Zugang zu einer Bank, muss dort stunden- oder tagelang in der Schlange verharren und schließlich in der Lage sein, die nötigen Formulare zu lesen und auszufüllen. Vor allem ärmere Schichten leiden darunter. Manchen haben Hunger und Kälte bereits das Leben gekostet.

Sanjay Kumar lässt solche Entwicklungen nicht unkommentiert. In The Diplomat schreibt er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Vor fünf Jahren sind auch pakistanische Redakteure auf seine Artikel aufmerksam geworden und nun arbeitet Sanjay Kumar mehrmals im Monat auch für The Express Tribune, eine internationale pakistanische Zeitung, die mit der New York Times kooperiert, ebenso wie für die pakistanische Tageszeitung Dawn.

„Du bist eine Schande, Sanjay. Du hast dich an Pakistan verkauft.“ – es gibt natürlich Kritik, auch von Freunden. Viele Kollegen haben sich notgedrungen an das System angepasst, aber für Sanjay Kumar kommt Selbstzensur nicht infrage. Vor physischer Gewalt fürchtet er sich nicht, aber er weiß, dass die Regierung viele andere Mittel hätte, um ihn unter Druck zu setzen. Sanjay Kumar drückt sich diplomatisch aus. Er sagt nicht, dass er bei Lohnzahlungen aus Pakistan womöglich wegen Landesverrat angeklagt würde, sondern, dass er auf Geld verzichtet, weil dadurch “Schwierigkeiten” entstünden.

Meine Meinung wird gehört“

Kumar schreibt also aus reinem Idealismus – und, um eine Stimme zu haben in einem Indien, dass sich mit der wachsenden Digitalisierung langsam verändert:

„Durch das Internet erreiche ich viele Menschen – manche davon nutzen auch traditionelle indische Medien, andere informieren sich tatsächlich ausschließlich online.” Sanjay Kumar schreibt zwar für internationale und pakistanische Online-Zeitungen, Inder lesen und kommentieren diese Texte aber auch. Oft haben seine Artikel über hundert Kommentare, mal von Pakistani, mal von Indern, mal zustimmend, mal dagegen. „Ich ändere momentan zwar nicht wirklich die Situation, aber meine Meinung wird gehört. Und ich kann in den Kommentarspalten meiner Artikel die Leute zusammenbringen, sodass sie endlich mal wirklich miteinander diskutieren.“

 

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“ – Sanjay Kumar im Interview

Das Ende der Wartenummer Nie mehr bei Behörden anstehen? Die Esten können so gut wie alle Verwaltungsvorgänge online erledigen. Wie das in Estland funktioniert und woran es in Deutschland hapert. Von Luisa Hofmeier und Caspar Schwietering.

In Berlin hat es die Verwaltung letztes Jahr zum Hauptwahlkampfthema gebracht: Seit Jahren brauchen Berliner, wenn sie sich Ummelden oder einen neuen Personalausweis beantragen wollen, einen Termin bei ihrem Bürgeramt – und warten meist Monate darauf. „Hier gibt es ein Amt, aber keine Termine“ plakatierten die oppositionellen Grünen deshalb vor der Abgeordnetenhauswahl im September und die regierende SPD versprach mit neuen Stellen in den Bürgerämtern das Problem endlich in den Griff zu kriegen.

Das Berliner Verwaltungsversagen ist ein spezieller Fall, aber überall in Deutschland müssen die Bürger bei fast jedem Kontakt mit der Verwaltung einen Behördengang unternehmen und dabei teils stundenlange Wartezeiten in Kauf nehmen. Dass es auch anders geht, zeigt das kleine Estland: Sich Ummelden, einen neuen Ausweis beantragen, eine Firma anmelden und vieles mehr können die Esten online erledigen.

Behördengänge werden überflüssig

Ihr wichtigstes Hilfsmittel ist dabei ein Chip auf ihren Personalausweisen oder die SIM-Karte ihrer Smartphones. Mit der darauf gespeicherten elektronischen Identität können sich die Esten digital ausweisen und Dokumente unterschreiben. Behördengänge werden so überflüssig und auch die Banken des Landes greifen für ihre e-Banking-Angebote darauf zurück.

Auf der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig zeigt Indrek Õnnik wie das System funktioniert. Das ist sein Job. Der 28-Jährige Este arbeitet beim e-Estonia Showroom in Tallin und versucht, die Welt von den Vorteilen der digitalen Verwaltung zu überzeugen. Auch Angela Merkel hat er deswegen schon getroffen. Im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig wird er allerdings erst mal vom langsamen Internet aufgehalten.

Während er den Laptop auf den Knien balanciert und sich nach und nach die estnische e-Government-Seite aufbaut, nimmt er seinen Personalausweis aus dem Portemonnaie, holt einen Kartenleser mit USB-Anschluss aus der Laptoptasche und verbindet ihn mit dem PC. Verdeckt tippt er den ersten PIN ein, um sich einzuloggen. „Jetzt prüft das System auf dem Server, ob wirklich ich das gerade bin“, erklärt er. Mit der Eingabe von gerade einmal vier Stellen hat er seine Identität nachgewiesen.

Auf dem Desktop ruft er eine Demo-Version des estnischen i-Votings auf. Seit 2005 können die Esten damit bei Wahlen online ihre Stimmen abgeben. Das Programm erkennt automatisch in welchem Wahlkreis Õnnik wohnt und zeigt ihm die passenden Kandidaten an. Zweimal muss er seine Wahl bestätigen. Anschließend folgt ein zweiter PIN. „Es gibt nichts, was man nur mit einem PIN-Code tun könnte, du musst immer beide haben“, kommentiert er. Genauso hat Õnnik schon einmal gewählt. Physisch saß er damals im westfälischen Iserlohn.

„Zu 99,9 Prozent gibt es niemanden, der unser System hacken kann.“

Gerade die Möglichkeit online zu wählen hat international aber auch für Kritik gesorgt. Wissenschaftler aus Michigan empfehlen in einer Studie von 2014 die Nutzung des elektronischen Wahlsystems in Estland einzustellen. „Wir glauben nicht, dass man das i-Voting-System heutzutage sicher ausgestalten kann“, heißt es. Õnnik hält dagegen. „Wir überarbeiten das System immer wieder. Wir benutzen niemals dasselbe. Und wir laden vorher Leute ein, das System zu hacken, damit nichts passiert.“

Mit Blockchain Technologie sei das gesamte estnische e-Verwaltungssystem gesichert, erklärt er, auch gegen Quantencomputer sei es immun. „Ich würde sagen, dass es zu 99,9 Prozent niemand gibt, der unser System hacken kann. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit, aber wir würden es zu 100 Prozent merken, wenn uns jemand hacken würde.“ Ein Fall „Edward Snowden“, der über Monate Daten der Nationalen Sicherheitsbehörde (NSA) der USA entwendet hat, ist laut Õnnik in Estland nicht möglich.

Im Frühling 2007 wurde Estland jedoch Opfer von Denial-of-Service-Attacken. Mit einer Flut von Anfragen auf verschiedene Online-Adressen, die vermutlich aus Russland gesteuert wurden, legten Unbekannte unter anderem die Online-Services von Estlands Verwaltung und Banken lahm. Auch wenn keine Daten gestohlen wurden, stieg in Estland das Bewusstsein für die eigene Verwundbarkeit. Das baltische Land versucht sich seitdem durch eine Vielzahl von Back-up-Servern auf der ganzen Welt zu schützen.

