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Von politischen Wesen und Geldbeuteln auf zwei Beinen

Ausgerechnet während des „Black Friday“ widmet sich die Bildkorrekturen-Konferenz 2017 den Themen Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie. Welche Eindrücke bleiben? Ein Rückblick auf ein intensives Wochenende.

Regelmäßig am vierten Freitag im November, dem Freitag nach Thanksgiving, beginnt die Weihnachtseinkaufsaison für die Amerikaner und die Amerikanisierten der westlichen Hemisphäre. Die Leute kaufen am sogenannten “Black Friday” ein, als würde ihr Geld morgen endgültig das Haltbarkeitsdatum überschreiten und schlecht werden. Es gibt Videos, etwa aus den USA oder Brasilien, in denen sich Menschen in postapokalyptischer Raserei gegenseitig zu Boden ringen, um eine Levi’s 501 oder den neuesten Samsung-Flatscreen zum halben Preis zu ergattern. Im deutschsprachigen Raum geht der durchschnittliche Konsument dem ehrlichen Faustkampf am Primark-Wühltisch eher aus dem Weg, er bestellt am “Black Friday” lieber bequem online, gerne acht T-Shirts zum Preis von vier.

Wie treffend, dass die Bildkorrekturen-Konferenz zu Fairness und Nachhaltigkeit in der Modeindustrie ausgerechnet am “Black Friday” stattfindet. Bettina Musiolek von der Clean Clothes Campaign mahnt auf dem Podium im Leipziger Veranstaltungszentrum Westbad, wo die Bildkorrekturen-Konferenz stattfindet, der Konsument sei kein Geldbeutel auf zwei Beinen, sondern ein politisches Wesen, während gleichzeitig anderswo in Shopping-Malls Nasenbeine für Handtaschen gebrochen werden. Der Kontrast könnte dramaturgischer nicht sein.

Nicht minder dramaturgisch: Das Aufeinandertreffen von Sven Bergmann, Unternehmenssprecher des ökologisch produzierenden Modelabels Hessnatur und Ansgar Lohmann, – Achtung, modediskurstypisches Wortungetüm – Corporate-Social-Responsibility-Beauftragter des Textil-Discounters Kik. Lohmann verdankt seinen Job dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im Jahr 2013. Unter anderem Kik ließ dort unter menschenunwürdigen Bedingungen Kleidung produzieren und ignorierte die Baufälligkeit des Gebäudes. 1135 Menschen starben bei dem Einsturz, 2438 Menschen wurden verletzt. Das Ausmaß der Katastrophe sorgte weltweit für Entsetzen und zwang Firmen wie Kik, zumindest nach außen hin mehr Verantwortung für seine Mitarbeiter zu propagieren, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Öffentlichkeit über den großen Erfolg der neuen Verantwortlichkeit zu unterrichten, das ist der Job von Ansgar Lohmann. Ein archaischer Wettkampf gut-böse entbrennt, das Plenum findet Bergmann gut und Lohmann verlogen, kritische bis wütende Tweets werden abgesetzt.

Bergmann-Lohmann-Dichotomien sind zu undifferenziert

Die komplexe Struktur der globalen Modeindustrie auf solche Bergmann-Lohmann-Dichotomien herunterzubrechen, kann jedoch nicht im Interesse einer Konferenz sein, die um Differenzierung bemüht ist. Mitorganisator und Podiumsgast Prof. Markus Behmer, der an der Universität Bamberg Kommunikationswissenschaft lehrt, formuliert das Ziel der Bildkorrekturen-Konferenz so: “Uns geht es darum, Stereotypen und Klischees in unseren Köpfen, aber auch in den Medien zu bekämpfen. Wir sind hier, um vereinfachte Bilder zu korrigieren.”

