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Smart um jeden Preis In den kommenden Jahren sollen in Indien knapp 100 moderne und vernetzte Städte entstehen. Auch deutsche Unternehmen sehen gute Investitionsmöglichkeiten. Doch wer profitiert?

Die Mission ist klar – die Zukunft ist smart. Dieses Versprechen gibt jedenfalls das indische Ministerium für Stadtentwicklung auf ihrer Website. Als Europäer denken wir bei Smart Cities an vernetzte Städte – wo Supermärkte mit Kühlschränken kommunizieren und Autos mit Straßen.

Auf ihrer Homepage erklärt die indische Regierung dagegen, dass eine Smart City eine Stadt mit adäquatem Wasseranschluss, funktionierender Stromversorgung und Müllabfuhr ist. Erst an sechster und siebter Stelle steht die digitale Vernetzung und das Ziel der elektronischen Verwaltung.

Im Schwellenland Indien fehlt es vielen Menschen an grundlegender Infrastruktur. Diese soll Hand in Hand mit dem nächsten Schritt aufgebaut werden: der Digitalisierung. Premierminister Narendra Modi, der die Initiative 2014 kurz nach seinem Amtsantritt ins Rollen gebracht hat, geht mit großen Worten voran. “Denkt großspurig, konzentriert euch auf eure Fähigkeiten, Maßstäbe und Schnelligkeit um Indiens Wachstum neu aufleben zu lassen,” forderte er die indischen Bürger im Januar 2016 auf.

Über hundert smarte Städte sollen neu entstehen oder ausgebaut werden. Dafür will die Regierung in den nächsten sieben Jahren umgerechnet 7,05 Milliarden Euro investieren. Nach der dritten Bewerbungsrunde stehen 98 Städte fest. Große Metropolen wie Mumbai oder Neu-Delhi sind dabei. Die offiziell erste vernetzte Stadt „Gift City“ entsteht gerade auf dem platten Land im westindischen Bundesstaat Gujarat.

Einladung an Firmen weltweit

Doch immer wieder kommen Zweifel an der Finanzierbarkeit auf. Eine Studie des Beratungsunternehmens Deloitte kommt zu dem Schluss, dass das Projekt mindestens 141 Milliarden Euro kosten würde. Andere sprechen sogar von Billionen.

Da die Regierung das Geld nicht aus eigener Kasse aufbringen kann, sucht sie weltweit nach Investoren, mit denen sie Public-Private-Partnerships eingehen will. Laut Murali Nair, dem Koordinator des Programms „Deutschland-Asien“ bei der Bertelsmann Stiftung, verbessert das die Investitionsmöglichkeiten für deutsche Firmen. „Vor allem im Bereich Transport, Infrastruktur und Abfallverarbeitung haben deutsche Unternehmen einen enormen Vorteil“, sagt er. Indiens Städte wachsen rasant, der Bedarf ist dementsprechend hoch. Das deutsche und das indische Bauministerium haben Mitte 2016 ein Programm ins Leben gerufen, bei dem deutsche Investoren für Projekte in drei indischen Städten gefunden werden sollen. Noch ist nichts über den Ausgang des Programms bekannt.

Tummelplätze für die Reichen?

Das indische Ministerium für Stadtentwicklung spricht auch von bezahlbaren Wohnungen für arme Menschen in den Smart Cities. Die Art und Weise, wie die Regierung ihre Vision bisher umsetzt, lässt daran jedoch Zweifel aufkommen. Die Geographin Ayona Datta forscht am Kings College in London unter anderem zur Stadtentwicklung und beschreibt, wie immer mehr öffentlicher Raum in Indien von privaten Investoren gekauft wird. Gesetze, die den Kauf und Verkauf von Grundstücken regeln, wurden im Sinne der Geldgeber verändert. Auch gemeinschaftlich genutztes Land wird immer wieder privatisiert. Wohnraum zu günstigen Preisen entsteht dabei selten.

Zusätzlich besteht die Gefahr, dass sich Bauprojekte und letztlich die gesamte Stadtentwicklung demokratischen Prozessen entziehen. Was wo (aus-)gebaut wird entscheiden zunehmend Firmen und nicht Stadtverwaltungen. Der britische Guardian fragt deshalb: „Ist das Smart City-Projekt ein Rezept für soziale Apartheid?“ Dafür spricht auch das viel geteilte Foto aus einer Broschüre, das eine indische Journalistin Anfang 2015 auf Twitter veröffentlichte. Hohe Preise und polizeiliche Eingriffe sollen demnach dafür sorgen, dass ärmere Menschen sich nicht in den Smart Cities ansiedeln.

Murali Nair sieht das gelassener und verweist auf ein Projekt im Süden Indiens. Dort müssten Teile der Bevölkerung zwar ihr Land verlassen, würden aber an den Gewinnen, die die Stadt erwirtschaftet, beteiligt – wenn es denn Gewinne gibt. „Wenn das nicht passiert, dann würden die Inder sofort auf die Straße gehen“, sagt Nair. „Da haben sie überhaupt keine Hemmungen.“ Erster ziviler Protest formiert sich bereits. Vor allem in der Landbevölkerung und bei indigenen Gruppen, die befürchten, dass sie ihr Land in naher Zukunft verlieren werden.

