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Journafrica: Afrika ist anders, als wir denken Wer berichtet schon von kenianischen Graffiti-Künstlern? Das Online-Magazin „Journafrica“ tut genau das.

Die Artikel auf www.Journafrica.de stammen von afrikanischen Journalisten und berichten vom Leben abseits der Kriege und Krisen des Kontinents. Die Redaktion in Deutschland prüft und übersetzt die Texte. Ein Gespräch mit „Journafrica“-Mitbegründer Philipp Lemmerich.

„Journafrica“-Gründer Lemmerich: „Der Eindruck von unseren Artikeln ist hip, cool, urban und yeah!“

„Journafrica“-Gründer Lemmerich: „Der Eindruck von unseren Artikeln ist hip, cool, urban und yeah!“

Philipp Lemmerich, Sie geben ein Online-Magazin über Afrika heraus. Mit Krisen beschäftigen sich die Artikel aber meist nicht. Was haben Sie gegen harte Themen?
Lemmerich: Ich habe den Eindruck, die meisten Berichte über Afrika handeln von den drei großen „K“s: Kriege, Krisen, Katastrophen. Aber die Bilder, die das in unserem Kopf hinterlässt, entsprechen nicht den Bildern vor Ort. Eine Geschichte über eine Krise ist vielleicht nur eine von Hunderttausend Geschichten, die sich in Afrika abspielen. Von denen wollen wir erzählen.

Hat das überhaupt Nachrichtenwert?
Einen klassischen Nachrichtenwert haben die wenigsten unserer Geschichten. Aber ich glaube, Auslandsjournalismus sollte nicht nur Nachrichten vermitteln. Es geht darum, andere Länder zu zeigen, und zwar aus mehreren Perspektiven. Wenn ich als großes Nachrichtenportal aber nur einmal im Jahr über Swasiland berichte, vermittle ich ein einseitiges Bild. Vor allem wenn dieser eine Artikel dann nur von Armut handelt.

„Fakt ist, die meisten von uns interessieren sich nicht die Bohne für Afrika“. Das haben Sie in ihrem Vortrag bei der Konferenz „Bildkorrekturen“ gesagt. Kann das ein Artikel über Hip-Hop aus Swasiland ändern?
Ja, ich denke schon. Ich finde, man erreicht die Leute durch niedrigschwellige Geschichten. Wir Akademiker denken da vielleicht zu oft auf der Meta-Ebene. Wenn jemand in Deutschland Bock auf Hip Hop hat und durch den Artikel herausfindet, dass es in afrikanischen Ländern auch Hip Hop gibt, dann wird er sich auf diesem Weg für Afrika interessieren.

Die meisten Ihrer Themen sind urban, kreativ, liberal. Für die konservative Landbevölkerung interessieren Sie sich also nicht?
Stimmt schon, der Eindruck von unseren Artikeln ist hip, cool, urban und „yeah!“. Und das soll so sein. Als wir in den ersten Monaten gemischte Themen hatten, haben sich die Leser beschwert und gesagt: Solche Artikel kennen wir schon. Die Berichte in unserem Magazin sind nicht ausgewogen, weil wir bewusst ein Gegengewicht zur allgemeinen Berichterstattung suchen.

Wer liest eigentlich „Journafrica“?
Noch sind unsere Leser vor allem junge Leute mit akademischem Hintergrund und Afrika-Bezug. Zugegeben: Damit bewegen wir uns in einer eigenen Blase. Unser größter Gewinn wäre eine regelmäßige Zusammenarbeit mit großen Medien in Deutschland. Wie das genau aussehen soll, weiß ich noch nicht – ich könnte mir zum Beispiel eine Kolumne im Politikteil einer überregionalen Tageszeitung vorstellen.

Woher wissen Sie, dass Ihre Autoren unabhängig sind? Die Artikel stammen von afrikanischen Journalisten vor Ort, an der Recherche sind Sie in Deutschland nicht beteiligt.
Wir sind ein Team von zehn Leuten und prüfen alle eingereichten Artikel. Außerdem checken wir die Identität von jedem unserer Mitarbeiter. Die meisten, die für uns schreiben, haben schon vorher im Netz veröffentlicht. Da kann man sich schon ein Bild machen. Wenn in den Artikeln politische Meinungen deutlich werden, kennzeichnen wir das als Kommentar.

