Beiträge

Die Angst eritreischer Flüchtlinge vor regimetreuen Dolmetschern

Nutzen regimetreue Tigrinya-Dolmetscher*innen beim BAMF ihre Machtposition aus, um eritreische Geflüchtete im Asylinterview einzuschüchtern? Eine Recherche von Elisabeth Kimmerle und Lucas Grothe.

In Eritrea müssen Frauen und Männer einen zeitlich praktisch unbegrenzt Militärdiesnt leisten - und sind dabei struktureller, körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt. Foto: Lucas Grothe

In Eritrea müssen Frauen und Männer einen zeitlich praktisch unbegrenzt Militärdiesnt leisten – und sind dabei struktureller, körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt. Foto: Lucas Grothe

Ein einziger Satz kann entscheiden: Anerkennung oder Ablehnung. Wenige Worte können ausschlaggebend dafür sein, ob geflüchtete Eritreer*innen Schutz in Deutschland bekommen. In der Asylanhörung sitzt der Flüchtling einem Entscheider vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gegenüber, dem er detailliert seine Fluchtgründe schildern soll. Zwischen ihnen ein Dolmetscher – er ist die Schlüsselfigur in der Asylanhörung, denn er ist der einzige, der beide Sprachen beherrscht. Der Dolmetscher muss in seinem Beruf zwei Dinge können: Reden und Schweigen. Er muss inhaltsgetreu verdolmetschen, was der Flüchtling in der Anhörung berichtet. Und er muss darauf verzichten, eigene Kommentare in das Gespräch einzubringen. Vor allem aber muss er schweigen über alles, was er im Asylinterview über den Geflüchteten erfährt. Doch was, wenn er Teil des Regimes ist, vor dem die Eritreer*innen geflüchtet sind? Was, wenn er falsch übersetzt oder den Geflüchteten einschüchtert?

Regimetreue Dolmetscher*innen setzen eritreische Geflüchtete unter Druck

Eine Studie über Tigrinya-Dolmetscher in Anhörungen vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, die in den kommenden Wochen in der Zeitschrift Moderne Sprachen veröffentlicht wird, liefert Anhaltspunkte dafür, dass regimetreue eritreische Dolmetscher*innen für das BAMF arbeiten. „Es soll vorgekommen sein, dass der Dolmetscher in der Anhörung sagt: Hör auf, so über dein Land zu sprechen“, berichtet die Verfasserin der Studie, Eden Mengis. Aus den Interviews, die sie mit eritreischen Geflüchteten und Dolmetscher*innen geführt hat, geht hervor, dass es in Asylanhörungen wiederholt zu Einschüchterungsversuchen gegenüber eritreischen Geflüchteten gekommen sein soll. Freweyni Habtemariam, die als vereidigte Dolmetscherin seit vielen Jahren für Behörden und Gerichte ins Tigrinische dolmetscht, bestätigt diesen Verdacht: „Zu mir kommen gruppenweise Flüchtlinge, die sich darüber beschweren, dass sie im Asylinterview unter Druck gesetzt wurden, nichts Kritisches über die eritreische Regierung zu sagen.“

Ein Satz mit gravierenden Folgen

„Sprich nicht so über dein Land!“ Das ist ein Satz, der den Ausgang des Asylverfahrens verändern kann. Wenn ein Dolmetscher ihn zum Geflüchteten auf der eritreischen Amtssprache Tigrinya sagt, bemerkt der Entscheider das nicht, weil er die Sprache nicht versteht. Doch der Asylbewerber bekommt Angst: Wie soll er vor einem regimetreuen Dolmetscher offenlegen, warum er aus Eritrea geflohen ist – einem Land, in dem Flucht unter Strafe steht? Wie soll er über seinen Herkunftsort, seine Familienverhältnisse in einem Land berichten, in dem Angehörige der Geflüchteten wegen Fluchthilfe ins Gefängnis kommen können? Die Konsequenzen dieses einen Satzes können weitreichend sein: Beschließt der Geflüchtete, Details auszusparen, kann das BAMF seinen Asylantrag als unglaubwürdig einstufen oder als unbegründet ablehnen. Der Asylbewerber riskiert damit eine Abschiebung nach Italien, dem Land, über das die meisten Eritreer*innen nach Europa kommen. Gibt er vor dem regimetreuen Dolmetscher Einzelheiten über seine Familie preis, gefährdet er schlimmstenfalls seine Angehörigen in Eritrea. Schon mit der Flucht nach Europa werden Eritreer*innen vom repressiven Regime ihres Heimatlandes kriminalisiert. In dem Land am Horn von Afrika werden alle Männer und Frauen ab 18 Jahren zum sogenannten National Service – einem Militär- oder Zivildienst – eingezogen, der in der Praxis mehrere Jahrzehnte dauern kann. Ein Grund für die Flucht nach Europa – und für die Anerkennung als Flüchtling in Deutschland.

Dringen über die Dolmetscher*innen private Informationen nach Eritrea?

„Ich sehe eindeutig die Gefahr, dass diese hochsensiblen Informationen von den regimetreuen Dolmetschern an die eritreische Botschaft weitergeleitet werden“, erklärt Eden Mengis, die selbst als Konferenzdolmetscherin arbeitet. „Was damit in Eritrea an Unrecht geschehen kann, ist viel folgenreicher als die konkreten Konsequenzen für die Asylsuchenden.“ Dass regimetreue Dolmetscher*innen tatsächlich Informationen über eritreische Geflüchtete an die Botschaft übermitteln, ist schwer nachzuweisen. Doch in einem UN-Bericht über Eritrea, der im Juni 2015 erschienen ist, geht die Untersuchungskommission davon aus, dass die eritreischen Bespitzelungsstrukturen, die die Bevölkerung unter ständiger Angst halten, bis nach Europa reichen und dass das Regime in der eritreischen Diaspora Spione einsetzt, um an Informationen über die Geflüchteten zu gelangen. Dass auch Dolmetscher*innen als Spitzel arbeiten könnten, legt ein Gespräch nahe, das Freweyni Habtemariam mit einem Eritreer geführt hat, der in einem eritreischen Ministerium arbeitet: „Er wusste nicht, dass ich Oppositionelle bin und hat mir gesagt: Wir bekommen das, was die Flüchtlinge erzählen, von den Dolmetschern geschickt. Wir sind gut informiert. Das hat mir schon zu denken gegeben“, sagt sie.

Die Angst der Geflüchteten vor dem Regime bleibt

Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, kennt die Vorwürfe, dass das BAMF in Anhörungen regimetreue Tigrinya-Dolmetscher*innen einsetze. „Die Hinweise auf regimetreue eritreische Dolmetscher sind ein Problem, das im Auge behalten werden muss. Wir beobachten, dass es in vielen Fällen ein großes Misstrauen unter eritreischen Geflüchteten gibt, was die Dolmetscher angeht“, erklärt er. Allerdings sei es schwierig, empirisch zu belegen, dass regimetreue Dolmetscher*innen Flüchtlinge in Asylinterviews einschüchtern oder Informationen an die eritreische Botschaft weiterleiten.

 

Ungewisse Zukunft: Auch aus der eritreischen HauptstadtAsmara flüchten viele Menschen nach Europa. Foto: Lucas Grothe

Ungewisse Zukunft: Auch aus der eritreischen HauptstadtAsmara flüchten viele Menschen nach Europa. Foto: Lucas Grothe

Das liegt auch daran, dass eritreische Geflüchtete in Deutschland Angst haben, sich öffentlich über das Regime zu äußern, vor dem sie geflohen sind. Wie groß das Misstrauen der Asylsuchenden gegenüber der eritreischen Regierung ist, bekommen auch Journalist*innen zu spüren: Bei der Recherche zu diesem Artikel ist kein Flüchtling bereit, über Einschüchterungsversuche von regimetreuen Dolmetscher*innen zu sprechen, nicht einmal anonymisiert.

Intransparenz beim Bundesamt

Auch die Zusammenarbeit des Bundesamts mit Tigrinya-Dolmetscher*innen ist intransparent. Zwar antwortet das BAMF auf Anfrage, das Bundesamt lege „großen Wert darauf, nur zuverlässige und geeignete Dolmetscher einzusetzen und die Qualität der Arbeit kontinuierlich zu kontrollieren und zu bewerten“. Die Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses sei obligatorisch, des Weiteren würden Kontakte des Dolmetschers zu Behörden seines Heimatlandes in die Auswahlentscheidung einbezogen. Dem stehen Aussagen von Seghen Gebreyosus von United4Eritrea entgegen, einer Initiative, die nach den Beschwerden über regimetreue Dolmetscher*innen versucht hat, zu überprüfen, in wie vielen Fällen eritreische Flüchtlinge in ihrer Asylanhörung eingeschüchtert wurden. „Es ist sehr schwierig, das aufzuklären. Die Liste mit Dolmetschern, die vom BAMF veröffentlicht wurde, ist veraltet. Weil so viele eritreische Flüchtlinge kommen, werden die Dolmetscher nicht im Verzeichnis aufgenommen, sondern sie arbeiten auf Rechnung, sind also nicht beim BAMF angestellt“, erklärt Gebreyosus. Teilweise würden die Dolmetscher*innen nur temporär vereidigt. „Anscheinend ist die Not so groß, dass man sagt: Wir brauchen jeden, der uns helfen kann.“

Missstände gibt es nicht erst seit letztem Jahr“

Georgia Mais vom Berufsverband Assoziierte Dolmetscher und Übersetzer in Norddeutschland e. V. (ADÜ Nord) bekräftigt diese Einschätzung: „Missstände gibt es nach unseren Informationen nicht erst seit letztem Jahr. Ich sehe nicht, dass die Kriterien, die wir als Berufsverband fordern – sei es hinsichtlich der Berufsethik oder der Professionalität – ausreichend berücksichtigt werden“, sagt Mais, die als Diplom-Übersetzerin seit 20 Jahren im ADÜ Nord aktiv ist. „In den aktuellen Stellenausschreibungen ist schwammig von ethischen Grundsätzen die Rede, aber ich höre von Kollegen, dass der Entscheider zulässt, dass der Dolmetscher wesentlich mehr oder weniger redet als der Asylbewerber und auch kommentiert. Da müsste jeder Entscheider hellhörig werden“, berichtet sie. Ihre Beobachtungen stützen sich auf Berichte von freiwilligen Helfer*innen, die mit arabisch sprechenden Flüchtlingen arbeiten. Im Namen des ADÜ Nord hat Mais einen offenen Brief an das Bundesamt mitverfasst, in dem die Entscheider*innen aufgefordert werden, bei Zweifeln an der adäquaten Verdolmetschung zu intervenieren. Dazu komme, dass das BAMF Dolmetscher*innen weit unter Tarif bezahle: Für Termine am Gericht liege der Stundensatz gemäß dem Justizvergütungs- und Entschädigungsgesetz (JVEG) bei 70 bis 75 Euro, für Asylanhörungen bekämen Dolmetscher*innen jedoch nur 25 Euro pro Stunde. „Das Bundesamt versucht, die Kosten für die Dolmetscher so gering wie möglich zu halten“, bestätigt Cornelia Remde vom Verein beeidigter Dolmetscher und Übersetzer Sachsen. Auch der Vorstandsvorsitzenden des Berufsverbands mit Sitz in Dresden ist das Problem der regimetreuen Dolmetscher*innen bekannt. „Es gibt Gerüchte, dass regimetreue Dolmetscher durchaus auch beim BAMF eingesetzt werden, aber wir haben keine Beweise. Die Frage ist: Wie prüft das Bundesamt die Dolmetscher? Das BAMF definiert keine Qualitätsstandards“, kritisiert Remde.