Und es wäre zu einfach, das wird im Laufe der Konferenz immer klarer, die monokausale Schuld an den katastrophalen Umständen in der internationalen Modeindustrie bei Kik, H&M oder anderen Modegiganten festzumachen. Die Frage, die alle Konferenztage durchzieht, lautet: Wer trägt noch Verantwortung? Daran, dass Firmen wie Zara oder H&M den Markt jedes Jahr mit 24 unter menschenunwürdigen Umständen produzierten Modekollektionen überfluten, tonnenweise Überreste alter Kollektionen einfach verbrannt werden und Menschen in Usbekistan oder Indien für die Baumwollproduktion faktisch versklavt werden, ganz abgesehen von verheerenden Umweltschäden durch den enormen Wasserverbrauch und den Einsatz heftigster Pestizide im Baumwollanbau? Um nur drei der erschütternden Einsichten während der Konferenz aufzuzählen. Drei Viertel aller Kleidungsstücke mit dem verkaufsfördernden Label “Made in Italy” kommen in Wahrheit aus Albanien, produziert von Menschen, die von ihrem Arbeitslohn nicht mal durch den halben Monat kommen. Äthiopien entwickelt sich deshalb zum neuen Bangladesch, weil in Äthiopien kein lästiger Mindestlohn gezahlt werden muss wie in Bangladesch seit dem Rana-Plaza-Vorfall 2013. Die Herstellung einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser. Nochmal drei.

Wer also trägt noch Verantwortung? Und was muss sich ändern, damit das System sich ändert? Denn die Missstände in der Modeindustrie seien systemisch bedingt, diese Einschätzung fällt häufig während des Wochenendes. Schuld sei der neoliberale Kapitalismus, der auf Ungleichheit beruhe und unreguliert die Ungleichheit immer weiter vergrößere. Da generelle Systemkritik aber selten einen produktiven Output hat, konzentrieren sich die Podiumsreferenten auch auf konkrete Punkte.

Die Produktion einer einzigen Jeans verbraucht 8000 Liter Wasser

Die Verantwortung liege durchaus beim Verbraucher, referiert unter anderem Bettina Musiolek. Bewusster Konsum sei das Zauberwort: Schließlich bleibe etwa die Hälfte der Kleidung im durchschnittlichen bundesdeutschen Kleiderschrank völlig ungebraucht. Neben Beschränkung des Konsums sei es ebenso wichtig, Materialen im Produktionsprozess zu sparen, sagt der niederländische Industriedesigner Ed van Hinte. Sprich: Es müssen Wege gefunden werden, eine Jeans zu produzieren, ohne dabei 8000 Liter Wasser zu verbrauchen.

Außerdem werden verschiedene kreative Möglichkeiten der nachhaltigen Modeproduktion vorgestellt, deren Aufzählung die Anglizismenzahl in diesem Text sprengen würde (cradle to cradle, upcycling, slow fashion). Auf dieser Seite steht dem interessierten Leser ein Kurzwörterbuch zu vertiefenden Lektüre bereit. Entscheidend ist: Alle vorgestellten Prinzipien, Handlungsmöglichkeiten und Ansätze sind ehrenwert, aber nur kleine Puzzleteile und bestenfalls geeignet, um ein Umdenken bei Menschen zu fördern, die sowieso bereits sensibel für Umwelt- und Gerechtigkeitsthemen sind. Es ändert nichts daran, dass für die große Mehrheit der Konsumenten ein T-Shirt von H&M für 5 Euro interessanter ist als eine geupcycelte Regenjacke aus alten Reissäcken aus der Modelinie der ugandischen Designerin und Aktivistin Juliet Namujju. 20 Prozent auf alles am “Black Friday” bequem frei Haus mit Amazon ist auch wesentlich interessanter als ein Pullover aus irischer Lammwolle von Hessnatur für 120€.