Deutsche haben Angst um ihre Daten

Seiner Digitalstrategie blieb das Land aber treu und machte im Jahr nach den Attacken auch die intimsten Daten seiner Bürger digital verfügbar. Seit 2008 können die Esten sowie deren Ärzte online auf ihre gesamte Krankenakte zugreifen. Um die Angst der Bevölkerung vor Missbrauch zu zerstreuen, gibt die estnische Regierung den Bürgern Einsicht darüber, wer auf ihre Daten zugreift. Unberechtigte Datenaufrufe stehen unter Strafe. Das hat die Esten anscheinend beruhigt: Zum Erstaunen der zumeist deutschen Zuhörer der Bildkorrekturen-Konferenz erklärten die estnischen Journalisten und Wissenschaftler auf dem Podium freimütig, dass sie der Regierung und deren Umgang mit Daten vertrauen.

Die Deutschen hingegen bleiben bei Datensicherheit und Datenschutz skeptisch. Laut des e-Government Monitors, einer jährlich erscheinenden Studie zur elektronischen Verwaltung in Deutschland, hielt die Angst vor Datendiebstahl und mangelnde Informationen darüber, was mit den Daten passiert, rund ein Drittel der Befragten davon ab, die bestehende elektronische Verwaltung in Deutschland zu nutzen.

E-Verwaltung in Deutschland? In der Theorie ist der Weg für eine papierlose Verwaltung auch hierzulande geebnet: Seit 2010 gibt es den elektronischen Personalausweis. Ist die Funktion der e-ID freigeschaltet, ist es möglich, sich digital auszuweisen und Dokumente übers Internet zu unterschreiben.

Der e-Government Monitor von 2016 zeigt jedoch: Kaum einer nutzt die Funktionen, lediglich vier Prozent der Befragten besaßen überhaupt ein Kartenlesegerät, das zur Nutzung des elektronischen Personalausweises benötigt wird. Und die 2012 eingeführte De-Mail, mit der sich ebenfalls mit den Behörden interagieren ließe, haben auch nur acht Prozent der Befragten installiert.

„E-Government gibt es in Deutschland nicht.“

Der Nationale Normenkontrollrat, der für die Bundesregierung die Wirkung von Gesetzen überprüft, hält das Verhalten der Bürger in einem Gutachten von 2015 für verständlich. Denn bisher bringen diese Funktionen kaum Nutzen. Das 2013 vom Bundestag verabschiedete e-Government-Gesetz verpflichtet immerhin alle Bundesbehörden, die vollständige elektronische Abwicklung von Verwaltungsakten zu ermöglichen.

Aber nur wenige kommunale Verwaltungen, mit denen Bürger meist zu tun haben, bieten die elektronische Übermittlung von Dokumenten via De-Mail und e-ID an. Bei ihren Kommunen konnten die Bürger im Mittel nur zwei – zumeist eher nebensächliche – Verwaltungsakte vollständig online abwickeln. „E-Government gibt es in Deutschland de facto nicht“, urteilen die Autoren des Gutachtens deshalb.

Für Christian Welzel, der für den unter anderem vom Bundesinnenministerium finanzierte Berliner Thinktank Kompetenzzentrum Öffentliche IT arbeitet und zu den Autoren der Studie des Normenkontrollrates gehört, lässt sich Deutschland aber auch nur schwer mit Estland vergleichen. „Estland konnte ab 1991 eine komplett neue Verwaltung aufbauen und hat dabei von Anfang an auf IT-freundliche Lösungen gesetzt“, erklärt er. „Das Land ist außerdem mit 1,3 Millionen Einwohnern viel kleiner und hat eine zentrale Verwaltung.“

Das Einsparpotenzial in Deutschland ist enorm

Dagegen könne Deutschland mit 82 Millionen Einwohnern und seinen föderalistischen, über die Zeit gewachsenen Strukturen nicht mithalten. Während in Estland alle Behörden über die sogenannte X-Road miteinander verbunden sind und bei Bedarf Daten austauschen, laufen die Verwaltungssysteme in Deutschland nebeneinander her. „Eine zentrale Marke wie e-Estonia könnte aber helfen, die digitalen Angebote der verschiedenen deutschen Verwaltungsebenen miteinander kompatibel und für die Bürger attraktiv zu gestalten“, glaubt Welzel.

Eine Digitalisierung der deutschen Verwaltung nach estnischem Vorbild böte laut Experten in jedem Fall einen großen volkswirtschaftlichen Nutzen. Laut Welzels Gutachten für den Normenkontrollrat könnte Deutschland bei einer vollständigen Digitalisierung seiner Verwaltung rund ein Drittel der Kosten vermeiden. Und Indrek Õnnik verweist bei der Bildkorrekturen-Konferenz in Leipzig darauf, dass Estland durch die konsequente Implementierung der digitalen Unterschrift in Verwaltung und Privatwirtschaft jährlich zwei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts spare. „Stellt euch vor, Deutschland könnte auch zwei Prozent einsparen.“ Zwei Prozent, das wären immerhin 60 Milliarden Euro. Ob diese Summe die Ängste deutscher Bürger zerstreuen kann, ist aber eine andere Frage.

Hilfsorganisationen – Mitgefühl wecken oder Stereotype verstärken?

Geht es um Hilfsorganisationen in Deutschland, fallen einem zahlreiche Namen, vielleicht sogar ganze Werbeslogans der Organisationen ein. Kein Wunder, ob an der Bushaltestelle oder am Bahnhof, die großen Plakate mit weinenden Kinderaugen oder hungernden Menschen kennen wir alle. Gerade zur Weihnachtszeit werben die Organisationen um Spenden, immer mit der impliziten Botschaft, auch mal an Andere zu denken – Menschen denen es schlechter geht als uns. Dabei bleibt der schale Beigeschmack, ob diese Bilder nur Mitgefühl wecken oder auch bereits bestehende Bilder in uns verstärken – Stereotype?

Afrika ist ein gutes Beispiel. Das Wissen über den Kontinent und seine verschiedenen Länder beschränkt sich bei vielen Deutschen auf ein Mindestmaß. Ausgenommen natürlich wir beschäftigen uns tatsächlich bewusst mit dem Kontinent. Ansonsten sehen wir aber eben oftmals das, was uns von Außen über Medien oder Werbung an uns herangetragen wird. Dazu gehören auch die Plakate von Hilfsorganisationen. In der täglichen Berichterstattung nehmen afrikanische Länder eine Nebenrolle ein, es sei denn es geht um Kriege, Konflikte oder Hungersnöte. Selbstverständlich ist es wichtig über diese Themen zu berichten. Genauso wäre es jedoch auch wichtig, in einer Welt in der wir aufgrund von Globalisierung und Digitalisierung immer mehr zusammenwachsen, uns endlich gegenseitig besser kennenzulernen und voneinander zu lernen. Es gibt nicht nur Kriege und Hungersnöte in Afrika über die es zu berichten gilt.