Sie etikettieren also Berichte Ihrer Autoren zu Kommentaren um?
Ja, das kommt manchmal vor. Ich habe den Eindruck, dass in einigen afrikanischen Ländern die Trennung von Nachricht und Kommentar nicht so wichtig ist wie bei uns. Die Autoren drücken Werturteile und ihr subjektives Empfinden viel offener aus. Manchmal streichen wir in Reportagen auch die Abschnitte, die eine Meinung beinhalten, und geben den Journalisten ein entsprechendes Feedback.

Haben Ihre Autoren schon Probleme mit ihren Regierungen bekommen?
Ja, auch wenn die meisten unserer Artikel nicht besonders politisch sind. Einer unserer Journalisten aus Burundi schreibt beispielsweise nur unter Pseudonym. Ein anderer Autor ist vor Kurzem nach Belgien geflohen, er wurde zuhause vors Justizministerium zitiert.

Stichwort Selbstzensur: Wirkt bei Ihren Autoren die sprichwörtliche Schere im Kopf?
Das weiß nicht.

Vor der Gründung von „Journafrica“ haben Sie selbst einige Monate in Togo Radio gemacht. Worüber haben Sie da berichtet?
Ich war sehr blauäugig. Ich habe aus einem damals noch akademischen Kontext über Mülltrennung und Umweltschutz berichtet. Die Leute vor Ort dachten sich wohl: Aha, da spricht wieder der weiße Mann, der alles besser weiß. Es war einfach eurozentristisch und ich habe mich überfordert gefühlt. Obwohl ich schon eine Weile dort war, hatte ich einfach nicht gelernt, wie es in Togo läuft. Vielleicht bleibt man als Europäer eben doch immer ein Tourist.

INFOBOX

Im Netz ist „Journafrica“ unter www.Journafrica.de zu finden, sowie auf Facebook (www.facebook.com/Journafrica) und Twitter (twitter.com/Journafrica).

Die Texte stammen von Journalisten aus 25 afrikanischen Ländern. Ein Schwerpunkt liegt in Ost- und Westafrika, Artikel aus Nordafrika gibt es derzeit nicht.

Das Team von „Journafrica“ besteht aus etwa zehn Leuten. Sie pflegen die Website, übersetzen und redigieren die Texte und entscheiden über die Themenvorschläge der Autoren.

Finanziert wird das Online-Magazin durch Fördergelder und Spenden. Die freien Autoren werden für jeden Artikel bezahlt. In einer Crowdfunding-Kampagne haben die Macher Geld gesammelt, um das Projekt im Jahr 2016 fortzusetzen.

ZUR PERSON

Philipp Lemmerich hat in Kiel und Leipzig Politikwissenschaft studiert. Er lebt als freier Journalist in Berlin und leitet das Online-Magazin „Journafrica“.

Afrika – Der vergessene Kontinent? Autorin: Nadine Dinkel

Burundi? Wo genau liegt das überhaupt? In den deutschen Medien liest man kaum etwas über den Staat, in dem zehn Millionen Menschen leben. Zumindest gab es im Jahr 2014 fast keine Berichterstattung über den zentralafrikanischen Staat. Warum? Sicherlich nicht, weil dort nichts Berichtenswertes passierte. Vielmehr interessiert sich der durchschnittliche Leser, Zuschauer oder User einfach nicht sonderlich dafür. Das wiederum liegt auch daran, dass die Medien demjenigen, der sich für die Geschehnisse in Afrika interessiert, kaum Informationen bieten. Das Interesse an einem Thema wächst meist erst dann (auf Seiten des Lesers, wie auch in den Medien), wenn es Auswirkungen auf Europa, Deutschland oder das eigene Leben hat. So etwa bei der aktuellen Flüchtingskrise. Es mag hart klingen, ist aber so. Oder wann haben Sie das letzte Mal einen Artikel über Geschehnisse in Afrika gelesen? Moment, ist zwar schon beinahe zwei Jahre her, aber zur Ebola-Krise haben Sie viel gelesen. Stimmt, hat aber nichts mit Burundi zu tun.