Staat muss Verantwortung übernehmen

Für eine wirklich nachhaltige Veränderung der Produktionsverhältnisse in der Modeindustrie müsse der Staat Verantwortung übernehmen, sagt Sarah Lincoln, Referentin für Menschenrechte bei der Organisation Brot für die Welt. Regierungen müssten durch politische Intervention aktiv gegensteuern. Genauer: Durchsetzung des Mindestlohns, unabhängige Prüfungen und Qualitätssiegel, verbindliche ökologische Richtlinien, Regulierungen im globalisierten Produktionsprozess. Es brauche diese Gesetze, um die Eigenlogik der Modeindustrie, die alles andere als nachhaltig und fair funktioniert (mit wenigen Ausnahmen, die jedoch gesamtwirtschaftlich kaum ins Gewicht fallen), zu durchbrechen. Dieselbe Argumentation findet sich im Metadiskurs über den Kapitalismus etwa bei dem Star-Ökonomen Thomas Piketty, in dessen Bestseller “Das Kapital im 21. Jahrhundert”.

Was bleibt also? Zunächst die Erkenntnis: Es muss sich unbedingt etwas ändern. Jeder kann in seinem kleinen Radius durch bewussten Konsum dazu beitragen, ein globales Umdenken zu fördern. Es gibt viele spannende Ideen und Ansätze, die die etwa 120 Nachwuchsjournalisten im Plenum interessiert in ihre Blöcke notieren. Während so Artikel entstehen, bricht der “Black Friday” draußen vor der Tür neue Umsatzrekorde. Es ist noch ein langer Weg.

Der „Aha-Effekt“

Hessnatur – Mode, die Umwelt und Mensch respektiert. Sven Bergmann ist verantwortlich für die Unternehmenskommunikation. Sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, ist für ihn eine Leidenschaft. Mehr als nur ein Bestandteil seiner Arbeit. Wir sprechen mit ihm über seine Ziele, Anforderungen an Produktion und Projekte und die große Frage: „Nachhaltige Mode auf internationalen Laufstegen?“

Sven Bergmann, Pressesprecher Hessnatur, Foto: Engagement Global/Bodo Tiedeman

Haben Sie sich für Hessnatur oder hat sich Hessnatur für Sie entschieden?        

Ich habe mir das Unternehmen nicht speziell oder fokussiert ausgesucht, sondern wollte einfach für eine längere Zeit in ein richtiges Unternehmen rein und nicht immer nur für zwei Jahre in eine Agentur. Als Hessnatur mich nach meiner Bewerbung eingeladen hat, habe ich eigentlich sofort festgestellt: Hier ist etwas anders. Die Einarbeitungszeit, die textile Fachschulung, die Art wie die Mitarbeiter miteinander umgehen, welche Substanz dahintersteckt. Das war für mich 2013 ein riesen „Aha-Erlebnis“. Sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen, war immer mehr als ein Beruf für mich. Es ist eine Passion, die sich nicht wie Arbeit anfühlt. Die Mitarbeiter im Unternehmen sind wie eine große Familie. Und das ist eine komplett neue Erfahrung, im Vergleich zu den anderen 20 Unternehmen, für die ich vorher gearbeitet habe.

 

Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit?

Das ist gar nicht so einfach. Nachhaltigkeit heißt für mich, dass verantwortungsvoll produziert wird, mit Rücksicht auf Mensch, Natur und Umwelt.

 

Hohe Ziele. Können Sie die bei Hessnatur umsetzen?

Auf jeden Fall. Hessnatur ist der Modepionier. Es ist das erste Unternehmen, was überhaupt in diesem Bereich gearbeitet hat. Wir waren bei vielen Projekten, Standards und Entwicklungen Vorreiter. Ich bin da ganz selbstbewusst: Vieles, was heute normal ist und wofür sich andere Unternehmen inzwischen auch engagieren, haben wir angestoßen. Hessnatur war oft 10 oder auch 20 Jahre der Marktentwicklung voraus. Aber auch bei Hessnatur wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Die Leute müssen bereit sein, eben nicht nur 39 € für eine Jeans zu bezahlen sondern 100 €. Es muss ein gewisses Preisniveau da sein, um Nachhaltigkeit auch auf allen Stufen der textilen Wertschöpfungskette durchsetzen zu können. Das sind die Voraussetzungen.