Das Black Box-Problem der Asylanhörung

Bernd Mesovic von Pro Asyl teilt die Einschätzung, dass das Bundesamt „bundesweit ein Qualitätsproblem mit Dolmetschern“ habe. Die Überprüfung von Dolmetscher*innen sei ein ernstzunehmendes strukturelles Problem des Bundesamts. „Es ist kaum leistbar für das BAMF, die Qualität der Dolmetschleistung zu prüfen. Weil keine externen Beobachter am Verfahren beteiligt sind, entsteht hier das Black Box-Phänomen“, erklärt er. Als

Neben der katastrophalen Menschenrechtslage ist auch die marode Wirtschaft ein Fluchtgrunde für viele Eritreer*innen. Foto: Lucas Grothe

Neben der katastrophalen Menschenrechtslage ist auch die marode Wirtschaft ein Fluchtgrunde für viele Eritreer*innen. Foto: Lucas Grothe

Kontrollmöglichkeit schlägt Mesovic vor, gelegentlich einen weiteren Dolmetscher hinzuzuziehen – was zur Folge haben könnte, dass dann korrekt übersetzt wird – oder Tonbandaufnahmen zu machen. Allerdings müsse man die Qualität von der politischen Einstellung der Dolmetscher*innen trennen. „Die Behauptung der politischen Manipulation eines Dolmetschers ist schwerwiegend. Wie kann ein Dolmetscher beweisen, dass er unverdächtig ist?“, gibt er zu bedenken. Der Kontakt zur Botschaft ist kein zwingendes Indiz dafür, dass ein Dolmetscher regimetreu ist, da viele Eritreer*innen die Dienste der Botschaft in Anspruch nehmen müssen, um etwa Dokumente aus ihrem Heimatland ausgestellt zu bekommen. Eden Mengis plädiert in ihrer Studie dennoch dafür, dass das Bundesamt keine Dolmetscher*innen einstellt, die Kontakte zur eritreischen Botschaft haben. „Das wäre ein Abwägen, weil dadurch Dolmetscher ausgeschlossen werden, die auf die Botschaft angewiesen sind, weil sie zum Beispiel Unterlagen brauchen. Aber viel schlimmer ist, wenn Menschenrechtsverletzungen in Eritrea begangen werden, weil regimetreue Dolmetscher Zugang zu sensiblen Informationen hatten“, erklärt sie. Zwar könne nicht abschließend festgestellt werden, dass die Botschaft gezielt Dolmetscher*innen in die Asylanhörungen einschleust, aber die Vermutung liege nahe, so Mengis. Problematisch sei zudem, wenn Geflüchtete von Dolmetscher*innen eingeschüchtert würden.

Einzelfälle oder strukturelles Problem?

Das BAMF weist die Vorwürfe zurück: „Die von Ihnen geschilderten Situationen sind uns nicht als generelles Problem bei eritreischen Dolmetschern bekannt. Weder liegen uns hierzu Hinweise aus den Außenstellen noch von anderer Seite vor“, antwortet die Pressestelle des Bundesamts auf Anfrage. Die Problemlage ist kompliziert, das sieht auch Seghen Gebreyosus von United4Eritrea ein. „Natürlich sprechen wir immer noch von Einzelfällen, aber wir wissen nicht, wie viele Fälle es noch gibt. Gerade, weil es so schwer nachzuvollziehen ist. Im Nachhinein kann man nicht aufklären, ob falsch verdolmetscht wurde oder nicht. Es gibt keine Tonbandaufnahmen aus der Anhörung“, wendet sie ein. Bei fast 11000 Asylanträgen von eritreischen Geflüchteten im vergangenen Jahr handelt es sich bei den wenigen dokumentierten Beschwerden für das Bundesamt statistisch um Einzelfälle, die keine Reaktion erfordern. Doch hinter jedem Einzelfall, in dem ein Tigrinya-Dolmetscher nicht neutral verdolmetscht oder seine Verschwiegenheitspflicht verletzt, steht ein Mensch, der mit den gravierenden Konsequenzen leben muss. Dass die Dunkelziffer weit höher liegt, ist angesichts der Angst eritreischer Geflüchteter, sich öffentlich über das Regime zu äußern und der intransparenten Zusammenarbeit des Bundesamts mit Dolmetscher*innen denkbar. Die Initiative United4Eritrea überlegt, dem BAMF ihre Mithilfe bei der Überprüfung der Tigrinya-Dolmetscher*innen anzubieten, und auch Pro Asyl will das Problem im Auge behalten. „Da wird ein strukturelles Problem weggeredet“, kritisiert Bernd Mesovic. „Man kann aber nicht über die Einzelfälle hinweggehen, weil es da um Existenzen geht.“

Trotz tausender Kilometer, die eritreische Schutzsuchende auf ihrerFlucht bis nach Deutschland zurückgelegt haben, können sie sich also scheinbar nicht immer dem langen Arm des Regimes entziehen. Eine Sensibilisierung für das Thema scheint im BAMF derzeit wenig vorhanden zu sein. Und das, obwohl in der Asylanhörung jedes (falsch) übersetzte Wort über die Zukunft der Geflüchteten entscheiden kann.

Frauenrechte in Eritrea: Zwischen gesetzlicher Gleichberechtigung und faktischer Benachteiligung

In Eritrea sind Frauen und Männer gleichberechtigt. So steht es in der Präambel der Konstitution, die 1997 ratifiziert wurde. Grund für die besondere Stellung, die Eritrea den Frauenrechten einräumt, ist die Beteiligung der Frauen am 30-jährigen Unabhängigkeitskrieg der eritreischen Befreiungsarmee EPLF. Bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1991 kämpften eritreische Frauen Seite an Seite mit den Männern gegen die Kolonialmacht Äthiopien. Auch in der Zivilgesellschaft waren die Frauen während des Kriegs emanzipiert: Sie übernahmen für ihre abwesenden Männer die Verantwortung für den Haushalt, die Geschäfte und die Landwirtschaft. Nach der Unabhängigkeit hat Eritrea mehrere Gesetze zur Gleichstellung der Frauen erlassen. So gewährt etwa die Landreform-Proklamation von 1994 und 1997 jedem Bürger unabhängig von Geschlecht, Religion und Ethnie das Recht, Land zu besitzen. Dieses Gesetz ermöglicht Frauen, landwirtschaftliche Betriebe und kleine Geschäfte aufzubauen. Laut dem Jahresbericht der afrikanischen Frauenrechtsorganisation Make Every Woman Count (MEWC) aus dem Jahr 2014 kontrollieren Frauen 40 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen in Eritrea.

Die Arbeitsproklamation von 2001 schützt Frauen im Beruf gesetzlich. In der Verwaltung und im Parlament gilt eine Frauenquote: 30 Prozent der Sitze sind für Frauen reserviert. Bereits 1995 hat Eritrea zudem die internationale Frauenrechtskonvention CEDAW ratifiziert, ein Übereinkommen über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Damit ist die Gleichstellung der Frau gesetzlich vergleichsweise gut geschützt.

In der Praxis sind eritreische Frauen dennoch Diskriminierung und sexueller Gewalt ausgesetzt. Im aktuellen Bericht zur Umsetzung der CEDAW äußert das UN-Komitee vor allem Besorgnis über die negativen Auswirkungen des National Service auf die Rechte der Frau. Der Militärdienst ist in Eritrea für Männer und Frauen von 18 bis 40 Jahren verpflichtend. Eigentlich auf 18 Monate begrenzt, müssen Eritreer*innen den National Service oft auf unbegrenzte Zeit ableisten. Alle Schüler*innen werden im 12. Schuljahr zum Militärdienst im Ausbildungslager Sawa eingezogen. Die UN-Kommission kritisiert die Zwangsrekrutierung, auch von minderjährigen Frauen in den zeitlich unbegrenzten Militärdienst unter Bedingungen, die der Zwangsarbeit ähneln. Berichten zufolge würden Frauen im National Service zudem häufig Opfer sexueller Gewalt durch Offiziere und männliche Rekruten. Als problematisch bewertet das Komitee auch, dass junge Frauen vermehrt frühzeitig die Schule verlassen oder minderjährig schwanger werden, um den Militärdienst zu umgehen. Abseits des National Service besteht für Frauen die Gefahr, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden. Auch Genitalverstümmelung betrachtet die Frauenrechtsorganisation Make Every Woman Count als ein ernstzunehmendes Problem in Eritrea: 89 Prozent aller eritreischen Frauen sind laut MEWC davon betroffen.

Vergewaltigungen im Kongo: Physische und psychische Folgen

„Die Regierung muss das Schweigen brechen“: Die kongolesische Medizinerin Dr. Gloria Mwanza Tshilumba über die Opfer von sexueller Gewalt im Kongo und ihre Arbeit in der Ngaliema Klinik in Kinshasa.

Gloria Mwanza Tshilumba erregt Aufsehen, als sie mit ernster Miene den Raum betritt. Knallrote Lippen, elegante Kleidung und hohe Schuhe unterstreichen ihre Weiblichkeit. Ihre Stimme ist fest und ruhig, während sie sachlich über die Gräueltaten berichtet, die sich im Kongo zutragen. Man merkt, sie versteht ihr Fach.
Seit 2007 ist sie Ärztin der inneren Medizin in der Ngaliema Klinik in Kongos Hauptstadt Kinshasa. Die Allgemeinmedizinerin behandelt tagtäglich Patienten mit unterschiedlichen Krankheitsbildern. Da sie in der Stadt und nicht auf dem Land praktiziert, hat sie es im Alltag nur selten mit Vergewaltigungsopfern zu tun. Aber hin und wieder gelingt es den Frauen, das Konfliktgebiet zu verlassen und sich in der Klinik behandeln zu lassen. Diese Frauen sind meistens so schwer verletzt, dass sie sofort operiert werden müssen. Aber ebenso groß wie die physischen Verletzungen sind die seelischen: „Ich muss diese Frauen vor allem psychisch ermutigen, damit sie anfangen zu erzählen. Viele haben starke Unterleibsverletzungen und ich muss ihnen wieder Hoffnung geben, denn diese Frauen wollen nicht mehr leben“. In solchen Fällen ist Dr. Tshilumba nicht nur als Ärztin, sondern auch als Seelsorgerin im Einsatz.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Dr. Tshilumba berichtet über sexuelle Gewalt und ihre Folgen im Kongo.