Ihr Interesse ist geweckt und Sie möchten sich über Burundi informieren? Das könnte schwierig werden – zumindest, wenn Sie mehr interessiert, als die momentan prekäre politische Lage in dem zentralafrikanischen Staat. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass viele Medien keine Auslandskorrespondenten in Afrika haben. Gerade einmal 20 feste Korrespondenten deutscher Medien für den gesamten afrikanischen Kontinent. Keine personellen Ressourcen, keine Informationen, keine Nachrichten über Afrika. So einfach ist das.

Ist es nicht. Denn plötzlich tut sich etwas in Burundi… eine verfassungswidrige dritte Amtszeit des Präsidenten, ein gescheiterter Putschversuch, gewalttätige Ausschreitungen, Kritiker werden bedroht und angegriffen, Menschen fliehen, Menschen sterben. 2015 taucht Burundi wieder in den deutschen Medien auf – wenn auch spärlich und mit überwiegend negativen Berichten. Afrika, der K-Kontinent. K wie Kriege, Krisen, Katastrophen.

Und schon wird die nächste Kritik laut, es werde immer nur negativ über Afrika berichtet. Doch lässt sich ein derart schreckliches Bild, wie das der aktuellen politischen Situation in Burundi „korrigieren“ oder spiegelt es nicht vielmehr die traurige Realität wider? Die politische Lage in Burundi ist prekär, die Spannungen nehmen zu. Die Vereinten Nationen sprechen von einem bevorstehenden Völkermord. „Auf den ersten Blick scheint die Berichterstattung übertrieben und auf das Negative fokussiert. Es scheint, als würden sich die Probleme binnen weniger Monate wieder legen. Aber die Gefahr eines Genozids ist real, es muss gehandelt werden“, sagt die burundische Radiojournalistin Diane Nininahazwe.

Es gibt Bilder, die sich nicht „korrigieren“ lassen. Doch wir als Journalisten haben die Möglichkeit, andere Blickwinkel einzunehmen, Betroffene zu Wort kommen zu lassen oder das Afrika fernab der Kriege, Konflikte und Katastrophen zu zeigen. Und wenn das alles nicht möglich ist, dann schaffen wir es vielleicht zumindest, unsere Leser, Zuschauer oder User für bestimmte Themen zu sensibilisieren.

 

Wie sieht gute Berichterstattung über Afrika aus? – Zwei gelungene Projekte:

JournAfrica! ist eine Internetplattform für Journalismus aus Afrika über Afrika – jenseits der Klischees und Vorurteile.

 

 

Africa on the Move ist ein multimediales Projekt der Deutschen Welle, dass junge Afrikaner und Afrikanerinnen zu Wort kommen lässt, die mit ihren besonderen Fähigkeiten ihr Land verändern möchten.

 

Nachrichtenportal JournAfrica! bietet Deutschland neue Afrika-Bilder Da ansetzen, wo andere gar nicht erst hinschauen: Tammo Strunk berichtet in Leipzig über JournAfrica!, das erste deutsche Nachrichtenportal für Journalismus aus Afrika.

Tammo Strunk (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Tammo Strunk (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Tammo Strunk ist neben Philipp Lemmerich und Raoul Jochum einer der Gründer des Projekts JournAfrica! und stellt dieses auf der Bildkorrekturen-Tagung vor. Mit dem Online-Magazin gibt es seit gut einem Jahr ein deutschsprachiges Nachrichtenportal für Journalismus aus Afrika. Hier berichten afrikanische JournalistInnen aus über 50 Ländern und liefern Geschichten unmittelbar vom Ort des Geschehens.

In Deutschland herrsche eine einseitige Berichterstattung über Afrika vor, die von Krisen und Kriegen beherrscht wird – und genau das sei es, was die Gründer von JournAfrica! störte, erklärt Tammo Strunk. Die Macher wollen mehr bieten als die nächste Schreckensmeldung – spannende Alltagsgeschichten vom „vergessenen Kontinent“ sollen Stereotype brechen und den Blickwinkel erweitern. „Vor meinem Studium war ich einige Monate im südlichen Afrika unterwegs und die Bilder und die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, haben sich überhaupt nicht mit den Bildern gedeckt, die ich vorher im Kopf hatte“, berichtet Strunk. „Die Medien in Deutschland tragen dazu bei, dass wir hier ein sehr negatives und einseitiges Afrika-Bild haben.“