 

Wie lässt sich eine Produktion von Hessnatur beschreiben?

Bei uns gilt eine faire Produktion für das komplette Sortiment. Unsere Sozialstandards und ökologischen Richtlinien gelten für alle Artikel, für alle Produkte. Wir sind ein Unternehmen, das alles in einer Hand hat. Wir verkaufen nicht andere Artikel, auch nicht im Großhandel oder in anderen Kanälen, sondern haben einen eigenen Online-Shop, einen eigenen Katalog und unsere eigenen Stores. Alle Vertriebswege sind in eigener Hand und das gesamte Sortiment ist nach Vorgabe von Hessnatur kontrolliert produziert.

 

Sie tun Gutes, aber reden Sie auch darüber?

Wir machen schon unheimlich viel und versuchen, das, was wir machen, auch nach außen zu tragen. Teilweise stoßen wir da aber auch auf Erschöpfungszustände, um das mal vorsichtig auszudrücken. Man kann eben nicht x-beliebig lange Etiketten drucken, dicke Nachhaltigkeitsberichte schreiben und Texte ohne Ende online stellen, denn letzten Endes ist das nicht das, was überspringt. Deshalb versuchen wir zu zeigen, wie wir arbeiten. Wir stellen Informationen über Projekte online, machen Kampagnen oder beteiligen uns z.B. am Fashion-Revolution-Day. Dass wir dadurch mehr Kunden für uns begeistern wollen als wir haben, versteht sich auch von selbst. Transparenz spielt eine große Rolle, aber man darf die Leute auch nicht überfrachten. Innerhalb von drei bis fünf Sekunden fällt die Entscheidung, ob man weiterliest oder nicht.

 

Wie oft ist Hessnatur vor Ort und überprüft diese Projekte?

So oft wie möglich. Je langfristiger eine Lieferantenbeziehung ist, desto seltener muss man vor Ort sein. Wenn man weiß, dass es dort gut läuft, braucht man nicht so oft dahin reisen. Bei einem neuen Lieferanten sind wir öfter vor Ort. Nicht nur wir, sondern auch z.B. die Fair Wear Foundation überprüft die Produktionsstätten. Sie hat in den meisten Ländern, in denen wir produzieren, Büros vor Ort. Sie gehen nicht nur ins Unternehmen an sich rein, sondern treffen Mitarbeiter auch dort wo sie sich zum Mittagessen aufhalten. Mit allem Vorbehalt ist einmal im Jahr in jedem Fabrikbetrieb entweder jemand von der Fair Wear Foundation oder jemand von uns.

 

Fashion Week in Berlin – Wollen Sie die großen Designer von Ihren Projekten überzeugen?

Es gibt da einen ständigen Austausch, vor allem durch unser Design-Team. Unsere Designerinnen und Designer sind in diesen Themen drin und verfolgen natürlich die Modewelt. Meine große Klammer, mit der ich das immer einbinde, ist die große Konvergenz der Systeme. Es gibt Hessnatur oder die kleineren Anbieter, die aus der Nische kommen, die mehr Kunden gewinnen wollen. Den Aspekt der Nachhaltigkeit berücksichtigen wir schon, jetzt wollen wir aber auch modischer werden. Es gibt natürlich auch die Großen, die modisch sind und nachhaltiger werden möchten. Beide bewegen sich also in die gleiche Richtung. Die große Frage ist: „Wer ist schneller?“. Bei den Lebensmitteln haben die großen Vier das Rennen gewonnen, also Edeka, Rewe, Aldi und Lidl. Ich würde sagen im Bekleidungsmarkt ist das Rennen noch offen.

 

Denken Sie das nachhaltige Mode Potenzial für die internationalen Laufstege hat?