Über Afrikas Vielfalt und das Potential von Ländern wie Kenia

Um beim Beispiel Afrika zu bleiben, wäre es zunächst wichtig die Vielfalt dieses Kontinents stückweise zu begreifen. Afrika sollte nicht gänzlich in die Schublade der Hilfsbedürftigkeit geschoben werden. Der Kontinent besteht aus 54 Staaten und kann in verschiedene Regionen unterteilt werden. Eine gängige Unterteilung Afrikas ist die in Subsahara-Afrika und Nordafrika, wobei die Wüste Sahara hier als geografische und klimatische Übergangszone verstanden wird. Alles was südlich der Sahara liegt wird daher als Subsahara-Afrika bezeichnet. Der Großteil der afrikanischen Länder zählt zu diesem Gebiet. Selbstverständlich gibt es aber auch zwischen diesen 49 Ländern,  zum Teil große Unterschiede hinsichtlich Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Politik. Neben Ländern wie Äthiopien, Ghana, Nigeria, Senegal oder Uganda zählt unter anderem auch Kenia zu der Region Subsahara-Afrika. Kenia gehört zu den Ländern, die sich in den letzten Jahren stark entwickelt haben.

Vor allem wirtschaftlich gesehen, ist das Land im Gegensatz zu anderen Ländern in Ostafrika gut aufgestellt und hat Potential weiter zu wachsen. Die Landwirtschaft ist zwar nach wie vor eine wichtige Einnahmequelle, doch vor allem der Dienstleistungssektor und die IT-Branche spielen eine immer größere Rolle. Die Digitalisierung ist daher für Kenia enorm wichtig. Doch nicht nur für die Wirtschaft ist die zunehmende Digitalisierung eine Bereicherung, sondern auch für die Politik. Durch die wachsende Internetnutzung haben Bürger die Möglichkeit sich besser zu informieren. Das politische Mitspracherecht kann durch das Internet verbessert werden, was wiederum zu einer Stabilisierung der Politik beitragen kann. Auch der Bildungssektor profitiert von der Digitalisierung, da der Zugang für Lehrmaterial für Schüler durch das Internet erleichtert werden kann. Laut der Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing der Bundesrepublik Deutschland „Germany Trade & Invest“, hat Afrika generell ein großes Potenzial wenn es um Internetwachstum geht. „Lag die Internetdurchdringung in Afrika 2012 noch bei 16% wird sie bis 2025 auf 50% steigen“, so schreibt die Gesellschaft auf ihrer Webseite.

Konflikte gibt es auf der ganzen Welt, Brennpunkte aber benötigen schnelle Hilfe

Kennen wir nur die Probleme afrikanischer Länder?

Letztendlich müssen wir in Europa begreifen, dass der Kontinent Afrika nicht schläft, nur weil wir womöglich nicht viel über Entwicklungen in der Berichterstattung hören. Möglicherweise müssen wir auch lernen neugierig zu bleiben und uns noch mehr für andere Länder um uns herum zu interessieren, der Digitalisierung sei Dank eigentlich kein Problem. Was wiederum die Hilfsbedürftigkeit Afrikas angeht, so gibt es speziell in Subsahara-Afrika immer noch große Armut, Krisen und Nöte. Unter anderem gibt es nach wie vor Probleme mit der Trinkwasser – und Gesundheitsversorgung der Menschen. Ebenso herrscht noch immer in vielen Gebieten Krieg. Konflikte über Ethnien und Terroranschläge verteilen sich über den ganzen Kontinent. Aufgrund des Flüchtlingsstroms begreifen wir nun auch in Deutschland, dass wir die Augen nicht vor den Problemen in anderen Kontinenten verschließen können. Wir wachsen alle zusammen.

Probleme und Konflikte verteilen sich auf der ganzen Welt, aber es gibt eben auch Brennpunkte, die schnelle und gezielte Unterstützung benötigen. Hier sind Hilfsorganisationen gefragt. Sie leisten eine Menge. Zum einen müssen sie vor Ort herausfinden, welche Hilfe konkret benötigt wird und Hilfskonzepte erstellen. Zum anderen müssen sie in dem Teil der Welt, der nicht von diesen Problemen bedroht ist, potentielle Spender erreichen. Dabei sollten sie aber darauf achten, die vorherrschenden Bedrohungen in dem zu helfenden Land menschenwürdig und authentisch darzustellen. Schließlich sollten nicht auch noch Stereotype bedient werden. Bei der Öffentlichkeitsarbeit von Hilfsorganisationen wird oft mit emotionalen Bildern von leidenden Menschen gearbeitet um wiederum andere helfende Menschen zu erreichen.

Isabel Pfaff

Niko Wald

Wenn wir über Stereotype sprechen, sollten wir auch Hilfsorganisationen nicht in einen Topf schmeißen. Zwei Menschen schon lange mit dem Thema Afrika auseinandersetzen sind Isabel Pfaff und Niko Wald. Sie haben eine klare Haltung gegenüber Hilfsorganisationen und deren Umgang mit emotionalen, teilweise klischeebehafteten Bildern. Durch seine Arbeit bei bekannten NGOs in Deutschland hat Niko Wald bereits Erfahrungen mit der Öffentlichkeitsarbeit von Hilfsorganisationen sammeln können: „Seriöse Organisationen haben auch eine professionelle Bildsprache. Sie stellen die Würde des Menschen in den Mittelpunkt. Seriöse Organisationen tun alles, damit Menschen nicht dauerhaft von Hilfe abhängig sind.“ Auch Isabel Pfaff sieht es durchaus kritisch, dass manche Organisationen mit klischeehaften Bildern arbeiten. Allerdings kennt sie das Problem, mit dem auch Hilfsorganisationen kämpfen. Als Journalistin bei der Süddeutschen Zeitung, berichtet sie oft über Afrika und im Speziellen über Subsahara-Afrika. Ihr liegt der Kontinent am Herzen. Sie stellt dennoch immer wieder fest, dass sich Menschen in Deutschland kaum für Afrikathemen interessieren:

„Das ist ein Problem und das ärgert mich auch, aber ich glaube, man muss trotzdem weiter machen“ (Isabel Pfaff)

Sie erklärt, dass es Hilfsorganisationen womöglich oft ähnlich ergeht, da sie die Menschen hier vor Ort erreichen müssen, um auf Themen und Probleme in Afrika aufmerksam zu machen. Die Redakteurin könne sich daher vorstellen, dass Organisationen manchmal auch auf weniger differenzierte Botschaften zurückgreifen, um überhaupt einen Teil der Bevölkerung in Deutschland zu erreichen. Es stellt sich die Frage, ob die Möglichkeiten des Internets auch für Hilfsorganisationen eine Option sein können, sich und ihre Projekte ausführlicher und offener zu präsentieren? Niko Wald sieht mithilfe des Internets durchaus Chancen für Organisationen ihre Arbeit in mehreren Dimensionen darstellen zu können. „Storytelling ist ein großartiges Instrument, um Spenderinnen und Spender in mehr Facetten zu informieren als das etwa ein Flyer oder ein Plakat könnte. Es ist eine intensivere, authentischere – und aufrichtige – Art, zu vermitteln, um was es geht und warum es wichtig ist, hinzuschauen und Aufmerksamkeit, Zeit und vielleicht auch Geld beizusteuern.“ Es scheint demnach als böte das Internet durchaus Möglichkeiten für Organisationen sich und ihre Projekte transparenter darzustellen. In welchem Maße Hilfsorganisationen diese Option in kommender Zeit auch nutzen werden, bleibt abzuwarten. Möglicherweise besteht auch für den Journalismus die Möglichkeit, eher unliebsame Themen durch Storytelling-Maßnahmen für die Leserschaft interessanter aufzubereiten.