Was sollten Deutsche und Inder bei der Zusammenarbeit beachten? Murali Nair hat in beiden Ländern gelebt und gearbeitet und gibt hier einige Hinweise.

Weit weg vom Netz und einer sexuellen Revolution Wie die Digitalisierung Indiens Stadt- und Landbevölkerung weiter spaltet

Indien ist das Land der Kontraste: Während die Mittelschicht in den Städten online shoppt oder Datingportale nutzt, ist die Mehrheit der Bevölkerung vom Internet ausgeschlossen und kämpft ums Überleben. Jürgen Webermann, ARD-Korrespondent in Delhi, zeigt, warum in Sachen Digitalisierung noch viel zu tun ist.

Neu-Delhi im Februar 2009. (Foto: Christian Haugen, CC BY 3.0 DE)

Vom fein bestickten gelben Sari bis zum neuen Mittelklassewagen: Die urbane Mittelschicht Indiens liebt es, online zu shoppen. 2009 erlebte das Land einen digitalen Boom. Für Smartphone- und Social-Media-Anbieter ist Indien derzeit einer der am stärksten wachsenden Märkte weltweit. 375 Millionen der 1,3 Milliarden Einwohner sind heute online. Bis Ende dieses Jahrzehnts soll sich die Zahl auf eine halbe Milliarde erhöhen. Gleichzeitig ist Indien aber auch der Rekordhalter bei den Offlinern, der sogenannten „unconnected billion“. Eine Milliarde Menschen, vor allem die Landbevölkerung, bleibt außen vor. Wer Glück hat, lebt in einem Dorf mit Cybercafé und kann sich, solang der Strom nicht ausfällt, mit dem Word Wide Web vertraut machen. Doch die Zukunftsvisionen von Premierminister Narendra Modi gehen viel weiter: Bereits im September 2015 hat er angekündigt, über Glasfaserkabel innerhalb von fünf Jahren alle ländlichen Regionen mit Internet zu versorgen. Das bedeutet, in 600.000 Dörfern Kabel zu verlegen; Zum Vergleich: In Deutschland gibt es gerade einmal 15.000 Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern und auch hierzulande läuft der Ersatz der DSL-Verbindungen durch schnelles Glasfasernetz sehr schleppend. Während in Japan bereits 73 Prozent der Haushalte mit High-Speed-Internet surfen, sind in Deutschland laut OECD nur 1,3 Prozent der Haushalte schon mit Glasfaseranschluss ausgestattet.

 

 Verpasste Chance: Digitalisierung könnte die Armut auf dem Land bekämpfen

 Die großspurigen Versprechungen von Modi verfolgt der deutsche Journalist Jürgen Webermann mit Skepsis. Seit knapp vier Jahren ist er Indien-Korrespondent der ARD und beobachtet die indische Netzwelt. Für seine Recherchen ist er auch häufig in den ländlichen Regionen unterwegs. Hier leben fast 70 Prozent der Inder. „Es gibt tolle Ideen, wie man die Leute auf dem Land ins Internet bringen kann, aber die müssten eben auch umgesetzt werden und an der Umsetzung hakt es in Indien eigentlich immer“, sagt der Radioreporter. Dabei könne die Digitalisierung auf dem Land das Leben nicht nur modernisieren, sondern existenzielle Probleme lösen. Erst in diesem Jahr belegte Indien Platz 97 von 118 des Welthungerindex. Unter den asiatischen Ländern stufte die Welthungerhilfe nur Afghanistan, Pakistan, Nordkorea und Osttimor schlechter ein. „Die Digitalisierung könnte auf dem Land eine riesige Chance sein, wenn man es mit satellitengestütztem Internet schaffen würde, mobile Bankstationen einzurichten“, sagt Jürgen Webermann. So könne man endlich sichergehen, dass Bedürftige auf dem Land staatliche Subventionen direkt auf ihr Konto bekommen, ohne das Mittelsmänner in den Behörden vorher etwas abzwacken. Laut Webermann verfügt nur jedes vierte Dorf in Indien über eine Bank im Umkreis von weniger als fünf Kilometern.

Zudem mangelt es der Landbevölkerung an einem qualifizierten Bildungsangebot; nicht einmal Englisch- und Matheunterricht für jedes Kind ist garantiert. Der Korrespondent kennt die Bürgermeisterin eines Dorfes in Rajasthan, für dessen Schule sich nur ein Lehrer für Sanskrit und indische Geschichte finden ließ. Ohne diese Grundlagen heißt das für die Schulabsolventen: keine Chance auf einen Job in der florierenden Start-Up-Szene in Bangalore oder Neu-Delhi. Viele junge Inder zieht es trotzdem in die Städte, obwohl es außerhalb des informellen Sektors für sie dort meist keine Anstellung gibt. Jürgen Webermann ist der Auffassung, dass sich die große Lücke zwischen Stadt und Land in den kommenden Jahren sogar noch verstärkt: „Die Digitalisierung treibt die Transformation in den Städten deutlich voran und die Leute auf dem Land werden immer weiter abgehängt.“ Diese Spaltung, in Fachkreisen „Digital Devide“ genannt, fällt Webermann besonders dann auf, wenn er von seinen Recherchen wieder zurück nach Neu-Delhi kommt. Neben Startup-Büros und Onlineshops habe sich eine Ausgehkultur entwickelt, die er vorher so nicht erlebt hat.