Das ist ein riesiges Thema und das Alleinstellungsmerkmal von Berlin. Es gibt natürlich dieses Rennen zwischen New York, Paris, London und Mailand. Ich glaube, wenn es rein um Mode geht, kann Deutschland nicht mithalten. Aber ein starkes Argument für Deutschland jetzt ist die Verbindung von Nachhaltigkeit und Mode. Der Green Showroom hat in den letzten Jahren immer mehr Zuspruch bekommen. Ich glaube, dass interessiert die internationale Modewelt an Berlin – wie kommen Mode und Nachhaltigkeit zusammen.

 

Ist Ökologie trendy?

Hemmschwellen, die vorher noch vorhanden waren, sind nicht mehr da. Bezeichnungen wie „Öko-Mode, Schlabber-Mode, sieht nicht so toll aus“ sind definitiv vorbei. Auch gesellschaftlich hat sich etwas fundamental verändert. Dazu gehören nicht nur die jüngeren Erwachsenen. Es sind teilweise auch ältere Kunden, die zu uns zurückkommen und sich freuen, wenn die Kollektionen modischer werden. Und das ist ja etwas Positives.

 

 

CSR – gerechte, grüne Mode? Die Modeindustrie ist eine der umweltschädlichsten Branchen und die Arbeitsbedingungen in den Fabriken sind oft katastrophal. Das steht in einem starken Gegensatz zu dem Nachhaltigkeitstrend, der gerade durch die Branche geht. Transparenz soll die neue CSR-Berichtspflicht bringen.

Quelle: https://www.hessnatur.com/corporate/bildarchiv/stores/

Quelle: http://www.kik-textilien.com/unternehmen/presse/informationsmaterial/bildmaterial/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Öko- vs. Billig-Mode? Wie gerecht und grün die beiden deutschen Textilunternehmen sind, kann man in ihren CSR-Berichten nachlesen.

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Was kostet mein T-Shirt?

Eine multimediale Geschichte über die Kostenstruktur und Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie. Mit Ansätzen für KonsumentInnen, dagegen vorzugehen. Weg von tradierten Schwarz-Weiß-Bildern, hin zu einer realistischen Sicht auf die Branche. Dafür haben wir unter anderem PassantInnen in der Leipziger Innenstadt gefragt, wie sie Qualität und Preis zwei unterschiedlicher T-Shirts einschätzen.

Für die nächste T-Shirt-Motto-Party noch mal schnell zu KiK, damit man sich und den anderen Party-Gästen lustige Sprüche aufs Shirt malen kann – wer kennt das nicht? Studierendenfreundlich sind die Preise bei KiK allemal. Das Blanco-Shirt gibt’s dort schon ab 2,99 €.
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Bei unserer Umfrage nach dem Preis eines T-Shirts haben alle PassantInnen einen Qualitätsunterschied festgestellt – doch nicht immer zu Gunsten des teureren Markenshirts. Niemand schätzte den Preisunterschied so hoch – 10 € war das Maximum. Auch die Materialien wurden nicht richtig erkannt.

Doch wie geht das überhaupt? Baumwolle aus Pakistan, Produktion in Bangladesch und dann einmal quer über den Globus nach Europa – welche Kosten entfallen da auf Lohn, Produktion, Transport und Marketing?

Anteil der durchschnittlichen Lohnkosten

Die durchschnittlichen Kostenanteile eines T-Shirts hat der WDR für sein Dossier „Kleidung in Zahlen: Über Mengen, Löhne, Marktanteile“ erfasst. Demnach machen die Lohnkosten nur 1% des Verkaufspreises aus. Dem Dossier zufolge entfallen 11% des Verkaufspreises eines durchschnittlichen T-Shirts auf Transport und Steuerabgaben und 13% auf die Fabrikkosten. Die Marketingkosten gibt der WDR mit 25% im Schnitt an. Die Hälfte des Verkaufspreises entfällt auf den Unternehmensgewinn und Handelskosten wie Zölle. Diese entstehen nicht, wenn ein Unternehmen aus der EU Handel mit Ländern wie Bangladesch treibt. Grund ist das EU-Handelsabkommen GSP (Generalized System of Preferences), das Zollfreiheit für Importe und Exporte der teilnehmenden Länder garantiert.