Stereotype können jedoch trotzdem bleiben, da kommt es auf etwas ganz anderes an. Isabel Pfaff sieht es nach wie vor als ihre Aufgabe im Journalismus, Bilder zu brechen ohne dabei die Message aus den Augen zu verlieren:

„Ich will Klischees nicht reproduzieren. Ich will eben gegen solche Bilder arbeiten…“ (Isabel Pfaff)

„Gleichzeitig stehe ich auch oft vor der Situation, dass Dinge, die als Klischee gelten, tatsächlich auch passieren – Kriege, Hungersnöte. Wenn diese Dinge passieren, dann halte ich es schon für meine Pflicht gegenüber den Betroffenen, das auch zu benennen und nicht unter den Teppich zu kehren.“ Es geht also bei der Berichterstattung nicht darum zwanghaft Klischeethemen vom Publikum fernzuhalten nur um Stereotype zu verhindern. Vielmehr geht es um ausgewogene Berichte, welche die Gräuel in anderen Ländern durchaus benennen aber auch Neuigkeiten enthalten, von denen die Leserschaft womöglich noch nicht gehört hat. Für Pfaff bleibt es schwierig, da „das deutsche Publikum oft nur das wahrnimmt, was ohnehin schon seinen Bildern entspricht.“ Dennoch glaubt sie daran, dass man weiterhin ein bisschen gegensteuern muss, um den Menschen auch viel von den positiven Gegebenheiten in den afrikanischen Ländern vermitteln zu können. Der Journalismus trägt daher, ebenso wie die Hilfsorganisationen bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit, die Verantwortung, mit klischeebehafteten Bildern vorsichtig umzugehen. Niko Wald ist bewusst, dass es, was das Bild von Afrika betrifft, leider auch viele negative Beiträge von Hilfsorganisationen gibt. Fairness ist ihm dahingehend besonders wichtig, vor allem bei Bildern: „Fair zum einen gegenüber den Menschen, die auf Fotos oder in Videos zu sehen sind: Sind sie überhaupt gefragt worden, haben sie ihr Einverständnis erklärt und wurde ihnen auch erklärt, was hier in Deutschland mit dem Bild passieren soll? Und fair auch gegenüber den potentiellen Spenderinnen und Spendern:“

„…, dass es wirkliche Bilder aus Projekten sind – und keine Models. Aber auch, dass es Bilder sind, die Menschen nicht emotional unter Druck setzen, wie es zum Beispiel bei vielen Fotos mit Kindern ist.“ (Niko Wald)

Ein Fazit

Was können wir also tun? Erst einmal die Hilfsorganisationen nicht alle unter Generalverdacht stellen. Wir sollten bei den Plakaten am Straßenrand nicht wegschauen, aber wir sollten neugierig bleiben und vielleicht auch mal auf die Webseiten der Organisationen klicken, wenn wir mehr erfahren möchten oder ihnen nicht trauen. Generell würde uns in Deutschland eine Portion Neugier und Weltoffenheit ganz gut tun. Dann könnten Stereotype uns weniger anhaben und engagierte Journalisten, die seit Jahren für Afrikathemen kämpfen, würden zu Recht endlich mehr Interesse und eine größere Leserschaft für ihre Beiträge bekommen.

Gleichberechtigung für türkische Journalistinnen – ein weiter Weg Autorin: Theresa Kienlein

Frauen sind in türkischen Redaktionen unterrepräsentiert, in den Chefetagen kommen sie so gut wie nicht vor. Die Kommunikationswissenschaftlerin Gizem Melek hat mit zehn Journalistinnen Interviews über ihren Alltag geführt. Ihre Aussagen illustrieren die wichtigsten Gründe und zahlreiche Beispiele für Diskriminierung und sexuelle Belästigung von Frauen. Für die Zukunft fordert Melek eine bessere Vernetzung von Universitäten und Medienhäusern, ein Umdenken der Gesellschaft und eine starke Bewegung für Frauen und Frauenrechte in der Türkei.

Die türkischen Medien sind eine nahezu reine Männerdomäne

Laut einer Studie zweier türkischer Journalistinnen sind in der Türkei rund 30 Prozent aller Beschäftigten der Medienbranche weiblich. Dabei variiert der Anteil der beschäftigten Frauen je nach Medium und Art der Position, wie die folgende Tabelle zeigt:

Frauenanteile in türkischen Medienunternehmen - Unterschiede innerhalb der Branche. Quelle: Gizem Melek, eig. Darstellung.
Anteil der beschäftigten FrauenAnteil der beschäftigten Frauen in ManagementpositionenAnteil der weiblichen Chefredakteure
Printmedien19 %12 %4 %
Online-Redaktionen der Zeitungen33 %k.A.17 %
Fernsehanstaltenk.A.10 %k.A.
reine Online-Medien38 %28 %31 %

 

Schlüsselt man die Führungspositionen weiter auf die einzelnen Managementaufgaben auf, so fällt der – im Vergleich gesehen – relativ hohe Frauenanteil von 28,7 Prozent bei den Ressortleitern auf. Ist die Geschlechtergerechtigkeit hier auf einem guten Weg? „Leider nein“, erwidert Melek „weiblich besetzte Bereiche sind Zeitschriften und Lifestyle-Magazine. In Ressorts wie Politik oder Wirtschaft findet man so gut wie keine Frauen, sie stecken in Kunst und Kultur, Gesundheit und bei Bildungsthemen fest. Das zeigt wieder eine andere Form von Sexismus.“ Bei den Themen Sport und Wirtschaft sind allerdings öfter weibliche Moderatoren und Nachrichtensprecher zu sehen. Häufig aber nicht aus dem Blickwinkel der Gendergerechtigkeit, sondern als gezielte Marketingmaßnahme für die überwiegend männliche Zielgruppe, führt Meleks Interviewpartnerin A.I, Journalistin seit neun Jahren, aus: „Women presenters are seen only as a visual material“.

Ein weiteres Problem ist die Hauptstadtberichterstattung aus und in Ankara. Um in der Türkei in eine leitende Medienposition zu kommen, ist Erfahrung in der Hauptstadt ein unbedingtes Muss. „Hier sehen wir erschreckende Zahlen“, so Melek weiter, „bei 17 Zeitungen in Ankara gibt es nur eine weibliche Korrespondentin.“

Diskriminierung und sexuelle Belästigung sind Alltag

Journalistinnen in der Türkei werden oft auf ihr Äußeres reduziert: Sie berichteten in den Interviews von Einkaufs- und Stylingstipps, die sie von ihren Vorgesetzten erhalten haben. Einmal habe sie über ein Bootsunglück mit 37 Toten live berichtet, erzählte eine politische Korrespondentin: „Alles, was meine Chefs interessiert hat, war mein Outfit.“ Eine andere Journalistin berichtet von andauernder sexueller Belästigung durch einen Kollegen am Arbeitsplatz. Als sie ihren Chef auf die Vorfälle ansprach, folgten Unverständnis und keine Reaktion. „Die Türkei tut sich schwer mit der Gleichstellung“, so Melek, „Frauen wissen im Berufsalltag oft nicht, wie sie sich abgrenzen sollen.“

Gesetzliche Lage und Einkommensunterschiede

Auch die offizielle Statistik bestätigt die bisher genannten Zahlen: Im Jahr 2013 waren von insgesamt 14415 akkreditierten Journalisten lediglich 23 Prozent weiblich. Die amtliche Statistik täusche aber, erklärt Misket Dikmen, Präsidentin des Verbands Izmirer Journalisten. „Frauen werden seltener von ihren Arbeitgebern offiziell registriert. Gerade in den ländlichen Gebieten arbeiten sie oft auf Aushilfs- und Voluntärsbasis.“ Weniger Sicherheit, geringeres Einkommen und bei Gehaltsverhandlungen verschobene Blickwinkel: Frauen werden oft schlechter bezahlt mit dem Argument, dass sie ja nur das zweite Einkommen im Haushalt liefern, ihr männlicher Kollege bei gleicher Arbeit eine ganze Familie zu versorgen habe, so die Präsidentin weiter.