Zum einen sehen die Gründer das Problem darin, dass die deutschen Medienhäuser in der Krise stecken und es kaum noch Korrespondenten in Afrika gibt. „Korrespondenten können entweder gar nicht oder nur noch sehr selten vor Ort sein“, prangert Strunk an. Das Problem liegt aber nicht nur bei den Medien: „Das Interesse der deutschen Rezipienten an Afrika fehlt, da wir alle uns immer in den gleichen Strukturen bewegen – gleiche Nachrichtenseiten, gleiche Klicks, gleiche Kontakte.“ Der zentrale Punkt sei, einen Bezug zwischen der Lebenswelt hier und vor Ort herzustellen.

Die Gründer von JournAfrica! (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Die Gründer von JournAfrica! (Quelle: https://vimeo.com/145851314)

Das will JournAfrica! mit spannenden Alltagsgeschichten schaffen, die eine große Leserschaft ansprechen und das Interesse an Afrika steigern sollen. „Wir haben schon richtig gute Storys gebracht. Meine persönliche Lieblingsgeschichte ist über die mit Graffiti verzierten Busse in Kenia , die Matatubusse, die da im Nahverkehr eingesetzt werden. Da fahren die Leute nicht gewöhnlich mit ihrem Linienbus, sondern warten bis ihr Matatubus vorbeikommt und steigen in den ein, weil sie mögen, wie er gestaltet ist, was für Musik darin läuft, sie kennen die Leute die darin mitfahren“, erzählt Strunk begeistert. Die Geschichten findet die Redaktion von JournAfrica! entweder selbst durch Medienscanning oder sie werden ihnen direkt von den JournalistInnen aus Afrika vorgeschlagen.

Die Zukunft von JournAfrica! hat Strunk ganz klar vor Augen: „Wir wollen die jetzige Korrespondentenstruktur von

Tammo Strunk wäjrend des Kongo Panels auf der Bildkorrekturen Tagung in Leipzig (Foto: Theresa Boll)

Tammo Strunk während des Kongo Panels auf der Bildkorrekturen Tagung in Leipzig (Foto: Theresa Boll)

Afrika gar nicht ersetzen, wir wollen sie ergänzen. Wir wollen einen Mehrwert für Leute bieten, die sich hintergründiger und anders informieren wollen und auch Bock haben, mal andere Seiten der Welt kennen zu lernen, aber nicht die Chance haben, da mal hinzureisen.“ Die Gründer rechnen fest damit, dass ihr Magazin noch stark an Bekanntheit gewinnen wird und haben sich als langfristiges Ziel gesetzt, ihre vielfältige Afrikaberichterstattung weiter auszubauen.

Ein großer Meilenstein für das Projekt wurde Ende 2015 bereits gelegt: Um die Finanzierung der Plattform in 2016 stemmen zu können, starteten die Macher von JournAfrica! ein Crowfunding- Projekt, dessen Einnahmen in voller Höhe in den laufenden Betrieb von JournAfrica! fließen sollen. Das Crowdfunding- Ziel von 12.000 Euro wurde pünktlich zum Jahreswechsel erreicht.

JournAfrica! ist ein Projekt des gemeinnützigen Vereins treemedia e.V. aus Leipzig, der Mitte 2014 von Raoul Jochum, Tammo Strunk und Philipp Lemmerich gegründet wurde. Das junge Team verortet sich selbst an der Schnittstelle zwischen Journalismus, politischer Kommunikation und Medienentwicklung. Bisher arbeitet das zwölfköpfige Team ehrenamtlich an der Plattform. Die JournalistInnen und FotografInnen aus über 50 Ländern des afrikanischen Kontinents erhalten jedoch ein Honorar von durchschnittlich 50 Euro. Die Artikel erscheinen bislang in unregelmäßigen Abständen, doch das soll sich ändern. Ziel ist es, mindestens ein bis zwei Artikel pro Woche zu veröffentlichen. JournAfrica! plant dafür eine Finanzierung durch entwicklungspolitische Stiftungen, Crowdfunding und Spenden. Innerhalb des nächsten Jahres will JournAfrica! mit einem Community-/Abo-Modell auch über die Plattform Geld verdienen und so eine nachhaltige Finanzierung sichern.