Im Kongo gibt es für vergewaltigte Frauen das Recht auf Anzeige sowie medizinische und psychologische Behandlung, jedoch machen die wenigsten davon Gebrauch. Denn selbst wenn die Täter im Gefängnis landen, was sehr selten der Fall ist, sind diese Gefängnisse nicht sicher und die Ausbruchrate ist sehr hoch. „Unsere Gefängnisse im Kongo sind wie Siebe“, moniert Dr. Tshilumba. Frauen trauen sich deshalb nur sehr selten, Anzeige gegen ihren Vergewaltiger zu stellen; die geschätzte Dunkelziffer liegt bei ca. 500.000 Vergewaltigungsopfern jährlich. Das liegt jedoch nicht nur an dem maroden Gefängnissystem – vergewaltigte Frauen werden oftmals von der Gemeinde geächtet, verstoßen und von den Familien verlassen, ebenso wie die Kinder, die aus den Vergewaltigungen entstehen und als „Schlangenkinder“ bezeichnet werden. „Den Frauen wird das Recht auf Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper geraubt, ebenso wie das Recht, Mutter zu werden“, fasst Tshilumba zusammen. Beim Gespräch mit der Ärztin wird auch ein weiteres Problem deutlich: Die Tatsache, dass auch Männer im Kongo Opfer von Vergewaltigungen werden, ist selbst für die Ärztin kaum im Bereich des Vorstellbaren. „Im Kongo ist bei Vergewaltigungen nur von Frauen die Rede“, erklärt Tshilumba nach mehrmaligem Nachfragen. „Die Frauen sind die, die die Wahrheit sagen und Männer sind da zurückhaltend und sagen nichts. Wenn Ihnen sowas passiert, ziehen sie sich zurück und sind einfach fertig mit den Nerven“, erläutert die Ärztin.

Was geschehen muss, um die Situation im Kongo zu verbessern, ist für sie klar: Frauen müssen über ihre rechtlichen Ansprüche ausführlicher informiert werden. Ebenso sollten Soldaten besser aufgeklärt und geschult werden, damit den Frauen ausreichend Schutz geboten werden kann. Eine weitere Notwendigkeit ist in ihren Augen, dass ein Friedensgerichthof geschaffen wird. Der Anfang muss aber von oben gemacht werden, schließt die Ärztin: „Die Regierung muss das Schweigen brechen“. Damit das geschieht, ist auch Hilfe aus dem Ausland notwendig. „Die kongolesische Regierung kann das alleine nicht stemmen. Da ist auch Europa gefragt.“

 

 

Gleichberechtigung für türkische Journalistinnen – ein weiter Weg Autorin: Theresa Kienlein

Frauen sind in türkischen Redaktionen unterrepräsentiert, in den Chefetagen kommen sie so gut wie nicht vor. Die Kommunikationswissenschaftlerin Gizem Melek hat mit zehn Journalistinnen Interviews über ihren Alltag geführt. Ihre Aussagen illustrieren die wichtigsten Gründe und zahlreiche Beispiele für Diskriminierung und sexuelle Belästigung von Frauen. Für die Zukunft fordert Melek eine bessere Vernetzung von Universitäten und Medienhäusern, ein Umdenken der Gesellschaft und eine starke Bewegung für Frauen und Frauenrechte in der Türkei.

Die türkischen Medien sind eine nahezu reine Männerdomäne

Laut einer Studie zweier türkischer Journalistinnen sind in der Türkei rund 30 Prozent aller Beschäftigten der Medienbranche weiblich. Dabei variiert der Anteil der beschäftigten Frauen je nach Medium und Art der Position, wie die folgende Tabelle zeigt:

Frauenanteile in türkischen Medienunternehmen - Unterschiede innerhalb der Branche. Quelle: Gizem Melek, eig. Darstellung.
Anteil der beschäftigten FrauenAnteil der beschäftigten Frauen in ManagementpositionenAnteil der weiblichen Chefredakteure
Printmedien19 %12 %4 %
Online-Redaktionen der Zeitungen33 %k.A.17 %
Fernsehanstaltenk.A.10 %k.A.
reine Online-Medien38 %28 %31 %

 

Schlüsselt man die Führungspositionen weiter auf die einzelnen Managementaufgaben auf, so fällt der – im Vergleich gesehen – relativ hohe Frauenanteil von 28,7 Prozent bei den Ressortleitern auf. Ist die Geschlechtergerechtigkeit hier auf einem guten Weg? „Leider nein“, erwidert Melek „weiblich besetzte Bereiche sind Zeitschriften und Lifestyle-Magazine. In Ressorts wie Politik oder Wirtschaft findet man so gut wie keine Frauen, sie stecken in Kunst und Kultur, Gesundheit und bei Bildungsthemen fest. Das zeigt wieder eine andere Form von Sexismus.“ Bei den Themen Sport und Wirtschaft sind allerdings öfter weibliche Moderatoren und Nachrichtensprecher zu sehen. Häufig aber nicht aus dem Blickwinkel der Gendergerechtigkeit, sondern als gezielte Marketingmaßnahme für die überwiegend männliche Zielgruppe, führt Meleks Interviewpartnerin A.I, Journalistin seit neun Jahren, aus: „Women presenters are seen only as a visual material“.

Ein weiteres Problem ist die Hauptstadtberichterstattung aus und in Ankara. Um in der Türkei in eine leitende Medienposition zu kommen, ist Erfahrung in der Hauptstadt ein unbedingtes Muss. „Hier sehen wir erschreckende Zahlen“, so Melek weiter, „bei 17 Zeitungen in Ankara gibt es nur eine weibliche Korrespondentin.“

Diskriminierung und sexuelle Belästigung sind Alltag

Journalistinnen in der Türkei werden oft auf ihr Äußeres reduziert: Sie berichteten in den Interviews von Einkaufs- und Stylingstipps, die sie von ihren Vorgesetzten erhalten haben. Einmal habe sie über ein Bootsunglück mit 37 Toten live berichtet, erzählte eine politische Korrespondentin: „Alles, was meine Chefs interessiert hat, war mein Outfit.“ Eine andere Journalistin berichtet von andauernder sexueller Belästigung durch einen Kollegen am Arbeitsplatz. Als sie ihren Chef auf die Vorfälle ansprach, folgten Unverständnis und keine Reaktion. „Die Türkei tut sich schwer mit der Gleichstellung“, so Melek, „Frauen wissen im Berufsalltag oft nicht, wie sie sich abgrenzen sollen.“

Gesetzliche Lage und Einkommensunterschiede

Auch die offizielle Statistik bestätigt die bisher genannten Zahlen: Im Jahr 2013 waren von insgesamt 14415 akkreditierten Journalisten lediglich 23 Prozent weiblich. Die amtliche Statistik täusche aber, erklärt Misket Dikmen, Präsidentin des Verbands Izmirer Journalisten. „Frauen werden seltener von ihren Arbeitgebern offiziell registriert. Gerade in den ländlichen Gebieten arbeiten sie oft auf Aushilfs- und Voluntärsbasis.“ Weniger Sicherheit, geringeres Einkommen und bei Gehaltsverhandlungen verschobene Blickwinkel: Frauen werden oft schlechter bezahlt mit dem Argument, dass sie ja nur das zweite Einkommen im Haushalt liefern, ihr männlicher Kollege bei gleicher Arbeit eine ganze Familie zu versorgen habe, so die Präsidentin weiter.

Schwierige politische Lage und Attacken von Politikern in Sozialen Netzwerken

Das angespannte politische Klima in der Türkei, die Repressionen gegenüber Medienvertretern und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen tragen außerdem dazu bei, dass die berufliche und soziale Situation von Frauen schwieriger wird. Wenn Entlassungswellen drohen, seien es zuerst die Frauen, denen gekündigt wird. Melek hat seit den Gezi-Protesten 2013 ein weiteres Phänomen beobachtet: Immer öfter werden gezielt einzelne Journalistinnen Opfer von Angriffen in den sozialen Netzen. Hochrangige Politiker und Vertreter der Regierungspartei starten einen breiten Shitstorm gegen Einzelne, darunter bekannte Journalistinnen wie Nuray Mert oder Rengin Arslan.

Gendergerechte Sprache in der Praxis und die Ellbogenmentalität unter Kollegen

Auch im Redaktions- und Arbeitsalltag herrscht ein angespanntes Klima. „Wenn mir als Redakteurin genderdiskriminierende Sprache auffällt, kann ich sie verbessern“, so eine Medienvertreterin, „wenn ich andere auf die Diskriminierungen in ihren Texten hinweise, werde ich meist lächerlich gemacht.“ Eine andere Journalistin, die seit 18 Jahren als politische Korrespondentin arbeitet, berichtet, sie habe Panikattacken, seit sie bei einer Parteiveranstaltung körperlich heftig in der Menge gedrückt und gequetscht worden sei.

Forderungen für die Zukunft

Gendergerechtigkeit und gendergerechte Sprache sind Bestandteil der journalistischen Ausbildung an den Universitäten. Gizem Melek fordert eine Weiterführung der Inhalte und die bessere Vernetzung von Hochschulen und Medieninstitutionen. Außerdem bräuchten Frauen und Frauenrechte mehr Aufmerksamkeit und eine starke, breite Bewegung in der Türkei. Die Gesellschaft müsse umdenken, die Diskriminierungen und Repressionen Frauen gegenüber müssten beendet werden.

Porträt der Wissenschaftlerin Dr. Gizem Melek.

Dr. Gizem Melek

Dr. Gizem Melek ist eine türkische Kommunikationswissenschaftlerin, die seit 2011 an der Yasar Universität in Izmir (Türkei) am Institut für Radio, Fernsehen und Kino lehrt und forscht. Nach Stationen an der Universität Westminster in London und der Ägäis Universität in Izmir hat sie 2015 ihre Promotion mit dem Titel „A Study on Hürriyet and Twitter within the Framework of Intermedia Agenda-Setting“ abgeschlossen. Neben der akademischen Arbeit hat sie sechs Jahre Erfahrung im Journalismus, unter anderem als Korrespondentin des türkischen Fernsehsenders NTV und des Londoner Fernsehens ITV. Aktuell beschäftigt sie sich vor allen mit den Themenschwerpunkten Social Media im Bezug auf Twitter und Agenda-Setting sowie mit Fragen der Medienfreiheit und Medienethik.

Dr. Gizem Melek auf Twitter folgen: @Gizem_Melek

 

Mehr zu Thema Gender und Media in der Türkei:

 

Der deutsche Blick auf die Türkei Autor: Yannic Kollum

Sich selbst ein Bild zu machen wäre natürlich die beste Variante. Da dies aber nur in den wenigsten Fällen möglich ist, greift man in der Regel auf Medien zurück. Zwar wird der Blick auf andere Länder dadurch gefiltert, doch erhält man durch die Perspektiven und die Expertise der Berichterstatter auch Informationen, die einem selbst verwehrt geblieben wären. Luisa Seeling, Redakteurin der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Bereich Außenpolitik, beantwortet einige Fragen zum Thema Gender in der Türkei sowie zur deutschen Berichterstattung.

 

Berichtet eine Frau anders über die Türkei als ein Mann?