Schwierige politische Lage und Attacken von Politikern in Sozialen Netzwerken

Das angespannte politische Klima in der Türkei, die Repressionen gegenüber Medienvertretern und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen tragen außerdem dazu bei, dass die berufliche und soziale Situation von Frauen schwieriger wird. Wenn Entlassungswellen drohen, seien es zuerst die Frauen, denen gekündigt wird. Melek hat seit den Gezi-Protesten 2013 ein weiteres Phänomen beobachtet: Immer öfter werden gezielt einzelne Journalistinnen Opfer von Angriffen in den sozialen Netzen. Hochrangige Politiker und Vertreter der Regierungspartei starten einen breiten Shitstorm gegen Einzelne, darunter bekannte Journalistinnen wie Nuray Mert oder Rengin Arslan.

Gendergerechte Sprache in der Praxis und die Ellbogenmentalität unter Kollegen

Auch im Redaktions- und Arbeitsalltag herrscht ein angespanntes Klima. „Wenn mir als Redakteurin genderdiskriminierende Sprache auffällt, kann ich sie verbessern“, so eine Medienvertreterin, „wenn ich andere auf die Diskriminierungen in ihren Texten hinweise, werde ich meist lächerlich gemacht.“ Eine andere Journalistin, die seit 18 Jahren als politische Korrespondentin arbeitet, berichtet, sie habe Panikattacken, seit sie bei einer Parteiveranstaltung körperlich heftig in der Menge gedrückt und gequetscht worden sei.

Forderungen für die Zukunft

Gendergerechtigkeit und gendergerechte Sprache sind Bestandteil der journalistischen Ausbildung an den Universitäten. Gizem Melek fordert eine Weiterführung der Inhalte und die bessere Vernetzung von Hochschulen und Medieninstitutionen. Außerdem bräuchten Frauen und Frauenrechte mehr Aufmerksamkeit und eine starke, breite Bewegung in der Türkei. Die Gesellschaft müsse umdenken, die Diskriminierungen und Repressionen Frauen gegenüber müssten beendet werden.

Porträt der Wissenschaftlerin Dr. Gizem Melek.

Dr. Gizem Melek

Dr. Gizem Melek ist eine türkische Kommunikationswissenschaftlerin, die seit 2011 an der Yasar Universität in Izmir (Türkei) am Institut für Radio, Fernsehen und Kino lehrt und forscht. Nach Stationen an der Universität Westminster in London und der Ägäis Universität in Izmir hat sie 2015 ihre Promotion mit dem Titel „A Study on Hürriyet and Twitter within the Framework of Intermedia Agenda-Setting“ abgeschlossen. Neben der akademischen Arbeit hat sie sechs Jahre Erfahrung im Journalismus, unter anderem als Korrespondentin des türkischen Fernsehsenders NTV und des Londoner Fernsehens ITV. Aktuell beschäftigt sie sich vor allen mit den Themenschwerpunkten Social Media im Bezug auf Twitter und Agenda-Setting sowie mit Fragen der Medienfreiheit und Medienethik.

Dr. Gizem Melek auf Twitter folgen: @Gizem_Melek

 

Mehr zu Thema Gender und Media in der Türkei:

 

Der deutsche Blick auf die Türkei Autor: Yannic Kollum

Sich selbst ein Bild zu machen wäre natürlich die beste Variante. Da dies aber nur in den wenigsten Fällen möglich ist, greift man in der Regel auf Medien zurück. Zwar wird der Blick auf andere Länder dadurch gefiltert, doch erhält man durch die Perspektiven und die Expertise der Berichterstatter auch Informationen, die einem selbst verwehrt geblieben wären. Luisa Seeling, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Bereich Außenpolitik, beantwortet einige Fragen zum Thema Gender in der Türkei sowie zur deutschen Berichterstattung.

 

Berichtet eine Frau anders über die Türkei als ein Mann?

Ich glaube nicht, dass das Geschlecht hierbei eine Rolle spielt. Vor ein paar Monaten hat ein SZ-Kollege einen Text über die Proteste nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan und über das Gewaltproblem in der Türkei geschrieben. Es war ein guter Text, und wenn der Name des Autors nicht über dem Artikel gestanden hätte, wäre wohl nicht spürbar gewesen, dass da ein Mann schreibt.

Welche Rolle spielen Gender-Themen in der Berichterstattung?

Die Medien berichten immer mal wieder über „Frauen in der Türkei“, aber – etwas salopp ausgedrückt – meist entweder als Ausnahme oder als Opfer. Wenn eine Türkin einen einflussreichen politischen Posten bekleidet, schreiben wir darüber, weil wir es überraschend finden. Und wenn es ein brutales Verbrechen gibt, wenn es also um Gewalt gegen Frauen geht, berichten wir auch, wie über den Mord an Özgecan Aslan. Das ist auch richtig so, weil wir Missstände thematisieren müssen. Trotzdem wäre natürlich schön, wenn es irgendwann keiner besonderen Erwähnung mehr bedürfte, dass eine Frau Ministerin, Bürgermeisterin oder Konzernchefin wird. Ich finde außerdem, dass wir uns noch mehr mit alltäglichen Gesellschaftsthemen befassen könnten: Wie organisieren türkische Paare die Kinderbetreuung? Welche Angebote der Familienplanung gibt es? Was bedeutet es in der Türkei, wenn die Großeltern oder Urgroßeltern pflegebedürftig werden? Denn all das betrifft ja ganz unmittelbar das Leben der Frauen.

Viele Menschen haben ein Bild im Kopf von türkischen Frauen, die sich unterordnen. Woher kommt das?

Ich persönlich habe dieses Bild nicht. Dafür kenne ich zu viele Frauen in der Türkei, die tolle Karrieren machen, die sich für ihre Rechte einsetzen und den Mund aufmachen, wenn ihnen etwas nicht passt. Wenn Recep Tayyip Erdoğan Frauen dazu auffordert, mindestens drei Kinder zu bekommen, oder das Abtreibungsrecht verschärfen will, gehen Tausende auf die Straße, um zu protestieren. Ich kenne übrigens auch türkische Männer, die ihre Frauen unterstützen und stolz auf deren Karriere sind.

Man kann also nicht pauschal sagen, dass sich Frauen in der Türkei unterordnen. Trotzdem sind natürlich die patriarchalischen Strukturen allgegenwärtig, es gibt ein großes Gleichberechtigungsproblem. In der Politik und allgemein auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen unterrepräsentiert. Die AKP-Regierung zeigt wenig Interesse daran, das zu ändern. Sie vertritt ein konservatives Frauenbild, Frauen sollen sittsam, folgsam, mütterlich sein. Hinzu kommt ein massives Gewaltproblem – häusliche Gewalt, immer wieder auch furchtbare Morde. Das allerdings ist nicht erst mit der AKP über die Türkei gekommen. Dieses Problem ist viel älter, da haben auch frühere, säkular-kemalistische Regierungen versagt.