KiK widerspricht

Der Angabe „1% Lohnkosten“ widerspricht Ansgar Lohmann, Bereichsleiter bei KiK für „Corporate Social Responsibility“ (CSR). Im Unterschied zu den WDR-Zahlen stellt er nicht die Kostenanteile des Verkaufspreises, sondern des Einkaufspreises dar. Das ist der Betrag, den KiK an den Fabrikanten in den Produktionsländern zahlt. „Der Arbeitslohn liegt bei KiK ungefähr bei 15%“. Drei Viertel der Kosten entfallen auf den Stoffeinsatz; rund zehn Prozent auf Fabrikkosten und Profit.

Ähnlich sieht es beim Versandhändler Hessnatur aus, der Naturtextilien anbietet. Ein T-Shirt, das optisch mit dem von KiK vergleichbar ist, kostet bei Hessnatur 17,95€. Auch HessNatur nennt die Kostenanteile nur bezogen auf den Einkaufspreis: „Unsere Produktionskosten liegen in etwa bei 25% – da sind die Lohnkosten eingerechnet“, so Sven Bergmann, Referent für Unternehmenskommunikation bei Hessnatur. Die Lohnkosten beziffert er auf 10-15%.

Sven Bergmann

Sven Bergmann, Referent für Unternehmenskommunikation bei Hessnatur

Bei der Frage nach den Kostenanteilen gaben die KonsumentInnen in der Leipziger Innenstadt ganz unterschiedliche Einschätzungen ab. Nur eines ist sicher: Überall scheint gespart worden zu sein – von der Näherin bis hin zum Marketing.

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Im Unterschied zu KiK verwendet HessNatur ausschließlich Bio-Baumwolle. Bio heißt bei Hessnatur auf chemische Zusatzstoffe weitestgehend zu verzichten, Naturfarben zu verwenden und regionale Aktionen wie das Rhönschaf-Projekt zu unterstützen, bei dem die Wolle vom Rhönschaf aus dem gleichnamigen hessischen Mittelgebirge stammt.

Dann also lieber zu Hessnatur, wenn man beim Einkaufen etwas für Umwelt und Region tun möchte?

„Alles Quatsch“, meint Bettina Musiolek, Mitgründerin des deutschen Ablegers der „Clean Cloth Campaign“, einem europäischen Netzwerk für die Grundrechte von ArbeiterInnen in der Bekleidungsindustrie. „Ich kann und will überhaupt keine Empfehlung für unbedenkliche Unternehmen in der Bekleidungsindustrie abgeben – die gibt es leider nicht“, so die Aktivistin, die den Anteil der Lohnkosten eines Durchschnitts-T-Shirts ebenfalls mit 1% beziffert.

 

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Unabhängig von der exakten Zahl: Für den Lohnanteil spielt es kaum eine Rolle, ob das T-Shirt für ein niedrig- oder hochpreisiges Unternehmen gefertigt wurde. Je günstiger ein T-Shirt, desto höher sind die Gewinne des Fabrikanten, aber auch die Steuerabgaben. Das geht aus den Zahlen des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe hervor.