Ich glaube nicht, dass das Geschlecht hierbei eine Rolle spielt. Vor ein paar Monaten hat ein SZ-Kollege einen Text über die Proteste nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan und über das Gewaltproblem in der Türkei geschrieben. Es war ein guter Text, und wenn der Name des Autors nicht über dem Artikel gestanden hätte, wäre wohl nicht spürbar gewesen, dass da ein Mann schreibt.

Welche Rolle spielen Gender-Themen in der Berichterstattung?

Die Medien berichten immer mal wieder über „Frauen in der Türkei“, aber – etwas salopp ausgedrückt – meist entweder als Ausnahme oder als Opfer. Wenn eine Türkin einen einflussreichen politischen Posten bekleidet, schreiben wir darüber, weil wir es überraschend finden. Und wenn es ein brutales Verbrechen gibt, wenn es also um Gewalt gegen Frauen geht, berichten wir auch, wie über den Mord an Özgecan Aslan. Das ist auch richtig so, weil wir Missstände thematisieren müssen. Trotzdem wäre natürlich schön, wenn es irgendwann keiner besonderen Erwähnung mehr bedürfte, dass eine Frau Ministerin, Bürgermeisterin oder Konzernchefin wird. Ich finde außerdem, dass wir uns noch mehr mit alltäglichen Gesellschaftsthemen befassen könnten: Wie organisieren türkische Paare die Kinderbetreuung? Welche Angebote der Familienplanung gibt es? Was bedeutet es in der Türkei, wenn die Großeltern oder Urgroßeltern pflegebedürftig werden? Denn all das betrifft ja ganz unmittelbar das Leben der Frauen.

Viele Menschen haben ein Bild im Kopf von türkischen Frauen, die sich unterordnen. Woher kommt das?

Ich persönlich habe dieses Bild nicht. Dafür kenne ich zu viele Frauen in der Türkei, die tolle Karrieren machen, die sich für ihre Rechte einsetzen und den Mund aufmachen, wenn ihnen etwas nicht passt. Wenn Recep Tayyip Erdoğan Frauen dazu auffordert, mindestens drei Kinder zu bekommen, oder das Abtreibungsrecht verschärfen will, gehen Tausende auf die Straße, um zu protestieren. Ich kenne übrigens auch türkische Männer, die ihre Frauen unterstützen und stolz auf deren Karriere sind.

Man kann also nicht pauschal sagen, dass sich Frauen in der Türkei unterordnen. Trotzdem sind natürlich die patriarchalischen Strukturen allgegenwärtig, es gibt ein großes Gleichberechtigungsproblem. In der Politik und allgemein auf dem Arbeitsmarkt sind Frauen unterrepräsentiert. Die AKP-Regierung zeigt wenig Interesse daran, das zu ändern. Sie vertritt ein konservatives Frauenbild, Frauen sollen sittsam, folgsam, mütterlich sein. Hinzu kommt ein massives Gewaltproblem – häusliche Gewalt, immer wieder auch furchtbare Morde. Das allerdings ist nicht erst mit der AKP über die Türkei gekommen. Dieses Problem ist viel älter, da haben auch frühere, säkular-kemalistische Regierungen versagt.

Ist Gewalt gegen Frauen eine Frage des sozialen Milieus?

Auch, ja. Frauen in den ärmeren, bildungsferneren Schichten sind oft schlechter ausgebildet, sie haben keinen Beruf, sind ökonomisch abhängig – ihnen fehlt oft das Handwerkzeug, um sich gegen das patriarchalische System zur Wehr zu setzen. Trotzdem muss man aufpassen, dass man nicht die einfache Gleichung aufmacht: südostanatolisch und fromm – also frauenfeindlich. Geschlechterkonservative Positionen gibt es in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus, nicht nur im ländlichen Südosten. Hinzu kommt, dass die Frauenbewegung in sich gespalten ist: Stramm säkular-kemalistische Frauenrechtlerinnen haben für Kopftuchträgerinnen oft nur Verachtung übrig. Diese Spaltung schwächt die türkische Frauenbewegung.

Kann ein deutscher Journalist mit seiner westlich-liberalen Brille überhaupt die Gender-Situation in der Türkei objektiv abbilden?

Objektiv ist man nie. Jeder hat einen kulturellen Kontext und eine eingefärbte Sicht auf die Dinge. Das ist normal, unvermeidbar und, solange man sich dessen bewusst ist, auch erlaubt. Ich finde auch nicht, dass man sich von demokratischen Maßstäben verabschieden sollte, nur weil man über ein Land schreibt, in dem Politik anders funktioniert als in unseren liberalen europäischen Demokratien. Der Rest ist journalistisches Handwerk: Nachricht und Meinung trennen, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lassen.

Das eigentliche Problem, das Sie mit der Frage ansprechen, ist das des Zugangs. Als ausländischer Journalist hat man in der Regel viele liberale, progressive Freunde und Ansprechpartner, sie leben in Istanbul oder Izmir, arbeiten an der Uni, in der Werbebranche, in den Medien, sind meist nicht übermäßig religiös. Oft wählen sie die Mitte-Links-Partei CHP; AKP-Wähler oder Anhänger der nationalistischen MHP sind in den Freundeskreisen ausländischer Journalisten deutlich seltener. Es ist manchmal schwierig, aus dieser Blase herauszukommen und sich Zugang zu anderen Teilen der Gesellschaft zu verschaffen. Wenn das nicht gelingt, denkt man irgendwann, das ganze Land bestehe aus Erdoğan-Kritikern – und wundert sich sehr, wenn die AKP dann doch die Wahl haushoch gewinnt. Ich finde aber, dass die meisten deutschen Kollegen, die aus der Türkei berichten, sehr ausgewogen und differenziert arbeiten.

Gibt es in Teilen der türkischen Gesellschaft Vorbehalte gegenüber der Berichterstattung westlicher Journalisten – vor allem, wenn es um Gender-Themen geht? Erschwert das die Recherche?

Ich habe in dieser Richtung noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es nicht auf große Begeisterung stößt, wenn man einem konservativen Familienoberhaupt Vorträge darüber hält, wie er seine Frau zu behandeln hat. Ein bisschen Fingerspitzengefühl ist bei der Recherche sicher hilfreich.

Generell ist mein Eindruck, dass sich vor allem AKP-Leute von westlichen Journalisten missverstanden und ungerecht behandelt fühlen, weil die Berichterstattung über die AKP in den vergangenen Jahren immer kritischer geworden ist. Zu Recht, wie ich finde; die türkische Regierung schränkt die demokratischen Freiheiten immer hemmungsloser ein. Darüber muss man schreiben.

Spielt das Thema Geschlechtergleichheit in der Türkei zurzeit überhaupt eine Rolle in den Medien angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen?

In der Tat steht das Thema im Moment nicht ganz oben auf der Agenda. Einfach deshalb, weil in der Türkei in den vergangenen Monaten so wahnsinnig viel passiert ist: Der Konflikt des türkischen Staats mit den Kurden ist wieder ausgebrochen, die Friedensgespräche sind beendet worden. Es gab blutige Anschläge, die Situation an der syrischen Grenze ist angespannt, das Elend der Flüchtlinge nimmt zu; und dann gab es auch noch zwei Parlamentswahlen in diesem Jahr mit extrem polarisierten Wahlkämpfen.

Trotzdem: Immer dann, wenn etwas geschieht, etwa der Mord an der Studentin im Frühjahr 2015, werden die Frauen – und auch einige Männer – wahnsinnig wütend. Dann kocht eine richtige Welle hoch, es gibt Demonstrationen und es wird sehr viel berichtet, in türkischen Medien und im Ausland. Anders als früher diskutiert die Öffentlichkeit über die Situation von Frauen, das ist ein Fortschritt. Ich habe also durchaus den Eindruck, dass sich etwas tut. Das Bewusstsein für die Probleme ist größer geworden. Doch der Kampf für Frauenrechte und gegen die Gewalt bleibt mühsam, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es eine konservative Gegenbewegung gibt. Wie sich die Situation von Frauen in den nächsten Jahren entwickelt, wird ganz stark davon abhängen, wie sich die türkische Demokratie insgesamt entwickelt. Zurzeit sieht es nicht gerade rosig aus.

 

Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.

 

Luisa Seeling

Luisa Seeling ist Journalistin der Süddeutschen Zeitung im Ressort Außenpolitik und beschäftigt sich überwiegend mit dem Themenkomplex Türkei. Im Laufe ihres Studiums, das einen Bachelorabschluss in Europäischen Studien an der Universität Maastricht sowie einen Masterabschluss in Internationalen Beziehungen an der Freien Universität Berlin umfasste, entwickelte sich bei ihr der Gedanke, als Journalistin tätig zu werden. Ein Auslandssemester an der Doğuş Universität in Istanbul, das sie im Rahmen ihres Bachelorstudiums absolvierte, weckte ihr Interesse an der im gesellschaftlichen Wandel begriffenen Türkei. Nach diversen journalistischen Tätigkeiten wurde sie 2012 Stipendiatin des Johannes-Rau-Stipendiums der Internationalen Journalisten Programme (IJP), wodurch sie zwei Monate bei der türkischen liberalen Tageszeitung Radikal Gazetesi in Istanbul verbrachte. Sie machte Erfahrungen als Auslandskorrespondentin und konnte durch Recherchen vor Ort (*) ihre Türkei-Expertise noch weiter vertiefen. Ihre Laufbahn bei der SZ begann Luisa Seeling 2013 mit einem Volontariat, Mitte 2015 wurde sie feste Mitarbeiterin der außenpolitischen Redaktion mit dem Schwerpunkt türkische Politik und Gesellschaft.

* Die Ergebnisse ihrer Recherchen in Istanbul finden sich beispielsweise in dem gemeinsam mit Özlem Topçu geschriebenen Text „Verachtung von gestern“ wieder, der 2013 in der ZEIT veröffentlicht wurde.

Internationale Journalisten Programme & Stipendien

An der Wurzel der Korrektur von Bildern steht das Begegnen – egal ob persönlich oder seitens des Berichterstatters. Exakt jener Notwendigkeit, die zu einer besseren Auslandsberichterstattung in Deutschland führen soll, hat sich Internationale Journalisten Programme e.V. verschrieben.

Jedes Jahr bieten die IJP jungen, aufstrebenden Journalisten die Möglichkeit, an internationalen Austauschprogrammen von Medien und Meinungsmachern teilzunehmen. Im Rahmen von journalistischen Stipendien ermöglicht der gemeinnützige Verein die professionelle Begegnung mit anderen Kulturen in weltweit über 40 Staaten, wie beispielsweise der Türkei oder Nationen im südlichen Afrika. Den Teilnehmern eröffnet sich die Gelegenheit, vor Ort ausgiebige Recherchen durchzuführen bzw. allgemein die Kenntnis über Kultur und Land sowie das eigene Netzwerk um internationale Kontakte zu erweitern. Über einen Zeitraum von zwei Monaten arbeiten die Stipendiaten sowohl als Gastredakteure in den ausländischen Redaktionen als auch als Korrespondenten für die jeweiligen Heimatmedien. Der Austausch erfolgt dabei bilateral; geht etwa eine deutsche Stipendiatin in die Türkei, so kommt eine Kollegin oder ein Kollege von dort zu einem deutschen Medium.