Ist Gewalt gegen Frauen eine Frage des sozialen Milieus?

Auch, ja. Frauen in den ärmeren, bildungsferneren Schichten sind oft schlechter ausgebildet, sie haben keinen Beruf, sind ökonomisch abhängig – ihnen fehlt oft das Handwerkzeug, um sich gegen das patriarchalische System zur Wehr zu setzen. Trotzdem muss man aufpassen, dass man nicht die einfache Gleichung aufmacht: südostanatolisch und fromm – also frauenfeindlich. Geschlechterkonservative Positionen gibt es in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus, nicht nur im ländlichen Südosten. Hinzu kommt, dass die Frauenbewegung in sich gespalten ist: Stramm säkular-kemalistische Frauenrechtlerinnen haben für Kopftuchträgerinnen oft nur Verachtung übrig. Diese Spaltung schwächt die türkische Frauenbewegung.

Kann ein deutscher Journalist mit seiner westlich-liberalen Brille überhaupt die Gender-Situation in der Türkei objektiv abbilden?

Objektiv ist man nie. Jeder hat einen kulturellen Kontext und eine eingefärbte Sicht auf die Dinge. Das ist normal, unvermeidbar und, solange man sich dessen bewusst ist, auch erlaubt. Ich finde auch nicht, dass man sich von demokratischen Maßstäben verabschieden sollte, nur weil man über ein Land schreibt, in dem Politik anders funktioniert als in unseren liberalen europäischen Demokratien. Der Rest ist journalistisches Handwerk: Nachricht und Meinung trennen, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lassen.

Das eigentliche Problem, das Sie mit der Frage ansprechen, ist das des Zugangs. Als ausländischer Journalist hat man in der Regel viele liberale, progressive Freunde und Ansprechpartner, sie leben in Istanbul oder Izmir, arbeiten an der Uni, in der Werbebranche, in den Medien, sind meist nicht übermäßig religiös. Oft wählen sie die Mitte-Links-Partei CHP; AKP-Wähler oder Anhänger der nationalistischen MHP sind in den Freundeskreisen ausländischer Journalisten deutlich seltener. Es ist manchmal schwierig, aus dieser Blase herauszukommen und sich Zugang zu anderen Teilen der Gesellschaft zu verschaffen. Wenn das nicht gelingt, denkt man irgendwann, das ganze Land bestehe aus Erdoğan-Kritikern – und wundert sich sehr, wenn die AKP dann doch die Wahl haushoch gewinnt. Ich finde aber, dass die meisten deutschen Kollegen, die aus der Türkei berichten, sehr ausgewogen und differenziert arbeiten.

Gibt es in Teilen der türkischen Gesellschaft Vorbehalte gegenüber der Berichterstattung westlicher Journalisten – vor allem, wenn es um Gender-Themen geht? Erschwert das die Recherche?

Ich habe in dieser Richtung noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es nicht auf große Begeisterung stößt, wenn man einem konservativen Familienoberhaupt Vorträge darüber hält, wie er seine Frau zu behandeln hat. Ein bisschen Fingerspitzengefühl ist bei der Recherche sicher hilfreich.

Generell ist mein Eindruck, dass sich vor allem AKP-Leute von westlichen Journalisten missverstanden und ungerecht behandelt fühlen, weil die Berichterstattung über die AKP in den vergangenen Jahren immer kritischer geworden ist. Zu Recht, wie ich finde; die türkische Regierung schränkt die demokratischen Freiheiten immer hemmungsloser ein. Darüber muss man schreiben.

Spielt das Thema Geschlechtergleichheit in der Türkei zurzeit überhaupt eine Rolle in den Medien angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen?

In der Tat steht das Thema im Moment nicht ganz oben auf der Agenda. Einfach deshalb, weil in der Türkei in den vergangenen Monaten so wahnsinnig viel passiert ist: Der Konflikt des türkischen Staats mit den Kurden ist wieder ausgebrochen, die Friedensgespräche sind beendet worden. Es gab blutige Anschläge, die Situation an der syrischen Grenze ist angespannt, das Elend der Flüchtlinge nimmt zu; und dann gab es auch noch zwei Parlamentswahlen in diesem Jahr mit extrem polarisierten Wahlkämpfen.

Trotzdem: Immer dann, wenn etwas geschieht, etwa der Mord an der Studentin im Frühjahr 2015, werden die Frauen – und auch einige Männer – wahnsinnig wütend. Dann kocht eine richtige Welle hoch, es gibt Demonstrationen und es wird sehr viel berichtet, in türkischen Medien und im Ausland. Anders als früher diskutiert die Öffentlichkeit über die Situation von Frauen, das ist ein Fortschritt. Ich habe also durchaus den Eindruck, dass sich etwas tut. Das Bewusstsein für die Probleme ist größer geworden. Doch der Kampf für Frauenrechte und gegen die Gewalt bleibt mühsam, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eine konservative Gegenbewegung gibt. Wie sich die Situation von Frauen in den nächsten Jahren entwickelt, wird ganz stark davon abhängen, wie sich die türkische Demokratie insgesamt entwickelt. Zurzeit sieht es nicht gerade rosig aus.

 

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

 

Luisa Seeling

Luisa Seeling ist Journalistin der Süddeutschen Zeitung im Ressort Außenpolitik und beschäftigt sich überwiegend mit dem Themenkomplex Türkei. Im Laufe ihres Studiums, das einen Bachelorabschluss in Europäischen Studien an der Universität Maastricht sowie einen Masterabschluss in Internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin umfasste, entwickelte sich bei ihr der Gedanke, als Journalistin tätig zu werden. Ein Auslandssemester an der Doğuş Universität in Istanbul, das sie im Rahmen ihres Bachelorstudiums absolvierte, weckte ihr Interesse an der im gesellschaftlichen Wandel begriffenen Türkei. Nach diversen journalistischen Tätigkeiten wurde sie 2012 Stipendiatin des Johannes-Rau-Stipendiums der Internationalen Journalisten Programme (IJP), wodurch sie zwei Monate bei der türkischen liberalen Tageszeitung Radikal Gazetesi in Istanbul verbrachte. Sie machte Erfahrungen als Auslandskorrespondentin und konnte durch Recherchen vor Ort (*) ihre Türkei-Expertise noch weiter vertiefen. Ihre Laufbahn bei der SZ begann Luisa Seeling 2013 mit einem Volontariat, Mitte 2015 wurde sie feste Mitarbeiterin der außenpolitischen Redaktion mit dem Schwerpunkt türkische Politik und Gesellschaft.

* Die Ergebnisse ihrer Recherchen in Istanbul finden sich beispielsweise in dem gemeinsam mit Özlem Topçu geschriebenen Text „Verachtung von gestern“ wieder, der 2013 in der ZEIT veröffentlicht wurde.

Internationale Journalisten Programme & Stipendien

An der Wurzel der Korrektur von Bildern steht das Begegnen – egal ob persönlich oder seitens des Berichterstatters. Exakt jener Notwendigkeit, die zu einer besseren Auslandsberichterstattung in Deutschland führen soll, hat sich Internationale Journalisten Programme e.V. verschrieben.