Aktivistin Musiolek: „Kaufen Sie die warme Winterjacke, wo immer Sie wollen!“

Bettina Musiolek,

Bettina Musiolek, Mitgründerin des deutschen Ablegers der „Clean Cloth Campaign“

Bettina Musiolek glaubt, ein kritisches Konsumbewusstsein sei das einzig wirksame Mittel für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Branche. Wer sich zur kalten Jahreszeit noch schnell mit einer neuen Winterjacke eindecken möchte, dem rät Musiolek: „Kaufen Sie die warme Winterjacke, wo immer Sie wollen. Es geht nicht nur darum, wo Sie Ihr Geld ausgeben, sondern auch darum, ob Sie Parteien Ihre Stimme geben, die verbindliche menschenrechtliche Regeln für deutsche Unternehmen entlang deren Lieferketten fordern.“ Wer sich für Fortschritte in der Branche einsetzen möchte, der solle in NGOs und Aktionsgruppen für saubere Kleidung mitarbeiten – „die gibt es in den meisten Städten Deutschlands bereits“. Außerdem könne die Kundin beim Einkaufen an der Kasse Karten ihrer Kampagne abgeben, mit denen man Auskunft über den Lohnanteil der NäherInnen einfordern kann.

Das sei dringend notwendig, um die Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie zu verbessern: „Auch in europäischen Fabriken ist es im Sommer meistens so heiß, dass viele ArbeiterInnen wegen der Temperatur, der Hitze und des Arbeitsdrucks bewusstlos werden. Häufig existieren gar keine Arbeitsverträge. Das Recht auf Organisation und Tarifverhandlungen wird oft nicht eingehalten. Wer Beschwerden äußert, wird sofort entlassen. Ich spreche dabei ausschließlich über die europäische Bekleidungsindustrie.“

KiK ist nicht die Inkarnation des Bösen

Kollabierende ArbeiterInnen in europäischen Fabriken? Niedriglöhne, die in Mazedonien ebenso wenig zum Leben wie in Bangladesch reichen? Das mag auf den ersten Blick verwundern, wird aber von unabhängigen Beobachtern bestätigt. Wer sich mit der Textilindustrie beschäftigt, verliert schnell die Schwarz-Weiß-Sicht auf die Branche: „Made in Europe“ steht keineswegs per se für gute Arbeitsbedingungen und KiK ist nicht die Inkarnation des Bösen:

Doch das Unternehmen gilt als schwarzes Schaf der Modeindustrie. Schließlich wirkt das Konzept verdächtig, jeden Kunden von der Socke bis zur Mütze für 30€ komplett einkleiden zu wollen. Dabei ist KiKs Engagement in puncto sozialer Verantwortung größer, als man zunächst vermutet: So nimmt KiK am Textilbündnis teil, einer freiwilligen Partnerschaft von Unternehmen, NGOs und Gewerkschaften für ökologische und soziale Verbesserungen in der Branche. KritikerInnen werfen dem von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) gestarteten Bündnis vor, kaum regulative Eingriffe vorzunehmen.

CSR-Richtlinie begünstigt auch journalistische Arbeit

Außerdem hat KiK schon Berichte zur „Corporate Social Responsibility“ (CSR) herausgegeben, als sie noch nicht verpflichtend waren. Seit Januar 2017 gilt nun die CSR-Richtlinie der EU, wonach Unternehmen ab 500 Beschäftigten ihre Lieferketten offenlegen und Angaben zu sozialen und ökologischen Standards ihrer Geschäftstätigkeit machen müssen.

Edith Dietrich

Edith Dietrich, WDR-Investigativjournalistin

Journalistin Dietrich: „Seit der CSR-Berichtspflicht haben wir Journalisten es viel leichter.“

Von der steigenden Transparenz profitieren nicht nur AktivistInnen wie Bettina Musiolek, sondern auch JournalistInnen. „Damit haben wir es viel leichter“, erzählt die WDR-Investigativjournalistin Edith Dietrich. „Zum Beispiel, wenn es darum geht, Produktionsstätten erst einmal zu finden. Vor zwei Jahren war das noch unmöglich.“

KiK-Manager Lohmann kündigt auf Nachfrage sogar Lohnerhöhungen in manchen Produktionsländern an:

KiK-Bereichsleiter Lohmann: „In Pakistan wollen wir das Lohnniveau um 5% erhöhen. In Bangladesch könnten es 10% sein.“

Wenige Sätze später warnt er jedoch vor steigenden Inflationsraten als Folge von Lohnerhöhungen. Und: „Die Fabriken gehören nicht KiK. Selbst wenn wir als westliche Auftraggeber den Lohnanteil erhöhen würden, heißt das noch lange nicht, dass der Fabrikinhaber diesen auch an die Beschäftigten weitergibt.“ Nach wirklichem Änderungswillen klingt das nicht.