 

Im Netz werden traditionelle Gesellschaftsmuster auf die Probe gestellt

Im Kontrast zu diesen neuen Freiheiten ist die arrangierte Ehe auch in indischen Städten noch weit verbreitet. Doch seit einiger Zeit bekommen Eltern in der Männerwahl für ihre Töchter Konkurrenz. Über 1500 Rating-Apps und Websites stehen in Indien zur Auswahl. „Es geht gar nicht unbedingt darum, jemanden abzuschleppen, sondern erstmal überhaupt Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen“, so Webermann. In Konkurrenz zum kalifornischen „Tinder“ stehen indischen Heiratsportale wie „shaadi“ und „bharat matrimony“, die von ihren Nutzern auch Religion und Kaste abfragen. Auch wenn manchmal doch noch die Familie mit hinter den Bildschirmen sitzen dürfte, kann sich Jürgen Webermann vorstellen, dass der Anteil an ‚Love Marriages’ durch die Verbreitung solcher Apps steigt. Denn anders als Bollywood suggeriert, sind nach einer Studie der Universität in Chicago 2007 nur fünf Prozent der indischen Ehen Liebes-Heiraten. Doch steckt die Tradition der arrangierten Ehe schon mitten im Umbruch? Im Netz beobachtet Webermann neben den Dating-Sites eine Fülle an Kleinanzeigen in Foren: von Frauen, die versuchen auf diese Weise ausländische Geschäftsmänner aufzuspüren, bis zu indischen Pärchen, die einen dritten Spielpartner für sexuelle Abenteuer suchen. „Das fand ich total abgefahren, weil Sex in der indischen Gesellschaft normalerweise wirklich noch ein Tabuthema ist“, erklärt der Journalist.

Die vielfältigen Kontaktmöglichkeiten im Internet kommen auch Homosexuellen in Indien zugute – und das obwohl Homosexualität immer noch unter Strafe steht. Erst 2013 wurde das Gesetz, das homosexuelle Praktiken als illegal einstuft, vom indischen Supreme Court bestätigt. Doch weder im Alltag und schon gar nicht im Netz scheint das antiquierte Gesetz noch zu greifen, jedenfalls finden sich in den Anzeigeforen auch viele Gesuche nach gleichgeschlechtlichen Partnern. „Ich glaube, in den Foren kann man recht leicht Leute finden, mit denen man seine Homosexualität ausleben kann. Freunde von uns, die homosexuell sind, machen das auch so“, sagt Webermann. Die Angst, dass gleichgeschlechtliche Liebschaften übers Netz auffliegen könnten, sei unbegründet, denn der Staat sei so ineffektiv, da blieben keine Kapazitäten für eine Art Gesinnungspolizei, die das Internet durchstreift. Langfristig glaubt der Indien-Korrespondent, habe die Digitalisierung das Potential, das Verbot von Homosexualität zu kippen. Der Wandel wirkt für ihn immer deutlicher wie eine kleine sexuelle Revolution.

 

In indischen Dörfern fehlt es noch an den Basics

 Von all dem bekommen die Inder auf dem Land nichts mit. „Während wir in der Stadt schon manchmal im 21. Jahrhundert angekommen sind, stecken die ländlichen Regionen noch im Mittelalter“, formuliert Webermann. Ein drastisches Urteil, das aber auch der indische Journalist und Blogger Sanjay Kumar stützt: “Internet ist wohl das letzte Problem von jemandem, der um drei Mahlzeiten am Tag kämpfen muss.”

Dass Bildung und Existenzsicherung Vorrang haben, wissen auch eine Hand voll Initiativen, die sich der „unconnected billion“ zuwenden und mit rudimentären, digitalen Angeboten versuchen, zu helfen. Das sind Dienste wie „vahan“, bei dem ein Lehrer, hunderte Kilometer entfernt, seine Schüler anruft und via Handy-Dialog Englisch-Nachhilfestunden gibt. Die „Whole in the Wall“-Initiative dagegen hat es sich zum Ziel gesetzt, Jugendliche spielerisch an das Internet heranzuführen und installiert internetfähige Rechner in Wänden von öffentlichen Gebäuden, die zur freien Verfügung stehen. Auch erste wackelige Versuche mit Telemedizin über Cybercafés zeigen, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, als allein darauf zu hoffen, dass Narendra Modi bis 2020 sein Versprechen einhält.

In einem deutschen Artikel über Inden darf die Kuh natürlich nicht fehlen: Hier vor der Werbung für ein Internetcafé – in Indiens’ ländlichen Gebieten meist der einzige Zugang zum Netz. (Foto: Vincent Desjardins, CC BY 3.0 DE)