Jedes Jahr bieten die IJP jungen, aufstrebenden Journalisten die Möglichkeit, an internationalen Austauschprogrammen von Medien und Meinungsmachern teilzunehmen. Im Rahmen von journalistischen Stipendien ermöglicht der gemeinnützige Verein die professionelle Begegnung mit anderen Kulturen in weltweit über 40 Staaten, wie beispielsweise der Türkei oder Nationen im südlichen Afrika. Den Teilnehmern eröffnet sich die Gelegenheit, vor Ort ausgiebige Recherchen durchzuführen bzw. allgemein die Kenntnis über Kultur und Land sowie das eigene Netzwerk um internationale Kontakte zu erweitern. Über einen Zeitraum von zwei Monaten arbeiten die Stipendiaten sowohl als Gastredakteure in den ausländischen Redaktionen als auch als Korrespondenten für die jeweiligen Heimatmedien. Der Austausch erfolgt dabei bilateral; geht etwa eine deutsche Stipendiatin in die Türkei, so kommt eine Kollegin oder ein Kollege von dort zu einem deutschen Medium.

Weitere Informationen unter:
http://www.ijp.org/ – Offizielle Homepage der Internationale Journalisten Programme e.V.

Medienalltag in der Türkei: Genderaspekte und Pressefreiheit Autoren: Yannic Kollum, Theresa Kienlein

‚Frauen tragen Kopftuch, haben nichts zu sagen und haben keine gesellschaftlich relevanten Funktionen‘. So kann man das Stereotyp überspitzt auf den Punkt bringen, wenn man sich mit der Außensicht von Gendergerechtigkeit in der Türkei beschäftigt. Ebenso verhält es sich, versucht man, die Rolle von Frauen im türkischen Mediensystem zu benennen. Die vier Türkei-Expertinnen der Bildkorrekturen 2015 räumen mit einigen Vorurteilen auf, bestärken andere und zeigen vor allem ein komplexes Gesamtbild der Rolle der Frauen im türkischen Mediensystem. Ein Bild, das sich am Ende eher auf diese beiden Kernsätze reduzieren lässt: „Journalism in Turkey is a hard job and women have even more problems“, so Dr. Gizem Melek und Sevgi Akarçeşme ergänzt: „At the moment it’s almost luxury to talk about gender issues in Turkish media system.“

Eine türkische Chefredakteurin – theoretisch ja, praktisch auch?

Theoretisch gibt es Arbeitsschutzgesetze für Journalisten, Gesetze zur Medienfreiheit und Bestimmungen zum Schutz vor Geschlechterdiskriminierung. In der Realität sind rund 70 Prozent der Journalisten männlich, in den Management-Positionen der Medienanstalten und privaten Mediendienstleister über 90 Prozent. In der Theorie werden alle Journalisten laut Gesetz Nr. 212 registriert, fallen so beispielsweise unter Arbeitsschutzregelungen. In der Praxis werden weniger Frauen als Männer unter diesem Gesetz akkreditiert und arbeiten – gemessen an ihren männlichen Kollegen – überdurchschnittlich häufig in prekären Arbeitsverhältnissen.

Bewegung in der türkischen Öffentlichkeit?

Auf Fragen nach organisierten Bewegungen zur Stärkung der Rechte der Frauen, aktuellen gesellschaftlichen Debatten oder dem Bild der Frau in den Medien selbst fanden Melek und ihre deutsche Kollegin, Dr. Elinor Morack ebenso deutliche Worte. Es gibt im ganzen Land immer wieder Gruppen von Frauen und Männern, die sich für Gleichberechtigung und eine Verbesserung der aktuellen Situation stark machen, allerdings ist die Berichterstattung bisher auf wenige Leuchtturmprojekte, wie das Engagement von Frauen rund um die Gezi-Proteste 2013, beschränkt. Eine breitere Berichterstattung finde im Moment (noch) nicht statt, so sind sich die Expertinnen einig. Außerdem werden an Frauen und Männer unterschiedliche moralische Maßstäbe angelegt, beispielsweise unterscheidet sich die Berichterstattung über Gewaltverbrechen in der moralischen Bewertung erheblich, je nachdem, ob die Täter männlich oder weiblich sind. Weitere Probleme sind TV-Serien und andere populäre Formate, die ein überholtes Frauenbild vermitteln, sowie die Tatsache, dass Frauen in der Medienberichterstattung kaum als selbständig Handelnde vorkommen und so zu reinen Objekten degradiert werden.

Kritische Sicht auf die Regierungspartei

Von den Referentinnen besonders kritisch betrachtet wird die Rolle der Regierungspartei in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte um die Rolle der Frau und die der freien Presse. Öffentlich rufen Mitglieder der AKP zu Shitstorms gegen unbequeme Journalisten auf und es bleibt auch nicht nur bei Drohungen. „Journalism is not only being targeted, it is being killed in Turkey“, kommentiert Akarçeşme. Authentischer könnte eine derartige Aussage kaum sein, zieht man in Betracht, dass Sevgi Akarçeşme selbst mit einer vom türkischen Premierminister eingereichten Klage konfrontiert sieht. In Deutschland könne sie frei reden, betont Akarçeşme, was sie jedoch bei der Rückkehr in die Türkei erwarte, bleibe abzuwarten (s. NACHTRAG). Längst ist sie nicht die Einzige, die mit diesem Klima der Angst zurechtkommen muss – gegenüber Anschuldigungen unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung, die regelmäßig zu Redaktionsdurchsuchungen, -räumungen sowie zu Verhaftungen führen, sind kritische Medienmacher egal welchen Geschlechts nahezu wehrlos.

Pressefreiheit als Grundlage hat Priorität

Angesichts derartiger Aussagen ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich die mediale Aufmerksamkeit auf andere Probleme als die Rolle der Frau gerichtet ist. Sicher schwele das Genderthema im Untergrund und blinke in der Medienberichterstattung hier und dort auf, erklärt die SZ-Redakteurin Luisa Seeling, dennoch stehe Geschlechtergleichheit anhand einer Vielzahl anderweitiger gesellschaftlicher Entwicklungen gerade nicht an der Spitze der Medienagenda. Die Pressefreiheit und ihre Bedrohung sind als Problematik derart grundlegend, dass das Genderthema in den Hintergrund rückt – dies selbst auf einer Tagung, die sich explizit diesem Gegenstand verschrieben hat.

 

----- NACHTRAG -----
Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Dramatische Entwicklung: Journalistin und Türkei-Panelistin Sevgi Akarçeşme von Gericht wegen angeblicher Beleidigung des türkischen Premierministers verurteilt

Bereits auf der Tagung hatte Frau Sevgi Akarçeşme Bedenken, über das, was sie zurück in der Türkei erwartet, mitgeteilt. Knapp zwei Wochen nach den Bildkorrekturen in Leipzig vom 26. bis 28.11.2015 wurde sie in der Türkei zu einem Jahr und fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Vorgeblich habe sie den türkischen Premierministers über Twitter beleidigt, wobei sich die Argumentation der Klägerschaft auf einen von einem anderen Twitter-Nutzer verfassten Kommentar unter Akarçeşmes kritischem Tweet bezieht, mit dessen Urheberschaft sie nichts zu tun hat. Während Akarçesme Davutoğlu beschuldigt, die Pressefreiheit zu eliminieren, betitelt der Folgetweet den Premier mit dem Wort „Liar“, was als Aufhänger für die Klage verwendet wird. Die Haftstrafe ist unter Strafaussetzung auf fünf Jahre ausgesetzt. Dies bedeutet, dass sie bei guter Haltung bzw. nicht eintretender Wiederholung des Klagegrundes einerseits zwar die Haftstrafe umgehen kann, andererseits jedoch in ihrer journalistischen Arbeit in dieser Zeit überaus vorsichtig – um nicht zu sagen ‚zahm‘ – sein muss. So wird ihr durch das Urteil praktisch ein publizistischer Maulkorb umgehängt.