Ansgar Lohmann

Ansgar Lohmann, Bereichsleiter bei KiK für „Corporate Social Responsibility“ (CSR)

KiK-interne Umfragen haben ergeben, dass CSR-Standards wie Sozial- oder Umweltverträglich für KiK-KundInnen so gut wie keine Rolle spielen. Doch wie sieht es bei den PassantInnen in der Leipziger Innenstadt aus?

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Verbraucherinitiative „Rank a Brand“ will Transparenz schaffen

Was können KonsumentInnen nun tun, außer weniger zu konsumieren und politisch aktiv zu werden, wie es Bettina Musiolek fordert?

Eine Antwort liefert Mario Dziamski. 2011 gründete er den deutschen Ableger der niederländischen Verbraucherinitiative „Rank a Brand“. Auf der Plattform können sich VerbraucherInnen über die Produktionsbedingungen einzelner HerstellerInnen informieren. „Damit sinkt für viele Verbraucher die Hürde, sich mit dem Thema überhaupt auseinanderzusetzen. Außerdem bauen wir Druck auf die Unternehmen aus, damit sie transparenter werden“, erklärt Dziamski. „Rank a Brand“ schickt umfangreiche Bewertungsfragen an die HerstellerInnen. „Anhand der Antworten auf diese Fragen ermitteln unsere Ranker, wie vertrauenswürdig uns eine Marke erscheint“, so Dziamski.

Gründer Dziamski: „Unsere Bewertungen orientieren sich an den Energieeffizienzlabeln, die man von Waschmaschinen oder Kühlschränken kennt.“

Ein A-Label bekommt, wer über 75% der Fragen positiv beantwortet. Wer weniger als 15% der Fragen positiv beantwortet, erhält ein E-Label.

Mario Dziamski

Mario Dziamski, Gründer des deutschen Ablegers der niederländischen Verbraucherinitiative „Rank a Brand“

„Rank a Brand“ gibt KiK ein D. Das heißt „kaum empfehlenswert“. In der Erklärung der Initiative heißt es: „Erste Punkte erzielt KiK beim Klimaschutz. Die Berichterstattung zum Gebrauch von nachhaltigen Rohstoffen und Chemikalien muss hingegen präziser werden.“ Hessnatur erhält von „Rank a Brand“ ein B – „empfehlenswert“: „Aktuellere Angaben zur Klimabilanz könnten die Gesamtwertung jedoch noch verbessern. Beim Umwelteinsatz erhält Hessnatur viele Punkte, denn das Produktionsvolumen besteht mehrheitlich aus nachhaltig produzierten Rohstoffen.“

CSR-Richtlinie als Warnschuss

Wie geht es nun politisch weiter? Auf europäischer Ebene fordern Grüne und Linke ein Gesetz, das menschenrechtliche Sorgfalt in der Modeindustrie verbindlich macht. Nur supranational durchgesetzte Umwelt- und Sozialstandards würden für wirkliche Verbesserungen in der Branche führen, glauben die Parteien. In Frankreich existiert ein solches Gesetz zur menschenrechtlichen Sorgfalt bereits.

Branchenkenner Mario Dziamski ist sich sicher: „Die Modeindustrie sollte die CSR-Berichtspflicht als Warnschuss begreifen: Auf politischer Ebene hat ein regulativer Prozess eingesetzt, der bislang nur die Berichterstattung betrifft, in Zukunft aber durchaus zu mehr verpflichten könnte.“