Weitere Informationen unter:
http://www.ijp.org/ – Offizielle Homepage der Internationale Journalisten Programme e.V.

Medienalltag in der Türkei: Genderaspekte und Pressefreiheit Autoren: Yannic Kollum, Theresa Kienlein

‚Frauen tragen Kopftuch, haben nichts zu sagen und haben keine gesellschaftlich relevanten Funktionen‘. So kann man das Stereotyp überspitzt auf den Punkt bringen, wenn man sich mit der Außensicht von Gendergerechtigkeit in der Türkei beschäftigt. Ebenso verhält es sich, versucht man, die Rolle von Frauen im türkischen Mediensystem zu benennen. Die vier Türkei-Expertinnen der Bildkorrekturen 2015 räumen mit einigen Vorurteilen auf, bestärken andere und zeigen vor allem ein komplexes Gesamtbild der Rolle der Frauen im türkischen Mediensystem. Ein Bild, das sich am Ende eher auf diese beiden Kernsätze reduzieren lässt: „Journalism in Turkey is a hard job and women have even more problems“, so Dr. Gizem Melek und Sevgi Akarçeşme ergänzt: „At the moment it’s almost luxury to talk about gender issues in Turkish media system.“

Eine türkische Chefredakteurin – theoretisch ja, praktisch auch?

Theoretisch gibt es Arbeitsschutzgesetze für Journalisten, Gesetze zur Medienfreiheit und Bestimmungen zum Schutz vor Geschlechterdiskriminierung. In der Realität sind rund 70 Prozent der Journalisten männlich, in den Management-Positionen der Medienanstalten und privaten Mediendienstleister über 90 Prozent. In der Theorie werden alle Journalisten laut Gesetz Nr. 212 registriert, fallen so beispielsweise unter Arbeitsschutzregelungen. In der Praxis werden weniger Frauen als Männer unter diesem Gesetz akkreditiert und arbeiten – gemessen an ihren männlichen Kollegen – überdurchschnittlich häufig in prekären Arbeitsverhältnissen.

Bewegung in der türkischen Öffentlichkeit?

Auf Fragen nach organisierten Bewegungen zur Stärkung der Rechte der Frauen, aktuellen gesellschaftlichen Debatten oder dem Bild der Frau in den Medien selbst fanden Melek und ihre deutsche Kollegin, Dr. Elinor Morack ebenso deutliche Worte. Es gibt im ganzen Land immer wieder Gruppen von Frauen und Männern, die sich für Gleichberechtigung und eine Verbesserung der aktuellen Situation stark machen, allerdings ist die Berichterstattung bisher auf wenige Leuchtturmprojekte, wie das Engagement von Frauen rund um die Gezi-Proteste 2013, beschränkt. Eine breitere Berichterstattung finde im Moment (noch) nicht statt, so sind sich die Expertinnen einig. Außerdem werden an Frauen und Männer unterschiedliche moralische Maßstäbe angelegt, beispielsweise unterscheidet sich die Berichterstattung über Gewaltverbrechen in der moralischen Bewertung erheblich, je nachdem, ob die Täter männlich oder weiblich sind. Weitere Probleme sind TV-Serien und andere populäre Formate, die ein überholtes Frauenbild vermitteln, sowie die Tatsache, dass Frauen in der Medienberichterstattung kaum als selbständig Handelnde vorkommen und so zu reinen Objekten degradiert werden.

Kritische Sicht auf die Regierungspartei

Von den Referentinnen besonders kritisch betrachtet wird die Rolle der Regierungspartei in der aktuellen gesellschaftlichen Debatte um die Rolle der Frau und die der freien Presse. Öffentlich rufen Mitglieder der AKP zu Shitstorms gegen unbequeme Journalisten auf und es bleibt auch nicht nur bei Drohungen. „Journalism is not only being targeted, it is being killed in Turkey“, kommentiert Akarçeşme. Authentischer könnte eine derartige Aussage kaum sein, zieht man in Betracht, dass Sevgi Akarçeşme selbst mit einer vom türkischen Premierminister eingereichten Klage konfrontiert sieht. In Deutschland könne sie frei reden, betont Akarçeşme, was sie jedoch bei der Rückkehr in die Türkei erwarte, bleibe abzuwarten (s. NACHTRAG). Längst ist sie nicht die Einzige, die mit diesem Klima der Angst zurechtkommen muss – gegenüber Anschuldigungen unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung, die regelmäßig zu Redaktionsdurchsuchungen, -räumungen sowie zu Verhaftungen führen, sind kritische Medienmacher egal welchen Geschlechts nahezu wehrlos.

Pressefreiheit als Grundlage hat Priorität

Angesichts derartiger Aussagen ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich die mediale Aufmerksamkeit auf andere Probleme als die Rolle der Frau gerichtet ist. Sicher schwele das Genderthema im Untergrund und blinke in der Medienberichterstattung hier und dort auf, erklärt die SZ-Redakteurin Luisa Seeling, dennoch stehe Geschlechtergleichheit anhand einer Vielzahl anderweitiger gesellschaftlicher Entwicklungen gerade nicht an der Spitze der Medienagenda. Die Pressefreiheit und ihre Bedrohung sind als Problematik derart grundlegend, dass das Genderthema in den Hintergrund rückt – dies selbst auf einer Tagung, die sich explizit diesem Gegenstand verschrieben hat.

 

----- NACHTRAG -----
Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Quelle: Twitter/ @SevgiAkarcesme

Dramatische Entwicklung: Journalistin und Türkei-Panelistin Sevgi Akarçeşme von Gericht wegen angeblicher Beleidigung des türkischen Premierministers verurteilt

Bereits auf der Tagung hatte Frau Sevgi Akarçeşme Bedenken, über das, was sie zurück in der Türkei erwartet, mitgeteilt. Knapp zwei Wochen nach den Bildkorrekturen in Leipzig vom 26. bis 28.11.2015 wurde sie in der Türkei zu einem Jahr und fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Vorgeblich habe sie den türkischen Premierministers über Twitter beleidigt, wobei sich die Argumentation der Klägerschaft auf einen von einem anderen Twitter-Nutzer verfassten Kommentar unter Akarçeşmes kritischem Tweet bezieht, mit dessen Urheberschaft sie nichts zu tun hat. Während Akarçesme Davutoğlu beschuldigt, die Pressefreiheit zu eliminieren, betitelt der Folgetweet den Premier mit dem Wort „Liar“, was als Aufhänger für die Klage verwendet wird. Die Haftstrafe ist unter Strafaussetzung auf fünf Jahre ausgesetzt. Dies bedeutet, dass sie bei guter Haltung bzw. nicht eintretender Wiederholung des Klagegrundes einerseits zwar die Haftstrafe umgehen kann, andererseits jedoch in ihrer journalistischen Arbeit in dieser Zeit überaus vorsichtig – um nicht zu sagen ‚zahm‘ – sein muss. So wird ihr durch das Urteil praktisch ein publizistischer Maulkorb umgehängt.

Angesichts dieser tragischen Entwicklung wünschen wir Frau Akarçeşme viel Kraft und Standhaftigkeit – auf dass ihr Engagement und ihre kritische Haltung in der Zukunft nicht erneut gegen sie verwendet werden.

Artikel zur Verurteilung unter: http://www.todayszaman.com/national_todays-zaman-journalists-given-suspended-jail-sentences-for-insulting-pm_406558.html

 

„Entweder wir schweigen oder wir retten die Welt“ – Im Gespräch mit Diane Nininahazwe Autorin: Nadine Dinkel

Im Panel zu Burundi sitzt mir die 26-jährige Radiojournalistin Diane Nininahazwe gegenüber. Sie wirkt angespannt und ernst. Wir sehen uns kurze Videosequenzen vom Wahltag in Bujumbura und der Situation von Journalisten in Burundi an. Als Diane die gewaltbeherrschten Bilder aus ihrer Heimat sieht, ist sie sehr bewegt. „Die burundische Regierung tötet Menschen, sie respektiert ihre Rechte nicht.“ Nach politischen Unruhen wurden 2015 alle privaten Radiostationen im Land geschlossen oder zerstört. Pressefreiheit? Die gibt es nicht mehr. Immer mehr burundische Journalisten sind gezwungen, das Land zu verlassen. Obwohl der Radiosender, für den Diane arbeitet, am 14. Mai 2015 geschlossen wird, entscheidet sie sich zu bleiben und weiterhin zu berichten. Immer wieder wird sie von Freunden und ihrer Familie gefragt: „Bist du verrückt, das zu machen?“ Doch für Diane als Journalistin gibt es nur zwei Möglichkeiten: „Entweder wir schweigen und lassen die Bevölkerung im Stich oder wir reden und riskieren zu sterben.“

 

„Wir sollten unsere Mikrofone dazu nutzen, die Welt zu verändern“

Als burundische Journalistin verdient Diane weniger als 100 Dollar im Monat. ‚Journalistin sein‘ ist für sie nicht nur ein Beruf, es ist ihre Berufung, ihre Leidenschaft. „Meine Aufgabe ist es, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Ich als Journalistin habe die Möglichkeit dazu.“ Medien haben für sie vor allem die Aufgabe, der Bevölkerung eine Stimme zu verleihen und die Regierung zu kritisieren: „Wir Journalisten sind die vierte Gewalt, wer, wenn nicht wir, soll die Gesellschaft verändern?“ Viele zu Unrecht inhaftierte Burundier, darunter auch Journalisten, wurden durch den Druck der Medien wieder frei gelassen. Jetzt stehen die Medien selbst im Visier der Regierung.