Angesichts dieser tragischen Entwicklung wünschen wir Frau Akarçeşme viel Kraft und Standhaftigkeit – auf dass ihr Engagement und ihre kritische Haltung in der Zukunft nicht erneut gegen sie verwendet werden.

Artikel zur Verurteilung unter: http://www.todayszaman.com/national_todays-zaman-journalists-given-suspended-jail-sentences-for-insulting-pm_406558.html

 

„Entweder wir schweigen oder wir retten die Welt“ – Im Gespräch mit Diane Nininahazwe Autorin: Nadine Dinkel

Im Panel zu Burundi sitzt mir die 26-jährige Radiojournalistin Diane Nininahazwe gegenüber. Sie wirkt angespannt und ernst. Wir sehen uns kurze Videosequenzen vom Wahltag in Bujumbura und der Situation von Journalisten in Burundi an. Als Diane die gewaltbeherrschten Bilder aus ihrer Heimat sieht, ist sie sehr bewegt. „Die burundische Regierung tötet Menschen, sie respektiert ihre Rechte nicht.“ Nach politischen Unruhen wurden 2015 alle privaten Radiostationen im Land geschlossen oder zerstört. Pressefreiheit? Die gibt es nicht mehr. Immer mehr burundische Journalisten sind gezwungen, das Land zu verlassen. Obwohl der Radiosender, für den Diane arbeitet, am 14. Mai 2015 geschlossen wird, entscheidet sie sich zu bleiben und weiterhin zu berichten. Immer wieder wird sie von Freunden und ihrer Familie gefragt: „Bist du verrückt, das zu machen?“ Doch für Diane als Journalistin gibt es nur zwei Möglichkeiten: „Entweder wir schweigen und lassen die Bevölkerung im Stich oder wir reden und riskieren zu sterben.“

 

„Wir sollten unsere Mikrofone dazu nutzen, die Welt zu verändern“

Als burundische Journalistin verdient Diane weniger als 100 Dollar im Monat. ‚Journalistin sein‘ ist für sie nicht nur ein Beruf, es ist ihre Berufung, ihre Leidenschaft. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Ich als Journalistin habe die Möglichkeit dazu.“ Medien haben für sie vor allem die Aufgabe, der Bevölkerung eine Stimme zu verleihen und die Regierung zu kritisieren: „Wir Journalisten sind die vierte Gewalt, wer, wenn nicht wir, soll die Gesellschaft verändern?“ Viele zu Unrecht inhaftierte Burundier, darunter auch Journalisten, wurden durch den Druck der Medien wieder frei gelassen. Jetzt stehen die Medien selbst im Visier der Regierung.

 

„Journalisten sind nationale Helden“

Die burundische Bevölkerung schätzt Journalisten, die über Konflikte berichten. „Journalisten sind sehr anerkannt, Ihnen kommt viel Dank zu.“ Dennoch ist es oft schwierig und gefährlich. Burundi ist ein kleines Land, jeder kennt jeden. „Es ist nicht möglich, als Journalist unauffällig unterwegs zu sein. Oft wird man auf der Straße angesprochen: Darüber hättest du nicht berichten sollen!“

 

„Ich mochte das Mikrofon“

Dianes Eltern haben ihren Wunsch, als Journalistin zu arbeiten, immer unterstützt. „Als ich zwölf Jahre alt war, beschloss ich, Journalistin zu werden. Ich mochte das Mikrofon und wollte Sendungen für Kinder machen, den Kindern einen Stimme geben.“ Mit 16 Jahren machte Diane ein dreijähriges Volontariat bei Radio ijwi ry’amahoro („Voice of Peace“), einem katholischen Sender. Später hat Diane an der Universität Kommunikation für Entwicklung studiert. „Mit Journalismus hat das nicht viel zu tun. Journalismus kann man in Burundi nicht studieren. Viele große Journalisten haben überhaupt nicht studiert. Die meisten seien Journalisten aus Leidenschaft und lernten in der Praxis.“

 

Das Geschlecht spielt (k)eine Rolle

„In Burundi sind alle Journalisten gleich. Du wirst bedroht, weil du Journalist bist, nicht weil du eine Frau bist.“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es trotzdem. „Weibliche Journalisten sind vom Schicksal Einzelner oft stärker berührt als ihre männlichen Kollegen. Journalistinnen setzen sich außerdem mit anderen Themen auseinander. Da die Entscheidungsfindung in Medienunternehmen aber überwiegend bei Männern liegt, bekommen diese Themen dann oft wenig Platz im Programm.“

 

Aufgeben ist keine Option

Am 24. Juni 2015 ändert sich Dianes Leben schlagartig. Sie wird bedroht, eine Granate explodiert auf ihrem Grundstück. Sie ist nicht zuhause und überlebt. Ihr Mutter fleht: Wann hörst du endlich mit deiner Arbeit als Journalistin auf? Doch Diane kann und will nicht aufhören. Zunächst versteckt sie sich und schläft jede Nacht woanders, dann flieht sie in das Nachbarland Ruanda. Zum Zeitpunkt unseres Interviews lebt Diane dank der Unterstützung des Auszeit-Stipendiums in Berlin. Informationen über die aktuelle Situation in Burundi bekommt Diane via Internet, Whats App und Facebook. „Meine Kollegen senden Informationen aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, und verbreiten diese über Social Media.“

 

„Burundi ist ein Schatz, ein kleiner Schatz“

Auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie eines Tages zurück nach Burundi könnte, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich bin und bleibe Journalistin. Meine Aufgabe als Journalistin ist es zu zeigen, dass wir die Gesellschaft verändern können.“ Diane musste ihre Heimat Burundi im Sommer 2015 verlassen, in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Ein halbes Jahr lang findet sie Zuflucht in Berlin. Mit Ende des Stipendiums kehrt sie Ende Januar 2016 wieder nach Ruanda zurück, um dort Schutz zu suchen. Wann und ob sie nach Burundi zurückkehren kann, ist nicht absehbar. Dianes Wunsch ist es, eines Tages in ein friedliches Burundi zurückzukehren.

 

„In Burundi gibt es keine Züge“

Unser Interview findet größtenteils auf dem Weg zum Leipziger Bahnhof statt. Diane ist aufgeregt und erklärt mir, dass sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben Zug gefahren sei. In Burundi gibt es keine Züge. Ich warte noch eine Stunde mit ihr am Bahnhof. Wir sprechen über alltägliche Dinge, wie es ihr in Berlin gefällt und ob sie schon andere Städte in Deutschland gesehen hat. Sie mag deutsches Bier und hat noch nie Glühwein getrunken. Zum ersten Mal seit vier Stunden wirkt sie etwas entspannt. Sie lächelt und erzählt ein wenig von ihrer Heimat Burundi, davon, wie sie früher einmal war.

SOS Médias Burundi

Die Pressefreiheit der burundischen Medien hat 2015 erhebliche Einschnitte erfahren. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Eine Gruppe burundischer Journalisten lässt sich nicht einfach stumm schalten. SOS Médias Burundi nutzt die sozialen Medien und informiert via Soundcloud, Twitter und Facebook die burundische Bevölkerung über die Geschehnisse vor Ort.