 

„Journalisten sind nationale Helden“

Die burundische Bevölkerung schätzt Journalisten, die über Konflikte berichten. „Journalisten sind sehr anerkannt, Ihnen kommt viel Dank zu.“ Dennoch ist es oft schwierig und gefährlich. Burundi ist ein kleines Land, jeder kennt jeden. „Es ist nicht möglich, als Journalist unauffällig unterwegs zu sein. Oft wird man auf der Straße angesprochen: Darüber hättest du nicht berichten sollen!“

 

„Ich mochte das Mikrofon“

Dianes Eltern haben ihren Wunsch, als Journalistin zu arbeiten, immer unterstützt. „Als ich zwölf Jahre alt war, beschloss ich, Journalistin zu werden. Ich mochte das Mikrofon und wollte Sendungen für Kinder machen, den Kindern einen Stimme geben.“ Mit 16 Jahren machte Diane ein dreijähriges Volontariat bei Radio ijwi ry’amahoro („Voice of Peace“), einem katholischen Sender. Später hat Diane an der Universität Kommunikation für Entwicklung studiert. „Mit Journalismus hat das nicht viel zu tun. Journalismus kann man in Burundi nicht studieren. Viele große Journalisten haben überhaupt nicht studiert. Die meisten seien Journalisten aus Leidenschaft und lernten in der Praxis.“

 

Das Geschlecht spielt (k)eine Rolle

„In Burundi sind alle Journalisten gleich. Du wirst bedroht, weil du Journalist bist, nicht weil du eine Frau bist.“ Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es trotzdem. „Weibliche Journalisten sind vom Schicksal Einzelner oft stärker berührt als ihre männlichen Kollegen. Journalistinnen setzen sich außerdem mit anderen Themen auseinander. Da die Entscheidungsfindung in Medienunternehmen aber überwiegend bei Männern liegt, bekommen diese Themen dann oft wenig Platz im Programm.“

 

Aufgeben ist keine Option

Am 24. Juni 2015 ändert sich Dianes Leben schlagartig. Sie wird bedroht, eine Granate explodiert auf ihrem Grundstück. Sie ist nicht zuhause und überlebt. Ihr Mutter fleht: Wann hörst du endlich mit deiner Arbeit als Journalistin auf? Doch Diane kann und will nicht aufhören. Zunächst versteckt sie sich und schläft jede Nacht woanders, dann flieht sie in das Nachbarland Ruanda. Zum Zeitpunkt unseres Interviews lebt Diane dank der Unterstützung des Auszeit-Stipendiums in Berlin. Informationen über die aktuelle Situation in Burundi bekommt Diane via Internet, Whats App und Facebook. „Meine Kollegen senden Informationen aus Kigali, der Hauptstadt Ruandas, und verbreiten diese über Social Media.“

 

„Burundi ist ein Schatz, ein kleiner Schatz“

Auf die Frage, was sie machen würde, wenn sie eines Tages zurück nach Burundi könnte, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich bin und bleibe Journalistin. Meine Aufgabe als Journalistin ist es zu zeigen, dass wir die Gesellschaft verändern können.“ Diane musste ihre Heimat Burundi im Sommer 2015 verlassen, in der Hoffnung, bald zurückkehren zu können. Ein halbes Jahr lang findet sie Zuflucht in Berlin. Mit Ende des Stipendiums kehrt sie Ende Januar 2016 wieder nach Ruanda zurück, um dort Schutz zu suchen. Wann und ob sie nach Burundi zurückkehren kann, ist nicht absehbar. Dianes Wunsch ist es, eines Tages in ein friedliches Burundi zurückzukehren.

 

„In Burundi gibt es keine Züge“

Unser Interview findet größtenteils auf dem Weg zum Leipziger Bahnhof statt. Diane ist aufgeregt und erklärt mir, dass sie heute zum ersten Mal in ihrem Leben Zug gefahren sei. In Burundi gibt es keine Züge. Ich warte noch eine Stunde mit ihr am Bahnhof. Wir sprechen über alltägliche Dinge, wie es ihr in Berlin gefällt und ob sie schon andere Städte in Deutschland gesehen hat. Sie mag deutsches Bier und hat noch nie Glühwein getrunken. Zum ersten Mal seit vier Stunden wirkt sie etwas entspannt. Sie lächelt und erzählt ein wenig von ihrer Heimat Burundi, davon, wie sie früher einmal war.

SOS Médias Burundi

Die Pressefreiheit der burundischen Medien hat 2015 erhebliche Einschnitte erfahren. Doch Not macht bekanntlich erfinderisch. Eine Gruppe burundischer Journalisten lässt sich nicht einfach stumm schalten. SOS Médias Burundi nutzt die sozialen Medien und informiert via Soundcloud, Twitter und Facebook die burundische Bevölkerung über die Geschehnisse vor Ort.

Journalisten in Burundi – Bleiben oder fliehen? Autorin: Nadine Dinkel

Erst vor zehn Jahren ging in Burundi ein Bürgerkrieg mit rund 300.000 Toten zu Ende. Auch jetzt liest man in den Medien von einer „Spirale der Gewalt“. Seit April 2015 kommt es immer wieder zu Protesten und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der burundischen Bevölkerung, Oppositionellen und der Regierung. Anlass ist, dass der burundische Präsident Pierre Nkurunziza sich dazu ermächtigen ließ, für eine dritte Amtszeit zu kandidieren. Die burundische Verfassung sieht jedoch maximal zwei Amtszeiten vor. Nach einem gescheiterten Putschversuch im Mai ließ die burundische Regierung alle unabhängigen Medienhäuser gewaltsam schließen. Seitdem kommt es immer wieder zu Protesten, bei denen nach Schätzungen der Vereinten Nationen allein im Jahr 2015 mindestens 240 Menschen ums Leben kamen. Regierung und Opposition geben sich gegenseitig die Schuld an den Morden. Binnen eines Jahres sind mehr als 200.000 Menschen aus Burundi geflohen – hauptsächlich in die Nachbarländer Ruanda und TansaniaDie Vereinten Nationen warnen vor einem bevorstehenden Genozid.

 

Stummschaltung der privaten Medien

Die Pressefreiheit in Burundi ist erheblich eingeschränkt. Seit der gewaltsamen Schließung aller privaten Medienhäuser herrscht beinahe ein Informationsblackout. Informationen erhält die burundische Bevölkerung nur noch über staatliche Medien, die von der Regierung kontrolliert und zu ihren Zwecken instrumentalisiert werden. Kritische Stimmen werden gewaltsam stumm geschalten. Nur etwa fünf Prozent der unabhängigen burundischen Journalisten, die zuvor für private Medienhäuser gearbeitet haben, sind im Land geblieben und berichteten weiterhin.

Auch die Journalistin Diane Nininahazwe war mit ihrer kritischen Berichterstattung zunehmend in das Visier der Regierung geraten. Noch vor wenigen Monaten berichtete sie aus der burundischen Hauptstadt Bujumbura über die politischen Geschehnisse des Landes. Bis zur Schließung am 14. Mai 2015 arbeitete sie als Radiojournalistin für den privaten Radiosender Bonesha FM. Außerdem ist sie als Korrespondentin des US-amerikanischen Radiosenders Voice of America tätig.

 

Irgendwann bleibt nur die Flucht

Trotz der akuten Bedrohung von Journalisten durch die burundische Regierung ließ sich Diane Nininahazwe zunächst nicht an ihrer Arbeit hindern. Sie berichtete weiterhin für den US-amerikanischen Radiosender Voice of America. Dies änderte sich schlagartig, als am 24. Juni eine Granate auf ihrem Grundstück explodierte. Ein Anschlag, der ihr als Journalistin galt. Diane arbeitete gerade an einer Story über unaufgeklärte nächtliche Entführungen in Gihanga, einer Stadt nördlich der Hauptstadt Bujumbura. Für einen Bericht sprach sie vor Ort mit der burundischen Armee. Kurz darauf erhielt sie mehrere anonyme Drohungen, darunter eine konkrete Todesdrohung, dann folgte der Anschlag. Niemand wurde bei der Explosion verletzt. Dennoch blieb Diane nur die Flucht in das Nachbarland Ruanda. Dort kam sie bei ihren Geschwistern unter, ihre Eltern bleiben in Burundi.

 

Verdiente Auszeit

Ab Sommer 2015 lebte Diane als erste Stipendiatin des Auszeit-Stipendiums von Reporter ohne Grenzen und der taz Panter Stiftung in einer kleinen Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Der Aufenthalt in Berlin sollte ihr helfen wieder zu Kräften zu kommen. Da sich die politische Lage in Burundi weiter zugespitzt hat, wurde Dianes Aufenthalt bis Ende Januar 2016 verlängert. Mit Ablauf des Stipendiums muss Diane Deutschland verlassen. Bis die politische Lage in Ruanda es ihr erlaubt zurückzukehren sucht sie erneut Zuflucht in Ruanda.

 

Zum Interview mit der burundischen Journalistin Diane Nininahazwe

 

Pressefreiheit in Afrika
Zeit zum Durchatmen: Das Auszeit-Stipendium

Das Auszeit-Stipendium ist ein gemeinsames Projekt der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen und der taz Panter Stiftung. Es ermöglicht Journalisten und Journalistinnen aus Kriegs- und Krisengebieten einen bis zu dreimonatigen Aufenthalt in Berlin. Das Programm richtet sich vorwiegend an Journalisten und Journalistinnen, die in einem repressiven Umfeld tätig sind oder aufgrund ihrer Tätigkeit bedroht oder verfolgt werden. In Berlin erhalten die Stipendiaten die Möglichkeit, sich eine Auszeit zu nehmen und Abstand zu gewinnen. Sie können die Zeit aber auch zum Schreiben und Denken nutzen und das politische Leben in Berlin erkunden.

Rund 270 Journalisten und Journalistinnen aus aller Welt haben sich für das Stipendium beworben, das 2015 zum ersten Mal vergeben wurde. Bewerbungen kamen unter anderem aus Bolivien, Südafrika, Afghanistan, Syrien und der Ukraine. Die erste Stipendiatin ist die burundische Radiojournalistin Diane Nininahazwe.

Sie möchten mehr über das Auszeit-Stipendium erfahren oder sich bewerben?

https://www.reporter-ohne-grenzen.de/hilfe-schutz/auszeit-stipendium/

Medienlandschaft in Burundi

Ursprünglich gab es in Burundi staatliche und private Medien. Noch bis Ende Februar 2015 war es Journalisten möglich, relativ frei zu berichten. Nachdem der burundische Präsident Pierre Nkurunziza entgegen der Verfassung für eine dritte Amtszeit kandidierte, kam es zu politischen Unruhen im Land. Am 14. Mai 2015 wurden alle privatwirtschaftlichen und somit regierungsunabhängigen Medienhäuser von der burundischen Regierung gewaltsam geschlossen. Diese hatten zuvor regierungskritisch berichtet. 95 Prozent der unabhängigen Journalisten flohen in die Nachbarländer, insbesondere nach Ruanda.

Offiziell gibt es derzeit in Burundi nur noch staatliche Medien. Diese werden von der Regierung kontrolliert und zu Propagandazwecken eingesetzt. Inoffiziell erhält die burundische Bevölkerung noch Informationen über soziale Medien. Doch viele Burundier haben keinen Zugang zu Internet oder Smartphone. Zuvor sendeten zehn private Radiosender aus Burundi – Radio ist das wichtigste Medium für eine Bevölkerung, in der viele weder lesen noch schreiben können. Neben den staatlichen Radiosendern bleiben nun nur noch die beiden Auslandssender Voice of America und Radio France Internationale, die aus Washington D.C. bzw. Paris senden. Doch die Sender berichten auf Englisch oder Französisch –  Sprachen, die in Burundi nur die Gebildeten sprechen, denn Amtssprache ist Kirundi. Die breite Masse der burundischen Bevölkerung erreicht also nur noch die staatlichen Medien.

Die Rolle der Frauen in der Türkei Die Türkei: Ein Land zwischen Modernisierung und Tradition. Die Turkologin Ellinor Morack spricht über Widersprüche und die ambivalente Rolle der Frau in der Türkei.

Die AKP, seit 2002 an der Regierung, hat dem Land mit einem Wirtschaftsaufschwung einen noch nie dagewesenen Wohlstand beschert. In den vergangenen Jahren hat sich die Türkei zu einer stabilen und prosperierenden Wirtschaftsnation entwickelt. Das Land am Bosporus steht auf Platz 18 der Rangliste der größten Ökonomien und ist auch Teil der G20. Debatten um Meinungsfreiheit und über den Schutz von Minderheiten sind jedoch auch Teil des Landes. Nach anfänglichen Fortschritten, wie dem gesetzlich festgeschriebenen Schutz von Minderheiten, wird die Kritik an Präsident Recep Tayyip Erdogan immer lauter.

Die Stellung der Frau und die Geschlechterverhältnisse in der Türkei sind von großen Widersprüchen und Ungleichheiten gekennzeichnet. Dabei führte schon Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk zahlreiche gleichstellende Maßnahmen durch: das Wahlrecht für Frauen führte die Türkei 1934 ein, vor Frankreich und Italien. Trotz diesen frühen Bestrebungen und der heute rechtlich existenten Gleichberechtigung, sieht die gesellschaftliche Realität anders aus: Im aktuellen Gender Gap Report 2015 des World Economic Forums rangiert die Türkei auf Platz 130 von 145. Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist eines der am weitesten verbreiteten Probleme. Fast 300 Frauen wurden 2014 in der Türkei von Männern ermordet, allein im Januar 2015 waren es bereits 27 Morde. Das sind etwa doppelt so viele Frauenmorde wie in Deutschland im gleichen Zeitraum, bei einer etwas kleineren Bevölkerung. Nach einer Studie der Istanbuler Sabancı-Universität haben 42 Prozent aller Frauen über 15 Jahren, das sind in etwa elf Millionen Frauen, in ihrem Leben häusliche Gewalt physischer oder sexueller Natur erfahren.

Ellinor Morack (Universität Bamberg, links), Ebru Tasdemir (Mitte), Dr. Gizem Melek (Yasar Universität Izmir, rechts)

Ellinor Morack (Universität Bamberg, links), Ebru Tasdemir (Mitte), Dr. Gizem Melek (Yasar Universität Izmir, rechts)

Was sind die Ursachen für diese alarmierenden Zahlen?

Ellinor Morack, akademische Rätin am Lehrstuhl für Turkologie an der Universität Bamberg, führt als einen Grund die genaueren Statistiken an: Anzeigen werden eher aufgenommen, es werde eher ermittelt und weniger vertuscht. Zudem ist für die Expertin die Urbanisierung ein weiterer Grund für die zunehmende Gewalt an Frauen. Die meisten Leute leben heutzutage in großen Apartment-Blocks, wo im Gegensatz zu dem früher eher dörflichen und gemeinschaftlichen Zusammenleben oftmals kein Kontakt zu den Nachbarn vorhanden ist. Bei Vorfällen von häuslicher Gewalt sei die Chance daher geringer, dass Nachbarn eingreifen oder dass Frauen zu Nachbarn flüchten. Gegenseitiger Schutz und Solidarität würden nicht mehr so gut funktionieren.

Als weiteren Grund nennt Morack die schnelle wirtschaftliche Entwicklung, die unter der AKP-Regierung stattgefunden hat und die zu einem Wertewandel geführt habe. Arme Menschen wurden in der Türkei früher kaum stigmatisiert, sondern durch solidarische Netzwerke aufgefangen. Dieses füreinader Einstehen nehme ab, zugleich werde Armut zunehmend als Stigma wahrgenommen. Zahlreiche Studien weltweit belegen, dass die Arbeitslosigkeit des Mannes ein wesentlicher Risikofaktor für Frauenmorde ist.

Die Türkei hat seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges im März 2011 rund 2,2 Millionen Syrern Zuflucht gewährt. Dazu kommen Kämpfe im Kurdengebiet zwischen PKK-Rebellen und der türkischen Armee mit immer mehr Opfern. Unliebsame Berichterstattung wird seitens der Regierung versucht zu vermeiden. Die Zahl unabhängiger und offen regierungskritischer Zeitungen und Fernsehsender wird immer kleiner und die Regierung geht immer härter gegen Oppositionelle und Kritiker vor. Diese Konflikte und die Spaltung zwischen sehr religiösen und sehr westlich-säkular orientierten Menschen erschwert laut Ellinor Morack die demokratische Meinungsfindung erheblich. Massive Konflikte zwischen Regierung und Kritikern seien daher vorprogrammiert. Gesellschaftlicher Wandel hänge jedoch davon ab, dass es zivilgesesellschaftliches Engagement gibt. Betroffene Personen müssen etwas gegen Diskriminierung tun und auch andere mobilisieren. Auch in Deutschland sind viele Verbesserungen nur auf massiven Druck der Frauenbewegungen vorgenommen worden.

Proteste nach dem Mord an der Studentin Özgecan Aslan, Taksim, Istanbul. Von VOA (Voice of America) [Public domain], via Wikimedia Commons

Zuletzt brachte der grausame Mord an der Studentin Özgecan Aslan tausende Menschen auf die Straße, die öffentlich gegen Gewalt und alltäglichen Sexismus demonstrierten. Unter den Hashtags #Sendeanlat („Erzähle deine Geschichte“) und #OezgecanAslan schilderten Mädchen und Frauen von ihren eigenen Gewalterfahrungen. Aussagen von Erdogan, Frauenbewegungen haben nichts mit der türkischen Kultur zu schaffen und Gleichstellung sei unnatürlich machen die zunehmende Polarisierung deutlich und lassen Zweifel aufkommen, ob ein ernsthafter Kulturwandel in der Türkei in naher Zukunft möglich ist.

 

 

Turkologie

Die Turkologie ist ein Fach mit philologischen Wurzeln, das sich mit der Erforschung der Turksprachen, der turksprachigen Literatur und darüber hinaus der Geschichte und Kultur der turksprachigen Völker befasst.

Die Bamberger Turkologie ist historisch ausgerichtet und erforscht vorwiegend die Geschichte des Osmanischen Reiches sowie der modernen Türkei im 19. und 20. Jahrhundert.

Ellinor Morack

Ellinor Morack ist seit 2015 Akademische Rätin am Lehrstuhl für Turkologie an der Universität Bamberg. Nach ihrem Studium an der Freien Universität Berlin forschte sie von 2013 bis 2015 an der Hebräischen Universität Jerusalem.

Frauen in der Türkei: Ein historischer Abris
  • 1908 wurde der erste türkische Frauenverein „Osmanische Wohlfahrtsorganisation der Frauen“ von Istanbuler Frauen gegründet.
  • In den 1920er-Jahren führte Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938) ein Modernisierungsprojekt mit zwei wichtigen Ziele durch: die Anpassung des politischen, ökonomischen und sozialen Lebens an westliche Standards und die Verbannung des Islams aus dem öffentlichen Raum.
  • Ein wichtiger Bestandteil dieses Modernisierungsprojekts war die Aufwertung der Stellung der Frau. Seit 1913 gilt die allgemeine Schulpflicht auch für Mädchen.
  • 1926 trat ein modernes säkulares Zivilrechtsbuch – nach Schweizer Vorbild – in Kraft, welches das islamische Gesetz der Scharia Dieses Zivilgesetzbuch verbot die Polygamie, etablierte die Zivilehe als Norm und erkannte den Frauen das Scheidungsrecht sowie Vormundschaft für die Kinder zu.
  • 1930 wurde Frauen das Wahlrecht in Lokalwahlen zugestanden.
  • Im Dezember 1934 führte das türkische Parlament das aktive und passive Wahlrecht für Frauen auf nationaler Ebene ein.
  • In den 1960er und 70er Jahren entstanden in der Türkei Studentenbewegungen, die sich u.a. mit der Benachteiligung der Frauen im öffentlichen sowie im privaten Bereich auseinandersetzten.
  • Etablierung von Frauenorganisationen in den 1980er Jahren und Reformierung einiger Gesetze bezüglich der Gleichstellung, wie etwa die Abschaffung der Arbeitserlaubnis durch den Ehemann.
  • Massendemonstration 1987 in Istanbul gegen häusliche Gewalt. Die Demonstration gilt als erste offene demokratische Opposition während der vom Militär dominierten türkischen Politik der 1980er-Jahre.
  • Wahl von Tansu Çiller von der konservativen DYP (Doğru Yol Partisi, türkisch für: Partei des Rechten Weges) zu ersten Ministerpräsidentin der Türkischen Republik 1993.
  • Umsetzung des Gesetzes über den Schutz von Kindern und Frauen vor häuslicher Gewalt im Jahr 1998.
  • Durch die Reformierung des Familienrechts im Jahr 2001 wurde die juristisch festgelegte Rolle des Mannes als Familienoberhaupt aufgehoben.
  • Reformen im Arbeitsrecht und die Schaffung von Familiengerichten im Jahr 2003. Durch Frauenrechtsorganisationen, und auch durch internationalen Drucks seitens der Vereinten Nationen und der EU, wurde die Gleichberechtigung als konkrete Zielsetzung in der Politik formuliert.

Interview mit Claudia Simons: „Die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen sind ein globales Problem“

Interview mit der Peacebuilding-forscherin Claudia Simons von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Wie würden Sie die gesellschaftliche Stellung der Frau im Kongo beschreiben? Wie haben sie selbst es dort erlebt?

Die Frage nach der gesellschaftlichen Stellung der Frau kann man fast global beantworten: Sie ist trotz vieler Veränderungen in verschiedenen Teilen der Welt noch prekär. Das gesamte gesellschaftliche System ist sehr patriarchal strukturiert, das wirkt sich im Rechtssystem aus, in bestimmten kulturellen Praktiken etc. Man kann zwar sagen, dass sich durch die Frauenbewegung in Europa viel geändert hat. Aber selbst in Europa hat man in vielen Ländern, inklusive Deutschland, immer noch bestimmte Strukturen, in denen man merkt, dass der Bias in der Gesellschaft sehr patriarchal ist. In Ländern wie Kongo und Burundi ist es zum Teil schlimmer, da die Gesellschaftsstrukturen noch stärker männerdominiert sind und diese Themen in der Politik kaum Beachtung finden. Gerade die Rechtsprechung, vor allem im Erbrecht, ist ein guter Indikator dafür, ob es gesellschaftliche Gleichstellung gibt oder nicht. In Burundi zum Beispiel hat die Frau nach wie vor kein volles Erbrecht. Wenn ihr Mann stirbt, hat sie kein Recht auf das hinterlassene Land.

Wie sieht es mit der gesetzlichen Lage im Kongo aus? Werden nach Frauen in Bezug auf sexuelle Übergriffe ausreichend geschützt?
Vom Gesetz her schon. Die demokratische Republik Kongo ist eines der wenigen Länder, das Vergewaltigung explizit mit der sogenannten „rape-law“ im Gesetz verankert hat. Es ist interessant zu sehen, dass sich mittlerweile auch viele Zivil- und Militärgerichte mit Vergewaltigungen befassen. Aber leider kommt es sehr selten zu einer Verurteilung. Es ist natürlich immer die Frage, inwiefern das formelle Recht auch angewandt wird und inwiefern informelle Rechtspraktiken bestehen. Ein anderes Problem ist, dass viele Vergewaltigungen nicht angezeigt werden. Vor allem bei Vergewaltigungen durch Soldaten und Familienmitglieder im Rahmen häuslicher Gewalt ist dies der Fall. Auch in Deutschland ist häusliche Gewalt ist ein sensibles Problem. Es besteht eine wahnsinnig hohe Dunkelziffer, die man überhaupt nicht einschätzen kann.

Liegt es vielleicht auch daran, dass vergewaltigte Frauen im Kongo oftmals von ihren Männern verstoßen werden und sich deshalb gar nicht trauen, die Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen aus Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung?
Vergewaltigung ist immer ein Stigma. Es ist auch ein typisches Phänomen, die Schuld umzudrehen und zu sagen, dass die Frau schuld sei an der Vergewaltigung oder sie provoziert hätte. Das passiert sehr häufig überall auf der Welt.
Es hat sich in den letzten Jahren im Kongo insofern gewandelt, da das Thema „Vergewaltigung als Kriegswaffe“ extrem dominant geworden ist. Viele internationale NGOs befassen sich nun mit diesem Thema. Was einerseits positiv ist, da gerade in den Kriegsgebieten wie im Ostkongo Frauen und sogar Männer mehr Mut haben, über Vergewaltigungen zu sprechen und das Thema dadurch etwas enttabuisiert wird. Gleichzeitig hat es den perversen Effekt, dass in manchen Krankenhäusern die Angabe einer Vergewaltigung schon fast notwendig ist, um überhaupt medizinische Versorgung zu bekommen. Das kann von Männern wiederrum benutzt werden, um zu behaupten, dass es gar keine Vergewaltigung gab und die Frau sich diese nur ausgedacht habe. Das Tabu ist deshalb noch längst nicht gebrochen.

Claudia Simons Quelle: http://www.swp-berlin.org/de/wissenschaftler-detail/profile/claudia_simons.html

Claudia Simons ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Berliner Forscherin arbeitet in einer Forschungsgruppe mit Schwerpunkt Naher und Mittlerer Osten sowie Afrika. Sie ist Expertin für die zentralafrikanischen Länder DR Kongo und Burundi. Zu ihren Forschungsgebieten zählen Peacebuilding, innerstaatliche Konflikte wie Bürgerkriege sowie regionale und zwischenstaatliche Konflikte. Außerdem setzt sie sich im Rahmen ihrer Arbeit viel mit dem Thema Gender und „Frauen in Kriegen“ auseinander.

Wie schätzen sie die Berichterstattung über den Kongo und Burundi in den deutschen Medien ein?
Es gibt allgemein recht wenig Berichterstattung über diese Länder. Die Mainstream-Berichterstattung ist einfach sehr stark auf bestimmte politische Entwicklungen fokussiert. Häufig wird über gewaltsame politische Ereignisse wie Rebellionen, Putschversuche oder Massenvergewaltigungen berichtet, wenig von anderen interessanten Ereignissen. In vielen Auslandsredaktionen ist es ein richtiger Kampf, ein Thema aus einem afrikanischen Land auf die Agenda zu bringen.

Was würden Sie sich von den deutschen Medien bezüglich der Berichterstattung über afrikanische Länder wünschen?
Ich glaube, dass es wichtig ist, dass Leute in den Redaktionen sitzen, die sich für bestimmte andere Themen über Afrika begeistern und das auf eine Weise berichten können, die für die Leser interessant ist. Oftmals wird sehr einseitig berichtet oder sich an alten Klischees bedient. Aus Leserperspektive ist das wirklich schade, da ich auch mal was anderes erfahren möchte als das, was man sowieso schon weiß.

Es gibt viele Studien und Berichte, die die Vergewaltigungen im Kongo als strategische Kriegswaffe und systematische Unterdrückung des Feindes definieren. In ihrem Vortrag haben Sie von Studien berichtet, die einen anderen Blickwinkel hervorheben. Könnten Sie diese Studien nochmals erläutern?
Im Rahmen einer Studie von Maria Ericksson Baaz und Maria Stern wurden sehr viele Soldaten der kongolesischen Armee FARDC zum Thema Vergewaltigung in Kriegssituationen befragt. Ericksson und Stern stellten fest, dass mehrere Aspekte von diesem Konzept „Vergewaltigung als Kriegswaffe“ so nicht ganz zutreffen oder sich in der Realität als wesentlich komplexer ergeben. Unter anderem wurde die Frage, ob Vergewaltigungen von oben angeordnet sind und von Kriegsführern als Strategie angewandt werden, um systematisch Städte zu erobern, Menschen zu vertreiben, etc. von fast allen Soldaten verneint. Es soll nicht heißen, dass Vergewaltigung kein Faktor im Krieg ist, aber es geht darum, das Phänomen zu verstehen und zu begreifen, auf welcher Ebene angesetzt werden muss. Muss man sich mit den Rebellenführern an einen Friedenstisch setzen und diskutieren, was wir tun können, damit Vergewaltigungen nicht mehr als Strategie verwendet werden? Oder geht es allgemein um patriarchale Gesellschaftsformen und das Bild der Frau in der Gesellschaft? Das sind die unterschiedlichen Ansatzpunkte.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Simons.

 

Weitere Infos über die Referentin

Mehr über Claudia Simons und ihre Arbeit bei der Stiftung Wissenschaft und Politik finden Sie auf der Homepage des Instituts.

 

 

Von Pressefreiheit und Gender in der Türkei – eine Momentaufnahme Erfahrungen einer türkischen Journalistin

Angesichts der aktuellen Lage türkischer Medien, ist die Diskussion über Genderthemen fast Luxus. Diesen Zustand verdeutlicht die Journalistin Sevgi Akarçeşme.

Ihre Miene ist ernst. Ihr Blick fest in die Kamera gerichtet. Ihre Mimik verleiht der Botschaft Nachdruck. Free Media cannot be silenced steht in weißen Großbuchstaben auf dem rot hinterlegten Plakat, das Sevgi Akarçeşme vor sich in die Höhe hält. Harte und ernüchternde Worte einer Journalistin aus der Türkei, einem Land, das unserem geographisch nahe, aber gesellschaftlich derzeit ferner nicht sein könnte. „Wir als Medienschaffende werden im Moment in der Türkei förmlich erstickt“, zieht die Journalistin ihr Fazit.

Schnell beleidigt

Pressefreiheit ist derzeit ein schwieriges Terrain in der Türkei. Unter dem Vorwand der Terrorgesetzgebung kann jeder, der sich regierungskritisch äußert, verhaftet werden. Aufgrund ihrer Multiplikatorfunktion fallen Journalisten häufiger als Zielscheibe ins Visier der Polizei, insbesondere Frauen. „Journalistinnen werden immer öfter gezielt angegriffen, da sie als verletzlich und schwach gelten“, erklärt Sevgi Akarçeşme. Gleichzeitig erinnert sie sich an die Redaktionsdurchsuchung vom 14. Dezember 2014, die erste von zweien innerhalb eines Jahres:

„Es war einer der denkwürdigsten Momente während meiner bisherigen Tätigkeit. Wir warteten die ganze Nacht lang in der Redaktion. Wir warteten auf die Polizei. Als sie endlich da war, standen Hunderte Menschen draußen vor der Redaktion, vielleicht waren es um die Tausend. Wir protestierten friedlich. Sie nahmen unseren Chefredakteur fest.“

Ein Jahr später sitzt sie selbst auf der Anklageband. Der Vorwurf lautet Beleidung des Ministerpräsidenten Davutoğlu. Ein Nutzer hatte sich unter ihrem Tweet abfällig über diesen geäußert. De facto eine Verurteilung aufgrund des Kommentars eines Dritten. Ein Jahr und fünf Monate auf Bewährung lautet die Strafe. Begeht sie dasselbe Vergehen innerhalb der nächsten fünf Jahre erneut, tritt die Strafe in Kraft.

Quelle: Twitter / @SevgiAkarcesme

 

Twitter als Ventil der Gesellschaft

In der Türkei gehört es zum journalistischen Handwerkszeug, regelmäßig auch in den sozialen Medien zu publizieren. Fast 110.000 Menschen folgen den Aktivitäten von Sevgi Akarçeşme auf Twitter. „Die sozialen Medien sind das einzige Milieu, in dem die Menschen ungefilterte Informationen erhalten. „Wenn man mutig genug ist, sich regierungskritisch zu äußern, fangen Menschen an, Dir zu folgen“, berichtet sie auf der Tagung.

 

 

 

„Manchmal bin ich es leid und möchte am liebsten aufgeben. Das ist natürlich nur meine innere Stimme. Dann wiederum denke ich, dass jede Nachricht, die ich schreibe oder mit meinen Followern teile, eine Veränderung in der Gesellschaft bewirken kann. Wir sollten nicht aufgeben.“

Sevgi Akarçeşme ist eine Frau auf der Überholspur. Eine derjenigen, die Erfolg nicht vom Geschlecht abhängig machen. Das zeigt ihre jüngste Ernennung zur Chefredakteurin der englischsprachigen Ausgabe Zaman Today. Sie lässt auf einen positiven Schritt in der patriarchal geprägten türkischen Gesellschaft hoffen.

Über Sevgi Akarçeşme

Sevgi Akarçeşme ist 1979 in Istanbul geboren und stammt aus einer religiös-traditionellen Familie. Sie studierte Politikwissenschaft, Öffentliche Verwaltung und Internationale Beziehungen in Ankara und Istanbul sowie in den USA. Dort arbeitete sie mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Temple University und bei einem Think Tank, bevor sie im April 2008 in die Türkei zurückkehrte, um u.a. für die türkische Regierung tätig zu werden. Seit Juli 2012 arbeitet Sevgi Akarçeşme als Redakteurin für Zaman, die auflagenstärkste Tageszeitung der Türkei, und Today’s Zaman, deren englischsprachige Ausgabe. Mitte Dezember 2015 wurde sie zur Chefredakteurin von Today’s Zaman befördert.

Ein kurzer Blick auf die türkische Medienlandschaft

Die Medienlandschaft ist wirtschaftlich stark konzentriert und mit anderen wirtschaftlichen Interessen in großen Holdings verbunden. Diese Verflechtung birgt Gefahren für die Pressefreiheit, da die Unternehmen wegen Aufträgen bemüht sind gute Beziehungen zu Regierungsstellen zu pflegen. Das Fernsehen ist oft staatlich gelenkt und gibt Informationen gar nicht, verfälscht oder regierungskonform wider.

Die fünf auflagenstärksten türkischen Tageszeitungen und deren politisch-ideologische Ausrichtung sind (Stand Januar 2016):

  • Zaman (1.1017.757, religiös-konservativ, regierungskritisch)
  • Posta (442.852, Boulevardzeitung)
  • Hürriyet (379.865, liberal-konservativ, regierungskritisch)
  • Sabah (345.943, mitte-rechts, regierungsnah)
  • Sözcü (345.126, kemalistisch, regierungsfern)